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Luthers Glaube: Briefe an einen Freund

Chapter 5: IV
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About This Book

A sequence of reflective letters offers a close reading of Martin Luther's theology and temperament, tracing his rejection of works-based righteousness and his insistence that true faith springs from inner necessity rather than deliberate moral striving. The author analyzes Luther's critique of ceremonies, ascetic practices, and moralism, his argument about the bondage of the will and dependence on divine grace, and the furious rhetoric that often provoked misunderstanding. The essays blend theological exposition with cultural and literary reflection, aiming to clarify misconceptions and render complex doctrinal debates accessible to a sympathetic correspondent.

The Project Gutenberg eBook of Luthers Glaube: Briefe an einen Freund

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Title: Luthers Glaube: Briefe an einen Freund

Author: Ricarda Huch

Release date: April 12, 2012 [eBook #39430]

Language: German

Credits: E-text prepared by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges, and the Online Distributed Proofreading Team

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE: BRIEFE AN EINEN FREUND ***

 

E-text prepared by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges,
and the Online Distributed Proofreading Team
(http://www.pgdp.net)

 

Anmerkungen zur Transkription:

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Luthers Glaube
Briefe an einen Freund

von
Ricarda Huch

Visibilia et Invisibilia


Im Insel-Verlag zu Leipzig
1920

16. – 19. Tausend

Inhalt

IIIIIIIV
VVIVIIVIII
IXXXIXII
XIIIXIVXVXVI
XVIIXVIIIXIXXX
XXIXXIIXXIIIXXIV

I

In seinen Kritischen Gängen macht F. Th. Vischer folgendermaßen seiner Begeisterung für Luther Luft:

„Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit, womit sich Luther selbst und mit ihm seine Nation rein auf die inneren inhaltsvollen Interessen des Geistes warf, allem schönen Schein, aller sanften, menschlich schönen Bildung zunächst den Rücken kehrte, so daß die bildende Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im Lauf der Jahrhunderte eine ästhetische Bildung eintrat, welche bei den romanischen Völkern in ununterbrochener Fortentwickelung mit oder nicht allzu spät nach dem Abschluß des Mittelalters ihre Blüte feierte. Und er vergißt sich zu fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie, ja, ob er je eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner Werke geschrieben hätte, wenn nicht jene unsere derben Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden schönen Scheins mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so eine Krisis der Zeiten herbeigeführt hätten, eine ethische Krisis, für welche nie und nimmer die ästhetische Bildung ein Surrogat sein kann, welche vielmehr einer echten, tiefen, wahren Kunst und Poesie, wie die neuere es ist, vorausgehen mußte. Wohl uns, daß unsere Vorfahren überhaupt gar die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch Überlebte sich ästhetisch zu verblenden; daß sie solche Tendenzbären waren, daß der schöne Schein sie nicht bestechen, der Glanz der Belladonna sie nicht blenden konnte; wohl uns, daß sie nicht mit der Phantasie umfaßten, was der grobe Verstand, die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.“

So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller über Luther, dessen Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral zu bekämpfen, der Poesie sprach, wenn er den Mund auftat. Er nennt Luther einen Tendenzbären, ihn, der jede Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt hat, ohne darum in den Irrtum zu verfallen, als sei die Kunst oder sonst irgend etwas um seiner selbst willen da, da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das Weltganze um seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral oder Werkheiligkeit nämlich war der Ausgangspunkt und Mittelpunkt von Luthers Lehre. Als ich diese Vischersche Predigt las, begriff ich, was für ein Zorn, ja was für eine Raserei Luther manchmal ergreifen mußte, wenn ihn trotz seiner klaren und glühenden Worte niemand verstehen wollte oder meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und ihm grinste immer nur engherzige oder verstockte Persönlichkeit entgegen. Auch Goethe also, der ohne Luther nicht zu denken wäre, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing, Schiller und überhaupt jeder große Deutsche nach ihm, hat ihn verkannt und verleugnet; wiewohl ich glauben will, daß davon mangelhafte Kenntnis die Ursache war.

Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen Meinungen seines Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller, packender, reiner ausgeprägt sich auszusprechen als Luther ist nicht möglich, und es ist doch nicht möglich, noch gründlicher mißverstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt und verbrannt zu werden. Aber Luther streute den Samen seines Wortes trotz Haß und Mißverständnis aus, denn er tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er mußte, und deshalb ging der Samen auch auf und nährte alle, selbst wider Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen Dichter, dem es weniger um seinen Namen zu tun war, als Luther. Erinnerst du dich der schönen Worte des Marquis Posa: ihn, den Künstler, wird man nicht gewahr; bescheiden verhüllt er sich in ewige Gesetze. Was für ein Mensch war Luther, daß man auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt ist. Er würde aus Vischerschen und anderen Mißverständnissen jedenfalls nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß man sich schweigend in sich zurückziehen, und noch viel weniger die, daß man seine Person ins hellere Licht ziehen sollte, sondern daß seine Ideen wiederholt und verständlicher gemacht werden müßten.

Wenn ich sie gerade dir verständlich zu machen suche, so ist das, weil ich nun einmal so gern dir sage, was ich weiß, wie wenn es dir gehörte. Nehmen wir an, du seiest der König, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich deshalb meine Lieder, oder was es sonst ist, widmen muß. Ob das Sinn und Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen hoffe ich, daß du deiner Scheherazade ebensogern zuhörst, wie sie dir erzählt, und beschränke meine Vorrede auf die Bitte, daß du nicht ungeduldig wirst, wenn ich etwas sage, was du schon weißt. Es ist ein Unterschied, etwas zu wissen und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen Zusammenhange, zu hören.

Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen. Luther bemühte sich im Kloster, vermittelst der Vorschriften des Mönchslebens die Seligkeit, den inneren Frieden, zu erlangen, oder, wie er es oft nennt, einen gnädigen Gott zu bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen, Kasteiungen, kurz in allerlei Übungen zum Zwecke der Selbstüberwindung; Luther fand aber, daß er sich, je ernstlicher er in ihrer Ausführung war, desto weiter von dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger er am Maße der Werke gemessen wurde, desto dunkler, kälter und leerer fühlte er sein Inneres. Was er auch tat, um sich gewaltsam Gott zu nähern, das Ergebnis war, daß er ihm immer ferner rückte, bis an den Rand der Hölle. Unter Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, daß man zugleich in seinen Handlungen gut und in seinem Innern unselig sein kann; daß zwischen Handeln und Sein eine unüberbrückbare Kluft besteht, solange die Handlungen aus dem bewußten Willen fließen, daß ein Zusammenhang zwischen Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen aus dem unbewußten Herzen, eben aus dem Sein entspringen, kurz, daß nur die Taten der Seele zugute kommen, die man tut, weil man muß. Alles Guthandeln, das nicht mit Notwendigkeit aus dem Innern fließt, sondern das der bewußte Wille macht, rechnete Luther unter die Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur Schein ist, weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat. Er wies alle derartige Handlungen als ungöttlich, d. h. nicht aus dem Sein fließend, aus dem Gebiet der Religion in das Gebiet der Moral, womit nur die Welt, aber nicht Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral vom Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, daß sie in einem feindlichen Gegensatz zu Gott steht.

Daß sogenannte Zeremonien, nämlich kirchliche Vorschriften, als Wachen, Fasten, Beten, Kasteien und ähnliches, die Seligkeit nicht geben können, leuchtet den meisten Menschen ein; man könnte indes bezweifeln, ob moralische Handlungen unter denselben Begriff gehören. Auch hat schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher Denker es bestritten; aber Augustinus stellte fest, daß Paulus durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern auch die moralischen Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu den Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht machen.

Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln, welches das Wohl des Nächsten, nicht das eigene Wohl bezweckt; gut ist gleichbedeutend mit selbstlos, böse gleichbedeutend mit selbstsüchtig. Luther sagt nun, der Wille des Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes anzustreben als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im Menschen; jeder also, der seine Handlungen so einrichte, als ob er das Wohl des Nächsten anstrebe, sei ein Heuchler und Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die Pharisäer wieder auf, den Christus gekämpft hat.

Es versteht sich, daß es auch zu Luthers Zeit Pharisäer in Menge gab, die sich über seine Lehre moralisch entrüsteten. Es entspann sich der berühmte Streit um den freien Willen, von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich stützend, behauptete, daß er der Sünde oder dem Teufel verknechtet sei, und aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit werden könne. Es ist höchst interessant nachzulesen, wie sich Luthers Gegner wanden und drehten, um ihn in diesem Punkte zu bekämpfen. Auf dem Tridentiner Konzil bemühte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche der freie Wille des Menschen gerettet und doch Gott nicht zunahe getreten würde. Denn man mußte zugeben, daß Gott, wenn überhaupt Gott sei, allmächtig, allwissend, allumfassend sein, daß folglich jede menschliche Kraft von ihm ausgehen müsse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der freien Selbstbestimmung des Menschen festhalten zu müssen, wenn man es auch nur so ausdrückte, daß der Mensch der göttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen könne, ohne daß ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche Ausflüchte in Worten waren Luthers Sache nicht, da er eine klare und unerschütterliche Überzeugung hatte. Seine Meinung war, daß Gott, Teufel und Mensch im tiefsten Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend, in Gott wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, daß alles von Gott, dem einzig wahrhaft Seienden, abhängt, und daß, soweit der Mensch eine Selbsttätigkeit hat, auch diese von Gott verliehen sein muß und nur von Gott wieder zurückgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen hatten die dunkle Vorstellung, als wäre der Mensch eine selbständige Person, die von zwei mächtigeren selbständigen Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die nur von einer mächtigeren Person, Gott, beeinflußt oder beherrscht würde; denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt würde vielleicht mancher sagen, daß das Sein des Menschen, im allgemeinen Sein wurzelnd, verschiedene Entwickelungsphasen mit verschiedenen Bewußtseinsgraden durchläuft; aber diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte. Übrigens blieb er auch absichtlich bei den alten, geläufigen Symbolen und mied die Begriffe, die sich so leicht verflüchtigen, wie er von den Scholastikern wußte. Andererseits trennen sich die Symbole leicht von den Ideen, die sie decken, und sinken zu Hülsen herab; darum ist es in unserer Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns eigentlich bei Luthers Worten denken können und sollen.

Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, daß der natürliche Mensch nur sich selbst und sein Wohl wollen kann, und daß, wenn sein Handeln andern zugute kommt, etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur auf den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer Strafe gerichtet ist. Ob er den Lohn und die Strafe von Gott in einem vermuteten jenseitigen Leben erwartet, oder ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder ob er die eigene Billigung und Mißbilligung sucht und fürchtet, das eigene Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen, solange wir wollend sind, einem inneren Gesetz der Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck, daß wir fallen, wie auch, daß wir wohl nach unten, aber nicht nach oben frei sind.

Du wirst sagen, daß Luther demnach die Freiheit des Willens nicht überhaupt leugne, und vermutlich, daß diese seine Ansicht dadurch erst recht unbegreiflich würde. Nun also, daß alles, was geschieht, notwendig geschieht, ist selbstverständlich, da ja alles geprägte Form ist, die sich entwickelt; aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt sich, ob der Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet Luther, daß er wollend stets nur alles auf sein Selbst beziehen könne, das Gute wolle er nur durch Gnade, mit anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde in ihm gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den Luther öfters anführt, heißt: Der Mensch ist wie ein Tier, Gott und Satan können ihn lenken. Vielleicht klingt es dir verständlicher oder sympathischer, wenn ich sage, der Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand des Teufels. Nun gibt Luther zwar zu, daß der Mensch auch selbst wollen könne, und er grenzt dies Gebiet ab als das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch, obwohl es sich dem Teufel gewissermaßen entgegensetzt. „Da ja dies das höchste Streben des freien Willens ist, in moralischer Gerechtigkeit und Werken des Gesetzes sich zu üben, durch die seine eigene Blindheit und Ohnmacht befördert wird.“ Zunächst scheint es allerdings weit verdienstlicher zu sein, das Gute zu tun, weil man will, als weil man muß; ja, wenn man muß, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll es nach Paulus und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste, eigenen Willen vor Gott zu haben ist nach ihnen teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist verdammt, heißt es in der Bibel. „Du sollst nicht tun, was dir recht dünkt.“ Luther führt eine Geschichte aus dem Alten Testament an, wo einer aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft wird, als weil er etwas Gutes getan hatte, was nicht von Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man nicht bedenkt, daß es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt. Daß Werke und Verdienste vor der Welt nützen, bestreitet Luther nicht; nur daß sie „einen gnädigen Gott machen“.

Es hat etwas Überraschendes, wenn Luther sagt, eine Jungfrau, die ehelos bleibe in der Meinung, dadurch etwas Verdienstliches, Gottgefälliges, Heiliges zu tun, sei teuflisch; wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine Neigung zur Ehe habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe von anderen Dingen abgehalten zu werden fürchte, die ihr mehr am Herzen lägen, so handle sie wie eine rechte, christliche Jungfrau. Die also, welche ihre natürlichen Triebe mit großer Anstrengung überwinden, wird Gott nicht nur nicht belohnen, sondern strafen. „Und Matth. 21, 31 spricht es auch, daß Huren und Buben werden eher ins Himmelreich kommen, denn die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche doch fromme, keusche, ehrliche Leute waren.“ Aus dieser Stelle siehst du, daß Luther unter Pharisäern nicht nur schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern „fromme, ehrliche, keusche“ Leute, deren Schuld nur darin bestand, daß sie absichtlich nicht sündigen wollten. Zu den Zöllnern und Sündern ist, wie du weißt, Christus gekommen, sie nennt er sein teuer erarntes[1] Eigentum. Besser sündigen als gut handeln weil man will, nicht weil man muß; denn das heißt eine Maske vorbinden, hinter welcher das lebendige Gesicht verschwindet. „Sei Sünder und sündige kräftig“, schreibt Luther an den werkheiligen Melanchthon, „aber noch kräftiger vertraue auf Christus und freue dich seiner, der ein Überwinder der Sünde ist, des Todes und der Welt: wir müssen sündigen, solange wir hier sind.“ Das bewundere ich besonders an Luther, daß er begriff, daß der Teufel und die Sünde zwar nicht sein sollen, aber sein müssen, während die meisten Menschen nicht auf die Idee des Guten kommen können, ohne daß sie die Idee des Bösen aus der Welt schaffen möchten. Es muß aber beides sein.

[1] mittelhochdeutscher Ausdruck für erworbenes (erarnen = einernten, erwerben).

Denke nicht, geliebter Freund, du wärest kein Werkheiliger, wenn du kein Pharisäer, wenn du nicht tugendstolz bist. Du hast zu viel Geschmack, um mit Tugenden zu prahlen, die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um von einem andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu können. Dabei ist doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint nicht alles, was du bist, wenn auch nichts erscheint, was du nicht bist. Du verstellst dich nicht, aber du verbirgst dich. Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als sich selbst zu genügen, sind, gerade weil sie gottähnlich sein wollen und sind, am allermeisten ungöttlich; sie sind wie Luzifer, der schönste unter den Engeln, der durch seine Schönheit zum obersten Teufel wurde. „Gleichwie vom Anbeginn aller Kreaturen“, sagt Luther, „das größte Übel ist allezeit gekommen von den Besten.“ Dein Unglück, du Liebster und Schönster unter den Menschenkindern, scheint mir zu sein, daß dir nichts und niemand schön genug scheint, um dich zur Sünde zu verführen; darum betest du dich selbst an und verführst, du, der selbst nicht sündigen will, andere dazu, die Sünde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast hättest du auch mich dazu verführt; aber ich bin nun einmal in der Gnade und kann dich lieben, ohne Schaden an der Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten, und du mußt mir zuhören. Runzle nicht die Stirn und hebe nicht warnend den Finger: ohnehin bricht der Morgenstern durch die erste Nacht und lächelt.

II

Darauf war ich vorbereitet, daß du mit einer ablehnenden Gebärde, die alles glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt habe, antworten würdest. Da ich nun einmal deine Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein König, finde ich mich hinein, zuweilen auch einem ungnädigen Herrn Vortrag halten zu müssen, und hoffe, daß diesmal entweder ich mich deutlicher ausdrücke oder er mir ein geneigteres Ohr schenkt.

Du schreibst mir, das wissest du wohl, daß ein guter Baum gute Früchte trage und ein schlechter Baum schlechte, und daß es am schönsten sei, wenn einer das Gute tue, weil er müsse; es hätte dich interessiert zu erfahren, wie aus einem schlechten Baum ein guter werden könne, und solange du kein Mittel dafür wüßtest, zögest du gute Früchte, wenn auch durch Eigenwillen hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, die vielleicht nie käme, sei im Grunde eine Schlamperei, und du hieltest dich einstweilen an das Wort Goethes: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.

Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe wie einen Wandschirm benützt, um sich dahinter zu verstecken; denn nicht alle Worte Goethes sind Worte Gottes und an sich beweiskräftig. Mit diesem Ausspruch indessen erkläre ich mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, der gläubig war. Erinnere dich, daß er Mephisto stets zur Seite hat, und wer an den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Die ganze Faustdichtung ist überhaupt auf Luthersche Lehre gegründet, wenn auch im zweiten Teile Absicht und Wollen zuweilen störend hervortritt. Gerade Faust sündigt ja gründlich; aber er könnte mit den Worten der Bibel sagen: Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Sein Streben nach dem Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schön, anstatt ihm mit einer Maske auszuhelfen. Faust mußte zwar auch erst zum Sündigen aufgefordert werden; aber es glückte doch ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging eigentlich von ihm selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von Melanchthons, die erst nicht sündigen wollen und es schließlich nicht mehr können. Die meisten können es schon von Geburt an nicht mehr, sie liebäugeln nur mit der Sünde; denke aber nicht, daß ich dich zu diesen kalten Koketten zähle. Immerhin bist du des Sündigens wohl so entwöhnt, daß du es nicht ohne weiteres richtig anpacken würdest, und da du außerdem die Ordnung liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, so werde ich mit einer Untersuchung der Sünde anfangen.

Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort betrachten, in dem sie sich ausprägt. Res sociae verbis et verbis rebus: die Substanz ist dem Wort gesellt und das Wort der Substanz. Mir scheint es hier am besten, die Dinge mit Substanz zu übersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt das Wort Sünde von Sondern, und im Begriff des Sonderns, der Absonderung, ist auch der Begriff der Sünde gegeben. Die erste Sünde des Menschen ist die Absonderung von Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte er sich von Gott ab und wollte selbst Gott sein; es ist die Erbsünde, die jedem Menschen anhaftet und seinen Willen knechtet, so daß er nur sich selbst wollen kann. Der selbstische Mensch erkennt nicht, daß er Teil eines Ganzen ist, sondern er hält sich selbst für ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt seiner Umwelt, die er für sich ausnützt, anstatt dem All-Mittelpunkt, dem Ganzen zu dienen. Die Erbsünde ist also zugleich eine Sünde gegen Gott und gegen die Menschen, was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich offenbart. Um die Erbsünde oder die Selbstsucht – nimm auch das Wort Sucht bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, nämlich Seuche, Krankheit – zu bekämpfen, richtete Gott das Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das Gesetz nennen wir im engeren Sinn Sünde, sie sind gewissermaßen die angewandte Erbsünde.

Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrückt, indem ich sagte, Gott habe durch das Gesetz die Sünde bekämpfen wollen; zunächst wenigstens gab er das Gesetz, um die Sünde zu mehren, „damit die Sünde überhandnehme“, wie Paulus sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was für Sünder sie sind, also handeln sie der Absicht Gottes entgegen, wenn sie nicht sündigen. Gott ruft uns im Gesetz zu: Zeige dich, wie du bist; aber der moralische und luziferische Mensch verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke, in der Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt zu sündigen, so will er, daß er sich so selbstsüchtig zeige, wie er ist; ordentliche, kräftige Sünden, auf die kommt es an, offene und offenbare, die der Welt und einem selbst unwiderleglich zeigen, daß man ein Sünder ist. Ich denke, hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und mir Beifall und sagen: ja, die Sünde muß geäußert, nicht nach innen verdrängt, sie muß begangen und bekannt werden, sonst vergiftet und zerfrißt sie das Innere. Es geht sonst wie Luther sagt: „Auswendig hats eine gute Gestalt, inwendig wirds voll Gift“; und zuletzt hat es auch auswendig keine gute Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, daß auch das Sündigen nicht hilft, wenn es gewollt wird; es muß, wie das Gute, gemußt werden, wenn es fruchten soll.

Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch eine im entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab zu Gott zurück. Wie aber jene erste Absonderung zugleich eine Sünde gegen die Menschen war, so muß auch die Wiedervereinigung mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem er sich von den Menschen absondert, befindet sich auf einem Irrwege und versinkt anstatt in Gott nur immer tiefer in sein Selbst. „So jemand spricht: Ich liebe Gott! und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.“ Dies ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten eingeht, daß er Gott nicht nur, aber doch vorzüglich in den Menschen lieben muß; denn gerade Absonderung von den Menschen verlangt seine luziferische Vorzüglichkeit, weil es ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich, von ihnen abgewendet. „Hüte dich, daß du nicht so rein seiest, daß du von nichts Unreinem berührt sein willst“, schrieb Luther einem seiner Freunde. Die schon erwähnten Psychiater können dir bestätigen, daß es eine bekannte Zwangsvorstellung Geisteskranker ist, überall Staub oder andere Unreinlichkeit zu wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflößt. Dabei fällt mir ein, daß ich einen Menschen kenne, der am liebsten den ganzen Tag an sich herumwaschen würde, der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter schlechten Gerüchen und Schmutz besonders leidet; aber er würde jede menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen anrühren, wenn er den damit Behafteten helfen könnte, und zwar ohne daß es ihn Überwindung kostete. Das ist aber auch ein Sünder und Liebling Gottes. Der natürliche, naiv egoistische Mensch sündigt gegen das Gesetz, und das ist leidlich; der Werkheilige, sei er Pharisäer oder Luzifer, sündigt gegen die Liebe; das ist die Sünde, die Gott verdammt.

Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des Menschen – denn ich sagte dir ja schon, daß er der Sache nach die Idee der Entwickelung schon hatte – drei Stufen der Sünde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen dreifach, wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die Welt und durch den Geist. „Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die Welt sucht Gut, Gunst, Gewalt und Ehre, der böse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung.“ Die erste betrifft wesentlich die Jugend, die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den Menschen lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die alternden, die reifen, die höchstentwickelten Menschen, es ist die Versuchung des Luzifer zur Selbstvergötterung. Wie die Entwickelung der einzelnen ist die der Familien, der Völker und der Menschheit: die Sünde des Luzifer tritt in Zeiten des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schönheit, deren Wirkung sich niemand entzieht; aber allmählich zeigen sich die Folgen des inneren Giftes. Dann kommen die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die Menschen das bißchen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst zurückziehen, um mühsam eine edle Haltung und schöne Gebärden zu tragieren. Es ist eine Verengung, die auf eine starke Erweiterung folgt.

Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung auf dich; vielleicht sagst du auch, du hättest sämtliche Stufen der Versuchung durchgemacht und machtest sie noch durch, und ich müßte das wissen; warum ich dir denn den Vorwurf machte, du sündigtest nicht? Weil ich, geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare Sünde von dir gesehen habe und auch bestreite, daß du eine begangen hast. Natürlich bist du unendlich selbstsüchtig, unendlich ehrgeizig, unendlich stolz, unendlich begehrend. Du gehörst nicht zu den Guten, von denen die Bibel sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden, sondern du zehrst dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene Beute nur noch hungriger. Aber du verschlingst nur im Geiste, alle deine Sünden gehen nicht in Taten noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht irrezugehen.

Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so sollte es dich wenigstens zu bösen treiben, oder man müßte schließen, daß du überhaupt keins hast. Herrgott, eben überläuft es mich ordentlich. Wenn es nun so wäre, und du hättest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen habe, deinen Willen zu sündigen unterdrückt hättest, sondern wenn dieser Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung wäre, weil dein Herz zu eng oder zu schwach ist, um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht einmal zu Worten? Ich weiß, du wärest zu stolz, um etwas zu tun oder zu sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. Du machst nie Redensarten; aber du schweigst auch. Du bist kein Lügner; aber ehrlich bist du auch nicht: du schweigst. Es ist doch nicht möglich, daß du gar nichts zu sagen hättest! Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie das andere tun und sagen könnte? Ich gebe zu, bei vielen Dingen, namentlich weltlichen Dingen, ist das natürlich. Aber irgend etwas muß dir doch wichtig sein, wenn sonst nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprächest, die abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten Gedanken und Wünsche aussprächest, das wäre hunderttausendmal besser, als wenn gar kein Ich da wäre, oder nur so ein fades, schleichendes, tröpfelndes.

III

Der Kanzler hält heute seinen Vortrag mit dem frohen Bewußtsein, daß ihm ein gnädiger König zuhört. Du willst wissen, und darin sehe ich das Gnädige, was du eigentlich bei dem Sündigen gewinnst; denn nur um zu beweisen, daß du ein Herz habest, ließest du dich auf eine so heikle und dir ungewohnte Sache nicht ein. Du schreibst, ich müsse doch zugeben, daß Sünde an sich häßlich sei, beflecke, entstelle; wenn nun ein Mensch aus Stolz, um eines großen Namens willen, das Unreine von sich abwehre, warum das Gott nicht sollte leiden wollen? Ob du dir Gott so eifersüchtig vorstellen müßtest, daß er allen Ruhm für sich allein und den Menschen nicht gestatten wollte, aus eigener Kraft göttlich zu werden? und ob es, von Gott ganz abgesehen, nicht groß und schön sei, aus eigener Kraft etwas Vollendetes in sich darzustellen?

Ja, eifersüchtig ist Gott allerdings, wenn du zum Beispiel das eifersüchtig nennst, daß der Mensch den Anspruch erhebt, die Organe seines Körpers selbst zu regieren. Du mußt doch immer daran denken, daß wir Teile Gottes oder in Gott sind. Sehen wir aber ganz von Gott ab, so dürftest du immerhin aus eigener Kraft göttlich oder vollendet werden, wenn du es könntest. Die Frage ist eben, ob du es kannst, und damit komme ich wieder auf deine erste Frage, was du gewinnst, wenn du sündigst, die zugleich einschließt, was du verlierst, wenn du nicht sündigst.

Durch Sündigen gewinnst du Kraft, und durch gewaltsames Nichtsündigen entkräftest du dich. Es ist eine Kraftfrage, wie überhaupt die Religion eine Kraft- und Lebensangelegenheit ist, da Gottes Wesen in Kraft besteht. Und Kraft zu gewinnen, das ist doch das erste Interesse der Menschen; denn wer Kraft hat, hat alles. Die Alten drückten die Wahrheit, daß man durch Sündigen Kraft gewinnt, in der Sage vom Riesen Antäus aus, der unbesiegbar war, solange er, besiegt, vom Sieger auf die Erde geworfen wurde, denn aus seiner Mutter Erde strömte stets neue Kraft in ihn ein; erst in die Luft gehalten konnte er erwürgt werden. So verendet der Mensch, wenn er in einem naturlos geistigen Klima existieren will, das ein Nichts ist. Nun sind wir zwar nicht mehr in der Lage der Griechen, die Sünde in unserem Sinn noch gar nicht kannten, für die Gott und Natur noch eins waren und die ihre Kraft unmittelbar aus der Natur beziehen konnten; wir können es im allgemeinen nur mittelbar durch den Glauben. Bestimmen wir also zuerst den Begriff des Glaubens.

Schalte bitte aus deiner Vorstellung aus, was man gewöhnlich unter Glauben versteht, nämlich ein Fürwahrhalten. „Glauben ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten … Das macht, wenn sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie dann für einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanke ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt: also tut er auch nichts und folgt keine Besserung hernach.“ Und an anderer Stelle sagt Luther: „Sie heißen das Glauben, das sie von Christo gehört haben, und halten, es sei dem wohl; wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch nicht fromm dadurch.“

Das Fürwahrhalten ist eine Tätigkeit des selbstbewußten Geistes, deren der Glaube nicht, die höchstens umgekehrt des Glaubens bedarf.

Man kann häufig Glauben und Wissen gegenübergestellt lesen, wie wenn das eine das andere ausschlösse, und oft auch wie wenn das Glauben die Sache der Kinder und Träumer, das Wissen die Sache vernünftiger Männer wäre. In Wirklichkeit ist Glauben die Bestätigung und Besiegelung des Wissens, nicht umgekehrt. Was wir wissen, wird uns vermittelst unserer Sinne gelehrt: wir wissen zum Beispiel, daß dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, wenn du es nicht glaubst? Deine Sinne können dich ja betrügen. Im Traume kommt es dir oft so vor, als stände da ein Stuhl, wo doch nichts ist. Bevor du nicht glaubst, was du weißt, bleibt dein Wissen unsicher. Gewiß, fest, unerschütterlich, ein Fels, der nicht wankt, ist nur was du glaubst. Mit anderen Worten: das Wissen bezieht sich auf die Erscheinung, der Glaube auf das Sein.

Luther pflegte den Begriff des Glaubens mit den Worten des Paulus aus dem 11. Kapitel des Briefes an die Ebräer zu erklären: Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet. Sage mir nun bitte nicht, daß das Unsichtbare für dich nicht gelte, daß das Hirngespinste wären, daß du nur deinen Sinnen traust. Das ist ja, wie schon gesagt, Selbsttäuschung. Du traust deinen Sinnen, weil sie sich auf Übersinnliches beziehen. Was heißt es zum Beispiel, wenn du sagst, du glaubst an einen Menschen? Du deutest damit offenbar auf etwas, was deine Sinne, deine Erfahrung dir nicht von ihm mitteilen können, denn sonst würdest du es ja wissen. Du willst damit sagen, daß du im Wesen dieses Menschen eine Kraft voraussetzest, zu der du dich alles Guten und Großen versiehst. Da ja nun alle Kraft, alles Wesen und Sein, wie und wo es auch erscheint, Gott ist, so bezieht sich der Ausdruck Glauben immer auf Gott, wenn wir ihn auch auf Menschen anwenden.

Nun offenbart sich Gott niemals unmittelbar und kann also nur durch die Sinne wahrgenommen werden, von dem naiven Menschen namentlich durch den Gesichtssinn in der Schöpfung. Der Glaube aber, heißt es bei Paulus, kommt durch das Gehör, das heißt, das Gehör muß das Wort, das Gott von sich redet, aufnehmen. Um nun Schall hören, wie um Licht sehen zu können, muß etwas in uns sein, was der tönenden und leuchtenden Kraft entspricht, eine Hörkraft und Sehkraft. Wär nicht das Auge sonnenhaft, sagt Goethe, die Sonne könnt es nie erblicken. Du kannst, als moderner Mensch, statt Glauben auch Vernunft setzen, die geistige Kraft im Menschen, die, weil sie Geist, also Gott wesensgleich ist, Gott vernehmen kann.

Die Hörkraft und Sehkraft verhält sich zu Schall und Licht wie das Passive zum Aktiven, so daß wir zunächst nicht von einer Kraft, sondern von Schall- und Lichtempfänglichkeit reden sollten. Wie der Schoß der Frau den Samen des Mannes empfängt, so empfangen Auge und Ohr Licht und Schall und bringen durch sie Gesichts- und Gehörsbilder hervor. Die Empfänglichkeit beruht wieder auf der Empfindlichkeit für die betreffende Kraft, sei es Schall, Licht oder die göttliche Kraft selbst. Handelt es sich um diese, müssen wir sagen, daß wir gottempfindlich sein müssen, um Gottes Wort empfangen zu können, und in diesem Sinne läßt sich der Ausdruck Glauben mit Gottempfindlichkeit, Gottempfänglichkeit, Gottverwandtschaft übersetzen. „Gott und Glaube gehören zu Haufe“, sagt Luther. Sie gehören zusammen wie Mann und Weib, und es hat sich deshalb unwillkürlich, um das Verhältnis zwischen Gott und der gläubigen Seele zu bezeichnen, das Bild von Bräutigam und Braut eingestellt.

Befragen wir die Sprache, so finden wir, daß Glauben mit Geloben, Hören mit Gehören und Gehorchen zusammenhängt. Darin vollendet sich der Glaube, daß man Gott, der uns durch sein Wort ruft, hört und ihm gehorcht: Glaube ist Hingebung und Gehorsam. Der Gläubige hört Gottes Stimme, wie das Schaf die Stimme seines Hirten, wie der Liebende die Stimme der Geliebten hört. Alle Stellen in Luthers Werken, die vom Glauben handeln, sind Gedicht, ja Liebesgedicht, wie im Grunde jedes echte Gedicht Liebesgedicht ist, handle es sich nun um Liebe zu Gott oder zu den Menschen. Zwischen Glauben und Liebe ist der Unterschied, daß sich der Glaube auf das Unsichtbare, die Liebe auf das Erscheinende bezieht; aber es ist ja keins ohne das andere. An Gott glauben wir nicht nur, sondern wir lieben ihn in der Erscheinung, und an alle Menschen, die wir wahrhaft lieben, glauben wir auch, d. h. wir lieben ihre Idee oder Gott in ihnen.

Die meisten Menschen sind so geartet, daß sie Gott selbst, ohne Vermittlung, nicht gehorchen können, und Gott hat deshalb eine Vertretung in der Welt eingesetzt: im Staate die Obrigkeit, in der Familie Eltern und Ehemann. Wenn die Kinder ihren Eltern, die Frauen ihren Männern, die Männer ihren Vorgesetzten gehorchen, so gehorchen sie Gott, vorausgesetzt daß die Vorgesetzten Gott gehorchen. Der Gläubige, der Gottes Stimme hört und Gott selbst gehorcht, ist von jedem Gehorsam in der Welt frei, jenseit von Gut und Böse; aber er gehorcht auch den Menschen freiwillig, um sich nicht abzusondern. Eine glaubenslose Zeit ist eine Zeit ohne Gehorsam, richtiger gesagt eine Zeit, in der die Menschen nur sich selbst gehorchen wollen.

Während der Gehorsam der Welt erzwungen werden kann und muß, kann der Glaube, dessen Quelle das Herz ist, nur freiwillig sein. Daß Gott erzwungene Dienste nicht gefallen, wird in der Bibel oft wiederholt. Du kennst vielleicht die berühmte und wundervolle Stelle aus Luthers Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, wo er vom Glauben als vom Brautring der Liebenden spricht; ich führe sie deshalb hier nicht an. Im Sermon von den guten Werken heißt es so: „Wenn ein Mann oder Weib sich zum anderen Liebe und Wohlgefallen versieht und dasselbe fest glaubt, wer lehrt sie, wie sie sich stellen, was sie tun, lassen, sagen, schweigen, denken sollen? Allein die Zuversicht lehrt sie das alles und mehr denn not ist. Da ist ihnen kein Unterschied in Werken; sie tun das Große, Lange, Viele so gern als das Kleine, Kurze, Wenige, und dazu mit fröhlichem, friedlichem Herzen und sind ganz freie Gesellen. Wo aber ein Zweifel da ist, da sucht jedes, welches am besten sei. Da beginnt es sich einen Unterschied der Werke auszumalen, womit es Huld erwerben möge, und geht dennoch mit schwerem Herzen und großer Unlust hinzu, ist gleich befangen, mehr denn halb verzweifelt, und wird oft zum Narren darüber.“ Dann geht es nach dem Spruche Salomonis: „Wir sind müde geworden in dem unrechten Wege und sind schwere, saure Wege gewandelt, aber Gottes Weg haben wir nicht erkannt, und die Sonne der Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen.“ Im Gegensatz zu den schweren, sauren Wegen der Werke spricht Luther von dem königlichen Weg des Glaubens.

Sobald der Glaube schwer und sauer fällt, ist es gar kein Glaube; Glaube ist nur, was frei aus dem Herzen kommt. Etwas im Glauben tun heißt etwas tun, weil man nicht anders kann, und du begreifst nun, welchen lieblichen Sinn die Worte des Paulus haben, daß, was nicht im Glauben geschieht, Sünde ist. Allerdings der, dem nichts von Herzen kommt, der Ungläubige, der kein Herz hat, dem ist es leichter, Brandopfer als sein Herz darzubringen.

Um dem Begriff des Glaubens noch näher zu kommen, laß uns auch seinen Gegensatz, den Unglauben, ins Auge fassen. Luther sagt gelegentlich: der Ungläubige, der nur sich selbst anbetet; und das scheint mir das deutlichste Licht auf das Wesen des Unglaubens zu werfen. Ferner: „Gott ist den Sündern nicht feind, nur den Ungläubigen, das sind solche, die ihre Sünde nicht erkennen, klagen, noch Hilfe dafür bei Gott suchen, sondern durch ihre eigene Vermessenheit sich selbst reinigen wollen.“ Und: „Das muß wohl folgen aus dem Unglauben, der da keinen Gott hat und will sich selbst versorgen.“

Der Ungläubige ist also mein Freund Luzifer, der, weil er sich an Gottes Stelle setzt, sich selbst lenkt, für sich selbst sorgt, selbst Gesetze gibt, denen seine passive, sinnliche Hälfte gehorchen soll. Natürlich muß diese auch alle Kraft aus seinem Ich, seiner aktiven Hälfte, beziehen, die aber beschränkt, endlich ist, und wenn sie sich nicht aus Gott ersetzt, sich bald erschöpft. Beständiges Selbstwollen muß zu vollständiger Entkräftung führen, wenn es sich nicht im Zustande des Nichtwollens erholen kann. Glauben ist Nichtselbstwollen, statt dessen Gott in sich wollen lassen. Die Überspannung der eigenen Kraft zeigt sich in unserer Zeit in der großen Anzahl von Menschen mit überspanntem Nervensystem; sie gehen an ihrer Eigenwilligkeit, an ihrer Unfähigkeit, durch vorübergehende Selbstaufgabe Kraft zu schöpfen, zugrunde. Es wäre ja gegen den schönen Luzifer nichts einzuwenden, wenn er glücklich wäre; aber sein Selbst ist ihm keine Freuden- und Kraftquelle, kein Herrscherthron, sondern ein Marterpfahl, an den er gebunden ist. Die Frucht des Glaubens ist der Friede, heißt es im Evangelium des Johannes; daraus folgt, daß die Frucht des Unglaubens Unfriede ist, innere Zerrissenheit, Kraftlosigkeit. Die Frage: Wie werde ich selig? Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich auch so fassen: Was verschafft mir inneren Frieden und damit Kraft? Die Antwort lautet: Aufgabe deines Selbst und Hingabe an Gott. Nicht nur selbstbewußt, sondern zugleich gottbewußt oder unbewußt leben.

Was der Mensch durch vollständige Aufgabe des Selbstbewußtseins vermag, das hat die Hypnose gezeigt. In dem seines Selbstwollens beraubten Menschen wirkt der Hypnotiseur Wunder: er verfügt über seinen Körper nach Belieben, über das Vermögen des Selbstwollenden hinaus. Fast erschrak man über diese Entdeckung, weil man meinte, sie könne von bösen Menschen zu gräßlichen Verbrechen benutzt werden. Aber erstens gibt es in unserer Zeit sehr viel Nervöse, und die Nervösen können ihr Selbst nicht hingeben und darum auch nicht hypnotisiert werden; und dann gibt es ebensowenig Teufelsgläubige, also im Bösen kraftvolle Menschen, wie Gottgläubige. In früheren Zeiten wurde die Hypnose von Bösen und Guten als schwarze und weiße Magie ausgeübt.

Im Hinblick auf die ihm durch den Glauben zu Gebote stehende Kraft war der Christ für Luther wesentlich der starke, freudige, trotzige Held. „Ein solcher Mann muß der Christ sein, der da könne verachten alles, was die Welt beides, Gutes und Böses, hat, und alles, damit der Teufel reizen und locken oder schrecken und drohen kann, und sich allein setzen gegen alle ihre Gewalt, und ein solcher Ritter und Held werden, der da wider alles siege und überwinde.“ Es ist der Ritter, den Dürer gemalt hat, der gelassen, des Sieges gewiß, an Tod und Teufel vorüberreitet. Luther übersetzte das Wort „Israel“ mit Herr Gottes: „Das ist gar ein hoher, heiliger Name und begreift in sich das große Wunder, daß ein Mensch durch die göttliche Gnade gleich Gottes mächtig wurde, also daß Gott tut, was der Mensch will … Da tut der Mensch, was Gott will, und wiederum Gott, was der Mensch will; also daß Israel ein gottförmiger und gottmächtiger Mensch ist, der in Gott, mit Gott und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge zu tun und vermögen.“

Es war Luthers feste Überzeugung, daß der Mensch Berge würde versetzen können, daß ihm nichts unmöglich wäre, wenn er nicht zu schwach im Glauben wäre. Über Schwäche des Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten, wo sein Selbst sich dafür rächte, daß er meistens so gar nicht zu sich selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er aber zuweilen Gottes mächtig war, konnte er zeigen, als er den sterbenden Melanchthon ins Leben zurückrief. Der ungläubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte Melanchthon starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom Spiel in einen Winkel zurückzieht; wie er dann das Wort des mächtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt, dann doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich überströmen läßt, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs der menschlichen Seele mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern die Sache selbst: denn Luther hatte zuvor durch sein Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht Luthers bewußtes Selbst war es, die den Sterbenden weckte.

Ich weiß, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber Übermaß von Selbstwollen und Selbstvertrauen könne nicht daran schuld sein, denn das habest du erst recht nicht. Dann hatten es deine Vorfahren; daß es auf die Dauer ohne Glauben schwinden müsse, sagte ich ja. Es fällt mir aber ein, daß Luther überzeugt war, man könne mit seinem Glauben für den fehlenden oder schwachen Glauben anderer eintreten, und so werde ich einstweilen für dich glauben, an dich und für dich.

IV

Du willst mir augenscheinlich dartun, daß du wirklich kein Herz habest, indem du mit vernichtender Übergehung meines gefühlsbetonten Briefschlusses tadelst, ich schriebe chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen könnest. Vollständige Dunkelheit sei weniger schädlich als Zwielicht voll undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, Gott, Teufel und ähnliche Phänomene als selbstverständliche Voraussetzung; das sei wohl in religösen Zeiten unter religiösen Menschen erlaubt, welchen diese Namen etwas Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich hantierte damit herum wie jene listigen Betrüger mit des Kaisers neuen Kleidern. Ich sollte dir einmal schreiben, wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes, zwar sehr gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wärest. Du wissest, daß Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, ich solle auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem Freund, dem Geheimen Kommerzienrat Soundso, spreche; aber auf einen klaren, verständlichen Ausdruck müsse etwas Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf einen erschöpfenden.

Ich werde gehorsam versuchen, den König mit dem gescheiten Botokudenkinde zu verschmelzen und meinen Vortrag danach einzurichten. Die Verbindung ist auch gar nicht so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp III. befahl Spinola: Nimm Breda! Ich, der König. Du schreibst: Erkläre mir Gott! Es soll mich nicht abschrecken, daß Spinola, wenn eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trügt, am Gram über die Ungnade seines Königs gestorben ist.

Die Völker haben nicht damit angefangen, an einen Gott zu glauben; denn der kindliche Geist nimmt die Welt nicht als Ganzes, sondern in Einzeleindrücken auf. Man weiß von einer ganzen Reihe von Völkern, daß sie, auf den ersten Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott verehrten, was ihnen vorkam, was sie als außer sich seiend auffaßten: nicht nur Bäume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, Vorgänge, Erwünschtes, Gefürchtetes. Alles, was sie von sich selbst und anderen Menschen unterschieden, war ihnen Gott, so daß es ihnen so viel Götter gab, wie sie Eindrücke empfingen. Sie nannten diese Götter zunächst Dämonen, und sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch in der christlichen Kirche erhalten geblieben. In der Wissenschaft hat man sie sehr gut Augenblicksgötter genannt; es sind also Eindrücke von Einzelkräften.

Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, daß er die Eindrücke von Einzelkräften fortwährend verdichtet, genau so, wie die Kräfte selbst sich verdichten. Wie der rotierende Urnebel sich zu festen Kernen, den Gestirnen, verdichtet, so verdichten sich im menschlichen Geiste die Augenblicksgötter allmählich zu sogenannten Sondergöttern, diese allmählich zu persönlichen Göttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen jede Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glückbringendes oder Verderbendrohendes; erst später erfand er etwa die die Saat hervorlockende Frühlingssonne als eine besondere Gottheit, und viele Veränderungen müssen erst in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne überhaupt in den persönlichen Gott Apollo verwandelt. Willst du ausführlichere Belehrung darüber haben, so empfehle ich dir ein vorzügliches Werk von Usener mit dem Titel: Götternamen. Aus unzähligen Augenblicksbildern entsteht ein Bild, und aus Myriaden von Augenblicksgöttern entstehen Sondergötter und endlich persönliche Götter.

Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie gibt darüber Auskunft, wie die uns bekannten griechischen Götter die alten Augenblicksgötter an sich gezogen, sich untergeordnet und verschlungen haben, obwohl sie zum Teil, auf dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. Ihrerseits werden die persönlichen Götter nach und nach wiederum verschlungen von dem einen Gott; der menschliche Geist wird allmählich fähig, die Welt als Ganzes aufzufassen, er erhebt sich zu der Einsicht, daß es vielerlei Kräfte gibt, daß aber nur ein Geist ist, der da wirket alles in allem.

Der menschliche Geist erfaßt also zuerst lauter Einzeleindrücke, die sich immer mehr verdichten, bis er zuletzt die Idee der einen unendlichen Welt und des einen unendlichen Gottes erfaßt; er geht von der Vielheit zur Einheit, und zwar im selben Maße, wie er sich selbst immer mehr als Einheit erfaßt. Solange sein eigenes Ich eine Reihe von Einzelempfindungen für ihn ist, ist ihm die Welt eine Reihe von Einzeleindrücken; wie sein Selbst sich verdichtet, verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.

Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewußt ist, ist sich eines Nicht-Ich bewußt; denn er erfährt sein Ich ja erst, indem er es vom Nicht-Ich unterscheidet, und dies Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht seinesgleichen ist und soweit er sich davon abhängig fühlt, Gott. Ich möchte den Satz aufstellen: Es gibt nichts außer der göttlichen Kraft und der durch das Ich zugleich beschränkten und geprägten Kraft. Luther sagte: Denn außer der Kreatur gibt es nichts, denn die einige, einfältige Gottheit selbst. Als zu sich, zu seinem Selbst gehörig empfindet der Mensch alles, was von ihm abhängt, als zu Gott gehörig alles, was nicht von seiner Willkür abhängt, wovon im Gegenteil er abhängt.

Es ist natürlich, daß gerade der noch unkultivierte Mensch sich in der Gewalt von Naturkräften fühlt; aber auch im Menschen selbst wirken Kräfte, die nicht von seinem Willen abhängen: sein Leben und Sterben, sein Lieben und Hassen, seine Schaffenskraft und sein Unvermögen. „Das Gemüt ist dem Menschen sein Dämon“, hat schon Heraklit gesagt. Alle menschlichen Kräfte, die nicht von seinem Willen abhängen, empfand der Mensch ebensogut als göttlich wie die außer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl das Unbewußte genannt oder darunter mitbegriffen; das, was ich meine, sollte man richtiger das Unwillkürliche nennen, das, was in uns wirkend doch nicht von unserem Willen abhängt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhängig in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch das Dämonische, ohne unser Wissen; erst das vollendete Ergebnis, sei es Idee, Gefühl, Gestalt, tritt in unser Bewußtsein, und insofern kann man vom Unbewußten sprechen. Alles das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis ins Bewußtsein tritt, sondern was wir selbst machen, gehört in das Gebiet des Selbstbewußtseins. Stellt man Selbstbewußtes und Unbewußtes einander gegenüber, so sollte man im Sinn haben, daß im Unbewußten das Bewußtsein des Nicht-Ich für das Ich eintritt, daß man also ebensogut von Allbewußtsein oder Gottbewußtsein sprechen kann. Volkstümlich ist der Unterschied stets empfunden worden und ganz richtig als Unterschied von Kopf und Herz bezeichnet; nur führt dieser Ausdruck leicht zu dem Mißverständnis, als handle es sich um einen Unterschied von Gefühl und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken aus dem Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einfälle. Wir sind Menschen, soweit wir Kopf, wir sind Gott und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewöhnlich sind wir nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von beidem; unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heißt, die gesamte göttliche und die gesamte menschliche Kraft in einer Person harmonisch zusammenzufassen.

Der bequemeren Übersicht halber setze ich dir ein Schema her, wobei ich davon ausgehe, daß die göttlich-menschliche Kraft sich bildend, handelnd und denkend äußert.

HerzKopf
GottMensch
MüssenWollen
Bilden oder wachsen lassenMachen
Taten tunÜberlegt handeln
Ideen habenDenken

Wenn du einmal für den im Menschen sich offenbarenden Gott das Dämonische setzest, welchen Wortes Bedeutung dir ja wohl ohnehin klar war, so werden dir viele Aussprüche aus der Bibel und von Luther sofort viel verständlicher sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch: Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Das heißt: Wir sündigen, unsere Leidenschaft reißt uns hin, wir bereuen es, aber unsere Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn gerade daß wir taten, was wir mußten, beweist uns, daß wir Kraft haben; diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns große oder gute Taten tun lassen.

Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Sünde ist, von Gott weichen und ihm nicht trauen, so heißt das: wer sich nicht auf sein Herz, nur auf seinen Kopf verlassen kann, der hat keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und keine Kraft.

Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Sünde sofort auch ohne Reue, so heißt das wie oben: dämonische Menschen werden sündigen, aber auch schaffen.

Wie befremdet zunächst das Wort: „Was Gott nicht geboten hat, das ist verdammt.“ Und es heißt doch nur, was jedem unmittelbar einleuchtet: Wer Ideen und Gefühle hat, so stark, daß sie ihm zum Führer und Wegweiser werden, der ist selig. Quo dii vocant eundum ist eine alte Devise, die ich als Kind einmal las und mir zum Motto wählte, ohne ihren Sinn so logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.

„Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, noch auf den Mammon, sondern auf Gott!“ Das heißt: Wir sollen uns nicht auf irgendeine weltliche Macht, noch auf die Gedanken, Überlegungen, Absichten verlassen, die von uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die göttliche Stimme in uns, auf unser Gefühl und Gewissen. „Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgereutet“, Matth. 15, das heißt: Nicht das Machwerk, sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, nicht die moralische Handlung, sondern die Tat aus dem Herzen lebt und zeugt Leben.

Ist es nicht eigentümlich, daß es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die der Meinung sind, der Spruch bedeute, daß jeder Mensch verworfen sei, der nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und dergleichen; und daß sein wahrer Sinn ungefähr auf das Gegenteil hinausläuft?

Am schrecklichsten zürnt Gott, sagt Luther einmal, wenn er schweigt, nach seiner Drohung bei Jeremias: „Mein Geist wird nicht mehr Richter sein auf Erden.“ Dann tritt an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende Mechanik. Es ist merkwürdig, daß ein Jahrhundert nach Luther der seltsame Hang die Menschen ergriff, das Perpetuum mobile zu erfinden. Die heimliche Lust am Automatischen und zugleich das Grauen davor gibt den Werken E. T. A. Hoffmanns ihren grotesken Charakter, die Ahnung des Verhängnisses seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung selbst verwachsen war.

V

Ein gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, fasse ich als Zeichen auf, daß ich wie jene dir hoffentlich bekannte Bärenbraut dich richtig gekraut und gekrabbelt habe. Sogleich werde ich übermütig und gehe vom antiken Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen über. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein kann als die eine Kraft, von der alle Kräfte ausgehen und in die alle Kräfte münden, stimmen natürlich die Gottesbegriffe aller reifen Völker im wesentlichen überein. Doch gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker und christlicher Gottesauffassung, der dir um so störender sein wird, als du ihn vermutlich nur spürst und nie Lust gehabt hast, ihn genau zu untersuchen. Wenn ich dir nun zum voraus schwöre, daß das Christentum trotz des Unterschiedes doch die Erfüllung der Sehnsucht der ausgehenden Antike war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte und nicht bei den Juden, so wirst du mir von vornherein geneigter zuhören.

Der christliche Gott ist, wie du weißt, ein offenbarter und ein dreieiniger Gott, das heißt: er offenbart sich dreifach. Schon die Alten wußten, daß Gott in seiner Majestät von den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele wurde von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Göttlichkeit schauen wollte. Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen nicht zugänglich. Wir können auch nichts darüber aussagen, denn es ist jenseit aller Gegensätze, und Eigenschaften sind erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehören einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, sondern das Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, ist er zugleich das Nichts, denn nichts heißt nicht etwas; das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein Gegensatz zu Gott wäre demnach doch vorhanden, nämlich das Einzelsein oder die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein enthalten, wie die Heilige Schrift sagt: in ihm leben, weben und sind wir.

Das indessen können wir doch vom Wesen Gottes aussagen, daß er Geist ist; denn Gott an sich ist unsichtbar. Ferner kann er nichts anderes sein als Kraft; denn Gott kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine Kraft, ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, auf das sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die Welt sind nur für unser Begriffsvermögen zu trennen, wir sind gezwungen, zeitlich und räumlich zu denken und sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann einmal ohne Stoff gewesen wäre. Daß das Sein wird, richtiger ausgedrückt, daß mit der werdenden Erscheinung ein unsichtbares Sein verbunden ist, von welchem sie abhängt, ist ein Geheimnis, auf das man immer wieder stößt, wenn man sich mit den letzten Dingen beschäftigt, und vor welchem es geboten ist innezuhalten. Die Welt wäre ein öder Mechanismus, wenn dies Geheimnis nicht wäre.

Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das heißt: er ist jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier aber an der Grenze der göttlichen Majestät stehen, glaube ich den mythischen Ausdruck gebrauchen zu dürfen: Gott schuf die Kreatur. Luther sagte gewöhnlich Kreatur, um die gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; wir sind gewohnt, von Stoff, Schöpfung, Welt zu sprechen. Nehmen wir das Bewußtsein als Standpunkt, so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben, worauf er wirken könne, sondern um sich zu erkennen, um seiner bewußt zu werden. Auch dies ist wieder mythisch ausgedrückt, da ja Gott natürlich nichts fehlt, und wir ihn uns als von jeher so gut selbstbewußt wie unbewußt vorstellen müssen. Wir können aber die Tatsache, daß man zugleich nichtbewußt und selbstbewußt sein kann, mit dem Verstande nicht fassen, obwohl wir sie fühlen können, da wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei will ich gleich bemerken, daß wir immer von uns auf Gott und von Gott auf uns schließen können, was mir, als ich zuerst darauf kam, einen geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck machte. Doch ist es durchaus nicht merkwürdig, sondern folgt mit Notwendigkeit daraus, daß Gott uns zu seinem Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.

Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm zum Ebenbilde, sich ganz gleich, Christus, den Erstling seiner Kreatur. Aber als er erschaffen war, schlief er; er war ganz Stoff, ganz Passivität, ganz unbewußt. Wie sollte sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der Schläfer mußte die Augen öffnen, damit Gott hineinsehen könne. Um ihn sehend zu machen, nahm Gott mit ihm dasselbe vor, was er mit sich vorgenommen hatte, um selbst bewußt zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heißt: er machte aus dem ganzen Menschen, der Christus hätte sein sollen, das Menschenpaar, Adam und Eva, den aktiven Mann und das passive Weib. Mit dieser Teilung oder Polarisierung, die durch die gesamte Schöpfung geht, entstand noch etwas, nämlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich nur in einer Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die Kraft oder Aktivität ist ja sein Wesen; diese Kraft mußte aber von ihm unterschieden sein, denn sonst wäre sie ja mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens könnte nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die nicht Gott ist oder sein darf, muß Gott entgegengesetzt sein, sozusagen ein Gegengott; denn er ist ja aus Gott, hat aber die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein. Ich finde, man stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und spiegelt, gegen sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, deren unendliche Strahlen vom unendlichen Stoffe zurückgeworfen werden. Dieser abgeleitete oder reflektierte Strahl ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott, göttliche Kraft ist, Teufel insofern er sich für Gott selbst hält und dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.

Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, alles auf sich zu beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur Mittelpunkt einer Einzelheit und Trabant des All-Mittelpunktes ist, für einen selbständigen Mittelpunkt zu halten, diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther der Teufel oder das Böse genannt wird. Das Böse soll nicht sein, aber es muß sein, damit Gott sich selbst erkennen, oder, wenn du lieber willst, damit Leben sein kann. Gott ist ein Gott des Lebens, heißt es in der Bibel, Gott hat Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen zwei entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein Leben denkbar: ohne das menschliche Ich wäre nur Allsein, das gleichbedeutend mit Nichtsein ist.

Du könntest die Notwendigkeit des Teufels oder des Bösen mythisch auch so erklären: die pure Aktivität müßte notwendigerweise die pure Passivität zerstören; die Aktivität muß sich also eine Hemmung, einen Widerstand setzen, damit der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem Stoff Odem einbläst, ihm einen Teil seines Wesens, seiner Kraft gibt, die er selbständig für sich benutzen nicht nur darf, sondern sogar muß, damit Gott nicht nur eine zerstörende, sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir haben also den merkwürdigen Fall, daß der Teufel, die menschliche Ichsucht, da sein muß, damit Gott kein Teufel ist.

Mißverstehe mich aber bitte nicht so, als hätte ich gesagt, der Mensch, oder die aktive Kraft des Menschen, und der Teufel wären ein und dasselbe. Die Kraft ist ja ihrem Wesen nach göttlich; teuflisch ist nur der Irrtum des Menschen, seine Einzelkraft für Gott selbst zu halten. Gott liebt die Welt, weil er weiß, daß sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Solange der Mensch dies Bewußtsein, daß alle erscheinenden Kräfte Ausstrahlungen der göttlichen Kraft sind, nicht hat, sondern seine Kraft für den Mittelpunkt hält, ist er dem Teufel verknechtet. Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein Irrtum, ein Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht selbst als Person im Fleisch erscheinen. Er ist nur bei der Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der Schatten eine Begleiterscheinung von Licht und Körper ist.

Mit der Körperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum erscheint, ist der Kampf ums Dasein gegeben. Seiner göttlichen Art nach muß jedes Wesen überall und immer sein wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Außenwelt bei der Undurchdringlichkeit der Körper sein kann. Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen, heißt es bei Schiller. Durch die Undurchdringlichkeit der Körperwelt, dadurch, daß sie das Licht nicht durchläßt, das heißt eben dadurch, daß sie auch Stoff und nicht nur Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten steht zum Lichte in einem gegensätzlichen Verhältnis, indem der Schatten wächst, wenn das Licht abnimmt, und umgekehrt. Wäre kein Schatten, wäre lauter Licht, es wäre dann aber auch nichts Einzelnes, das heißt nichts. Dasselbe läßt sich vom Teufel sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend, er hat keinen Körper, ist aber von der körperlichen Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel häufig den Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewußte Mensch denkt und tut, eine Nachahmung göttlichen Denkens und Tuns ist, oder insofern der selbstbewußt gewordene Mensch das mit Absicht ausführt, was der instinktive Mensch unbewußt tut.

Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende Mensch ist der Mann. Es würde, da es unzählig viele Ichs gibt, ein beständiger Krieg aller gegen alle herrschen, wenn der Mann nicht in sich und außer sich eine passive Hälfte hätte; die passive Hälfte, die er außer sich hat, ist das Weib. Daß das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugehört, ist schon daraus ersichtlich, daß er durch sie, ohne Mitbetätigung ihres bewußten Willens, Menschen schafft; das Weib gestaltet unwillkürlich im Stoffe. Aus der Schöpfungsgeschichte weißt du, daß die Schlange Eva, nicht Adam verführte; denn sie, die mit Gott Verbundene, mußte fallen, wenn Gott gestürzt werden sollte, und ihre Schwäche bot auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut, selbstlos, deshalb aber auch unendlich verführbar, gab sich Eva wirklich dem Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung, das Leben erst möglich machte. Das Weib liebt nicht Gott, die Güte, sondern den Selbstsüchtigen, der sie leiden macht, weil er nur sich selbst lieben kann. Durch das Leiden kommt sie, weil Leiden bewußt macht, zur Erkenntnis ihres Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott wieder her. Die Bestimmung der Frau ist, die selbstische, verteufelte Welt mit Gott zu verbinden, der Genius und Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage und Geschichte die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu großen Taten anregt, ihm gegenüber die göttlichen Gedanken vertritt. Oft allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient, vertritt sie auch seine teuflischen Gedanken, wovon Lady Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die Frau nicht mehr der Genius des Mannes, weder im Guten noch im Bösen, weil keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der heutige Mann, ganz weltlich, will nur ebensolche Frauen, oder, schwankend zwischen Welt und Gott, will er sie entweder moralisch oder was man erotisch nennt; den reinen Atem der göttlichen Natur fühlt er nicht oder er ist ihm zu stark, der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten werden will.