Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt über Kairo aus Europa.
Zu den pikanteren Dingen, nach meinem Geschmacke, rechne ich den Lebenslauf der nach Kairo zerstobenen Europäer. Weil diese Stadt so weit von Europa abliegt, so müssen Neigungen und Verumständungen seltener Art die große Reise veranlassen.
Die Europäer in Kairo verdienen im Ganzen den Ruf der Lockerheit. Gut essen und trinken, reiten und müßig gehen u. dgl. treten als Hauptzüge in ihrem Leben hervor. Das Schuldenmachen ist das Allerunschuldigste, und das Nichtbezahlen der Schulden etwas Gewöhnliches. Daß auch Personen höhern Ranges in Schulden stecken, ist freilich nichts Bezeichnendes für die egyptischen Franken, und, dem guten Tone der Europäer zu lieb, möchte ich es ja nicht tadeln. Ich kannte einen General, welcher einem armen Schlucker an 100 Piaster schuldete. Dieser begab sich oft zu ihm, die Anforderung zu erledigen. Es hieß immer morgen. Und warum: Morgen? Weil der Sold schon ein Jahr lang beim Pascha ausstehe. Uebrigens bewegt sich dieser General auf einem sehr glänzenden Fuße; viel Gesinde, Pferd und Kameel, Strauß und Fasan und dgl. reden von seiner Herrlichkeit. Solchen Aufwand zieht er dem Abtragen der Schulden und der Erleichterung eines geldbedürftigen Mannes vor. Ein Angestellter, welcher bei einem monatlichen Einkommen von 500 Piaster (an 200 Gulden R. W.) demselben ehrlichen Schlucker schuldig war, überschwemmte sich lieber die Nacht hindurch in der rauschenden Gesellschaft des theuren Bacchus, lieber bezahlte er Andern die Zeche, lieber hielt er einen eigenen Esel, lieber bereitete er sich andere Lustbarkeiten und Bequemlichkeiten, als daß er seinen Gläubiger zufrieden stellte. Ich hüte mich wohl, den großen Ton lächerlich zu machen, aus Besorgniß, daß man mich des kleinen Tones zeihe.
Wer frisch in Kairo ankommt, und gerne Geld aushängt, der rechne zuversichtlich auf Freundschaft, aber, mit Erlaubniß zu sagen, auf eine Zungen-, keine Herzensfreundschaft. Der schwärzeste Undank folgt meistens der Gabe oder dem beßtgemeinten Darlehen.
Manche Europäer langen in Kairo an, ohne daß sie etwas mitschleppen, als das Kleid am Leibe; denn auf alsbaldige Anstellung und damit auf Eröffnung der Goldgruben zählen sie so sicher, als der gläubige Christ auf das Erbe des Himmels. Wenn sie dann nicht geradezu betteln oder, nach ihrer vornehmen Redensweise, Geld entlehnen, so schenkt ihnen noch ein Gastwirth Kredit. Wunderbar sind die Künste der Berechnung. Bei aller Armuth aber sind sie, in ihrer verbindlichen Stellung gegen den Wirth, genöthigt, wohl zu leben, z. B. Wein zu trinken. So natürlich; je mehr der Wirth aufschreibt, desto mehr gewinnt er; denn an irgend einer Anstellung zweifelt Niemand. Aus einem Militär erstümpert man exempelsweise einen Zeichenlehrer für die medizinische Schule. Der Wirth spielt mit den neuangekommenen und geldentblößten Abendländern Lotterie, welche ihm jedenfalls Vortheil bringt, muß er auch hin und wieder eine Niete ausbezahlen.
Daß Stümper, Weltlinge, am meisten noch Glücksritter, manche Verschuldete, selbst auch Verbrecher eine große Zahl der Franken in Kairo bilden, leidet wohl keinen Zweifel. In dem Kaffeehause, wo Spanier, Franzosen, Engländer, Deutsche, Polen, Italiener und Griechen bunt durch einander gemengt waren, konnte ich mich oft der wunderlichsten Gedanken nicht erwehren: links saß vielleicht ein Betrüger, rechts ein Dieb, vor mir ein Todtschläger. Ich will nun eine biographische Skizze der Mittheilung nicht vorenthalten, ohne daß ich jede Einzelnheit verbürgen möchte.