Reise durch die Wüste nach El-Arysch.
Verspätete Abreise; Dromedarwechsel; der Pole; Hunger; Hochzeitsspektakulum; Postillon; Dromedarthränen; Kartoffelkunst; Ausmöblirung der Wüste mit Kameelgerippen; Kinderspiel mit Datteldornen; Eremitage à la Rousseau; Dorfschaft Kâtieh mit Allerlei; Fata Morgana; Sirbonis lacus; ein besseres Getränke als Champagner; Idumäa u. s. w.
Ich war Willens während der sehr angenehmen Frühlingszeit länger in Kairo mich aufzuhalten; der Umstand aber, daß ich in der kältern oder Regenzeit durch die Wüste reisen müßte, und daß eben ein Pole, ein Kapitän aus der letzten Umwälzung, welcher des Arabischen kundig war, über El-Arysch nach Syrien sich begeben wollte, bewog mich, den Aufenthalt abzukürzen.
Weh that es mir, daß sich keine Gesellschaft zur Unternehmung der Reise über Suez nach Jerusalem hervorthun wollte.
Um an die syrische Küste zu gelangen, hätte ich zwar über Damiate zu Wasser reisen können; allein mehr denn ein Grund leitete mich durch die Wildniß: nicht nur lauteten die Nachrichten, daß zu Lande keine Kontumaz gehalten werde, sondern ich wollte auch die Süßigkeiten und Bitterkeiten einer Wüste selbst kosten. Lebenserfahrungen sind echte Reichthümer des Menschen.
Der polnische Offizier besorgte die Thiere. Er zog Dromedare vor, weil sie sanfter gehen, und die Hälfte Wegs mehr in einem Tage zurücklegen als die Kameele. Jeder von uns nahm ein Thier für sich, und eines bestimmten wir für den Geleitsmann. Die Gepäcke wurden mehr oder weniger gleichmäßig auf die Lastthiere vertheilt.
Am Tage meiner Abreise hatte ich keine geringe Noth. Ich sollte mich bereit halten, daß ich vor Sonnenaufgang aufbrechen könne. Schon des Morgens verfügte ich mich zum österreichischen Konsul, um den Reisepaß zu holen. Jetzt stellte sich eine Schwierigkeit entgegen. Ich sollte den städtischen Auslaßschein haben, und der Ausfertiger war abwesend; ich beschwerte den Konsul an diesem Tage mehrere Male. Er ließ sich die Sache sehr angelegen sein, und wie sich die Aussicht allenthalben trüben wollte, befahl er seinen Leuten, daß man auf die Ausfertigung dringen sollte, koste es, was es wolle. Schon lag die Nacht eine Stunde über Kairo, als ich eines Auslaßscheines noch entbehrte, indeß der Pole zur Abreise fest entschlossen war. Endlich langte der Dragoman sammt dem Janitscharen und einem Menschen in dem Hause, wo ich wohnte, an, um mir den Auslaßschein und die Erlaubnißkarte für den Eintritt in den Schubbragarten zu überreichen. Letztere traf freilich zu spät ein.
Sonntags den 8. Wintermonat.
Ich bin nicht im Klaren, ob der Pole oder der Besitzer der Dromedare mich in unnütze Geschäftigkeit jagte. Der Geleitsmann kam mit seinen hochbuckeligen Thieren erst etwa zwei Uhr nach Mittag. Die getäuschte Erwartung spannt auf die Folter.
Der Dromedar stand so schnell auf, daß ich mich zusammennehmen mußte, um nicht zu stürzen. Noch beschaute ich die Gassen Kairos, die Leute und — Esel unter meinen Füßen. Wir ritten aus einer Stadt in die andere, von einem Thore zum andern, bis wir, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Ufer des Meeres von Häusern erreichten.
Kairo ist gleichsam ein Gemengsel von Städten. Außer den Umfangsthoren, womit nach Außen die Stadt gesperrt wird, besitzt jedes Quartier seine eigenen Thore, damit es geschlossen werden könne. Das Isoliren der Stadt in ihre Viertel haben die Despoten gar weise berechnet. Bricht in einem Quartiere eine Empörung aus, so werden die Thore desselben auf der Stelle gesperrt, und der Aufruhr beschränkt sich auf einen Theil der Bevölkerung und zwar so völlig, daß man in den übrigen Stadtvierteln die Vorfallenheiten manchmal erst später erfährt, mag auch im heißen Kampfe nicht wenig Blut geflossen sein.
Schon begann der Dromedar zu traben. Er schüttelte mich so kräftig, daß ich das Reiten nicht hätte aushalten können. Ich bestieg einen andern, und nun ging es recht gut. Das Reiten machte mir nur geringe Schwierigkeiten; es war mir bloß nicht am beßten zu Muthe, wenn der Dromedar aufstand oder sich niederließ.
Steht der Dromedar oder das Kameel auf, so stellen sie erst die Vorderbeine auf. Dabei neigt sich der Rücken von vorne nach hinten, und der Reiter bewegt seinen Körper vorwärts. Darauf stellen die Thiere sich auf die Hinterbeine und der Rücken des Dromedars oder Kameels bekommt die entgegengesetzte Neigung nach vornen, wobei der Reiter seinen Körper rückwärts bewegen soll. Lassen die Thiere sich nieder, so fallen sie zuerst auf die vordern, dann auf die hintern Knie, wobei der Reiter sich verhalten muß, wie wenn jene aufstehen. Eigentlich senkt sich der vordere und hintere Theil des Körpers abwechselnd unter zwei Malen. Nach und nach gewöhnt man sich auch an diese Bewegungen der Thiere recht leicht. Die eigene Art Gebrüll, welche sie dabei und beim Packen erheben, spricht den Fremden Anfangs unangenehm an, so daß er versucht werden könnte, zu wähnen, sie seien böse und bissig. In den Jahren der Kindheit hatte ich keine geringe Furcht vor dem Kameele mit seiner wunderlichen fremdartigen Figur, und wenn ich damals sah, wie ein Mensch sich erkühnte, solch’ einen Brüller zu besteigen, so erlangte mein Mitleiden für jenen den höchsten Grad. Die fremde buckelige Gestalt und das starke Gebrüll täuschen in gleichem Maße. Kameel und Dromedar gehören zu den zahmsten Hausthieren unter dem Monde.
Vor der Stadt sahen wir eben die Rekruten sich in den Waffen üben, unter wildem Pfeifen und Getrommel.
Beim Einbruche der Nacht kehrten wir in Chanka, dem ehemaligen großen Lagerplatze der egyptischen Armee, zu. Ich war müde und hungrig. Wir betraten die Hausschwelle eines polnischen Angestellten, und er segnete uns mit einem freudigen Empfange. Seine Frau, eine Koptin, war eben auf Besuch in Abusabel bei ihrer Schwester, einer Prosessorin. Er ging die Heirath unter der Bedingung ein, daß er treu sein wolle, so lange er sich in Egypten aufhalte. Ein Kind, welches ich sah, hatte weit mehr ein koptisches als ein polnisches Gepräge. Dieser Pole soll ein tüchtiger Gelehrter sein. Er sprach in der That sehr unterrichtet, z. B. über den Unterschied der koptischen Religion; allein, erst müde und hungrig, dann schläfrig, verlor ich fast alle Aufmerksamkeit. Der Geist mag sich noch so unabhängig dünken, er muß doch abwechselnd die Herrschaft dem Körper abtreten. Unser Gastfreund setzte Pillau vor, der mir vortrefflich schmeckte.
Zu Hause kann ein ganzes Jahr vergehen, bis ich hungere. Die Befriedigung des Hungers ist wirklich ein großer irdischer Genuß. Ich war, wie viele Andere, ein Stundenmann. Wenn die Glocke schlug, mußte, ohne viel Nachfrage nach der Eßlust, gegessen werden. Auf der Reise wird diese Rechenkunst zur Null, und der Verbrauch der Kräfte durch die Uebungen des Leibes weckt dem gesunden Menschen Appetit. Man sollte daheim sich zur Richtschnur nehmen, mehr aus Nothdurft, als aus Gewohnheit zu essen, und man würde eine Menge Genüsse sich bereiten, und manche Uebel verhüten. Es gehört zu andern Verkehrtheiten des Menschen, daß er die schlichte Wahrheit im Ganzen so wenig würdigt, und daß die blendende Lüge so bald und so leicht in sein Herz eindrückt.
Den 9.
Um zwei Uhr Morgens reiseten wir bei hellem Mondscheine ab. Gegen Morgen blitzte es dann und wann, was ich unter unserm Himmel bei heißer Witterung wahrnahm, ohne daß sie sich zum Donnern und Regen entschied.
Wir kamen durch schön bebaute Landschaften und kurz nach Sonnenaufgang zu dem Dorfe Bèlbeys, wo wir bei der Post auf einer Anhöhe im Freien uns niederlegten, um zu speisen.
Abends erreichten wir das Dorf Légrẻn, und blieben auf der Post in einem Zimmer über Nacht. Ich holte meinen ganzen Schulwitz heraus, um Feuer anzumachen. Ich vergeudete so viel egyptische Schwefelfäden, daß der Schwefeldampf unsern europäischen Lungen bedeutend zusetzte. Ein Araber, naturwitziger, als ich schulwitzig, zauberte das Feuer flugs daher, und ich buk Eier in meinem Kochgeschirre. Das Gericht gerieth so gut, daß es auch meinem Reisegefährten mundete.
Als ich mich schon schlafen legte, erhob sich ein wildes Gelärm und Gejauchze unter Schalmei- und Tamburtönen. Es ward eine Hochzeit gefeiert. Ungefähr so lärmt man in der Schweiz, wenn man, mit Erlaubniß, einen Ochsen im Triumphe von der Schießstätte zum Wirthshause führt.
Morgens hatten wir einen Begleiter; von Bèlbeys wollte er uns in die Wüste führen. Wir trauten ihm nicht, vielleicht mit Unrecht, und wir ließen ihn reiten, seelenvergnügt, daß wir seiner los wurden.
Den 10.
Auch diese Nacht nahm ich das gleiche Blitzen wahr. Als ich vom Schlafgemache herunterstieg, lagen andere Leute noch im Schlafe auf dem Dache. Früh Morgens ritten wir mit einem Polizeidiener (Kafaß) von Gaza, welcher seinen Kondukteur hatte, davon.
Die letzte und diese Poststazion sind, wenn die Mittheilung des Kapitäns Glauben verdient, wegen der Räuber am gefährlichsten. Wir frühstückten in Salehyeh, einem Dorfe mit einer Post, wo die eigentliche Wüste beginnt.
Es langte eben die Post an. Der Postillon trug um dem Haupte einen Turban, und unter dem Kinne einen langen Bart, und über dem Leibe einen langen, faltigen Mantel (Abba). Das Posthorn schmetterte nicht, noch knirrte das Rad; nur sanft patschte die Hufe des Dromedars auf, und kein besonderes Abzeichen war an der Kleidung des Wüstenpostillons erkenntlich. Darin sind die Europäer sehr erfinderisch, einem Jeglichen sein passendes Hanswurstkleid zu geben. Einzig trug der langtrabende Dromedar am krummen Straußhalse eine kleine Glocke, was sich wohl schickt, damit die Räuber zu rechter Zeit erinnert werden.
Jetzt ging es in die Wüste, und als wir tiefer in derselben uns befanden, begegnete uns zu Fuße ein Derwisch (ein mohammetanischer Pfaffe) mit fliegenden Kopfhaaren und langem Barte. Es ist merkwürdig, daß die Wüste immer noch ihre Weltüberwinder begeistert. Es wäre vielleicht doch schon mit den alten Säulenheiligen genug gewesen. Sage wenigstens dem blinden Religionszwange: In der Wüste ist Freiheit des Glaubens.
Die Wüste war nicht so kahl, wie ich sie mir vorstellte. Viele Sodagewächse bekleiden sie zur Steppe. An den meisten Orten zeigte sich dieselbe so, wie ein Kartoffelfeld mit seinem einsam stehenden jungen Kraute. Hie und da erhoben sich kleine Hügel, uns in der Aussicht Abwechselung zu verschaffen.
Auf meinem Dromedare traf mich ziemlich ferne von menschlichen Wohnungen der Unfall, daß er sich reisemüde niederließ. Unverzüglich hob der Geleitsmann das Gepäcke ab; jener stand auf, und trug mich weiter. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Kameele oder die Dromedare auf die Kniee sinken, sobald man sie überladet. Uebrigens war mein armes, an einer Lungenkrankheit leidendes Thier sehr schwach, so daß es beinahe umfiel. Der polnische Reisegefährte rief in seiner Hastigkeit, daß unser Unglück mehr als gewiß sei. Auf dem ermüdeten, kranken Thiere wäre allerdings bei einem etwaigen Ueberfalle die Flucht unausführbar gewesen. Ich war kalter Skeptiker und ritt weiter mit Gelassenheit. Fürchtet man Alles, so hat man doch nichts mehr zu befürchten, und so gewährt wenigstens der Blick in die Zukunft Beruhigung.
Mit unnennbarer Freude erblickte ich gegen Abend auf einer kleinen Anhöhe das Posthaus. Ehe wir dabei anlangten, kamen wir hie und da über einen aufgedämmten Weg (Brücke), arabisch Kantâra. Der Europäer würde das Posthaus zu Kantâra nicht erkennen, und winkt es dem Wanderer doch freundlicher, als der stattliche Postpalast in Paris. Man denkt mit wonnigem Gefühle beim Anblicke der Posthütte, daß man hier unter Menschen Schutz und Ruhe finde. Dem plattdächigen Posthäuschen gegenüber stand mittagwärts eine Art Pavillon, von Dattelblättern gebaut. Weiterhin gruppirten sich einige Zelte für die Polizeisoldaten. Bei Kantâra zieht vor den Blick eine kleine Bucht des Sees von Menzaleh (Tanis lacus), und in seiner Nähe steht ein Brunnen, welcher, wenn ich nicht irre, Byr-el-Dueydar heißt.
Wir waren von dem Durste stark geplagt. Wir schleppten bloß eine Wenigkeit Wasser, nicht einmal in den festesten Thierfellen, mit, so daß eines Morgens mein Bein ganz naß wurde, weil, wegen der schlecht angeordneten Ladung, dasselbe über einen Wasserschlauch gehalten werden mußte. Diese kleinen Vorräthe sollten bis El-Arysch ausreichen. Ich kostete das Wasser zu Kantâra, und fand es salzig (kochsalzig); weil mein Durst aber sich wenig um den Gaumen bekümmerte, so gab ich mich zufrieden und trank. Ich lasse andere Aerzte ihre Qualen erzählen, welche sie von den immer anderes und anderes Getränke verlangenden Kranken zu erdulden haben; ich beschränke mich auf die Bemerkung, daß nur der schwache Durst schwer befriedigt wird, und daß man bei wahrem Durste trinkt, was flüssig ist. Um meine heiße Trinklust einmal ordentlich zu löschen, kochte ich Kartoffeln (die 75 Prozent Wasser enthalten), nachher stößerte ich sie und versetzte sie mit Wasser, worauf sie mit Butter abgekocht wurden. Diese Speise hatte gerade die erwünschte Salzigkeit und schmeckte dem Hungrigen. Sonst verursachte mir das Wasser weder Erbrechen, noch andere Beschwerden.
Begreiflich suchten wir hier den Unfall, welchen uns der Dromedar bereitete, wieder auszusöhnen. Wir versprachen dem Posthalter, einem schön gestalteten und bieder scheinenden Manne, hundert Piaster für einen Dromedar bis El-Arysch. Die Verheißung einer nicht ganz unbeträchtlichen Geldsumme und die Thränen des Reisegefährten, welche dieser über unser Mißgeschick vergoß, vermochten den treuen Postbeamteten nicht zu erschüttern. Er antwortete mit kurzen Worten, daß auf Auslieferung der Thiere, ohne Requisizion der Regierung, das Leben hafte. Was war wohl zu thun? Man mußte sich, ob gerne oder ungerne, in das eiserne Schicksal fügen. Wir vereinigten uns zuletzt in dem Vorhaben, morgen meinen Dromedar ohne Gepäcke versuchsweise zu reiten, was er wahrscheinlich aushalten werde. Verläßt uns die Hilfe der Menschen, so vertrauen wir wieder gerne der Vorsehung.
Den 11.
Wir brachen bei Zeiten auf. Mein Dromedar lebte einmal noch, und zappelte unter mir weiter, damit doch die Augen des Hauptmanns, nein, ich sage, unsers Schicksals trocken werden. Wir hatten den ganzen Tag Sandhügel vor den Augen, und wären diese wirklich naß geblieben, so hätte es uns an Stoff nicht gefehlt, sie trocken zu streuen. Der Weg führte uns über mehrere Hügel und war beschwerlich wegen des lockeren Sandes. Das Thier glitt bei jedem Schritte einen halben Fuß tief in denselben. An der Post Duedâr, welche an die Abendseite eines Hügels sich lehnt, ritten wir vorüber.
Um meinem armen Thiere Erleichterung zu verschaffen, stieg ich hier ab. Mein Gehen war außerordentlich mühselig, gerade so, wie bei uns, wenn der Schnee sehr weich ist, daß man mit dem Fuße tief einsinkt und rutscht. Wie der Sandstaub, so ist eine lügenhafte, trügerische Seele ohne Festigkeit, ohne Halt, ohne Zusammenhang. Ich dauerte das Reisen zu Fuße nicht lang aus; denn ich fühlte Leere im Magen, und bald drückte die Hitze. Den Weg fand ich übrigens ziemlich angenehm. Fortan waren in den Sand die Sodagewächse gesteppt, worin sich die Vögel belustigten. Bald sprang Gewild vorüber, wenigstens Gazellen und ein Schakal (Fuchs). Auf dem meistens deutlichen und breiten Wege durchmusterte ich die Stapfen der Menschen und Thiere, oder die Kameelgerippe, welche, wie gebleicht, auf dem ganzen Wege oft wahrzunehmen sind. Allerdings athmet mehr Leben in der Wüste, als auf dem Meere; selten aber begegnete uns ein Sterblicher.
In der kleinen Oase (Wüsteninsel) Bir-Anoß, welche die Dattelbäume freundlich stimmen möchten, kehrten wir an, uns zu erfrischen. Hier ergötzte mich ein Spiel der Kinder. Sie spießten an drei Datteldorne eine Dattel. Da vergruben sie Datteln nahe an einander in den Sand. Jetzt warf Einer nach dem Andern jene drei an der Dattel vereinigte Dorne nach den unsichtbaren im Sande vergrabenen Datteln, und wer am meisten an den Dornen hervorzog, trug den Sieg davon. Das Spiel will eben nicht viel Gewandtheit, und zeugt von Gewinnlust.
Als wir dann weiter rückten, entzückte mich ein Palmenwäldchen am Fuße der Morgenseite eines Hügels. Die Schalmei erklang lieblich aus dem einsamen Haine. Dort waren Hirten angesiedelt. Diejenigen Araber, welche die Freiheit der Unterwürfigkeit vorziehen, entfernen sich lieber von den Menschen, als daß sie nach den Gesetzen und Launen eines Fürsten leben. Daher wurde selbst die Wüste zum Theile bewohnt. Mich mahnte oft die Wüstenei an unsere Berge und die Leute der Wüste an unsere Bergleute. Einst trieb die Freiheitsliebe die Allemanen vom Rheine auf die Berge der Schweiz. An beiden Orten, in der Wüste der Berge wie der Niederung, waltet mehr oder minder Oede für ein einsiedlerisches Leben. Es ist denkbar, daß man sich an die mit Sodagewächsen bekleidete und mit Hügeln bedeckte Sandwüste ohne viel Ueberwindung gewöhnen könne.
Es verdient, bemerkt zu werden, daß in dieser Gegend die Sandhügel, ihrer eigenthümlichen Form wegen, Pyramiden gleichen. Dieselben sind so glatt vom Winde ausgeblasen, wie unser Schnee oder unsere Windwehen. Sie ziehen im Allgemeinen von Osten nach Westen.
Ehe wir die Post erreichten, genossen wir auf dem letzten Hügel eine sehr ausgedehnte und wahrhaft erquickende Aussicht — Wieder etwas Wassermangel. — Der Dromedar trug mich bis hieher die meiste Zeit, und mit Leichtsinn vergaßen wir bald den gestrigen Kummer.
Wir entschlossen uns, in Kâtyeh zu übernachten. Man wies uns in der Post ein Zimmer an. Es waren so eben auch Mann, Weib und Kinder eingetroffen. Um sich das Reiten bequem zu machen, saßen sie in geflochtenen Kasten (Schekdof), einander das Gleichgewicht haltend. Die Frau begab sich in das Harem.
Kâtyeh ist ein kleines Dorf mit zwei kleinen Moscheen ohne Minaret. Die Gebete werden an denselben gar fleißig und laut vom Muezeinn (Thürmer) gesungen. Abends, etwa anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang, glaubte ich in der Schlaftrunkenheit den Nachtwächterruf zu hören; ich vernahm die silberne, lieblich ernste Stimme des Asche (des fünften Gebetes). Die Wohnungen der Dorfleute, einfacher als alle, so ich bisher sah, sind ohne Dachung. Dattelblätter bilden die große Einzäunung einer Vorrathskammer; darin lag eben ein Haufe Mais. Weil aber der Wind bisweilen den Sand hineinstäubt, so werden die Leute genöthigt, den letztern von Zeit zu Zeit wegzuseihen. Der Vorrathskammer schließen sich die Wohnungen in Form des griechischen Π an; sie sind mithin auf einer Seite ganz offen für Sonnenhitze und Regen.
Auf die Kunde, welche sich in dem wilden Dorfe verbreitete, daß ich ein Arzt sei, kam ein etwa fünfzigjähriger, dürrer, kinderloser Mann mit seiner zum Geschenke bestimmten, rothen Mütze voll Datteln, mich zu fragen, was zu thun sei, damit er Kinder bekomme? Ich hätte den Mann mir jung gewünscht, um wegen einer Antwort nicht in Verlegenheit zu gerathen. Als ich in der Runde spazieren ging, schauten die Weiber und Kinder wie närrisch meine gelb metallenen, glänzenden Knöpfe an, und als ich ihnen meine Taschenuhr zeigte, so sperrte die Bewunderung gar im höchsten Grade ihre großen Augen auf. Laut lachten die weitmundigen, entschleierten Weiber.
Den 12.
Der Weg zog über Hügel gegen Berlaupt. Als ich hier abstieg, fror es mich so nachhaltig, daß ich mich ans Feuer setzte, und nach der Spende der Sonne sehnte. Junge Burschen, die uns umgaben, machten freundliche Mienen, und ich glaubte an ihnen schon einen Uebergang in den weißen Stamm zu bemerken. Vor meinen Augen wandten sie mit ebenso viel Gleichmuth, als Gewandtheit das Glüheisen bei einem Pferde an.
In der Besorgniß, daß mein Dromedar mitten auf dem Wege erliege, sahen wir uns nach einem andern um. Der Posthalter war vor wenigen Tagen gestorben, und die jungen Sprößlinge von leichtem Stoffe, wie Spinnengewebe, trugen kein Bedenken, uns ein Thier anzuvertrauen, so ernstlich auch die im Harem verborgenen Weiber, als würdige Stellvertreterinnen des zarten Geschlechtes, dagegen schreien mochten; nur forderten jene zu stark. Wir wurden endlich einig; schnell ging man, den weidenden Dromedar zu holen.
Nun hatte ich einmal einen guten Läufer, und die Wüste wurde für mich ein Paradies. Indeß bot die Gegend hier auch wirklich die reizendsten Partien dar. Auf einmal kamen wir in einen großen Kessel. Ein Theil des Bodens sah aus, als wenn er mit gefrorenem Wasser und Wasserpfützen überzogen wäre. Dieses Schauspiel gab unser Weg öfter, und eines Morgens konnte ich mich kaum überzeugen, daß ich, statt gefrorenen Wassers, krystallisirtes Salz vor mir hätte. Wie wir aus dem Kessel herausrückten, welch’ Entzücken. Eine ungeheure Ebene, gleich einer Eisdecke, dehnte sich aus, mit einer Lehne gegen Sonnenaufgang, welche die Einbildung zu Seeufern umschuf. Im Nordost spielte die Täuschung mit Palästen einer in großer Ferne liegenden Stadt, und im Norden mit dem Meere. Man durfte dem frohlockenden Herzen kaum offenbaren, daß die Fata Morgana eine Wüste ohne ein einziges Grün sei. In meinem Leben noch nie sah ich eine so vollendete Landebene. Wie sehr ergötzt schon ein kleines, ebenes Gartenbeet; hier aber stelle man sich die stundenlange und stundenbreite Fläche vor. Freilich findet man dergleichen bloß auf kurz angenehm; auf längere Zeit widert die Einförmigkeit an. Wir durchschnitten jetzt andere große Salzebenen, und erst begriff ich die einsamen Schrecknisse der eigentlichen Wüste. Gegen Mitternacht gewann der weiße Salzboden ein so gefälliges Ansehen, daß er an glänzendem Weiß dem Alabaster nicht nachstand. Ein dumpfes Brausen, das ich von der Linken her hörte, blieb mir lange unerklärlich. Den Gruß entsandte das gleichsam hinter der Bühne schwebende Meer; denn von Salzfluthen bot sich nicht eine dem Auge dar. Daß der durchrittene, muschelreiche Boden ein Wassergrund war, leidet keinen Zweifel. Wahrscheinlich breitete sich hier der Sirbonis lacus (Sirbu) aus, der einst 150 Meilen im Umfange hielt und zur Zeit des Plinius nur ein mäßiger Sumpf mehr war. Von der alten Stadt Ostracine (Straki) erblickte ich keine Spur.
Die Poststazion war überaus groß. Doch langten wir vor Untergang der Sonne in Choanat, dem Ziele unserer heutigen Reise, an. Der Postmeister, ein recht artiger Mann, bewirthete uns mit süßem Trinkwasser aus El-Arysch, womit uns ungemein gedient war. Wir würden Champagner-Wein nicht vorgezogen haben. Auch durften wir uns etwas darauf zu gute thun, daß er uns nicht, gleich andern Reisenden, unter freiem Himmel lagern ließ, sondern gastlich in seine Wohnung aufnahm.
Die Posthütte war für mich nicht ohne Interesse. An ihren Mauern bemerkte ich mehrere Versteinerungen. Der kranke Postmeister verlangte von mir ärztliche Hilfe. Es liegen indessen solche Wünsche so augenscheinlich auf der Hand, daß ich sie in der Folge schwerlich mehr berühren werde.
Freitags den 13. Wintermonat.
Mit Tagesanbruch bestiegen wir die Dromedare; ich wieder meinen alten. Rechts erging sich mein Auge an den Sandbergen. Unter den Füßen starrte Salz und Salz. An manchen Stellen bildete dasselbe weißen Krystall, an andern lag es zerbröckelt, grau und mit Sandkörnern vermengt. Eine Weile lang machte ich allein den Weg in der Wüste. Da schritt ein Beduine daher; bald kam auch ein anderer, und beide grüßten einander. Mir schien die Sache nicht geheuer. Ich machte mich in Gedanken mit einem Angriffe vertraut. Auf Hilfe hätte ich wohl nicht zählen können; in der Wüste wäre jeder Hilferuf umsonst verhallt. Ich erblickte kein anderes Wesen in der weiten Runde, als die zwei Beduinen. Ich ritt theilnahmlos an ihnen vorüber; sie schauten mir einige Augenblicke nach, und dann gingen auch sie ihres Weges. Ein solches Begegniß wäre unter andern Umständen ganz unbedeutend gewesen, und auch unter diesen will ich keineswegs mir einbilden, daß ich in Lebensgefahr gestanden habe. Die übrige Zeit hatte ich den Kameeltreiber zum Gesellschafter, der sich fort und fort in seinem kopfstimmigen Singsang gefiel. Nach einem mehrstündigen Ritte erhob sich endlich am Horizonte zu meiner Freude das Meer, das brausende.
Heute begegneten uns überhaupt nicht selten Menschen und viel beladene Kameele. Am Meeresstrande ging es dann fort bis zu einem mit Grün umgebenen Brunnen, wo ich den Polen mitten unter mehrern Leuten und Thieren einholte; denn da mein Dromedar schlecht trabte, ritt jener rücksichtslos weiter. Menschen, die sich um Andere nicht bekümmern, sollten, zu ihrem eigenen Beßten, eine geraume Zeitlang weder ein vernünftiges Geschöpf sehen, noch hören. Unter den am Brunnen gelagerten Leuten befand sich ein Beduine, auf dessen Luntenflinte man mich aufmerksam machte. Von dieser lachenden, kleinen Au, in deren Umgegend wahrscheinlich das alte Rhinocorura in Idumäa (Edom) oder genauer im Lande der Amalekiter (Beduinen), nach Andern in Egypten lag, waren wir bald bei El-Arysch.
Werfen wir einen Rückblick auf die Reise. Unzweifelhaft gewährt sie ihre eigenthümlichen Reize und Vortheile. Wer möchte in der theilweise kahlen und leblosen Wüste von Gespensterfurcht geplagt werden, weil etwa ein Baumwipfel lispelnd sich neigte, eine alte Eiche knarrte, ein faules Holz schimmerte, eine Maus nagte, ein Holzbock bohrte? Wer möchte sich bangen, daß eine Eule schrie, gleich als wenn unsere alten Mütterchen ohne das Eulengeschrei nicht sterben könnten, und so alt werden mußten, wie der ewige Jude Ahasverus? Und so ungehindert kann man in der Wüste wandeln. Weder einem glänzenden Könige muß man ausweichen, noch von einem lumpigen Bettler wird man angehalten. Wenden wir uns jetzt von der Lichtseite auf die Schattenseite. Wiewohl Person und Eigenthum während der Reise durch die Wüste, so zu sagen, sicher sind, so möchte ich dieselbe nicht geradezu rathen, weil sie in überwiegendem Maße beschwerlich und mehr Unglücksfällen preisgegeben ist. Wer seltene Merkwürdigkeiten schauen will, darf aber Opfer nicht scheuen.
Es verdient Würdigung, daß durch die Wüste Posteinrichtungen bestehen, und daß somit das menschenarme Land gleichsam in den Bereich der Kultur gezogen wurde. Dem schaffenden und durchgreifenden Geiste des Mehemet-Ali müssen wir auch hier Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wir dürfen indeß nicht in Vergessenheit bringen, daß die Posteinrichtungen keinen allgemeinen, sondern einen speziellen, keinen bürgerlichen, sondern einen militärischen oder Regierungszweck haben. Der Postillon nimmt keine Pakete an. Die Briefe gehen nicht regelmäßig. Es scheint, daß diejenigen Privaten einer besondern Begünstigung bedürfen, welche der Wohlthat einer ordentlichen Verbindung durch die Post theilhaftig werden wollen.
Uebrigens sind Kameel- oder Dromedarposten nicht das Erdachtniß unserer Zeit. Schon Salomo Schweigger redet von der Kameel- oder Dromedarpost. Zu Rosette, sagt er, hab’ er eines Tages Einen sehen auf der Post reiten „auff einem Cameel“ oder „Dromedar.“
Unsere Reise dauerte fünf Tage und fünf Nächte. Wir brachen in der Regel sehr frühzeitig bei Nacht auf, lagerten und ruheten am Morgen und Abend, im letztern Falle bis über Mitternacht. Wir legten ebenso in der Regel täglich zwei Posten, nur einmal drei zurück, so daß im Ganzen von Kairo bis El-Arysch elf Stazionen gezählt werden. Mit Wassermangel würde man sich im Grunde vergeblich martern, weil das Wasser auf allen Posten genießbar ist, und von den Leuten daselbst wirklich genossen wird. Wir haben freilich lieber einigen Wassermangel gelitten, als mit salzigem Wasser unsern Durst gänzlich gestillt.
Die Witterung war während der Reise schön, die Nächte vom Monde beleuchtet, die Mittagshitze auf dem Thiere leicht erträglich, und nur an ein paar Morgenstunden verspürte ich strengere Kühle. Es ist gut, wenn man sich gegen die Morgenkühle durch Kleider wohl verwahrt. Das Bedürfniß dem Auge ringsum sich anschließender Steppenbrillen gegen den Sandstaub fühlte ich niemals bei der Windstille oder bei dem sehr leisen Winde, die während meiner Reise herrschten, so angelegentlich man mir jene, als etwas Unentbehrliches, in Kairo empfahl.
Statt mit Freudigkeit, erblickte ich die auf einem Sandhügel einsam stehende, niedrige Moschee von El-Arysch eher mit Mißmuth; denn hier wartete auf uns die Quarantäne. Zelt an Zelt, Leute, Kameele, Esel bezeichneten im bunten Neben- und Durcheinander die Gesundheitsanstalt. Wir schauten nach einem Zeltplatze. Eben gefiel uns einer, als es hieß, daß heute dort drei Personen an der Cholera starben. Unter solchen Umständen suchten wir uns, so viel als möglich, abzusondern, und wir schlugen unser Zelt an einem erhabenen Orte, mit der Aussicht auf das Meer und die Wüste, auf das Gebirge des steinigen Arabiens in der Ferne, und auf die in der nahen Vertiefung liegenden Zelte eines Bei, mit Namen Mustafa, eines Gardeobersten. An das Zeltleben noch nicht gewöhnt, sollte ich zwölf Tage hier verbringen, ein Gedanke, der wie Blei auf mein Herz drückte.
Mir that es leid, mit dem Oberaufseher der Quarantäne gleich Anfangs mich zu zerwerfen, als er uns auf einer günstig gelegenen Stelle nicht sitzen lassen wollte. Ich machte ihm vorstellig, daß es unsere Pflicht sei, für die Gesundheit beßtens zu sorgen, daß keine Regierung, welche für die Menschheit mit Achtung durchdrungen sei, uns die Besetzung eines Lagerplatzes von Krankheiten zumuthen könne, und daß, wenn man meinem Wunsche nicht willfahre, mir in Aussicht gestellt sei, die Anstalt nach Verdienen in Europa bekannt zu machen. Dieser Worte Stachel empfand der Mann so lebhaft, daß er einige Schritte vorwärts ging und dann bemerkte: „Ich schicke Sie zurück, wenn — —“ Er wurde endlich nachgiebig, indem er uns an dem ausgewählten Orte das Zelt aufrichten ließ, worauf ich nun gerne schwieg.