Ich glaube, daß ich an diesem Vormittage recht zerstreut bei der Arbeit war und wirklich Gott dankte, als ich die steinernen Stufen zu Miß Emmersons Boardinghouse emporsteigen durfte.
Bei Tische überschaute ich mir sinnend die Gesichter der Familie Newland. Kerzengerade saß die Alte auf ihrem Platze. Wieder umrauschte eine schwere Robe ihre Gestalt, während ein feines Spitzengewebe auf ihrem noch dunklen Scheitel lag und mehrere prächtige Solitäre die Finger schmückten. Doch als ich mir gerade diese starkknochigen, unschönen Hände näher betrachtete, mit denen sie eben die Speisen zum Munde führte, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß dieses Mannweib, bevor der Bruderkrieg der Union entflammte, sehr wohl eine jener gefürchteten Sklavenaufseherinnen der Südstaaten hätte sein können, die, mit der eisenbeschlagenen Hetzpeitsche in der Hand, ihre unseligen Opfer in Zucht und Ordnung gehalten.
Unangenehm berührt durch solchen Ideengang, wandte ich mich den liebreizenden Zügen meiner jungen Nachbarin zu. Sie lächelte mich heute ein wenig traurig an und meinte, daß Franky sich gar nicht recht frisch und heiter befände. Die Langeweile, zu der ihn die Ärzte verdammt, sei doch gar zu geisttötend.
»So lesen Sie ihm doch vor, Madame!« warf ich freundlich beschwichtigend ein.
»O, er haßt ja alle Lektüre, außer Zeitungen, und darin stehen doch immer die meisten Lügen!« entgegnete die schöne Frau halb trotzig.
»Nicht immer, Mrs. Newland!« sagte ich dabei sehr ruhig, aber ernst, und hob mein Auge langsam zu dem ihren. »Der ›New York Herald‹ wird zum Beispiel in den allernächsten Tagen recht interessante Entdeckungen offenbaren, die keinesfalls der Phantasie eines eifrigen Zeitungs-Reporters entsprungen, sondern der Wirklichkeit entnommen sind.«
Und völlig unbefangen erzählte ich ihr darauf von unserem kleinen Geldverluste und den Mitteilungen Mr. Habertons.
Im nächsten Augenblicke jedoch bereute ich das eben Gesagte schon aufs tiefste. Denn die Veränderung, welche nach meinen Worten in Mrs. Newlands Zügen sich ausprägte, war eine so entsetzliche, ja beängstigende, daß ich selbst ganz verwirrt davon wurde und beinahe hilflos verlegen stotterte: ob sie sich nicht wohl fühle? Das sonst so weiße und rosige Antlitz war für mehrere Minuten von einer fast bleigrauen Blässe überzogen. Die Augen starr und ausdruckslos auf einen Punkt gerichtet, die Lippen krampfhaft zusammengepreßt – so lehnte das schöne Geschöpf im Sessel.
»Nein – nein – ja – die Hitze bringt mich um!« stöhnte sie, mit vieler Mühe sich ermannend, indem sie halb mechanisch nach dem vor ihrem Platze stehenden Eiswasser langte.
Zuvorkommend und selbst äußerst erschreckt, reichte ich ihr das Glas, woraus sie hastig einige Schlucke des kühlenden Getränkes hinunterstürzte. Dann – es war bereits gegen Ende der Mahlzeit – schob Mrs. Newland mit sichtlicher Kraftanstrengung den Stuhl zurück und erhob sich.
»Ich muß mich leider hinaufbegeben; etwas Migräne, die mich zuweilen in schwülen Zimmern befällt –, weiter ist es nichts. Gute Nacht, Mr. Berken! Bitte, thun Sie aber dieses Vorfalls gegen niemanden Erwähnung!«
Jetzt traf mich ein wahrhaft flehender Blick der blauen Augen. Darauf schlüpfte die graziöse Gestalt flüchtig und noch geräuschloser als sonst aus dem Zimmer. –
Die nächsten acht Tage ging ich einher, wie jemand, der sich vielleicht mit einem großartigen Wagstück herumträgt und nicht recht zu einem festen Entschlusse gelangen kann, auf welche Weise dasselbe auszuführen sei. »Thun Sie aber dieses Vorfalles gegen niemand Erwähnung!« hatte Mr. Frank Newlands Gattin mir bittend zugeflüstert. Die Zunge hätte ich mir lieber abbeißen mögen, ehe ich nur eine Silbe von dem verraten, was seit jenem Abend – ja seit dem Morgen, als Mr. Haberton mir in der Office die falschen Banknoten gezeigt, in meinem Innern vorging. Jeder andere, selbst meine alte Freundin Miß Kathe, wenn ich ihr das zu jenem waghalsigen Unternehmen bereits eingesammelte und notwendige Material mitgeteilt, würde mich auch sicher gründlich ausgelacht und abwehrend etwa geäußert haben: »Mein Bester, das sind deutsche Thorheiten! Wer Schmutz anfaßt, der darf sich nicht wundern, wenn etwas davon an den Händen kleben bleibt!« – Doch einerlei! Was ging mich die amerikanische Herz- und Gefühllosigkeit hinsichtlich unserer Mitbrüder an, wo eine innere Stimme mich unwiderstehlich antrieb, in das dunkle Geschick zweier Menschen, die mich sympathisch anzogen, einzugreifen – zu helfen – zu retten, solange es noch Zeit war. – –
Die Familie Newland schien seit den allerletzten Tagen sich in sonderbarer Erregung oder Erwartung zu befinden. Mr. Fowler war höchst wenig zu sehen und schien dringende auswärtige Geschäfte zu besorgen. Dafür aber saßen seine Gattin und Schwiegermutter, mit Sorge und Ungeduld der Rückkehr des Abwesenden harrend, oft bis gegen elf Uhr abends auf dem Balkon.
»Wir lieben es, die erfrischende Nachtluft zu genießen,« hatte die zarte junge Frau einmal mit süßem Lächeln zu Miß Emmerson geäußert, und niemand störte sie darin.
Mittlerweile brachten die New Yorker Zeitungen, wie ich bereits vorausgesagt, wirklich eine Menge haarsträubender und mitunter auch lächerlicher Artikel über den mutmaßlichen Aufenthalt der gefährlichen Falschmünzergesellschaft, welche an Falsifikaten schon ein Kapital in Umlauf gesetzt haben sollte, das bereits mehr denn eine Million repräsentiere. Einerseits hieß es: das Haupt der Sippe befände sich völlig ungeniert und seelenvergnügt in unserer City; andererseits lauteten die Berichte, daß die so schlaue, vielleicht auch nur mythenhafte »Dame« sich in Chicago aufhielte. Auf jeden Fall aber hoffe die Polizei, dieses Mal einen brillanten Fang zu thun und ihrer wirklich habhaft zu werden.
Meine junge Tischnachbarin hatte seit jenem Migräneanfall jetzt oft so sonderbar rote und geschwollene Augen, und das reizende Kinderantlitz dünkte mir auch schmäler geworden, als ob irgend ein Gram oder heimliches Weh an dem Herzen des lieblichen Geschöpfes nage. Sie sprach wenig und aß fast nichts.
Dagegen machte ich die Entdeckung, daß sie mit ihrer Schwiegermutter auf höchst gespanntem Fuße zu leben oder – richtiger gesagt: unter dem Despotismus dieser Frau zu leiden schien. Bestärkt wurde ich noch in meiner Idee, als ich beim Vorüberschreiten an Mr. Franks Zimmer, welches, wie diejenigen seiner Mutter und Schwester, in der ersten Etage des Hauses lag und dessen Thür ein wenig offen stand, – einmal, ohne im mindesten lauschen zu wollen, die harte Stimme des mir so widerlichen Weibes zu ihrem Sohne deutlich sagen hörte:
»Und wenn Du Dich hier am Boden zu meinen Füßen winden würdest, ich gebe Dir dennoch die Freiheit nicht zurück, weil das Wohl und Wehe eines einzigen gegen die Existenz und Sicherheit von uns allen nicht in Betracht kommt. Wir brauchen Dich und das genügt!«
»Und darüber wird Frank zugrunde gerichtet! Siehst und fühlst Du denn das nicht, Mama?« vernahm ich jetzt auch die fast schluchzende Stimme meines kleinen, blonden Lieblings. Wie erstarrt zögerte ich einen Moment.
»Gut; dann geht er eben zugrunde, wenn er eine Memme – ein Feigling ist!« klang es nochmals aus dem Munde dieser Mutter zurück.
Dann stürmte ich, Abscheu und Wut im Herzen, die Treppe hinan nach meiner Wohnung. – –
Am selben Nachmittage kam ein feingekleideter, gut aussehender älterer Herr ins Haus und wünschte Miß Emmerson zu sprechen. Zufällig war ich selbst mit unserer Hauswirtin im Parlour anwesend, welche mich lächelnd bat, dazubleiben.
Nicht umsonst hatte ich die Carriere eines Advokaten in diesem Lande absolviert, um in dem Eintretenden nicht sofort den Detektiv der Geheimpolizei zu vermuten. Ein scharf prüfender Blick seines dunklen Auges glitt im Nu auch über meine unbedeutende Person herab. Doch als Miß Kathe ihm meine Beziehungen zu der Firma Haberton & Comp. genannt, wurde mir augenblicklich ein sehr verbindliches: »How do you do, Sir?« zu teil, und nun erst rückte der Besucher, wenngleich noch immer vorsichtig, mit seinem Anliegen an den Tag. Miß Emmerson solle sein zudringliches Erscheinen nicht etwa übel deuten, meinte er, Platz nehmend, wobei er den großen Diamanten an seinem kleinen Finger im Lichte der durchs Fenster dringenden Sonnenstrahlen spielen ließ. Allein, wie manche Erfahrungen bereits bewiesen, befänden sich Persönlichkeiten, deren Antecendenzien mit dem Wortlaute der Gesetzbücher oft nicht recht übereinstimmten, zuweilen vorzugsweise in den allerfeinsten und fashionabelsten Boardinghäusern, um soviel als möglich den äußeren Schein zu wahren und jeden Verdacht von sich abzulenken. Er müsse so unbescheiden sein und um die Namen und Berufsarten ihrer Hausbewohner bitten.
Miß Kathe machte trotz dieser glatten Worte ein höchst empörtes und wütendes Gesicht und rief in der ihr charakteristischen, etwas derben Trockenheit: ihr Haus berge glücklicherweise nur äußerst respektable Leute, und wenn dem Herrn ihre Aussage nicht genüge, so fordere sie ihn auf, heute abend das Diner mit sämtlichen Gästen einzunehmen, was sicher den Beweis führen würde, daß er dieses Mal auf gänzlich falscher Fährte sei.
Herr des Himmels, welche Unvorsichtigkeit von Miß Kathe! Dieselbe entsprang einzig ihrem völlig unbefangenen Gemüte, dachte ich entsetzt, und stand wie auf Kohlen in meiner Fensternische, in die ich mich zurückgezogen hatte. Wenn dieser Spürhund etwas davon erfuhr, daß Frank Newland die Gesellschaft so auffallend mied und allein auf seinem Zimmer speiste, wenn ...
Jetzt erschrak ich fast über meine seltsame Bangigkeit. War es denn möglich, daß ich selbst, ein Mann des Gesetzes, noch dazu ein Mensch, welcher jede lichtscheue That aus tiefster Seele verachtete, ja dessen Lebensaufgabe darin bestand, das gefährdete Recht, wo immer es galt, zu vertreten, daß ich also selbst für diesen unseligen jungen Verirrten und dessen Frau Partei nahm, – daß ich gegenüber der Sicherheitsbehörde New Yorks mich zu ihrem Schutze bereits aufzustellen gedachte, anstatt daß ich vor diesen Mann dort hintrat und ihm frank und frei alle Entdeckungen der letzten Tage offenbarte. Denn was ging mich schließlich dieser Frank Newland nebst seiner blonden Gattin an? Oder war diese mir selbst unerklärliche Sympathie für jene Menschen vielleicht doch etwa ein Wink von oben?
»Danke bestens, sehr verbunden, Miß Emmerson!« lautete indes zu meiner größten Beruhigung des Detektivs Antwort. »Ihre Versicherung genügt mir fürs erste, umsomehr, weil ich in meiner Stellung alles Auffällige vermeiden muß.«
Dann machte er sich einige Notizen in sein Taschenbuch und verließ mit aalglatten Bewegungen und sehr verbindlichen Verbeugungen gegen die Dame und mich das Parlour.
»Meinen Sie, Mr. Berken, daß es in der eben angedeuteten Beziehung mit den Newlands nicht recht geheuer ist?« fragte mich Miß Kathe, als wir jetzt allein waren, wobei ein etwas ängstliches Zucken ihre Mundwinkel umspielte. »Ich hielt sie bisher, das heißt die Männer, für Gambler (Spieler) von Profession, vielleicht auch für Leute, die auf irgend eine Patent-Medizin reisen oder dergleichen, jedoch hinsichtlich des guten Rufes meines Hauses für völlig harmlose Kreaturen. Ihnen aber traue ich wohl eine Portion Menschenkenntnis zu. Nun, was meinen Sie, Mr. Berken? Es thäte mir wirklich leid, wenn ich den Newlands aufkündigen müßte und meine Zimmer, voraussichtlich bis in den September hinein, leer ständen.«
Ich hatte das Gesicht ein klein wenig nach rechts gewandt, so daß Miß Kathes Blicke nur mein Profil zu treffen vermochte, und entgegnete so ruhig, als ich trotz der Aufregung, die in mir arbeitete, es fertig zu bringen imstande war:
»Liebe Miß Kathe! Da ich von dem Grundsatze ausgehe, besser ist besser und sicher ist sicherer, so würde ich doch die paar hundert Dollars nicht ansehen und gelegentlich, das heißt, auf irgend einer triftigen Entschuldigung fußend, der alten Newland zu verstehen geben, daß Sie über ihre Zimmer zu disponieren wünschten. Ich verehre Sie zu hoch und aufrichtig, Miß Kathe, um Sie auf irgend welche Weise in Unannehmlichkeiten verwickelt zu sehen! Daher rate ich Ihnen offen hierzu, weil mir die Sache mit dem Detektiv gar nicht gefällt.«
Erschreckt prallte die alte Dame zurück und starrte mich mehrere Sekunden durchbohrend an. Dann faßte sie sich rasch und versetzte mit schmerzlichem Tonfall der Stimme:
»Sie würden mir das nicht sagen, Mr. Berken, wenn es nicht Ihre innerste Überzeugung wäre!«
»Sicherlich nicht, Miß Kathe!«
»Gut denn; ich folge Ihnen!«
Ohne zu zucken und ohne vielleicht weiter des vermeintlichen Verlustes einer für sie ziemlich bedeutenden Summe zu gedenken, reichte die resolute alte Dame mir die Rechte hin und sagte:
»Morgen wird ein Ende gemacht. Punktum!«
Dann verließ auch sie das Sprechzimmer. –
»Morgen!« Mechanisch öffnete ich die nach dem Balkon führende Glasthür und riß in tiefen Gedanken an den an dem Geländer sich emporrankenden Klematisblüten. »Morgen!« kam es nochmals sorgenvoll über meine Lippen. Jetzt stand die Sonne bereits tief am Horizonte, und wenn sie dort im Osten wieder emporstieg, dann mußte etwas geschehen sein, wovon die dabei beteiligten Personen bis jetzt noch keine Ahnung hatten.
»Deutsche Sentimentalität und Thorheit!« neckte das böse Prinzip in meiner Brust. »Laß ab von Sachen, die Dich nichts angehen, und hemme die Gerechtigkeit nicht in ihrem Lauf!«
Standhaft wehrte ich mich dagegen und flüsterte dafür kaum hörbar:
»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!«
Doch horch! Klang das drinnen im Parlour nicht gleich einem unterdrückten Schluchzen? Peinlich berührt und um nicht etwa hier draußen auf dem Balkon der unfreiwillige Zeuge irgend einer Scene zu werden, trat ich rasch ins Zimmer zurück. Allein noch einmal stutzte ich. Dort in einem Sessel, das Antlitz auf die Armlehne desselben niedergebeugt, lag meine schöne Tischnachbarin, wie es schien, im Stadium von Agonie oder höchstem Schmerz. Nur ab und zu drang ein sich qualvoll herausringender Laut aus ihrer Brust, während die krampfhaft verschlungenen Finger das blonde Haupt umfaßten. Ungeachtet dieses betrübenden Anblicks durchströmte mich beinahe wilde Freude. Der Zufall spielte mir hier die beste Gelegenheit zum Beginn meines Samariterwerks in die Hand. Daher trat ich entschlossen an die Ahnungslose heran und rief:
»Mrs. Maud Newland!« Seit heute morgen wußte ich auch den Vornamen des jungen Geschöpfs.
Wie durch einen elektrischen Strom berührt, fuhr die Angerufene empor und stand alsbald kerzengerade mir gegenüber, während die glühenden, noch bebenden Lippen sich zu einem mühseligen Lächeln verzerrten.
»O, ich habe geschlafen und – sehr – sehr garstig geträumt!« stotterte sie, sich die wirren Locken aus der Stirn streichend. Ein anderer, als ich, hätte sich von der Wirklichkeit dieses Arguments überzeugen lassen.
Welche moralische Kraft und Geistesgegenwart steckte doch in diesem lieblichen Wesen!
»Nein, Madame, Sie haben nicht geschlafen, sondern in tiefem, leidenschaftlichem Seelenschmerz – in fassungslosem Jammer über das Unheil, welches Schritt um Schritt Ihnen näher rückt, haben Sie geweint!« entgegnete ich ruhig, aber fest.
Jetzt stierten die blauen Augen in wahrhaft entsetztem Ausdruck mir ins Gesicht.
»Mein Herr! Mit welchem Rechte wagen Sie, eine solche Sprache gegen mich zu führen?« kam es leise, jedoch zornig aus dem zuckenden Munde.
»Mit dem Rechte aufrichtiger, warmer Freundschaftsgefühle, Mrs. Newland!« gab ich völlig unbeirrt zurück und faßte nun auch rückhaltlos nach ihrer Rechten.
»Freund–schaft?« wiederholten ihre Lippen zögernd in halb ungläubigem Trotze. Dünkte es mir doch, als ob es dabei gleich nie geahntem – nie gekanntem Glücke in den schönen Augen aufflammte. Aber sie entzog mir die kleinen Finger dennoch und setzte rasch und herb hinzu:
»Ich danke, Sir, wir – ich brauche die so edelmütig gebotene Freundschaft eines – Fremden nicht, da ja auch gar kein Grund vorliegt, sich mitleidig unserer anzunehmen, nein, wirklich absolut nicht!«
»So?« Fest und durchdringend heftete ich meine Blicke auf das bleiche Gesichtchen. »Wissen Sie, Mrs. Maud Newland, daß Sie in diesem Moment eine Lüge aussprechen? Wohlan! Mir kann das ja einerlei sein. Aber ich erinnere Sie nur daran, daß dort oben über uns Einer lebt, dem wir Rechenschaft zu geben haben von unseren Worten und Werken, und daß auch für Sie eine Zeit kommen kann, wo Sie dieser Hilfe benötigt wären!« Schwer und keuchend kamen die Atemzüge aus der jungen Brust. »Wenn man in demütigem Sinne diesem Einen seine Sorgen und Lasten anempfiehlt, dann erscheint das Schwerste wirklich nicht so schwer!« fuhr ich eindringlicher fort.
Jetzt schluchzte sie auf und bedeckte das Antlitz mit den Händen.
»O, warum sprechen Sie so zu mir! O, wie lange – lange, – fast seit meinen Mädchentagen ist es her, daß jemand gegen mich den Namen Gottes genannt hat! Und doch habe auch ich einst, ehe ich Franks Gattin wurde, oftmals so innig und warm zu ihm gebetet! Stehen denn plötzlich alle süßen Erinnerungen an die Kindheit auf – an meine heimgegangenen Eltern – an jene Zeit, wo noch alles anders war?« fügte sie, die Wangen von Thränen überströmt, nun träumerisch ins Leere starrend, hinzu. »Wer sind Sie, Sir, daß Sie es verstehen, solche Saiten in meinem Innern zu berühren? Gehen Sie – o gehen Sie! Ich bin Ihrer Teilnahme und Güte nicht wert, – habe ja kein Anrecht an die Barmherzigkeit und Milde Gottes! Denn ...«
Sie stockte plötzlich und wollte an mir vorüber zur Thür hinaus. Doch energisch vertrat ich ihr den Ausweg.
»Nicht allein dürfen Sie hinaus, Mrs. Newland! Gerade um der schmerzlichen Erinnerungen willen an das glückliche Einst bitte ich Sie, mich jetzt sofort zu Ihrem Gatten zu führen und mir eine kurze Unterredung mit ihm zu gestatten. Widersetzen Sie sich dem nicht! Denn es ist zu Ihrem Wohl – Ihrer Rettung – ich weiß alles!«
Tödlich erschreckt fuhr die Fassungslose zurück.
»Was – was wissen Sie?«
»Daß Frank ein armer Bethörter – ein Unglücklicher ist und schwer unter dem Drucke eines tyrannischen Weibes, das sich leider seine Mutter nennt, duldet und darüber zugrunde geht!« flüsterte ich ihr entschlossen ins Ohr. »Aber, beim Allmächtigen, der mein Vorhaben begünstigt, schwöre ich, daß wir über diese Megäre, die auch Sie im tiefsten Innern verachten, siegen werden, und ich Ihnen Freiheit, Glück und Sicherheit zurückzugeben vermag! Nur folgen Sie mir und fügen Sie sich bedingungslos meiner Weisung!«
»Mein Himmel! Träume ich denn? Giebt es in dieser jämmerlichen Welt wirklich noch etwas, was Hoffnung und Glaube an der Menschheit heißt?« rang es sich zitternd über die bebenden Lippen der jungen Frau. »Darf ich Ihnen – dem Fremden – wahrhaft trauen? Sind Sie nicht auch etwa ein Mensch, wie jener, der unlängst hier war, – ein solcher, der kein Erbarmen und keine Rücksicht kennt?«
»Mrs. Maud Newland! Ich dächte doch, daß Sie von der Aufrichtigkeit meiner Freundschaft überzeugt sein sollten!« entgegnete ich fast vorwurfsvoll und weich.
»Freundschaft!« schrie sie darauf in wilder Erregung, so daß ich über den grellen Ton ihrer Stimme beinahe erschrak. »O, welch ein Zauber liegt in diesem einen Wort! Kommen Sie, ja kommen Sie rasch hinauf zu meinem armen, geliebten, unseligen Gatten! Er wird – er muß Ihnen folgen!« Und ungestüm zog das liebliche Geschöpf mich mit sich fort.
Kaum konnte die Stunde zu einem ungestörten Gespräch mit dem jungen Einsiedler dort oben in seinem stillen Zimmer günstiger gewählt sein. Denn erst vor einer Weile hatte ich die alte Newland nebst Tochter und Schwiegersohn das Haus verlassen sehen. Überdies gestand meine Begleiterin mir jetzt in merkwürdig rührender Vertraulichkeit, daß ihre Verwandten einen kleinen Ausflug nach Coney Island unternommen und vor spätem Abend kaum zurückerwartet werden dürften. Man habe zwar ausdrücklich gewünscht, daß sie selbst an der Partie teilnehmen sollte; doch hätte sie das, um Frank nicht allein zu lassen, auf das entschiedenste abgelehnt.
Unter dergleichen leise geführten Reden erreichten wir das erste Stockwerk, doch machte die junge Frau vor dem verhängnisvollen Gemache noch einmal Halt und holte, gleichsam um Mut zu schöpfen, tief Atem. Ach, hätte ich der Ärmsten die Viertelstunde doch ersparen können! Nach kurzem Zögern öffnete Mrs. Newland mit raschem Entschluß die Thür und schritt mir ins Zimmer voran.
Das Erste, was mir beim Eintreten sofort ins Auge fiel, war wieder jener eisenbeschlagene Monstre-Koffer, dessen Begegnung mir schon einmal zu denken gegeben und dessen Anblick nun aufs neue die ganze gefährliche Tragweite, ebenso aber auch die Notwendigkeit dieses Schrittes klarlegte. Die Fenster des Gemaches gingen gegen Westen, so daß die noch hellen Strahlen der Abendsonne es bis in seine tiefsten Winkel beleuchteten.
Mr. Frank Newland schien jedoch unseren Besuch gar nicht zu merken. Denn mit aufgehobenem rechten Arme, ein Pistol in der Hand haltend, zielte er soeben nach einer an der Wand der Langseite befestigten Scheibe, deren durchlöchertes Feld mir zur Genüge zeigte, wie und durch welches Vergnügen der junge Mann seine Mußestunden sich verkürzte. Wieder gewahrte ich in seinem schönen Gesichte den finsteren Schmerzensausdruck und konnte in diesem Momente mich wirklich des Gedankens nicht erwehren, ob der, wie ich ja wußte, so verzweifelt und vergeblich an seinen Fesseln Rüttelnde nicht vielleicht dort, wo sich die weiße Papierscheibe befand, die Häupter seiner Peiniger oder mutmaßlichen Verfolger im Geiste zu schauen wähnte.
»Frank! Ich wollte – ich möchte so gern, daß Du – diesem Herrn hier, Mr. Berken, für einige Minuten Gehör schenktest!« rief jetzt, das lange Schweigen unterbrechend, meine Begleiterin ihrem Gatten bittend und zärtlich zu, während sie nach ihm hinüberflog und die Arme um seine Schultern schlang.
Sofort sank die Hand mit dem Pistol herab, und, mehr erschreckt als unwillig, fuhr sein Kopf nach mir herum.
»Was soll's? Du weißt ja, Maud, daß ich nicht gern gestört bin!« kam es leise, doch grollend über seine Lippen.
Allein trotz dieses wenig ermutigenden Empfanges hatte ich mich ihm rasch genähert und begann ohne Zögern:
»Die große Wichtigkeit dieses Besuches hier, ja meines Anliegens an Sie, Mr. Newland, überwiegt das Peinliche, was zweifellos für mich in diesem etwas dreisten Vordringen eines Ihnen fast Fremden liegt!«
Franks geistvolles, dunkelumrahmtes Auge richtete sich bei diesen Worten ganz seltsam scheu und fragend nach dem meinen, indem er herb und zögernd erwiderte:
»Wegen meines Leidens empfange ich niemals – grundsätzlich niemals Besuche. Doch, wenn sie« – (ein vibrierender, auffallend zärtlicher Ton lag in diesem: sie, womit er der Gattin Hand sanft drückte) – »ausnahmsweise jemanden bei mir einführt, dann muß ich mich allerdings schon von der Notwendigkeit durch dies Abweichen von der Regel überzeugen lassen.« Er verbeugte sich gegen mich und fügte etwas weniger schroff, indes mit immer noch tief ernster Stimme hinzu:
»Meine Frau hat mir bereits von Ihrer Liebenswürdigkeit und Ihren menschenfreundlichen Gesinnungen erzählt, Mr. Berken! Es ist ein edler Grundzug im Charakter der Deutschen, daß Teilnahme und Freundschaft bei ihnen nicht leere Worte sind, sondern dem Herzen entspringen.«
Dabei legte er die kleine Schußwaffe beiseite und reichte mir die Finger hin. Eine müde Apathie machte sich im Wesen dieses Mannes bemerkbar und verlieh ihm, verbunden mit dem schmerzlich krankhaften Zuge seines schmalen Gesichts, den Anstrich eines wirklich Leidenden.
So ruhig und fest, daß ich mich in diesem Momente selbst über meine Fassung wunderte, erwiderte ich:
»Der Hauptgrund unseres Charakters ist eine unüberwindliche, ja, so zu sagen, schon mit der Muttermilch eingesogene Abneigung gegen jeden falschen Schein.«
Ganz sonderbar stutzte er, während ein halb wirrer Blick über meine Gestalt hinwegglitt, und gleichsam fragend wandte er sich nun nach seiner jungen Frau, welche mit im Schmerz gefalteten Händen in einen Sessel gesunken war.
»Ich muß wohl annehmen, daß Sie einen besonderen Zweck mit diesem – Besuche verbinden?« entfuhr es in harten, schroffen Tönen seinem Munde, indem er nun, wie zu einer kampfbereiten Stellung, sich vor mir aufrichtete und bald noch heftiger hinzufügte: »Sie hassen den Schein! Sehr gut, mein Herr! Aber unter welchem Vorwande erklären Sie mir dann Ihr sonderbar geheimnisvolles Benehmen, welches zweifellos irgend eine Absicht – einen Hintergedanken verrät? Denn nur allein deshalb hierher in mein Zimmer zu kommen, um einen Ihnen fast Unbekannten, der Ihnen niemals störend in den Weg getreten, mit zweideutigen Reden zu intriguieren, dafür halte ich Sie, Mr. Berken, doch für zu gentlemanlike und edel.«
»Sie scheinen viel Menschenkenntnis zu besitzen, Mr. Newland!« gab ich ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück. »Wohlan denn! Den Grund dafür kennt bereits Ihre verehrte Gemahlin; es ist der, daß ich Ihnen mit Rat und That behilflich sein möchte, Ihre unwürdigen Fesseln zu sprengen! Ist diese Antwort nicht klar und verständlich genug?«
Durchdringend heftete ich dabei meine Augen auf das abgehärmte Männergesicht. Doch nur ein leise gurgelnder Ton drang über seine Lippen, während er haltlos mehrere Schritte nach rückwärts taumelte.
»Ich dulde keine Einmischung in meine Angelegenheiten!« stieß er endlich nach wenigen Sekunden wild heraus. Sein Auge funkelte und jede Fiber des schlanken, aber sehnigen Körpers schien in Erregung und Leidenschaft zu zucken. Dann aber lachte er gellend auf. »Und wissen Sie, mein Herr, was wir Amerikaner aus tiefster Seele verachten? Das sind glattzüngige Schleicher, die hier und dort mit dem löblichen Grundsatze: ›der Zweck heiligt die Mittel‹ herumspionieren und schließlich doch nur Unheil stiften! Solche Leute sind mir in den Tod verhaßt. Und nun, mein Herr, bitte ich, daß Sie in Zukunft mich unbelästigt lassen!«
Damit kehrte er mir den Rücken und schritt dem Fenster zu. Hier schien demnach der Sieg nicht ganz so leicht, als unten im Parlour über die junge Frau, dachte ich unentschlossen. Doch kam schon die kleine Verbündete mir rasch zu Hilfe, indem sie, emporspringend und zu dem Gatten hinübereilend, rief:
»O Frank! Sei barmherzig! Um Deiner Liebe zu mir – um unseres Elends willen, weise diesem Herrn nicht so schroff die Thür! Denn gerade er, Mr. Berken, will uns ja dazu verhelfen, daß der waghalsige Plan, der schon längst in Deinem Kopfe reifte, aber stets wieder vereitelt wurde, wirklich einmal zur Ausführung gelangt. Ich flehe Dich an, Frank, lasse diese gute Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen! Denn ohne energischen Beistand käme es nie – nie dazu!« sprudelte das schöne Weib in flammender Begeisterung für die Sache wild hervor. »Du bist so gut und treu, voller Liebe und Rücksicht für mich, aber dennoch bloß ein schwankendes Rohr gegenüber der Macht und dem Willen Deiner Mutter!«
Ich war ebenfalls näher getreten und sah deutlich, wie eine heiße Blutwelle Mr. Franks Stirn verdunkelte.
»Schweig, Maud! Du vergißt Dich. Dein noch unerfahrener Sinn setzt Vorsicht und Pflichten außer acht!« raunte der Gatte unter keuchenden Atemzügen ihr leise zu.
Allein sie beachtete diese Warnung nicht. In zwei Sätzen sprang die graziöse Gestalt zu mir herüber, faßte stürmisch meine Hand und rief:
»So sagen Sie ihm doch, daß Sie alles wissen – in alles eingeweiht sind und den ganzen großen Jammer unserer Existenz entdeckt haben, Mr. Berken!«
Da drang es wie ein schlecht unterdrückter Wutschrei über des Mannes Lippen, der drohend die Faust nach dem lieblichen Haupte emporhob.
»Maud, – Unselige! Du hast uns verraten!«
»Nein, Mr. Newland, Sie irren!« sagte ich, jetzt dicht an ihn herantretend und mit festem Druck sein Handgelenk umspannend. »Der bloße Verdacht allein ist schon eine Kränkung für Ihr treues, opfermutiges Weib. Nicht sie hat den verhüllenden Schleier von dem düsteren Bilde Ihres Daseins hinweggezogen, nicht Ihre Gemahlin hat mir die traurige Wahrheit entdeckt, sondern mein eigenes warmes Interesse für ein Paar bedauernswerte junge Menschen ließ mich Schritt für Schritt dem ersten leisen Verdachte, den schon jener ominöse Koffer dort anregte, weiter nachforschen. Auch nicht um Unheil zu stiften, Mr. Frank Newland, wie Sie soeben voraussetzten, – nein, einzig nur aus dem Grunde, um im Augenblicke höchster Gefahr – und solche ist jetzt vorhanden – zu retten und zu helfen!«
Er riß sich von mir los und rannte, mit beiden Händen den Kopf umfassend, einigemal wie rasend durch das Zimmer.
»Wo – wo ist Gefahr? Wer sagt das? Wer bürgt mir dafür?« rief er heiser.
»Frank! Du selbst weißt es ja – kennst das drohende Gespenst der Verfolgung, welches Tag und Nacht über uns schwebt; weißt auch, was für ein Mensch vor kaum einer Stunde bei Mrs. Emmerson Nachfrage hielt, weißt ferner, daß der Boden unter unseren Füßen bereits wankend geworden!« mahnte die junge Frau mit todesbleichem Gesicht. »Nur Mut und rasche Entschlossenheit, Geliebter, und wir entfliehen dieser schauerlichen Existenz, die ich verabscheue, die entwürdigend für uns ist! Zeige, daß Du ein Mann bist, Frank – ein Mann, der, dieser empörenden Tyrannei anderer müde, sein besseres Ich herauswindet aus einer Bergeslast von Lug und Trug. O! arbeiten und Dir beistehen will ich ohne Murren und Klagen Tag für Tag, um uns ein neues Heim zu schaffen!« fuhr die junge Frau mit überzeugender Wahrheit und bewundernswerter Beredsamkeit fort, – »ein stilles, friedliches Heim, welches allein uns gehört und worüber der dort oben wachen soll, den wir so lange Zeit vernachlässigt haben! Frank, wenn Du mich wahrhaft liebst, so folge diesem da, der es gut und ehrlich mit uns meint!«
Überwältigt durch den Schmerz der hervorbrechenden Gefühle sank die schöne Frau zur Erde nieder und umfaßte leidenschaftlich des Gatten Knie. Ein Moment war das, der mich aller Zweifel und aller in mir sich regenden Ungewißheit überhob. Jetzt wußte ich, daß der wunderbar stürmische Drang in mir, diesem jungen Paare meine Hilfe zu bieten, höheren Ursprungs war. Alle Bedenken, gerade durch diese Hilfe mich einer ungesetzlichen, ja vielleicht gar strafbaren Handlung schuldig zu machen, zerflossen bei dem Anblicke in ein Nichts.
»Mr. Frank Newland! Ich sehe, daß die Liebe zu Ihrer Frau bei Ihnen größer ist, als zu sonst irgend etwas auf Erden, und daß diese Liebe Ihnen dazu verhelfen wird, selbst das Schwerste zu überwinden!« sagte ich mit einer Stimme, die die eigene tiefe Bewegung deutlich verriet. »Wollen Sie fortan bedingungslos sich meiner Führung anvertrauen? Die Zeit ist kurz. Jetzt gilt nur ein schnelles Entweder – Oder!« Wie Wetterleuchten zuckte es über sein bleiches Gesicht. »Zerreißen Sie mit fester Hand jenes unwürdige Band, welches Sie noch an die Vergangenheit knüpft, – schauen Sie dafür mutig und mit Gottvertrauen in eine lichtere, hoffnungsreiche Zukunft!«
Ungestüm hatte er, während ich sprach, die liebliche Gestalt zu sich emporgezogen. Eine Weile hielten die Gatten sich umschlungen.
»Der Fluch der Mutter, – grimmiger Haß von allen, die mir bisher vertraut haben, – ja, ein Leben der Not und Entbehrung, – das ist es, was uns sicher erwartet, wenn ich diese Fesseln sprenge! Würdest Du Dich auch klagelos und willig einem vielleicht noch härteren Geschicke beugen, meine Maud?« fragte der junge Ehemann so zärtlich und weich, wie man nur zu einem Kinde redet.
Ein kaum unterdrückter Jubelschrei stieg aus der Gefragten Brust.
»Und wenn dieser Schritt meinen Tod bedeutete, ich könnte nicht ruhiger und beglückter darüber sein, daß Dein Widerstand endlich gebrochen ist und Du heimlich mit mir von dem Schauplatze unserer Leiden verschwinden willst, Frank!« rief sie neu belebt und zitternd vor Erregung, indem sie aus den sie umschlingenden Armen sich befreite und wieder zu mir herüber eilte.
»Jetzt aber rasch zum Entschluß, Mr. Berken! Was soll geschehen? Bestimmen Sie über uns!« flüsterte sie mir hastig zu.
Allein auch der vor kurzem noch so verschlossene und so schroff und starr abweisende junge Mann reichte mir jetzt, wenngleich mit einem Ausdruck bitterer Trauer, seine Hände entgegen, in die ich freudig einschlug.
»In spätestens einer Stunde werden Sie New York im Rücken haben und sich auf dem Wege nach Kanada befinden,« erwiderte ich ernst und sehr bestimmt, während beide mir mit ängstlicher Spannung lauschten. »Spurlos noch ehe die Untersuchungen in jener traurigen Angelegenheit weiter fortschreiten, müssen Sie und Mrs. Newland von der hiesigen Bildfläche verschwinden, als ob der Sturm Ihre Namen hinweggeweht. Fort – vergessen! Miß Emmerson sagen Sie indessen, daß Sie anläßlich einer wichtigen Depesche mit Ihrer Frau auf acht Tage zu verreisen gezwungen wären! Das genügt. Packen Sie also die nötigste Garderobe und Wäsche in einen nicht zu großen Koffer. Alle Ihre Sachen mitzunehmen, darauf müssen Sie leider verzichten, weil das vielleicht Verdacht erregen könnte. Dann benutzen Sie den nächsten Zug nach Montreal! Fürs erste jedoch, Mr. Newland,« – fügte ich, indem ich jenem ominösen Koffer ganz nahe trat, ein wenig zögernd und sehr leise hinzu – »schaffen Sie den gefährlichen Inhalt dieses Riesen schleunigst aus der Welt!«
Er zuckte jäh zusammen und stotterte in höchster Verwirrung, während eine fahle Blässe sein Gesicht überzog.
»So wissen Sie? – nein, nein, das darf ich nicht thun, – die Mutter ...!«
»Sie dürfen auf niemanden Rücksicht nehmen! Denn ich ahne wohl, daß hierin die schlagendsten Beweise zur Überführung einer gar schlimmen Schuld für Sie enthalten sind, mein armer, bethörter Freund!« versetzte ich freundlich. »Und diese Beweisstücke müssen unter allen Umständen vertilgt sein. Dort drüben ist der Kaminofen. Was irgend brennbar ist, – hinein in ein flackerndes Feuer. Das übrige packen Sie in eine schlichte Reisetasche, die Sie mit sich nehmen und wie aus Versehen im Gedränge auf dem Bahnhofe stehen lassen! Dann erst werden Sie frei sein gleich dem Vogel in der Luft. Das leere Ungetüm hier wird nichts mehr verraten und grabesstumm bleiben. Sie sehen, mein Plan ist gut und könnte wahrlich der Intelligenz eines Amerikaners alle Ehre machen,« fügte ich ermutigend hinzu. Denn es entging mir nicht, wie hastige, schwere Atemzüge über seine Lippen stießen und er sichtlich zu kämpfen schien, mir mit neuen Einwendungen entgegenzutreten.
»Und wohin sollen wir Ausgestoßenen, denen das eigene Vaterland nicht mehr Raum und Schutz zu bieten vermag, uns wenden?« fragte er herb. »Welche Aussichten, welcher Erwerb bietet sich uns auf englischem Boden? Ich bin völlig fremd in Kanada, – habe nicht die geringsten Verbindungen ...«
»Eben deshalb ist es nötig, daß Sie dorthin Ihre Schritte lenken, Mr. Newland!« gab ich ihm tröstend zurück. »Gerade dort, wo Sie fortan leben werden, sollen Sie ein Fremder sein; auch sogar den Namen, den Sie jetzt führen, müssen Sie hier zurücklassen!«
Bei diesen Worten stieg abermals eine dunkle Röte dem Unglücklichen über die Stirn und finster, aber leidenschaftlich rief er:
»Der Name Newland gehört mir von Rechts wegen gar nicht. So hieß nämlich der zweite Gatte meiner Mutter, der vor einem Jahre starb und dessen verhängnisvolles, grausiges Vermächtnis eben jener Koffer dort ist mit allem, was darin sich befindet und daran sich knüpft – ein Vermächtnis, das gleich einem Fluche auf uns lastet. Man soll den Toten nichts Schlimmes nachsagen. Allein noch im Grabe verabscheue ich jenen Mann, der sich erkühnte, mein Stiefvater zu heißen. ›Welch eine Erscheinung!‹ hätten auch Sie bei seinem Anblick sicher ausgerufen. Im Äußeren glich er einem Heroen an Größe, Körperkraft, wie auch an Geist. Bestechend und verführerisch klang jedes Wort, mit dem er in die ahnungslose Menschenseele sich einzuschmeicheln verstand. Doch wer ihm unterlag, der saß fest in den Fangarmen des Teufels. Ein dämonischer Tyrann war er und hat meine unselige Mutter zu dem gestempelt, was sie jetzt ist, – zu einer geldgierigen Megäre, die heute noch einzig nur in den Fußstapfen des ihr teuer gebliebenen Verblichenen wandelt. Aus mir aber ...« – tief schöpfte er Atem – »aus mir hat er einen der routiniertesten, gefährlichsten Falschmünzer Amerikas gemacht, – ha, ha, ha! Das war ein Meister, wie es keinen zweiten giebt!«
»O Franky! So lasse doch die alten Erinnerungen!« bat meine kleine blonde Freundin zärtlich, indem ihr die hellen Tropfen über das süße Gesicht herabrieselten.
»Nein, nein! Jetzt muß ich reden!« erwiderte der junge Mann heftig. »Sie, Mr. Berken, sollen wenigstens erfahren, daß ich zu solch schmachvollem Berufe verführt – gezwungen wurde, daß nicht die Gier und die Lockungen nach mühelos erworbenen Schätzen mich dazu verleiteten! Beim Allmächtigen, der sich gnädig meiner erbarmen möge, – ich habe den schnöden Mammon stets gehaßt! Denn er allein ist der Satan, der die Menschheit verdirbt und erniedrigt! Was spreche ich doch von mühelos erworbenem Gelde? Wer hat gearbeitet Nacht um Nacht über Wagstücken, die oftmals doch mißlangen? Wer hat die Schweißtropfen saurer Mühe hergeben müssen für solches Teufelswerk? Ich war's – ich that's, Mr. Berken, weil ich zu schwach – zu feige war, mich loszureißen! Geknirscht und geflucht habe ich oft in ohnmächtigem Zorne. Doch der böse Blick der Mutter, in welchem ich noch fortdauernd den Dämon meines verfehlten Lebens – den Meister – den Stiefvater zu schauen wähnte, – er hielt mich gleich einem Knechte in Zucht und Banden! Aber das Maß ist voll, – länger ertrage ich es nicht!« rief er fast schluchzend. »Um ihretwillen, die mein Licht und Trost ist,« – das sterbensmüde Auge traf der Gattin aufstrahlendes Gesicht, »um ihretwillen reiße ich das Band, was mich an diejenige bindet, die mich geboren, in Stücke!« Ich schaute nach der Uhr und fragte, in der Absicht, ihn von dem schmerzlichen Thema abzulenken:
»Darf ich den Wagen für Sie bestellen, Mr. Newland?«
Wie aus tiefem Sinnen fuhr er auf und nickte halb gedankenvoll:
»Ja, ja – den Wagen – fort!«
»Auch möchte ich Ihnen hier noch eine Adresse für Montreal überreichen, Mr. Frank? ... Ja, wie ist denn Ihr wirklicher Name?«
»Also, Mr. Wilson! Ein sehr intimer Freund von mir, ebenfalls ein Deutscher, hat dort eine renommierte und gesuchte Law-Office (Rechts-Bureau). An diesen ganz vortrefflichen Mann habe ich Sie als tüchtigen, intelligenten Arbeiter empfohlen, da ich durch Ihre Gemahlin weiß, welch gründliche Bildung Sie genossen, und daß ein Wissen in Ihnen steckt, wie junge lebenslustige Amerikaner es sich sonst selten anzueignen pflegen. Ein Wort von mir genügt, Ihnen den Anfang zu einer vielleicht sehr lukrativen Laufbahn zu eröffnen, und gingen Sie somit im Auslande keiner allzu trüben Zukunft entgegen. Die Hauptsache ist natürlich, daß Sie mit Lust und Energie einen Ihren Kenntnissen angemessenen Beruf ergreifen.«
»Mein Gott, das ist zu viel, – das bin ich nicht wert!« stöhnte der Überraschte kopfschüttelnd. Es zuckte dabei aber doch ganz seltsam freudig um seinen Mund.
Meine kleine blonde Freundin schlug indes die Hände vor das Gesicht und schluchzte laut.
»Haben Sie das nötige Reisegeld?« forschte ich, durch nichts beirrt, mit der ernsten, trockenen Stimme eines Inquirenten weiter, obgleich mir selbst vor innerer Bewegung der Ton im Halse stecken zu bleiben drohte.
Eine lange Pause erfolgte. Dann zog Mr. Frank Wilson mehrere 50 Dollar-Billets aus seinem Taschenbuche, zündete am Tische eine Kerze an und hielt, ohne zu sprechen, noch zu zucken die Banknoten darüber, daß alsbald die hellen Flammen um seine Finger spielten.
»Ist denn der Mensch toll geworden!« hätte bei diesem seltsamen Gebahren ein anderer vielleicht gedacht und solchen Frevel zu vereiteln gesucht. Ich aber rührte mich nicht von der Stelle. Denn gerade jenes anscheinend kopflose Experiment redete für mich eine stumme Sprache. Das, was dort eben in Rauch aufging, waren ja auch nur elende Falsifikate; Lug und Trug war es –, die schauerlichen Früchte seines arbeitsschweren Daseins, an denen, wie er selbst gesagt, die Schweißtropfen saurer Arbeit hingen! Armer Frank! So kurz und straff hielt diese entsetzliche Mutter ihren einzigen Sohn im Zügel, daß sie ihm nicht das nötigste Geld zur Verfügung stellte – aus Angst, er könne doch endlich einmal ihrer Tyrannei heimlich entfliehen! In diesem Augenblicke überkam es mich wie eine wahre Wollust, jenem entmenschten Weibe einen Streich spielen zu können.
Mit zu Boden gesenkten Wimpern stand der Bedauernswerte vor mir. Welch beschämende Gefühle mochten in ihm sich regen! Daher schritt ich rasch an ihn heran und legte meine Rechte sanft auf seine Schulter.
»Lassen wir Vergangenes ruhen, mein Freund! Ich begreife und verstehe alles und beklage Sie tief. Und doch ist es am Ende besser so, damit Sie mit Ihrer Flucht aus New York niemandem – verstehen Sie wohl: niemandem mehr verpflichtet sind. Hier, Mr. Frank Wilson, lege ich 500 Dollars auf den Tisch, als ein Darlehen, was hoffentlich zum Beginn einer neuen Existenz ausreichen wird! Sie werden arbeiten und später guten Verdienst haben, davon bin ich überzeugt.«
Abwehrend erhob er seine Hände.
»Nun, was wollen Sie?« setzte ich schnell und lächelnd hinzu. »Ohne Geld kann man nicht reisen, und bleibt Ihnen somit gar nichts anderes übrig, als meine Hilfe anzunehmen. Im übrigen bin ich auch weit davon entfernt, diese Summe als verloren zu betrachten. Denn fürs erste bin ich selbst durchaus kein reicher Mann, und zweitens weiß ich ziemlich sicher, daß Sie die kleine Schuld mir nach und nach zurückzahlen werden. Sind Sie demnach mit diesem Geschäfte zufrieden?«
Einem Traumbefangenen gleich stand er vor mir und stotterte nur ein paarmal hintereinander:
»Ich danke – danke Ihnen, mein Herr!«
Seit ich mein deutsches Vaterland verlassen, war, glaube ich, eine ähnliche Anwandlung von Rührung und seelischer Befriedigung nicht über mich gekommen, als zu jener Stunde, die mit allen ihren Einzelheiten klar und fest sich bis zum heutigen Tage meinem Gedächtnis eingeprägt hat.
Stillschweigend hatte ich meinen Hut ergriffen und gedachte mich unbemerkt zur Thür hinauszuschleichen. Allein der blonden Frau war meine Absicht nicht entgangen. In stürmischer Hast rannte sie mir nach und faßte beinahe leidenschaftlich meine Rechte.
»Nein, so dürfen Sie nicht fort, Mr. Berken! O, es sieht Ihnen ganz ähnlich, daß Sie unseren Dankesworten sich entziehen wollen! Die wahre Großmut ist ja immer still und bescheiden, und ihr Deutschen seid alle von Natur so edel! Wirklich grausam wäre es gegen uns, nicht noch einen letzten, warmen Händedruck, einen letzten Abschiedsblick des einzig wahren, teilnehmenden Freundes für unser armseliges Geschick zu erhalten!«
So klang es in schmelzenden Tönen an mein Ohr. Wehmütig lächelnd blieb ich stehen, indem nun auch Mr. Wilson sich mir näherte und mit stummem Schmerze mir ins Auge schaute.
»Leben Sie wohl, Mr. Berken!« sagte er, nachdem er seiner sichtlichen Bewegung endlich Herr geworden. »Was Sie vollbracht haben, ist eine That, welche mit der Dankbarkeit eines ganzen Lebens kaum gelohnt wäre, und die nur Gott zu vergelten im stande ist! Sie werden von uns hören. Leben Sie wohl!«
Noch einmal schüttelten mir die beiden Verwaisten – diesen Eindruck machten sie auf mich, als sie, Arm in Arm, tiefste Wehmut im Angesicht, mir gegenüberstanden – die Hände. Dann schloß sich die Pforte hinter mir und ich stand auf dem Vorsaal.
Indes schien jetzt durchaus keine Zeit mehr, sich schmerzlichen Gefühlen und Reflexionen hinzugeben. Die Uhr zeigte 6½ und der Zug, welchen das junge Paar benutzen sollte, verließ New York in einer Stunde. Rasch sprang ich die Treppe hinab. Unglücklicherweise begegnete mir im Vorsaal, wo die Parlours mündeten, Miß Emmerson.
»Nun, wohin so eilig, Mr. Berken? Sie sehen ja ganz erhitzt aus,« warf die Dame lächelnd hin.
»Es ist oben in meinem Zimmer eine Bärenhitze und möchte ich mit der offenen Car (Pferdebahnwagen) etwas hinaus in den Central-Park fahren,« log ich mit abgewandtem Gesichte.
»So? Dann werden Sie zum Essen schwerlich zurück sein – hm!« Eine Weile sah sie mir kopfschüttelnd und durchdringend in die Augen. »Nun, ich bin weit davon entfernt, Sie mit indiskreten Fragen zu belästigen. Aber – an der Nase sehe ich es ja Ihnen an, daß irgend etwas faul ist im Staate Dänemark. Dazu kenne ich Sie zu genau. Well, über das dinner machen Sie sich nur keine Sorgen! Für Sie wird es aufbewahrt. Viel Vergnügen, Mr. Berken!« Damit schritt meine alte Freundin majestätisch ihres Weges.
Jedenfalls muß ich ein sehr dummes oder verblüfftes Gesicht gemacht haben, und war wirklich froh, als ich draußen in frischer Luft mich befand. – –
Erst gegen 8 Uhr abends kehrte ich nach planlosem Herumstreifen in der City zurück, weil ich es aus verschiedenen Gründen für zweckmäßig erachtete, daß die Abreise der Wilsons sich ohne meine Anwesenheit vollzog.
Unbefangen betrat ich das Speisezimmer, wo in der That noch ein gedecktes Couvert für mich auflag. »Gute Miß Kathe!« dachte ich befriedigt; denn ich war hungrig und freute mich auf eine kräftige Mahlzeit. Allein nichts verriet mir in der nächsten Viertelstunde, daß irgend etwas Besonderes im Hause vorgefallen. Der aufwartende Neger machte ein völlig indifferent stumpfsinniges Gesicht und die das Diningroom zufällig passierenden Logiergäste begrüßten mich nur mit einem kurzen »Good evening, Mr. Berken!« Trotzdem aber lag es mir wie eine Gewitterschwüle auf dem Gemüte. Waren meine Schützlinge unbehindert und glücklich fortgekommen? Zu fragen wagte ich nicht, hoffte daher auf einen günstigen Zufall, der es mir verraten würde.
Wirklich, als ich nach beendetem Speisen die Treppe nach meinem Zimmer emporstieg, trat Miß Emmerson aus den von dem jungen Paare bewohnten Gemächern heraus auf den Flur. Wir stutzten beide, und alsbald drang ein sonderbarer Geruch nach verbranntem Papier durch die geöffnete Thür mir entgegen.
»Ah – zurück?« fragte sie leichthin, doch merkte ich bald, daß in dem sonst freundlichen Gesichte ein merklich ernster Ausdruck lag.
»Ja, Miß Emmerson! Und ich habe mir soeben Ihre vortrefflichen Gerichte schmecken lassen!« erwiderte ich mit möglichster Heiterkeit.
»Nun, mein dinner ist mir heute recht gestört worden durch die sonderbare, fluchtartige Abreise zweier meiner Gäste!« war ihre etwas scharfe Antwort.
»Fluchtartige Abreise?« fragte ich mit einer äußerst wohlgelungenen Miene des Staunens, wodurch die alte Dame sofort veranlaßt wurde, halb befriedigt und freundlicher den Kopf zu wiegen.
»Nun, ich dachte mir eigentlich, daß Sie vielleicht etwas mehr von diesen Leuten wüßten, weil die kleine Blondine mit den Taubenaugen bei Tische immer so zutraulich zu Ihnen redete, und Sie, Mr. Berken, heute so sonderbar! ... Na, einerlei – die Newlands sind fort!«
»Alle?« entfuhr es etwas unbedacht von meinen Lippen.
»I bewahre! Nur das junge Paar – scheinbar nur auf eine Woche, wie das Frauchen schüchtern mir versicherte! Doch ich möchte, obgleich hier drinnen in den Schränken noch alles voll Sachen hängt, die höchste Wette eingehen, daß es auf Nimmerwiedersehen ist. Das kommt aber bei solch leichtsinniger Sippschaft gar nicht darauf an. Nebenbei haben sie in den Zimmern einen Gestank zurückgelassen, als ob mindestens zwei Zentner Makulatur verbrannt worden wären. Als ich hineintrat, mußte ich wohl zwanzigmal hintereinander niesen und konnte vor Rauch die Augen kaum aufthun, so daß ich schon fürchtete, man habe mir die Bude über dem Kopfe angesteckt. Aber schließlich kann es mir ja gleichgültig sein!« argumentierte Miß Kathe lebhaft weiter; »denn bezahlt ist alles bis zum Ersten, – und mit den übrigen mache ich morgen früh auch ein Ende. Die rasche Abreise der beiden ist mir einzig nur des Geredes im Hause wegen fatal, zumal ich, wie Sie wissen, ohnedem schon heute Nachmittag einen heiklen Besuch erhalten.«
»Auf keinen Fall würde ich es beklagen, daß die jungen Newlands fort sind!« versetzte ich, höchst gleichgültig das Gähnen unterdrückend. Doch spähte ich trotzdem neugierig durch die halbgeöffnete Thür ins Zimmer hinein. »Die Alte wird schöne Augen machen, wenn sie bei ihrer Rückkehr die lieben Kinder nicht mehr findet, Miß Emmerson!«
»O, die hat längst von der Flucht gewußt! Das war alles geplant und abgekartet.«
»So – glauben Sie?«
»Sicherlich! Ich wundere mich nur, daß Sie, Mr. Berken, bei Ihrem scharfen Beobachtungstalente nicht auch Wind davon gekriegt haben!«
Ich lachte sie heiter an.
»Wer wird so mißtrauisch sein, Miß Kathe. Was gehen mich denn diese Menschen an? Wahrlich, ich habe ja gar keine Zeit dazu, mich so viel um den lieben Nächsten zu bekümmern.«
Die alte Dame schien völlig beruhigt, und freundschaftlich wünschten wir uns gegenseitig Good night! –
Ich erinnere mich, daß ich in jener Nacht nicht viel geschlafen habe und erst wieder frei und beruhigt aufzuatmen begann, als mir am nächsten Morgen ein Telegramm überreicht wurde mit dem kurzen, aber für mich bedeutungsvollen Inhalt: »Glücklich Montreal angelangt, Wilson.« Mit seelischem Behagen kleidete ich mich an und mußte wirklich lachen, welch ein von Bosheit und Schadenfreude blitzendes Gesicht mir heute aus dem Spiegel entgegensah. Jetzt gab es ja noch einen Hauptspaß, nämlich das stille Beobachten der alten Newland, wie deren elegisch angehauchten Tochter und des ehrenwerten Mr. Fowler beim Frühstück. Denn daran, daß die Gesellschaft überhaupt kommen würde, zweifelte ich keinen Augenblick. Schon, um jeden Verdacht von sich abzulenken, mußten sie sich diesen Morgen zeigen.
Daher begab ich mich ein wenig früher als gewöhnlich hinab, um die Personen, in deren Dasein ich ohne ihr Wissen eine so bedeutende Rolle gespielt, sofort beim Eintreten ins Speisezimmer aufs Korn zu nehmen. Wer aber beschreibt meine Überraschung! In der Halle, an der weit geöffneten Hausthür, durch die ich eine elegante Equipage vor dem Hause halten sah, standen Mrs. Newland und ihre Tochter, völlig reisefertig, im Begriff, sich von Miß Emmerson zu verabschieden, und deutlich vernahm ich noch die seltsamen Worte:
»Der arme Frank! Er leidet zuweilen an schlimmen Anfällen von Geistesstörung, was seine kindische junge Frau durchaus nicht zugiebt. Ich fürchte, daß seine unmotivierte plötzliche Abreise abermals ein trauriger Beweis ist für diese nicht mehr abzustreitende Thatsache. Ellen und ich müssen uns daher schleunigst auf die Suche der beklagenswerten Kinder begeben und können daher leider die Annehmlichkeiten Ihres Hauses nicht länger genießen, meine teure Miß Emmerson! Major Fowler wird indes noch bis morgen hier bleiben und dann mit unserm Gepäck nachfolgen.«
Jetzt schritt ich unbefangen und unerschrocken die letzten Stufen der Treppe, auf der ich stand, hinab, so daß ich nur noch wenige Fuß breit von den Damen entfernt war. Mit einem höflichen: »Good morning!« lüftete ich den Hut. In demselben Augenblick aber fuhr Mrs. Newlands Kopf nach mir herum, und ich vermochte voll in ihr Angesicht zu schauen.
Ich habe wohl davon gehört, daß blühende, gesunde Menschen durch Kummer, seelischen Schmerz oder körperliche Leiden binnen weniger Monate ein vollständig verändertes Aussehen erhalten können. Diese bisher noch so rüstige Frau hatte aber eine einzige Nacht zur Greisin umgewandelt. Doch nicht der Ausdruck milder, friedlicher Ruhe lag über dem gefurchten Gesicht, – nein, eine grauenhafte, grinsende Verzerrung, welche zu verbergen ihr nicht gelang, zuckte zuweilen darüber hin. Vor diesem Anblick schauderte ich innerlich und gedachte des Hauptes der Medusa.
Zwar traf mich nur ein einziger Blick der in stiller Angst, in Grimm und Wut flackernden dunklen Augen, doch er genügte, mir zu verraten, daß die fürchterliche Kreatur mir auf dem Grunde der Seele zu lesen beabsichtigte, und daß ihr scharfer Verstand sie doch vielleicht auf die richtige Spur geleitet. Wie aus Erz gegossen, mit keiner Wimper zuckend, stand ich vor ihr. Mir erschien dies jetzt schon als Anfang der Vergeltung, die früher oder später über diese geldgierige Megäre, wie der eigene Sohn sie benannte, unfehlbar hereinbrechen mußte. Nochmals verbeugte ich mich kühl und schritt an ihr vorüber dem Speisezimmer zu.
Das war auch das letzte, was ich von Frank Wilsons Mutter jemals wieder geschaut. – –
Zwei Tage später brachten die New Yorker Zeitungen von neuem allerlei Gerüchte über die vermeintlichen Falschmünzer, unter anderem die Nachricht, daß die Polizei sich die gefährlichen Vögel jedenfalls wieder habe aus dem Garn fliegen lassen. Wenigstens sei auf einem der City-Bahnhöfe eine ominöse Reisetasche, vollgepfropft mit allerlei äußerst verdächtigem Werkzeuge nebst Zubehör, aufgefunden und mit Beschlag belegt worden, und könne das wohl zu dem Schlusse berechtigen, daß die verbrecherischen Eigentümer derselben längst über alle Berge wären. –
Nach etwa sechs Monaten erhielt ich die ersten ausführlicheren Nachrichten von meinen Schützlingen in einem Briefe, dem ein Check über 150 Dollars, zahlbar an der Bank von Montreal, beigeschlossen war. Es war Mrs. Maud Wilson, die mir schrieb; doch mußte ich bei dem Lesen öfters eine Pause machen, weil eine eigentümliche Rührung mich überkam. Fast Seite um Seite füllten nur rührende Dankesworte das Papier. Dieses Geld – so meldete sie – sei die erste Rate ihrer Schuld; indes dürften sie nicht im mindesten deshalb darben. Frank habe einen brillanten Verdienst! – Und was stand da noch in diesem Briefe? Von nie gekanntem Glück, von seligem Frieden und einem süßen, trauten Heim erzählten die Zeilen –; ferner wie Frank arbeite von früh bis spät, wie einfach und anspruchslos er sei in seinen Bedürfnissen, aber auch, wie geachtet und geliebt er sei von seinem Chef und von allen, mit denen er verkehre! »Ist dieses gottgesegnete Leben jetzt nur eine himmlische Illusion oder haben wir früher einen bösen Traum geträumt? O, möchte doch die Vergangenheit gänzlich ausgelöscht sein!« So schloß die junge Frau ihr langes Schreiben.
Und sie blieb es wirklich. Denn Frank Wilson ist bis zum heutigen Tage nie mehr an jene Schreckensperiode seines Daseins erinnert worden. Als ich ihn nach langer Zeit, völlig zum Manne herangereift, wiedersah, und er mir stumm, doch mit strahlender Seligkeit im Auge, sein einziges Söhnlein, einen prächtigen, blonden Jungen von etwa einem Jahre, entgegenreichte, da wußte ich genau, daß sein einst so verhärtetes, umdüstertes Gemüt nun endlich Frieden gefunden im Schönsten, was eine weise Hand zu unserem Segen und Frommen geschaffen – im eigenen Heim. – –
Und Mrs. Newland?
Weder mündlich noch schriftlich habe ich jemals den Sohn nach seiner Mutter zu fragen gewagt. Doch sie, die für und für des geprüften Mannes »Licht und Trost« blieb, die ihm vertraut und an ihm gehangen in den schrecklichen Tagen des Elends, – sie flüsterte mir, in dem ihr auch später noch anhaftenden, fast jungfräulichen Liebreiz einmal ins Ohr, daß Franks Mutter mit Ellen auf großem Fuße in Paris lebe. Woher sie diese Kunde erhalten hatte, war mir zu wissen gleichgültig, und ich fragte nicht danach. Allein irgend welche Gefahr fürchtete ich für meine Schützlinge nicht mehr. – –
Druck von Greßner & Schramm in Leipzig.