Nachdem uns hier Josephine, eine Erscheinung aus Lips Tullians früheren Jahren aufgestoßen ist, dürfte es nun wohl an der Zeit sein, einen Rückblick auf dessen Jugendverhältnisse zu werfen.
Wir beginnen mit seinem Vater bei der Belagerung von Wien im Jahre 1698.
Im Dragonerregimente Lothringen zog der Wachtmeister Michael Schönknecht unter Johann Sobieski vor das von den Türken belagerte und hart bedrängte Wien.
In der Nähe der Kaiserstadt angekommen, bemächtigte sich Sobieski der vortheilhaften Posten, sprengte eine Anhöhe hinan, beschaute mit seinem guten Fernrohre die Verschanzung des Großvezirs, und sagte zu seiner Umgebung: „Er hat eine üble Stellung gewählt. Ich kenne ihn, er ist unwissend, und doch eingenommen von seinen Talenten. Der Sieg ist unser, aber wir werden keine Ehre von diesem Siege haben.“ —
Was der Sieger von Choczim zu seinem Gefolge gesagt hatte, durchflog auf raschen Schwingen sein Heer, und die Krieger, stolz, unter einem Sobieski fechten und gegen die gehaßten Feinde ihres Glaubens die tödtende Waffe schwingen zu dürfen, jubelten freudetrunken der nahen Schlacht entgegen.
Sobieski hatte wahr gesprochen. Es war kein mit Ehre gekrönter Sieg; es war das Metzeln einer vom panischen Schrecken bis zur schändlichsten Feigheit gelähmten Horde; es war die wilde Flucht eines sich auflösenden Heeres, das in seiner Furcht und Verwirrung sogar die geheiligte Fahne Mohammeds vergaß, welche Sobieski mit einem Briefe an den Papst sandte, worin die Worte vorkamen: „Ich bin gekommen, ich habe gesehen, und Gott hat gesiegt!“ —
Nur ein türkischer Haufen theilte nicht die wilde Flucht und die Schande der Uebrigen. Es war die Reiterei, welche sich zwar in rascher, aber schön geordneter Bewegung zurückzog, oft gegen den verfolgenden Feind Front und Angriff machte und dann wieder in ächt ritterlicher Haltung den Rückzug fortsetzte.
Graf Hardegg, Obrist des Dragonerregiments Lothringen, freute sich des Muthes und der kriegerischen Festigkeit der Reiterei, da durch sie seinen Reitern die ehrenvolle Gelegenheit ward, als brave Soldaten mit den wackeren Gegnern zu messen. Schon zweimal hatten die Lothringer einen höchst tapfern, furchtlosen Angriff gemacht; jetzt war der Obrist fest entschlossen, die türkische Reiterschaar zu fangen oder zu vernichten. Furchtbar war der Angriff, eben so der Widerstand. Es kam zum blutigsten Handgemenge. Schon schwebe der Obrist, von den Seinigen abgeschnitten, in der Gefahr, gefangen oder getödtet zu werden, als sich Wachtmeister Schönknecht zu ihm durchhieb, einem Spahi den Pallasch durch den Leib rannte, einem andern den Kopf spaltete, und mit Kraft und Gewandtheit unter den Osmanen metzelte, daß sich der Obrist bald außer Gefahr, zugleich aber auch den braven Schönknecht, aus unzähligen Wunden blutend, vom Rosse sinken sah.
Wachtmeister Schönknecht wurde nach Wien zurückgebracht, aber nicht in das Lazareth, sondern in den gräflich Hardegg’schen Palast, welchen die Mutter des Obristen mit ihrer Familie bewohnte. Die ehrwürdige Dame pflegte des Verwundeten mit einer Liebe, einer Sorgfalt, mit einem Eifer, wie man nur des eigenen geliebten Kindes pflegen kann; sie glaubte, für den Lebensretter ihres Sohnes nicht genug thun zu können. Auch der Obrist besuchte den Verwundeten täglich, und sicherte ihm die reelsten Beweise seiner Dankbarkeit zu.
Noch auf dem Krankenlager wurde der Wachtmeister Schönknecht zum Lieutenant im Dragonerregiment Lothringen befördert. Aber bald überzeugte er sich mit tiefem Schmerze, daß ihn eine unheilbare Lähmung am Fuße, Folge eines Lanzenstiches, für den Feld- und Garnisondienst untauglich mache. Er erhielt Pension und von dem Obristen Grafen von Hardegg ein Geschenk von 4000 Dukaten.
Schönknecht war in Straßburg geboren. Bald nach dem Beginnen seines ruhevollen Lebens fühlte er solch eine Sehnsucht nach seiner Vaterstadt, daß er sich entschloß, ungesäumt dahin zu reisen, und dort seine Tage hinzubringen. Aber seine Sehnsucht sollte nicht so schnell gestillt werden. Das Militär-Gouvernement schlug Schönknechts Gesuch, in Straßburg sich häuslich niederlassen zu dürfen, mit der Bedeutung ab, daß er seine Pension im Inlande zu verzehren habe. Obrist Hardegg ward zum Vermittler; durch seinen Einfluß und seine Verwendung erhielt Schönknecht für seine Pension ein nicht unbedeutendes Capital. Mit Extrapost flog er in ununterbrochener Reise der heiß ersehnten Heimath zu.
Als Betteljunge hatte Schönknecht in seinem zehnten Lebensjahre Straßburg verlassen; mit Gold und Rang kehrte er nun zurück. Er fand seine Eltern im Grabe, und nicht die mindeste Nachricht über seinen Bruder, der, schon vor ihm aus Straßburg gegangen, in der Folge zu Hamburg als Matrose sich eingeschifft hatte.
Lieutenant Schönknecht hatte auf seiner beflügelten Postreise den Plan zur Einrichtung seiner künftigen Lebensweise entworfen, und kaum in Straßburg angekommen, beschäftigte er sich schon mit dessen Ausführung, die um so einfacher und leichter war, da das dolce far niente, von ihm ein wohl verdientes Ausruhen von frühern Mühseligkeiten betitelt, nun den Cyclus seiner Tage gestalten sollte. Er schlief, aß, trank und rauchte Tabak.
Von frühester Jugend an im steten Kampfe mit einem Leben voll Mangel, Anstrengungen, Gefahren, Ruhelosigkeit und einer freiheitslosen, despotisch gegängelten Stellung war er, nun Herr seiner Zeit und seines Willens, über ein reiches Capital gebietend, im Besitze kräftiger Gesundheit, und sich stolz fühlend auf den ehrenvoll gelähmten Fuß, unbeschreiblich glücklich. Er lebte einen Tag wie den andern, und konnte, seinem Gefühle und seinen Begriffen nach nicht glücklicher leben.