Fünfzehntes Kapitel.
Havelaars Vorgänger, der wohl das Gute wollte, doch zugleich die hohe Ungnade der Regierung einigermassen gefürchtet zu haben schien—der Mann hatte viele Kinder, und kein Vermögen—hatte also lieber mit dem Residenten »gesprochen« über das, was er »weitgehende« Missbräuche nannte, als dass er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus beim Namen nannte. Er wusste, dass ein Resident nicht gern einen schriftlichen Rapport empfängt, der in seinem Archiv liegen bleibt und später als Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder jene Misslichkeit aufmerksam gemacht wurde, während eine mündliche Mitteilung ihm gefahrlos die Wahl lässt, einer Klage Gehör oder ihr nicht Gehör zu geben. Solche mündlichen Mitteilungen hatten gewöhnlich eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der natürlich alles leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die Leute aufgerufen, die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und dem Adhipatti zu Füssen kriechend baten sie um Schonung. »Nein, der Büffel sei ihnen nicht abgenommen worden für nichts, sie glaubten ja, dass ein doppelter Preis dafür werde bezahlt werden.« »Nein, sie seien nicht von ihren Feldern abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs des Regenten zu arbeiten; sie wüssten sehr gut, dass der Adhipatti sie später reichlich belohnt haben würde.« »Sie hätten ihre Anklage erhoben in einem Augenblick unbegründeten Frevelmuts ... sie seien wahnsinnig gewesen und fleheten, dass man sie strafen möge für so weitgetriebene Unehrerbietigkeit.«
Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der Anklage zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger eine schöne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu stützen, und ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die Regierung mit einem ungünstigen Bericht zu »belästigen«. Die ruchlosen Ankläger wurden mit Stockschlägen bestraft, der Regent hatte triumphiert, und der Resident kehrte nach dem Hauptplatz zurück mit dem angenehmen Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut »geschipperd« zu haben.
Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden Tage sich wieder andere Kläger bei ihm meldeten? Oder—und das geschah häufig—wenn dieselben Kläger zurückkehrten und ihre Einziehung einzogen? Sollte er wieder die Sache in seine private Nota eintragen, um wieder darüber mit dem Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe Komödie spielen zu sehen, alles auf die Gefahr hin, für einen Menschen gehalten zu werden, der—dumm und bösartig vielleicht—so oft Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegründet abgewiesen werden mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen freundschaftlichen Verhältnis zwischen dem vornehmsten Inländischen Häuptling und dem ersten Europäischen Beamten, wenn dieser fortwährend falschen Anklagen gegen diesen Häuptling Gehör zu geben schien? Und vor allem, was wurde aus den armen Klägern, nachdem sie in ihr Dorf zurückgekehrt waren, wo sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfhäuptlings unterstanden, den sie als Werkzeug von des Regenten Willkür angeklagt hatten?
Was aus den Klägern wurde? Wer flüchten konnte, flüchtete. Darum schweiften soviel Bantamer in den benachbarten Provinzen umher! Darum waren soviel Bewohner von Lebak unter den Aufständischen in den Lampongschen Distrikten! Darum hatte Havelaar in seiner Ansprache an die Häuptlinge gefragt: »Was ist dies, dass soviel Häuser leer stehen in den Dörfern, und warum ziehen viele den Schatten der Gebüsche anderswo der Kühle der Wälder von Bantan-Kidūl vor?«
Doch nicht jeder konnte flüchten. Der Mann, dessen Leichnam morgens den Fluss hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, zögernd, ängstlich beim Assistent-Residenten um Gehör ersucht hatte ... er war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human erachten, dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch kurzen Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei Rückkehr in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die Stockprügel erspart, die die Strafe sind für jeden, der einen Augenblick meinen mochte, dass er kein Tier sei, kein seelenloser Holzklotz oder ein Stein; die Strafe für den, der in einer Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte, dass Recht im Lande sei, und dass der Assistent-Resident den Willen und die Macht habe, dieses Recht durchzusetzen ...
War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am andern Morgen zum Assistent-Residenten zurückkehrte—wie dieser ihm abends sagen liess—und seine Klage in dem gelben Wasser des Tjiudjung zu ersticken, das ihn sanft nach der Mündung hinunterführen würde, gewohnt, Überbringer zu sein der brüderlichen Grussgeschenke der Haie im Binnenlande an die Haie in der See?
Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen und hierin einer höheren Macht verantwortlich sei als der Macht einer Regierung, die wohl dies Recht in ihren Gesetzen vorschrieb, doch nicht immer gleich gern deren Anwendung sah? Empfindet man, wie sehr ihn Zweifel plagen mussten, Unentschiedenheit darüber, nicht was ihm zu thun oblag, doch auf welche Weise er zu handeln hatte?
Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als »älterer Bruder«, und wer meinen möchte, dass ich in Eingenommenheit für den Helden meiner Geschichte die Weise, in der er sprach, übermässig herauszustreichen suche, der höre, wie einmal nach solcher Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er ihm für seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange darnach dieser Patteh im Gespräch mit dem Kontrolleur Verbrugge—als Havelaar aufgehört hatte, Assistent-Resident von Lebak zu sein, als also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu fürchten war—wie dieser Patteh bei der Erinnerung an seine Worte begeistert ausrief: »Noch niemals hat irgend ein Herr gesprochen wie er!«
Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! Er hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel drückend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit sich führt, suchte nach Gründen der Schonung. Der Regent war alt und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend für ihn, in der Lebensweise so weit hinter seinen jüngeren Verwandten zurückstehen zu müssen? Obendrein meinte der Mann, von Schwärmerei ergriffen, mit dem Wachsen seiner Jahre das Heil seiner Seele durch Bezahlung von Wallfahrten nach Mekka und durch Almosen an gebetsingende Müssiggänger erkaufen zu können. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen waren, hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte die ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollständig zur Last lag, die Rückkehr zum rechten Wege sehr schwierig.
So suchte Havelaar nach Gründen, alle Strenge auszuschliessen und noch einmal versuchen zu können, was sich erreichen liess mit Milde.
Und er ging noch über Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an die Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem Regenten fortwährend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit nicht irgend ein Zwang allzu stark zum Vergehen dränge, und er vergass wie gewöhnlich sich selbst so weit, dass er bereit war, sich und die Seinen auf das durchaus Nötige zu beschränken, um dem Regenten mit dem Wenigen unter die Arme zu greifen, das er noch von seinem Einkommen würde ersparen können.
Wenn noch der Beweis nötig erscheinen möchte für die Sanftmut, mit der Havelaar seine schwierige Pflicht erfüllte, so würde er gefunden werden können in einer mündlichen Botschaft, die er dem Kontrolleur auftrug, als derselbe einmal nach Serang zu reisen hatte: »Sagen Sie dem Residenten, er möge, wenn er von den Missbräuchen hört, die hier vorkommen, nicht glauben, dass ich dem gleichgültig gegenüberstehe. Ich mache nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten, mit dem ich Mitleid fühle, vor allzu grosser Strenge bewahren möchte und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu bringen.«
Havelaar blieb häufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf unserem Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er gewöhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um Gehör ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewählt, weil er dort in der Nähe seiner Tine war, die sich gewöhnlich im nebenan gelegenen Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, dass Max, auch wenn er mit einer Arbeit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit und Mühe erforderte, stetig das Bedürfnis fühlte, sie zu sehen oder zu hören. Es war oft spasshaft, wie er auf einmal ein Wort an sie richtete, das in seinen Gedanken über die ihn beschäftigenden Dinge aufdämmerte, und wie schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag, den Sinn seiner Meinung zu erfassen wusste, die er ihr gewöhnlich gar nicht einmal auseinandersetzte, als sei es selbstverständlich, dass sie wüsste, worauf er hinaus wolle. Häufig auch, wenn er unzufrieden war über seine eigene Arbeit oder über einen soeben empfangenen verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach ein unfreundliches Wort zu ihr ... die doch schuldlos war an seiner Unzufriedenheit! Doch das hörte sie gern, denn es war ihr ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr Max mit sich selbst identifizierte. Und es war auch niemals die Rede von einem Bedauern über solche scheinbare Härte oder von Vergebung auf der andern Seite. Das wäre ihnen vorgekommen, als hätte jemand sich selbst um Verzeihung gebeten, dass er ärgerlich sich vor den eigenen Kopf geschlagen hatte.
Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie da sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen ... genau, wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau, wann sie ihn allein lassen musste.
In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand.
—Das ist eine schwierige Sache, M’nheer Havelaar, sagte er eintretend. Sehr schwierig!
Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung enthielt, aufzuklären, warum eine Veränderung in den Preisen von Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufügen, dass viele andere ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen Frage gefunden haben würden.
Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefängnis gebaut worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den Binnenländern von Java die Kunst verstehen, Gebäude zu errichten, die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte dafür auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der Tüchtigkeit und des Eifers in der Bedienung des Landes. Der Unterschied zwischen den ausgegebenen Geldern und dem Werte des dafür Erhaltenen wird durch unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte Arbeit erzielt. Seit einigen Jahren bestehen Vorschriften, die dies verbieten. Ob sie innegehalten werden, steht hier nicht zur Frage. Ebensowenig, ob die Regierung selbst will, dass sie innegehalten werden mit einer Genauigkeit, die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken würde. Es wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen Vorschriften, die so menschenfreundlich auf dem Papier aussehen.
Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Gebäude errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der Pläne hierfür betraut waren, hatten Angaben von den örtlichen Preisen der Materialien und von der Höhe der Arbeitslöhne am Platze eingefordert. Havelaar hatte den Kontrolleur mit einer genauen Untersuchung diesbezüglich beauftragt und ihm anbefohlen, die Preise der Wahrheit gemäss anzugeben, ohne Rücksicht darauf, was früher geschah. Als Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden war, stellte es sich heraus, dass seine Preise nicht übereinstimmten mit den Angaben, die einige Jahre früher gemacht waren. Es wurde nun nach dem Grunde dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand für Verbrugge soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was hinter dieser scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass er seine Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen würde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden Schriftstücken eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage hin geschrieben zu sein scheint.
Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz über die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar nichts angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen, dass hier eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, von dem Zustande der amtlichen Indischen Haushaltung, und dass der Brief, den ich mitteile, nicht allein mehr Licht auf den künstlichen Optimismus wirft, von dem ich redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist, mit denen jemand zu kämpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und ohne sich umzusehen seinen Weg gehen wollte.
»Nr. 114. Rangkas-Betung, den 15. März 1856.
An den Kontrolleur von Lebak.
Als ich den Brief des Direktors der Öffentlichen Arbeiten vom 16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen überwies, habe ich Sie ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach Überlegung mit dem Regenten zu beantworten, und zwar unter Berücksichtigung dessen, was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb.
Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bezüglich dessen, was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der Preise von Materialien, die von der Bevölkerung an die Verwaltung und im Auftrag derselben zu liefern sind.
Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem—und wie ich glaube, nach Ihrem besten Wissen—Folge gegeben, so dass ich, vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten, diese Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten unterbreitet habe.
Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses, No. 326, durch welche um eine Erklärung ersucht wird bezüglich der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen Preisen und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau eines Gefängnisses gezahlt wurden.
Ich liess natürlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen mündlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben vom 5. dieses gab, und die wir auch mündlich mehrmals ausführlich besprachen.
Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung.
Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen überwiesenen Briefe des Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich gewahrte bei Ihnen wiederum jene Scheu, die Dinge beim wahren Namen zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit lenkte, unter anderem unlängst in Gegenwart des Residenten, etwas, das ich in Kürze Halbheit nenne und wovor ich Sie schon mehrfach freundschaftlich warnte.
Halbheit führt zu nichts. Halb-gut ist nicht gut. Halb-wahr ist unwahr.
Für vollen Sold, für vollen Rang, nach einem deutlichen, vollständigen Eide thue man seine volle Pflicht.
Ist zuweilen Mut nötig, um diese zu erfüllen: man besitze ihn.
Ich für mich würde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich selbst, die eine Folge von Pflichtversäumnis und Lauheit ist, gebiert das Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und überall einem Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu »schipperen« mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als man auf dem rechten Wege antreffen wird.
Während des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt beim Gouvernement zur Erwägung steht und in die Sie eigentlich von Amts wegen einbezogen sein müssten, habe ich Sie stillschweigend sozusagen neutral gelassen, und nur lächelnd von Zeit zu Zeit darauf angespielt.
Als zum Beispiel unlängst Ihr Rapport über die Ursachen von Mangel und Hungersnot unter der Bevölkerung bei mir eingegangen war, und ich darauf schrieb: »Dieses alles möge Wahrheit sein, doch es ist nicht alle Wahrheit, noch die hauptsächlichste Wahrheit. Die Hauptursache sitzt tiefer«, stimmten Sie dem in vollem Umfange zu, und ich machte keinen Gebrauch von meinem Recht, zu fordern, dass Sie dann auch diese Hauptwahrheit nennen sollten.
Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Gründe und unter anderm den, dass ich es für unbillig hielt, auf einmal von Ihnen etwas zu fordern, um das viele andere an Ihrer Stelle ebensowenig sich reissen würden, Sie zu zwingen, so auf einmal dem gewohnten Laufe der Zurückhaltung und Menschenfurcht Valet zu sagen, der nicht so sehr Ihnen als Schuld beizumessen ist, als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gemächlicher es ist, eine Pflicht ganz zu thun, als halb.
Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt die Gelegenheit gab, Grundsätze kennen zu lernen, die—es sei denn, dass ich irre—zuguterletzt triumphieren werden—jetzt wünschte ich doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass Sie sich die wohl nicht mangelnde, aber ausser Übung gekommene Kraft erwürben, die nötig scheint, um Sie stets nach Ihrem besten Wissen rundheraus sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie also ganz und gar jene unmännliche Furchtsamkeit verlieren zu lassen, die immer nur darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der Affaire zu ziehen.
Ich erwarte also nun eine einfache, aber vollständige Angabe dessen, was Ihnen als Ursache des Preisunterschieds erscheint zwischen jetzt und den Jahren 1853 und 1854.
Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses Briefes aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu kränken. Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt haben, um zu wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage, als ich meine, und überdies gebe ich Ihnen noch zum Überfluss die Versicherung, dass meine Bemerkungen eigentlich weniger Sie betreffen, als die Schule, in der Sie zum Indischen Beamten erzogen wurden.
Diese circonstance atténuante würde jedoch hinfällig werden, wenn Sie, indem Sie noch länger mit mir verkehrten und dem Gouvernement unter meiner Leitung dienten, fortführen, dem Schlendrian zu folgen, gegen den ich mich auflehne.
Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des »Euerwohledelgestrengen« begeben habe: es langweilte mich. Thun Sie es auch und lassen Sie unsere »Wohledelheit« und, wo es nötig ist, unsere »Gestrengheit« anderswo und vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser langweilenden, sinnstörenden Titulatur.
Der Assistent-Resident von Lebak
Max Havelaar.«
Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend für manchen von Havelaars Vorgängern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht hatte, als er »die schlechten Beispiele früherer Zeit« mit unter die Gründe aufnahm, die für Schonung des Regenten sprechen konnten.
Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt, um nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hülfe Havelaar von dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere Dinge beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten, der ohne Zweifel ein braver Mensch war, so zugeredet werden musste, dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur um Angabe der Preise von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. Man entnimmt also, dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu kämpfen hatte, die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern gleichzeitig auch mit der Furchtsamkeit derjenigen, die—wie sehr auch sie selbst diese unreellen Handlungen missbilligten—sich nicht berufen oder geeignet erachteten, hiergegen mit dem erforderlichen Mute aufzutreten.
Vielleicht wird man auch nach der Lektüre dieses Briefes einigermassen zurückkommen von der Geringschätzung der sklavischen Unterwürfigkeit des Javanen, der in Gegenwart seines Häuptlings die erhobene Beschuldigung, wie begründet immer sie sein mochte, feigherzig zurückzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht vorhanden war selbst für den Europäischen Beamten, der doch wohl minder der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen Landbewohners, der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der Macht seiner angeklagten Unterdrücker anheimfiel? Ist es ein Wunder, dass diese armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer Keckheit, diesen Folgen zu entgehen oder sie durch demütige Unterwerfung zu mildern suchten?
Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine Pflicht mit einer ängstlichen Scheu that, die an Pflichtversäumnis grenzte. Auch der Djaksa, der Inländische Häuptling, der bei dem Landrat das Amt des öffentlichen Anklägers einnahm, betrat am liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars Wohnung. Er, der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag hatte, den schleichenden Dieb zu überraschen, er schlich, als wäre er selbst der Dieb, der Überraschung fürchtete, mit leisem Tritt an der Hinterseite ins Haus hinein, nachdem er sich erst überzeugt hatte, dass kein Besuch da war, der ihn später als schuldig der Pflichterfüllung würde verraten können.
War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrübt war, und dass Tine mehr denn jemals es nötig fand, in sein Zimmer zu treten, um ihn aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand gestützt, dasitzen sah?
Und doch lag ihm die grösste Schwierigkeit nicht in der Furchtsamkeit derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der mitschuldigen Feigherzigkeit derer, die seine Hülfe angerufen hatten. Nein, zur Not würde er ganz allein Recht thun, mit oder ohne Hülfe von andern, ja, gegen alle, und sei es selbst gegen den Willen derer, die dieses Rechtes bedürftig waren! Denn er wusste, welchen Einfluss auf das Volk er hatte, und wie—wenn einmal die armen Unterdrückten aufgerufen waren, um laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie ihm abends und nachts in Einsamkeit zugeraunt hatten—er wusste, wie er die Macht hatte, auf ihre Gemüter zu wirken, und wie die Kraft seiner Worte stärker sein würde als die Angst vor der Rache von Distriktshäuptling oder Regent. Die Befürchtung, dass seine Schützlinge von ihrer eigenen Sache abfallen möchten, hielt ihn also nicht zurück. Aber es kostete ihn so viel, den alten Regenten anzuklagen: das war der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte er auch nicht diesem Widerwillen nachgeben, da die ganze Bevölkerung, abgesehen von ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte.
Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. Denn wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fällt, den Europäischen Beamten brotlos zu machen, als einen Inländischen Häuptling zu strafen, er hatte doch einen besonderen Grund, zu glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der Beurteilung der vorliegenden Sache andere Grundsätze als die gewohnten sich geltend machen würden. Es ist wahr, dass er auch ohne diese Meinung ebensowohl seine Pflicht gethan haben würde, ja, um so lieber, als er die Gefahr für sich und die Seinen grösser denn jemals erachtete. Es wurde schon gesagt, dass Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausübten und wie ihn dürstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier das Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und fürchtete, dass er—schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das Unrecht überzugehen—des ritterlichen Hochgefühls sich werde entschlagen müssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der Schwächere.
Ja, das fürchtete er. Er war der Meinung, es stünde an der Spitze der Regierung ein Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein würde, und es war wieder eine Eigentümlichkeit seines Charakters, dass diese Meinung ihn von strengen Massregeln zurückhielt, und zwar länger, als irgend etwas anderes ihn abgehalten haben würde, weil sein Wesen es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er das Recht für stärker hielt denn gewöhnlich. Sagte ich nicht schon, als ich versuchte, sein Naturell zu beschreiben, dass er naiv war bei all seinem Scharfsinn?
Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war.
Es können sich sehr wenige europäische Leser eine rechte Vorstellung bilden von der Höhe, auf der ein Generalgouverneur als Mensch stehen muss, um nicht unter der Höhe seines Amtes zu bleiben, und man sehe es denn auch nicht als ein strenges Urteil an, wenn ich zu der Meinung neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, einer so schweren Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all die Qualitäten des Kopfes wie des Herzens, die hierfür nötig sind, sich aufzählen zu lassen, erhebe man nur das Auge zu der schwindelerregenden Höhe, auf die so über Nacht der Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher Bürger, heute Macht hat über Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem noch in seiner Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht über sie hinauszuragen, fühlt sich auf einmal, meist unerwartet, über eine Menge erhoben, die unendlich viel grösser ist als der kleine Kreis, der ihn früher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich glaube, dass ich nicht mit Unrecht die Höhe schwindelerregend nannte, denn sie lässt den Schwindel jemandes empfinden, der unerwartet einen Abgrund vor sich sieht, oder die Blindheit, die uns befällt, wenn wir aus tiefem Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes Licht übergeführt werden. Solchen Übergängen sind die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen, mögen sie selbst von aussergewöhnlicher Stärke sein.
Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens die Ursachen des Verderbs mit sich führt, des Verderbs selbst eines Menschen, der durch Verstand und Gemüt hervorragte, was ist dann wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an, dass der König stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen Namen unter die Akte zeichnet, in der er sagt, dass er von der »guten Treu, dem Eifer und der Tauglichkeit« des ernannten Statthalters überzeugt sei, nehmen wir immer an, dass der neue Unterkönig eifrig, treu und tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor allem, ob diese Tauglichkeit bei ihm in einem Masse vorhanden ist, hoch genug erhoben über Mittelmässigkeit, um den Ansprüchen seiner hohen Berufung zu genügen.
Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Königs verlässt, in diesem Augenblick die Tauglichkeit besitzt, die für sein neues Amt nötig sein wird ... das ist unmöglich! Mit der Bezeugung des Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die Meinung ausgesprochen sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, in einem gegebenen Augenblick, durch Eingebung, wenn’s nicht anders ist, wissen werde, was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit andern Worten: dass er ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male kennen muss und können, was es weder kannte noch konnte. Solche Genies sind selten, sogar selten unter Personen, die bei Königen in Gunst stehen.
Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich übergehen möchte, was über so manchen Landvogt zu sagen wäre. Es schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche Blätter einzufügen, die den ernsthaften Zweck dieses Werkes durch den Verdacht des Skandalinteresses als fragwürdig erscheinen lassen würden. Ich lasse also die Besonderheiten, die auf bestimmte Personen entfallen würden, beiseite; aber als allgemeine Krankheitsgeschichte der Generalgouverneurs meine ich angeben zu können:
Erstes Stadium: Schwindel. Weihrauchtrunkenheit. Grössenwahn. Unmässiges Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der durch langen indischen Aufenthalt Eingebürgerten.
Zweites Stadium: Ermattung. Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf und Ruhe. Übermässiges Vertrauen auf den Rat von Indien. Abhängigkeit vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem holländischen Landsitz.
Zwischen diesen beiden Stadien, als Übergang—vielleicht gar als Ursache dieses Übergangs—liegen dysenterische Bauchbeschwerden.
Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden für diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als sicher annehmen, dass der Kranke, der durch Überspannung in der ersten Periode an einer Mücke ersticken würde, später—nach der Bauchkrankheit!—sonder Beschwer Kamele vertragen wird. Oder, um deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der »Geschenke annimmt, nicht in der Absicht sich zu bereichern«—z. B. einen Büschel Bananen im Werte einiger Heller—mit Schmach und Schande wird fortgejagt werden in der ersten Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld hat, den letzten Zeitabschnitt abzuwarten, sehr ruhig und ohne irgend welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des Gartens wird machen können, wo die Bananen wachsen, mit den Gärten, die daran liegen ... zum Herrn der Häuser, die in der Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen, was in diesen Häusern ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr, ad libitum.
Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung vorzubeugen ...
Verflucht, dass Entrüstung und Betrübtheit so oft sich kleiden müssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass eine Thräne, um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein muss! Oder liegt die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein Mass für die Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer Staatsverwaltung frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro oder Polichinel zu suchen?
Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstücke, worin Stil ist! Stil, der verriet, dass ein Mensch in der Nähe war, ein Mensch, dem die Hand zu reichen der Mühe wert gewesen wäre! Und was hat dieser Stil dem armen Havelaar geholfen? Er übersetzte seine Thränen nicht in Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit der Farben zu fesseln oder durch die tollen Spässe des Ausrufers vor der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen?
Könnte ich schreiben wie er, ich würde anders schreiben als er.
Stil? Habt ihr gehört, wie er zu den Häuptlingen sprach? Was hat es ihm geholfen?
Könnte ich reden wie er, ich würde anders reden als er.
Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit, Deutlichkeit, Einfalt, Gefühl! Fort mit allem, was erinnert an des Horatius »justum ac tenacem«! Trompeten hier etwa und scharfes Gellen von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen von falschen Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit einschlüpfe wie verbotene Ware unter Bedeckung von soviel Getrommel und Gepfeife!
Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu ertränken in dem »ich habe die Ehre« und den »Edelgestrengheiten« und dem »ehrerbietig zur Erwägung geben«, wie es die Wollust der kleinen Welt ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb, durchdrang einen etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken trieben bei diesem Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines blechernen Theaterdonners hörte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken schlug, fühlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser des allerjämmerlichsten Berichts über »ruhige Ruhe«. Und was hat es ihm geholfen?
Wenn ich also gehört werden will—und verstanden vor allem!—muss ich anders schreiben als er. Aber wie dann?
Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses »wie«, und darum hat mein Buch ein so scheckiges Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff deine Wahl. Nachher werde ich dir gelb oder blau oder rot geben, wie du es wünschest.
Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so häufig wahrgenommen, an soviel Patienten—und oft ‚in anima vili‘, denn es giebt analog Residenten-, Kontrolleurs- und Surnumerairskrankheiten, die sich zu der ersteren verhalten wie Masern zu Pocken, und endlich: er selbst hatte an dieser Krankheit gelitten!—schon so häufig hatte er das alles wahrgenommen, dass die bezüglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut bekannt geworden waren. Er hatte den gegenwärtigen Generalgouverneur beim Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu dürfen, dass auch der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen würde.
Da lag der Grund, dass er fürchtete, er werde der stärkere sein, wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der Einwohner von Lebak würde auftreten müssen.
Sechzehntes Kapitel.
Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch darzubringen wünsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er wusste, dass die Häuptlinge in den Preanger Regentschaften einen grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen würde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden mussten. Er hätte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den Regenten von Rangkas-Betung kränkten, da dieser sehr stolz war und sich tief beleidigt gefühlt haben würde, wenn man seine verhältnismässige Armut als zu entscheidendes Moment angeführt hätte, ihn nicht zu besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben, unter dem die Bevölkerung gebeugt ging.
Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch ebenso gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, Recht thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt, vor Verbrechen zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin auch nur zaghaft und verstohlenerweise.
Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend, wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, und sie gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und er stand auf, um die Kläger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Häuptling war, und wiewohl dieser Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom Erpressten zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis, dass er meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten raubte. Es war rührend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars Ritterlichkeit bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen, dass sie am folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies hätte Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! Havelaar zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klägern, dass sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten, wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen und hatte—gewöhnlich des Nachts—die Sache untersucht, bevor noch der Kläger selbst an seine Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte er in dieser ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klägern abzuwenden und zugleich dem Regenten die Beschämung einer öffentlichen Untersuchung zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie früher mit einer Einziehung der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, dass die Häuptlinge den gefährlichen Weg verlassen würden, den sie schon so lange begingen, und es hätte in diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden, dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die Vergütung des erlittenen Schadens möglich sein würde.
Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte, erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der Besserung eitel waren, und er war bitter betrübt über das Missglücken seiner Bemühungen.
Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner mühevollen Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Saïdjah in der Dessah Badūr zu erzählen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen Schöpfung—was ihren Hauptzweck angeht—Beweiskraft absprechen möchte, so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben, denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Büffel abgenommen sind für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrückt: dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben, und deren Klage von Havelaar untersucht und begründet befunden ist.
Solcher Distrikte sind fünf in der Abteilung Lebak ...
Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Büffel minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten, von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die Unverschämtheit von anderen Häuptern auf gleich festem Untergrunde ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshäuptling zum Beispiel von Tjilang-Kahan an der Südküste konnte in Ermangelung eines gefürchteten Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des Einbringens einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis sechzig »Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen möglich war, sich abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu die vielen berücksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los gewahrend, das anderen Klägern erblühte, dann, glaube ich, würde sich die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der Zahl gestohlener Büffel aus einem Distrikt mit fünf einen zu hohen Massstab ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder verlangt, die jeden Monat in fünf Distrikten geraubt wurden, um den Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.
Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es ist—besonders in Indien, wo noch immer »Herrendienst« gesetzlich besteht—ein geringeres Mass von Unverschämtheit nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die Regierung ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts und wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane nachzuspüren wagen, ob der sogenannte »Herrendienst«, den man von ihm verlangt, mit den diesbezüglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch würde ihm dies unmöglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-, ja, fünfzigfach überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche, leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgeführt wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, deren man sich bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr ausgesetzt sind?
Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des Javanen Saïdjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt, die bei der Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen, die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen Personen so besonders schwierig machen.
Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich dies dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung wird doch wie ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia, Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon—zusammen Sundahlande genannt—werden nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet, und in der That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevölkerung eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Engländer gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java allein schon so scharf in zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus berechnen können, wie gross der Unterschied bei Volksstämmen sein muss, wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden sind. Wem Niederländisch-Indien allein von Java her bekannt ist, der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen, dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak, dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa verlassen hätte, und es ist für jemanden, dem Gelegenheit wurde, den Unterschied zwischen diesen Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich, die Gespräche von Personen anzuhören—toll und betrübend zugleich, ihre Redensarten gedruckt sehen zu müssen!—von Personen, die ihre Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg erwarben. Oftmals habe ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft, die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und oft verwunderte ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis auf diese Weise zu eigen gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der rechtmässige Lohn vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit ist. Grösser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten, der geringere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtümer zu verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.
Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als nur von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich stutzen müssen über die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu verstecken suchte, den ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht, als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner Rede behandelt.
Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. Oft wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekämpft, indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht uninteressant, eine Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage nicht an der Sache geprüft, um die es sich bei dieser Frage handelt, sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes beimisst, der darüber das Wort führt, und da dies meistens die Person ist, die als eine »Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt hieraus, dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtümer trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen Stellungen« untrennbar scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner Spezialität von einem Mitglied der Volksvertretung ausgeübt wird, wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung, wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Königs, der sich zwingen liess, solch eine Spezialität an die Spitze seines Ministeriums für die Kolonien zu setzen.
Es ist eine eigentümliche Erscheinung—herzuleiten vielleicht aus einer Art Trägheit, die die Mühe dies Selbst-Urteilens scheut—wie leicht man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein kann, die nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen Übergewichts die Eigenliebe weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man sich derselben Hülfsmittel hätte bedienen können, wodurch etwas wie Wetteifer entstehen würde. Es fällt dem Volksvertreter leicht, seine Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekämpft, von dem man annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn nur diese vorausgesetzte grössere Zutreffendheit nicht persönlicher Tüchtigkeit zugeschrieben werden braucht—deren Anerkennung schwerer fallen würde—sondern allein den besonderen Umständen, die sich diesem Gegner günstig erwiesen.
Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen, was diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist um so mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen, doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, was ihnen von irgend einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fünfzig Jahre in Niederland gewohnt, über den Haushalt des Niederländischen Staates gesagt werden würde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in Niederländisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder mit Inländischen Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitäten gehören.
Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für ein Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestände, dass man einen so wichtigen Posten fortwährend unbesetzt liesse, spricht noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie würde unter dem Ministerium für die Kolonien nicht arbeiten können und also unbrauchbar sein für den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind.
Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der Form einer Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die Beachtung derjenigen erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die für den Posten des Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien und im Besitz eines Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt, zu lernen, was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für sehr notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang, und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten Jahren ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des Generalgouverneurs vermeinte stützen zu können, und ich fügte hinzu, »dass diese Meinung naiv war«. Dieser Generalgouverneur erwartete seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte!
Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak, Havelaar und auch dem Javanen Saïdjah eingebracht hat, zu dessen eintöniger Geschichte—einer unter sehr vielen!—ich jetzt übergehe.
Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die Erzählung von der Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den Erdklumpen—den Berg—hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie zurück mit ihrer Fracht, um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss fassen werde auf dem Steinchen dort oben—auf dem Felsen, der den Berg krönt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund, der überholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht ausfüllen würden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat, ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Körper, auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last zwischen ihren Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in steter Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt, sie erstickt, die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe weist—ein Grashalm!—sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht: der Baum schnellt zurück—der Grashalm weicht unter ihrem Fuss—ach, die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang—was viel ist in dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt ist von dem Schmerz ihres Sturzes? Oder überlässt sie sich missmutiger Stimmung, da soviel Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustürzen.
So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings, wer Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun—viele nennen sie schwarz—und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug, ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie darauf niedersehen, es zu thun sonder Rührung.
Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fähig sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis, Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere Weise zur Geltung bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand Seelenvortrefflichkeit.
Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht so weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem weggeführten Rinde her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Räubers Hause, sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprügeln und Blockgefängnis ... seht, ich fordere nicht—noch erwarte ich, o Niederländer!—dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den Thränen, die über so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich, dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den König tretet und sagt: »Sieh, o König, das geschieht in deinem Reich, in deinem schönen Reiche Insulinde!«
Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch so viel Gefühl überliesse für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für ernstere Dinge nötig als ... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf der Börse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt mit Sinken?
»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!« habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn der Kaffee steht sehr gut.
Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten Kapitel wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitärspiel gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Kränzchen. Hatte ich nicht recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern—und Fritz macht auch mit, das ist gewiss!—wohl junge Leute wiedererkennen, die in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach Driebergen gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfällen in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es ist ein fester Grundsatz bei mir, immer mässig und gelassen zu bleiben—denn ich halte das für nützlich in Geschäften—doch ich muss sagen, dass es mich manchmal grosse Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, den Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die Menschen bei ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss man durch einen ganz schmalen Gang, an einem Ölspeicher entlang, wo es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires über die Büffel! Was brauchen sie Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe noch niemals einen Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses Arbeiten für die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch.
O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, wie er das Buch schreiben würde, das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler in Kaffee—und für andere—dann hätte ich’s lieber selbst gethan. Doch hat er eine Stütze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt—denn ich bin aufrichtig in solchen Sachen—dass wir uns die Geschichte von dem Saïdjah wohl würden schenken können, aber da kriegte ich es auf einmal mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat, dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen toll nach. Ich würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand Partei ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich, als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht der Fall, denn sie machen in Zucker.
Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland—diese Woche noch hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht—steht es ihm wohl gut, dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine ich. Ich stellte vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. »O, damit hat’s keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wäre und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, führte er Busselinck & Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, »die haben also ein Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, denn ich muss, weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman wenig vom Geschäft verstehen und dass es niederträchtige Pfuscher sind.
Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche—sie war an der Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei der Geschichte von Lot—hielt sie plötzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hält, suchte sie mit Güte zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch für ein sittsames Mädchen nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb mit ihrer Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterläse. Ich habe sie mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe, dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe für die sittliche Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser Strenge vor allem übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in der letzten Zeit—ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht—Ansichten angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit scheinen, auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter anderm ein französisches Lied singen hören—von Béranger, glaube ich—worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frühstück ohne Korsett—unsere Marie, meine ich—was doch nicht anständig ist.
Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt, denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer ältesten Tochter, die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel auf Sittlichkeit.
Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie Fritz sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er, da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den rechten Weg wies, denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar klagt über seine Anmassendheit—über Fritzens, meine ich—in der Katechismusstunde, und der Junge scheint—natürlich wieder aus dem Paket von Shawlmann—eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben, die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns trinkt, bei Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen versucht der eifrige Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach dem Menschen, um eingeführt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist für alle Ewigkeit. »O, sagte er gestern—Wawelaar meine ich—o, mein junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hören Sie und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu sehen durch meinen Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...«
»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz darauf.—Leser, was soll ich mit dem Jungen anfangen?
Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. »O, junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der Anfang war so wie vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie unbewegt bleiben, wenn Sie bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezählt werden zu den Böcken auf der linken Seite ...«
Da brach der Taugenichts in Gelächter aus—Fritz, meine ich—und auch Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hülfe gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt, die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll.
Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören über Büffel und Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn ich fürchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tüchtiger Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott alles so regiert, dass Rechtgläubigkeit zum Reichtum führt. »Sehet nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom Glauben her. Ist nicht in Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen arm? Es sind Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut da drüben. Das ist Gottes Wille so!«
Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in Geschäftssachen. Denn es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, während die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas geben, ihr Leben lang niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten, haben unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen müssen, der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. Kürzlich hat es sich gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht so, als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes, der den Bösen lässet arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da drüben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren Glauben? Heisst es nicht darum »betet und arbeitet«, dass wir beten sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen, das kein Vaterunser kennt?
O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in den Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft, die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jünger ist als ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und schien wieder geweint zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch eine Art trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas, die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, sündigt, wenn er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe niemals was auf der Strasse—das ist Grundsatz bei mir—denn ich sage mir immer, wenn ich so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist, und ich darf sie nicht bestärken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags gebe ich zweimal: einmal für die Armen und einmal für die Kirche. So ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock laufen lassen würde, wenn er besser aufgepasst hätte und nicht faul, dünkelhaft und kränklich wäre.
Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern unsern Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Saïdjah entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mädchen so etwas nett finden, kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklärlich, dass Männer von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhören. Mir ist sicher, dass ich auf dem anstehenden Kränzchen das Triolett von meinem Solitärspiel finde.
Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen Flanell gekauft in der Veenestraat—ich und meine Frau, meine ich—und nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte, habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre 1848 von all dem Murren zu denken hatte.
Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko« offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil, sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul, dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam, wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich, aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm, das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so.