Inotschka hatte sich hinter das Sofa geschlichen, gegen das sie sich lehnte, indem sie ihre Arme auf seiner Rückseite verschränkte, sodaß sie Mariannes Haar berührten.
Marianne gab leise nach und legte den Kopf zurück an die magern zärtlichen Mädchenarme, von denen sie wußte, wie viel lieber sie sie herzhaft umhalsen würden.
Immer hatte sie an sich gehalten, wenn sie spürte, daß ihr Inotschkas Vertrauen entgegenflog, denn sie durfte sie nicht der Mutter wissentlich entfremden.
Dadurch wurde der Wortaustausch zwischen ihnen wunderlich einsilbig und karg. Doch beredter als Worte schlich sich eine feine leise Zärtlichkeit ergänzend in ihren Verkehr, kaum wahrnehmbar andern, kaum merklich ihnen selbst —.
Marianne dachte: »— Wenn Inotschka erst älter und reifer ist, dann wird sie mir auch mehr zugehören dürfen. Ueber diese paar Jahre muß sie hinweg, wie so viele —.«
Und sie dachte dankbar daran, daß in diesem Alter nicht viele so ganz eins im Sinn und Sein mit der eignen Mutter sind, wie es Cita und Sophie mit ihr gewesen waren.
Darüber fiel ihr der heutige Nachmittag wieder ein —.
Aber sie wollte nicht wieder zaghaft werden: diese Zeit der innigsten Zueinandergehörigkeit konnte nicht vorbei sein. Wußte doch sie am allerbesten, wie viel, wie unendlich viel sie ihren Kindern noch gar nicht gegeben, noch gar nicht mit ihnen geteilt hatte, weil sie auch jetzt noch zu jung und unerfahren waren, um alles zu empfangen. Voll Freude und Ungeduld ersehnte sie die Zukunft, wo ihnen einmal alles, ihr ganzer tiefster Lebensgewinn, zu eigen werden durfte. Wo sie einander ganz verstanden und durchdrangen, wie drei Freunde, — um miteinander eine unzertrennliche seelische Einheit zu bilden. Dann erst würden alle ihre Schmerzen und Erfahrungen, alle ihre Kämpfe und Siege kostbare Ernte tragen, — eine Ernte auf den Feldern ihrer Kinder —.
Marianne bekam Heimweh nach ihren beiden Mädchen, es trieb sie aus dem heißen Zimmer nach Haus.
Als sie endlich mit gutem Anstand fortgehn konnte, war es über dem Singen elf Uhr geworden.
Die Begleitung des Schwagers schlug Marianne aus. Sie schlich sich nur noch für einen Augenblick in die große Schlafstube, um das jüngste Bübchen in seinem Gitterbett schlummern zu sehen, was sie nie zu thun unterließ.
Dann gab ihr Inotschka das Geleit bis auf die Treppe hinaus.
»Wann kommst du denn wieder zu uns, Tante Marianne?« fragte sie ganz zum Schluß und lehnte sich über das Treppengeländer.
»Sehr bald, mein liebes Kind, — ich komme ja schon übermorgen wieder, zu Nikolais Konversationsstunde,« antwortete Marianne.
Inotschka schwieg eine Weile, aber als Marianne schon hinunterging, bemerkte sie zögernd: »Weißt du, — ich sticke Pantoffeln für Mama zu Weihnachten.«
»So? Bist du noch nicht mit den Weihnachtsarbeiten fertig?« fragte Marianne.
»Nein, nicht ganz. Da dachte ich, — mit dem Pantoffel könnte ich mich gut in unsre Lernstube setzen, während du bei Nikolai bist —. Meinst du nicht auch?«
Marianne sah zu ihr hinauf.
»Gewiß, wenn Mama nichts dagegen hat? Aber du mußt sie lieber erst fragen.«
Inotschka nickte schweigend.
»Gute Nacht, meine kleine Ina!« rief Marianne ihr noch zu, während sie schon die letzte Treppe hinabstieg.
Indessen Inotschka antwortete noch nicht gleich, sie bückte sich nur tiefer über die Brüstung, und erst als sie nicht mehr wissen konnte, ob ihre Worte von unten her noch vernehmbar wären, rief sie zaghaft, mit gedämpfter Stimme, und ganz hastig hinunter: »Gute Nacht! Gute Nacht! Ich muß dir doch noch schnell sagen, daß ich dich ganz schrecklich lieb habe, und daß du mich fortnehmen sollst zu dir, und daß ich immer bei dir sein will und nirgends sonst. Und daß du mich nicht so stehn lassen sollst — nicht so allein —.«
Sie brach ab. Schon während der ersten Worte schloß der Portier unten geräuschvoll die Hausthür auf, die dann mit einem mächtigen Knall zuklappte.
Im Treppenhause wurde es plötzlich so beängstigend still.
»Sie hat nichts gehört, — gar nichts hat sie gehört. Das ist mal gut. Unsinn, — wozu auch!« sagte Inotschka wesentlich lauter als vorhin.
Aber obwohl sie es gut fand, daß Marianne nichts mehr vernommen hatte, verfinsterte sich ihr schmales Gesichtchen mit dem weichen Munde. Sie drückte die Zähne auf die Lippen und rieb sich mit blinzelnden Augen, um nicht loszuweinen, am Geländer, bis die Stimme der Mutter von drinnen in erstauntem Ton nach ihr rief.
III.
Seit zehn Uhr waren die jungen Mädchen von ihrer Schlittenfahrt im Sternschein zurück.
Cita saß schon eine Weile auf dem Rande ihres weißlackierten Eisenbettes und zog sich bedächtig die Strümpfe von den hübschen Füßen.
Sophie ging noch unausgekleidet umher, sie machte sich bei ihren Büchern zu schaffen, die sie auf ihrem Tisch am Fenster aufzustapeln pflegte, und etliche von ihnen trug sie ins Wohnzimmer auf den Schreibtisch der Mutter hinüber.
Dabei sprach sie kein Wort. Sie war schon den ganzen Abend gegen ihre Gewohnheit still gewesen und behielt auch jetzt die Miene einer düster Versonnenen.
Cita legte gähnend ihre Strümpfe auf den Stuhl am Bett.
»Schlittenfahren ist ganz schön,« entschied sie, »aber dies gesellige Vergnügtsein von Männlein und Weiblein, die nichts Besseres zu thun wissen, — wie bin ich froh, daß ich mich davon gründlich entwöhnt habe! Kindisch ist es einfach. Es gibt doch wahrhaftig ernstere Aufgaben in der Welt.«
»Meinetwegen kann es auch aufhören,« versetzte Sophie apathisch, mit einer bekümmerten kleinen Stimme, »und auch das Schlittenfahren, und überhaupt alles.«
Sie kam eben wieder aus dem Wohnzimmer zurück. Cita fragte gar nicht, was sie dort eigentlich treibe, sie wußte gar nicht, daß Sophie soeben ihre Studienbücher und Lieblingswerke auf Mas Schreibtisch aufgeschichtet hatte, wie man sündhafte Kostbarkeiten auf einen Scheiterhaufen trägt.
Sie wollte Ma so gern nach der heutigen Kränkung ihre rückhaltlose Ergebenheit beweisen. So gern ihr zeigen: »Siehst du, ich entsage allem, was mich von hier fort zu locken anfing! Schließe es für immer vor mir zu.«
Aber Cita brauchte das einstweilen noch nicht zu wissen. Denn Sophie fürchtete sich entsetzlich davor, ihr eignes Thun klar und endgültig aussprechen zu hören.
Sonst hätte sie es noch am liebsten heute abend Hugo Lanz anvertraut. Ja, dem am ehesten! Sie meinte: wenn er zum Beispiel, davon erschüttert, nun auch seinerseits alle ehrgeizigen Pläne fahren ließe, dann hätten sie gemeinsam trauern, sich gemeinsam trösten und ermannen können.
Er würde dann kein Dichter werden, sondern ein Kaufmann, und sie kein Arzt, sondern — sondern vielleicht irgend wann einmal die Frau eines Arztes, Dichters oder Kaufmanns in der Welt.
»Geh doch endlich schlafen!« rief Cita in ihre schwermütigen Betrachtungen hinein. Sie selbst lag bereits im Bett, grade auf dem Rücken ausgestreckt, die Arme über dem Kopf verschränkt.
Sophie setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
»Glaubst du, daß es glückliche Ehen gibt?« fragte sie langsam und ernst.
Cita gähnte gleichmütig.
»Ja,« versetzte sie nach kurzer Ueberlegung, »aber entschieden nur unter den Frauen, die sich unsrer Frauenbewegung anschließen. Das ist sonnenklar: denn die setzen sich in den Stand, sich selbst zu versorgen, den Mann nicht zu brauchen. Also kann es die schlimmste Eheschließung überhaupt nicht mehr geben: nämlich die wegen Geld und ohne Liebe. Dafür sind andre, schönere nun erst möglich, —«
»Zum Beispiel sogar ohne Geld und mit Liebe!« fiel Sophie hoffnungsvoll ein. Wie schön war das eigentlich! Aber davon schloß sie sich auch aus, wenn sie nicht Arzt wurde, — kein selbständiger, erwerbender Berufsmensch.
Cita sagte plötzlich leise: »An die ganze Heiraterei mag ich aber einstweilen weniger als je denken. — — Weißt du, es hat etwas so Schreckliches: man ist keines Menschen sicher, — jedem kann noch einfallen, das Verrückte zu thun und zu heiraten. — — Stell dir zum Beispiel vor, daß unsre Ma — —«
Sophie stellte es sich nicht vor. Sie schüttelte den Kopf und lachte.
»Schäm dich,« sagte sie kurz.
Cita richtete sich im Bett auf. Ihre dunkeln Augen hefteten sich erregt und finster auf die Schwester.
»Nein, nein, glaube mir! Ich behaupte nur, daß so etwas möglich ist, — nichts weiter. Aber möglich ist es. Es ist möglich, es ist möglich.«
Der Ton, in dem sie es wiederholte, wurde immer härter und kälter. Nach einer Pause fuhr sie fort: »Und wer könnte auch was dagegen thun, dagegen sagen? Schließlich ist es doch das Recht eines jeden Menschen — —. Auch Mas Recht also, — — jawohl, unsrer Ma auch, die bis jetzt so ganz ausschließlich uns gehörte, — ganz allein unsre Ma war, an die niemand sonst den geringsten Anspruch machen darf. Niemand, niemand —«
»Nein, niemand!« bestätigte Sophie gedehnt. »Niemand außer uns —«
»Es ist aber ihr gutes Recht! Vergiß nicht: ihr gutes Recht!« fiel Cita nachdrücklich ein. »Von uns ist es ganz unberechtigt, so zu sprechen. Ja, vollständig. Mama kann jeden Tag heiraten, wenn sie will, — und überhaupt thun und lassen, was sie will —«
Sie brach ab. Ihre Stimme vibrierte von verhaltener Erregung.
Sophie stand auf und küßte die Schwester flüchtig auf die Stirn.
»Gute Nacht. Schlaf lieber. Du bist einfach verrückt geworden. Ich glaube, du träumst schon!« erklärte sie. »Ebensogut könnte ich mir vorstellen, daß Ma überhaupt gar kein Mensch, sondern ein Walfisch ist.«
Mit diesem Bescheid kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und setzte sich an den Schreibtisch vor die aufgeopferten Bücher. Oben drauf hatte sie das Mikroskop gestellt, das sie erst vorigen Weihnachten zum Geschenk erhalten hatte. Nun war es eine ganze Pyramide von Sachen.
Eigentlich wollte sie Ma hier erwarten. Es sollte keine Nacht drüber hingehn und sie wankend machen und auf andre Gedanken bringen —.
Seltsamerweise fiel ihr wieder Hugo Lanz ein. Ja, wer weiß: indem sie dem erwählten Beruf entsagte, entsagte sie vielleicht sogar einer jener allein glücklichen Eheschließungen, die Cita noch gelten ließ. — — Denn Hugo Lanz besaß kein Geld — —.
Also war es wirklich ein Totalverzicht. Ein Opfer der Kindesliebe, wie es nicht bald ein zweites gab.
Sophie saß beim Schreibtisch mit gefalteten Händen und den gemischten Gefühlen einer über ihre eigne Größe fast bis zur Verlegenheit erstaunten Märtyrerin.
Cita hatte inzwischen ihren Rat befolgt und war in gesunder Müdigkeit nach der langen Fahrt durch die Winterkälte fest eingeschlafen. Aber sie lag da mit finster zusammengerückten Augenbrauen und einem bösen Ausdruck um den Mund.
Die zurückgedrängte Bitterkeit in ihrem Herzen hatte noch ihre Schrift auf ihr Gesicht geschrieben. Ihr letzter klarer Gedanke war das Gelübde gewesen, mehr als je ganz allein auf sich selbst stehn zu wollen.
Doch als sie in das Land der Träume hinüberglitt, senkte sich dichter und dichter eine große Finsternis um sie. Sie schaute vergebens nach den Dingen aus, die ihr vertraut gewesen waren, nach den Stätten, an denen sie sich heimisch fühlte. Eine schwarze Wand wehrte ihr Durchgang und Ausblick.
Und da überfiel sie Angst, wie sie nur als kleines Kind Angst gekannt hatte.
Beide Hände legte sie vor die Augen, um wenigstens das Dunkel nicht zu sehen. Doch was sie nicht sah, das fühlte sie: wie alle Gegenstände und alle Fernen über sie her kamen, wie sie sich zusammenrotteten und ballten, um sie zu ersticken —
Da entrang sich ihr in dumpfem Entsetzen Mas Name. Mit leiser, furchtsamer Stimme rief sie nach Ma. War denn nicht auch Ma irgendwo unter all dem da draußen, was sie umdrohte und gefährdete? Dann würde sie alles entwirren, alles Böse abhalten —.
Aber Ma war nicht da.
Und plötzlich wußte sie, daß Ma nicht mehr da war, — das allein, nur das war die Finsternis ringsum — —.
Gegen Mitternacht fuhr ein Schlitten vor.
Marianne stieg die Treppe hinauf und öffnete so geräuschlos wie möglich die Thür zur Wohnung.
Alles blieb still. Also schliefen die Kinder bereits. So ging sie leise hinüber in ihr nach dem Hofe gelegenes Schlafzimmer neben Sophiens und Citas Stübchen.
Hier hatten zärtliche Hände schon für alles gesorgt. Die Lampe angezündet, die warmen Vorhänge vor dem Fenster zugezogen, jedes Ding bequem bereit gestellt, von der Wasserkaraffe auf dem niedrigen Tischchen bis zu den tiefroten, kleinen Tuchpantoffeln vor dem aufgeschlagenen weißen Bett.
Neben der Karaffe stand am Bett ein schmales Kelchglas mit einer Handvoll italienischer Anemonen darin, — blaßrote, violette, gelbe —, — ein wenig angewelkt noch von dem Weg hierher.
Die Blumen mußten die Mädchen heute abend bei den Bekannten geschenkt bekommen haben. Und sie wußten, warum die Mutter diese Erinnerungen an Italien und seine Sonne so leidenschaftlich liebte —.
Marianne hob die angewelkten Stengel behutsam einzeln aus dem Wasser und beschnitt sie unten etwas, damit sie besser saugen möchten. Dann ordnete sie sie neu, mit Bewegungen, die sie fast liebkosten.
Die feine kleine Freude machte sie warm und wach. Ach, daß die beiden schon schliefen, die Langschläfer! Jetzt hätte sie sich gern noch auf einen Augenblick an ihre Betten gesetzt und sie geherzt.
Ihr war so kindfroh und bewegt zu Mut.
Als sie das Licht angezündet hatte und die Lampe herausstellen und auslöschen wollte, bemerkte sie einen hellen Schein in der Thürritze des Wohnzimmers.
Hatten sie die grüne Studierlampe brennen lassen? War doch noch eine von ihnen wach?
Sie glitt in die Tuchpantöffelchen und ging leise über den Gang zurück. Die Thür war nur angelehnt, sie stieß sie auf, um einzutreten.
Aber jählings hielt sie inne. Sie sah Sophie am Schreibtisch sitzen, die Arme auf den Büchern verschränkt, den Kopf mit den halb offen niederhängenden Flechten darauf, — fest schlummernd.
Sie sah die Bücher, das Mikroskop, — und das Gesicht sah sie, das ihr im Profil zugekehrt lag, hell bestrahlt vom Schein der Lampe.
Es war naß von Thränen. Die Mundwinkel wie im Weinen herabgezogen, die Augenbrauen so rührend im Ausdruck, so hilflos —. Ein so bekümmertes, schmerzliches, — ein fast gramvolles kleines Gesicht!
Ja, hier mußte Sophie auf die Mutter gewartet haben, aus irgend einem Grunde. Gewartet mitsamt allen ihren Büchern, die sie hier aufeinander getragen hatte. Vielleicht um etwas zu erbitten? Vielleicht um zu sagen: »Sieh doch, wie lieb mir das alles geworden ist, wie gern ich frei sein möchte und mich dem widmen!«
Vielleicht auch, um etwas abzubitten. Um zu sagen: »Nimm es alles fort von mir, ich gebe dirs zurück, denn es weckt in mir die Sehnsucht, von dir hinwegzugehn.«
Und nun war sie unter Thränen hier eingeschlafen, wie ein müdes Kind, und nur dies traurige, kleine Gesicht erzählte der Mutter von ihren Nöten —.
Marianne stand noch in der halboffnen Thür, den Kopf gegen den Thürrahmen zurückgelehnt. Ihre Hände hingen schlaff an ihr herunter.
Was half es, daß sie fortgewesen, daß sie getroster und freudiger heimgekehrt war. Zu Hause trat es ihr wieder entgegen, das Gefürchtete, — wie ein Gespenst.
Und mit diesem Gespenst trat ihr die liebste Gestalt entgegen, sie, von der sie es nicht ertrug.
Konnte die Mutter denn gewähren, was ihr Liebling von ihr heischte? Konnte sie denn wirklich auch die letzte fortlassen? Ganz, ganz allein nachbleiben? Mußte das sein?
»Nein! Nein!« schrie es in ihr.
Und mit Blitzesklarheit nahm die Erkenntnis ihr Herz ein: »Wenn du jetzt — jetzt gleich sie wecktest, wenn du vor dein Kind hintreten würdest wie vor eine Ertappte, die du heimlich belauscht, — wenn du ihre kleine schmiegsame Mädchenseele jetzt in die Hand nehmen und nach deinem stärkeren Willen prägen würdest: ja, dann wäre es vielleicht möglich, deinem Einfluß in ihr Gewalt zu verleihen. Nimm den Augenblick wahr, wo sie, sich selbst verratend, daliegt, als sei sie dir ausgeliefert. Mache sie zu deinesgleichen, hauche ihr dein Wesen und deine Wünsche ein. Sie ist ja dein. Sie vertraut dir grenzenlos, und ihr höchster Maßstab bist du. Nutze deine Macht über dein Kind —.«
Aber noch während Marianne deutlich ein jedes dieser Worte in ihrem Innern vernahm, als raune irgend wer sie unablässig ihr zu, machte sie eine übermenschliche Anstrengung, sich ebenso unbemerkt zu entfernen, wie sie hergekommen war.
Nur jetzt keinen Laut! Nur jetzt leise, leise hinweg, ehe sie erwacht, ehe sie ahnt, wer hier gestanden und mehr, als sie sagen wollte, von ihr erfahren hat —.
Es gelang Marianne, die Thür wieder anzulehnen und geräuschlos ihr Schlafzimmer zu erreichen.
Mechanisch begann sie, sich zu entkleiden.
Da standen noch die Anemonen.
Marianne blickte mit heißen Augen auf sie.
Dann löschte sie die Kerze aus.
Unerwartet, dicht, ohne den kleinsten Lichtfleck von draußen, den die zugezogenen Vorhänge am Fenster aussperrten, umhüllte sie das Dunkel wie eine Gruft.
Sie stürzte vor dem Bett in die Kniee und verbarg ihren Kopf in den Kissen —.
Dieser Sonntag war kein Sonntag zum Ausschlafen gewesen. Sowohl Marianne als die Kinder erschienen am Morgen übernächtig und mit übermüdeten Augen.
Keines von ihnen dreien wußte indessen etwas von dem eigentlichen Grunde der Traurigkeit in der Seele des andern. Cita schwieg, ihr war wunderlich weich, als ob ihr allerlei nächtliche Träume nachgingen, aber auch ihre Befürchtungen waren noch in ihr und stimmten sie reizbar, obgleich sie sichs auszureden suchte.
Marianne bemühte sich, vor den Augen der Kinder wohlgemut zu erscheinen. Als Sophie hereinkam, sagte sie freundlich: »Ich sehe, du hast gestern meinen Schreibtisch für deine Beschäftigungen auserkoren. Das ist recht so, ich gebrauche ihn jetzt in der Weihnachtszeit ja nicht. Und Cita wird vielleicht etwas stark Anspruch an den deinigen machen.«
Sophie errötete lebhaft, ohne zu antworten. Sie wußte nur noch dunkel, auf welche Weise sie gestern schließlich zu Bett gekommen war. Und es kam ihr im nüchternen Morgenlicht unmöglich vor, der Mutter die großen Eröffnungen zu machen. Jedenfalls lag es an der Nacht, daß diese Dinge ihr wesentlich leichter und natürlicher erschienen waren.
Das Dienstmädchen Stanjka, das sich zum Kirchgang rüstete, war die einzige, die sonntäglich und unbeschwert zwischen ihnen herumging. Sie trug ein neues grellrot gemustertes Kattuntuch um den Hals und hatte ihr aschblondes Haar mit Kwas glänzend gemacht; der Sonntag gehörte ihr fast immer, und sie freute sich auf ihn während der ganzen Woche.
Alles Gute war augenscheinlich immer auf einen Sonntag gefallen: in den Kirchen, in den Häusern, in den Vergnügungslokalen und Theebuden feierte man nur ihn! Die Glocken, die mit mächtigen Klängen die Luft erfüllten und in die Stuben hineintönten, redeten Stanjkas frommer Naivetät ganz unterschiedslos von himmlischen wie von irdischen Herrlichkeiten, von Kniebeugungen bei Orgelklang und Kirchengesang, wie vom Tanz zur Balalaika.
Nach dem Gottesdienst brauchte sie nur noch um zwölf Uhr den Frühstückstisch zu richten und den Samowar aufzustellen.
Kurz vorher erschien Wera Petrowna zur festgesetzten Stunde.
Sie hatte ein altmodisches und durch langen Gebrauch reichlich leuchtend gewordenes schwarzes Seidenkleid angezogen und trug auf dem Kopf eine komplizierte Haube mit lila Tolle, die sich im wattierten Kapottehut auf keine Weise unterbringen ließ, und die sie daher stets in einem besondern Beutel mit sich führte.
»Um ein Haar wär ich nicht gekommen, ich sollte nämlich heute vormittag in das Dawydowkonzert,« erklärte sie, als sie sich zu Tisch setzten. »Das Billet war noch nicht da, ich wartete drauf bis halb zwölf, es kam jedoch nicht. Es sollte nämlich nur dann kommen, wenn die Frau meines Neffen, die sich gestern abend schon unwohl fühlte, über Nacht krank würde. Sie ist aber nicht krank geworden.«
Sophie mußte lachen.
»Dafür ist es freilich kein Ersatz, wenn wir Ihnen später etwas vorspielen und vorsingen wollen,« meinte sie und legte Wera Petrowna von den kleinen Pasteten mit gehacktem Fleisch und Kohl vor.
»Nein, meine liebe, schöne, kleine Sophie. Auch muß ich später ohnehin fortgehn, denn ich habe noch andre Billete. Die habe ich mir eben geholt. Später drängen sich die Menschen so an der Kasse. Es ist weit besser, man ist versorgt.«
»Wohin denn?« fragte Cita ohne Neugier. Sie kannte die Ausgehewut und Belustigungssucht der Alten.
»Diesmal nur zur behaarten Riesin und zum zweiköpfigen Kind,« sagte Wera Petrowna gelassen und nahm sich Citrone zum Thee.
»Sie sind doch immer kreuzfidel, — aber wirklich immer!« bemerkte Cita nachsichtig.
»Kreuzfidel? Nein, ihr junges Volk, das bin ich gar nicht. Ich muß mich nur beeilen, die Augen aufzureißen, ich habe viel nachzuholen. Wie lange dauert es, dann heißt es: Mund zu und Erde auf die Augen. — — Nun, hoffentlich dauert es noch ein Weilchen,« ergänzte sie.
»Nachholen? Ja, — aber — die behaarte Riesin —?«
»Nun, wenn auch nur eine Riesin. Was meinen Sie denn, ob bei uns dahinten auf dem Gut auch nur so eine gewesen wäre?! Nein, keine Spur! Das wäre ja Sensation genug für lange hinaus gewesen. — Natürlich gibt es auch noch was Besseres als das. Natürlich. Man muß aber zufrieden sein, wie es sich trifft; die besseren Treffer kommen auch noch.«
Sie konnte es den jungen Mädchen gut anmerken, daß sie nicht mehr recht wußten, ob sie sich selbst ironisiere, oder ob sie von ihr zum Narren gemacht würden. Wera Petrowna gefiel das ausnehmend; sie betrachtete aus ihren klugen Augen die beiden Schwestern mit Wohlgefallen.
»Ja, ja, wenn ich auch noch so jung wäre. Herr du mein Gott!« sagte sie und schob den Teller zurück.
»Dann würden Sie sich ohne Zweifel noch weit besser und viel mehr amüsieren, nicht wahr?« äußerte Cita und zuckte bedauernd die Achseln. »Nun sehen Sie, daran liegt uns trotz aller Jugend gar nichts.«
»Nein, meine lieben dummen Unschuldstäubchen, — ich würde ins Kloster gehen, ja, das würde ich!« behauptete die Alte, und ihr ganzes Gesicht lächelte fein und spitzbübisch aus allen seinen Fältchen. »Ja, davon habt ihr noch keinen Begriff,« fuhr sie auf der Mädchen erstaunten Blicke fort und nickte ihnen zu, »so eine Jugend, die geht ins Zeug! Nun, wohl bekomm's! Prosit Mahlzeit also!«
Sie stand auf, noch ehe Marianne, die geduldig dasaß und wartete, das Zeichen dazu gegeben hatte.
Marianne wollte ja mit ihr noch allerhand Weihnachtsbesorgungen besprechen. Und so viel sah sie recht wohl mit ihren beiden guten Augen: daß ihre liebe Marinka auch heute ein bedrücktes Herz haben mochte. Aus irgend einem Grunde, gleichviel aus welchem. Jedenfalls schienen heute selbst die Kinder dagegen machtlos zu sein, deren Geplauder die Mutter sonst heiter zu stimmen pflegte.
Ihr schien, daß sich Marianne nach Ruhe sehne, — vielleicht nach einem Alleinsein, das die jungen Mädchen grade in ihrer zärtlichen Sorge vereitelten.
Als alles erledigt war, was zu besprechen gewesen, zog sie ihre Staatshaube vom Kopf und bestand darauf, fortzugehen. Aber schon im Mantel und Kapottehut mit zugebundenen Ohrenwärmern, klapperte sie noch einmal an ihrem Stock in den »Spalt« hinein, wo die Schwestern soeben an Stanjkas Statt den Tisch abgeräumt hatten.
»Also auf Wiedersehen, meine zwei Täubchen,« sagte sie, — »wie ist es nun? Ich bin eine alte Frau, die am Stock humpelt — in meiner Jugend würde man so eine nicht allein ins Menschengedränge haben gehn lassen, — aber die junge Welt von heute —«
Cita und Sophie sahen sich verdutzt an. Sie blieben vor ihr stehn und machten verlegene Gesichter.
»Ja, warten kann ich nicht!« entschied die Alte und schwenkte aufmunternd ihren Beutel, »— also, eins, zwei, drei: geht jemand mit mir ins Sonntagsvergnügen bei der behaarten Riesin und dem zweiköpfigen Kinde, — und wer?«
Im edlen Wetteifer, nicht der andern die lästige Pflicht aufzubürden, riefen sie alle beide kleinlaut: »Ich!«
»Bravo! Bravo! Also alle beide!« lobte Wera Petrowna, und es zuckte dabei ganz wunderlich um ihre Mundwinkel, in Güte und Bosheit zugleich; »— nun freilich! junges Volk ist eben junges Volk, wie ernsthaft es auch thut, da sieht man wieder: es will sich amüsieren.«
Marianne that es leid, als sie die beiden Mädchen betreten hinter der Alten fortgehn sah, indessen mochte sie ihr die so dringend provozierte Begleitung nicht mißgönnen. Ihr Kopf schmerzte heftig, sie hätte sich am liebsten mutterseelenallein in ein Zimmer mit verhängten Fenstern gelegt.
Aber eine innere Unruhe ließ es nicht zu. Mehr noch als nach Stille und Vergessen sehnte sie sich nach einem Beistand.
Langsam ging sie durch die Wohnstube. Bei den hohen Blattpflanzen, ihren gepflegten und geschonten Lieblingen, blieb sie einen Augenblick stehn. Sie las ein welkes Blatt ab und schaute nach den harten, knollenförmigen Knospen am Gummibaum.
Der Schreibtisch stand schön aufgeräumt. Neben den Schulheften lagen ein paar kleine dünne Bücher, — Kindergeschichten, mit neuem Buchschmuck herausgegeben. Sie kosteten nur wenige Kopeken, und Marianne hatte sie voll Entzücken gekauft. Fast immer lag hier dergleichen, als warteten immer allerlei Kinderhände auf sie —.
So totenstill war es. Man war wie allein auf der Welt. Nichts von der hastigen Geschäftigkeit der Wochentage in der Wohnung.
Es wollte ihr vorkommen wie ein Atemanhalten um sie her. Alle Dinge wurden darin beredter, belauschbarer —.
Die Stille machte bange, sie war so selten allein.
Alle Dinge in dieser kleinen Wohnung liebte sie, ein jedes Stück darin hatte sie mit zärtlichem Bedacht gewählt, — nur was sie lieb haben konnte, das hatte sie allmählich zusammengetragen.
Sie hatte gewünscht, diese Räume sollten mehr als wohnlich wirken, — wie Arme, die sich weit und warm erschließen.
Aber sie wirkten nur so, weil geliebte Menschen sie erwärmten. Weil immer noch Sophie in ihnen ging und stand, lebte und lachte, — weil Sophie in ihnen die Mutter erwartete, wenn sie abends müde von der Tagespflicht heimkam.
Wenn alle diese Liebesfülle keine Bethätigung mehr fand, dann konnte auch keine Liebe mehr auf die Dinge überströmen. Sie blieben nicht länger beseelt, — sie entseelten sich, — — starben —.
Marianne fröstelte. Und plötzlich richtete sie sich entschlossen auf, schritt in den Vorflur hinaus und nahm ihren Mantel.
Sie wußte wohl, was sie thun mußte. Einen Beistand brauchte sie. Sie mußte, wie mit allem, so auch hiermit zu Tomasow. Mit ihm sich beraten, ihn hören. Daß er da war, das war eine Zuflucht.
Aber in all ihrem Verlangen danach fürchtete sie sich zugleich, und mit schwerer Hand machte sie sich fertig, zu ihm zu gehn. Sie wußte: zu den weichen Tröstern gehörte er nicht. Ihm eingestehn, was sie heute quälte, das hieß sich entscheiden —.
Draußen ruhte frostige Winterdämmerung, obschon es noch früh am Nachmittag war. Der Wind machte es bitterlich kalt. Marianne durchquerte einen Teil des Kreml; in dampfenden Wölkchen stieg ihr Atem und gefror zu Tausenden winziger Eisperlchen an ihrem Pelzkragen fest.
Stumpf und leblos wölbte sich der dicke Schnee um alles ringsum, rundete jeden Umriß, verwischte jede scharfe Linie. Hier und da klang ein Glockenton an, — wie im Traum, — leise verhallend. Es war, als raune eine Glocke der andern schlaftrunken etwas zu.
An manchen Kirchenthüren auf dem großen Kremlplatz lagerten Pilger oder lehnten an den Mauern, auf ihren Pilgerstab gestützt. Marianne war nicht in der Stimmung, um irgend etwas von der Außenwelt mit Interesse aufzufassen, aber auf diesem Bilde blieb ihr Blick mit einer dunkeln, unverstandenen Sehnsucht ruhen; über den zerlumpten Pilgern, — über ihnen, die sich bis an die Thore der Gotteshäuser in vielleicht wochenlanger mühseliger Wanderung durchgefroren und durchgehungert hatten, lag eine solche kindliche Zufriedenheit. Man sah ihnen allen an, — Greisen, Weibern, jungen Menschen: sie standen am Ziel — da, wo sich alle Wünsche erfüllen, und man alle Bürden abwirft, — zu Hause —.
Gern hätte auch sie ihre Füße wund gelaufen, um Frieden zu finden und sich alles Schweren zu entlasten. Würde sie das erreichen, unter Tomasows klugen und guten Worten? würde sie es bei ihm erreichen? In diesem Augenblick glaubte sie es.
Bald war Marianne an seinem Haus angelangt. In einer ruhigen Straße stand es, einstöckig und unscheinbar, hinter einem hofartigen Vorgärtchen.
An den Vorflur stieß ein großes Schrankzimmer, wo der Diener, Andrian, sich aufzuhalten hatte, der, aus Tomasows Heimatsdorf gebürtig, ihm seit vielen Jahren anhing, und auch alle Reisen ins Ausland mitmachte. Dies Schrankzimmer erschien Marianne stets als der weitaus behaglichste Raum zwischen den konventionell eingerichteten Empfangsgemächern im Erdgeschoß. Vielleicht aus reiner Bequemlichkeit mochte Andrian hier alles zusammengehäuft haben, was seiner speziellen Pflege oblag: eine stattliche Reihe hoher Blattpflanzen, besonders mehrere prachtvolle Palmen, an denen er unermüdlich herumspritzte und putzte; daneben hing am Fenster ein Bauer mit einem singfrohen Kanarienvögelchen, Batjuschka »Väterchen« genannt, mit dem Andrian sich den ganzen Tag über alles, was geschah, unterhielt.
Marianne ertappte sich auf dem Gefühl, das manchen von Tomasows Patienten beschleichen mochte: lieber in diesem friedlichen Idyll von Palmenlaub und Vogelgezwitscher verweilen zu wollen, als sich weiter zu wagen in die Zimmer des Arztes.
Indessen noch hatte Andrian ihren Besuch nicht melden können, als bereits Tomasow selbst erschien, sichtlich beunruhigt über ihr unerwartetes Kommen. In Anwesenheit des Dieners that er keine Frage, sondern führte sie gleich durch seine Bibliothek in die Studierstube.
Marianne ließ sich in den ersten besten Sessel sinken, hilflos zu ihm aufschauend.
»— Sophie will fort!« sagte sie unvermittelt, wie man mit geschlossnen Augen blind losschießt.
»— Hat sie es Ihnen gestanden?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Das nicht — —. Aber untereinander werden beide gewiß schon davon geredet haben. So direkt sagt sie es nicht. — — Aber jetzt weiß ich: erst neulich brachen beide ganz verlegen ein Gespräch ab, weil ich unvermutet eintrat. Und ich — meinte, es handle sich vielleicht nur um Weihnachten —. — — Haben die Mädchen am Ende auch Ihnen — —?«
»Nein,« entgegnete Tomasow.
Er war vor ihr stehn geblieben, gespannte Aufmerksamkeit im Gesicht, während sie rasch und mit trockenen Lippen sprach.
»Nun, das ist gut,« fügte er jetzt hinzu.
»— Gut —?!«
»Ja. Es mußte einmal zur Sprache kommen und zum Ausbruch, — es war hohe Zeit!« sagte er ruhig, »denn vorher ließ sich nichts machen, weil Sie es nicht zuließen, Marianne. Obschon Sie es vor sich selbst verheimlicht haben, nagte die Furcht davor doch schon unablässig leise an Ihren Nerven. Das mißfiel mir längst. Aber nun ist es gut, daß es durchgekämpft wird.«
Marianne hob ihren Blick angstvoll zu ihm auf.
»— Ich kann aber Sophie nicht hergeben! — — Nein, nicht auch Sophie noch — —. Sie ist ja auch zart, sie bedarf meiner fortwährend — — Gott sei Lob und Dank, daß sie meiner noch bedarf!«
Tomasow zog einen Stuhl heran.
»Nun lassen Sie einmal sehen, Marianne! Jetzt bitte ohne alle Hinterhalte. Wie ist es denn mit Sophie? Sie machen doch ihrer Freude am Studium die weitgehendsten Konzessionen. Sie veranlaßten mich noch selbst, ihrem Verlangen nach ganz bestimmten Fachbüchern nachzugeben —«
»Ja,« sagte Marianne hastig, »so ist es ja auch. Weil doch ihr Interesse grade hierfür alle übrigen Interessen so entschieden überwuchs. Und wenn ich nun bedenke, daß Sophie die höhern Kurse besucht, und daß sie Sie zum Berater hat und vorwärts lernt, so viel sie nur will, — ist es damit nicht genug? Muß sie durchaus auf den praktischen Arzt studieren, — muß sie von mir fortgehn —?«
Tomasow zuckte scheinbar erstaunt die Achseln.
»Nein, selbstverständlich muß sie das keineswegs. Sie beruft sich dabei einfach auf ihr Reifezeugnis zum Universitätsbesuch und auf ihre Neigung, so zu handeln. Beides braucht ganz und gar nicht den Ausschlag zu geben. — Indessen: ob ich sie für genügend befähigt dafür halte, ob mir die Sache aussichtsvoll erscheint, — auch das haben Sie doch schon nebenher von mir zu erfahren gesucht, Ma.«
Marianne entgegnete heiser: »Ja, aber umsonst. — — — Verstehn Sie denn nicht, Tomasow: ich wollte wissen, wie Sie sich selbst insgeheim dazu stellen, — wie Sie selbst — eventuell — in meiner Lage handeln würden. Aber Sie antworteten stets nur auf ganz bestimmte praktische Fragen, eingehend und gewissenhaft. Dabei erfuhr ich das mir Wesentliche nicht.«
Tomasow erhob sich. Er antwortete zurückhaltend: »Nein, natürlich nicht. Denn abgesehen von den möglichen praktischen Ueberlegungen, gibt es da eben keine letzte, objektiv gültige Entscheidung. Was ich thäte, wenn ich Töchter hätte, kann ich nicht so abstrakt von vornherein feststellen, vielleicht — möglicherweise — wäre meine Erziehung der Ihrigen sogar entgegengesetzt von allem Anfang an. Vielleicht wäre sie weltlich, oder philiströs, oder gleichviel wie! Ganz genau aber kann ich feststellen, was Sie thun werden, — Ihrem ganzen Sein und Wesen nach, und das hätt ich Ihnen längst sagen können, wenn Sie es hätten hören wollen. Und offenbar, wenn ich nicht völlig irre, kamen Sie jetzt auch nur dazu hierher: nicht um meine Meinung zu erfahren, sondern um — nun, um eine letzte kleine Feigheit zu überwinden, die Sie bisher noch hinderte, sich selbst anzuhören.«
Marianne sprang nervös auf.
»Wie reden Sie denn nur! Sie quälen mich!« murmelte sie gereizt, die Stimme voll Thränen.
Seine Augen richteten sich mit einem eindringlich forschenden Blick auf sie.
»Ich weiß, daß ich das thue!« sagte er ernst. »Und ich weiß auch, daß Ihre Nerven grade heute um Schonung schreien. — Und nun hören Sie mich an, Marianne, und zwar ganz getrost, denn ich kann Ihnen wirklich helfen, wenn Sie nur wollen. Ich schlage vor: überlassen Sie die ganze Sache mir. Ueberlassen Sie es mir, Sophie von ihren hochfliegenden Wünschen zu kurieren. So gänzlich zu kurieren, daß sie nie wieder Lust nach dem ärztlichen Studium und Beruf verspürt. Wollen Sie?«
Marianne sah ihm ungläubig in die Augen.
»Wie sollte das wohl möglich sein? Womit könnten selbst Sie das erreichen?«
»Das ist meine Sache. Für das Gelingen steh ich ein.«
Ein seliger Hoffnungsschimmer überflog ihr Gesicht, aber so zaghaft noch, daß es ihn rührte.
»Aber — warum hätten Sie das dann nicht längst gethan?!«
»Warum? Nun offenbar darum, weil Sie ja für die Pläne und Interessen Ihrer Kinder nicht nur Nachsicht zeigen, sondern sie gradezu — in Ihrer unnachahmlichen Art, Ma, — heilig halten, ängstlich bemüht um die geistige Eigenart jedes einzelnen.«
Marianne sah sehr unruhig aus.
»Ja, das ist doch aber auch das einzig Richtige? — Sie sprechen ja jetzt doch wohl nur davon, Sophie rechtzeitig in wirklich bestehende und unausweichliche Schattenseiten Ihres Berufes einzuweihen —?«
Tomasow schwieg einen Augenblick.
»Meine liebe Ma!« versetzte er dann. »Die Dinge sind nun einmal, als was sie uns erscheinen. Suggestion ist schließlich alles. Ich halte mich für sehr wohl im stande, stärkern Wesen als ein Mädelchen wie Sophie ihr Studium für alle Ewigkeit hinaus zu verekeln, unerträglich zu machen, — und ebenso bürge ich dafür, daß ich ein viel zarteres kleines Menschenkind, als sie ist, mit etwas Kraftaufwand durch alle Schwierigkeiten und Fährlichkeiten derselben Sache mit Erfolg hindurchbringen würde.«
Marianne machte eine hilflose Bewegung. Sie suchte nach Worten, — lehnte sich innerlich auf gegen die Worte, die ihr kamen, — und endlich entschlüpfte es ihr leidenschaftlich: »— Nein — o nicht! Sophie nichts anthun! Nichts Hemmendes, nichts Arges —. Nichts gegen ihr Wachstum, nichts gegen ihre Kraft und Freudigkeit —,« sie unterbrach sich und hielt erschrocken inne.
»... nichts gegen ihren Wunsch, fortzugehn —?« ergänzte Tomasow.
»Also doch!« murmelte er, als sie darauf nichts antwortete.
Er nahm ihre Hand in die seine, küßte sie fast unwillkürlich und hielt sie fest, während er sich dicht über Marianne neigte: »Kind! Jetzt haben Sie sich richtig selbst in die Entscheidung hineingestoßen, — jetzt besiegen Sie auch die Angst, die Sie haben, weiter zu sprechen. Sehen Sie nun ein, wie wenig es hilft, Ihnen helfen zu wollen? Sie laufen ja doch gradeswegs in das hinein, was Ihnen das Schwerste ist und Sie ängstigt. Und eben deshalb muß es entschieden sein! Dieser hingezogene Kampf ist ein Wahnsinn. Verwerfen Sie meinen Vorschlag von vorhin, so siegt Sophie. Soll sie das —? Soll sie gehn dürfen, oder soll sie bei Ihnen bleiben —?«
»— Gehn!« sagte sie und brach in ein bitterliches Weinen aus.
Tomasow ließ sie mehrere Minuten gewähren.
Er atmete tief auf und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Sein Gesicht behielt dabei den gespannten, aufmerksamen Ausdruck.
Dann kam er wieder zu Marianne. Er zog ihr leise, mit sanftem Zwange die Hand von den Augen, die sie verdeckt hielt.
»Nun ist es aber genug!« äußerte er lächelnd, »zeigen Sie Ihren Nerven den Herrn. — Wollen Sie nicht eine Tasse Thee nehmen? Sehen Sie, dort steht das ganze Geschirr noch, — ich war grade dabei, als Sie kamen. Zur Strafe trinken Sie ihn nun kalt, natürlich.«
Sie gehorchte mechanisch und ließ sich ein wenig Thee eingießen, in den Tomasow aus einem Arzneifläschchen ein paar Tropfen mengte.
Dann überließ er sie wieder sich selbst und nahm den Spaziergang im Zimmer von neuem auf.
Aber Marianne erhob sich vom Eisbärfell.
»Es ist spät geworden. Ich will nach Hause gehen,« sagte sie mit einer leisen Stimme, »die Kinder sind gewiß schon zurück und warten erstaunt. Sie waren nur für kurze Zeit mit Wera Petrowna ausgegangen.«
Tomasow blickte auf die Uhr.
»Wie Sie wollen, Ma. Vielleicht ist es so am besten. Indessen — sind Sie jetzt auch schon dazu im stande? Sind Sie Ihrer selbst ganz sicher? Ich lasse Sie nicht fort, ehe ich das genau weiß.«
Und als Marianne ihn müde fragend ansah, fügte er hinzu: »Ihrer Töchter halber ist es notwendig, daß sie ihre Mutter in dieser Angelegenheit fest und sicher auftreten sehen. Als eine Autorität — nicht wie ein hingeschlachtetes Opferlamm. — Darum müssen Sie es sein, Marianne, die entschlossen die Initiative ergreift.«
»— Ich soll selbst —?« murmelte Marianne.
»Ja. Das ist notwendig, und zwar sofort. Lassen Sie die Ungewißheit keine Stunde länger anstehen. Lassen Sie sich keinen Raum zu Beängstigungen und Traurigkeiten dazwischen. Bringen Sie noch heute — heute noch! die Sache zur Sprache und Entscheidung.«
»— Heute?!« wiederholte sie erschreckt.
Tomasow ergriff ihre Hand und nahm sie in seine beiden Hände. Er sagte ermutigend: »Versuchen Sie es nur! Bleiben Sie nicht mitten im Kampf stecken, der Ihren Nerven stündlich härter zusetzen wird — überstehen Sie es schnell ganz. Hinterher kommt die allheilende Ruhe. — Glauben Sie, daß Sie es mir versprechen können?«
»Ja. Ich will es thun,« sagte sie traurig.
»Dann lasse ich Sie ruhigen Herzens fort. — Wenn Sie erlauben, geleite ich Sie selbst an einen Schlitten,« bemerkte Tomasow und führte Marianne durch die Bibliothek hinaus.
Er schellte nicht dem Diener, sondern gab ihr selbst den Mantel um. Marianne that seine Art so wohl, wie einem leise umsorgten Kinde.
»Ich bin ganz zerschlagen und wund,« meinte sie mit einem mühsamen Lächeln, »aber ich danke Ihnen, Tomasow.«
»Ach, Ma —« er stockte und murmelte: »Wenn Sie nur — wenn Sie wenigstens ohne Groll herdenken. Es ist eine schändliche Aufgabe, die mir wiederholt zufällt, Ihnen weh thun zu müssen, Sie zu etwas Hartem ermannen zu müssen. — Die Erleichterung wird auch diesmal nachkommen, ich hoffe es mit Bestimmtheit. Aber die Ueberwindung ist deshalb nicht minder schwer.«
Marianne schwieg. Sie stand, fest an ihn gelehnt und schloß die Augen.
Nein, so feige würde sie doch nie sein, sich nicht immer diesem unbestechlichsten aller Freunde mit ihren Nöten und Schwächen anzuvertrauen, weil er streng gegen sie war! Ein großer Dank gegen ihn stieg in ihr auf. Wenn nur er ihr blieb —!
Tomasow verstand die stumme Antwort vollkommen.
Er öffnete die Thür und rief Andrian zu, einen Schlitten vor das Gitterthor zu winken.
Dann geleitete er Marianne durch den verschneiten Vorgarten, half ihr einsteigen und knüpfte ihr die Felldecke um die Kniee.
»Ich bin heute viel aus,« bemerkte er dabei, — »darf ich gegen Abend für einen einzigen Augenblick bei Ihnen vorsprechen? Mich überzeugen, wie alles steht —?«
Marianne nickte. Sie wußte, wovon er sich überzeugen wollte —. Dann also mußte es schon geschehen sein —. Ihr schlug das Herz stärker bei dem Gedanken.
Als der Schlitten fortfuhr, ging Tomasow langsam ins Haus zurück.
Andrians Gesicht strahlte, er freute sich immer, wenn er Marianne sah, denn es kam vor, daß sie sich von ihm Geschichten aus dem Dorfleben erzählen ließ, und das war ihm das Höchste. So erfuhr sie manche Einzelheit aus Tomasows Kindheit, der als kleiner Bursche, zu Besuch beim Großvater, — einem echten alten Bauern, — mit Andrian noch barfuß umhergelaufen war.
»So ein Mütterchen, — wirklich, so ein prächtiges!« entschied Andrian, und sah seinen Herrn lächelnd an, während er seine schwachen kurzsichtigen Augen zukniff, die der Schnee blendete. Ganz wie sein Herr trug er einen Kneifer, wenn auch keinen goldnen, und nur einen mit dunkelm Schutzglas. Er fühlte sich sehr stolz auf diesen Kneifer, und kam sich darin ganz wie ein Ausländer vor.
Tomasow würdigte Andrian keiner Antwort. Er ging schweigend in sein Zimmer hinüber und ließ den Thee forträumen.
Nachdenklich schritt er dabei auf und ab.
»So ein Mütterchen!« In seinen eignen Erinnerungen spielte Elterntreue eine große Rolle. Den Vater hatte er wenig gesehen: der hatte sich zum Kaufmann und Reeder heraufgearbeitet, ungeheuer erwerbstüchtig, ungeheuer strebsam, bewußt einseitig, ohne Zeit sich Bildung anzueignen: alles das für die Kinder. Die sollten dann alles haben: Bildung, Macht, Geld, Glück. Zwei Schwestern von Tomasow verheirateten sich früh und ansehnlich. Und er, als Student der Medizin, in jugendlichem Enthusiasmus fast in nihilistische Umtriebe verwickelt, voll drängender, unruhiger Energie, kam immer wieder ins Dorf zurück, zum Großvater. Wenn er den Alten vor sich sah, eisgrau, mit den klugen, beredten Augen unter den buschigen Brauen, dann erschien er ihm in seinem Schafspelz wie ein ganz Großer, wie ein Fürst oder Gewaltherr. Herr in seiner Hütte, auf seinem Felde, Ahnherr eines starken Geschlechts. Dies Dorfbild behielt für Tomasow eine sonderbare Poesie —.
Plötzlich blieb er mitten im Hin- und Herschreiten stehn. Er horchte. Drüben im Dienerzimmer unterhielt sich Andrian mit Batjuschka. Er pfiff ihm russische Weisen vor und erzählte —.
Tomasow beschlich ein leiser Neid. Wenn Andrian seinen Kneifer fallen ließ, so war er wieder der Bauer von einst, aller europäische Firniß fiel einfach von ihm ab. Wer das ebenso machen könnte, oder aber sich eine neue Welt bauen —. Ja, der wäre erst des »Mütterchens« wert —.
Er stand auf und horchte auf das Geplauder und Gezwitscher in der Dienerstube.
Ma erwartete zu Hause eine Ueberraschung.
Ihre beiden Mädchen waren soeben heimgekommen. Noch stand die Wohnungsthür weit offen, und ein Bauersmann mühte sich eben damit ab, einen hohen herrlichen Weihnachtsbaum in der Stube unterzubringen.
Sophie sah die Mutter glückstrahlend an. Es war doch eine gute Idee, das mit dem Baum! Es war ihre Idee. Ma hatte ihn sich doch so sehr gewünscht, und wenn sie ihr auch erst gestern abend etwas weit Großartigeres darbringen wollte, so erleichterte sie dies doch für den Augenblick.
Cita stand noch in Mütze und Pelzjacke und lohnte den Mann ab; mitten im Wohnzimmer erhob sich jetzt die Tanne und duftete wirklich wie ein ganzer Wald. Oben stieß sie sogar ein wenig an die geweißte Decke an, sodaß sie ihre höchste Spitze krümmen mußte, von der Seite jedoch breitete sie ihre Aeste ebenmäßig und tiefgrün, wie ein schirmendes Dach, über Mas Schreibtisch aus.
Sophie hatte sich an das geöffnete Pianino gestellt, das der Baum von der andern Seite überschattete, und unter seine Zweige gebückt, suchte sie ein paar Accorde eines alten Weihnachtsliedes.
Die Mutter äußerte nichts, bis der Mann hinausgegangen war. Sie sah blaß aus, und ihre Augen besaßen etwas so Stilles, so nach innen Gekehrtes im Blick.
Endlich sagte sie mit ihrer warmen Stimme: »Dank euch! Ja, dies Weihnachtsfest soll uns schön werden, wie nie eins gewesen ist! Wir wollen froh sein, wir drei zusammen! Denn es wird hier am Ort unser letztes sein. Uebers Jahr feiert auch Sophie es nicht mehr hier. — Ich dank euch, ihr Kinder.«
Sophie, die eine leise Melodie angeschlagen hatte, brach mit einem gräßlichen Mißton ab.
Cita, eben im Begriff, ihre Sachen abzulegen, hielt erwartungsvoll inne und blickte die Mutter an.
Da ging Marianne zu ihrer Jüngsten hin und nahm sie in die Arme.
»Aber nicht getrennt!« sagte sie bewegt, »— ich werde mein Weihnachtsfest da haben, wo du grade studieren wirst.«
»— Ach — Ma!« schrie Sophie auf.
Sie glaubte es noch nicht recht. Mit dunkel gerötetem Gesicht schaute sie angstvoll und zugleich strahlend zur Mutter auf und umklammerte ihren Hals.
»— Ach, Ma —! Ist es denn wirklich wahr —?«
Dieser Augenblick that Marianne doch bitterer weh, als sie jetzt eben beim Heimkehren geglaubt hatte. Sie drückte Sophiens leuchtendes Gesicht an sich, um nicht den Ausdruck der Freude darin zu sehen.
»Ja, es ist wahr, Herzenskind. Alles Nähere besprechen wir noch ein anderes Mal. Auch mit Cita muß ich noch vieles besprechen. So ganz einfach ist es nicht. — Aber die Sache selbst ist entschieden. Nun sollst also auch du hinaus, — gebe Gott, einst zu deinem und deiner Mitmenschen Segen.«
Sophie drückte sich fester an sie.
Sie schämte sich schrecklich vor Cita, aber sie weinte dennoch Ströme von Thränen in Mas Hals hinein, als ob sie nichts in der Welt je von da fortreißen sollte —.
Cita stand mit großen ernsten Augen beiseite. Das Wort, das ihr innerlich kam, lautete ganz spontan: »Donnerwetter!« Aber glücklicherweise behielt sie es bei sich.
Ein tiefer Respekt prägte sich auf ihrem jungen Gesicht aus.
Plötzlich kam sie auf die Mutter zu, ergriff deren Hand und küßte sie.
»Du bist wahrhaftig der famoseste Kerl unter der Sonne, du herrliche Ma!« versicherte sie ganz begeistert.
Marianne lächelte nicht über diese Ehrfurchtsbezeugung; sie überlegte auch nicht, ob sie nun nicht gradezu glänzend ihre Autorität behauptet und die Initiative ergriffen habe.
Sie hielt ihr weinendes Kind im Arm und bückte ihr Gesicht tief zu ihm herab, als lausche sie fast gierig diesen Thränen, — als redeten diese Thränen artikuliert zu ihr — Süßes, Versöhnendes, Beschwichtigendes —.
Dann trocknete sie Sophie, wie einem kleinen Kinde, das nasse Gesicht mit ihrem eignen Taschentuch ab.
»Komm,« sagte sie sanft, »es ist doch ein großer Entschluß und daher ein großer Tag für dich. Geh hinaus und bring uns eine Flasche Wein. Wir wollen auf dein Wohl anstoßen.«
Sophie ging, der Mutter Taschentuch vor die Augen gepreßt, langsam, als sei dieser Tag mehr ein schwerer als ein großer für sie.
Cita sah ihr unwillig nach.
Sie bemerkte zur Mutter: »Sophie ist doch noch sehr ein Kind. Hiernach muß doch nun ein jeder denken, es ginge zur Schlachtbank. Aber du kannst mir glauben, daß sie darauf brennt, zu studieren. Man muß nur erst in ihr alles das klären und ordnen.«
Marianne schwieg einen Augenblick.
»— Bist du es, die diesen Entschluß in ihr zu klären versucht hat?« fragte sie dann ruhig.
Cita begegnete ihrem Blick fest und offen.
»Ja, Ma. Sobald mir das selbst klar geworden war. Sie konnte nur nicht den Mut finden, dich zu fragen —. Sieh, ich stehe ja so dazu: es ist etwas, wofür ich jederzeit kämpfe und eintrete, — wie denn also nicht, wo es die eigne Schwester gilt? Nur mit einem Unterschiede freilich: daß ich in diesem Fall nicht nur für die allgemeine Sache einstehe, sondern auch mit jedem Blutstropfen für Sophie selbst. Daß ich mich ihrem Leben verbinde, ihr helfen, zu ihr halten will jederzeit, — was auch geschehe.«
Marianne zauderte nur noch einen letzten Augenblick. Dann reichte sie ihrer Aeltesten schweigend die Hand.
Sie schauten einander dabei voll in die Augen, wie zwei Freunde, die, wenn sie auch nicht auf ganz gleichem Boden kämpfen, es doch in gleichem Sinn und für dasselbe höchste Ziel thun.
»Ich stelle Sophie in deine Obhut, — ich baue auf deine Treue: Höheres hab ich dir nicht anzuvertrauen,« sprach Marianne leise; »— Sophie war ›sein‹ Liebling — und ›seinen‹ Blick hat Sophie. Mir ist, als ginge noch einmal ›er‹ von mir hinweg, indem sie geht —.«
Cita war sehr blaß.
Ihre Schwester kam mit Rheinwein und Gläsern zurück, entkorkte die Flasche und goß ein.
Keiner von den dreien sprach ein Wort, als Marianne ihr Glas erhob und mit ihnen anstieß.
Sie küßte ihre blonde Tochter, ihr zarteres Herzenskind, doch that sie es heiter und herzhaft, um keinesfalls mehr Thränen aufkommen zu lassen.
Cita unterstützte sie in dieser Absicht nach Möglichkeit, denn es verletzte sie fast, daß Sophie heute weinen konnte.
»Eigentlich ist das ja ein Weihnachtsgeschenk, das allergrößte, und gleich unter den noch ungeschmückten Baum gelegt!« sagte sie scherzend, »— wie kann man nur seine Gaben so vorweg verschwenden, Ma! Jetzt sollte ich von Rechts wegen alle übrigen Geschenke bekommen, denn Sophie hat nun an diesem einen vollauf genug.«
»Bis zum Weihnachtsabend hab ich vielleicht noch ein andres Geschenk für euch, — und dann für euch beide!« erwiderte Marianne mit leisem Lächeln, und man hörte ihr an, daß sie von einer noch zaghaften, aber goldnen Hoffnung sprach.
»Noch ein andres? Noch ein schöneres? Nein, denn das gibt es ja gar nicht mehr auf der Welt. Nicht wahr, Sophie?«
Sophie schüttelte energisch den Kopf, ihre geröteten Augen strahlten jetzt doch.
»Also dies einzig ist das Schönste für sie, Besseres gibt es nicht!« dachte Marianne still, einen Augenblick lang weh berührt, doch an der verschwiegnen Hoffnung, die sie hegte, hob sich ihr Mut wieder. Diese Stunde sollte eine freudige sein, und sie wurde es. So vieles drängte sich zur Aussprache, den beiden Mädchen wurde es in diesen Minuten erst bewußt, daß sie in mancherlei Heimlichkeiten gelebt hätten die Zeit über, — und daß es köstlich sei und an sich schon ein Fest, keinerlei Heimlichkeiten mehr zu kennen, Mas Blick und Lächeln gegenüber.
Und allgemach lenkte Marianne das Gespräch in immer ruhigere Bahnen. Sie saßen eng zusammengerückt bei der halbgeleerten Flasche, und während sie die praktische Seite der Frage näher erörterten, scherzten sie schon wieder.
Endlich stand Marianne auf. Es war fast halb sechs geworden.
»Jetzt möchte ich hineingehn und ein wenig ruhen, ihr beiden Taugenichtse. Diese Nacht war nicht gut für mich. Und morgen ist kein Sonntag mehr —. Aber von da an nehmen die Stunden endlich reißend ab. — Bis wir um halb sieben essen, bin ich wieder da. Sollte nun noch inzwischen ein Sonntagsgast kommen, so bestrickt ihn mit so viel Liebenswürdigkeit, als ihr wollt, mich jedoch soll er auf alle Fälle in Frieden lassen.«
An der Thür wendete sie sich noch einmal nach den Mädchen um und nickte ihnen zu. Sie sah ihre leuchtenden zutraulichen Augen, und ein warmes Dankgefühl kam über sie, als fiele langsam von ihren Schultern eine Last, unter der gebückt sie gegangen war: — wieder lagen jetzt die Herzen ihrer Kinder offen und ihr zu eigen vor ihr da, wie ihre blühenden Gärten. —
Nur ein Sonntagsgast schellte ein wenig später. Es war Tomasow.
Marianne hatte gewußt, daß er noch kurz vorsprechen wollte, indessen hatte sie selbst ihn in diesen Stunden vollständig vergessen.
Die beiden Mädchen erzählten ihm wörtlich den Auftrag der Mutter, falls jemand zu Besuch käme. Er mußte lachen —, nun wußte er genug.
Was etwa noch fehlte, ergänzte ihm ein einziger Blick auf die Schwestern. Sophies Gesicht war noch voll roter Thränenspuren. Cita war blaß und die dunkeln Augen brannten ihr.
»Nun, das hier scheint mir ja schon mehr ein Bacchanal gewesen zu sein!« bemerkte Tomasow, als er ins Wohnzimmer kam, wo noch die leeren Gläser standen.
Sophie fuhr es heraus: »Ja —! Denn ich soll nun Cita ins Ausland folgen und von Ostern ab Medizin studieren!«
Sie kam aus der Küche, die weiße Schürze schief umgebunden; heute konnte man wohl einige Bedenken wegen ihrer Beaufsichtigung des Mittagmahles hegen.
Tomasow sprach das nicht aus; er sagte nur: »— So, so. — Nun, und Ma, — was sagt denn die dazu?«
»Ma ist es ja grade, die es selbst vorgeschlagen hat,« erklärte Cita.
»So. — Nun, und wo wird denn Sophie diese große That thun?«
Sophie rief: »Aber natürlich in Berlin!«
»Natürlich da, wo ich mit ihr zusammen sein kann,« meinte Cita.
»Nein, Cita, das kannst du so doch nicht sagen. Deshalb allein doch wohl nicht,« verbesserte Sophie einschränkend.
Tomasow hatte sich im Schaukelstuhl niedergelassen.
Er nahm seinen Kneifer aus der Seitentasche, rieb ihn mit einer Ecke des bastseidenen Taschentuches klar und setzte ihn auf seine etwas stumpfe Nase. Dann blickte er den beiden sichtlich noch ganz aufgeregten Mädchen nacheinander prüfend ins Gesicht.
»Eine kleinere Universitätsstadt, — eine solche natürlich mit gut bestellter medizinischer Fakultät, — wäre für den Beginn ebenfalls nicht übel!« bemerkte er langsam.
»Ach nein!« rief Sophie unwillig und ergriff ihn am Aermel, »— daß Sie sich nicht etwa unterstehn, Doktor Tomasow, unsrer Ma dergleichen einzublasen!«
»Aber Sophie, du benimmst dich rein wie ein Kind!« tadelte Cita, von der zwanglosen Intimität dieser Worte unangenehm berührt.
»Mir scheint hiernach aber doch,« nahm Tomasow sehr gelassen das Wort, »daß Sophie nur mit löblicher Offenherzigkeit ihres Herzens Meinung, — und auch Ihres Herzens Meinung, Cita! — kundgibt. Mir scheint, daß bei Ihnen die Wahl des Ortes fast eine ebenso wichtige Rolle spielt wie die soeben erst eingeholte Erlaubnis zum Studium selbst, — hab ich nicht recht?«
Sophie errötete und wollte widersprechen. Aber Cita setzte sich Tomasow gegenüber seitwärts auf einen Stuhl, schlang den Arm um die Lehne und bemerkte eifrig: »So kindisch ist es nicht zu nehmen, wie es bei Sophie leicht aussieht. Allerdings freut sie sich darauf, — und ich für sie! — daß sie auch außerhalb des Studiums am Leben teilnehmen wird. Aber selbstverständlich nicht etwa an seichten Vergnügungen! Nicht um irgend welcher Genüsse willen, die eine große Stadt naturgemäß reicher bietet, —.« Citas Lippen kräuselten sich bei dieser Erwähnung fast so verächtlich, wie die einer jungen Nonne, die im Kloster vom Weltverzicht spricht.
Im »Spalt« nebenan, wohin Sophie eben verschwunden war, um einiges Geschirr für die Küche zurechtzustellen, hörte man es beängstigend laut klirren.
»— Sondern —?« forderte Tomasow Cita zum Weitersprechen auf. Der Kneifer saß ihm noch immer auf der Nase. Eigentlich hatte sie wenig Lust, weiterzusprechen. Sie fand ihn heute ganz merkwürdig arrogant aussehend.
»— Sondern um teilzunehmen am Leben der heutigen strebenden Frauenwelt, — an dieser ganzen Bewegung,« sagte sie dennoch. »Sophie wird sich bald, so wie ich es thue, innerlich eins damit fühlen, daran emporwachsen —«
»— Jedenfalls hat es etwas Begeisterndes!« fiel Sophie ein, die es doch nicht aushielt, im Hintergrunde zu bleiben. Sie hatte das Geschirr niedergesetzt und trat wieder zu ihnen. Sie fand, daß man ganz über sie hinwegspräche, während es sich doch ausschließlich um ihre eigenste Angelegenheit handelte. Auch sie wollte sich Luft machen und mit ihrer Ueberzeugung herausrücken.
So fuhr sie lebhaft fort: »Es ist doch etwas ganz andres, ob man so vor sich hin studiert und nur ganz egoistisch an die eigne Zukunft denkt, — oder ob man mit allen zusammen diesen neuen großen Zielen entgegengeht. — — Es hat etwas Begeisterndes!« wiederholte sie mit einer inbrünstigen Betonung, die darüber hinweghelfen sollte, daß ihr gar nichts weiter einfiel.
Sie stand neben Tomasows Stuhl, sodaß er zu ihr hinaufsehen mußte. Wie sie diese Worte mit so viel Wärme sprach und dabei so zart und lieblich dastand, flog ein Ausdruck durch seine Augen, der Cita frappierte, obwohl sie ihn nicht verstand. Arrogant nahm er sich jedenfalls nicht mehr aus.
Tomasow nickte vor sich hin und bemerkte, indem er den Kneifer fallen ließ: »Ja ja, es ist schon so. Studieren oder nicht, — das ist gar nicht mehr allein die Frage. Sondern damit bildet sich zugleich ein neuer Typus der Frauen heraus, — ja, gewissermaßen ein neuer Typus, man muß es wohl so nennen. Damit, daß eine studiert hat, ist es nicht mehr abgethan.«
»Sehr richtig! Man muß das nur erst allerseits einsehen lernen!« bestätigte Cita billigend, während ihre Schwester mit einem unterdrückten Seufzer in die Küche abging, obwohl sie sich weit lieber an dieser interessanten Diskussion beteiligt hätte.
»Sind Sie nun eigentlich für oder gegen den neuen Typus — so im Grunde Ihrer Seele, Doktor Tomasow? Farbe bekennen!« fügte Cita lächelnd hinzu.
Jetzt waren seine Augen wieder voller Spott.
Er verneigte sich, das Lächeln zurückgebend, ironisch vor dem jungen Mädchen.
»Werde die Ehre haben, mich zu entscheiden, sobald Sie mir das erste vollzählige Regiment neuer Musterexemplare vorführen! — — Einstweilen, — Sie wissen: wer neue Wege sucht, muß sich drauf gefaßt machen, unter Umständen mit zerfetzten Kleidern und einigen dicken Beulen und Schrammen aus dem Dickicht wieder aufzutauchen, — — was einem Frauengesicht —«
»— Davor fürchten wir uns nicht, Doktor Tomasow!« unterbrach ihn Cita etwas scharf, einen feinen Hochmut um die Lippen.
»Nein, — wie ich sehe!« versetzte er, und wieder glitt der Ausdruck von vorhin durch seine Augen, »— auch befürchte ich selbst für euch beide jetzt noch kaum sehr viel. Nein, für euch beide minder als für manche andre. Denn möglicherweise seid ihr bis zu gewissem Grade — gefeit. — Obschon keinesfalls durch euer eignes Verdienst,« fügte Tomasow hinzu, indem er sich aus dem Schaukelstuhl erhob. »Ich muß nun gehn. Meinen Gruß eurer Mutter und der kleinen zukünftigen Kollegin.«
»Gefeit, und nicht durch eignes Verdienst?!« wiederholte Cita erstaunt und entrüstet. Auch sie stand auf und trat mit ihm hinaus auf den Vorflur; »— das wäre wirklich das Aeußerste. Wenn wir einmal durch eigne Kraft etwas Tüchtiges geworden sind, werden Sie uns auch noch das Verdienst daran abstreiten —! Ich möchte wissen, wer dies Verdienst — —«
Sie vollendete nicht, weil sich grade die Thür zu Mariannens Schlafzimmer öffnete, und diese in den Gang hinaustrat, wo ihr Sophie von der Küche her entgegenlief.
»Das Essen ist gleich fertig!« rief Sophie erhitzt.
Marianne kam auf den Gast zu.
Tomasow, der schon im Pelz, zum Fortgehn bereit, dastand, blickte Cita schweigend an.
Und plötzlich verstand sie, was er meinte, — wen er meinte —. Ihre Entrüstung hielt nicht stand, fast gegen ihren Willen kam Demut in ihre Augen, als sie dem Ehrfurchtheischenden in seinen Augen begegnete. Denn dieser Blick hatte fast etwas Gebieterisches, etwas, was sich ihr eindrücken, einprägen wollte, wie eine Stimme, die deutlich sprach: »Ihr seid die Kleinen, die eine Große großmütig auf ihre Schultern hebt. Eine, die ihre Schultern beugt, damit sie euch tragen kann. Ich weiß das: ich habe geholfen, euch da hinaufzuheben. Nun seht ihr euch die Welt von da oben an!«
»Was, Sie wollen schon gehn?!« fragte Marianne und gab ihm die Hand.
»Ja, ich muß gehn. Und Sie, lassen Sie gefälligst die Suppe auf dem Tisch nicht kalt werden, — nach meiner Berechnung hat sie heute dem jüngsten Fräulein Tochter arge Mühe gekostet. — — Froh bin ich, Sie noch zu sehen. Sie sind aber auch eine entsetzliche Langschläferin, meine Gnädige.«
»Ja, ich habe wirklich geschlafen!« sagte Marianne.
Sie stand lächelnd, mit schlafroten Wangen, wie ein eben aufgewachtes Kind, und mit blinzelnden Augen da, denen das Lampenlicht noch weh that.
An jeder Seite hing ihr jetzt eine Tochter. Sophie hatte ihr einen Arm um die Hüfte geschlungen und sich an sie geschmiegt, sodaß sie nicht vorwärts gehn konnte. Cita schob ihre Hand leise in den Arm der Mutter.
Marianne stand da und strahlte in einer so warmen und innigen Schönheit, daß Tomasow ganz betroffen davon war.
»— Sie ist ja doch die tausendmal Jüngste von allen dreien, — die tausendmal Anfänglichere —; sie ist wie das Leben an der Wurzel selbst und am unversieglichen Anfang —!« dachte er wie berauscht, als er die Treppe hinabstieg.
Ganz langsam trat er den Heimweg an.
Ein eigenartiges Triumphgefühl mischte sich in sein Entzücken über Marianne, — eine feine Sensation, wie sie ihm nur durch ihr Wesen vermittelt wurde. Das kam von dem ausschlaggebenden Anteil, den seine Bestimmungen an allen ihren wichtigen Entschlüssen zu haben pflegten. Was sie so schön und sieghaft aussehen ließ, führte stets irgendwo auf einen Einfluß, ein Zureden, einen Rat von ihm zurück: und bei ihrer ganzen Art, so tief und inbrünstig zu leben, lag in dieser Mitarbeit daran etwas, was seinen Ehrgeiz wunderlich erregte.
Mochte er auch in seinem persönlichen Dasein enttäuscht oder gleichgültig geworden sein in hundert Punkten, — in diesem einen Punkt fühlte er um viele Jahre jünger, in diesem einen Punkt bekam seine Energie wertvollen Spielraum und großen Stil.
Als sich Tomasow schon seinem Hause näherte, blieb er zögernd stehn. Er bog in eine hügelige Seitenstraße und schritt sie langsam hinauf, bis ihm die kleinen erhellten Fenster des Stifts für unbemittelte Frauen entgegenblinkten.
An den Zaun gelehnt, schaute er nach dem Erdgeschoß hinüber, dann trat er an das Mittelgebäude heran und klopfte mit seinem Stock leicht an das Fenster von Wera Petrownas Stube, wo kein Licht brannte.
Das Klopfen wurde sofort von innen erwidert, und als er dann durch den Hausflur ging, wurde auch schon die Zimmerthür geöffnet.
Wera Petrowna war eifrig damit beschäftigt, die Lampe anzuzünden, sie sagte vor aller Begrüßung, indem sie eilig ein Streichholz anstrich, abwehrend: »— Ja, ich weiß, — ich weiß schon: ich soll nicht abends im Dunkeln dasitzen, um den Tropfen Petroleum zu sparen, und vorzeitig einzunicken auf dem alten Sofa, und dann nachts nicht zu schlafen —. — — Aber ich bin wirklich eben erst nach Hause gekommen, — und, der Abwechslung halber, — — es denkt sich so gut im Dunkeln.«
Sie setzte die Glaskuppel auf die Lampe, deren schwerer Fuß und vorzügliches Brennwerk aus bessern Zeiten stammten, und schob sie in die Mitte des Tisches vor das geblümte Sofa.
»Unverbesserlich!« bemerkte Tomasow.
»Herrlich, daß Sie mal kommen! Seit einer Woche freu ich mich schon von Tag zu Tag, —« lenkte sie ab und ging geschäftig zu der Kommode, wo das Schachbrett nebst Figurenkasten immer bereit stand.