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Ma: Ein Porträt

Chapter 3: II.
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About This Book

A finely observed character portrait moves between ceremonial street spectacle and intimate domestic interiors, following a household as members negotiate devotion, social appearance, and personal yearning. The prose lingers on religious pageantry, urban color, and material splendor while attending to inner conflicts, familial bonds, and the slow formation of individual identity. Themes include the contrast of public ritual and private feeling, the shaping influence of a matriarchal figure, and the subtle psychology of longing, duty, and aesthetic sensibility.

Marianne hob den Kopf und sah ihm mit zversichtlichem Vertrauen ins Gesicht. Ihre Hand lag auf Citas Haar.

»Daß ich ihnen nicht gewachsen bin, weiß ich wohl!« sagte sie ruhig. »Aber Sie werden mir helfen, über mein bißchen Können hinauszugelangen. — — Wollen Sie mir nicht dazu helfen —?«

»Ich will es gewiß, wenn Sie nicht bei näherm Zusehen selbst davor zurückschrecken!«

In Mariannens Augen trat ein Ausdruck wie qualvolle Erinnerung an die überstandenen Seelenkämpfe.

Sie murmelte: »Ich schreckte vor allem zurück, — vor jeder Minute, weil sie durchlebt sein wollte, — und war nicht auch das eine brutale Anforderung: — leben zu sollen —? Ich weiß, daß es mich noch manchmal überkommen wird, — daß ich dann nicht will, nicht kann, — ich werde mich gewiß noch oft vor dem Leben fürchten —.« Sie brach ab, ein Schauer ging über sie hin. Dann setzte sie jedoch langsam hinzu: »Deshalb muß jemand mir helfen, der meine Furcht und meinen Widerstand bricht, um der beiden Kleinen willen.«

— In diesem Augenblick begriff er, wie nah er ihr in der schweren Zeit getreten war als der Unbeteiligte, Unbeeinflußte, der sich ihr ärztlich und menschlich mit strenger Sachlichkeit gewidmet hatte. Er begriff, wie viel sie seiner Hilfe zuschrieb, was zu einem großen Teil die Hilfe ihrer eignen Natur gewesen war.

Ihr sollte er helfen, fortan dem Leben gewachsen zu sein, — dabei aber lebte er noch sein eignes Leben in unschlüssigem Zwiespalt —.

Und dennoch: er fing an, daran zu glauben, daß es ihm ihr gegenüber gelingen werde. Ein so starker Appell an seine eingreifende, planvolle Kraft ging von diesen ruhig vertrauenden Augen aus, — eine so starke Freude an der ihm auferlegten Verantwortung weckten sie in ihm, als spannten sich alle Fähigkeiten seiner Seele auf ein Ziel hin.

Und seltsam: gleichzeitig empfand er es noch nie so bitter wie in der Stunde, nicht selber zwiespaltlos und einheitlich, mit voller Thatkraft, im Boden seiner Heimat zu wurzeln. Hätte er nicht schon als Jüngling, — in jugendlicher Begeisterung zu allem bereit, — immer nur an die harte, hohe Mauer der bestehenden Zustände stoßen müssen; hätte er nicht erst im Auslande draußen seine volle Entwicklung finden müssen; hätte er, vom Heimweh zurückgezerrt, nicht davon absehen müssen, in seiner Heimat grade diejenigen Einsichten und Fortschritte zur Wirksamkeit zu bringen, deren sie ganz augenscheinlich am dringendsten bedurfte, — — wie ganz anders würde sich dann für ihn als Mann, als Mensch, sein Leben zusammengefaßt haben! Wie oft würde es einen ähnlich starken, — und stärkern Appell an seine Leistungskraft enthalten haben!

Aber davon sprach er nie zu jemand; in der Fremde sprach er von der Heimat nur leise, und dann zärtlich, wie von einem leidenden Kinde, das auch nur anzurühren man Fremden schon verwehrt; und daheim konnte er von seinen Jahren im Auslande nicht mit dem Accent reden, den sie für ihn besaßen, weil hier alle seine Worte unwillkürlich so ausfielen, als sei ihm bloß egoistisches Genußleben gewesen, was ihm dort mindestens ebensosehr als eifriges und ernstliches Arbeitsdasein vorgekommen war.

Er schwieg deshalb, mißtraute den Menschen, und sie vertrauten ihm nicht mehr recht.

— — Während er im alten, dichten Park auf der Steinbank unter den Birken saß, schaute er, in solche Gedanken versunken, auf Marianne hin.

Sie blickte gradeaus über die Wiesengründe in die Ferne, den Kopf ein wenig vorgeneigt, die Hände leicht im Schoß gefaltet. Der lose aufgesteckte Haarknoten ließ die sanfte Wölbung der Nackenlinie wundervoll frei.

Kein einziger Zug bewußter Selbständigkeit in der gesammelten Haltung, und doch etwas wie Getrostes —

Es erfüllte ihn mit Erstaunen!

Was ihm auch geschähe: zu allerletzt würde er doch im stande sein, zu einem zweiten Menschen so vertrauensvoll aufzublicken, daß er dessen seelischer Hilfe sich gläubig anheimgab!

Und bei ihr war das im Wiedererwachen zum Leben das erste, — das Unwillkürliche —.

Das allererste, was sie wiederfand, war eine ruhige, vertrauende Gebärde. — — —

II.

Draußen herrschte das lustigste Schneetreiben von der Welt.

Den Kutschern und vielleicht auch ihren Gäulen lachte das Herz im Leibe drüber, wie leicht heute die Schlitten über den weißblendenden Boden dahinflogen, der seit etlichen Tagen einer erneuten Schneelage entbehrt hatte, sodaß hier und da bereits das holperige Steinpflaster der unebenen Moskauer Straßen durch den zerstampften und vergrauten Schnee durchzuscheinen begann.

Auch Marianne freute sich, schnell vom Fleck zu kommen. Seit dem frühen Morgen war sie schon so viel herumgetrieben worden, in verschiedene Privatstunden und eine Schule.

Noch ein paar Tage lang! Dann gab es Ferien. Schlossen auch die Anstalten erst kurz vor Weihnachtsabend, so hörte doch der Unterricht in den Häusern meistens schon früher auf.

Marianne kam von weit außerhalb gefahren, wo sich an den Grenzen der Stadt ein großes Mädchenstift befand, nicht allzufern von dem berühmten Jungfernkloster, dessen phantastische Türme herüberwinkten. Auf dem Rückwege von dort ließ sie ihren Schlitten in einer unbelebten, fast ländlichen Vorstadtgegend vor einem einstöckigen, rot angestrichenen Holzhause halten.

Sie stieg aus, bezahlte und ging über den weiten, hellen Hof, den ein einfacher Lattenzaun umschloß, auf eine Wohnung im Erdgeschoß eines Hauses zu, an der sie mit beinah ungeduldiger Freude läutete.

Dies Erdgeschoß war himbeerfarben. Mit rührendem Vertrauen in die Schönheit des Farbigen überhaupt, war hier ein bunter Ton neben den andern gesetzt. Aber das gedämpfte Winterlicht ward zum Künstler an all dem Grellen: es stufte es wunderseltsam ab, bis es aussah, als stünden die bunten Farben da, wie Blumen in einem Strauß.

Hier pflegte Marianne jeden Sonnabend vorzusprechen, wenn sie der Weg vom Stift vorüberführte, mochte die Zeit auch noch so knapp sein. Denn jedesmal bedeutete das für sie inmitten der Arbeitswoche eine sonntägliche Stunde.

Eine ihrer ehemaligen Lieblingsschülerinnen, seit Jahresfrist verheiratet, wohnte hier; eine, die ihr innig zugethan blieb, auch nachdem sie, längst der Schule entwachsen, mit Energie und verblüffender Leichtigkeit Mathematik studiert und es darin zu etwas gebracht hatte.

Die junge Frau öffnete selbst die Thür und bewillkommnete ihren Besuch mit drei schallenden Küssen, einen auf den Mund und je einen auf Mariannens schneenasse Wangen. Dann nahm sie ihr den weiß überschneiten Pelz von den Schultern und schüttelte ihn aus, wobei sie aber sorglich jedes Geräusch vermied.

»Dadrinnen steckt Taraß tief bis über die Ohren in einer Arbeit über das Vogelgetier,« flüsterte sie in ihrem weichen Russisch, das an sich schon zärtlich klang, und wies auf das Hauptzimmer der kleinen Wohnung.

Erst jetzt bemerkte Marianne die breite buntgestreifte Küchenschürze an ihr, und daß sie die Aermel hochgezogen hatte. Eine Messerbank, nach der sie griff, mußte sie eben erst hastig aus der Hand gestellt haben.

Im Hintergrunde des engen dämmerigen Vorflurs stand die Thür zur Küche noch offen; man sah die Holzscheite im Herdfeuer rot glimmen.

»Ja, unser Mädchen ist nämlich schon wieder krank. Sie ist wirklich ewig krank, diese Aermste,« sagte die junge Frau und zog Marianne in die Wohnstube.

Die Wohnstube war ziemlich groß, niedrig und so dicht über dem Hof, daß der gegenüberliegende Schneehaufen sie schon verfinstern konnte. Auf dem Hof flogen weiße und graue wohlgemästete Tauben umher, flatterten auf den Fenstersims und schlugen mit ihren Flügeln an die Scheiben, an denen drinnen blühende Azaleen standen.

Ein Teil des Zimmers wurde durch zwei mitten hineingebaute mannshohe Scheinwände isoliert, hier befand sich der Schlafraum. Die zurückgeschobene Portière ließ das Ehebett unter einem Baldachin von geblümtem Stoff sehen, sowie die Ecke mit den Heiligenbildern. Ein paar davon besaßen schwere Silberverkleidung; unter ihnen hingen gestickte Handtücher und lagen auf einem Wandbort geweihte Brötchen.

Im Wohnraum am Fenster stand breit und bequem ein Tisch, worauf sich in friedlichem Nebeneinander Schreibereien und Hausarbeiten, nicht grade zierlich geordnet, befanden. Auf einem Seitentisch zeigte der nie fehlende blitzende Samowar, daß hier auch gespeist wurde.

Marianne hatte es sich wunderschön behaglich gemacht in einem Großvaterstuhl, der dicht bei einem wärmeausstrahlenden Kachelofen von anerkennenswerten Dimensionen stand. Neben dem Ofen hing am Bande eine altertümliche kleinrussische Guitarre, eine Gusli. Fröstelnd vergrub Marianne ihre durchkälteten Füße im Bärenfell, das sich vor dem Stuhl ausbreitete.

»Das ist unser Diwan, dort sitzen wir immer beide drin,« sagte die junge Frau.

»Ist es jetzt nicht sehr schlimm für euch mit dem kranken Mädchen, Tamara?« fragte Marianne bedauernd. »Da werdet ihr kündigen müssen. Wie treibt ihr es nur überhaupt —? Du alle Morgen in deinem statistischen Bureau, dein Mann über seiner ornithologischen Gelehrsamkeit? Was fangt ihr denn jetzt an?«

Tamara lachte leise auf, ihr ganzes freundliches Gesicht lachte mit.

»Wir treibens, wie es eben geht; — es wird ja auch wieder besser. Alles wechselt unter dem Mond. Kündigen wollen wir nicht; darauf vertraut die Arme so fest.«

»Russische Sorglosigkeit!« dachte Marianne bei sich. Aber sie mochte nichts Tadelndes äußern, sie wiegte sich darin wie in etwas Wohlthuendem.

Vielleicht wäre es anderswo tadelnswerter gewesen, doch ihr schien immer: wo man unter russischen Menschen war, wo diese Sprache klang, da wurde das Leben in der That in allen Dingen gleichsam simpler und weiter, — vertrauender. Obschon sie selber kein russischer Mensch war, so zählte sie doch nicht zufällig unter diesen ihre besten Freunde.

»Aber überanstrengt es dich auch nicht, Tamara?« meinte sie besorgt. »Noch kann es ja eine ganze Weile dauern, ehe dein Mann die verdiente Berufung bekommt, und ehe du also dem statistischen Bureau ein Schnippchen schlagen kannst.«

Tamara schüttelte belustigt den Kopf, von dem zwei starke Zöpfe unaufgesteckt niederhingen.

»Bis dahin hilft mir eben mein Mann. Wenn ich nicht mal das von Ihnen gelernt hätte, Marianne Martinowna: gute Laune am Alltag bewahren, — die schönste Lektion, die Sie unbewußt allen Ihren Schülern mitgeben, — gratis neben all dem Schulkram.« Tamara fuhr ungeniert mit dem Messerputzen fort, worin sie der Besuch unterbrochen hatte. »Und im Sommer,« bemerkte sie mit aufleuchtendem Blick, »da erholen wir uns schon! Da schlepp ich den Taraß zu den Eltern aufs Gut, oben hinauf nach Wologda, in meine lieben großen Wälder. Da erholen wir uns schon! Ach, warum sind wir da nicht zwei Einsiedler! Sie können mir glauben: ich bin doch gewiß glücklich, aber Heimweh nach den Wäldern und dem Norden hab ich doch. — — Aber nun erzählen Sie doch mal von sich? Also die Cita ist heimgekommen?«

Marianne nickte.

»Mit Beginn der deutschen Weihnachtsferien und bleibt bis über die russischen da. Aber ich habe noch so wenig von ihr, — es war eine so gehetzte Arbeitszeit. Drum wird Weihnachten diesmal so strahlend schön! Mir kommt vor, als ob ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr so darauf gefreut hätte, wie dieses Mal. — — Immer möcht ich die Cita jetzt nahe um mich haben, — so ganz nah bei mir, — — sie so recht tief anschauen: »»Bist du noch dieselbe? Ist auch nichts an dir verändert? Hat mir die Trennung nichts gestohlen? Zeig mir all dein Schönes: — das und das und das, — weißt du noch?«« Ach, Tamara, du hast noch kein Kind, — kannst du das wohl begreifen?«

Tamara nickte schweigend.

In der Küche hörte man es bedrohlich brodeln und zischen. Sie setzte die Messerbank nieder, lief hinaus, klapperte ein Weilchen draußen zwischen den Tiegeln und Töpfen und kehrte dann in die Stube zurück.

»Ja,« sagte sie, »nun ist also Cita auf dem Wege, etwas Erkleckliches zu werden. Aber, Hand aufs Herz, liebe Marianne Martinowna: wären Sie nicht doch seelenfroh, wenn — ja wenn sich die Cita ordentlich verliebte und heiratete?«

Marianne blieb einen Augenblick lang stumm. Dann sagte sie fast andächtig: »Wenn über meine Kinder mein Glück käme, — ein so unfaßbares Frauenglück, das reicher und weiser macht, als alle Reichtümer und Weisheiten der ganzen Welt zusammengenommen, — wenn ihnen das geschenkt würde! — — Und wären es auch nur acht kurze Jahre, wie bei mir, gleichviel. Und käme auch selbst dahinter — wie bei mir —«

Sie konnte nicht weitersprechen.

Tamara sammelte schweigend ihre Messer zusammen. Nach einer Pause bemerkte sie dabei: »Kenne ja auch die Freude am Lernen. Aber mein heimlichster Traum war doch immer nur der aus dem Märchen von Puschkin, dem Zar Saltan: möchte Gott mir geben, einen Helden, einen Bogatyr, zu gebären! Ja ja, dafür kann man nichts thun. Sonst wär es ja auch nur wieder armseliges Menschenwerk. So ist es: Studium ist Verdienst, aber Liebe ist Gnade. — Aber ganz jammerschade scheint es mir, daß Sie nicht mit Ihren beiden Kindern zusammenleben können wegen des Studiums, — gradezu eine Missethat scheint es mir manchmal.«

Marianne fiel rasch ein: »Darüber muß man nicht nachdenken. Es ist nicht anders. Ich muß Sophie doppelt geben, doppelt —«

»Aber ich hätte Ihnen einen kuriosen Vorschlag zu machen,« meinte Tamara, »wenn nur Cita nicht grade in Berlin studierte.«

»Einen Vorschlag —?«

»Ja, von meiner Tante bin ich dazu autorisiert, — wissen Sie, von der, die in Bern das Mädchenpensionat leitet und voriges Jahr hier war.«

»Ach, thut sie das noch immer? Sie klagte doch schon so über ihr Alter und ihre Gebrechlichkeit. — — Will sie es etwa abtreten?« fragte Marianne mit unverhohlener Spannung.

»Sie möchte gern einer Hilfe die Leitung übergeben. Sie wissen: es sind lauter unerwachsne Mädchen, vielfach Russinnen, die dort den sogenannten letzten Schliff bekommen. — — Und auf Sie hält sie so große Stücke, sie wäre entzückt. Aber es wäre doch wohl nichts?«

Marianne schüttelte zögernd den Kopf. Im stillen rechnete sie nach. Es war ihr klar, daß sie hier mehr verdienen konnte. Und schließlich blieb Cita auch dann weit von ihr.

Aber wenn es doch möglich wäre, — mit Cita? Sie wurde ganz still und hörte nicht auf, zu rechnen.

An der Thür, die das Wohnzimmer mit der größern Hauptstube verband, wurden rasche, ungeregelte Schläge hörbar, wie ein Geprassel von Kleingewehrfeuer.

Tamara sagte mit befriedigtem Lachen: »Das ist Taraß' Triumphgeschrei: er hat für heute glücklich sein Ei gelegt. Es ist auch hohe Zeit, daß er frei wird. Ich muß schnell den Tisch decken.«

»Und ich muß leider weiter wandern,« äußerte Marianne mit einem Seufzer; sie erhob sich ungern aus ihrer weichen, behaglichen Ecke.

Tamara nickte betrübt.

»Wir armen Arbeitsgäule,« meinte sie lächelnd und stieß die Thür nach dem Vorflur auf, laut rufend: »Taraß, bist du da? Komm doch mal her, Marianne Martinowna muß schon fortgehn.«

»Jawohl!« schrie es aus der Küche zurück, »aber dann mußt du herkommen, — das Zeug brennt an!«

Der Ton der Verzweiflung, worin das verkündet wurde, erheiterte Marianne. Sie trat auf den Vorflur hinaus und schaute nach der Küche. Tamara war, die Hände ringend, schon an ihr vorbei vorausgeschlüpft.

Zwischen seinem Studierzimmer, das weit offen war, und der Küche mitten drin stand auf dem Vorflur Tamaras Mann mit lebhaft vorgerecktem Hals und richtete seine Augen angsterfüllt auf eine Pfanne, die auf dem Herde stand und furchtbar zischte. Die Brille hatte er sich auf die Stirn geschoben.

Seine Frau stürzte zur Pfanne.

»Geh nicht so nah heran, geh ihr nicht nah!« rief er beängstigt, »— das Zeug spritzt! Man darf sie nur von hier aus ansehen. Es spritzt! Paß auf, es spritzt in die Augen!«

Als das Zischen und Prasseln gelinder wurde, wandte er sich aufatmend der lachenden Marianne zu. Auch er lachte nun. Aus seinem hübschen dunkeln Bart, der tief über das gestickte russische Hemd fiel, das er zu Hause trug, schimmerten die Zähne.

»Ja, ich war nun grade fertig, — und angerührt hatte sie die Geschichte ja, ich sollte nur Wache halten, — aber aufregend ist die Sache ungeheuer, — uff!« und er fuhr sich über die Stirn und die etwas wildgewordenen krausen Haarringel.

Tamara, die am Herde herumwirtschaftete, rief: »Ja, darin ist er gut, wirklich! Sie sollten nur wissen, was wir uns beide alles zusammenkochen. Aber ohne Herzklopfen geht es eigentlich nie ab. — — Die reine Nervenkur. — — Er thut es auch nur, um wenigstens gelegentlich zu beweisen, daß ich ihm neben seinen Vögeln doch auch was gelte.«

Sie kam aus der Küche, streifte die Aermel herunter und trat zu Marianne, die sich grade an den Vögeln ergötzte, die man im offenstehenden Arbeitszimmer sah. Jeder Platz, den die Bücher übrig gelassen hatten, gehörte den Vögeln, — toten, ausgestopften Bälgen — und lebendigen in zwei Riesenkäfigen, aus denen es zwitscherte, piepte und sang.

»Ja, denken Sie nur,« behauptete Tamara, »sein Getier konnte er sogar auf der Hochzeitsreise nicht vergessen. Ich konnte nicht gefühlvoll gegen ihn werden, ohne daß er mir sofort auseinandersetzte, wie es zum Beispiel die Enten und Gänse in ihren Liebesspielen untereinander halten. Damals schrieb er nämlich grade über die. Zuletzt war ich ganz beschämt, keine Gans zu sein.«

Ihr Mann wurde verlegen, aus seinen träumerischen dunkeln Augen sah er Marianne hilflos an.

»So war es gar nicht, — nein, so war es nicht,« bestritt er lebhaft. »Ich habe nur gesagt: ein Gelehrter zu sein, das ist nichts ohne Liebe. Man muß die Tiere lieben, dann versteht man sie gut. Und dann habe ich ihr erzählt, die Enten wären —«

Aber seine Frau fiel ihm ins Wort. Vom nächststehenden Tisch in seinem Zimmer hatte sie geschwind ein dickes Buch aufgegriffen, ein Werk von ihm, schlug es fachkundig auf und las mit heller Stimme:

»Beispielsweise — pagina 136: ›Alle Männchen ziehen sich nahe zusammen. Dann schwimmt je ein Weibchen zwischen ihren Reihen schnell hindurch. Hierauf schnellen die Männchen im Takt in die Höhe, biegen dann den Schnabel gegen die Bauchmitte und pfeifen a tempo. Verpaßt einer der Enteriche dabei den genauen Anschluß, so scheint das etwas Uebles zu sein: er muß alsdann seine Kräuselfedern in die Höhe richten und vernehmlich: ›Räp!‹ rufen —‹«

»Schäme dich! schäme dich!« rief Taraß laut, »ich habe dir nicht so was vorgelesen, — ich habe dir Lieder zur Gusli gesungen!«

»Ja, wissen Sie warum?« Tamara legte das Buch aus der Hand, »um mir mit kleinrussischen Klängen mein Nordrußland zu verleiden! Ist denn Kleinrußland noch Rußland?! Ach, wir zanken uns darüber noch bis zu Tode!«

»Nicht wahr! nicht wahr!« rief Taraß dazwischen, »die schönsten Lieder und die schönsten Sagen sind im Norden und Süden gleich! Der blinde Sänger unten bei uns singt dir, was bei euch gesungen wird. Aber vom Süden hinauf ist es gekommen!«

»Vom Norden zu Euch ist es gekommen!« ereiferte sich Tamara, »von da oben, wo alles rein russisch blieb. Wo auch später nicht einmal der Tatar hindrang —.«

Marianne verließ sie zwischen Küche und Stubenthür im vollsten Streit. Sie lachte noch, als sie auf den Hof hinaustrat zwischen die gurrenden Tauben. Beschämt sah sie nach ihrer Uhr. Noch konnte sie rechtzeitig zur Unterrichtsstunde kommen, doch mußte sie sich tüchtig beeilen.

Eine Weile später durfte sie endlich für kurze Zeit heimgehn. —

Obgleich Marianne müde war, machte sie den Heimweg zu Fuß. Das Schneetreiben hatte nachgelassen, hier und da schaute schon die Wintersonne freundlich zwischen zerrissnem Gewölk hervor.

Marianne liebte es, durch diese Straßen zu wandern, die ihr bei ihren Gängen tagein, tagaus, jahrein, jahraus vertraut geworden waren wie ein Heimatort. Das Ungeordnete und Halbasiatische auf vielen von ihnen störte sie nicht mehr, — nicht die Bettler oder Betrunkenen, die ihr begegneten, nicht die grellbemalten Schenkenschilder mitten zwischen dem bizarren Glanz der zahllosen Kirchen und Kapellchen.

Und sie mußte lächeln, wenn sie schmale, hügelige Gassen sich plötzlich auf einen jener Riesenplätze öffnen sah, die wie weite Ebenen sein konnten, und an deren Rande mitunter kleine Häuser kindlich dastanden wie Spielzeug neben den ungeheuren Raumverhältnissen mancher Nachbarbauten.

Denn der Raum hatte hier keine Bedeutung, keinen Hochmut; keine Pracht schien sich ihrer Größe zu rühmen, und keine Bescheidenheit möglichst eng zusammenzukriechen. Größe und Kleinheit warfen friedlich ihren Wert in eins, nachlässig zu einander gesellt, wie Baum und Grashalm in derselben Landschaft.

Sogar der Kreml, der von jedem Punkt Allgegenwärtige, erschien fast nur zufällig groß: als im Grunde wesensgleich irgend einem der kleinen heiligen Altarschreine in Kapellenform, wie sie Fürst und Bauer zu eigen besitzen, — aber von der Inbrunst einer gewaltigen Andacht irgend wann einmal in solchen Dimensionen geschaut und fixiert, daß er fortan immer allen sichtbar blieb, immer allen gemeinsam gehörte —.

Mitten in der Stadt sah sie, wie dort so oft, ein kleines mageres Füllen neben dem Mutterpferd traben, das einen Lastwagen zog. Das glückliche Pferd! es brauchte nicht von seinem Kinde fort, wenn es auf Arbeit ging.

Marianne fand: alle Arbeit, die Frauen thun, müßte so weise eingerichtet sein.

Sie seufzte und ging rascher.

Beim Ueberschreiten eines Fahrdammes mußte Marianne innehalten, weil zwei Gefährte ineinander geraten waren, was beim wahllosen Durcheinanderjagen leicht genug geschah.

Die Fuhrleute schrieen sich an und fluchten sich gegenseitig in die Hölle; der eine Schlitten wurde frei und flog weiter, am andern war der Gaul ausgeglitten und gestürzt.

Ein Mann, der den Schnee vom Fußsteig schaufelte, trat heran, um zu helfen, doch keine Neugierigen blieben gaffend stehn. Nur ein kleines Mädchen mit rotem Kopftuch schaute auf das daliegende Pferd und kraute es im Vorübergehn mitleidig, mit ganz schüchterner Liebkosung, am Stirnhaar, wie um es zu trösten. Ein Schlitten kam an der Gruppe vorbei und hielt jählings an.

Tomasow saß darin. Er warf dem Kutscher ein Geldstück zu, sprang heraus und ging auf Marianne zu.

»Quelle chance, madame!« sagte er lächelnd, und streckte die Hand aus.

»Und nun begleiten Sie mich nach Hause!« meinte sie gleich.

»Aber selbstverständlich.«

»Das heißt, — falls Sie nicht etwas Wichtigeres vorhaben —?«

Tomasow machte ein etwas spöttisches Gesicht.

»Was sollte ein Tagedieb wie ich besonders Wichtiges vorhaben?«

»Tagedieb! O pfui!« Sie war entrüstet; — »Sie sind ja doch Arzt!«

»Nicht allzusehr. Mir würde es vielleicht bald genügen, Ihrer Gnaden, Frau Mas, Leibarzt zu sein.«

Aber sie ging auf den scherzenden Ton nicht ein.

»Dafür sind Sie noch zu jung, um sich zurückzuziehen. Das wäre sehr, sehr schade. Für viele!« antwortete sie ernst.

»Aber ganz und gar nicht! Hier gibt es genug Aerzte für Moskau, — viel zu viele, — sie treten einander auf die Füße. Es ist gradezu eine gute That, Raum für sie zu schaffen. — Sie werden sagen: in der Provinz? Ja, das ist schon etwas andres. Aber Sie wissen, dafür bin ich verdorben. Es fehlt mir durchaus an der nötigen Aufopferungslust, um in irgend einem Winkel zu versimpeln, — als Menschheitsheros oder als stiller Säufer.«

»Sie sind heute entsetzlich garstig!« rief Marianne und hielt ihren Muff ans Ohr. Sie lief förmlich von ihm fort. »Warum machen Sie sich schlecht vor mir? Warum nur? Ich weiß schon selbst, ob Sie was taugen oder nicht.«

Tomasow suchte nach seinem Kneifer, den er selten trug, und setzte ihn auf, was seinen Gesichtsausdruck ganz verwandelte, als setze er eine Maske auf.

»Laufen Sie nicht so schrecklich geschwind,« sagte er; »wollen wir nicht überhaupt fahren?«

Marianne schüttelte abwehrend den Kopf.

»Nein, ich muß ohnehin so viel sitzen. Und die Luft thut jetzt gut. Ich gehe so gern durch all die Buntheit und Herzlichkeit des Straßenlebens hier; wenns die Zeit nur öfter erlaubte! Sie nicht?«

Tomasow zuckte mit einer Gewohnheitsgebärde die Achseln.

»Wie mans nimmt. Meistens ärgere ich mich dabei, weil ich mich frage, warum in aller Welt einen das Heimweh immer wieder auf den alten Fleck zurückzieht? So oft ich versuche, auf längere Zeit fortzugehn, — ich komme doch wieder. Was soll man aber hier? Ja, wäre man noch ein richtiger dem Grabe entstiegener Altrusse von vor Peters Zeiten, so einer mit langem Bart und langem Kaftan —! Denn sonst würgt man hier ja nur an alledem, wozu man sich eventuell im europäischen Geistestreiben mit entwickelt hat. — — Ich will mich nicht entschuldigen, aber das macht so merkwürdig indolent.«

»Sobald Sie Ihre Russen von Herzen lieben, haben Sie auch einen Wirkungskreis unter ihnen,« meinte Marianne.

»O nein! Das ist ein Irrtum. Sehen Sie sich nur einmal das Volk an mit seinem breiten Gleichmut gegen die ganze eigentliche Welt der Kultur, — wie es alle seine wirklich tiefen Interessen anderswo hat, — was weiß ich, wo: bei Wind, Wetter, Tod, Musik, Ammenmärchen, Heiligenbildern — —. Mit seinen Aufklärern war es noch nie eins. Gegen sie lehnt es sich auf. Und dies Naturell, dies seelische Tempo, ist mindestens ebenso oft schuld an seinem Zurückbleiben, wie unsere oft verrufenen Zustände.«

»Ich weiß schon! Fangen Sie nur nicht an zu politisieren!« sagte Marianne. — »Lieber will ich es sein, die Ihnen von diesem Volk erzählt: zum Beispiel könnte ich Ihnen davon erzählen, warum ich hier, in dieser russischen Stadt, so gern grade an Sonntagen eine Gemäldegalerie besuche, wo auch das Volk vor den Bildern steht —. Es tritt leise auf mit seinen schweren Stiefeln und ist voll von Andacht. Haben Sie eine solche Andacht schon anderswo häufig beobachtet? Man muß nur in des Volkes seelische Art eingehn, um seine Seele zu fassen.«

»Das mag alles sein. Indessen für den einzelnen bleibt das geistige Unbehagen, hier zu leben, weil das Volk in seiner Aufklärung noch nicht weiter ist.«

»— Oder weil wir nicht tiefer sind, mit all unserm Geist,« meinte Marianne nachdenklich. »Jedes Menschenleben sollte doch von jedem Punkt aus, durch die aufrichtige Macht seines Erlebens, bis in alle Tiefen gelangen können, — nicht nur da, wo der Verstand es so herrlich weit gebracht hat. Könnten wir uns nicht durch unsre einseitige Geistigkeit um dieses Kostbarste bringen? — — Was Ihnen hier auf die Nerven fällt, mein lieber Freund, das thut mir so unendlich wohl bis in alle Nerven. Es ist wie ein Trost, wenigstens für den, der, wie ich, nicht mehr mit kann in der großen Kulturhetze, in den immer rastlosern Fortschritten, in der ganzen nimmersatten Selbstentwicklung —«

Marianne sprach lebhaft, fast übereifrig.

Tomasow warf ihr einen aufmerksamen Blick zu. Es war selten, daß sie etwas äußerte, was wie Resignation über ihren Tagesberuf klang, der sie zu nichts anderm kommen ließ.

»Ein Trost, den Sie aber doch am allerwenigsten brauchen,« bemerkte er, »so frisch und angeregt wie Sie —«

»— Von Stunde zu Stunde laufen!« ergänzte sie mit gutmütiger Ironie. »Ja, so ist es nun einmal: Zeit und Schwung läßt das nicht übrig. Und ich würde jetzt eine traurige Rolle spielen in euren glänzenden Geisteszirkeln, unter euren entwickelten Menschen, von denen Cita und auch Sie so gern aus eurem ausländischen Leben erzählen —«

»Unsinn, Ma!« fiel er ein. »Niemand in der Welt eignet sich so herrlich dazu, wie Sie, zwischen solchen Menschen zu leben. Sie würden dort strahlen —«

Marianne schüttelte den Kopf.

»Nein, das würd ich wohl nicht, und das will ich ja auch gar nicht. Aber es ist doch gut für mich, daß ich nicht so ganz nah dabei stehn muß —. Ich würde die Liebe zu meinem Alltagsdasein nicht festzuhalten vermögen und fühle doch: sie ist das allein Wichtige, das allein Ausschlaggebende — —. Hier gibt es ja genug Hochstehende, Schaffende, Menschen über den Alltag hinaus. Aber sie leben einsam, und leben insgeheim doch nur für das Volk. Schon der Lärm der offiziellen Hauptstadt ist ihnen zu viel, deshalb ziehen sie hierher, — und am liebsten weit hinaus, bis an die Grenzen der Stadt, wo schon die Gärten beginnen.«

Marianne nahm Tomasows Arm und fuhr leiser fort: »Ihnen will ich gestehn, daß ich manchmal, aus tiefer Sehnsucht nach Erquickung heraus, hier und da ein Künstleratelier besucht habe — —. Aber auch die, zu denen ich nie gekommen bin, meine ich zu kennen, als hätte ich heimliche Zugänge zu ihnen in allen müden Stunden. — Für mich gibt es noch ein zweites Moskau in Moskau, — mit stillern Straßen, als die ich Tag für Tag betrete, und mit Häusern, wo große Menschen wohnen, die ich verehre. Und manchmal, wenn ich so von Stunde zu Stunde haste, belebe ich meine eigne Ermüdung damit, daß ich mir einbilde, ich ginge gar nicht zu meiner Lehrstunde, sondern zu einem von ihnen —.«

»Und immer noch wieder leben Sie ein Leben, wovon man nichts weiß!« entfuhr es Tomasow. — »Wie können Sie nur von Schwunglosigkeit sprechen? Wer so viel Trost wie Sie schöpft aus —«

»Warten Sie einen Augenblick!« unterbrach Marianne ihn unvermittelt und zwang ihn, mitten auf der Straße stillzustehn, während sie sehnsüchtig nach den ausgelegten Waren eines Straßenobsthändlers hinsah.

Der junge Bursche hatte sein Fruchtbrett vom Kopf gehoben und hielt, sich vor Marianne und Tomasow auf ein Knie niederlassend, ihnen erwartungsvoll seine Zitronen, Aepfel und prachtvollen Südtrauben entgegen.

»Ach, wer kann an so etwas vorübergehn!« bemerkte Marianne seufzend und wählte mit entzückten Augen unter den großen tiefblauen Trauben. Tomasow sah zu, wie eifrig sie bei der Sache waren, der junge Händler und sie. Beide lachten vor Vergnügen.

»Eben wollte ich damit anfangen, Sie über allerlei zu trösten; aber ich sehe, es ist gar nicht mehr nötig,« sagte er, als Marianne fertig war; »Sie sehen aus wie ein beschenktes Kind.«

»Diese sind auch extra schön! Ich freu mich auf das Erstaunen der Kinder,« entgegnete sie, schneller ausschreitend, und steckte die Düte hinter ihren Muff; »beide essen sie gern. — Aber wir sind wirklich gleich zu Hause! Wollen Sie nicht ein wenig mit hinaufkommen? Die Kinder würden so froh sein —«

»O nein, die haben ja schon die Trauben!« sagte er spitz und schüttelte den Kopf. »Aber ich würde für mein Leben gern einmal so ein Obstbrett vor Ihnen ausbreiten, Marianne, — die schönsten Früchte, — ganz unwahrscheinlich schöne, — damit Sie dann so aussehen, wie jetzt eben.«

»Dummes Zeug!« meinte sie ärgerlich, »übrigens habe ich ja fast alles Schöne, was ich besitze, von Ihnen mal geschenkt bekommen. Ist Ihnen das nicht genug?«

»Geschenkt? Von mir? Ich wüßte nicht. Es ist nur Ihre eigenste Spezialität, die Dinge so aufzufassen, als kämen sie Ihnen von andern. Wenn ich Ihnen wirklich schenken wollte, wär es ganz anders —«

Marianne blieb stehn. Sie waren am Hause angelangt.

»Danke für Ihre Begleitung!« sagte sie und gab ihm die Hand. »Sie sind zwar mitunter garstig gewesen, aber im ganzen doch gut, wie immer.«

Er antwortete langsam: »Ein klein wenig garstig waren auch Sie. — — Daß Sie mich Ihren Kindern mitbringen wollten, — gleichsam eine zweite Düte, neben den Trauben. — — Nun, irgendwann werden Sie das schon noch einsehen.«

»Auf Wiedersehen!« rief sie heiter und öffnete die Hausthür.

»Auf Wiedersehen, Ma! So bald als möglich auf Wiedersehen!«

Marianne lief rasch wie ein Mädchen die zwei Treppen hinauf, oben mußte sie Atem schöpfen, als sie den Schlüssel in die Thür steckte. Aber alle ihre Ermüdung war verflogen, das Sprechen und Scherzen mit dem Freunde hatten sie von ihr fortgenommen.

Oben schien Besuch zu sein.

Sie trat vom Vorflur in ihr Wohnzimmer. Ja, da saß ein junger, ganz junger blonder Mann mit ihren beiden Töchtern und erhob sich ehrfurchtsvoll, als er ihrer ansichtig wurde.

»Dies ist Herr Hugo Lanz, Ma,« sagte Sophie vorstellend, »— du weißt, wir trafen uns neulich in der Gesellschaft —«

»Ich komme nur als Abgesandter meiner Verwandten, gnädige Frau,« erklärte Hugo Lanz mit einer weichen sympathischen Stimme, »es handelt sich um eine Schlittenfahrt für heute abend. Vor zehn Uhr sind alle wieder heimgeleitet.«

»Das ist freundlich von Ihnen,« entgegnete Ma und reichte ihm die Hand, »ja, fahrt nur, ihr Kinder.«

»Und du, Ma?« fragte Cita.

»Ich bin ja heute abend zum Thee bei Tante Ottilie und werde euch dort entschuldigen, ihr Nichtsnutze.«

»Aber du wirst heute zu müde sein, Ma,« meinte Sophie bedenklich und küßte die Mutter.

»Nein, Kind, ich bin jetzt so frisch. Und morgen ist Sonntag. — — Aber wer fliegt jetzt wie ein Pfeil und zaubert mir geschwind eine heiße, starke Tasse Thee oder Kakao herbei?«

Die Mädchen stürzten zur Thür.

Hugo Lanz sah so heftig diensteifrig aus, als wollte auch er stürzen, aber er besann sich rechtzeitig auf das Zwecklose eines solchen Unternehmens.

»Thee also!« rief Sophie.

»Nein, besser Kakao!« rief Cita.

Sie verschwanden, und Hugo Lanz blickte ihnen ernsthaft nach — mit einem Gesicht, als hätte eine jede von ihnen etwas Geistreiches ausgesprochen, was lange dunkel in ihm gelegen habe.

Marianne sah den Blick und sah ihn selbst an und war ihm gut. Daß ihm die Gesellschaft dieser jungen, hübschen und geweckten Mädchen ausnehmend gefiel, begriff sie vollkommen und fand es in der Ordnung. Auch fürchtete sie nie, daß ihre Töchter je zu »gelehrt« werden könnten, um zu gefallen. Ihr war zu gut bekannt, wie sehr dabei nicht der Kopf, sondern das Temperament entscheidet.

»Sie sind noch nicht lange hier?« bemerkte sie freundlich, um dem Gast die Zwischenzeit füllen zu helfen.

»Nein. Ueberhaupt nur für einige Monate zu Besuch bei hiesigen Verwandten. Dann soll ich nach Deutschland zurück, um Kaufmann zu werden.«

Er sagte das trübe. Sie fragte nicht, doch traf ihn ihr Blick so warm und mütterlich, daß er spontan fortfuhr: »Mein Traum war, Künstler zu werden.«

Sie fragte auch nicht: in welcher Kunst? Sie sagte nur sehr weich:

»Der höchste Traum. Und die schwerste Erfüllung.«

Er hob die Augen bescheiden zu ihr.

»Aber man soll doch nicht gleich anfangs verzagen, nicht wahr? Ich fühle so bestimmt: ich könnte mich dazu durchringen, wenn man mich nicht so ganz in die Familie einengen wollte. Ein Künstler und jeder, der es werden will, braucht Freiheit.«

Marianne nickte.

»Mehr als Freiheit: Heimat,« sagte sie unwillkürlich.

Hugo Lanz sah sie fragend und wie erwartend an. Ihre Art und Weise nahm ihn leise gefangen.

»Ich meine,« versuchte Marianne zu erklären, »niemand braucht so sehr als er breitesten Spielraum, weil alle seine Bewegungen unberechenbarer, unbezwingbarer sind, als die irgend welcher andern Entwicklung. Aber in seiner angebornen Sensitivität, in seiner fast hilflosen Eindrucksfähigkeit hat er zugleich, wie niemand anders, Furcht vor der Fremde. Seine Freiheit mag sich noch so breit strecken wollen, aber an den äußersten Grenzen seiner Freiheit, da muß er Heimat um sich fühlen, — eine Welt, der er vertraut.«

Aus dem Klang ihrer Stimme vibrierte etwas, als wenn sie jedes ihrer Worte aus tiefen, warmen Glückserfahrungen hebe. Weniger in den Worten selbst, als in diesem Stimmklang lag etwas Suggestives, was Hugo Lanz ergriff.

»Das ist so nur in einem Paradies!« rief er. — »In Wirklichkeit gibt es das nicht,« setzte er traurig hinzu.

Marianne widersprach nicht.

Sie schwieg, doch ihre Augen widersprachen. Sie leuchteten in so ruhigem Glanz und wendeten sich unwillkürlich dem verschlossnen Rahmen auf dem Schreibtisch zu.

Da vernahm man von der Thür her Gelächter.

Die Mädchen kehrten zurück, jede mit einer vollgefüllten Tasse in der Hand. Den Blick starr auf ihre Tassen geheftet, deren Inhalt überzuschlagen drohte, näherten sie sich langsam und feierlich dem Schreibtisch, neben dem die Mutter auf ihrem gewohnten Lieblingsstuhle saß.

»Thee schmeckt bei weitem schöner und regt an, hat Ma stets gesagt,« behauptete Sophie.

»Kakao ist ihr bei weitem gesunder, hat Doktor Tomasow stets gesagt,« behauptete Cita, »— und zwischen dem Schönen und dem Guten, Nützlichen, wirst du doch nicht lange zaudern, Ma! Bedenke auch, welche schlechte Einwirkung ein böses Beispiel auf uns haben, könnte.«

»O du überredest, das ist gegen alle Abmachung!« rief Sophie voll Unwillen.

»Ein Jurist überredet nie genügend, Sophie! — Also: erst jedenfalls das Schöne, — und dann auch noch das Gute, Nützliche,« entschied die Mutter sofort und zog lachend alle beiden Tassen zu sich heran.

Cita hockte sich auf die Seitenlehne ihres Lutherstuhles.

»Du unmoralische Mutter!« sagte sie.

Hugo Lanz hatte sich beim Eintritt der Mädchen erhoben. Er sah ganz zerstreut aus. Ihm erschienen mit einemmal alle beide doch noch recht kindisch, ohne daß er ahnte, wie außerordentlich damit sein Urteil in der Richtung fehlging.

Wohl empfand er den heitern Reiz der kleinen harmlosen Familienscene, aber ihm schien, daß alles Intime dieses Reizes doch ganz und gar nur von dieser köstlichen Frau mit der jungen Stimme und den mütterlichen Augen ausginge.

»Wollen Sie wirklich schon gehn?« fragte Marianne freundlich, als er sich jetzt ehrerbietig von ihr verabschiedete. »Nun, ich danke Ihnen noch für die überbrachte Einladung. Und seien Sie uns hier zwanglos willkommen, falls einmal Weg und Stimmung Sie bei uns vorüberführen.«

»— Ja, gnädige Frau, wenn ich das dürfte, — dann danke ich Ihnen von ganzem Herzen dafür, aber —« er stockte, »— dann lassen Sie mich nicht als einen Fremden kommen und gehn, denn das — das würde ich nach diesem kurzen Gespräch schon nicht mehr ertragen,« fügte er leiser, sehr rasch und, im sichtlichen Kampf gegen seine eigne Schüchternheit, fast heftig hinzu.

Die Bitte, wiederkommen zu dürfen, hatte er vor einer Stunde erst der Töchter wegen an sie richten wollen —.

Marianne gab keinen Bescheid in Worten, aber er empfand ihr ganzes Wesen als eine Antwort. Mit Bestimmtheit fühlte er, daß er von heute an hier nur noch einkehren würde, wie man bei einer Mutter einkehrt, und nur allein ihretwegen.

Als er sich beim Abschied über ihre Hand beugte, gab ihm Marianne unwillkürlich jenen Stirnkuß, auf den nach russischer Haussitte der Gast Anspruch hat. Und als er sein Gesicht erhob, lag eine so dankbare Kindlichkeit auf seinen jungen Zügen, daß sie Marianne rührte.

Sobald sich die Zimmerthür hinter ihm geschlossen hatte, bemerkte Cita mit einem Lächeln: »Der sah dich ja aber mal eben kurios an, Ma. Weißt du, wie? Ungefähr so, wie wenns ihm schlecht ginge, und er dir gleich den Kopf in den Schoß wühlen möchte, um dir zu beichten und von dir getröstet zu werden.«

Sophie mußte lachen.

Cita fuhr, nicht ganz frei von Spott, fort: »Ja, sind Männer nicht eigentlich höchst wunderliche Pflanzen? So etwas Unmännliches sind sie, scheint mir. Es klingt gewiß dumm, aber sag selbst, Ma! Könntest du dir leicht vorstellen, daß ich irgend jemand so — so hilfsbedürftig ansähe? Nein, im Gegenteil: kerzengrade würd ich mich grade dann recken. — — Alles andre ist eben Schwäche.«

Marianne lächelte fein.

»Nicht notwendig Schwäche. — — Schwere Aehren stehn auch nicht kerzengrade,« sagte sie.

Aber in ihrem Innern empfand sie bei Citas Worten einen heimlichen Stich. Cita, ihr tüchtiges, kernfestes Mädchen! Sie konnte ihr vertrauen und mit ihr reden über alle Sorgen und Nöte, fast wie mit einem klugen Freunde, ja fast wie mit einem Mann —.

Ja, das alles konnte sie. Aber — den Kopf noch einmal anschmiegungsbedürftig in Mas Schoß wühlen, das würde Cita doch wohl nie mehr —.

Sophie hatte sich ans Fenster gestellt. Sie sah Hugo Lanz, der aus dem Hause herausgetreten war, unten über den Fahrdamm gehn. Er sah schlank und fein aus in der dunkeln Pelzmütze und trotz des Pelzes, der alle Konturen vermischte. Eigentlich gefiel er ihr doch sehr gut, viel besser, als sie es Citas Spottlust einzugestehn wagte.

Jetzt äußerte sie aber doch:

»Du, — den mag ich trotzdem gern. Warum soll er auch Ma nicht angucken, wie er will? — — Ich habe mich mit ihm schon prachtvoll unterhalten, neulich in der Gesellschaft, ehe du hier warst, Cita. Ich erzählte ihm von den höhern Mädchenkursen, und dann, daß mich die Naturwissenschaften so sehr interessieren, — daß ich aber noch weit lieber ein Arzt würde, — grade wie Doktor Tomasow.«

»Aber das alles sind ja dem jungen Dichter völlig gleichgültige Beschäftigungen, Sophie,« meinte Cita und trug die Tassen der Mutter hinaus.

»Die Beschäftigungen an sich: ja!« gab Sophie kleinlaut zu und schaute noch immer angestrengt einem dunkeln Punkt in weiter Entfernung — einer Pelzmütze — nach, obschon sie nicht mehr ganz sicher war, ob es nicht längst eine andre Mütze auf dem Kopfe eines andern sei. »Aber,« fuhr sie eifrig fort, »auf die Art der Beschäftigung kommt es auch nicht an, sondern darauf, daß er auch hinausstrebt, — fort, hinaus! Mit dem einzigen Unterschied, daß er das infolge von Gedichten thut. Das schadet aber doch nichts. Die Hauptsache haben wir doch gemeinsam. Auch ihm ist eng, auch er hat allerlei Träume, die er kaum zu Hause zu nennen wagt, — auch seine Pläne lassen sich nun einmal nicht zu Hause verwirklichen. Und seine Familie, — die hält ihn. Wie sollten wir da nicht sympathisieren?! Wie sehr kann ich ihm doch das alles nachfüh—.«

Sie stockte jäh.

Die Nase an die Scheibe gedrückt, hatte sie ganz vergessen, wo sie sich eigentlich befand. Ihr ward plötzlich erst bewußt, was sie da sagte.

Cita konnte es überhaupt nicht mehr hören, die war ja eben mit den beiden Tassen hinausgegangen.

Aber da, im Luthersessel vor dem Schreibtisch, mit dem Gesicht grade zum Fenster, da saß, Sophie im Rücken, ganz schweigsam — Ma —

Einen Augenblick lang, einen Augenblick nur, war ihr Ma wirklich ganz und gar aus dem Gedächtnis entschwunden gewesen.

Wohl eine volle Minute stand Sophie wie erstarrt. Sie bekam ein Gefühl, als wär es noch besser, sich mit ihrer kleinen Nase ganz durch das Fensterglas durchzubohren, um nie, nie wieder die Augen zurückwenden zu müssen.

Ihr Herz schlug heftig, sprunghaft, die Lippen wurden ihr trocken. »Arme, süße, liebe Ma!« dachte sie außer sich, voller Wut.

Plötzlich drehte sich Sophie gewaltsam um, zu ihrem eignen Schreck. Sie sah das Zimmer vor sich wie im Nebel. Sie lief auf die Mutter zu, fiel vor ihr auf die Kniee und umhalste sie wortlos, stürmisch.

»Ach Ma, — dummes Zeug — solch dummes, — ich benutzte unwillkürlich seine Worte, — weißt du: einfach seine Worte — sie passen ja auch einzig und allein für ihn, alle, alle diese Worte!« stammelte sie endlich, ganz in Thränen, und dann lachte sie fast ein wenig, verlegen und sonderbar.

Marianne herzte sie ganz leise.

»Aber — du wildes Mädchen, — wie kann man sich dermaßen erregen! Viel zu leicht erregt bist du, weißt du das? Du mußt dich besser zusammennehmen. — Komm, sei nun wieder ruhig und mein liebes altes heitres Kind, — ja?«

Sophie hob den Kopf. Bei diesen sanften Worten verflog langsam ihr Schreck, sänftigte sich auch ihre Reue. — Vielleicht hatte Ma gar nicht so genau hingehört vorhin — —.

Marianne strich ihr liebreich über das schimmernde blonde Haar. Ihre Augen aber schauten großgeöffnet über ihr Kind hinweg.

Dann stand sie auf.

»Man braucht nur ein wenig wieder ›daheim‹ zu sein, um gleich wieder zu vergessen, daß es auch noch ein ›Draußen‹ mit allerlei Pflichten gibt, — ich muß ja fort,« sagte sie zu Cita, die eben eintrat und einen heimlich verwunderten Blick auf das thränenfeuchte, gerötete Gesicht der Schwester warf.

»Ach, mußt du schon gehn, Ma? Ist es nicht zu früh?« Cita holte schnell den Pelz und die Ueberschuhe vom Vorflur herein. »Komm, ich helfe dir! Du wirst wohl von Tante Ottilie später nach Hause kommen, als wir.«

»Wohl nur wenig später,« meinte Marianne, »und ihr wißt: wer zuerst kommt, geht schlafen, ohne zu warten, — nach unsrer alten Verabredung.«

»Es ist aber wirklich noch viel zu früh, deine Stunde fängt viel später an,« murmelte Sophie, die der Schwester Mas Ueberschuhe hastig aus der Hand gezogen hatte. Sie kniete mit ihnen zu Füßen der Mutter, um sie ihr anzuziehen.

Marianne ließ es schweigend geschehen.

»Lebt wohl, ihr Kinder, und vergnügt euch so gut wie möglich! Der Himmel ist jetzt klar, und ich denke, ihr bekommt herrlichen Sternenschein zu eurer Ausfahrt.«

Sie sagte es einfach und harmlos. Aber die Art, wie sie beide noch einmal küßte, war voll unterdrückter Leidenschaftlichkeit. Rasch ging sie fort.

Die reine kalte Winterluft draußen that ihr wohl. Ihr war das Herz plötzlich so schwer geworden, so bange und schwer.

Einen Augenblick lang, vorhin, fühlte sie deutlich, — so deutlich wie in einer grellen höhnischen Beleuchtung, die sie blendete und verwirrte, — ihre beiden Kinder fern von sich: die eine lebenssicher, im Grunde fertig, nur noch ein Gast im Mutterheim, und die andre — ja, die andre sich sehnend, — sich von ihr hinwegsehnend.

Es war in der That noch nicht die Zeit für die beiden Privatstunden, die sie, ganz in der Nähe von Ottiliens Wohnung, in einem reichen Kaufmannshause zu geben hatte. Es hatte sie nur nicht länger gelitten, mit ihrer wehen Angst, unter den Augen der Kinder.

Marianne ging einige Straßen weit in der Richtung auf ihr Ziel, dann blieb sie unterwegs vor einem Stift für arme Frauen stehn. Von zwei kleinern Nebenbauten flankiert, lag es lang und flach hinter einem grün angestrichenen hölzernen Zaun.

Noch ehe sie sich überlegt hatte, ob sie eintreten wolle, war sie bereits aus einem Fenster des Erdgeschosses von derjenigen bemerkt worden, der ihr Besuch galt.

Kaum stand sie im steingepflasterten Flur, der die ganze Mitte des Hauses durchschnitt, als sich auch schon eine der vielen Zimmerthüren zu seinen beiden Seiten öffnete, und die ihr wohlbekannte energische Stimme auf russisch erfreut herausrief: »Willkommen! Willkommen! Frau Marinka!«

Aus dem Hintergrunde des Flurs, wo dieser in ziemlich dunkle Küchenräume zu münden schien, quoll starker Dampf und Speisegeruch. Eine dralle Magd, mit aufgekrempelten Aermeln und in Bastschuhen, schlürfte vorüber.

Aber im Zimmer selbst, das Marianne betrat, war es, trotz seiner rohen grellbunten Tapete und den ungestrichenen Dielen, nicht unbehaglich. Wer hier eigne Möbel um sich aufstellen konnte, entbehrte nicht ganz eines gewissen Komforts.

Aus einem Sessel am Fenster hatte sich eine große, starkknochige Sechzigerin erhoben und ging Marianne belebt entgegen, wobei sie sich auf einen Stock stützte.

»Nun, meine Liebe, das ist wirklich aufopfernd von Ihnen, — ich wäre Ihnen auch längst auf dem zugkalten Flur entgegengelaufen, aber, Sie wissen: die dumme Gicht! Und Doktor Tomasows Verbot! — Setzen Sie sich, meine Einzige; was kann ich Ihnen anbieten: Thee, Obst, Schokolade, Konfekt oder etwa kaltes Rebhuhn?« — fragte sie, in rascher, lebhafter Rede, mit der Miene einer Schloßfrau, die bewirtet; zugleich hob sie den Krückstock und deutete damit auf die verschiedenen Stellen im Zimmer, wo die angebotenen Herrlichkeiten ihren Platz gefunden hatten.

Marianne mußte lächeln, sie sah um sich. Ja, da standen in der That allerlei Leckereien, — die guten Bekannten hatten sie gebracht.

»Ach, Wera Petrowna, das ist ganz gut, aber daß Sie hier wohnen müssen! Sie sollten es jetzt besser haben: hat Tomasow Ihnen von der neuen billigen Pension erzählt?«

Wera Petrowna lachte voll Nichtachtung und zeigte dabei ihre starken, gelblichen, wohlerhaltenen Zähne.

»Thorheit, meine Liebe, Thorheit!« sagte sie und zog Marianne neben sich auf das große, mit verblichener geblümter Wolle überzogene Sofa. »Von meinem winzigen Gelde kann ich auch in der billigsten Pension nicht leben. Armenstift, — das ist Vorurteil. — Und Konfekt und Rebhuhn, das ist ja recht schön, aber wenn meine Verwandten glauben, daß sie mich dadurch ködern und willfährig machen können, — daß ich deshalb bei ihnen irgendwie als gute Tante unterkriechen würde! — Ich esse einfach die guten Sachen, und komme doch nicht.«

Die Alte wußte ganz gut, welch schmerzlicher Stein des Anstoßes ihren ansehnlichen Verwandten ihr »Schloß« war, wie sie das Armenasyl nannte.

Sie nahm bedächtig eine Prise.

»Kommen Sie nicht vielleicht morgen zu uns zum Frühstück?« fragte Marianne. »Heute habe ich knapp Zeit, aber dann könnten wir von den Weihnachtseinkäufen plaudern. Ich weiß schon, daß Sie so gut sind, mir mancherlei Besorgungen abzunehmen, — ich komme ja erst dicht vor Thorschluß dazu.«

Wera Petrowna nickte.

»Ja, so gut bin ich, — sehr gern, thu ich sehr gern. Sie wissen ja, wie für mein Leben gern ich in den schönen Läden herumflankiere. — Mit einigen blanken Rubeln oder ein paar Papierscheinchen lauter gute Dinge ansehen und bestellen, — nun, und die Verkäufer, die haben auch höllischen Respekt vor meinen scharfen Augen und müssen herzeigen, worauf ich mit dem Stock weise, — und sollten sie sich selbst beim Hinundherklettern den Hals verrenken.«

»Aber reinen Mund vor den Kindern!« warnte Marianne.

»Natürlich. Freue mich recht, morgen die beiden wiederzusehen. Sah die Cita ja lange nicht. Und sie sind beide so recht hübsch zum Ansehen, — nun, auch zum Sprechen gut, wirklich sehr gut. Schade, zu denken, daß so was bald weggeheiratet wird. Schade, schade.«

»Ganz so pessimistisch urteile ich darüber nicht, ein solches Fortgehn ist nicht das schlimmste Fortgehn,« sagte Marianne leise.

»Nun, ist vielleicht auch wahr. Wenn ich so denke, wie es mir erging. Verschlagen ins ärgste Gutsleben in entlegenster russischer Provinz — vom ersten Tage der Ehe an. Und hineingekommen mitten aus der feinsten städtischen Erziehung, — ja, alles, was wahr ist: mitten aus den feinsten Pensionaten und voll von allerlei Bildungsbedürfnissen. Und trotzdem — was meinen Sie wohl? — trotzdem hab ich doch diesen Menschen bis an seinen Tod angebetet, diesen prachtvollen Jungen, meinen Mann! Konnte er etwa mehr als Gutsarbeit, Trinken, Spielen —? Nein, keine Spur! Und brutal war er auch, wenn er nicht grade zärtlich war. Was that mir das alles? Tottreten hätt er mich dürfen! — — Nun ja, Leidenschaft ist blind und taub, das weiß man ja, — und mitunter ist sie auch unglaublich dauerhaft dabei, — das muß wahr sein. — — Die längste Zeit des Lebens ist man einfach verrückt.«

Es klang fast cynisch. Marianne kannte diesen Ton. Aber auch das kannte sie: daß Wera Petrowna dasaß und durch ihr lebhaftes Erzählen von irgend etwas Marianne von der Unterhaltung enthob, weil sie merkte, wie wenig Marianne, ihrer lieben »Marinka«, nach Unterhaltung zu Mute sei. Und was merkte sie nicht? Gewiß schon bei den ersten Begrüßungsworten hatten diese hellgrauen fast ironisch blickenden Augen alles, was sie wollten, gesehen.

Wera Petrowna griff nach einem frisch angebrochenen Zigarettenkästchen und machte Feuer.

»Geschenk von meinem Neffen!« bemerkte sie kurz. »Und Sie rauchen noch immer nicht? — — Wird auch noch kommen, meine Einzige, wird auch noch kommen. Wissen Sie überhaupt: alle wahren Genüsse kommen im Alter, — und so weit sind Sie eben noch immer nicht, Sie Aermste. — Da hat man nämlich erst die Ruhe dazu, — ich meine: so die inwendige Ruhe. Man hat kälteres Blut. Taxiert die Dinge anders. Nimmt nicht alles so wahnsinnig persönlich, woraus ja doch allein alle schrecklichen Schmerzen kommen. — Nun, ich will Ihnen übrigens alle diese spannenden Vorteile nicht vorweg erzählen, Sie erleben sie ja auch noch. — Es ist wirklich zu schön, sagte der Bauer, und da ließ er sich zur Ader, so lange, bis er starb —.«

Sie lachte auf und rauchte wie ein Schornstein.

Marianne sah nach der Uhr.

»Jetzt muß ich zur Stunde,« sagte sie bedauernd, »also auf morgen. Wie gut und ruhig sitzt es sich bei Ihnen, man ruht aus.«

»Ja, mein Täubchen, wollten Sie nur noch bleiben, — ich würde gern das Maul halten; übrigens, ich begleite Sie, wenn Sie erlauben. Fahre mit der Pferdebahn von der Ecke an in der Richtung der Schmiedebrücke. Ich habe, weiß Gott, hier nichts zu thun. — Für gestern abend bekam ich richtig noch ein überzähliges Theaterbillett zugesteckt. Ein Lotterleben führt die Alte, was?«

Sie erhob sich schwerfällig und streichelte Marianne liebkosend die Wange.

»Ein Leben, um dessen Frische und Elastizität der Jüngste Sie beneiden muß,« versetzte Marianne, »wer von uns würd es an Ihrer Stelle wohl ohne Trübsal aushalten — bei diesem Mangel an dem Ihnen gewohnten Behagen und Ueberfluß?«

Wera Petrowna hatte ihre Haube von dem ganz dünnen grauen Haar heruntergenommen und band sich umständlich einen wattierten Kapottehut, mit Ohrenklappen für den Wind, auf dem Kopf fest.

»Behagen? Da hust ich drauf!« antwortete sie derb, und es wetterleuchtete von Spott über ihren scharf geschnittenen Zügen; »was schert mich denn das bißchen Behagen? Eiderdaunen und Tischporzellan, fette Braten und Dienerschaft rechts und links, bis man sich nicht mehr rührt noch regt, sondern irgendwo einschläft. Mit all dem Behagen haben wir uns da hinten auf dem Gut gestopft, wie Mastgänse. Das Behagen quoll uns direkt zum Halse heraus. Aber das Leben stand mir still, — all mein Leben, bis auf das eine verliebter Leute. Nun bin ich als Mastgans alt geworden, aber vom Leben will ich noch schnell was mitnehmen, soviel eben eine alte Gans noch begreift.«

Sie ließ sich von Marianne in ihren Pelz helfen, versorgte sich reichlich mit Zigaretten und klapperte mit ihrem Stock auf den steinernen Flur hinaus.

Sie gingen nur ein kleines Stück gemeinsam, bis zu der Pferdebahn.

»Sehen Sie, da kommt sie schon!« sagte Wera Petrowna mit innigem Vergnügen und wies mit ihrem Stock auf den herannahenden Straßenbahnwagen: »Und nun geht es für bloße fünf Kopeken mitten hinein in die Wagen und Menschen, Schauläden und Ausstellungen — und sogar in die Unglücksfälle — meinetwegen, wenn das Genick doch schon gebrochen sein muß.«

Marianne blieb lächelnd stehn, bis sie die Alte im Inneren des Wagens gut placiert sah, dann schritt sie schneller aus, zu ihrer Privatstunde.

Die Eindrücke des heutigen Nachmittags zu Hause traten dabei langsam in den Hintergrund, und die Notwendigkeit, alles zurückzudrängen, was sie nicht in ihren Beruf mitbringen durfte, erwies sich, wie so oft, heilsam befreiend für ihre Stimmung. Als sie vom Unterricht zu ihrer Schwester ging, hatte ihre Grundnatur, getrost und tapfer, bereits wieder den Sieg über die Traurigkeit gewonnen.

Es war schon halb neun Uhr. Sie kam bei Ottilie grade noch zum Abendthee zurecht. Neben dem Tisch im Eßzimmer dampfte schon der silberne Samowar auf seinem Gestell, die Theegläser standen bereit und dazwischen flache Schüsseln mit eingekochten Früchten und mit winzigen belegten Brotschnittchen, — jedes grade ein Mundvoll groß, fast so zierlich wie Konfekt hergerichtet.

»Aber seid ihr etwa nicht allein heute?« fragte Marianne beunruhigt, als sie diese kunstvollen Zuthaten zum Abendthee wahrnahm und die hübschen gestickten Tellerservietten, — Ottiliens eigne mühsame Handarbeit.

»So gut wie allein,« versetzte ihr Schwager, der sie empfangen und hereingeführt hatte, »Ottilie sitzt nur noch drinnen mit einem Fräulein — eine ausländische Konzertsängerin, glaub ich —. Jedenfalls schwärmt Tilie für das Fräulein Clarissa.«

Er machte bei seinen Worten ein gutmütiges, behagliches Gesicht. Ihm gefiel, wenn schon nicht die Konzertsängerin, so doch der um ihretwillen so schön bestellte Theetisch sehr gut.

Ueber die Schüssel mit den zierlichen Brotscheibchen gebeugt, steckte er eins davon, mit geräuchertem zartrotem Lachs belegt, in den Mund. Grade wollte er Marianne auffordern, sich der gleichen Beschäftigung hinzugeben, als seine Frau mit dem fremden Fräulein bereits eintrat.

Nun wurde nach den Kindern gerufen, man nahm geräuschvoll Platz und tauschte die üblichen Redensarten. Inotschka, die dreizehnjährige Tochter, erschien schüchtern an der Thür, sie machte vor der Fremden ihren eingelernten Knix mit einer Befangenheit, die sie linkisch aussehen ließ und die schlanke Grazie ihrer feinen Bewegungen ganz verwischte.

Rot bis an den lichtbraunen Haarschopf über ihrer Stirn, setzte sie sich in ängstlicher Haltung neben ihre Mutter, deren Stirnrunzeln sie schon bemerkt hatte. Aber dabei flog ihr Blick mit einem Aufleuchten zu Marianne hinüber, die von ihr in all der Verlegenheit nicht einmal begrüßt worden war. Dafür grüßten sie ihre Augen nun fortwährend und brachten dadurch ihr Theeglas in Gefahr, von den unachtsamen schmalen, rötlichen Händen umgestoßen zu werden.

Nikolai, der älteste Sohn, ein großer Junge in der kleidsamen Gymnasiastenuniform, saß neben Marianne, mit der er sich ebenfalls besonders gut stand. An seinen freien Montagnachmittagen war er ihr Schüler, da trieben sie auf Wunsch des Vaters englische und französische Konversationsstudien, und bei diesen Gelegenheiten hatte er mit vielen grammatikalischen Fehlern Marianne mehr von seinen vierzehnjährigen Wünschen und Nöten anvertraut, als je auf gut russisch seinen eignen Eltern. Heute klagte er Marianne heimlich, mit ausdrucksvollen Andeutungen, sein Leid über diesen unerwarteten Damenbesuch; er wollte zu bestimmter Stunde einen Kameraden treffen, und nun konnte »die Geschichte schrecklich lange dauern hier bei Tisch«.

Seine beiden kleinen Brüder schauten hinter ihren breiten Milchtassen nur ganz verstohlen auf den fremden Gast in dem für einen simpeln Familienthee etwas zu prächtig geratenen Gesellschaftsanzug. Sie waren beide beängstigend artig, — so artig, wie, nach Mariannens in diesem Punkt ziemlich trüben Lebenserfahrungen, lebhafte Kinder nur dann sind, wenn sich bald darauf etwas Fürchterliches ereignet.

Aber diese Kleinen hier regierte auch bei Tisch der wachsame Blick ihrer Mutter mit unmerklicher Strenge. Der Jüngste, Mariannens Liebling, war schon zu Bett.

Ottilie verstand es musterhaft, in sich stets gleichbleibender Liebenswürdigkeit sowohl für die Unterhaltung wie für das Betragen der Kinder zu sorgen. Und während sie emsig ihrem Mann den Thee auf seine ganz spezielle Weise mit Fruchtgelee anrührte, blieb sie doch ganz Ohr und fiel bei jeder heitern Aeußerung ihres Gastes mit einem kleinen hellen, klingenden Lachen ein.

»Sie ist darin einfach bewunderungswürdig!« dachte Marianne aufrichtig, die inzwischen ganz still geworden war. Sie hatte genug damit zu thun, gegen ihre Abspannung anzukämpfen, von der sie an solchen Tagen, beim ersten Nachlassen von Pflicht oder Freude, überfallen werden konnte.

Hin und wieder verschwammen ihr die Worte der andern in einem eintönigen Gesumm. Sie wußte sich sogar ganz gut im stande — zu ihrer eignen Beschämung —, auf diesem bequemen Stuhl mitten unter ihnen allen recht tief und süß einzunicken, um dann zu einer gegebenen Zeit frisch und heiter zu erwachen, von neuem aller ihrer Kräfte Meister —.

Erschrocken bemühte sie sich, besser zuzuhören. Fräulein Clarissa schwärmte soeben von Oesterreich.

»Das ist ganz Wasser auf die Mühle meiner Frau!« sagte der Schwager. — »Die ist ganz versessen drauf, und nun gar Wien! — Hier ist nur das Diesseits, dort das schönere Jenseits: so etwa denkt sie sichs. Und die Praterfahrten, und die feschen Offiziere, — nicht wahr, Tilie?«

Er sprach mit gutmütigem Spott, Stockrusse, wie er durch und durch war, kaum je über die Landesgrenze gekommen, und vielleicht zu seiner eignen Verwunderung mit einer halben Nichtrussin verheiratet. Sein naiver Chauvinismus kam seiner Karriere als höherer Beamter sehr zu statten, war indessen intensiv ehrlich gemeint.

Ottilie erwiderte gar nichts. Doch hatten sich alle Züge ihres Gesichtes während seiner Worte verändert, strafften sich plötzlich, — es sah aus, wie wenn sie sich auf Eis legte. Die Theekanne zitterte leicht in ihrer Hand.

Nur Marianne bemerkte es. Ganz erstaunt sah sie die Schwester an. Ach so, — der fesche Offizier?! — Nein, das konnt es doch wohl nicht sein? Ein österreichisch-ungarischer schmucker Husar, Leichtfuß und nichtssagend, hatte Ottilie einst einen Heiratsantrag gemacht — in gänzlicher Verkennung der materiellen Verhältnisse. Eine belanglose Schwärmerei Ottiliens. Wie belanglos, das empfand Marianne damals doppelt deutlich gegenüber ihrem eignen Bündnis, das sie kurz zuvor eingegangen war.

Sie erinnerte sich noch ganz gut, wie heftig der zigeunerische Teint und die Husarentracht die Schwester bestachen. Und um wie viel älter sie sich selbst urplötzlich daneben vorkam. Um so viel älter wie erglühende inbrünstige Jugend neben den Gefühlswallungen der Backfischentwicklung.

Ottiliens Mann hatte die Bedeutung dieses ominösen Husaren offenbar rein vergessen. Ottilie hatte sie jedoch sonderbarerweise hinter ihrer ruhigen, liebenswürdigen Verschlossenheit ganz und gar nicht vergessen. Der Schwager schien nicht allzuviel Ahnung von den geheimen »Tiefen« in seiner Frau zu haben.

Nikolai rückte immer unruhiger auf seinem Stuhl herum und schielte nach der großen Wanduhr gegenüber. Er wagte aber nicht, aufzustehn. Der Blick seiner Mutter, der jetzt um eine Nuance schärfer und gereizter schien als vorher, mahnte ihn wiederholt daran, daß auch er einen, wenn auch nur bescheidenen Beitrag zur Unterhaltung zu liefern habe, weil es sich für seine Jahre schicke, die Umgangsformen zu üben.

Nikolai zermarterte sein Gehirn. Ihm kam eine entsetzliche Menge von Gedanken und Vorstellungen, aber sie waren alle so merkwürdig unpassend.

Schon war er nahe daran, bei Tante Marianne einen kleinen Gedanken zu borgen. Da fiel ihm grade noch etwas ein, und er sagte ganz verzweifelt, — viel zu laut mitten hinein ins Gespräch der übrigen: »In unsrer Schule ist ein Junge für immer abhanden gekommen.«

»Wie denn abhanden gekommen?« fragte Marianne befremdet.

»Ja so, ganz abhanden. Er war dort Pensionär, lief fort und hinterließ einen Zettel, daß er sich töten wolle. Niemand weiß, wo und was. Seine Eltern leben in Südrußland. Man hat ihn noch nicht aufgefunden.«

Ein kleiner Alarm entstand am Theetisch. Nikolai war ganz stolz. Alle redeten durcheinander.

»Mein Himmel, daß du das auch nicht gleich erzählt hast!« rief sein Vater.

Nikolai nahm sich das heimlich bereits für das nächste Mal vor, wenn wieder ein Junge abhanden kommen sollte. Er hatte gefürchtet, es sei im Hinblick auf einen Gast ein zu bescheidener Beitrag.

Ottilie seufzte. Sie sah streng und bitter aus.

»Das sind Zustände!« bemerkte sie empört. — »Ja, wenn schon die Kinder so anfangen! Dann ist es freilich nicht zu verwundern, wenn sie sich ohne alle Zucht und Sitte erst recht töten, nachdem man sie glücklich bis zum Erwachsensein durchgebracht hat. Was für ein Kind muß das gewesen sein, das so etwas Schändliches thut.«

»Und welch eine Behandlung, die so etwas ermöglicht!« setzte Marianne im stillen hinzu. Sie erschauerte. Konnte man sich wohl je genügend tief in eine Kinderseele hineindenken, die zu solchen Entschlüssen gelangt war? Vielleicht bezwungen vom Heimweh, — von irgend einer unverstandenen Angst, — Angst vor dem ganzen Leben selbst vielleicht, — wer weiß es denn?

Und ihr wurde das Herz ganz weit und groß, als müßte sichs über eine Welt ausdehnen und alle Kinder darin umfassen, — mit solcher Wärme und Inbrunst umfassen, daß keins davon ausgeschlossen bliebe.

Ganz verträumt und zerstreut stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie jetzt hingehn könnte und suchen und finden, und wie das ratlose Kind, anstatt in irgend eine letzte Dunkelheit, sich hinein verfangen würde in helfende, starke, mutterzärtliche Hände —.

Endlich erhob man sich.

Nikolai entfloh. Die kleinen Brüder machten ihre Runde mit einem schläfrigen, etwas schwankenden Kratzfuß und wünschten gute Nacht. Im Nebenzimmer wurde der schöne Flügel geöffnet, und Fräulein Clarissa setzte sich davor, um ein Arie aus Figaros Hochzeit vorzutragen.

Marianne griff der Gesang an. Die Stimme, ein prachtvoller Alt, erwies sich als zu groß für das nicht sehr geräumige Zimmer. Ottilie ließ sich augenscheinlich nicht weiter davon anfechten, übrigens war sie auch nicht sonderlich musikalisch.

Der Schwager setzte sich zu Marianne. Er schob ihr ein bequemes Kissen in das Sofa, dessen Polsterlehne im Rücken unbequem einfiel, und warf seine Zigarette fort. Etwas so Sorgliches besaß er.

»Findest du nicht: Tilie sieht schön und vorteilhaft aus, sogar neben der viel Jüngern, — ihr seid eine dauerhafte Rasse, ihr beide!« bemerkte er mit einem freudigen Blick auf seine Frau, die am Flügel stand.

»Ja. Ich bewunderte sie heute wiederholt,« gestand Marianne.

Er nickte eifrig.

»Einfach famos!« Und er versank in Gedanken über die Vorzüge seiner Frau, die er aufrichtig liebte.