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Lips Tullian und seine Raubgenossen / Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte cover

Lips Tullian und seine Raubgenossen / Eine romantische Schilderung der Thaten dieses furchtbaren Räuberhauptmanns und seiner Bande, welche im Anfange des 18. Jahrhunderts ganz Sachsen, Böhmen und Schlesien mit Furcht, Schrecken und Entsetzen erfüllte

Chapter 48: XXXXV. Philipps erstes Debut.
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About This Book

The narrative traces the rise and exploits of a feared outlaw leader and his band as they carry out raids, robberies, and murders across border regions. Episodic chapters follow recruitment into the gang, daring ambushes, captures and sentences to hard labor, prison escapes, internecine violence, and shifting alliances. Interwoven are personal relationships, jealousies, betrayals, and moments of recognition that complicate loyalties and provoke revenge. The work alternates action-driven set pieces with quieter scenes of imprisonment and moral consequence, charting how violent choices shape the fate of individuals and the group as a whole.

XXXXV.
Philipps erstes Debut.

Ja, fürwahr die Hölle bindet
Fest, was einmal sie gefaßt.
Wie die Nadel, wenn sie hat
Den Magnet berührt, nach Norden
Ewig ihre Spitze drehet,
Kehrt, wer einmal bös gethan,
Ewig seinen Sinn zum Bösen.
Müllner.

Wittwe Lehmann konnte sich nicht satt genug schauen an dem hochgewachsenem kraftvollen Philipp, der, von seinem Mentor vorher bearbeitet, gar schreckliche Dinge erzählte, wie er ganz allein schon die furchtbarsten Räuber gefangen und wie viele Einbrüche er durch seine Gegenwehr vereitelt habe. Bei diesen Gasconaden ließ der junge Spitzbube sein großes, feuriges Auge so gräßlich rollen, und schlug mit den nervigen Armen so heftig um sich, daß die gute Wittwe in ihm einen vom Himmel gesandten Schützer ihrer Habe sah, ihn auf der Stelle unter den vortheilhaftesten Bedingnissen in ihren Dienst nahm, und dem wortreich bedankten Freund Blondell ein Geschenk machte, welches mit ihrem ausgezeichneten Geize in auffallendem Widerspruche stand.

In träger Unthätigkeit, gut und überreichlich mit Speise und Trank bewirthet, und in den Nächten von Zeit zu Zeit seine Wachsamkeit recht schlau bemerkbar machend, hatte sich Philipp in kurzer Zeit das Vertrauen der Wittwe Lehmann begründet, und würde es auch verdient haben, wäre sein späteres Handeln mit dem bisherigen im Einklange gewesen.

Aber nun war der bereits an Ausübung schlechter Streiche zu sehr gewöhnte Bursche dieser Unthätigkeit überdrüssig. Er benutzte die Morgenstunde eines Sonntags, in welcher seine Gebieterin, wie gewöhnlich, die Kirche besuchte, und die Magd sehr beschäftigt war, durch das offene Fenster in das Schlafgemach der Wittwe zu steigen, den großen, wohlverwahrten Nußbaumschrank, der die reichen Schätze enthielt, mittelst seiner Instrumente zu öffnen, und so manches Werthvolle zu entwenden. Noch war er aus Klugheit in seinem Raube mäßig, um die Sache nicht gleich zu auffallend zu machen.

Sei es nun, daß die Wittwe ihre Diamanten, Uhren und Ketten vom feinsten Golde, ihre seltnen Goldmünzen und Silbergeräthe nie gezählt hatte, oder das Entwendete nicht vermißte; es ist Thatsache, daß Lips Tullian dreimal und immer reichhaltiger stahl und nie erscholl ein Zetergeschrei der Beraubten, ungeachtet es eine Lieblingsunterhaltung dieser Frau war, manche Stunde ihre Schätze zu betrachten und darin zu kramen.

Eines Morgens wurde Lips Tullian durch ein heulendes Geschrei der Magd aus dem Schlafe geweckt. Er eilte herbei und fand die Wittwe vor dem geöffneten Nußbaumschranke todt niedergestreckt. Seinen raubgierigen Augen schimmerten Edelsteine, Gold und Silber mit lockendem Glanze entgegen; schon keimte in der schwarzen Seele des 17jährigen Verbrechers der gräßliche Gedanke auf, die Magd zu erwürgen, und mit diesen reichen Schätzen zu entfliehen.

Aber das gellende Geheul der treuen, untröstlichen Dienerin hatte bereits einige Vorübergehende an das Fenster gelockt.

Unter diesen war ein Polizeibeamter, der auf der Stelle in das Gemach trat, Philipp nach einem Arzt sandte und das Gehörige verfügte.

Der Arzt kam und erklärte einen Schlagfluß als die Ursache des plötzlichen Todes der Wittwe Lehmann.

Es mag wohl kein Zweifel sein, daß die Unglückliche jetzt so manches ihrer Kleinodien vermißte, strenge Heerschau hielt und vom Schrecken über die große Anzahl der Außreißer getödtet wurde.