WeRead Powered by ReaderPub
Macchiavellis Buch vom Fürsten cover

Macchiavellis Buch vom Fürsten

Chapter 48: 22.
Open in WeRead

About This Book

Der Text analysiert verschiedene Formen der Herrschaft und bietet präzise Ratschläge, wie neue und ererbte Fürstentümer erworben, organisiert und erhalten werden können. Er behandelt Truppenarten und Kriegswesen, den Umgang mit Untertanen und lokalen Eliten, die Balance von Großzügigkeit und Geiz sowie von Grausamkeit und Milde, die Einhaltung von Versprechen, das Vermeiden von Verachtung und Hass sowie Fragen von Verwaltung und Beraterwahl. Wiederkehrende Themen sind die Einschätzung politischer Machtmittel, die Rolle des Glücks gegenüber persönlicher Tatkraft und konkrete Strategien zur Stabilisierung und Sicherung politischer Herrschaft bis zu einem abschließenden Appell zur nationalen Befreiung.

12.

Der Hauptgedanke, auf welchen diese lehrreiche Darstellung der vergangenen italienischen Zeiten führt, ist ganz allgemein wahr und zu allen Zeiten nützlich. Selbst ist [pg 147]der Mann. Jeder muß sich selbst zu schützen suchen, so viel er kann. Man darf nie Andere für sich tapfer, vorsichtig, klug sein lassen und sie dafür bezahlen; denn wer Schätze hat, fremden Schutz zu erkaufen, dem werden sie gerade von demjenigen genommen, den er zum Wächter zu bestellen dachte. Der Genuß des Reichthums erschlafft und nimmt selbst dem, welchem es nicht an Einsicht fehlt, die Kraft zu handeln. Daher hat großer Reichthum der Völker von jeher schlimme Perioden herbeigeführt: entweder Unterjochung von Außen oder Revolutionen im Innern, wodurch die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten und das Eigenthum der Nation in die Hände derjenigen Classen gerieth, die bis dahin noch keinen Antheil am Ueberflusse gehabt hatten. Hieraus ergibt sich auch die Ursache, warum Seemächte, trotz des größten Reichthums und selbst des übertriebensten Luxus, den er veranlaßt, groß und mächtig bleiben können. Die Quelle ihrer Schätze führt das Heilmittel selbst bei sich. Die Schifffahrt gelingt nur durch die äußerste Anstrengung aller Kräfte des Geistes und des Körpers. Daher nöthigt der Seehandel, der den größten Gewinn bringt, zugleich zu dem emsigsten Bestreben nach einer Ausbildung, die auch im Kriege Ueberlegenheit gibt. Wenn eine Seemacht jemals andere Nationen in Sold nähme, um für sich die Gefahren und Mühseligkeiten der Schifffahrt zu übernehmen, so wäre sie verloren. Aber auch nur dann. Die große Seefahrt und die Gesetze, die sie veranlaßt, werden gewöhnlich nur aus dem eingeschränkten Gesichtspunkte des Handelsgewinns angesehen. Die Veranstaltungen, die sich darauf beziehen, sind aber noch weit wichtiger in moralischer Rücksicht. Sie befördern die ernsthafte Beschäftigung und Abhärtung, sie erhalten einen männlichen Charakter in der Nation. Und da das Seewesen einer großen Menge von wissenschaftlichen Kenntnissen bedarf, so entsteht daraus das Phänomen einer kriegerischen Macht, die zugleich alle Künste des Friedens zu vervollkommnen sucht; wohingegen eine sehr kriegerische Nation auf dem festen Lande immer Gefahr läuft, in Rohheit der Sitten zurückzusinken.

16.

Diese Bemerkungen sind von der größten Wichtigkeit für jeden Regenten. Die Freigebigkeit ist eine natürliche Eigenschaft des hohen Sinnes. Man fühlt sich über andre Menschen erhaben, indem man ihnen wohl thut. Sie ist also ganz eigentlich eine fürstliche Tugend. Der Geiz hat etwas Kleinliches und ist daher in einer hohen Stelle unanständig. Bei dem, der nach der Herrschaft strebt, kommt noch hinzu, daß er des Beistandes so Mancher bedarf, und denselben durch alle Mittel suchen, ihn also auch oft erkaufen muß.

[pg 149]

Betrachtet man aber die Folgen, so sieht man auf der Seite der Freigebigkeit undankbare Günstlinge, die immer mehr fordern, je mehr sie erhalten haben; ganze Classen, die als ein Recht ansehen, was Einem unter ihnen zugestanden worden; die, wenn sie das gesammte fürstliche Gut unter sich getheilt haben, denjenigen gering schätzen, der nichts mehr zu geben hat und sich gegen ihn auflehnen; mißlungene Unternehmungen, weil es an Mitteln fehlt; unbelohntes Verdienst, ungerechte Vorenthaltung rechtmäßiger Forderungen, allgemeine Unzufriedenheit, zuletzt Verachtung.

Der Geiz hingegen, nicht aber die Habsucht, die vielmehr mit leichtsinniger Verschwendung nahe verwandt ist, kann wol mit Gerechtigkeitsliebe bestehen. Strenge Wirthschaftlichkeit macht den Grund aller guten Regierung aus. Ist aber der Geiz nicht die Folge ernstester Ueberlegung und Vorsicht, entspringt er vielmehr aus Neigung, so fällt er auf die Gegenstände, welche nicht die wichtigsten sind, sondern nur die nächsten; er läßt große Dinge fahren, um Kleinigkeiten zu ergreifen, freut sich nicht über den Zweck der guten Haushaltung, sondern nur über das Ersparen selbst, mißgönnt daher Jedem die wohlverdiente Belohnung geleisteter Dienste und erzeugt allmählich die tiefe Abneigung, welche derjenige stets einflößt, dessen Macht man fürchtet, ohne seinen Charakter zu achten.

17.

Die Lehren dieses Kapitels sind einleuchtend. Dennoch wird es Männern von menschenfreundlicher Gemüthsart sehr schwer, sie anzunehmen. Sie hoffen immer, die Menschen werden zu ihren Gunsten eine Ausnahme machen. Ihre eignen Gesinnungen verleiten sie auch in Andern entsprechende zu wünschen – vergeblich zu erwarten. Aber es wird im Gegentheil demjenigen, der einmal im Rufe der Menschenliebe steht, von allen Seiten angesonnen, sich gefallen zu lassen, was keinem Andern widerfährt, und das ist der wahre Grund, warum die angebliche Tugend der Gutmütigkeit – sehr verschieden von der Liebe zum Guten – so allgemein erhoben wird. Sie ist in Wahrheit [pg 150]nur Schwäche eines harmlosen Gemüths und schon im Privatleben verächtlich. Wer den Menschen im Ernste wohl will und für sie thätig sein möchte, muß kämpfen und überwinden, den widerstrebenden Eigennutz der Schlechtgesinnten in Furcht setzen, die Schwachen zwingen mitzuwirken und oft diejenigen selbst, denen er wohlthun will, nöthigen, ihr eigenes Bestes zu besorgen. Im öffentlichen Leben gibt es gar keinen größeren Fehler, als jene Gutmüthigkeit, die immer nachgibt: Schlechte schont und Gute preisgibt; bescheidene Selbstverleugnung vorschützt, um zurückzubleiben, wo es die Pflicht erfordert, hervorzutreten, und die verächtlichste Feigheit mit dem nichtswürdigen Ruhme der Sündhaftigkeit im Leiden, da wo man sich wehren sollte, beschönigt. Vorzüglich ist Nachgibigkeit und unzeitige Schonung im Verhältnisse zu Untergebenen verderblich. Die Liebe zu Vorgesetzten erfordert einen überwiegenden Zusatz von Achtung. Diese ist mit der Furcht näher verwandt, als mit der Zuneigung. Ein anderer Bestandtheil der Liebe zu Vorgesetzten ist Vertrauen auf ihren Schutz. Dazu gehört wieder die Ueberzeugung, daß Andre sich vor ihnen fürchten. In einem andern Sinne als Macchiavelli es behauptet, ist es in der That wahr: die Furcht ist das Band der bürgerlichen Gesellschaft.

18.

Unter allen Lehren, die Macchiavelli den Großen gibt, haben diese den allgemeinsten Beifall gefunden. Auf ihn berufen sich alle Staatsmänner, die Verträge und Zusagen brechen und den Betrug mit dem Namen der Politik rechtfertigen möchten. Doch hat ein so erfahrener Mann unmöglich sagen wollen, daß ohne Gefahr immer und immer nur betrogen werden könne. Das hat er auch nicht gesagt, denn er verlangt ja von seinem Fürsten, daß er gegen Tugend und Laster nur gleichgiltig sein, Eines wie das Andere üben und beides nur als Mittel gebrauchen solle, Absichten zu erreichen. Die Großen und Mächtigen begehren gewöhnlich von den Fesseln moralischer Gesetze befreit zu werden, um ihre Leidenschaften zu befriedigen. Das aber gewährt ihnen Macchiavelli nicht. Es fordert vielmehr keine [pg 151]noch so strenge Moral, so große Aufopferungen, als diejenige Staatskunst, welche von keiner Moral etwas wissen will, und Alles, was der Mensch thut, den kalten Berechnungen des Verstandes unterwirft, um einen einzigen Zweck zu erreichen. Wer danach strebt, Herrschaft zu erringen, und wenn er sie hat, zu erweitern, darf nichts Anderes wünschen. Macchiavelli sagt gar nicht, der Fürst darf sich über die Moralität ganz wegsetzen, sobald es ihm beliebt, weil er mächtig genug ist, es ungestraft zu thun. Dazu kannte er das Volk zu gut und beurtheilte zu richtig, was auf dasselbe wirkt. Er verlangt aber vollkommene Gleichgiltigkeit gegen die Tugenden im Herzen selbst. Der Fürst soll den Redlichen und Unredlichen spielen, so wie es die Umstände verlangen. Es ist also auch nicht damit gethan, sich gegen Gefühl und Gewissen abzuhärten und bei keinem Verbrechen anzustoßen, das in den Plan des Ehrgeizes gehört. Wer dies leistet, hat nur die Hälfte der Forderung erfüllt. Er muß sich daneben das Ansehn aller Tugenden geben. Hier aber erkennt man den scharfsinnigen Beobachter der Menschen gar nicht. Aristoteles, der in seiner Politik (im fünften Buche, elften Kapitel) dem Tyrannen Lebensregeln gibt, die überhaupt mit dem Macchiavelli ziemlich übereinstimmen, verlangt ebenfalls, daß er den Schein aller Tugenden annehme, die ihm fehlen. So nöthig sind die wahrhaft königlichen Tugenden jedem Herrscher, daß er den Ruf, sie zu besitzen, nie ganz entbehren kann. Aber Aristoteles räth ihm, sich ihnen möglichst zu nähern, davon anzunehmen, was er nur vermag, und wenigstens den Schein der andern zu suchen. Macchiavelli hingegen verbietet ihm die Tugenden selbst, weil sie ihm hinderlich sein würden; verlangt aber dabei, daß er ihren Schein annehme, so oft er ihrer Wirkung nicht entbehren kann. Kann nun wol der bloße Schein diese hervorbringen? Wir sehen schon im gewöhnlichen Leben, wie wenig Zutrauen und welche tiefe Abneigung diejenigen Menschen erregen, denen es nur auf den Effect ankommt, die sich daher selbst immer im Auge haben und einen Spiegel mit sich umhertragen. Sie mögen sich noch so gut darauf verstehen, andre Menschen anzuführen, sie werden dennoch bald für das erkannt, [pg 152]was sie sind. In den kleinsten Zügen ihres Betragens liegt ein „Hüte dich!“ das seine Wirkung nicht verfehlt. Die Großen sind vielleicht mächtig genug, das vorwitzige Urtheil ihrer Unterthanen zu unterdrücken. Aber auch der Nachwelt? Und doch hat schwerlich jemals ein Fürst existirt, der Geist genug hatte, die schwere Rolle zu spielen, die Macchiavelli vorzeichnet, ohne den Wunsch zu hegen, daß er auch nach seinem Tode so beurtheilt werden möchte, als er sich bemüht, vor seinen Zeitgenossen zu erscheinen.

Wer mächtig genug ist, ehrlich handeln zu können, thut daher immer noch besser, der Heuchelei zu entsagen. So lange Verstand gegen Verstand kämpft und der Macchiavellische Fürst sich auf seinem wohlbekannten Fechterboden befindet, wo Verrath und Treulosigkeit von beiden Seiten angewendet werden, die Absichten durchzusetzen, wird stets der Schlaueste den Sieg davontragen. Wenn es aber darauf ankommt, nicht den Listigen zu überlisten, sondern die Ehrlichkeit zu berücken und die gerade Einfalt des Herzens sich nicht mehr anführen lassen will, so vermag alle Kunst nichts mehr, und Satan selbst hat nicht Verstand genug, um die Tugenden des Gemüths zu ersetzen, die fortan allein etwas auszurichten vermögen.

Was insbesondere die Wortbrüchigkeit betrifft, von der Macchiavelli als von einer notwendigen und gewöhnlichen Sache redet, so bedarf es einer genauen Bestimmung, wann sie dem Fürsten erlaubt sein kann. Es ist ein alter und mit religiöser Ehrfurcht bewährter Ausspruch, daß das Wort der Fürsten heilig sein solle. Die Wahrhaftigkeit ist überhaupt das Band, das die menschliche Gesellschaft zusammenhält. Selbst die einzelne Lüge kann nur da etwas wirken, wo Wahrheit allgemeine Regel ist. Von Andern verlangt sie daher auch ein Jeder, und der ärgste Lügner schreit immer am lautesten gegen den Betrug, der gegen ihn gespielt wird. Die ganze Welt aber vereinigt ihre Stimme, denjenigen, der sich nicht etwa einmal eine Unwahrheit oder einen Wortbruch zu Schulden kommen läßt, sondern in dessen Charakter es liegt, durchaus unwahr zu sein, wie eine Pest der Gesellschaft zu fliehen.

Die Natur hat aber dem Menschen die List nicht um[pg 153]sonst gegeben. Sie ist die Schutzwehr des Schwachen gegen Stärkere; sein Vertheidigungsmittel gegen übermächtige Gewalttätigkeit. Mit Recht sagt daher Macchiavelli, daß der Fürst sich darauf verstehen müsse, den Fuchs und den Löwen zu spielen. Weil er unter Menschen wandelt, die mehr von der thierischen Natur an sich haben, als vom Geistigen, so muß er gleichfalls die Bestie herauskehren, wenn es Noth thut. Beides soll er können, den Fuchs spielen und den Löwen. Der Löwe ist stark, wirft Alles nieder und verzehrt, was ihm gefällt. Wenn er theilt, so nimmt er das beste Stück, weil er Löwe heißt. Der Fuchs hilft sich mit List, um zu erlangen, was er zu seiner Erhaltung bedarf. Aber den Wolf, den Feind aller Geselligkeit, der selbst mit seines Gleichen nur Verbindungen des Augenblickes eingeht, um über den Dritten herzufallen und nie in einer friedlichen Gemeinschaft angetroffen wird, dieses ganz ungesellige Thier soll kein Mensch jemals nachahmen. Vielmehr soll ja der Fürst, wie Macchiavelli selbst sagt, den Löwen machen, um die Wölfe zu vertreiben. Noch in andern Stellen seiner Werke spricht er nachdrücklich gegen diejenigen, die wie die Wölfe unter Menschen leben. Wenn denn also dem Menschen die Schlauheit des Fuchses gegeben ist, damit er die Wölfe ins Verderben ziehe, gegen die er sich nicht wehren kann, wohlan, so gebrauche die List, so oft sie nothwendig ist. Lüge, brich dein Wort, verschwöre dich, verleite deinen Gegner durch die hinterlistigsten Vorspiegelungen und stich ihm den Dolch ins Herz, indem du ihn umarmst. Aber beweise, daß dies Alles nothwendig war, um dich von der Noth zu befreien, die die Bosheit über dich brachte: und du bist gerechtfertigt. Zeige, daß es nothwendig war, um das dir anvertraute Volk vom Untergange zu retten – und du wirst als ein wohlthätiger Schutzgeist verehrt werden. Wer kann sich der lebhaftesten Theilnahme erwehren, wenn die Unternehmungen des selbstsüchtigen, unersättlichen, gegen Wohl und Wehe der Menschen gefühllosen Ehrgeizes und der Habsucht durch die Verschlagenheit des Unterdrückten auf den Urheber der Mißhandlung zurückfallen?

Es ist um so viel notwendiger, die Künste der List [pg 154]und Verstellung richtig zu würdigen, da sie einen ganz eigenthümlichen Reiz für die Großen haben, der aus den besondern Verhältnissen ihrer Lage entspringt. Wer so viel vermag, sollte man denken, wird sich die Mühe nicht geben wollen, sich zu verbergen. So Vieles kommt ihren geringsten Wünschen entgegen. Sie brauchen kaum zu wollen, so geschieht schon, was ihnen angenehm ist. Wie selten hat Einer von denen, die sich ihnen nahen, die Dreistigkeit, etwas zu tadeln, das sie thun. Aber das Alles trifft doch nur die Kleinigkeiten, die ihre eignen persönlichen Neigungen angehen. In Allem, was zu ihrem politischen Leben gehört, ist es ganz anders. Sie finden in den verwickelten Anstalten der bürgerlichen Ordnung, in der Organisation der Gewalt selbst, mit der sie ihren Willen vollziehen, Schwierigkeiten und Widerstand. Sie verachten die Menschen und mißbrauchen sie ohne Scheu. Dennoch können sie dieselben nicht zu Maschinen machen. Der unumschränkteste Monarch muß sich herablassen, ihre eignen Gesinnungen und Empfindungen zu schonen. Außerdem ist Alles, was ihn umgibt, unaufhörlich beschäftigt, von jeder seiner Aeußerungen Vortheil zu ziehen. Er lernt bald, daß Alles, was von ihm herkommt, von der größten Wichtigkeit ist und oft Wirkungen thut, die ihn selbst überraschen. Wenn er nicht etwa von dem Feuer eines ungestümen Temperaments beherrscht wird, das keinen Zwang erträgt, so wird er in sich selbst mißtrauisch und geneigt zur Verstellung.

Kommt hierzu noch eine verkehrte Bildung des Geistes, entschuldigt er bei sich selbst den Mangel an Entschlossenheit und Muth mit dem Grundsatze, es sei besser, Alles, was auf geradem Wege zweifelhaft sein könnte, mit versteckter Kunst zu Stande zu bringen; findet er ein Vergnügen darin, Schwierigkeiten aufzusuchen, und bewundert seinen eignen Verstand, wenn er mit seinen Mittelchen die Kraft des Willens zu ersetzen sucht, – so entsteht zuletzt ein Gewebe, darin sich der Künstler, der es angelegt hat, selbst verstrickt und verliert.

Die Wirkungen der Politik, die Macchiavelli lehrt, haben sich niemals deutlicher gezeigt, als in der Geschichte der Familie, für die sein Buch zunächst bestimmt war.

[pg 155]

Lorenzo von Medici, dem er es zugeeignet hat, ist nicht Herr von Florenz geworden. Aber er scheint doch von den Rathschlägen, die ihm hier ertheilt werden, Gebrauch gemacht zu haben. Er hatte, wie es scheint, Anlage zu einem Schüler des Macchiavelli im praktischen Leben. Ein früher Tod unterbrach seine Ausbildung. Aber er vererbte diesen Schatz von Grundsätzen auf seine Tochter. Catharina von Medici nahm sie mit sich nach Frankreich. Dort ward das florentinische Gewächs von den Landsleuten, die sie dahin begleiteten, sorgfältig gepflegt. Die Geschichte der französischen Nation hat dadurch eine ganz eigne und ihrem ursprünglichen Charakter fremde Wendung genommen. Der Herzog von Retz, den Catharina aus Florenz kommen ließ, hatte einen entscheidenden Einfluß auf die Entschließungen Karl des Neunten und Heinrich des Dritten, und brachte Pläne zur Reife, die in französischen Gemüthern schwerlich gediehen wären. Mehrere Italiener umgaben Heinrich den Dritten. Unter diesen der Abbate del Bene, von dem sich jener Monarch, dessen Charakter und dessen Leben ein sonderbares Gemisch von Wollust, Trägheit, Leichtsinn und tiefer Verstellung, dreister Thätigkeit und Grausamkeit war, in den Stunden, wo es ihn anwandelte, Politik zu studiren, den Tacitus, Polybius und mehr als diese den Fürsten von Macchiavelli vorlesen ließ.25 Die Lehren, die er hier vernahm, übte er auch dann und wann einzeln, nach [pg 156]Laune aus. Und damit bekräftigte er selbst recht nachdrücklich die Bemerkung seines Lehrers, daß die Menschen selten den Muth und die Beharrlichkeit haben, etwas recht und ganz zu sein, und daß sie eben dadurch zu Grunde gehen.

Die Mutter aber war anders. Beides, natürliche Anlage und Bildung durch die Lehren des Meisters in der italienischen Politik, vereinigten sich in ihr, und in ihrer Lage fanden sich Veranlassungen, die ganze Rolle zu spielen, die er vorgezeichnet hatte. Ihre Ansprüche auf die Regentschaft während der Minderjährigkeit ihrer Söhne waren zweifelhaft. So weit befand sie sich mit dem Fürsten des Macchiavelli in gleichen Verhältnissen, und die Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden, wurden noch durch ihre fremde Abkunft vermehrt. Große persönliche Vorzüge waren erforderlich, sie zu überwinden, und solche hat sie unstreitig besessen.

Catharina von Medici hatte so viel Verstand und Talent, als irgend eines der Weiber, die in der Geschichte berühmt geworden sind. Der begeisterte Verehrer ihrer Vorzüge, der Geschichtschreiber Davila, hält ihr bei der Erzählung ihres Todes folgende Standrede:

„Die großen Eigenschaften dieser Frau, welche dreißig Jahre lang die Augen von ganz Europa auf sich gezogen hat, erhellen besser aus ihrer Geschichte, als ich sie in wenigen Worten darstellen könnte. Ihr Verstand war unerschöpflich an Mitteln, um die unerwarteten Zufälle zu verbessern, und die Wirkungen des üblen Willens der Menschen zu vereiteln. Hierdurch ertrug sie während der Minderjährigkeit ihrer Söhne die Last der bürgerlichen Kriege, während welcher sie zu gleicher Zeit den Religionseifer, die Widerspenstigkeit der Unterthanen, die Bedrängnisse des Schatzes, die Verstellung der Großen und die ungeheuern Unternehmungen des Ehrgeizes bekämpfte. Ihre Beständigkeit, ihr hoher Sinn, womit sie, eine Fremde, es unternahm, das Ruder der Regierung den einheimischen Großen zum Trotze zu ergreifen, womit sie sich desselben bemächtigte und es festhielt gegen alle Künste der Widersacher und den Schlägen des Schicksals zum Trotze, hatte mehr Aehnlichkeit mit dem Geiste eines in den großen Welthändeln [pg 157]gebildeten Mannes, als mit der Gesinnung eines an die Weichlichkeit des Hofes gewöhnten und von ihrem Eheherrn unterdrückten Weibes. Aber die Geduld, die Gewandtheit, die Mäßigung, womit sie sich zu behaupten wußte, und ungeachtet des in ihrem Sohne selbst gegen sie allmählich entstandenen Argwohns die Regierung so festhielt, daß er es nicht wagte, ohne ihren Rath und ohne ihre Einwilligung zu handeln, selbst da, wo er ihr nicht traute: dieses ist der größte Beweis und das kräftigste Kunststück ihrer vorzüglichen Gaben. Daneben wußte sie sich stets über die natürlichen weiblichen Schwächen zu erheben und unterlag nie den kleinlichen Neigungen, welche vom rechten Wege abführen. Sie hatte einen hellen Verstand, wahrhaft königliche Anmuth in ihrem Benehmen gegen die Menschen, mächtiges Talent zu reden, lebendige Neigung sich freigebig und geneigt gegen die Guten zu beweisen, den bittersten und unversöhnlichen Haß gegen die Andern. Sie ließ nicht ab, ihre Anhänger zu begünstigen und zu erhöhen, und dennoch konnte sie es nicht dahin bringen, daß der französische Stolz ihre italienische Geburt vergessen hätte. Die unruhigen Köpfe hörten nie auf, sie als die Feindin ihrer Absichten zu hassen, und insbesondere ist sie von den Hugenotten verleumdet worden, als wenn sie nur aus unbegrenzter Begierde zu herrschen Rathschläge gegeben, wodurch Frankreich doch aus den größten Gefahren gerettet worden ist. Mit allen diesen Tugenden war sie der allgemeinen Unvollkommenheit der menschlichen Natur unterworfen und hatte ihre Fehler. Man hielt dafür, ihr sei durchaus nicht zu trauen: etwas zu allen Zeiten, vorzüglich aber und ganz besonders zu den unsrigen Gewöhnliches. Sie dürstete mehr nach Blut oder verachtete das Menschenblut wenigstens mehr, als ihrem Geschlechte wohl ansteht, und es ward bei vielen Gelegenheiten offenbar, daß sie alle und jede Mittel, auch die ungerechtesten und verrätherischsten gut fand, um nur zu ihrem Zwecke zu gelangen. Aber bei billigen Beurtheilern werden diese Fehler, welche die Noth der Zeiten veranlaßte, durch die erwähnten großen Eigenschaften bedeckt.“

Wenn man nun diese große Königin, dieses Ideal ita[pg 158]lienischer Politik, deren Bild Davila hier beinahe mit denselben Ausdrücken entwirft, womit Macchiavelli seinen Fürsten zeichnet; wenn man sie näher betrachtet und ihre Geschichte erwägt, so wie sie von ihrem Lobredner selbst erzählt wird, was findet man denn für große Wirkungen ihrer hochberühmten Eigenschaften? Die schlaue Frau wußte durch ein verstecktes Spiel, durch die Künste der verführerischen List, die sie in der That im vollkommensten Maße auszuüben verstand, alle Parteien in gewissem Gleichgewicht und sich über sie erhaben zu erhalten. Jede dieser Parteien ward zwar bald inne, daß mit ihr gespielt werde, mußte sich aber diesem Spiele hingeben, so oft es ihr gefiel, es wieder anzuknüpfen, weil sie anfangs als Regentin die rechtmäßige Gewalt und nachmals als geliebte und gefürchtete Mutter einen entscheidenden Einfluß hatte. Der heimliche Widerwille und das Mißtrauen, mit welchen diese Nachgibigkeit beständig verbunden war, vereitelte aber auch auf jener Seite alle ernstlichen Unterhandlungen, und so ward es unmöglich, so lange sie lebte, die bürgerlichen Unruhen beizulegen, welche Frankreich solche Uebel zugefügt haben, daß man wirklich nicht einsieht, wovon Catharina das Reich errettet haben soll.

Die innern Kriege, die Frankreich vierzig Jahre lang zerrissen haben, wurden beendigt, indem der rechtmäßige Erbe der Krone zu der Kirche übertrat, welcher bei weitem der größte Theil des Volkes leidenschaftlich anhing. Heinrich dem Vierten war es lange vorher gesagt, er werde den Thron von Frankreich nie besteigen, wenn er das Volk nicht durch diesen Schritt versöhnte. Er war selbst davon überzeugt und ging Jahre lang damit um, durfte es aber nicht wagen, aus Besorgniß, die Partei, die ihm schon anhing, zu verlieren, ohne der andern gewiß zu sein. Catharina hatte schon Unterhandlungen mit ihm angefangen, die dahin führen sollten, und durch deren glücklichen Ausgang das, was einmal geschehen mußte, zum Besten der französischen Nation viel früher geschehen wäre. Was vereitelte denn diese Bemühungen der klügsten Frau ihrer Zeiten? Der geringe Umstand allein: der kleine Naturfehler, über den Davila so leicht weggeht: – „Ihr war nicht zu trauen.“ – [pg 159]Nachdem sie unzählige Male gelogen und betrogen hatte, da konnte sich auch der treuherzigste Mensch auf der Erde nicht mehr von ihr anführen lassen. Solche Politik ist gut, um Kriege anzuzetteln. Wenn man aber das Feuer auslöschen möchte, das durch so schlaue Künste angefacht ist, so findet man selbst mit Erstaunen, daß alle die Werkzeuge, wodurch der feine Verstand so bewunderungswürdiges Machwerk zu Stande gebracht hat, nichts mehr vermögen; daß das einzige Wort eines zuverlässigen redlichen Mannes eine sicherere Grundlage abgibt, als die künstlichsten Veranstaltungen der List, und daß Achtung und Zutrauen der Menschen kräftigere Mittel sind, etwas Großes zu vollbringen, als die Ueberlegenheit des Verstandes, wenn sie gemißbraucht wird, Andere zu bethören, die sich für die erlittene Demüthigung mit unversöhnlicher Erbitterung rächen, sobald sie können.

Lange vor dem Macchiavelli und Davila hatte schon der jüngere Philipp von Macedonien ein Beispiel davon gegeben, was die Geschichte des Betrugs und der List für einen Ausgang nimmt. Er versuchte sich zum Oberhaupte der Griechen zu machen, um den Römern die Spitze zu bieten. Ungefähr so wie Cäsar Borgia sich eine überwiegende Macht in Italien zu erwerben trachtete, um den Fremden zu widerstehen. Und mit denselben Mitteln. Was war das Ende? Er hatte in allen griechischen Staaten so viel Mißtrauen, so viel heimliche und öffentliche Feindschaft erregt, daß es ihm unmöglich ward, die Nation mit sich zu vereinigen. Er unterlag im Kampfe, ohne nur einmal von seinem eignen Volke bedauert zu werden.

Die Menschen hören indessen nicht auf, den Verstand ohne alle Beziehung auf die Eigenschaften des Gemüths, die ihm zur Unterlage dienen müssen, wenn er wahren Werth haben soll, ausschließlich zu bewundern. Der scheinbare Erfolg seiner Kunststücke im Einzelnen verleitet sie nicht allein zu dem Vorurtheile, daß es in der Welt nur auf Verstand ankomme; sie verkennen auch seine Natur. Das sichere treffende Urtheil, welches in verwickelten Verhältnissen das Geringfügige übersieht und den Punkt festhält, auf den Alles ankommt, ist ihnen zu einfach. Ein Gewebe von klei[pg 160]nen Künsteleien, von Auswegen des Augenblicks, die immer tiefer in die Verwicklung führen, von verschmitzten Ränken, gefällt ihnen besser. Doppelzüngigkeit, Falschheit und List, über deren zweckmäßigen Gebrauch Macchiavelli selbst Lehren gibt, die wol einiges Bedenken erregen könnten, ob man sich auch zutrauen dürfe, sie so anzuwenden; diese Untugenden gelten am Ende für Beweise von Verstand und Talent, oder sollen den Mangel daran ersetzen. Wer gar keine Lust hat, die Maske des Löwen vorzunehmen, die ihn auch schlecht kleiden würde, glaubt genug gelernt zu haben, wenn er zu lügen, zu betrügen, sein Wort zu brechen weiß. So ist es zu gewissen Zeiten in der Geschichte dahin gekommen, daß man überall, wo sich Jemand in vollendeter Nichtswürdigkeit nur recht schamlos beweist, den Geist von Macchiavelli’s Fürsten zu erkennen geglaubt hat. Zu diesem aber gehört die Tapferkeit des entschlossenen Gemüths eben sowol, als die Gewandtheit des listigen. Nur in dieser Beziehung verträgt die Welt die Unredlichkeit. Der Abscheu, den diese einflößt, nimmt dabei den Charakter einer grauenvollen Bewunderung an; geht aber in Verachtung über, sobald diese nachläßt: „Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas!

19.

Interessant ist der Rath Macchiavelli’s an den neuen Fürsten, sich nicht an den Weibern seiner Unterthanen zu vergreifen.

Einem gebornen Prinzen wird es ja nicht schwer, solche Neigungen zu befriedigen. Die Weiber kommen ihm natürlich stets entgegen. Er ist immer allein schön, klug, liebenswürdig. Er hat also wenig Versuchung, die Schranken zu übertreten, die ihm der Anstand vorschreibt, und in der fürstlichen Erziehung wird auf die Erhaltung des Anstandes so viel Werth gelegt, daß er ihn wol einmal verletzen, aber sich schwerlich ganz darüber wegsetzen wird. Anders der Privatmann, der zur Unabhängigkeit von den Gesetzen, die Andre binden, gelangt ist und keine Scheu vor dem öffentlichen Urtheile hat, er ergibt sich den Ausschweifungen der Wollust nicht allein aus Sinnlichkeit oder Eitelkeit, [pg 161]sondern oft aus bloßem Uebermuthe. Manche neue Fürsten haben einen Genuß darin gesucht, ihre Unterthanen auf diese Art zu beschimpfen, und die hierdurch gereizte Rache hat mehr Fürsten das Leben gekostet, als der Patriotismus von Republikanern.

Der neue Fürst selbst beschäftigt sich größtentheils mit herrschsüchtigen Plänen und wird durch die Rücksicht auf diese einigermaßen zurückgehalten. Aber Söhne und Brüder, die ihre Erhebung nicht eignen Bemühungen verdanken, verlieren alle Besinnung im Rausche der neuen Größe. Unzählige Beispiele finden sich in der Geschichte der römischen Imperatoren und des neuen Italiens. Eines lag dem Macchiavelli vermuthlich zunächst vor Augen.

Der alte Pandolfo Petrucci von Siena ließ morden, zwang reiche Erbinnen, seine Anhänger zu heirathen, und verfuhr überhaupt gewaltthätig mit den Bürgern, wo es in seinen Plan gehörte. Dabei behauptete er sich bis an das Ende seiner Tage. Aber sein Sohn, Borghese Petrucci, der die Früchte der väterlichen Bemühungen von früher Jugend an einerntete, wußte nicht was Alles beginnen, um sie zu genießen. Er beraubte Diesen und Jenen, verführte und mißbrauchte mit Gewalt Weiber und Töchter. Dafür ward er verjagt. Nicht besser machte es in Florenz selbst Alessandro von Medici, der nach Macchiavelli’s Tode nicht durch eigne Talente und Bemühungen, sondern durch Protection Herzog geworden war: auch er ward deshalb ermordet. Die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts enthält noch mehrere Beweise, bis zu welchem Unsinne der Uebermuth der Emporkömmlinge die unnatürlichsten Ausschweifungen der Wollust treiben kann. Was zum Beispiel ein Pietro Luigi Farnese, Sohn des Papstes Paul des Dritten, mit dem Erzbischofe von Bologna vorgenommen, als dieser ihn bei einem feierlichen Einzuge bewillkommte, grenzt beinahe an das Unglaubliche ....

22.

Es ist bereits einige Male Pandolfo Petrucci erwähnt, der sich zum Oberhaupte des Staats von Siena aufgeworfen hatte, ohne jedoch den Namen eines Herrn zu führen. [pg 162]Er verdankte den ruhigen Besitz seiner hohen Stelle vorzüglich dem Antonio Giordani von Venafro, der die Aemter eines Richters und öffentlichen Lehrers zu Siena bekleidet hatte, und dem Pandolfo als Staatssecretair und in Gesandtschaften diente. Den Ratschlägen dieses Mannes werden die feine Politik und das feste Benehmen, seiner grausamen Gemüthsart aber auch die Mordthaten zugeschrieben, wodurch sein Gönner sich emporschwang und erhielt. Von der Sinnesart des Giordani und zugleich vom Geiste der damaligen Zeit kann die Antwort als Probe dienen, die er als Gesandter dem Papst Alexander dem Sechsten gab. Dieser fragte ihn, wie er es anfange, die Sieneser zu regieren? – „Mit Lügen, heiligster Vater.“ –

Der alte Petrucci brachte es dahin, daß sein Sohn Borghese Petrucci (seine Mutter war eine Borghese) nach seinem Tode in seine Stelle einrückte. Aber der leichtsinnige und ausschweifende junge Mensch hatte nicht so viel gesunden Verstand, dem alten Rathgeber seines Vaters zu folgen. Er hatte einen Günstling, Pochintesta, der sich die ausschweifendsten Mißhandlungen seiner Mitbürger erlaubte. Antonio rieth ihm, sich durch die Hinrichtung desselben die Liebe des Volkes zu erwerben. Er aber ergab sich ihm, dem geliebten Genossen aller eigenen Bubenstücke, immer mehr, anstatt ihn zu züchtigen. Die Partei, welche den Borghese Petrucci zu verdrängen suchte, bemerkte bald, wo seine Stärke lag, und fing damit an, ihm den Antonio verdächtig zu machen. Der gedankenlose Borghese ging in diese Falle und ertheilte dem beschwerlichen Mentor den Abschied mit angeblichem Bedauern und in der Einkleidung eines Rathes, er möge der allgemeinen Abneigung ausweichen und sich entfernen. Recht wohl, erwiderte Jener, ich werde Ihnen das Quartier bestellen. Der junge Fürst mußte wirklich bald nachfolgen. Die Petrucci hatten es mit den republikanisch gesinnten Florentinern gehalten. Die Revolution zu Florenz, wodurch die Medici in demselben Jahre wieder eingesetzt wurden, als Pandolfo starb (1512), zog also natürlich auch in Siena eine Katastrophe nach sich, wodurch unter dem Schutze Papst Leo X. Rafael Petrucci, Bischof von Grosseto und Castellan des Ca[pg 163]stel Sant’ Angelo zu Rom, ein Vetter und geschworener Feind des Borghese Petrucci und Anhänger der Medici, statt des vertriebenen Borghese auf kurze Zeit Oberhaupt von Siena geworden war. Antonio von Venafro war glücklich nach seiner Vaterstadt entkommen und beschloß daselbst sein Leben in Ruhe. Borghese aber ward wahnsinnig und starb bald darauf in Neapel.

Der Fürst von Siena und sein Minister mögen in Einem verdienten Schicksale untergegangen sein und mit so vielen Andern vergessen werden. Was gehen sie uns weiter an? Aber das Mittel, wodurch der alte Rathgeber entfernt und der Fürst seiner Stütze beraubt worden, verdient Aufmerksamkeit. Dieser ließ sich überreden, sein Freund sei allgemein verhaßt; durch die Entfernung desselben werde ihm die Liebe des Volkes erhalten und seine Herrschaft gesichert werden. Eben so erregten die Günstlinge Königs Karl des Zweiten von England, denen der unbestechliche Clarendon im Wege war, zuerst ein leises Gemurmel: der Kanzler fange an verhaßt zu werden, er sei auch gar zu wenig nachgibig, sein Benehmen allzu rauh. Es fanden sich ihrer bald genug, die mit einstimmten, weil er sich geweigert hatte, ihre unziemlichen Begehren zu erfüllen, und so gelangte eine angeblich allgemeine Stimme vor den Thron, der König müsse seinen Minister entfernen, um selbst bei dem Volke beliebt zu bleiben. Clarendon mußte weichen, und nur sein Andenken hat eine verspätete Genugthuung von der unparteiischen Nachwelt erhalten.

Noch viele andere Fürsten sind in ähnliche Schlingen gefallen. Auch bessere, und diese eben durch den Mißbrauch, den man von ihren vorzüglichsten Eigenschaften gemacht hat; ihrer Achtung gegen das öffentliche Urtheil und gegen die Gesinnungen des Volkes. Dazu gehört wahrlich nicht einmal die Schlauheit eines Arlington oder Buckingham.

25.

Die Geschichte der großen Weltereignisse sowol als die einfache Lebenserfahrung bestätigt ohne Zweifel die in diesem Kapitel vorgetragenen Lehren. – Jedes Zeitalter hat seinen eignen Charakter. Es hat nicht allein eine jede Generation ihren besondern Geschmack, ihre eigenthümlichen Grundsätze und Empfindungsweisen, sondern auch viele Begebenheiten, welche zufällig scheinen, weil ihr Zusammenhang mit den Gesinnungen und Neigungen der Menschen nicht klar vor Augen liegt, nehmen etwas von jenem eigenthümlichen Geiste der Zeit an. Nur derjenige kann hoffen, eine große Wirkung hervorzubringen, dessen Talente in gewissem Verhältnisse zu seinen Zeitgenossen stehen, und der in das, was sie treiben, auf die rechte Art eingreift. Dies Verhältniß des einzelnen handelnden Mannes zu dem, was ihn umgibt, läßt sich nicht immer in bestimmten Ausdrücken angeben und auf Grundsätze zurückführen. Der Beobachter der Welt stößt in der Geschichte und im täglichen Leben häufig auf ein unerklärliches Etwas, welches vollkommen gut ausgesonnene Pläne vereitelt. Es war nicht die rechte Zeit. Ein altes Sprüchwort sagt: „Der Mensch, der des Morgens mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette tritt, [pg 165]stößt den ganzen Tag über allenthalben an und läuft Gefahr, ein Bein zu brechen.“ Wer das Unglück hat, in seine Laufbahn mit einem ersten falschen Schritte einzutreten, kommt den ganzen Tag seines Lebens über nicht in den rechten Tact, und findet stets Widerstand.

Die größten Talente, ja auch Vorzüge des Gemüths, haben nur eine gewisse Zeit, während welcher sie vollgiltig sind. Glücklich, wenn ein günstiges Geschick den Mann von vorzüglichem Geiste abfordert, ehe die Periode abgelaufen ist, in welcher er etwas zu leisten vermag; oder wenn er den rechten Augenblick trifft, sich aus der thätigen Welt herauszuziehen, um dem herben Schicksale zu entgehen, ungeachtet der größten Anstrengung, geringeren, aber gerade jetzt besser angebrachten Kräften weichen zu müssen.

Macchiavelli sah selbst wohl ein, daß es unmöglich ist, dem Menschen vorzuschreiben, wie er handeln soll, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob er, nach seiner individuellen Gemüthsart, gerade er so handeln kann. In einem Briefe an Piero Soderini, worin er nicht mit der feierlichen Miene des Lehrers der Fürsten auftritt, sondern vertraulich seine Meinung mittheilt, drückt er es ganz vortrefflich aus. „So wie die Natur,“ sagt er, „den Menschen verschiedene Gesichter gegeben hat, so haben sie auch verschiedene Gemüthskräfte und verschiedene Launen. Auf der andern Seite sind auch die Zeiten gar sehr von einander verschieden. Demjenigen gelingt Alles ad votum, der es mit dem Zeitalter in seinem Verfahren recht trifft, und derjenige ist unglücklich, der mit demselben in Widerspruch geräth. Die Zeiten und die Umstände ändern sich aber gar oft, ohne daß die Menschen ihre Einfälle und Handlungsweise danach abändern. Wer so gescheidt wäre, Zeit und Umstände allemal zu kennen und sich danach zu richten, würde immer glücklich sein oder sich doch vor Unglück hüten. So würde der Weise wirklich den Sternen und dem Schicksale zu gebieten scheinen. Aber solche gibt es nicht: die Menschen können ihre Natur nicht so ändern.“

Können das die Menschen nicht? Hängt ihr Betragen also auch nicht blos von der richtigen Beurtheilung der Umstände allein ab? Bestimmt wirklich die eigenthümliche [pg 166]Gemüthsart, der Charakter des Menschen, auf welche Art er in das Gewebe der Begebenheiten, das ihn umgibt, eingreifen, und ob er etwas ausrichten werde? So ist es ja falsch, worauf doch das ganze System des Macchiavelli beruht: daß der Fürst sich ohne Vorliebe für irgend Etwas ganz allein von der kalten Beurtheilung leiten lassen müsse, um in seinen Unternehmungen glücklich zu sein. Am Schlusse des Kapitels, wo er Alles übersieht, was der Fürst gethan haben mag, und das Schicksal aller seiner Unternehmungen so treffend weissagt, gesteht der Lobredner des Verstandes selbst ein, daß zu einem großen Manne etwas ganz Anderes erfordert wird als Verstand, und daß es die Kräfte des Gemüths sind, welche die Rolle bestimmen, die er spielen wird.