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Ma: Ein Porträt

Chapter 5: IV.
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About This Book

A finely observed character portrait moves between ceremonial street spectacle and intimate domestic interiors, following a household as members negotiate devotion, social appearance, and personal yearning. The prose lingers on religious pageantry, urban color, and material splendor while attending to inner conflicts, familial bonds, and the slow formation of individual identity. Themes include the contrast of public ritual and private feeling, the shaping influence of a matriarchal figure, and the subtle psychology of longing, duty, and aesthetic sensibility.

Sie griff nach dem Brett und schaute Tomasow fragend und bittend an.

»— Sie mögen doch —?«

Er nahm ihr Brett und Kasten ab, trug beides auf den Tisch und rückte einen Stuhl heran.

Aber anstatt die Figuren aufzustellen, setzte er sich nur hin, stützte den Kopf in die Hand und blickte zerstreut in das geöffnete Kästchen, als müsse er raten, was darin sei.

Wera Petrowna hatte sich ihm gegenüber auf das Sofa niedergelassen und sah erwartungsvoll zu. Als nichts weiter kam, schüttelte sie den Kopf.

»Schlechter Laune!« konstatierte sie erbarmungslos.

Dabei schob sie ihm aufmunternd die Zigarettenschachtel hin. Die Zigaretten ihres Neffen waren gar nicht zu verachten.

»Von wo kommen Sie denn? Hat vielleicht irgend ein Patient Ihnen den Kopf beschwert?«

»Nein. Ich komme jetzt eben von Frau Marianne.«

»Ach so — —, am Ende — — selbst Patient —?«

Tomasow schaute zu ihr hinüber und runzelte merklich die Stirn.

Die Alte setzte ihr allerharmlosestes Gesicht auf.

»Nun, nichts für ungut. Mit bejahrten schwatzhaften Personen muß man Nachsicht üben, lieber Tomasow. — — Und wir Frauen sind nun mal so veranlagt, daß es uns immer nur von der Liebe zu singen und zu sagen drängt.«

Er mußte unwillkürlich lächeln, Wera Petrownas Worte und ihr Aeußeres bildeten einen zu heitern Kontrast. Mit ihrem alten energischen Gesicht und im fadenscheinigen weiten schwarzen Gewande, — dem ziemlich traurigen Produkt eigner Schneiderkunst, — in dem sie zu Hause umherging wie in einem Talar, sah sie einem herabgekommenen russischen Popen um vieles ähnlicher als einer Frau.

Vorhin, in der Eile, von seinem Besuch überrascht, hatte sie vergessen, ihre Alltagshaube aufzustülpen; der Ofenhitze wegen, die nichts zu wünschen übrig ließ, bedeckte sie ihr dünnes Haar am liebsten gar nicht, das, wie unter einem durchsichtigen Schleier, überall schon die Kopfhaut hell durchscheinen ließ und ihr jetzt hinten in traurigen kleinen Strähnen lose in den starken Nacken hing.

»Warum haben Sie eigentlich nicht geheiratet?« fragte Wera Petrowna plötzlich. Sie war aufgestanden, langte sich mit ausgestrecktem Arm ihre alte Tüllhaube von einem Nebentisch und that sie auf ihren Kopf wie eine Krone; »— schon längst hätten Sie das vollbringen können, — selbst im Auslande —«

»Einer Ausländerin würde es hier nicht behagt haben,« bemerkte Tomasow, eine Zigarette anzündend.

»Aha, — also gegeben hat es dort doch eine!« bemerkte sie mit weiblicher Logik und ließ sich auf ihren vorigen Platz nieder, — »nun, und hier —? — Auch hier wüßte ich mehr als ein Genre, das ganz gut für Sie gepaßt hätte.«

Wera Petrowna musterte dabei ihr Gegenüber mit hellen, etwas ironischen Augen sorgfältig prüfend, während sie den Rauch ihrer Zigarette in langen Ringeln von sich stieß. »— Ein Mann wie Sie —? Was wird denn den am heftigsten angezogen haben —,« sagte sie nachdenklich; »— nichts Naives natürlich, — etwas Pikantes. Möglicherweise irgend ein Typus der Frauen mit den Verführungskünsten —, die Frau als die große Verführerin und Lehrmeisterin auf schweres Lehrgeld, — möglicherweise überhaupt ein Leben, das mehr verführt als befriedigt — —. Wenn ich Sie mir so anschaue —«

»Ach, lieber Himmel, vor hundert Jahren vielleicht?« unterbrach er sie halb ärgerlich, halb belustigt.

Wera Petrowna griff resolut in das Kästchen und begann an Tomasows Statt, die Figuren auf dem Brett aufzustellen.

»Nun ja, das ist wahr: jetzt sind Sie bequem geworden,« gab sie zu, »— und ich will auch nichts Indiskretes ausplaudern über das, was mir allerlei kleine Fältchen um Ihren Mund da und um Ihre Augen bereitwillig zu verstehn geben. — — Aber: nun zum Beispiel eine Ehe mit einer Mustergattin, — dafür ist mitunter grade das russische Mädchen ein Prachtexemplar: liebevoll, heiter, nachgiebig, voll Tüchtigkeit und Tapferkeit —«

Tomasow nickte anerkennend.

»Schätze ich auch ungemein,« bestätigte er kurz.

»Und man sollte doch meinen, jemand wie Sie, der ganz gern herrscht, der müßte doch auch gern endlich sein eignes Haus um sich bauen, — sein Leben breit ausbauen mit so einer russischen Frau — von jener Sorte, der noch der Mann das Schicksal ist, das sie liebt, und dem sie gehorcht —«

»Ein schönes Glück!« bemerkte Tomasow spöttisch, »sein eignes Leben mit allen Unzulänglichkeiten und Defekten so festgenagelt zu sehen rund um sich, — ein Wesen darin mit einer Miene umhergehn zu sehen, als sei das nun wirklich das Paradies —. Nein, für den Reiz danke ich. Ich danke für die kleine Art der Männertyrannei. Leicht genug zu herrschen, wo nichts zu beherrschen ist. Wozu?«

»Sieh da! Sie können sich sogar selbst verspotten,« entgegnete die Alte beifällig. »Das wirft mir ein ganz neues Licht auf Sie. Da begreif ich zum Beispiel schon besser, daß Sie mal, in Ihrer Jugend Blüte, für eins von den kleinen heldenmütigen Mädchen geschwärmt haben, die hier und da aus lauter edelm Fanatismus in unsre entlegensten und verarmtesten Provinzen als Lehrerinnen abgehn. Wie sah die aus? Mager, sehr mager, blaß, mit großen enthusiastischen Augen —? — — Aber geheiratet haben Sie das kleine Mädchen doch nicht —.«

»Möchten Sie nicht vielleicht Ihre diesbezüglichen Meinungen lieber für sich behalten?« meinte Tomasow grob, aber er lächelte.

»Wenn es Ihnen besser behagt, — warum denn nicht?« sagte die Alte seelenruhig, »— ich spiele ja viel lieber Schach. — — Aber das reine Wohlwollen treibt mich — —, — es ist wirklich merkwürdig, wie reichhaltig Sie sind, ich kann mir so ganz verschiedenartige Frauen recht gut neben Ihnen vorstellen —. Ist das nun Reichtum, oder — oder ist irgend etwas nicht recht zum einheitlichen Ende gekommen —? — — Also spielen wir?«

Sie fingen endlich damit an, wie jedesmal, wenn Tomasow herkam. Erst mußte die Redelust der Alten ein wenig ausschäumen.

Wera Petrowna blieb indessen zerstreut. Sie machte Fehler auf Fehler. Zuletzt lachte sie kurz auf, sodaß sich die Oberlippe von den Vorderzähnen fast höhnisch hob, und äußerte ohne rechten Grund: »Die Zeiten ändern sich. Der Heldenmut auch. Jetzt ziehen es die kleinen Mädchen manchmal vor, ihre Mutter zu verlassen, um irgendwo in allem Behagen und mit viel männlichem Selbstbewußtsein zu studieren. So wie Marianne ihre — —. Ein Glück noch, daß Sophie —«

»— Sophie geht ebenfalls. Um Ostern. Heute hat Frau Marianne eingewilligt,« sagte Tomasow.

Wera Petrowna starrte ihn erst ungläubig an. Wie mit einem Schlage verschwand aus ihren Zügen alles Ironische und der spielende Spott und das versteckte Lachen. Schrecken und ein fast ehrfürchtiges Erstaunen stritten in ihrem lebhaften alten Gesicht um die Herrschaft.

Sie schlug laut die Hände ineinander.

»O du grundgütiges Seelentäubchen, meine einzige Marinka —! Was das sie kostet —! Und das sagen Sie mir erst jetzt, Sie Eisbär, Sie Feuerländer, Sie — Sie — —. Was das sie kostet —!« Sie hielt inne und starrte ihn wieder an. Man konnte deutlich sehen, wie angestrengt und durchdringend hinter ihrer Stirn und ihrem sich sammelnden Blick hundert Gedanken auftauchten. »Die Kinder fort!« sagte sie langsam, »— beide Kinder, — das ist ein ganz neues Leben, ein ganz zerbrochenes Weitervegetieren für sie oder — —. Es ist eine vollkommne Einsamkeit, Vereinsamung, — oder — —? — Marianne ist noch jung, — sie ist noch immer jung —«

Tomasow, der unwillkürlich niedergeblickt und mechanisch mit dem Deckel der Zigarettenschachtel gespielt hatte, hob den Blick.

Eine kurze Pause lang schauten sie einander schweigend in die Augen, einer des andern Gedanken enträtselnd —.

Wera Petrowna rief plötzlich in fast klagendem Ton: »— Ach Tomasow, wer verdient denn das aber, so viel Glück, wie diese Frau noch geben könnte, — was für ein Mannsbild verdient denn das —?«

Er wollte etwas erwidern, aber sie unterbrach ihn gereizt: »Nein, schweigen Sie nur! Es ist schon so, — ich weiß, ich weiß!« beharrte sie fast giftig.

Und plötzlich stand sie auf und fuhr mit der Hand durch die Figuren, daß sie alle umfielen.

»Es muß schon so sein! Die Jugend muß wohl immer erst heraus aus einem Menschen, — da hilft nichts!« murmelte sie ergrimmt, und sie fing an, an ihrem Stock auf und ab zu gehn. Das Sitzen hielt sie nicht mehr aus.

Tomasow schob das Brett zurück und rauchte schweigend. Gegen die Sonderbarkeiten der Alten war er nachsichtig. Und viel lieber, als zu spielen, hing er jetzt seinen Gedanken nach.

Da hörte er sie sagen, ganz in Zorn: »— Ist es nicht wie eine Löwengrube, — so ein Menschenleben —? Man muß doch immer wieder hinein, — immer wieder hinein —. Und was hat diese Frau nicht angesammelt in all den langen Jahren, — all die unausgegebene Fülle — —. Es ist sogar einerlei im Grunde: ob sie noch einmal neu anfängt mit dem Leben, oder ob sie einsam bleibt, — diese ganze Fülle, die ganze Inbrunst reißt sie ja doch notwendig in die tausend Lebenskämpfe, wie unter brüllende Tiere —«

Nach einer Weile fuhr sie grollend fort: — »Da ist nun Sophie, — nun viel ist sie noch gar nicht, — aber was bedeutet so ein Mensch mitunter nicht alles für seinen Mitmenschen! Daß sie bei ihr war, glich für Marianne alles aus, — sänftigte das ganze Leben —. Manchmal genügt so wenig, — so ein bißchen Menschennähe, um gar nicht zu merken, wie viel man noch in sich herumträgt, — wie vieles man noch unter Schmerzen entladen soll. — Erst wenn diese sänftigende Schutzdecke davon abgerissen wird, — plötzlich steht man da wieder hart am Rande, — ganz hart am Absturz — mitten in alle Untiefen von neuem hinein — unerbittlich hinein!« Wera Petrowna holte sich in ihrer Erregung die Haube vom Kopf herunter und lief fast auf und ab. »Gott meint es erst gut mit denen, die es hinter sich haben, — hinter sich. — — Arme Marinka!«

Tomasow saß zurückgelehnt, mit dem Rücken nach ihr. Er vernahm wohl ihre Worte, aber gleichzeitig umfingen ihn andre, weit weniger düstere Bilder —. Und auch sie scharten sich um dieselbe Erwägung, wie um ein Leitmotiv dazu: »— Marianne ist noch immer jung —«

Die Alte hinter ihm im Zimmer war still geworden. Auch ihr Stock berührte nicht mehr, im Takt aufschlagend, den Fußboden.

Tomasow empfand spontan, wie starkes Erleben und Erkennen hinter ihrer gewohnten Alltagsironie stehn, — wie tief sie selbst in die Löwengrube hinabgestiegen sein mochte, — und daß sie von dort herausgekommen war mit einem Herzen, das ganz wund war von zartem Mitleid und verstehender Furcht für andre —.

Er wandte sich zu ihr um. Sie saß im Stuhl am Fenster. Die Haube hielt sie noch wie einen wunderlichen dunkeln Knäuel in der Hand.

Und sonderbar hob sich dieser nackte Kopf von der hellen unfeinen Tapete des Zimmers ab, — wie durchaus nicht hergehörig in diese banale Stube, — wie nicht einem Mann und nicht einer Frau zugehörig, — vielmehr einem geheimnisvollen Wesen oder Unwesen, das nun dasitzt in den Wohnungen der Menschen, um dunkle Dinge zu weissagen —.

Ganz unbeweglich saß sie da. Und ihm wurde es fast unheimlich, so auf sie hinzuschauen. — — Als müßte er schnell, jetzt gleich, irgend einen Bannspruch, irgend einen Wahrspruch finden, — der ihre finstern Gedanken, — der den Lebensgedanken selbst — in Freude löste. — — Oder als würde sie sich selbst langsam erheben, unmenschlich groß, und etwas Unerhörtes, Unüberwindliches sagen —.

— In solcher Stimmung hört man als Kind Märchen erzählen — —.

Tomasow erhob sich und trat zu ihr hin ans Fenster.

Da blickte Wera Petrowna auf. Sie sah auf mit dem welken, freundlichen Antlitz einer alten Frau, die sich Sorgen macht.

»— Arme Marinka —!« sagte sie nur mit einer schwachen, bekümmerten Stimme.

IV.

»— Also: Schluß für vierzehn Tage. Junge, klapp die Bücher zu und freu dich!« sagte Marianne zu ihrem Neffen nach Beendigung der französischen Montagskonversation.

Sie saßen schon bei der Lampe im Lernzimmer der ältern Kinder. Nikolai hatte beide Ellbogen aufgestützt und schob trübselig seine etwas breit geratene Unterlippe vor.

»Freu mich gar nicht. Aber auch nicht die Spur!« versicherte er; »worauf denn? Eine Menge Familientage, schrecklich lange Mittagessen, — und zu Hause sitzen —. Ob man sich schließlich in der Schule ducken muß oder zu Hause — —. Mußt du denn schon gehn?«

Marianne war heute so besonders angenehm gewesen, fast so lustig wie ein guter Schulkamerad, daher paßte es ihm nicht, daß sie schon ging.

»Du hast doch eine Menge Vergnügen in deinen Ferien! Ein undankbarer Junge, nicht wahr, Inotschka?« meinte Marianne.

Inotschka beugte sich über ihre Weihnachtsstickerei, die ihr heute wirklich Eingang zu der Montagsstunde verschafft hatte. An diesen Tagen heimlicher Arbeit ging vieles ungerügt durch.

»Ach, was weiß denn Ina! Ein Mädchen! Gut ist es doch nicht eher, als bis man groß ist und ein selbständiger Mann,« konstatierte Nikolai, griff verdrießlich nach seinen Büchern und verließ das Zimmer.

Inotschka antwortete ganz still: »Nein, so darf man nicht sprechen. Die Eltern bereiten uns so viel Freude, wie sie nur können. Wir müssen ihnen sehr dankbar sein.«

Dann sah sie jedoch sehnsüchtig zu Marianne hin und fügte in ganz anderm, drängendem Tone hinzu: »Warum ist es nur so, daß ihr diesmal nicht mit uns Weihnachten feiert? Ach, thus doch! Weißt du noch: voriges Jahr — —!«

Marianne, die schon aufgestanden war, strich mit der Hand Inotschka über das weiche Haar, dessen feinen seidigen Strähnen man die Fülle, die sie enthielten, kaum ansah. Es lockte sie immer heimlich, dies feine Haar zu lösen und ganz anders zu ordnen.

»Das war ja nur ein Zufall voriges Jahr! Du mußt dich nicht so danach sehnen,« sagte sie sanft. »Sieh mal: ist es denn nicht überhaupt ein Zufall, daß ich hier in eurer Nähe lebe? Wie leicht hätte es so kommen können, daß ich im Auslande blieb. — — Und vielleicht — — vielleicht kommt es noch dazu, Inotschka.«

Die Kleine hatte ihre Stickerei auf den Tisch geworfen. Sie schaute mit erschrockenen Augen empor.

»Das — das hab ich gefühlt —!« entfuhr es ihr heftig.

»Aber nein! Sei nur ruhig, meine kleine Ina, — heute und morgen ist noch alles beim alten. — — Und übermorgen, im Handumdrehen, — da ist aus der Ina schon ein großes, vernünftiges Mädchen geworden!« beschwichtigte Marianne sie tröstend.

Aber Ina war aufgesprungen. Sie hing sich Marianne an den Hals und brach hilflos in Thränen aus.

»Ich werde nicht groß! Ich werde nicht vernünftig! Alle Vernünftigen sind so gräßlich. Laß mich doch klein bleiben! Laß mich bei dir bleiben!«

Marianne blieb ganz stumm. Sie schlang nur ihre Arme um sie und küßte sie auf das Haar und auf die weinenden Augen. Dann, nach Minuten schweigender Liebkosung, beugte sie den Kopf tief zu Inotschka nieder und flüsterte ihr ins kleine heiße Ohr: »Sei still, mein Herz, ich komme jetzt oft und oft zu dir, — so oft du mich nur wirst haben wollen —.«

Ina ließ sie los und blickte ungläubig auf. »Wirklich?! Sagst du es auch nicht nur so?«

»Nein. Ich sage es nicht nur so. Ich werde Mama um die Erlaubnis bitten, recht oft kommen zu dürfen, um mit dir zusammen zu sein.«

»Und glaubst du, daß — —, meinst du, Mama wird erlauben, daß du so wirklich zu mir kommst — —? Denn wenn ich mit den Großen dabei zusammensitzen soll — —«

Marianne setzte sich auf Inas Stuhl und zog sie wie ein kleines Kind zu sich auf die Kniee.

»Mama erlaubt alles, was geeignet ist, dich froh und glücklich zu machen,« entgegnete sie zuversichtlich, und als sie Inas schüchterne Augen voll Zweifel auf sich gerichtet sah, fügte sie ernst hinzu: »Du denkst mit Unrecht, deine Mama enthielte dir dies oder jenes vor, und du wirst scheu, weil du meinst, vor verschlossnen Thüren zu stehn. Aber sie gehn noch alle auf, mein Liebling. — — Siehst du, davon und von vielem andern will ich dir erzählen, wenn wir so bei einander sind, wie jetzt.«

»Willst du mir von Mama erzählen, wenn du bei mir bist?« fragte Ina stockend und sah sie unsicher an.

Marianne streichelte sie mit einem feinen Lächeln voll Güte.

»Von uns Mamas überhaupt. Denn, weißt du wohl, wer das ist? Eine Mama, das ist jemand, der gewaltig reich geworden ist durch das Verlangen, recht viel zum Verschenken an seine Kinder zu haben. Aber die Kinder sind erst ganz klein, und dann jedes Jahr nur ein bißchen größer, und es dauert lange, bis sie ganz groß sind, sodaß sie wirklich alle die reichen Geschenke benutzen können. Daher muß Stück für Stück in festen Truhen verwahrt bleiben, und wenn die Mama aufschließt und nachschaut, was sich für ihre Lieblinge wohl schon eignet, dann darf sie sich doch nichts merken lassen von der Bescherung, für die es noch zu früh ist. Und dann sieht es den Kindern fast so aus, als hätte sie nichts übrig für sie. — — Aber alle ihre Truhen sind grade dann voll Gold. — — Jemand, der ungeduldig und sehnsüchtig zwischen lauter Truhen voll Kostbarkeiten umhergeht: das ist eine Mama. — — Weißt du es nun?«

Ina schmiegte sich fester an Marianne an.

»Und du hast auch solche Truhen, die du nicht aufmachst?« fragte sie, »— du auch?«

»Ja, ich auch. Viele — viele.«

»Aber einmal — da springen sie alle auf! Alle?« Ina richtete sich mit verlangenden Augen auf Mariannens Schoß hoch.

»Alle — alle!« versicherte Marianne mit unterdrücktem Jubel in der Stimme und legte ihre Arme um das kleine Mädchen. Man fühlte, daß irgend eine eigne große Freude oder Erwartung aus allen ihren Worten herausklang wie eine überströmende Wärme.

Inotschka lächelte, sie hatte leicht gerötete Wangen und sah unendlich zufrieden aus. »Was für wunderschöne Geschichten du aber auch weißt, Tante Marianne! Wirst du mir noch viele erzählen?«

»Ich werde dir gewiß noch schönere erzählen. Denn nun mache ich bald die allerschönste Truhe auf —«

»Für mich auch!« rief Ina vergnügt und klatschte in die Hände.

Plötzlich hielt sie jedoch inne. Sie ließ Marianne los und glitt von ihren Knieen hinunter.

»Da kommt Mama!« murmelte sie, »— vorhin fuhr ein Schlitten vor —. Die Wohlthätigkeitsvorstellung muß jetzt auch schon längst vorüber sein —.«

Man vernahm etwas hastige Schritte und das Rascheln eines seidenen Kleides. Die Thür wurde nur ein ganz klein wenig geöffnet, Ottilie schob den frisierten Kopf an die Spalte.

»Bist du noch da, Marianne? Hast du Zeit —? Nein, Inotschka, mein Kind, laß dich nicht stören, du brauchst nicht zu erschrecken, Mama hat nichts gesehen, — du sollst sehen, wie überrascht ich sein werde zu Weihnachten —.«

Marianne trat zu ihr heraus, in das Schlafzimmer der Schwester.

»Ich höre, du kommst aus der Oper, Otti?! Du und in die Oper, mitten am Tage? Du wirst ja noch ganz musikalisch auf deine alten Jahre,« bemerkte Marianne erstaunt.

»— Der ›Troubadour‹ — zu wohlthätigen Zwecken — und mit dem durchreisenden Star als Gast. — — Fräulein Clarissa überredete mich. Herrgott, es passiert ja auch selten genug!« entgegnete Ottilie, noch in voller Theatererregung, und begann sich in aller Hast umzukleiden.

In einer Ecke am Tisch fütterte die Wärterin den Jüngsten, dem sie in russischem Kinderkauderwelsch zusprach, in der Nebenstube sah man die beiden ältern kleinen Brüder sitzen und artig Flittergold auf Nüsse kleben, als Schmuck für den Weihnachtsbaum.

Ottilie warf ihre geschnürte Seidentaille ab und ergriff Marianne am Arm.

»— Ich sage dir: schön ist so was! Siehst du: in dem Augenblick, da lebt man! Wenn sie so füreinander sterben — —« Ottiliens Augen strahlten.

Marianne lachte.

»Aber du, seit wann hast du so romantische Anwandlungen —? Du bist doch sonst die Nüchternheit selbst?«

»— Sonst —? Ja, du lieber Gott, im wirklichen Leben ist doch kein Raum dafür. Da heißt es seine Pflicht thun, und damit basta. Das muß jeder anständige Mensch. — — Aber deshalb bewahrt man sich doch einen Winkel für das Ideale innerlich. Einen Winkel, wo das Leben anders wäre, wenn es nach uns ginge —: edel, höher, — noch unbefleckt schön, — kurz —«

»— Romantisch?« fragte Marianne zweifelnd, mit einem gutmütigen Lächeln. Sie wußte selbst nicht, woher ihr Ottilie plötzlich so viel jünger geworden vorkam, ja fast unerwachsen jung, wie vor langen Jahren.

»— Romantisch —!« wiederholte die Schwester etwas gereizt, während sie sich von Marianne in ihr Hauskleid hineinhelfen ließ, »— meinetwegen nenn es so. Name ist bekanntlich Schall und Rauch. Aber du willst wohl andeuten: davon verstünde ich nichts, — davon verstündest nur du was, — einfach, weil du zufällig so blitzjung und so kopfüber eine Liebesehe geschlossen hast —. Aber was ist am Ende mit solcher Ehe los —?! Ich kann dir nur sagen, wovon ich nicht oft spreche: mein erstes Liebeserwachen war zwar lauter Verzicht, — aber was ich hier innen besitze, —«

Sie sagte nicht, was sie innen besaß, sondern ließ ihre Worte unvollendet und knüpfte sich mit aufgeregter Hand das Kleid zu, wobei sie Mühe hatte, die richtigen Knöpfe zu finden.

»— Du meinst doch nicht etwa den Husaren —?« wollte Marianne schon fragen, unterdrückte es jedoch.

Sie setzte sich neben den Toilettenspiegel, vor dem sich Ottilie ankleidete, und schaute die Schwester mit im Schoß gefalteten Händen gedankenvoll an.

Der harmlose Husar konnte so wenig dafür! Der mußte, wie es schien, nur ritterlich stillhalten bei allem, was ihm Ottilie so allmählich auf sein armes kleines Konto hinzuschrieb —. Vielleicht war es grade das Fehlen jeglichen starken Seelenaufruhrs in Ottiliens geordnetem Leben gewesen, das in ihr so allerlei emotionelle Restbestände aufgestapelt hatte — —.

Ottilie mißverstand Mariannens Verstummen. Sie nickte ihr zu, wie von einer verborgenen Höhe.

»Ich glaube, du hast auch nur wenig Anlage dazu: du hast dich ja stets so ganz im Thatsächlichen ausgegeben und es überschätzt,« bemerkte sie und steckte sich ihr Häubchen fest. Auf ihren Wangen blühten noch zwei blaßrote Flecke.

Dabei hatte sie irgend eine halbmädchenhafte Kopfhaltung, irgend eine kleine Gebärde, — fast wie unbewußte Koketterie einer Ungeübten, — die mit einemmal Marianne wie eine lebendig gewordene Erinnerung aus beider frühester Jugendzeit durchfuhr.

Es paßte gar nicht recht hinein in das Wesen der jetzigen Ottilie, der musterhaft Fertigen, Korrekten! Aber dafür waren es nicht mühsam erworbene, sondern ihre eigensten einstigen kleinen Mienen und Gebärden —.

Sie besaßen etwas wunderlich Halbes, Verlorenes, — wie wenn künstlich gestutzte Vögelchen zu fliegen unternehmen, — dachte Marianne bei sich.

Und plötzlich umfaßte sie Ottilie von hinten und stand auf und küßte sie innig mitten ins erstaunte Gesicht. Ja, das war wirklich die Otti von ehemals, mit der sie so vieles geteilt, so kindisch geschwärmt hatte! Dann kam das ganze Leben dazwischen: das war von Marianne mit zitterndem Herzen, selig und schmerzlich, durchlebt worden, — von Ottilie nicht —.

Und da ging sie nun in irgend eine alte Oper, und mit einemmal kamen allerlei hinuntergedrängte Sensationen herauf, — unbegründet, etwas hysterisch, alle durcheinander: der Husar und die Ideale, Backfischhaftes und Erhabenes, Pathos und Koketterie —.

»— Was fällt dir ein? Nein, aber Marianne, was fällt dir denn ein?! Man küßt sich doch nicht derartig mitten am Tage, ich muß jetzt an den Speiseschrank,« sagte Ottilie und wehrte sich.

»Und ich nach Hause. Aber, weißt du, Schwesterlein: ich komme nun oft, viel öfter —. Gib mir recht viel Raum. Laß mich viel mit euch sein, auch mit Inotschka —. Wer weiß, ob ich noch lange hier —« Marianne brach ab und wandte sich dem Kleinsten zu, sie hob ihn von den Knieen der Wärterin auf ihrem Arm hoch und liebkoste ihn, während er sie vergnügt ankrähte.

»Das ist schon recht, falls wir hier wirklich etwas haben, was dich, — die viel Anspruchsvollere, — fesseln kann,« erwiderte Ottilie; sie vermochte nicht den Uebergang ins Tagesleben ganz ohne Gereiztheit zurückzufinden.

»O! Ihr habt ja so vieles, was sich noch willig lieben läßt!« meinte Marianne leise und herzte noch immer das Kind.

»Ja, wie du das auch gleich sagst! Ich glaube wahrhaftig, Marianne, trotz deiner vielen Kenntnisse und Fähigkeiten, — nimm mirs nicht übel: aber es ist im Grunde das einzige, was du zu thun weißt. — Du sprachst von Inotschka: sag, glaubst du, daß sie den Pantoffel noch fertig stickt?«

»Der ist ja für dich, — weißt du?« rief Marianne.

»Eben darum, weil er für mich ist, kann ich mich nicht gut drum kümmern. Wenn sie ihn vertrödelt, — du verstehst, es ist mir nicht um den Pantoffel. Aber es wäre von übler Wirkung auf das Kind. Es gibt einem Kinde Selbstbewußtsein, seinerseits was zum Verschenken bereit zu haben. — Von solchen Dingen hängt mitunter der moralische Halt im spätern Leben ab.«

Marianne seufzte. Sie setzte den Kleinen auf den Schoß seiner Wärterin nieder und ging mit der Schwester hinaus.

Sollte sie nun Ottilie erzählen: »Sophie geht Ostern auch zum Studium ins Ausland?« — Würde Ottilie nicht fragen: »Was schenkt sie dir aber dafür wieder?« — Ja, — etwas Aehnliches würde sie fragen.

Wie konnte sie ihr das deutlich machen! Dieses Einssein mit den Kindern, dieses Mutterglück und diese drängende Hingebung in allen Fasern. Dieses Auskosten der vollen Liebe bis auf den letzten Tropfen. Denn jetzt waren sie zu Hause alle drei doch nur noch wie ein Mensch, — nun erst ganz unzertrennlich.

Marianne ging fort, ohne etwas von der großen Neuigkeit mitgeteilt zu haben.

Trotz ihrer Ungeduld, heimzukehren, entschloß sie sich noch zu einem weiten Umweg.

Sie benutzte eine Pferdebahn, die nahe bis zu Tamaras kleiner Wohnung im Vorstadtviertel heranfuhr. Tamaras Mann öffnete ihr, mit einem listigen und erwartungsvollen Gesicht, — er hatte seine Frau erwartet.

»Was, sie ist aus?« fragte Marianne stark enttäuscht, »ich muß sie so notwendig sprechen, und dachte sie zu dieser Stunde sicher zu treffen.«

»Ja, glücklicherweise ist sie fort, ich kann sie nämlich momentan gar nicht brauchen.«

Marianne bemerkte erst jetzt, wie er aussah. Im dicken Paletot, den Kragen hochgeschlagen, sogar warme Ueberschuhe an den Füßen, stand er da und rieb sich die Hände. In der That schien es kalt da drinnen zu sein.

»Was machen Sie eigentlich?! Frieren Sie vielleicht Ihre Vögel aus?«

»Ach nein, bei mir ist es warm. Wir müssen jetzt dort sitzen, zwischen den Vögeln, leider. Wir schlafen die paar Tage auch drin. Denn im Wohnzimmer, da wird jetzt nicht geheizt. Das ist wegen Weihnachten. Es soll nämlich wie ein Wald werden, — Tamara stammt doch aus dem Walde. Sie darf jetzt nicht herein.«

Er öffnete die Thür zur Wohnstube, und Marianne erblickte in drei von ihren Ecken je einen großen Tannenbaum. Eine Küchenlampe stand am Boden. In dem ungewissen Schein, den das Lämpchen von unten her verbreitete, nahm sich die Bescherung seltsam genug aus, die zwischen den Tannen im Aufbau begriffen war.

Da näherten sich, fast lebensgroß in bemalter Pappe ausgeführt, die heiligen drei Könige einer kleinen Korbwiege, deren blaue Vorhänge dicht geschlossen waren. Was die Weisen des Morgenlandes darbrachten, bestand aber nicht in Gold oder Juwelen, sondern in den winzigsten Hemdchen, Jäckchen und Strümpfchen, die man sich denken konnte.

Die Bäume waren nicht geschmückt. Nur an dem schönsten, der sich über der Wiege erhob, hing Kinderspielzeug, — Hampelmänner, Glöckchen an Knochengriffen — und, wie ein Hinweis auf die Zukunft, schon ein erstes, zartes Paar Schuhe, lächerlich klein, aus rotem weichem Saffian, mit silberner Stickerei bedeckt.

In der Anordnung des Ganzen drückte sich ein unbeholfener jubelnder Ueberschwang aus, der Marianne ergriff.

Sie wandte sich zu Taraß und sagte leise: »Ich wußte gar nicht — — Aber es ist noch lange hin —«

Er nickte.

»Lange noch bis dahin,« bestätigte er, »aber, wissen Sie, ich kenne ja Tamara. In diesen Monaten wird sie schon ungeduldig sein: wann sie das alles arbeiten soll, — ich bitte Sie, eine solche Menge! Und sie hat doch gar keine Zeit! Es mag ja schön sein, selbst daran zu nähen, nun aber, sie soll sehen: es geht auch so. Eine große Näherin ist sie überhaupt gar nicht. Sie sticht sich dreimal nacheinander in jeden Finger. Und allzufest näht sie auch nicht. — Aber eine Mutter wird das sein! Ja, das ist noch eine Mutter!«

Er sah strahlend aus und trat frierend von einem kalten Fuß auf den andern.

»Darf ich Tamara nichts ausrichten? Soll sie zu Ihnen kommen?«

»Nein nein,« wehrte Marianne hastig ab, »ich komme lieber selbst wieder. Sagen Sie ihr nur: ich sei wegen des Vorschlages gekommen, den sie mir neulich im Auftrag des Berner Mädchenpensionates gemacht habe. Sagen Sie ihr: den wollte ich annehmen. Auf alle Fälle annehmen. Sie möchte mir helfen, die Sache so schnell als möglich ins reine zu bringen.«

Taraß schlürfte in den Ueberschuhen ihr voran zur Hausthür.

»Dann wird Tamara gleich alle Hebel in Bewegung setzen. Ich weiß, sie sprach davon. Und wir sind so froh, wenn wir Ihnen zeigen können, wie lieb wir Sie haben.«

Er küßte Marianne die Hand, und sie beugte sich auf seine Stirn. Ihr kam es vor, als sei alles bereits erledigt. Sie zweifelte nicht am Gelingen. Es mußte gelingen. Und sie war zu jedem Opfer bereit, zu jedem Nebenverdienst durch Stunden —.

Nur mit ihrem Kind zusammenbleiben mußte sie. Dann wollten sie auch schon Cita näher bekommen, — mindestens näher als jetzt —.

Als sie sich wieder in die Pferdebahn setzte, schien es ihr, als führe sie schon weit, weit fort aus ihrem bisherigen, hiesigen Wirkungskreis.

Fast abschiednehmend spähte ihr Blick nach den einzelnen Häusern, die sie kannte. Da — und da, — und dort war sie zum Unterricht hingegangen. Nun aber wollte sie weit, weit fort, so weit wie ihre Kinder wollten.

All dies wurde Vergangenheit. Die Kinder allein, das war ja Heimat.

Kurz ehe sie den Bahnwagen verließ, stieg ein armer Krüppel ein, ein Stelzfuß in zerlumpter Kleidung.

Mit ehrerbietigem Blick bekreuzigte sich der Schaffner vor ihm und nahm kein Geld von ihm an. Diese Handlungsweise war allgemein üblich, solche Unglückliche durften fest darauf rechnen.

Als sich Marianne erhob, um auszusteigen, sah sie, daß jemand dem lahmen Mann ein Kupferstück zusteckte.

Da fuhr sie in die Tasche, faßte nach dem gehäkelten Seidenbeutelchen mit dem Tagesbedarf an Silberlingen, das sie grade frisch gefüllt hatte, und schob es im Vorübergehn dem Krüppel in die Hände.

Das gewährte ihr eine momentane Erleichterung. Sie wäre gern in irgend einer Weise aktiv geworden, aus ihrer weichen, warmen Stimmung heraus, — wäre gern mütterlich geworden an irgend einem armen Wesen, aus ihrem Ueberfluß heraus —.

Und nun konnte sie nicht einmal für ihre nächsten Pläne etwas thun, weil sie Tamara verfehlt hatte. Aber ihr wollte es scheinen, als schade das alles nichts, wenn man ihr nur ringsum von der warmen Liebeslast abnahm —.

Oben öffnete ihr Stanjka. Doch im Wohnzimmer lief ihr Sophie entgegen.

»Cita ist nur für eine kurze Besorgung fortgegangen, Ma, sie kommt gleich wieder. — — Aber du bliebst so lange fort, — ach, ganz schrecklich lange, wo warst du nur noch?«

Marianne drückte sie an sich.

»War das so schlimm? Du bist wohl ungeduldig geworden?«

»Ja, Ma. Jetzt möchte ich jede Minute bei dir sein. Das ist doch ganz natürlich, — immer, immer.«

»Und wenn wir uns nun nicht trennten, — wenn wir beisammen blieben, du mein Herzenskind!« murmelte Marianne.

Es kam ihr fast gegen ihren Willen auf die Lippen. Sollte sich Sophie unnütz quälen, — und wären es auch nur Tage —, um der Trennung willen, die nach ihrer Ansicht bevorstand?

»Ach ja, Ma!« rief Sophie innig, jedoch gleich darauf schien sie ein plötzlicher Schreck zu durchfahren. »— — Du meinst doch nicht, — ich soll doch nicht —«

Sie war ganz blaß geworden.

»Nein, o nein!« sagte Marianne schnell, »wie kannst du das glauben! Nichts wird rückgängig gemacht. Aber denke dir, mein Liebling, denke dirs nur als eine noch nicht gewisse Möglichkeit: wir blieben trotzdem beisammen, — in einem kleinen Städtchen zum Beispiel, — etwa in den Schweizer Bergen —«

Sophie machte sich sichtlich beunruhigt frei.

»— Warum denn ein so ganz kleines Städtchen, Ma —?«

»Ich meine natürlich ein Universitätsstädtchen.«

»Ja ja, aber wenn auch —. Daß es so gar klein sein soll —? Warum denn eigentlich nur?«

»Stell dir zum Beispiel vor, dort wäre eine Mädchenpension, die ich zu leiten hätte, — eine solche ist nämlich in Bern, — lauter halberwachsne Mädchen —«

»— Aber — das wäre ja gräßlich, Ma!« fiel ihr Sophie ängstlich ins Wort.

Marianne hielt einen Augenblick inne.

Sie suchte mit plötzlicher Bangigkeit Sophiens Blick.

»— Wäre das so gräßlich, — Sophie?«

»Nein, — das heißt: es wäre ja wunderschön natürlich, — aber, — ach nein, Ma! das kann ja doch gar nicht dein Ernst sein?«

Marianne versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß ihr mitten in diesem schwachen Lächeln die Lippen kalt wurden.

»— Nur so eine Idee, Kind,« sagte sie mühsam.

»Siehst du, das dachte ich.« Sophie küßte sie heftig und lachte beruhigt: »Das wäre ja auch gar nichts, nicht wahr? Denke nur: so eine Mädchenpension, — Hammelherde, — huh! Da müßten wir uns ja immer nach den Zimperliesen richten. Wenn du da Stunden gäbst und von allen möglichen Leuten abhingest, wäre alles gleich so gebunden, — so wie hier —. — — Und übrigens, solches Kleinstädtchen doch auch für dich im Grunde recht öde, — nicht?«

Marianne nickte, ohne Sophie aus den Augen zu lassen, die ihr unleidlich brannten und stachen von den bemeisterten Thränen.

»Ja ja, Sophie. Daran, ob es öde wäre, hab ich so gar nicht gedacht —. Wenn ich mir das überlege, ist es also wohl nichts damit.«

Sophie wurde wieder ganz heiter.

»Nein, was du aber auch für eine Phantasie hast, Ma?« meinte sie neckend und setzte sich der Mutter auf den Schoß. Sie war voll kleiner Zärtlichkeiten.

Nun wollte sie Ma auch ordentlich erzählen, wie sie sich das Leben dächte, mit Cita zusammen, in Berlin, wo Cita ja so vortrefflich aufgehoben sei und schon Beziehungen habe, und wo sie es nun ebenso gut haben werde. Beziehungen nämlich, das ist wichtig —! — — Eine Menge interessanter Einzelheiten plauderte ihr Sophie redselig vor.

Marianne saß müde in ihrem alten Lutherstuhl.

Sie hörte immer mit dem gleichen Anflug von Lächeln zu, es war wie erstarrt auf ihrem Gesicht.

Das also war das weitaus Schönere, wovon Sophie träumte. Und das hatte sie ja nun endgültig den Kindern gegeben, ihnen erlaubt. Mehr zu geben hatte sie nun überhaupt nicht. Nein: nur sich selbst noch hinzugeben hatte sie wollen. Sie selbst jedoch, — ja sie selbst — lehnten sie leise ab —.

— Marianne überfiel plötzlich, mitten in Sophiens Hinplaudern, eine jähe Furcht, sie könnte mit einemmal — jetzt gleich — etwas Gräßliches, Grelles thun müssen, entweder laut schreien oder gar lachen —.

Besonders das letztere: jawohl, grell und gell lachen —.

In der Furcht davor brachte sie kein Wort heraus.

Zum Glück kam Cita nach Haus, eh es Sophie auffiel.

Als sie zu ihnen ins Wohnzimmer trat, sprang Sophie vom Schoß der Mutter heiter auf.

»Denke nur!« rief sie der Schwester ganz unbefangen entgegen, »Ma und ich sitzen hier gemütlich und malen es uns eben aus, wie das sein würde, wenn wir in ein ganz kleines Universitätsstädtchen zögen, anstatt nach Berlin. Und wenn Ma dort gar eine Pension leitete, — und — und wir Sonntags nachmittags mit im Zuge der Mädchen vor dem Thor spazieren gingen —«

Sie erzählte es ganz wie einen Scherz. Und ganz wie über einen Scherz lachte Cita mit ihr.

»Uff!« sagte diese dann, die Handschuhe abstreifend, und warf sich in den Schaukelstuhl, — »wie gut ist es hier bei dir, Ma. Ja, das wird Sophie schon noch vermissen! Sie muß sich eben erst gewöhnen, man lernt es aber. Bis jetzt redet sie nur so hin. Wenn sie nur erst ordentlich in ihrem Studium drin ist —«

Marianne richtete ihre Augen müde und groß auf ihre Aelteste.

»Wenn es nur so ist, Cita, daß man dann nichts mehr vermißt,« sagte sie leise, mit matter Stimme, »— denn das meint ihr doch wohl nicht, — das kannst du doch selber nicht wollen: so ein Fachstudium, und nichts mehr dahinter und darüber —. Etwas so Spezielles, etwas so Hartes —. Du mußt nicht vergessen, wie sehr Sophie, — und früher auch du, — euch in einem allseitigern, harmonischern Ganzen geistig angeregt habt. Es schloß ein Studium nicht aus, aber das beseelte Leben ging doch noch drüber —.«

»Es war einfach dilettantischer,« bemerkte Cita ruhig. Sie hatte ernsthaft zugehört, während sie leise schaukelte und ihre Handschuhe bald zurollte, bald in alle einzelnen Finger auseinanderbreitete.

Marianne lehnte sich erschöpft zurück. Sie hatte sich gewundert, woher ihr nur so viele Worte kamen. Als ob sich ihre Zunge löste und selbständig spräche —. Aber als sie einsah, daß diese Worte ohne Wirkung waren, gab sie es auf, zu widersprechen.

Cita nahm ihr Schweigen wie ein leises Gekränktsein und fuhr rasch fort: »Ja, süße Ma, du hast sicherlich recht. Aber, siehst du, was du so das ›beseelte Leben‹ und ›das Allseitigere‹ in der geistigen Anregung nennst, das werden wir ebenfalls haben. Das Fachstudium wird bei weitem nicht alles sein, sondern der ganze Kreis der Interessen in der Frauenbewegung. Das wird uns frisch und kampflustig erhalten. Sieg der modernen Frau! Das soll die Losung sein. — — Hier konnte Sophie diesen belebenden Geist unmöglich aufnehmen. Uns fehlte hier ja auch der laufende Zusammenhang mit allem Modernen. Wenn man aus dem Auslande kommt, spürt man das arg, du kannst es glauben! Nun, aber es schadet weiter nichts: wir holens schon nach.«

Sie erhob sich aus dem Schaukelstuhl, kam zur Mutter, bückte sich, küßte sie auf den Scheitel und sagte mit fast mütterlicher Zärtlichkeit im Ton: »Du unsre süße Ma! hier ist es einzig und allein schön, weil du hier bist. Vielleicht würdest du dich in einem andern Rahmen nicht mehr wohl fühlen. Und du machst alles schön rings um dich her. Aber wir können jetzt nicht nur auf das Schöne achten.«

Dann richtete sie sich auf, verschränkte die Arme auf dem Rücken und stellte sich nachdenklich musternd vor das Bücherregal.

»Siehst du, Sophie, — dort hinein schaffen wir dann auch Ma neue Bücher, — nicht an Stelle der alten, aber mindestens zwischen die alten. — — Man kann auch nicht immer nur Dante und Homer und Shakespeare und Goethe und ähnliche Herren lesen. Nicht wahr, Ma?«

Marianne saß ganz still und lauschte. Sie lauschte noch, als gar keine Rede mehr kam, und die Schwestern miteinander in den Büchern zu kramen anfingen, wobei Sophie auf dem Boden saß und Unsinn trieb.

Sie lauschte in alle geredeten Worte tief hinein —. Denn daraus klang ja nicht nur die naive Ablehnung Sophiens, nein, etwas viel Tieferliegendes hörte sie immer deutlicher heraus, — etwas auf dem verborgenen Grund aller dieser Worte —.

Sophiens Gefühl war so ganz unwillkürlich gewesen. Aber es verriet, daß Mutter und Kinder ganz und gar nicht eins waren, eines Wesens, — daß das ein bloßes Trugbild war, ein Traum. Die arme Sophie konnte nichts für ihren naiven Egoismus, — Cita, die sagte es ja: sie waren etwas andres, wollten etwas andres, strebten anderm zu, als die Mutter —.

Der Mutter gehörten sozusagen nur noch Wesensreste aus der Kindheit, — nicht mehr der entwickelte Mensch. Dem wurde sie leise fremd — fremd — fremd. Von dem wurde sie mit dankbarer Nachsicht geliebt. Notwendig blieb sie ihm nicht mehr.

Wahrscheinlich ging das immer so zu. Auch dann, wenn das Muttersein das gesamte Wesen eines Menschen aufgesogen und ausgemacht hatte —? Auch dann, wenn er sich mit seiner ganzen tragenden, nährenden Lebensfülle den Kindern einverleibt hatte —? Ja, auch dann. Auch dann blieb er wie ein blutendes, losgerissnes Stück am Boden liegen, allein liegen, — ohne es ändern zu können — —.

Cita hatte ja im Grunde recht: während die Mutter hier umherging und Stunden gab, vermochte sie nicht zugleich die Wege weiterzugehn, die sich nun den beiden öffnen sollten, — die Wege neuer Zeiten, einer neuen Generation —. Und wohin die führen würden? Ob nicht zum entgegengesetzten Ende dessen, was sie mit heißester Inbrunst für ihre Kinder erfleht und selbst in ihrem ganzen Leben demütig zu verwirklichen gestrebt hatte?

Ja, vielleicht, — wer konnte es wissen —? Ihr Urteil und das der Kinder würde sich in diesem Punkt wahrscheinlich entgegenstehn. Welche Instanz wollte über sie richten?

Mariannens Gedanken verschwammen, schmerzgefoltert, undeutlich ineinander. Noch hörte sie die beiden plaudern und lachen und sich gegenseitig Stellen aus Büchern vorlesen.

Ihre Arme waren wie gelähmt. Die Stimmen schienen ihr von weit, weit her zu kommen. Konnte sie die Arme nicht mehr ausbreiten, ihre Mädchen darin zu umfangen? Konnte sie ihnen denn nichts, gar nichts zum kostbaren Besitz und zum Leitstern mit auf den Weg geben von alledem, was zu gewinnen ihres Lebens Inhalt gewesen war —?

Weit, weit gingen sie fort —. Und plötzlich kamen Marianne, — seltsam und leise, wie ein Raunen von Wind zwischen Blättern in der Nacht, — Klänge aus einem Lied, — aus einem Wiegenlied, der Dichtung eines Dichters von heute mit dem klaren Erkennen von heute. Es waren nur einzelne abgerissne Klänge, und während sie ihnen lauschte, wußte sie schon nicht mehr, ob sie sie nicht nur weinte —.


»— Blinde, so gehn wir, und gehen allein,
Keiner kann keinem Gefährte hier sein.
 
Schlaf mein Kind, und horch nicht auf mich!
Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich!
 
Schall nur, wie Windesweh'n, Wassergerinn,
Worte — vielleicht eines Lebens Gewinn.
Was ich gewonnen, gräbt mit mir man ein:
Keiner kann keinem ein Erbe hier sein —.« *)

*) Aus Richard Beer-Hofmann, Pan 1899.


Die jungen Mädchen bemerkten gar nicht den Augenblick, wo Marianne das Zimmer verließ.

Erst als es hastig im Vorflur schellte, und gleich darauf Stanjka hereinkam und Tamaras Besuch meldete, blickten sie sich erstaunt nach Ma um.

»Eben war sie noch hier,« versicherte Cita, während Sophie den Gast hereinzog und unterhielt; »— Ma, hör doch! Tamara ist gekommen!«

Marianne öffnete die Thür des Schlafzimmers, wo sie allein gesessen hatte. Sie ließ Tamara dort eintreten.

Diese fiel ihr um den Hals.

»Liebste Marianne Martinowna! Eben komm ich nach Hause, und Taraß erzählt mir —. Mein erster Gedanke: gleich hierher! Ich habe gar nicht erst abgelegt. — — Es ist allzu wichtig: natürlich muß die Sache gleich ins reine gebracht werden —.«

»Wie gut bist du!« murmelte Marianne. »— Du weißt, daß Sophie zu Ostern —«

Tamara nickte.

»Sie sagte es mir soeben. Ja, ich dachte mir, daß so etwas der Grund sein würde. Wie könnten Sie sich von den Mädchen trennen, — wie können die Mädchen Sie entbehren! — — So muß es denn sein, daß wir Sie aus unsrer Mitte verlieren.«

Marianne erwiderte nichts darauf. Sie saß neben einem kleinen Tisch, worauf eine einzelne Kerze brannte, und blickte an Tamara vorüber.

Tamara wurde sich erst jetzt dessen bewußt, daß irgend etwas an Marianne anders sei als sonst. Etwas so wunderlich Eingefrornes, Steifes.

Sie hatte sich nahe zu ihr gesetzt und faßte jetzt unwillkürlich besorgt nach Mariannens Händen, die ruhig im Schoß lagen.

Da sagte Marianne: »Weißt du, — halte mich nicht für die wetterwendischeste Person, die es gibt. Aber seit meinem Gespräch mit deinem Mann hab ich mirs anders überlegt. Ich halt es für unmöglich, fortzugehn.«

Tamara sah sie erstaunt und ungläubig an.

»Aber warum?!«

»— Diese ganze ungeheure Veränderung! Das schwierige Einleben dort. Wer weiß, ob wir alle drei es nicht später bereuen würden —. Es war eine erste Aufwallung, weißt du, aber — — die ist ganz vorüber.«

Tamara schwieg. Wie sie Marianne so dasitzen sah, bei dieser einzelnen Kerze, auf dem Rohrstuhl, — da erschien sie ihr plötzlich wie eine Gefangene zwischen den Wänden des eignen Zimmers — —.

Hinter Ma, über dem Bett, hing die Totenmaske ihres Gatten, daneben, wie ein Schmerzensschrei, Vogelers Radierung: das greise Paar, das in den Frühling hinausblickt.

Tamara sagte halblaut, tief betroffen: »Ach, Liebste, ich kann es nicht glauben. Wie — ja wie wollen Sie alle drei denn so ohne einander auskommen? Ist das nicht das Wichtigste —?«

Ma lächelte.

»Ich denke, ganz gut. Weißt du, Tamara, eins muß man durchaus lernen, — merke du dirs auch: die Dinge nicht zu weit zu treiben. Die Gefühle sich nicht über den Kopf wachsen zu lassen. Alles muß schließlich eine Grenze haben. Wenn man das gelernt hat, geht wirklich alles ganz leicht, — viel leichter.«

Tamara stand auf.

»— Also ist es wirklich entschieden. Nun, ich weiß nicht, ob ich mich freuen darf. — — Ich muß jetzt nach Hause eilen, Taraß wartet auf mich. — Aber — sagten Sie diese Worte, Marianne Martinowna? Sie, die doch immer so ganz innig in ihrem Gefühl lebte, wie in einer großen unteilbaren Freude —.«

Marianne entgegnete rasch, mit plötzlicher Bitterkeit: »— Kein Freudenbecher, der nicht zum Leidenskelch wird, wenn man ihn bis zur Neige leert! Nein nein, kein einziger, — und vielleicht am wenigsten von allen das vielgepriesene Mutterglück.«

Sie erhob sich, um Tamara hinauszugeleiten. Da begegnete sie deren still und ernst auf sie gerichteten Augen, und sie gedachte mit einemmal dessen, daß diese Augen ja eben jetzt in grenzenloser seliger Erwartung dem zukünftigen Mutterglück entgegenschauten —.

Sie dachte an Taraß und seine strahlende Freude und an das kalte Zimmer mit den Tannen, der Korbwiege und dem Kinderspielzeug —.

Marianne umarmte die junge Frau plötzlich, aber ganz zaghaft, wie eine heimlich Geweihte, sie nahm ihre Hände zwischen die ihren, drückte sie an ihr Gesicht und murmelte hilflos: »— Verzeih mir, — ach verzeih! Hör nicht auf mich. — — Wie gut bist du doch. Hast da den weiten Weg in der Kälte gemacht —. Deck dich im Schlitten gut zu, hörst du —? — — Du mußt jetzt solche Wege vermeiden, — dich in acht nehmen —.«

Tamara wurde dunkelrot. Sie küßte Marianne herzhaft, mitten auf den Mund.

»Ach,« sagte sie, und ihre Stimme klang ganz hell von viel Glück, »ich weiß es ja, — ich wußt es ja: Sie sind doch noch ganz dieselbe, — unverändert dieselbe und werden es immer bleiben. — — Es genügte nicht, daß Sie mir Schulunterricht gaben und noch manchen andern, schönern Unterricht: ich hab es ja Ihnen allein abgeguckt, wie man eine gute Mutter wird, — so eine von Herrgotts Gnaden —. — — Und mein kleines Kind, das bring ich zu Ihnen, daß es hier heimisch werde von Anfang an, und es soll Großmutter sagen lernen von Anfang an —.«

Marianne geleitete sie hinaus und ging nicht mehr ins Schlafzimmer zurück. Der Theetisch wurde schon gedeckt; wie immer saß sie beim Abendthee mit ihren beiden Mädchen zusammen und plauderte mit ihnen.

Aber eine undenkliche Mühe kostete sie ein jedes Wort, das harmlos und heiter klingen sollte wie immer —. Und während sie gleichgültige Dinge sprach, dachte sie immer denselben Gedanken: »Ist es im Grunde nicht wahr? Haben sie denn nicht recht? Sie lassen sich erfüllen von allem, was sie vorwärts bringen mag, ich aber, — habe ich nicht jahraus, jahrein nur ein paar immer gleiche Sorgen mit mir herumgetragen: tägliches Brot beschaffen, — Lektionen vorbereiten, — und wieder das tägliche Brot, und wieder die Lektionen —. Ich habe mich bemüht, es so gut zu machen, wie ich nur konnte: und da hat das Wenige genügt, — da haben diese anderthalb Gedanken schon genügt, — um alle Kraft aufzuzehren —. Oder hatte ich nicht genug Kraft — —?«

Und langsam sank die Bitterkeit von ihrer Seele, um nur einer tiefen, demütigenden Entmutigung den Platz zu lassen. Bitterkeit vermochte ihre Seele nicht lange zu ertragen: die Entmutigung nahm sie schweigend auf.

Als die Mädchen sahen, daß die Mutter nicht recht heiter gestimmt war, schoben sie es auf die Ermüdung durch den anstrengenden Tag, und unwillkürlich suchten sie ihre eigne Fröhlichkeit etwas zu dämpfen, die sich mitunter allzuhell Luft machte.

Marianne merkte es, und das Herz zog sich ihr zusammen. »Sie wagen nicht mehr, mir zu zeigen, wie glücklich sie über die Wendung der Dinge sind, — sie fürchten mich damit zu kränken, — sie verhalten es lieber vor mir, bis sie unter sich sind,« dachte sie.

Und die kleinen Zärtlichkeiten ihrer Kinder thaten ihr nur weh. Sie fühlte etwas Nachsichtiges aus allem heraus, — etwas Absichtliches. Nein, lieber noch wollte sie es sein, die sich vor ihnen verstellte, und mit ihnen froh sein.

Aber sie konnte es nicht.

Am nächsten Morgen beim Frühstückstisch wurde Cita doch trotz Mariannens Bemühungen stutzig. Sie meinte so genau zu wissen, daß die Mutter heute fast keine Lehrstunden mehr zu geben habe, und dabei schien sie sich doch so zu beeilen, um nur fortzukommen.

Marianne behauptete sogar, sie könne noch nicht zum zweiten Frühstück zurück sein, sondern erst spät am Nachmittag, sie möchten nicht auf sie warten.

Sophie machte ein pfiffiges Gesicht, offenbar hatte Ma heimliche Weihnachtsbesorgungen vor. Aber Cita blickte stumm und mit einem zweifelnden, besorgten Ausdruck vor sich nieder. Wohin ging die Mutter? Und warum sah sie dabei so gequält und müde aus? Ging sie vielleicht, um wieder mit Tomasow etwas zu besprechen? Und diesmal vielleicht etwas, womit sie ihren Kindern Leid anthat —? Ach, ginge sie doch nicht zu ihm! — —

Marianne atmete tief auf, als sie endlich auf der Straße stand.

Langsam machte sie einen weiten Gang im klaren Winterwetter, dann raffte sie sich zu einem Besuch bei einer aus dem Schuldienst scheidenden Kollegin auf, von der sie sich erst in den Feiertagen hatte verabschieden wollen. So kam allmählich die Zeit für die einzige Stunde heran, die sie heute geben mußte.

Dabei weilten ihre Gedanken zu Hause. Alle Räume ihrer kleinen Wohnung durchschritt sie, aber, als sei ihr Blick verhext, erschienen sie ihr alle schon öde und leer. Sie erwog schon, wo, — in welchem Raum, an welchem Platz — sie wohl sitzen würde, so ganz allein —. Kleinigkeiten erwog sie angestrengt: ob man die hohen Blattpflanzen, ihre Lieblinge, nicht fortgeben sollte, da sie nicht auf ihre Pflege achten konnte, wenn sie so von Stunde zu Stunde lief — —.

Von ihrer einzigen Unterrichtsstunde wäre Marianne fast aus Zerstreutheit nach Hause gegangen. Plötzlich fiel ihr jedoch der Weihnachtsbaum ein, der sich so groß und anspruchsvoll mitten in ihrem Zimmer erhob, — als erwarte er sie da förmlich mit herausforderndem Hohn. — — Morgen war schon heiliger Abend. Da würde man ihn sogar noch schmücken müssen. Denn das wollten die Mädchen ja ihretwegen gern thun, obschon es ihnen ein bißchen lästig war, — sie selbst hielten nichts auf solche Kindereien —.

Wie recht sie hatten! Wie froh wäre sie jetzt gewesen über ein sang- und klangloses Weihnachten!

Nein, sie vermochte nicht heimzugehn und sich an den gedeckten Frühstückstisch zwischen ihre beiden Kinder hinzusetzen —.

Frierend und unschlüssig, wie obdachlos, stand Marianne auf der Straße im Winterwinde.

Sie, die sich so auf die Ferien gefreut hatte, sie, die es so haßte, sich Tag für Tag draußen herumtreiben zu müssen, sie stand jetzt da, um den Ihrigen Lehrstunden vorzutäuschen, die sie gar nicht zu geben hatte —.

Einmal fiel sie durch ihr zauderndes Stehnbleiben auf. Irgend ein Straßenflaneur beugte sich vor, um sie deutlicher zu sehen —. Es war mitten im Menschengetriebe unweit der Schmiedebrücke; Marianne durchquerte den Fahrdamm, um in eine der stillern Seitenstraßen einzubiegen, als sie zwischen den dahinhastenden Menschen Tomasows Gestalt erkannte.

Er schritt langsam neben irgend einem Bekannten. Als er Marianne auf sich zukommen sah, verabschiedete er sich jedoch von ihm und ging ihr erfreut entgegen.

Leise schob sie ihren Arm in den seinen.

»Danke!« sagte er lächelnd. »— Offenbar auf Weihnachtswegen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich bin todmüde. Ich möchte irgendwo eintreten, wo ich etwas essen könnte.«

»Sie wollen nicht erst den langen Weg nach Haus?« Er besann sich. »Gehen wir zu Philippow? Oder ziehen Sie ein Restaurant vor?«

»Keins von beiden. Ueberall könnten Bekannte sein. Ich möchte dort in der Seitenstraße in eine der kleinen billigen Theebuden, wo kein Mensch hinkommt.«

Sie suchte ihn die paar Schritt weit hinzulenken.

»Aber, Ma! Da geht man mit einer Dame nicht hin.«

Marianne ließ geschwind seinen Arm los.

»— Dann lassen Sie mich allein hingehen — Ich nahm wirklich zu dem Zweck Ihre Begleitung an,« sagte sie und blickte aus so sonderbar müden Augen auf ihn, daß er sofort nachgab.

Er zuckte die Achseln.

»Nun es sei, also wie Sie wünschen,« meinte er zögernd und führte sie dem kleinen Lokal zu, das mit einem breiten grellblauen Schild zum Eintritt lud. »Schließlich ist es eine warme Ecke, wie eine andre, wenn sie auch ein bißchen tief im Erdgeschoß drin liegt.«

Im Innern der Theestube hingen blendend saubere Leinwandvorhänge an den niedrigen, fast quadratischen Fensterchen, und auch das weiße Holz der simpeln Einrichtung sah so weiß und sauber aus, als müsse es Seifengeruch ausströmen. Im ersten Raum dampften ein paar mächtige blanke Kupfersamoware auf dem Schenktisch, und an den Wänden lagen bis hoch hinauf unendlich viele Schwarzbrote aufgestapelt.

Doch gab es auf Wunsch auch helles Gebäck, sowie die volkstümlichen Pastetchen mit Grützfüllung, und Tomasow bestellte davon, dessen sicher, sie vorzüglich bereitet zu finden. Der bedienende Gehilfe im weißen Leinwandkittel und hohen, dermaßen glänzend gewichsten Kniestiefeln, daß man sich in ihnen beinahe hätte spiegeln können, brachte das Verlangte in den schmalen Nebenraum, wo Marianne schon im Hintergrunde an einem der länglichen ungestrichenen Holztische saß.

Nur zwei Frauen aus dem Kleinbürgerstande, mit bunten Kopftüchern und kurzen Schaffellpelzen, tranken beim Fenster ihren Thee, wobei sie die gefüllte Untertasse auf den gespreizten Fingern der rechten Hand balancierten; schweigend, mit einer gewissen Feierlichkeit und ohne um sich zu sehen, nahmen sie einen heißen Schluck um den andern.

»Hier ist es gut!« sagte Marianne.

Sie sah abgespannt aus, und dabei brannte ihr das Gesicht vom Winde. Die Hitze, die der mächtige Kachelofen im geschlossnen Zimmerchen ausströmte, machte es noch fühlbarer.

Marianne empfand wirklichen Hunger, er war ganz plötzlich und fast mit Gier erwacht, als sie beim Eintreten das viele ringsum an den Wandborten aufgeschichtete Brot sah. Aber wie nun ihr Frühstück vor ihr stand, vermochte sie ebenso plötzlich nichts mehr zu essen.

Sie bückte sich über ihr Theeglas, aus dem dicht vor ihrem Gesicht der Dampf in die Höhe stieg, und folgte mit dem Blick gedankenlos seinen Windungen. Dieses Gefühl von sich nachgebender Schwäche war merkwürdig angenehm.

Tomasow betrachtete sie aufmerksam.

»Sie gefallen mir ganz und gar nicht!« äußerte er; »aber eigentlich hätt ich mir das ja schon vorgestern selbst voraussagen können —«

Marianne hob verwundert den Kopf.

»Was denn —?« fragte sie zerstreut.

»Daß der erste Kraftaufwand nicht vorhalten, — daß die Stimmung zunächst sinken würde —. Sie haben sich seelisch bis zum äußersten anspannen müssen, und jetzt kommt der Rückschlag.«

Marianne rührte mit ihrem Löffel im Thee herum. Ihr fiel ein, daß Tomasow ja so gar nichts vom gestrigen Tage wußte. Ueberhaupt nichts von der heimlichen Hoffnung, die sie ja allein so tapfer hatte erscheinen lassen, — noch auch von der großen Bitterkeit hinterher.

Es war etwas ganz Ungewohntes für sie, daß er nicht vollen Bescheid wußte und dementsprechend urteilte. Aber nur nicht davon erzählen! Sogar ihm nichts! Was konnt es denn helfen?

Tomasow stützte einen Arm auf, und sich näher zu Marianne hinwendend, mit dem Rücken gegen das Fenster, bemerkte er halblaut: »Frau Marianne, jetzt ist es an der Zeit, daß Sie mir mehr Machtvollkommenheit geben —. Vollmacht, Sie ganz anders als bisher in Obhut zu nehmen, zu pflegen, abzulenken, zu beaufsichtigen, — kurz: um Sie zu sein —«

Sie faßte seine Worte nur ungenau auf, in ihre Kümmernisse klangen sie aus solcher Ferne herein, daß sie keinerlei verborgenen Sinn hinter ihnen vermutete.

»Ich weiß, Sie sind immer gut!« sagte sie nur freundlich.

»— Gut —?! Nein, Marianne, mit meinem Gutsein hört es nun auf. Glauben Sie nur, es ist mir nicht immer leicht gefallen ›gut‹ gegen Sie zu sein, Ihr guter Freund zu sein — alle die Jahre. Jetzt aber, wo Sie allein bleiben, wo sich Ihre Töchter ihr eignes Leben bauen, da will ich ein andres Recht, als das der Güte: das Recht, auch ein Leben aufzubauen — Ihnen und mir.«

Er sprach noch immer halblaut, jedoch rasch und bestimmt, und in seiner Stimme vibrierte tief gedämpft ein Ton, den er Marianne gegenüber noch nie angeschlagen hatte.

Sie schrak aus ihrer Müdigkeit auf, ihr Blick streifte Tomasow wie erwachend und noch verständnislos erstaunt; als sie jedoch dabei seinen fest auf sie gerichteten Augen begegnete, geriet sie in Verwirrung.

Tomasow sagte fast gütig: »Es ist schlecht von mir, daß ich Sie so überfalle, Ma —. Aber es hilft nun nichts mehr: bei Ihnen zu Hause bin ich mit Ihnen tausendmal weniger allein als hier, — und im nächsten Augenblick stehn Sie wieder lächelnd und gewappnet da, — in jeden Arm hineingeschmiegt eins Ihrer Kinder. — — Sie sollen mir auch nicht antworten müssen, Ma. Heute nicht und selbst morgen nicht, wenn Sie wollen. Nur wissen, — wissen, daß Sie keineswegs so selbstherrlich allein dastehn werden, wie Sie wohl glauben, — — weil ich Sie mir nunmehr nehme —«

Marianne sah nicht auf. Die Röte auf ihren Wangen hatte sich vertieft, als ob sie wieder den Wind draußen um sich sausen fühle. Sie sprach sich innerlich die Worte vor, die sie Tomasow jetzt zweifellos sagen mußte, — sie nahm sich vor, den Kopf zu heben und ihn einfach zu bitten, — ja, zu bitten, er möchte doch wieder, ganz so wie bisher, gegen sie »gut« sein —.

Aber nach seiner Bemerkung, daß er keine Antwort erwarte, beugte sie den Kopf nur noch tiefer, und mit einem seltsamen Gefühl von Beklemmung erließ sie sich alles, um was sie bitten wollte.

Denn bei dem Ton seiner Stimme, da quoll langsam, unvermutet und betäubend eine wunderseltsame Gemütswallung in ihr auf — —. Und machte sie zaudern, und ließ sie verwirrt den Blick Tomasows meiden, wie wenn eine geheime Sehnsucht etwas ganz andres ersehnt habe, als alle jemals bewußt gewordenen Gedanken in ihr.

— — Es war grade, als risse Tomasow mit ein paar gewaltsamen Griffen den Vorhang von irgend einer fremden Landschaft zurück, sodaß ihr plötzlich bewußt werden sollte: nur ein Vorhang scheide sie davon —.

Sie meinte noch nie durch diese Landschaft gewandelt zu sein und wußte doch auf einmal: nur ganz durchsichtig verhangen war sie ihr gewesen, und immer da war sie gewesen, dicht vor ihr. Und blitzschnell, zu neuem, verwirrendem Wiedererkennen, drängte sich plötzlich vor ihrem Auge Bild auf Bild daraus. Minuten, Momente aus ihrem Verkehr mit Tomasow sah sie vor sich, — oft unterbrochen durch Monate und weit länger, oft einander rascher folgend in feinen, unmerklichen Sensationen, — auf die sie mit dem Finger hätte weisen können: da — und da — und da, — ja, war sie da seinen Wünschen nicht, ohne es zu wissen, ganz nah gewesen, — ganz nah einem weiblichen, eignen Glücksverlangen —?

Marianne saß regungslos und noch immer im Bann der leichten Mattigkeit, die sie heute umfing. Allmählich vermischte sichs ihr ganz, wo und wozu sie sich hier befand, tief benommen von der Gemütsbewegung, die Macht über sie gewann. Sie fühlte sich wie jemand, der ganz unvermutet geweckt wird und in völlig irreführender Gegend zum Erwachen kommt. — —

Tomasow war ebenfalls verstummt. Nur sein Blick ruhte immer wieder auf Marianne und mochte ihm einiges von dem enträtseln, was in ihr vorging.

Ohne daß sie miteinander sprachen, ohne daß sie einander auch nur anschauten, leitete sich zwischen ihnen eine Verwandlung ihres gegenseitigen Verhältnisses ein: das nahm er mit allen Nerven wahr. Und auch er überließ sich einem Hinträumen, das ihn weit fort entführte — —.

Das Blut stieg ihm in die Schläfen, und seine Augen bekamen einen eigentümlichen starken Glanz.

Ganz still war es in dem kleinen heißen Zimmer. Ein einziges Mal ging draußen im Vorraum kreischend die Außenthür, ein paar schwere Tritte, kurze Frage und Antwort, Papierknistern, und wieder wurde alles still.

Die beiden Frauen am Fenster hatten sich erhoben, rückten ihre Kopftücher zurecht und gingen auf knarrenden Schuhen mit wortlosem Gruß hinaus.

Da blickte Marianne auf, fast verstört. Unmittelbar darauf erhob sie sich schon. Die dumpfe, schwere Ofenluft benahm ihr den Atem.

»— Sie wollen gehn?« fragte Tomasow und half ihr in den Pelz. »— Wollen Sie nichts weiter genießen?«

Marianne schüttelte stumm den Kopf. Sie schien zu meinen: jetzt an die freie Luft draußen gelangen, das hieße zugleich, den ganzen Bann und Druck abschütteln. Diese heiße Stubenschwüle war allein schuld —.

Tomasow zahlte, und sie entfernten sich. Der Ostwind blies ihnen auf der Straße scharf, förmlich wehethuend entgegen, er weckte fast ein Gefühl unwillkürlichen Sichbergenwollens.

»Wohin nun?« fragte Tomasow, »muß es schon heimwärts gehn?«

Marianne nickte zögernd.

»Den Kreml durchqueren,« meinte sie, »das ist wohl der nächste Weg.«

»— Und wärs auch nicht der nächste! Denn allzu kurz darf er nicht geraten,« bemerkte er lächelnd.

Beim Ueberschreiten des Fahrdamms, zwischen den durcheinander sausenden Schlittengespannen, hatte er Marianne den Arm gegeben und führte sie mit der sichern Haltung dessen, bei dem sie sich von nun an bergen sollte. Oder empfand nur sie es so, als ob alles um eine Nuance verändert sei, als ob in allem schon eine stillschweigend anerkannte Zueinandergehörigkeit betont liege —.

Eben begann Tomasow Marianne von seiner Liebe zu reden, da traten sie schon in das Erlöserthor ein, das in den Kreml hineinführt. Die Fuhrwerke mäßigten den Schritt, die Menschen entblößten ihr Haupt, und Tomasow, der mechanisch seinen Hut abnahm, konnte in der um sie eingetretenen Stille nicht recht weitersprechen.

Dann kamen sie auf den weiten Platz hinaus, vorüber an den Kathedralen und dem alten Facettenpalast. Er schaute hin, und ihm fiel eine kleine Zeichnung von Rjepin zu dessen Gemälde »Die Brautwahl« ein, — ja, so hätte er um Ma freien mögen: inmitten der Pracht der alten Palasträume, der niedrigen Wölbungen russischer Terems, als der alten Fürsten einer —. Und er dachte zurück: noch sein Großvater hatte sich seine Bäuerin vom Feld in die Hütte geführt, und die geschmückten Dorfmädchen tanzten zur Hochzeit. Ja, Hütte oder Palast, das war fast das gleiche: in beiden Fällen ward der Mann der Fürst, der Herr vor seinem Weibe, das von ihm sein Leben empfing.

Vor Tomasows unruhig umherblickenden Augen erhob sich der Uspenski-Dom in der energischen Schlichtheit seiner männlich gedrungenen Architektur, die grauen Kuppeln gleich Heldenhelmen auf Heldenhäuptern, ohne andern Schmuck, andre Farbe, als die verwitterten Bilder unter dem dunkeln Bleidach über dem Thor. Und davor, wie in sich selbst zusammengeschmiegt, in festlicher Anmut, die reizende Verkündigungskirche, die Vielkuppelige, die aussieht, als bildete die Gliederung ihrer Mauern nur eben soviele Vorwände, um eine stillleuchtende Kuppel nach der andern über sich emporzuhalten. Wie Weib und Mann standen die beiden in Tomasows Phantasie zusammen, die überall Symbole dessen schaute, wovon sie aufgeregt erfüllt war.