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Macchiavellis Buch vom Fürsten cover

Macchiavellis Buch vom Fürsten

Chapter 39: 8.
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About This Book

Der Text analysiert verschiedene Formen der Herrschaft und bietet präzise Ratschläge, wie neue und ererbte Fürstentümer erworben, organisiert und erhalten werden können. Er behandelt Truppenarten und Kriegswesen, den Umgang mit Untertanen und lokalen Eliten, die Balance von Großzügigkeit und Geiz sowie von Grausamkeit und Milde, die Einhaltung von Versprechen, das Vermeiden von Verachtung und Hass sowie Fragen von Verwaltung und Beraterwahl. Wiederkehrende Themen sind die Einschätzung politischer Machtmittel, die Rolle des Glücks gegenüber persönlicher Tatkraft und konkrete Strategien zur Stabilisierung und Sicherung politischer Herrschaft bis zu einem abschließenden Appell zur nationalen Befreiung.

[pg 125]

Erläuterungen.

1.

Charakteristisch für den Standpunkt des Verfassers sind sogleich die ersten Worte. Ein heutiges politisches Handbuch würde etwa beginnen: „Die Verfassungen der Völker im staatsbürgerlichen Vereine“. Dagegen heißt es hier: „Die Gewalten, welche Herrschaft über die Menschen ausüben“. Dieser Herrschaft setzt Macchiavelli die Freiheit entgegen, wie die Griechen und Römer Tyrannei und Republik einander entgegensetzten. Aber in seinen Betrachtungen über die Republik (Discorsi sul Livio) ist eben sowol als im Buche vom Fürsten nur von der Befriedigung des Ehrgeizes und der Herrschsucht, hier des Einzelnen, dort der Partei, die im Staate regiert, und den äußern Verhältnissen die Rede. Nach einer von Simonde Sismondi am Schlusse seiner Geschichte der italienischen Republiken vortrefflich ausgeführten Bemerkung sind in diesem Gemeinwesen des Mittelalters, wie in den griechischen und römischen, die Ideen von Freiheit und Unabhängigkeit nur auf diese äußern Verhältnisse und nicht auf den einzelnen Bürger angewandt, auch nur der herrschenden Mehrzahl zu Gute gekommen; während dagegen der Genuß der Freiheit und des Vermögens jedes Einzelnen, so weit dies Alles mit der Ordnung des Ganzen vereinbar ist, den Hauptgegenstand der politischen Speculation unserer Zeit ausmacht. An dieser für das menschliche Geschlecht sehr wohlthätigen Veränderung hat die Neigung zu metaphysischen Spekulationen unverkennbar großen Antheil, und das darf bei der Beurtheilung des Zeitgeistes im achtzehnten Jahrhunderte nicht übersehen werden. Die Entwickelung abstracter Begriffe über die Rechte der Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft erregt meistentheils bei denen, die die [pg 126]wirkliche Welt im Auge haben, nur ein mitleidiges Lächeln. Allerdings gehen aus dem Spiele mit abstracten Begriffen oft Theorien hervor, die auf Nichts anwendbar sind, und diese haben unsinnige und verderbliche Unternehmungen erzeugt. Aber die Versuche wesentlicher Verbesserungen der rechtlichen Verhältnisse im Staate, mit denen sich unser Zeitalter so ernstlich beschäftigt, erhalten durch die sorgfältige Prüfung und Sonderung allgemeiner Begriffe eine bestimmte Richtung. Wir verdanken daher der Metaphysik wirklich weit mehr, als diejenigen glauben, welche sich mit der Verbesserung der Gesetze beschäftigen und sich des Einflusses der ihnen verhaßten oder von ihnen verachteten Systeme abstracter Begriffe auf ihre eignen Arbeiten nicht bewußt sind.

2.

Dies Kapitel zeigt kurz die Vortheile, die es dem gebornen Fürsten so leicht machen, sich zu erhalten, so lange nicht ein Sturm von außen sich erhebt, der alle Berechnungen der Politik zu Schanden macht. Betrachten wir kurz die Ursachen, welche solche Katastrophen herbeizuführen im Stande sind.

Wenn es den erblichen Regenten so leicht ist, sich gegen innere Gefahren zu sichern, warum werden sie so oft ein Raub äußerer Feinde, denen zu widerstehen die Kräfte des Staates doch noch wol zureichten? – Weil sie diese Kräfte so wenig gebrauchen. Eben weil es so leicht scheint, und wirklich so leicht ist, eine angeerbte Herrschaft zu behaupten, so schläfert das Bewußtsein dieser Sicherheit ein. Die Fürsten werden sorglos, indem sie sehen, wie das Volk ihnen anhängt, und daß es ihnen anhängen muß. Ihre Rathgeber wissen es nur zu gut, daß Alles, was den Menschen werth ist, die Sicherheit des Eigenthums und die Erhaltung aller gewohnten Verhältnisse, mit demjenigen steht und fällt, der das oberste Glied der Kette in der Hand hält. Hierauf verlassen sie sich. Aber alle moralischen Bande unter den Menschen sind gegenseitig. Das Volk erkennt mit seinem geraden Sinne und unverdorbener Empfindung, daß es seiner Obrigkeit unterthan sein müsse, um [pg 127]frei zu leben und das Seinige sicher zu genießen. Die Religion heiligt dieses Verhältniß durch die Lehre, daß alle Ordnung von Gott kommt, der diejenigen eingesetzt hat, die sie handhaben. Aber die Großen und ihre Rathgeber, welche nichts empfinden, was der rechtlichen Denkungsart des Volks entspricht, verkennen ihren Gehalt. Sie halten die Anhänglichkeit desselben, worin ihre eigne größte Stärke liegt, für Eigennutz, und verachten sie als Beweise einer knechtischen Gemüthsart. Daher dürfen sie es denn auch nicht wagen, ihre Unterthanen in der Gefahr mit Bewegungsgründen aufzufordern, die ihr eignes Betragen für leere Worte erklärt hat.

Die Anhänglichkeit eines Volkes an das Haus seiner Fürsten beruht auf Ueberlieferungen der Ahnen: sie ist mit der Liebe zu alten ererbten Einrichtungen zu der Verfassung und den Maximen der Verwaltung, die dem ganzen Stamme des Volkes und seiner Häupter eigen sind, innigst verwebt. Wer mit diesen tief gegründeten Verhältnissen willkürlich spielt, zerstört den Grund, auf dem die Sicherheit des Staates und der regierenden Familie beruht. Es kann der Eitelkeit schmeicheln, Einrichtungen des Staates nach Gefallen abzuändern und seinen eignen Willen an die Stelle alles dessen zu setzen, was auf die Einsichten und die Autorität einer Reihe von Geschlechtern gegründet war. Wenn aber der Sinn des ganzen Volkes widerstrebt, so entstehen Schwierigkeiten, die der Kraft des mächtigsten Herrschers unüberwindlich sind. Bricht der allgemeine Unwille in offenbaren Widerstand aus, so ist die größte Kriegsmacht nicht immer vermögend, ihn zu überwältigen. So verlor Joseph der Zweite Belgien, als er die alten politischen und religiösen Ordnungen mit einem Schlage vernichten und einen neuen Staat nach seinen Ideen an die Stelle setzen wollte. Kommt es nicht so weit, so ist der bloße unthätige Widerstand der Untergebenen, die alle Mitwirkung verweigern, und das, was ihr guter Wille leisten sollte und könnte, den Dienern höhere Befehle überlassen, schon hinreichend, die Anschläge der Allgewalt zu vereiteln, die sich ohnmächtig fühlt, wenn sie von den eignen Dienern verlassen wird, welche nichts mehr ausrichten können. Eben so wenig ver[pg 128]mag der Eigensinn des mächtigsten Regenten, der an ererbten Gewohnheiten festhält, welche mit dem Bedürfnisse der Zeiten und der veränderten Denkart des lebenden Geschlechts in Widerspruch gerathen. Man hat gesehen, daß Regierungen, die Recht und Macht auf ihrer Seite zu haben schienen, in solchen Unternehmungen bei der ersten Erschütterung gefallen sind; und wenn sie bestehen bleiben, so vergeht dennoch das, was sie festzuhalten vermeinten, ohne daß sie es merken, unter ihren eignen Augen und Händen.

Das persönliche Betragen, wodurch ein Erbfürst sich bei seiner Würde behauptet, ist z. B. von Haller in seinem „Handbuch der Staatenkunde“ vortrefflich dargestellt. Wenn dieser Autor aber hinzufügt, daß Macchiavelli sich viel vergebliche Mühe damit gemacht habe, Mittel auszudenken, wie die Herrschaft aufrecht erhalten werden könne, da dieses doch aus ihren natürlichen Gründen ganz von selbst erfolgen müsse, so vergißt er, daß Macchiavelli nur von den Mitteln redet, eine neue Herrschaft zu gründen und zu erhalten, die nicht, wie sein Tadler von aller Regierung voraussetzt, aus natürlichen Verhältnissen erwachsen, sondern von Einem Manne willkürlich geschaffen ist. Und damit hat er sich so wenig eine vergebliche oder überflüssige Mühe gegeben, daß vielmehr oft ein Zweifel entsteht, ob der Schriftsteller, der doch Alles geleistet hat, was die Kräfte des menschlichen Verstandes in dieser Absicht vermögen, genug gethan habe. Denn es liegt, wie die Folge dieser Betrachtungen zeigen wird, in der Sache selbst, daß aller Aufwand von Verstand, und sogar die Ueberspannung aller Mittel, die sich aus demselben ziehen lassen, oftmals nicht zureicht, eine aus bloßer Selbstsucht errungene Herrschaft zu befestigen.

3.

Dies Kapitel behandelt also die Mittel, ein fremdes Land zu unterjochen, nicht den Zweck selbst. Davon sagt der Autor nur vorsichtig: „Solche Unternehmungen werden immer bewundert“ – nicht: „Sie verdienen bewundert zu werden“.

[pg 129]

Ein ewiger Friede ist unmöglich. Das Bestreben der Völker, ihren Zustand zu verbessern, führt natürlich Gelegenheiten herbei, kriegerische Talente und Tugenden zu zeigen, und die Helden solcher Kriege sind es, die von ihrem Volke als Wohlthäter verehrt, von der ganzen Welt bewundert werden. Dagegen täuschen sich die Eroberer, die nur eine wilde Herrschsucht zu befriedigen suchen, wenn sie die abgedrungene Schmeichelei der in Furcht gesetzten Völker für Beweise der Verehrung nehmen. Ihre Zeitgenossen verfluchen sie. Das folgende Geschlecht, das sie nicht mehr zu fürchten hat, schätzt sie gering.

Wenn Macchiavelli auch an alles dies gedacht hat, so hielt er vermuthlich dafür, es sei vergeblich, es den Großen zu sagen, die Lust haben, auf Eroberungen auszugehen. Aus dem Glücke der Menschen, das sie aufopfern, machen sie sich nichts, und an dem Erfolge ihrer Unternehmungen pflegen sie nicht zu zweifeln. Auch von der Seite ist ihnen schwer beizukommen. Wenn denn also erobert werden soll, so müssen die Mittel erwogen werden, wie eine eroberte Provinz behauptet werden kann. Hierüber sagt Macchiavelli sehr viel Treffendes. Dennoch übersieht er das sicherste Mittel, wodurch Eroberungen dauerhaft werden können. Dasselbe liegt außer seinem Gesichtskreise, da er nur die Neigungen und das persönliche Interesse des Machthabers beachtet, ohne die Völker an sich selbst für etwas gelten zu lassen. Durch diese engherzige Denkart wird das System des scharfsinnigsten politischen Schriftstellers mangelhaft: durch sie ist auch Napoleon I., der es vielleicht besser als je Einer im wirklichen Leben dargestellt hat, zu Grunde gegangen.

Welches andere Mittel gibt es denn, die neuerworbene Herrschaft über ein fremdes Volk zu sichern, welches man beim Macchiavelli vermißt? Es ist dies: eine Behandlung, welche Achtung und Zutrauen gegen das ganze Volk beweist, und indem sie die eigne Zufriedenheit desselben zu ihrem nächsten Zwecke macht, dadurch zugleich das kräftigste Mittel für die Zwecke des Herrschers erzeugt. Wenn man dem Volke die Verfassung läßt, die ihm lieb ist, und es von seinem vorigen Regentenhause nichts mehr zurück[pg 130]wünscht, als die Personen, so hat man die Erinnerung daran nicht so sehr zu fürchten. Wer Menschen für sich gewinnen will, muß ihnen die Ueberzeugung beibringen, daß Er es ist, durch den sie erhalten können, was sie verlangen. Wer sie nur fühlen läßt, daß er ihnen nehmen kann, was ihm gefällt, und daß sie Alles als Gnade annehmen müssen, was er ihnen wol lassen will; wer hiermit freiwillig auf alle feineren Beweggründe Verzicht leistet, und blos auf Gewalt trotzt, spielt ein gefährliches Spiel; denn Gewalt ist stets, und wäre sie auch noch so groß und schiene sie noch so fest begründet, feindlichen Zufällen unterworfen.

5.

Macchiavelli hat Völker vor Augen gehabt, die heftigeren Leidenschaften unterworfen und größerer Aufopferungen [pg 131]fähig waren, als die meisten Nationen der spätern Zeit. Er redet von Zerstörung ganzer Städte, von völliger Auflösung von Staaten, wie von ganz gewöhnlichen und nothwendigen Dingen. Dies ist bei einem Schriftsteller natürlich, der die Zeiten der Guelfen und Ghibellinen im Sinne hatte: Zeiten, da Städte wie Mailand vom Kaiser Friedrich dem Ersten zur Vernichtung verurtheilt wurden, mit nicht mehr Bedenklichkeit, als womit heut zu Tage ein Edelmann etwa in Ländern, wo noch Leibeigenschaft herrscht, seine Bauern verpflanzt, um ihre Höfe einzuziehen. Nimmt man hierzu die unversöhnliche Rachsucht, die ewige Mordlust, die verblendete Wuth des italienischen Volkes, so wird es begreiflich, wie er Grundsätze aufstellen konnte, die nachmals bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts der allgemeinen Denkungsart und den Empfindungen der Gewalthaber selbst widerstritten. Die neuere Regierungsweisheit, ihre Finanz- und Kriegskunst, lehrt aus der Unterjochung der Völker Vortheile ziehen, die mit so gewaltsamen Maßregeln unvereinbar sind. Damals erforderte die geringere Macht der Fürsten und die Unvollkommenheit ihrer Veranstaltungen ein ganz anderes Verfahren. Wenn man erwägt, wie klein das Heer war, das Karl der Fünfte als Herr von Spanien und Indien, von Belgien und einem Theile von Deutschland und Italien mit aller Anstrengung dieses unermeßlichen Reiches auf Einen Punkt zusammenzubringen vermochte, wie schwer es ihm ward, das erforderliche Geld anzuschaffen, und wie unsicher dadurch alle Eroberungen wurden: so sieht man wohl, daß damals andere Maßregeln ergriffen werden mußten, als in den Zeiten, in denen die Herrscher über Armeen von Hunderttausenden und vermittelst eines grenzenlosen Credits über alles Geld der Völker disponiren.

6.

Savonarola war ein halb religiöser, halb politischer Schwärmer. Während des Exils der Medici in den ersten Jahren des sechzehnten Jahrhunderts machte ihn ein großer Theil des florentinischen Volkes zum Abgotte. Der religiöse Fanatismus war der Grund, auf dem sein politischer [pg 132]Einfluß beruhte, und er hätte die Florentiner dadurch so unumschränkt beherrschen und seine Pläne durchsetzen können, etwa wie Mahomed, wenn er nicht in der Quelle seiner Gewalt selbst angegriffen wäre. Die Zwistigkeiten seines Ordens mit andern Mönchen erregten ihm Neider und Nebenbuhler, die eben so ausschweifende Wunderthaten des Glaubens ankündigten, als er selbst. So ward das Volk irre und sah ruhig zu, wie ein Mann verbrannt ward, der wenige Monate vorher dreist hätte wagen dürfen, seine Gegner zum Feuertode zu verdammen. – So unsicher ist Alles, was auf der Combination heterogener Dinge beruht! Wenn der ehrliche Fanatiker zu Grunde geht, sobald er seine Schwärmerei gebrauchen will, sich politischen Einfluß zu verschaffen; wie muß es dann erst dem ergehen, der nur die Maske davon annimmt, und sich dessen, was bei Jenem in allem Ernste Beweggrund war, nur als eines armseligen Kunstgriffs bedient.

Es bedarf übrigens kaum einer Erinnerung, daß Alles, was Macchiavelli von der geringen Kraft der Neuerungen und von der Unzuverlässigkeit ihrer Anhänger sagt, nur auf die Unternehmungen bezogen werden darf, die von einzelnen unruhigen Köpfen herrühren. Wenn diese Neuerer auch anfangs schwach und an Zahl unbedeutend sind, so können sie es durch ihren lebendigen Feuereifer und ihre hartnäckigen Anstrengungen doch bald dahin bringen, die Majorität, die unter sich nicht einig ist und nur schlaffen Widerstand leistet, zu beherrschen und sie zu zwingen, ihre Ansichten anzunehmen und sich ihrer Führung zu unterwerfen.

7.

Wahrscheinlich geht es dem Leser bei der ersten Lectüre dieses Kapitels wie den Bewohnern von Cesena, als sie den ermordeten Remiro d’Orco ausgesetzt fanden: staunend verstummten sie bei dem Anblick. Man sollte fast glauben, Macchiavelli habe diese Geschichte idealisirt, um Etwas aufzustellen, das in seiner Art nicht zu übertreffen war. Vielleicht war der Richter nicht blos ein harter aber gerechter Mann von etwas grausamer Gemüthsart, sondern er befriedigte seine eigenen schlechten Leidenschaften, unter dem [pg 133]Vorwande der Gerechtigkeit, die er handhaben sollte. Cäsar Borgia hat ihm vielleicht eine Zeit lang nachgesehen, weil er ihn sonst brauchbar fand, und am Ende der Gerechtigkeit selbst ein Opfer gebracht, indem er ihn hinrichten ließ. War er aber wirklich das, wofür Macchiavelli ihn ausgibt, so war auch dieser einzige falsche Streich des Fürsten hinreichend, zu verhindern, daß sich nie wieder ein Mann von Ehre und zuverlässiger Gesinnung zu seinem Dienste hergab. Und eines Mannes von Ehre und zuverlässiger Gesinnung bedurfte doch der Herzog von Valentinois zur Ausführung seiner Pläne.

Dieser Held des Macchiavelli, dessen Betragen er so oft allen denen zum Muster aufstellt, die nach der Herrschaft streben, war klüger, entschlossener, und ging zusammenhängender zu Werke, als die große Zahl derer, welche sich damals, so wie Er, Alles erlaubten, um sich zu erheben. Die Herren, die er zu Sinigaglia ermorden ließ, wie Macchiavelli in einer besondern Erzählung ausführlich berichtet, waren um nichts besser als er, und in Rücksicht auf ihre Unterthanen viel schlechter. Insbesondere liest man von dem Oliverotto, Herrn von Fermo, eine solche Reihe von Schandthaten, daß es eine Art von Beruhigung gewährt, zu erfahren, daß er am Ende durch einen mächtigern bösen Geist bestraft und von der Erde hinweg geschafft worden. Wo der ganze Haufe der Mächtigen sich den wildesten Leidenschaften ergibt und die Menschheit auszieht, da ist es ein großer Gewinn, wenn Einer durch die Ueberlegenheit seines Verstandes die Oberhand behält. Dieser wird, um seines eignen Vortheils willen, manches Gute thun, manches Ueble hindern. Der Cäsar Borgia war unstreitig listiger und hatte dabei etwas Größeres in der Gesinnung, als seine Mitwerber. Ob er aber wirklich ein solches Ideal von Verstand war, wozu ihn Macchiavelli machen will, könnte noch bezweifelt werden. Das Gespräch mit dem, dessen Macchiavelli gedenkt, kann den Verdacht erregen, daß es einigen Einfluß auf sein Urtheil gehabt habe. Es war allzu schmeichelhaft, von dem furchtbaren Manne, der Geißel seiner Zeit, einer vertraulichen Mittheilung gewürdigt zu sein, als daß derselbe nicht dadurch ein größeres und [pg 134]bewunderungswürdiges Ansehen erhalten haben sollte. Er mag inzwischen den Ruhm, den Macchiavelli ihm beilegt, verdient oder nur erschlichen haben: von größerem Interesse ist die Frage, ob es denn wirklich, so wie Macchiavelli behauptet, für eine Vollkommenheit des Regenten gelten kann, wenn er die Menschen insgesammt nur als Werkzeuge seiner Absichten ansieht, und sich aller Empfindungen für sie entäußert, um große Zwecke zu erreichen.

Daß Große der Erde so denken, ist ja etwas sehr Gewöhnliches. Man braucht dazu auch nicht Regent zu sein. Vielmehr ist es noch eine Frage, ob es nicht den Geringern öfter gelingt, Höhere und Mächtige, die sich das nicht träumen lassen, so zu mißbrauchen, als den Großen, welche die Geringern bei Weitem nicht so gut kennen, als sie von ihnen gekannt werden. Ist es aber die rechte Denkungsart für die Ausführung großer Entwürfe, wenn man die Menschen um sich her nur als eine eigne Art von Maschinen ansieht, deren Kräfte und Wirkungen der Berechnung unterworfen werden können, und das ganze verwickelte Gewebe ihrer Verhältnisse als ein Spiel betrachtet, in welchem man, eben so wie in andern Glücksspielen, nur so lange glücklich sein kann, als man sich der eignen Empfindung entschlägt und alle Handlungen von dem eiskalten Verstande bestimmen läßt?

Die Triebfedern der Menschen liegen doch nicht so deutlich vor Augen, daß ihre Wirkungen nach klaren Gesetzen mit Sicherheit vorher bestimmt werden könnten. Der größte Kenner wird unzählige Male durch unerwartete Anomalien überrascht. Wie selten findet man einen nur mäßig consequenten Menschen! Wer vermag die übrigen mit einiger Zuverlässigkeit zu errathen?

Eben so wenig kann man sich selbst zu einem bloßen Werkzeuge seines eignen Verstandes machen. Wenn der Macchiavellische Politiker auch von sich selbst ganz sicher sein könnte und sich nie verriethe, so thut doch sein erkünsteltes Betragen nicht die rechte Wirkung. Wer von lebhafter Empfindung ergriffen ist, reißt Andere mit sich fort. Diese Kraft des wahren Gefühls ist nicht durch eine, wenngleich noch so gut ausgedachte und gespielte Rolle zu ersetzen. [pg 135]Die Menschen lassen sich auf die Länge nicht so anführen. Gerade die Einfältigsten sind darin oft zum Bewundern scharfsichtig. Sie sind nicht im Stande, sich selbst klar zu machen, warum ihnen so übel zu Muthe ist: aber ihre eigne ehrliche Gesinnung verräth ihnen, daß sie nur zum Spiele des überlegenen Verstandes dienen sollen. So glücklich auch einzelne schlau ausgesonnene Streiche ausfallen, so verfehlt das ganze Gewebe der Kunst doch seinen Zweck.

Endlich verzeiht das allgemeine Urtheil dem, der sich Alles erlaubt, die Schlechtigkeit seiner Mittel, doch nur dann, wenn er das Ziel wirklich erreicht hat. Wer es wagen will, sich über die Moralität ganz hinwegzusetzen, muß also wenigstens des Ausganges gewiß sein. Er muß zum Voraus Alles übersehen, auf jeden Fall gefaßt sein und nie einen falschen Schritt thun. Cäsar Borgia, den Macchiavelli als das vollkommenste Muster eines politischen Betragens aufstellt, hat doch Einen Fehler gemacht. Und gerade durch diesen Fehler ist er zu Grunde gegangen. Denn eben die Papstwahl, wobei er den Schritt verfehlte, den er thun mußte, um sich sicher zu stellen, stürzte ihn in die Gefangenschaft, worin er sein Leben beschloß.

Wenn aber auch in einem ganzen langen Leben, unter den schwierigsten Umständen, durchaus kein Fehler gemacht würde, – eine Sache, die leichter zu denken, als auszuführen ist – so bleiben noch immer die zufälligen Begebenheiten übrig, die sich gar nicht voraussehen lassen. Wer nicht sich selbst aufs Spiel setzen und seine ganze Zufriedenheit daran wagen will, wie die Karte fällt, wird bei jedem unerwarteten Vorfalle darauf zurückgeführt, daß die reine Absicht mehr werth ist, als alle Kunst; die ächte Güte des Willens mehr, als aller Verstand, der seiner Natur nach dem guten Willen dienen sollte, statt daß er verkehrter Weise zum Herrn eingesetzt wird.

Bisher ist von der klugen Benutzung günstiger Umstände die Rede gewesen. Wie aber, wenn das Glück, dem so Viele, die groß geworden sind, die Gelegenheit dazu verdanken, seinen Beistand versagt? Alsdann muß derjenige, der herrschen will, auch diesen Mangel ersetzen und sich selbst den Weg eröffnen. In einem vollständigen Lehrbuche [pg 136]des Ehrgeizes darf die Anweisung hierzu nicht fehlen, und davon handelt Macchiavelli im achten Kapitel.

8.

Die angeführte Ueberschrift schon gibt zu erkennen, welche Gesinnungen man zu erwarten hat.

Es gibt mehrere Wege zum Throne. Große Verdienste: dreiste Verbrechen. Beide kommen in der Geschichte vor. Von beiden muß hier erklärt werden, wie man glücklich durchkommt oder untergeht.

So viel ist wahr: allgemeine Gesetzlosigkeit ist der schlimmste Zustand, in den ein Volk gerathen kann. Das erste Bedürfniß jeder menschlichen Gesellschaft ist bürgerliche Ordnung; Gesetze und Gewalt sie einzuschärfen. Man muß aber erst Herr sein, ehe man regieren kann. Die Zügel müssen also mit starker Hand ergriffen werden, und es möchte immerhin Einer für sich selbst Ausnahme von allen moralischen Gesetzen machen, wenn er dadurch in den Stand gesetzt würde, alle Andern zu ihrer Befolgung anzuhalten. Ein einziges Verbrechen, das dahin führt, könnte als nothwendige Abweichung von der Regel entschuldigt werden, wenn es das einzige bliebe. Das ließe sich aber nur von dem erwarten, bei dem es nicht aus dem Herzen entsprungen, sondern vernunftmäßig beschlossen wäre, weil es mit ruhiger Ueberlegung als das einzige Mittel zu großen und guten Zwecken erkannt worden. Hat aber die Geschichte wol Männer aufzuzeigen, die ein großes Verbrechen begangen hätten, blos um wohlwollenden Neigungen einen freieren Wirkungskreis zu eröffnen? So meint es auch Macchiavelli selbst nicht. Er sieht die Sache nur aus dem Gesichtspunkte des Ehrgeizes an. Für diesen gibt er Lehren: die dadurch errungene Herrschaft mag dann gebraucht werden, wie es dem Mächtigen gefällt.

Besondere Beachtung verdient noch die letzte Bemerkung dieses Kapitels, da sie nicht nur für den hier behandelten Fall gilt, sondern auf jeden Regenten Anwendung findet. Bei allen harten Verfügungen, zu denen man durch außerordentliche Umstände veranlaßt wird, ist es immer sehr wohlgethan, Macchiavelli’s Rath befolgend, mit einem ein[pg 137]zigen Schlage zu vollführen, was man vorhat. Vorzüglich trifft diese Erinnerung die Behandlung großer Staatsverbrecher. „Schlage den Hirten und die Schafe werden sich zerstreuen.“ So lange aber diese in Ungewißheit bleiben und Strafe für das Vergangene besorgen, werden sie gereizt, sich durch Erneuerung der fehlgeschlagenen Entwürfe zu retten. Haben sie nichts mehr zu fürchten, so verlieren sie allmählich das Interesse an der Sache und an den Führern, die dafür gelitten haben, und bemühen sich es Andere vergessen zu machen, daß sie an der verunglückten Unternehmung Theil gehabt. Große politische Verbrecher nehmen ferner außer ihren entschiedenen Anhängern leicht eine Menge ihrer Mitbürger durch blendende Vorwände ihrer verräterischen Anschläge für sich ein. Diese, welche, ohne selbst für die Sache thätig gewesen zu sein, günstig von ihr dachten und den Unternehmern wohlwollten, sind nicht leicht eines Bessern zu belehren. Aber sobald sie die Hoffnung aufgeben müssen, daß die Sache gelingen könne, so werden sie gern glauben, sie sei vergessen. Darüber vergessen sie sie wirklich am Ende selbst. Dazu aber ist nothwendig, daß sie sobald als möglich für beendigt erklärt werde. Alsdann wird die Aufmerksamkeit des großen Haufens bald durch die neuen Angelegenheiten des Tages abgelenkt.

11.

Dieses Kapitel ist das dürftigste oder vielmehr das einzige schwache im ganzen Werke. Macchiavelli hat im Eingange versprochen, von den verschiedenen Arten der Herrschaft zu reden. Man erwartet hier also Bemerkungen über die eigenthümlichen Verhältnisse, in denen sich die geistlichen Fürsten befinden, über die starken und die schwachen Seiten ihres weltlichen Ansehns und über die in der That höchst merkwürdige Rolle, die sie in der Geschichte spielen. Wenngleich Macchiavelli überhaupt die Unternehmungen, die Grundsätze, das Betragen der Fürsten, in Beziehung nicht auf die regierten Völker, sondern nur auf die Befestigung der Herrschaft selbst betrachten wollte, so war noch immer genug über die geistlichen Fürstenthümer zu sagen. Diese, sagt er, bestehen unter dem Schutze des religiösen Vorurtheils, und wenn einer nur durch glückliche Intrigue oder Zufall auf den heiligen Stuhl erhoben worden, so wird von ihm nichts weiter gefordert, um sich zu behaupten. Hat er Geist genug, sein Glück zu benutzen, und Sinn für den einzigen Genuß, der eines Fürsten würdig ist, für die Befriedigung der Herrschsucht, so wird er es machen, wie Sixtus der Vierte, Alexander der Sechste, Julius der Zweite, Leo der Zehnte. Hat er das nicht, so mag er sein Leben mit Beten zubringen, oder mit Schlemmen, wie es ihm gefällt. Abgesetzt wird er dafür nicht werden. Mit diesem bösen Spotte fertigt Macchiavelli den heiligen Stuhl ab. Jene Päpste, von denen er hin und wieder redet, waren Männer von heftigen Leidenschaften und Meister in der Politik, die in Italien zu ihrer Zeit die höchste Ausbildung erhalten hatte und deren Geheimnisse Macchiavelli aufdeckt. Sie waren insgesammt seine Zeitgenossen, und er hatte keinen Andern auf dem päpstlichen Stuhle gesehen.

Aber es hat auch Perioden in der Geschichte gegeben, in welcher die Häupter der Kirche in ganz anderm Geiste [pg 139]auf die Angelegenheiten der Völker einwirkten; wo sie Schiedsrichter der Könige waren und durch ihr friedliches Ansehn größere Kriege beilegten, als der feurige Ehrgeiz Julius des Zweiten erregt hat. Auch dies hing von dem persönlichen Charakter und den Talenten einzelner Päpste ab. Aber die Mittel, wodurch sie so große Dinge ausgeführt haben, lagen in der Natur ihrer Würde. Die veränderte Denkart verschiedener Zeiten erforderte jedesmal besondere Modificationen. Im sechzehnten Jahrhunderte konnte die Sache nicht durch einen hingeschleuderten Bannstrahl ausgemacht werden, wie zu der Zeit Gregor des Siebenten; aber das Verhältniß des heiligen Stuhls zu den weltlichen Monarchen war doch im Grunde immer dasselbe, wenn es gleich nicht mit so hoher Hand geltend gemacht werden durfte.

Die Päpste genossen als Oberhäupter der christlichen Kirche ein Ansehn, das allemal um so viel größer und unverletzlicher war, jemehr sie sich bemühten, im Geiste ihrer Würde zu handeln und das Interesse ihrer weltlichen Besitzungen und ihrer Familien so weit zu verläugnen, daß es wenigstens nicht als nächste und vorzüglichste Triebfeder hervorleuchtete. Alle Verhandlungen, die mit dem päpstlichen Hofe geführt sind, oder in welche dieser auch nur verwickelt gewesen ist, haben einen eignen Charakter. Der überlegnen Macht darf der Schwächere nicht wagen entgegen zu setzen: „Ich will nicht“ (non volumus). Aber wenn sein demüthiges: „Ich kann nicht“ (non possumus) durch den Zusatz „wegen meines Gewissens“ geschützt wird, so erhält er vielleicht Gerechtigkeit für Andre, wenigstens Schonung für sich selbst. Die Verhandlungen unter den erbittertsten Gegnern nehmen einen ganz andern und sanftern Charakter an, wenn eine Person dazwischen tritt, die sich gegen Beleidigungen nicht wehren kann, die man aber nicht beleidigt, ohne sich selbst mehr zu beschimpfen, als seinen Gegner. Wie oft hat die Dazwischenkunft eines als Fürsten ohnmächtigen, aber wegen der allgemeinen Verehrung der Völker gegen seine geheiligte Person gefürchteten Papstes die entschlossensten, ehrgeizigsten, ungestümsten Kriegshelden aufgehalten, und ganzen Ländern einige Jahre Ruhe [pg 140]verschafft! Wenige Fürsten haben es gewagt, gegen sie die Härte, den Ungestüm, den Eigensinn zu äußern, wodurch ihre Uneinigkeiten unter sich so fürchterlich werden. Die Politik des römischen Hofes besteht in geschicktem Zaudern. Durch unendlichen Aufschub, Wiederholung derselben Aeußerungen in andrer Gestalt und mit veränderten Wendungen ist dort unzählige Male einbrechendes Ungewitter abgeleitet. Von wem anders hätte man sich das gefallen lassen, als von dem, der in seinen Verhandlungen mit weltlichen Mächten die Sprache des alten Mannes zu der feurigen Jugend redete, und den diese Sprache wohl kleidete. Wenn man in der Geschichte findet, wie die Gesandten der größten Mächte ihrer Zeiten, französische und spanische Abgeordnete, unter dem Vorsitze eines päpstlichen Legaten, der nur ermahnen soll und gar nicht drohen kann, wenigstens den Anschein friedlicher Gesinnungen annehmen und durch den Anstand gegen den gemeinsamen Vater der christlichen Völker zu einem nachgibigen Betragen verleitet werden, so kann man sich nicht enthalten zu wünschen, daß noch jetzt eine Autorität vorhanden sein möchte, der diese Mittel zu Gebote ständen.

Die Religion bezieht sich auf die Bedürfnisse, die Rechte und Würde der menschlichen Natur, auf welche der Geringste wie der Höchste und Mächtigste Anspruch machen darf. Wie die bürgerlichen Verhältnisse auch beschaffen sein mögen, in der Kirche sind die Menschen an sich selbst etwas: da dürfen sie nicht als bloße Werkzeuge und Untergebene ihrer Herren betrachtet werden. Dem Oberhaupte einer solchen geistlichen Gemeinheit steht es daher sehr wohl an, Bewegungsgründe vorzubringen und an Grundsätze zu erinnern, die in dem Munde des weltlichen Staatsmannes vielleicht verlacht würden.

Der Einfluß der geistlichen Gewalt auf die Angelegenheiten der Welt ist zwar eben sowol dem Mißbrauche unterworfen, als die Herrschaft des Schwertes; und es ist doppelt empörend, wenn das angebliche Seelenheil der Menschen nur zum Vorwande der nämlichen Leidenschaften dient, die der Kriegsheld auf andern Wegen zu befriedigen sucht. Ein Lehrbuch der geistlichen Regierungskünste, von [pg 141]einer Feder wie Macchiavelli’s, müßte noch unangenehmere Empfindungen erregen, als die Stellen im Buche vom Fürsten, die das Gefühl am meisten beleidigen. Dieser Mißbrauch der geistlichen Herrschaft hat den Bemühungen der weltlichen Regenten, ihr Ansehn zu vernichten, allgemeinen Beifall verschafft. Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hat entschieden für diese Partei genommen, und nach den Grundsätzen eines spekulativen Naturrechts die geistliche Autorität aus der bürgerlichen Verfassung verwiesen. Aber die Staaten der wirklichen Welt sind nicht nach reinen Abstractionen angeordnet, und ihre Verhältnisse können nicht nach einfachen Principien beurtheilt werden. Der ursprüngliche Beruf des christlichen Priesterthums, der die Gelehrsamkeit als seine vorzüglichste Beschäftigung voraussetzt, hat auf die ganze innere Verwaltung und auf die äußern Verhandlungen der geistlichen Fürstenthümer einen großen Einfluß. Selbst die Hofhaltung des Oberhauptes der katholischen Kirche ist danach eingerichtet, und die ganze Politik desselben sucht die weltlichen Angelegenheiten einem höhern, zwar nicht immer wohl verstandenen, aber an sich selbst ehrwürdigen Interesse unterzuordnen.

Zu den Zeiten Macchiavelli’s war die Hierarchie von demselben verderblichen Geiste ergriffen, der ganz Italien verwirrte. Aber der Sinn für literarische Cultur und Liebe zu den Wissenschaften, die sich mit der größten Schnellkraft entwickelten, erzeugte einen neuen Charakter, den auch die hohe Kirche annahm. Bald nach dem Zeitalter Macchiavelli’s bestieg ein Mann den heiligen Stuhl, der die Satyre, die wir gelesen haben, mit der That widerlegte, und bewies, was Regententugenden auf jener Stelle vermögen. In einer kaum fünfjährigen Regierung hat Sixtus der Fünfte nicht allein sein Ansehn bei fremden Mächten eben so gut und noch weit mehr behauptet, als Alexander, Julius und Leo. Er vollbrachte daneben in dieser kurzen Zeit Alles, Alles, was die thätigste fürstlichste Verwaltung zu leisten vermag. Ruhe und Ordnung wurden hergestellt, öffentliche Sicherheit geschafft, die vorher im Kirchenstaate Niemand kannte; Gerechtigkeit gehandhabt, der Wohlstand befördert, und dabei eine unglaubliche Menge der glänzend[pg 142]sten Unternehmungen vollendet, die der Stadt Rom die Bewunderung der hinströmenden Welt verschafften.

Dieser Sixtus gehörte zu den seltenen Männern, denen Alles zu gering ist, was allein persönlichen Ehrgeiz oder Familieninteresse befriedigt, die nichts ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Bemühungen werth achten, als öffentliche Ordnung und Wohlfahrt; für die nichts so großen Reiz hat, als was das Interesse des menschlichen Geistes angeht. Solche Menschen können auch auf Thronen geboren werden. Aber in der Beurtheilung der Bedürfnisse des Privatlebens wird ihnen der immer überlegen sein, der durch diese selbst hindurchgegangen ist. Hierin könnte ein Vorzug der Verfassung liegen, worin die Regenten nicht durch das Recht der Geburt bestimmt werden. Aber in welchem Wahlreiche wird man durch jene Eigenschaften auf den Thron erhoben, außer im geistlichen? Wenn in einem andern der Privatmann hoffen darf, die Intriguen der Familien und Parteien durch persönliches Verdienst zu überwinden, so ist es nur der Kriegsheld. Die Geschichte des Dejoces, den die Meder wegen seiner Gerechtigkeitsliebe zum Könige gewählt haben, gehört in die alten Zeiten, von denen man gar viel erzählen kann. Auf den päpstlichen Stuhl aber sind in allen Perioden von Zeit zu Zeit Männer erhoben, von deren Herkunft Niemand etwas wußte, und die sich blos durch persönliche Vorzüge den Weg gebahnt haben.

Familienintrigue hat zwar oft auf die Wahl von Päpsten und auf die Politik derselben einen entscheidenden Einfluß gehabt, und die Nepoten haben nicht blos in der innern Staatsverwaltung, in welcher ihnen keine ständischen Rechte Widerstand leisteten, großen Schaden gethan; sie haben auch oft die Staatshändel aller Mächte von Europa verwirrt, die das Ansehn des heiligen Stuhls vielmehr hätte besänftigen sollen. Die Farnese, die Caraffa, die Barberini spielen keine schöne Rolle in der Geschichte. Aber das ganze Gebäude der hohen Kirche beruht so wesentlich auf der Bildung des Geistes, ihre weltliche Macht, Reichthum und Einfluß ist so sehr mit den Anstalten für wissenschaftliche Cultur verwebt, daß Verdienste um diese letztere [pg 143]immer in guten Zeiten einen überwiegenden Einfluß haben, und selbst in den schlechtesten nicht ganz zurückgesetzt werden können. Wenn man zum Beispiel die Schilderung liest, die der Cardinal Bentivoglio, selbst ein ausgezeichneter Staatsmann und Schriftsteller, von dem Cardinals-Collegium und dem päpstlichen Hofe macht, so wie er es unter Clemens dem Achten bei seinem ersten Eintritte in die Welt fand, so erstaunt man über die Menge von Cardinälen und andern hohen Dignitaren, die sich durch Gelehrsamkeit oder durch große Geschicklichkeit in Staatshandlungen zu ihrer Würde emporgeschwungen hatten, ohne durch irgend etwas Anderes empfohlen zu sein. Rom hat nicht zu allen Zeiten eine so ehrwürdige Prälatur besessen; aber Talenten, Einsichten und Kenntnissen ist der Weg zu hohen Würden niemals ganz verschlossen gewesen, selbst nicht unter den Päpsten, die ihre Erhebung keinen persönlichen Vorzügen verdankten.

Die deutsche hohe Geistlichkeit, welcher man das in mancher Rücksicht verdiente Lob durch einseitige Schilderung aller Nachtheile der ehemaligen deutschen Reichsverfassung mit Unrecht zu entziehen sucht, ist jedoch hinsichtlich des persönlichen hervorstechenden Glanzes einzelner Prälaten weit hinter der italienischen zurückgeblieben. Man hat es schon in sehr frühen Zeiten darauf angelegt, den Weg zu hohen Stellen allen denen zu verschließen, die sich nur auf Verdienste berufen konnten; und diese Bemühungen des deutschen Adels, alle Stellen in hohen Stiftern in dem Kreise gewisser Geschlechter festzuhalten, in welchem sie nach einer gewissen Billigkeitsrolle vertheilt werden müßten, ist nicht ohne Wirkung geblieben.

In Rom hat man nie lernen können, so zu denken. Der Besitzstand, bei dem die deutschen Prälaten sich so wohl befanden, war gar nicht hinreichend, die Absichten und Bedürfnisse der ganzen Hierarchie zu befriedigen. Der Einfluß, den sie immer zu erweitern strebte und nur mit ausnehmender und ununterbrochener Aufmerksamkeit aufrecht erhalten konnte, erforderte vielmehr eine große Thätigkeit und Bekanntschaft mit der ganzen Welt, mit der vergangenen und mit der lebenden. Es ist daher ganz [pg 144]falsch, was Macchiavelli von der Geistlichkeit sagt: daß ihre Häupter auf ihren hohen Stellen durch die Kraft der Trägheit, die in alten Einrichtungen liegt, erhalten werden, sie mögen sich aufführen wie sie wollen. Vielmehr hat sich in der Geschichte keines einzigen Staates deutlicher gezeigt, wie viel wahrer Verstand und gute Gesinnung in der Welt vermögen, als gerade in der Geschichte der Päpste.

Die Philosophen und Geschichtschreiber der neuern Zeiten haben sich mit großem Erfolge bemüht, die geistliche Gewalt verhaßt zu machen, indem sie ihr Alles zur Last legen, was Geistliche gethan haben, ohne zu beachten, ob sie die Kraft dazu durch ihren geistlichen Stand erhielten, und ob man der Herrschsucht ihr Gift genommen hätte, wenn ihr das geistliche Kleid ausgezogen wäre. Die französischen Schriftsteller insbesondere machen sehr bittere Bemerkungen darüber, wie viel Unheil die Cardinäle in der Staatsverwaltung gestiftet. Richelieu und Mazarin fanden es zwar sehr vortheilhaft, ihrer Person durch den römischen Purpur Schutz zu verschaffen. Würden sie aber anders regiert haben, wenn sie als weltliche Minister die Macht besessen hätten, die sie nicht ihrer geistlichen Würde, sondern persönlichem Einflusse auf die Gemüther ihrer Regenten verdankten? Der geistliche Beruf hat freilich einem Alberoni Gelegenheit gegeben, sich dem Regenten von Spanien zu nähern und das Schicksal mehr als Einer Monarchie zum Spiele seines Ehrgeizes zu machen; aber auch dem Ximenes, d’Ossat und andern großen Männern den Weg zu Stellen eröffnet, die den vorzüglichsten Menschen so schwer zu Theil werden, wenn sie nicht durch die Geburt begünstigt sind.

Die Philosophie hätte sich also begnügen sollen, die Anmaßungen der Kirche in billige Schranken zurückzuweisen, ohne sie zu vernichten, um dagegen ein für die Würde der menschlichen Natur eben so gefährliches System der bürgerlichen Ordnung nach den Gesetzen des äußern Rechts zu erheben.

Das leichtsinnige und fehlerhafte Urtheil des Macchiavelli über die geistlichen Fürsten erforderte diese Betrachtungen über die Vortheile, welche das System der katho[pg 145]lischen Hierarchie gewährt. Es ist hier nicht der Ort, von den wesentlichen Fehlern derselben zu reden, welche die Veranlassung zu der Trennung der Protestanten von ihr gegeben, und die Wiedervereinigung kaum möglich machen. Diese Fehler werden nicht durch die Veränderungen gehoben, welche vermöge der neuern Denkart in der katholischen Kirche entstanden sind, und die ihr zugethanen Völker laufen daher Gefahr, die Vortheile zu verlieren, welche sie besaßen, ohne durch diejenigen entschädigt zu werden, die die protestantischen errungen haben.

In dem kirchlichen Systeme dieser Letztern findet die Einwirkung einer geistlichen Gewalt auf Staatsverhandlungen mit andern Mächten gar nicht statt. Was aber ihren Einfluß auf innere Landesangelegenheiten betrifft, so kann hier nur der Gesichtspunkt im Allgemeinen angegeben werden, von dem die Untersuchung darüber ausgehen muß.

Es ist überhaupt das größte Problem des natürlichen Staatsrechts und der Politik, wem man in der bürgerlichen Gesellschaft die Befugniß ertheilen solle, sich der willkürlichen Gewaltthätigkeit zu widersetzen. Das Gesetz Gottes geht über das Gesetz der Menschen. Seit den rasenden Tyrannen Roms, die sich zu lebenden Göttern erklärten, hat selten ein Regent gewagt, seinen Völkern ins Gesicht zu sagen, er wolle, daß ihm mehr gehorcht werde, als Gott. Aber wie soll die Stimme des unsichtbaren Gottes durchdringen? Wer soll sie erklären? Soll derjenige, den das Volk für ihren Ausleger hält, gar keine weltliche Macht in Bewegung setzen können, so wird er zu einer leeren Stimme in der Wüste, sobald es dem Regenten gefällt. Soll er Mittel besitzen, sich Gehorsam zu verschaffen, so entsteht ein innerer Krieg, sobald seine Vorschriften mit dem Willen des weltlichen Regenten disharmoniren. Diese letzten schrecklichen Folgen hat die katholische Kirche oft erfahren. Jenem Nachtheile ist die protestantische ausgesetzt, sobald die Geistlichkeit, wie es nach den eingeschränkten Ideen derer sein sollte, die einem dürren Systeme zu Gefallen alle Verhältnisse möglichst vereinfachen, als besoldete Diener des Regenten betrachtet werden, welche bestellt sind, Moral zu predigen und die bürgerlichen Gesetze einzuschärfen. Wo [pg 146]sollte wol ein solcher bestellter Officialis der Sittlichkeit den Muth hernehmen, seinem Herrn, den alle Welt fürchtet, ins Gewissen zu reden? Friedrich Wilhelm dem Ersten von Preußen hat doch ein Landprediger den Vers aus der Bibel vorgehalten: „Wer einen Menschen stiehlt“, um damit seine gottlose Menschenräuberei für die Potsdamer Garde zu strafen. Wer wird dergleichen unternehmen dürfen, wenn es weder Vorsteher der Nation gibt, die von ihr, und nicht vom Regenten abhängen; noch auch Lehrer göttlicher Weisheit, die einen höhern Beruf anerkennen, als ein Bestallungspatent!

Die Reformatoren der Kirche haben dies Alles wohl gefühlt. Sie verkannten ihren Beruf nicht. Sie haben den geistlichen Stand, dem die Sorge anvertraut ist, eine höhere Bildung des Menschengeschlechts zu erhalten, nicht zu Dienern des irdischen Gemeinwesens, zu Staatsdienern herabgewürdigt. Die Fürsten der Zeit haben sich nicht vermöge ihrer fürstlichen Würde zu Häuptern der Hierarchie erklärt. Das hätte das damalige Volk nicht gelitten. Die deutschen Fürsten haben als natürliche Beschützer der Kirche, deren mächtigste Glieder sie waren, die bischöflichen Rechte und Pflichten auf sich genommen, nachdem die Gemeinden sich von der katholischen Hierarchie losgemacht hatten. Dieser wesentliche Unterschied wird kaum mehr beachtet, seitdem die Speculationen über das Staatsrecht und über die Staatsklugheit eine angeblich metaphysische Wendung genommen haben, vermöge deren ein strenges äußeres Recht das Wesentliche aller sittlichen Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft ausmachen soll: da doch die Menschen, aus denen der Staat besteht, die Gesetze über äußeres Recht nicht eher begreifen, und die Verpflichtung sie zu besolden nicht anerkennen, bis sie durch viele religiöse Bemühungen und moralischen Unterricht dazu fähig gemacht sind.