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Max Havelaar

Chapter 6: Fünftes Kapitel.
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About This Book

A framed narrative presents a city-based narrator who introduces and preserves the testimony of a former colonial administrator exposing abusive practices in plantation economies and commercial trade. The text alternates vivid portraits and satirical sketches of complacent townspeople and officials with documentary inserts and lyrical asides, mixing biting humor and moral outrage while detailing bureaucratic corruption, economic exploitation, and the human cost suffered by local populations. Its hybrid structure blends reportage, polemic, and fiction to press for conscience and reform.

Fünftes Kapitel.

Es war des Morgens um zehn Uhr eine ungewöhnliche Bewegung auf dem grossen Wege, der die Abteilung Pandeglang verbindet mit Lebak. »Grosser Weg« ist vielleicht etwas zu viel gesagt von dem breiten Fusspfad, den man, aus Höflichkeit und Ermangelung eines bessern, den »Weg« nannte. Doch wenn man mit einem vierspännigen Fuhrwerk von Serang, dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam, verzog, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung zu begeben, dem neuen Hauptplatz im Lebakschen, konnte man einigermassen sicher sein, nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb man fortwährend im Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden schwer, lehmig und klebrig ist, wohl war man oft genötigt, die Hülfe der Bewohner der nächstgelegenen Dörfer anzurufen—waren sie auch nicht sehr nahe, denn die Dörfer sind nur dünn gesäet in diesen Gegenden—aber wenn es einem dann endlich geglückt war, an die zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen zu kriegen, so dauerte es gewöhnlich nicht sehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche, die Läufer—in Europa würde man, glaube ich, »palfreniers« sagen, oder richtiger vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen Läufern entsprechen würde—die unvergleichlichen Läufer also mit ihren kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann her, stiessen unbeschreibliche Töne aus und schlugen den Pferden anfeuernd unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit weiter, bis der verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis über die Achsen in den Moder sank. Dann fing das Rufen um Hülfe aufs neue an. Man wartete geduldig, bis die Hülfe kam, und ... krebste weiter.

Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als müsste ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem vorigen Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. Aber das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden, wo sie sein wollten.

Man würde sich sehr irren, wenn man sich von dem ganz grossen Weg auf Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im Lebakschen bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren vielen Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel Volk anlegen liess, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit, und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und der Unzufriedenheit der Häuptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding zustande zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und verdient.

Keine der mit Pferden betriebenen Überland-Posten in Europa—selbst nicht in England, Russland oder Ungarn—kann denn auch der auf Java gleichgestellt werden. Über hohe Bergrücken, hart an Abgründen vorbei, die dich erschauern lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf den Bock genagelt, Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, und er schwenkt die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau zu berechnen, wo und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem Zügel bändigen muss, um nach einer wahren Höllenfahrt den Bergabhang hinunter drüben an jener Ecke ...

—Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! schreit der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die Tiefe!

Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo einen Galoppsprung weiter dem Vorspann der feste Boden unter den Füssen schwinden würde, wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die Ecke herum. Sie fliegen die Berghöhe hinauf, die ihr einen Augenblick früher nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch.

Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein auf den Rädern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr beschreibt: die zentrifugale Kraft hat die inneren Räder vom Boden gehoben. Es gehört Kaltblütigkeit dazu, dass man die Augen nicht schliesse, und wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an seine Familie in Europa, dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber wer dort zu Hause ist, lacht über diese Angst.

Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner Erzählung, den Leser lange mit der Beschreibung von Plätzen, Landschaften oder Gebäuden aufzuhalten. Ich fürchte ihn durch Dinge, die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst später, wenn ich fühle, dass er für mich gewonnen ist, wenn ich an Blick und Haltung bemerke, dass das Los der Heldin, die irgendwo vom Balkon eines vierten Stockwerks springt, ihm Interesse einflösst, dann lasse ich sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe in der sorgfältigen Schilderung der Schönheiten der Landschaft, oder des Gebäudes, das da an irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint, um einen Vorwand für eine viele Seiten fassende Charakterisierung mittelalterlicher Architektur an die Hand zu geben. All diese Burgen sind einander ähnlich. Durchgängig sind sie von heterogener Bauart. Das »corps de logis«, das Hauptgebäude, datiert stets von einigen Regierungen früher als die Anhängsel, die unter diesem oder jenem späteren König angefügt sind. Die Türme sind in verfallenem Zustande ...

Werter Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist ein Gedanke, ein Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unerträgliche Übertreibung! Es giebt halbe Türme, und ... Türmchen.

Die Schwärmerei, die glaubte Türme setzen zu müssen auf die Gebäude, die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder jenes Heiligen, dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze, die den Gläubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, gewöhnlich ein paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, was an den Mann ohne Hüften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu sehen ist. Einzig Türmchen, auf Dorfkirchen kleine Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht.

Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die Kultur des Westens, dass selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu wollen, sich lange genug hat lebendig erhalten können, um das Werk vollendet zu sehen. Ich rede hier nicht von Unternehmungen, deren Zuendeführung nötig war, um die Kosten zu decken. Wer recht wissen will, was ich meine, sehe sich den Dom zu Köln an. Er gebe sich Rechenschaft von der stolzen Vorstellung des Bauwerks, wie sie in der Seele des Baumeisters Gerhard von Riehl lebendig war ... vom Glauben im Herzen des Volks, das ihn in den Stand setzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen ... von der Kraft des Innenlebens, das solch einen Koloss nötig hatte, um als sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen ... und er vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es einige Jahrhunderte später dazu kommen liess, dass das Werk stillstand.

Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist, diese Kluft auszufüllen. Auch an dem Kölner Dom baut man wieder. Aber wird man den abgerissenen Faden wieder anknüpfen können? Wird man wiederfinden in unseren Tagen, was damals die Kraft ausmachte von Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. Geld wird wohl aufzubringen sein, und hierfür ist Stein und Kalk feil. Man kann den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und den Maurer, der die Steine fügt. Doch nicht ist für Geld feil das irrende und doch ehrerbietungswürdige Gefühl, das in einem Bauwerk eine Dichtung sah, eine Dichtung von Granit, die laut sprach zum Volke, eine Dichtung in Marmor, die dastand wie ein unbewegliches, unaufhörliches, ewiges Gebet.—

Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten den Weg, und tausend Menschen mindestens—was viel war für diesen Fleck—liefen in geschäftiger Erwartung hin und her. Hier sah man die Häuptlinge der Dörfer und die Distriktshäuptlinge aus dem Lebakschen, alle mit ihrem Gefolge, und zu urteilen nach dem schönen, reich gesattelten Araberbastard, der auf seiner silbernen Trense herumbiss, war auch ein Häuptling höheren Ranges hier am Platze. Das war denn auch der Fall. Der Regent von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta Negara, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen und trotz seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn »Pfähle« zurückgelegt, die zwischen seinem Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung Pandeglang lagen.

Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch, der in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will, dass der Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist, bei seiner Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war hier anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten nach dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nächster im Range die Verwaltung wahrgenommen hatte.

Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches Zeltdach, aufrichten lassen, einen Tisch und einige Stühle dahin gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser Pendoppo erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen Chefs.

Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung »Dach«. Denkt euch vier oder sechs Bambuspfähle in den Boden gerammt, die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen miteinander verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen Blättern der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden ‚atap‘ heisst, und ihr werdet euch die sogenannte ‚pendoppo‘ vorstellen können. Sie ist, wie ihr seht, so einfach wie nur möglich, und sie sollte hier denn auch nur dienen als ‚pied à terre‘ für die europäischen und inländischen Beamten, die dort ihrem neuen Oberhaupt einen Willkomm an den Grenzen entgegenbringen wollten.

Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedrückt, als ich den Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine Verbreitung über den Mechanismus der Verwaltung in diesen Landstrichen ist hier für das rechte Verständnis dessen, was folgen wird, notwendig.

Das sogenannte »Niederländisch-Indien«—das Adjektiv »niederländisch« kommt mir einigermassen unzutreffend vor, doch es wurde offiziell angenommen—ist, was das Verhältnis des Mutterlandes zur Bevölkerung angeht, in zwei sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. Ein Teil besteht aus Stämmen, deren Fürsten und Fürstchen die Oberherrschaft Niederlands als »suzerein« anerkannt haben, wobei jedoch noch immer die unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den Händen der eingeborenen Häuptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu dem—mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren Ausnahme—ganz Java gehört, ist Niederland unmittelbar unterworfen. Von Tribut oder Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. Der Javane ist Niederländischer Unterthan. Der König von Niederland ist sein König. Die Nachkommen seiner früheren Fürsten und Herren sind Niederländische Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, befördert vom Generalgouverneur, der im Namen des Königs regiert. Der Verbrecher wird abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom Haag ausgegangen ist. Die Abgaben, die der Javane aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von Niederland.

Von diesem Teil der Niederländischen Besitzungen, der also in der That einen Teil des Königreichs der Niederlande ausmacht, wird in diesen Blättern hauptsächlich die Rede sein.

Dem Generalgouverneur steht ein »Rat« zur Seite, der jedoch auf seine Beschlüsse keinen entscheidenden Einfluss hat. Zu Batavia sind die unterschiedlichen Verwaltungszweige »Departements« zugeteilt, an deren Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied darstellen zwischen der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den Residenten in den Provinzen. Bei Behandlung der Geschäfte politischer Bedeutung wenden sich diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur.

Die Benennung »Resident« entstammt aus der Zeit, da Niederland nur erst mittelbar als Lehnsherr die Bevölkerung beherrschte und sich an den Höfen der noch regierenden Fürsten durch »Residenten« repräsentieren liess. Diese Fürsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als Gouverneure der Distrikte oder Präfekten, Verwalter von Landschaften geworden. Ihr Wirkungskreis ist verändert, doch der Name ist geblieben.

Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederländische Autorität gegenüber der javanischen Bevölkerung darstellen. Das Volk kennt weder den Generalgouverneur, noch die »Räte von Indien«, noch die Direktoren zu Batavia. Es kennt nur den Residenten, sowie die Beamten, die unter ihm über das Volk walten.

Eine solche Residentschaft—es giebt welche, die beinahe eine Million Seelen fassen—ist geteilt in drei, vier oder fünf Abteilungen oder Regentschaften, an deren Haupt »Assistent-Residenten« gestellt sind. Unter diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure ausgeübt, durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die nötig sind für die Eintreibung der Abgaben, für die Inspektion des Landbaues, für die Aufführung von Gebäuden, für die Staatswasserwerke, für die Polizei und das Rechtswesen.

In jeder Abteilung steht ein Inländischer Häuptling hohen Ranges mit dem Titel eines »Regenten« dem Assistent-Residenten zur Seite. So ein Regent gehört, obwohl sein Verhältnis zur Verwaltung und sein Arbeitsfeld ganz das eines besoldeten Beamten ist, immer zum hohen Adel des Landes, und oftmals zu der Familie der Fürsten, die früher in der Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhängig regiert haben. Sehr diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen Einfluss—der in Asien überall von grossem Gewicht ist und bei den meisten Stämmen als ein Religionsmoment zu erkennen ist—Gebrauch gemacht, sintemal durch die Ernennung dieser Häuptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen wird, an deren Spitze die Niederländische Autorität steht, die durch den Generalgouverneur ausgeübt wird.

Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-, Mark-, Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den Kaiser angestellt und meistens aus den Baronen ausgewählt? Ohne weiteres Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der Sache liegt, möchte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in unserm Erdteil und drüben im fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen hatten. Ein Land muss aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu sind Beamte nötig, die die Zentralgewalt vergegenwärtigen. Unter dem System der soldatesken Willkür setzten die Römer hierfür die »Präfekten« ein, im Anfang gewöhnlich die Befehlshaber der Legionen, die das betreffende Land unterworfen hatten. Solche Ländergebiete blieben dann auch »Provinzen«, d. h. erobertes Gebiet. Doch als später die zentrale Gewalt des Deutschen Reiches das Bedürfnis fühlte, ein etwas ferngelegenes Volk, sobald das Gebiet durch Gleichheit in Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum Reiche gehörig betrachtet wurde, noch auf andere Weise an sich zu binden als allein durch materielles Übergewicht—erwies es sich als notwendig, jemanden mit der Leitung der Geschäfte zu betrauen, der nicht allein in dem betreffenden Lande zu Haus war, sondern durch seinen Stand über seine Mitbürger in der Gegend erhoben war, damit der Gehorsam gegen die Befehle des Kaisers erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung zur Unterwerfung unter den, der mit der Ausführung dieser Befehle betraut war. Hierdurch wurden dann zugleich ganz oder teilweise die Ausgaben für ein stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen Staatskasse, oder, wie es meist war, den Provinzen selbst zur Last fielen, welche durch solche Heere bewacht werden mussten. So wurden die ersten Grafen aus den Baronen des Landes ausgewählt, und genau genommen ist also das Wort »Graf« kein adeliger Titel, sondern nur die Benennung einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube denn auch, dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche Kaiser wohl das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und Herzöge, d. h. Heerführer, zu ernennen, doch dass die Barone, was ihre Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abhängig zu sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu dienen, falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erwählt war. Ein Graf bekleidete ein Amt, zu dem ihn der Kaiser berufen. Ein Baron betrachtete sich als Baron »durch die Gnade Gottes«. Die Grafen vertraten den Kaiser und führten als solche dessen Panier, d. h. die Reichsstandarte. Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner eigenen Fahne, als Bannerherr.

Der Umstand nun, dass Grafen und Herzöge gewöhnlich den Baronen entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres Amtes neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die Schale legten, und hieraus scheint später, vor allem als die Erblichkeit dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang entstanden zu sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch heutzutage würde manche freiherrliche Familie—ohne kaiserliches oder königliches Patent, d. h. eine solche Familie, die ihren Adel vom Urentstehen des Landes herleitet, die immer von Adel war, weil sie von Adel war—autochthon—eine Erhebung in den Grafenstand als entadelnd abweisen. Man hat Beispiele dafür.

Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt waren, trachteten natürlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre Söhne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch gewöhnlich, obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese Nachfolge organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten in den Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, Hennegau oder Flandern, die Herzöge von Brabant, Gelderland u. s. w. Es war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz.

Ungefähr in der gleichen Art—was die Wahl der Personen angeht, da hier von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist, wiewohl auch in dieser Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung ins Auge fällt—steht an der Spitze einer Abteilung auf Java ein eingeborener Beamter, der den ihm von der Regierung verliehenen Rang mit seinem autochthonen Einfluss verbindet, um dem europäischen Beamten, der die Niederländische Autorität wahrnimmt, die Verwaltung zu erleichtern. Auch hier ist die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz bestimmt zu sein, zu einer Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des Regenten findet meistens diese Regelung statt, und es gilt als eine Belohnung für Diensteifer und Treue, wenn man ihm die Zusage giebt, dass ihm als Nachfolger in seiner Stellung sein Sohn folgen werde. Es müssen schon sehr gewichtige Gründe vorhanden sein, wenn einmal von dieser Regel abgewichen wird, und wo dies der Fall sein sollte, wählt man doch gewöhnlich den Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie.

Das Verhältnis zwischen europäischen Beamten und derartigen hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt, durch Einfluss auf die Bevölkerung, durch finanzielle Einkünfte und hiermit übereinstimmende Lebensweise weit über ihn erhoben steht. Obendrein ist der Regent, als Repräsentant des javanischen Elements eines Landkomplexes und bestimmt, im Namen der hundert- oder mehr tausend Seelen zu sprechen, die seine Regentschaft bevölkern, auch in den Augen der Regierung eine Person von viel grösserer Wichtigkeit als der simple europäische Beamte, dessen Unzufriedenheit nicht gefürchtet werden braucht, da man für ihn viele andere an die Stelle bekommen kann, während die minder gute Stimmung eines Regenten vielleicht der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden könnte.

Dem allen ist also der merkwürdige Umstand zuzuschreiben, dass eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben über dies und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft ihn auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident, den Vorsitz führt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtversäumnis schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verhältnis ist nur denkbar bei äusserst höflichen Formen, die gleichwohl weder Herzlichkeit, noch, wo es nötig scheint, Strenge ausschliessen brauchen, und ich glaube, dass der Ton, der in diesem Verhältnis herrschen muss, sehr treffend in der offiziellen Vorschrift angedeutet ist, die dahin geht: der europäische Beamte habe den inländischen Beamten, der ihm zur Seite steht, zu behandeln wie seinen »jüngeren Bruder«.

Aber er vergesse nicht, dass dieser »jüngere Bruder« bei den Eltern sehr beliebt ist—oder gefürchtet—und dass bei vorkommenden Zwistigkeiten sein dieserweise konstruierter Altersvorsprung als Beweggrund in Rechnung gebracht werden kann, ihm übelzunehmen, dass er seinen »jüngeren Bruder« nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder Takt behandelte.

Die angeborene Höflichkeit des Javanischen Grossen—selbst der geringe Javane ist viel höflicher als sein europäischer Standesgenosse—macht gleichwohl dies scheinbar schwierige Verhältnis erträglicher, als es sonst sein würde.

Der Europäer sei wohlerzogen und zartfühlend, er gebe sich mit freundlicher Würdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass der Regent seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im Grunde beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form geäussert, wird mit Pünktlichkeit nachgekommen. Der Unterschied in Stand, Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst ausgewischt, der den Europäer, als Vertreter des Königs der Niederlande, zu sich erhebt, und schliesslich ist ein Verhältnis, das, oberflächlich betrachtet, Zwist zuwege bringen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.

Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor dem europäischen Beamten hätten, und das ist natürlich. Der Europäer ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen wird, die an Ausdehnung vielen deutschen Herzogtümern gleich steht, gewöhnlich ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem Alter, verheiratet und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes willen. Seine Einkünfte sind gerade ausreichend und oft auch nicht ausreichend, um den Seinen das Nötige zu verschaffen. Der Regent ist: ‚Tommongong‘, ‚Adhipatti‘, ja, sogar ‚Pangerang‘, d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich für ihn nicht darum, dass er lebe, er muss so leben, wie das Volk es von seiner Aristokratie zu sehen gewohnt ist. Während der Europäer ein Haus bewohnt, ist vielfach sein Aufenthalt ein ‚Kratoon‘, mit vielen Häusern und Dörfern darin. Während der Europäer eine Frau hat, mit drei, vier Kindern, unterhält er eine ganze Anzahl von Frauen mit allem, was dazu gehört. Während der Europäer ausreitet, gefolgt von einigen Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise zur Erteilung von Anweisungen unterwegs nötig sind, wird der Regent begleitet von Hunderten, die zum Gefolge gehören, das in den Augen des Volks untrennbar ist von seinem hohen Range. Der Europäer lebt bürgerlich, der Regent lebt—oder man erwartet von ihm, dass er so lebt—wie ein Fürst.

Doch das alles muss bezahlt werden. Die Niederländische Verwaltung, die auf den Einfluss dieser Regenten gegründet ist, weiss dies, und nichts ist also natürlicher, als dass sie deren Einkünfte zu einer Höhe geführt hat, die dem Nicht-Indier übertrieben vorkommen würde, aber in Wirklichkeit selten für die Bestreitung der Ausgaben hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen inländischen Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts Ungewöhnliches, Regenten, die zwei-, ja, dreimalhunderttausend Gulden jährliches Einkommen haben, in Geldverlegenheit zu sehen. Hierzu trägt viel bei die sozusagen fürstliche Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Einkünfte verschleudern, ihre Nachlässigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen, ihre krankhafte Kauflust und vor allem der Missbrauch, der häufig von Europäern bei einer derartigen Lage der Dinge getrieben wird.

Die Einkünfte der javanischen Häupter lassen sich in vier Teile teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die auf die Niederländische Verwaltung übergegangen sind. Drittens eine Belohnung in Übereinstimmung mit der Quantität der in ihrer Regentschaft erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. s. w. Und schliesslich: die willkürliche Verfügung über die Arbeit und über das Eigentum ihrer Unterthanen.

Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklärung. Der Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. Der Grund, auf dem er geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel verspricht, ist ihm hierzu Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib und Seele der Bebauung seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch sehr erfahren ist. Er wächst auf inmitten seiner ‚sawah’s‘ und ‚gagah’s‘ und ‚tipar’s‘, begleitet schon in sehr jugendlichem Alter seinen Vater aufs Feld, wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten behülflich ist an Dämmen und Wasserleitungen zur Bewässerung seiner Äcker. Er zählt seine Jahre nach Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde stehenden Halme, er fühlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm ‚padie‘, d. h. den unenthülsten Reis, schnitten, er sucht seine Frau unter den Mädchen der »dessah«, die am Abend unter fröhlichem Gesange den Reis stampfen, um ihn der Hülsen zu entledigen ... der Besitz von ein paar Büffeln, die seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das ihm entgegenlächelt ... kurzum, der Reisbau ist für den Javanen das, was in den Rheingegenden und in Südfrankreich der Weinbau ist.

Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes machten. Es lüstete sie, Vorteil zu ziehen aus der Fruchtbarkeit des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil seiner Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu widmen, die mehr Gewinn abwerfen würden auf den Märkten von Europa. Um den geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine sehr einfache Staatskunst nötig. Er gehorsamt seinen Häuptlingen, man hatte also nur diese Häuptlinge zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des Gewinnes zusagte, und ... es glückte vollkommen.

Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in Niederland dem Käufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit lenkt, so kann man sich davon überzeugen, wie zweckentsprechend diese Politik war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, möchte jemand fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge entsprechende Belohnung geniesst, so muss ich hierauf eine verneinende Antwort geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf seinem Grunde zu ziehen, was ihr behagt, sie bestraft ihn, wenn er das also hervorgebrachte irgend jemandem anders verkauft als ihr, und sie selbst setzt den Preis fest, den sie ihm dafür bezahlt. Die Kosten der Überfuhr nach Europa durch Vermittlung eines bevorrechteten Handelskörpers sind hoch. Die den Häuptlingen gewährten Ermutigungsgelder beschweren obendrein den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze Sache Gewinn abwerfen muss, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt werden, als dass man dem Javanen just soviel ausbezahlt, dass er nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschähe, die produktive Kraft der Nation vermindern würde.

Auch den europäischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, die sich nach der Höhe des erzielten Ertrages richtet.

Wohl wird also der arme Javane vorwärts gepeitscht durch zwiefache Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen Reisfeldern, wohl ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, indessen ... fröhlich flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tjilatjap die Flaggen an Bord der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die die Niederlande reich machen.

Hungersnot? Auf dem reichen, fruchtbaren, gesegneten Java Hungersnot? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind ganze Distrikte ausgestorben durch den Hunger. Mütter boten ihre Kinder als Speise zu Kauf an. Mütter haben ihre Kinder gegessen ...

Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bekümmert. In den Beratungssälen der Volksvertretung ist man darüber unzufrieden gewesen, und der damalige Landvogt hat Befehl geben müssen, dass man es in der Verbreitung der sogenannten »europäischen Marktprodukte« fortan nicht wieder treiben dürfe bis zur Hungersnot ...

Ich bin hier bitter geworden. Was möchtet ihr denken von jemandem, der solche Dinge niederschreiben kann ohne Bitterkeit?

Mir bleibt noch übrig, über die letzte und vornehmlichste Art der Einkünfte von Inländischen Häuptlingen zu sprechen: die Macht der willkürlichen Verfügung über Personen und über das Eigentum ihrer Unterthanen.

Gemäss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien gehört der Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Fürsten. Dies ist auch auf Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der früheren Fürsten nutzen gern die Unkenntnis der Bevölkerung aus, die nicht recht begreift, dass ihr ‚Tommongong‘ oder ‚Adhipatti‘ oder ‚Pangerang‘ jetzt ein besoldeter Beamter ist, der seine eigenen und ihre Rechte für ein bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die kärglich belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der Abgaben getreten ist, die früher durch die Herren des Landes von den Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also alltäglicher, als dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung aufgerufen werden, ohne Bezahlung Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehören. Nichts ist alltäglicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein gefälliges Auge werfen mag auf das Pferd, den Büffel, die Tochter, die Frau des geringen Mannes, würde man es unerhört finden, wenn dieser die bedingungslose Verzichtleistung auf den begehrten Gegenstand weigerte.

Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willkürlichen Verfügung einen mässigen Gebrauch machen und nicht mehr von dem geringen Mann fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus nötig ist. Andere gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese Ungesetzlichkeit nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja, unmöglich, diesen Missbrauch ganz auszurotten, da er seine tiefen Wurzeln in der Anlage der Bevölkerung selbst hat, die darunter leidet. Der Javane ist freigebig, vor allem wo es sich darum handelt, einen Beweis der Anhänglichkeit an seinen Häuptling zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine Väter gehorchten. Ja, er würde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung, die er seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen »Kratoon« ohne Geschenke beträte. Solche Geschenke sind denn auch manchmal von so geringem Werte, dass die Abweisung eine Verletzung in sich schliessen würde, und oft ist demgemäss diese Gewohnheit eher der Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das seine Liebe zum Vater durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu äussern sucht, als dass man sie als Tribut an tyrannische Willkür auffassen dürfte.

Allein ... also wird durch einen »lieben Brauch« die Beseitigung von Missbrauch gehindert.

Wenn der Alūn-alūn vor der Wohnung des Regenten in verwildertem Zustande läge, würde die umwohnende Bevölkerung sich dessen schämen, und es wäre viel Macht nötig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut zu säubern und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range des Regenten übereinstimmt. Hierfür irgend eine Bezahlung zu geben, würde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der Nähe dieses Alūn-alūn oder anderswo liegen Sawahs, die des Pfluges warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin führe, manchmal aus meilenweiter Ferne ... diese Sawahs gehören dem Regenten. Er ruft, dass sie seine Felder bearbeite oder wässere, die Bevölkerung ganzer Dörfer auf, deren eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen ... der Missbrauch ist da.

Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die »Staatsblätter« liest, worin die Gesetze, Instruktionen und Anweisungen für die Beamten enthalten sind, jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen derselben den Vorsitz geführt zu haben scheint. Überall wird dem Europäer, der mit irgend einer Autorität in den Binnenlanden bekleidet ist, als eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der Bevölkerung Schutz zu bieten gegen ihre eigene Unterwürfigkeit und die Habsucht der Häuptlinge. Und, als wäre es nicht genug, dass man diese Verpflichtung im allgemeinen vorschreibt, es wird noch von den Assistent-Residenten beim Antritt der Verwaltung einer Abteilung ein »besonderer Eid« gefordert, dass sie diese väterliche Fürsorge für die Bevölkerung als eine erste Pflicht betrachten würden.

Das ist gewisslich ein schöner Beruf. Gerechtigkeit walten zu lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mächtigen, den Schwachen zu beschützen vor der Übermacht des Starken, das Lamm des Armen zurückzufordern aus den Ställen des fürstlichen Räubers ... siehe, das Herz möchte einem erglühen vor Genuss bei dem Gedanken, dass man berufen ward zu etwas so schönem! Und wer in den javanischen Binnenlanden bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner Stationierung oder mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die erhabene Pflicht, die auf ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung, die die Erfüllung solch einer Pflicht mit sich bringt, und er wird keinen weiteren Sold begehren.

Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um »Missbrauch« Platz zu machen. Und ... wo der »Missbrauch« besteht, wo wirklich Raub und Willkür gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht der Person, die sie schützen soll. Jeder weiss, dass der europäische Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann, und dass der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele Methoden giebt’s, um sich das Eigentum eines armen, einfältigen Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafür—o, sicher!—einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Häuptlings, ohne dafür Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben, ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung, dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als der ihre und also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde?

Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen her, die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn abzugeben, den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne sie beweisen zu können, wo bleibt dann das Verhalten als »älterer Bruder«, der in solchem Fall seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in seiner Ehre gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung, die ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit?

Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen Häuptlinge, die Grenzen des erlaubten Verfügens über Arbeit und Eigentum ihrer Unterthanen zu überschreiten, überall ohne Einschränkung als bestehend anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen, dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen, und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.

Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der inländischen Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung«.

Sechstes Kapitel.

Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen- und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer, in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Holländern in Indien ... nebenbei erwähnt, ein Menschenschlag, der sich sehr unterscheidet von den Holländern in Holland. Träg, so lange es nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass entwickelten Ameisengeschäftigkeit, die in Europa für Eifer gilt, aber eifrig, wo Bethätigung nötig war ... einfach, aber herzlich gegenüber denen, die zu seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam, hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit ... empfänglich für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig, ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt, überall auf seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den Gedanken kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er denn auch nicht begehrte.

Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von Zeit zu Zeit den ‚mandoor‘-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts im Anzug sei. Dann stand er ’mal auf, versuchte vergebens, seine Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo, steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.

Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht allein. Ich meine hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen, die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti Karta Natta Negara sass ihm gegenüber.

Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde, eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, dass die meisten Europäer, die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem Feuer der Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht—so recht eine Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist—und wenn man mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine Worte als Briefe anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte, um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen, doch ist es nicht schwierig, alle Gesprächsgegenstände, die Anstoss geben könnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in brüsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem guten Ton wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu reden, und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling ihn nie durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein Terrain ziehen wird, das er lieber nicht beträte.

Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, bestehen übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug verdient.

Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung über das Wetter und den Regen.

—Ja, m’nheer de kontroleur, es ist Westmūsson.

Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was er über den Regen gesagt hatte, wusste der Regent auch. Darauf folgte wieder einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren Kopfbewegung einem der Bedienten, die am Eingang der Pendoppo niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, allerliebst gekleidet in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit goldenem Leibgurt, der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem Kopf den gefälligen Kain-kapala, unter dem seine schwarzen Augen so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an die Füsse des Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den Tabak, den Kalk, die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte den Slamat, indem er beide Hände gefaltet aufhob bis zur tiefniedergebeugten Stirn, und bot darauf seinem Herrn die kostbare Dose dar.

—Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der Regent, wie um für ihr langes Warten eine Erklärung zu geben, und bestrich dabei ein Betelblatt mit Kalk.

—Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema berühren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er hätte bedenken müssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern die Wege von Pandeglang rühmen hört, wenn diese auch wirklich besser sind als die lebakschen.

Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer übereilten Antwort. Der kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, immer kauernd, rückwärts zurückgekrochen bis an den Eingang der Pendoppo, wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der Regent hatte schon seine Lippen und etliche Zähne mit dem Speichel seiner Sirie braunrot gefärbt, und er sagte dann endlich:

—Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.

Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem der Zustand von Lebak kein Geheimnis war, hätte es sich deutlich herausgestellt, dass das Gespräch schon ein Streit geworden war. Eine Anspielung nämlich auf den besseren Zustand der Wege in einer benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche zu sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevölkert war, vor allem im Verhältnis zu seinem viel kleineren Flächeninhalt, und dass also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der Kräfte leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf hunderten von »Pfählen« Fläche nur siebzigtausend Einwohner zählte.

—Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, aber ...

Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er wusste, dass nach dem »aber« etwas folgen konnte, das unangenehm klingen würde für ihn, der seit dreissig Jahren Regent von Lebak gewesen war. Es schien, dass Verbrugge in diesem Augenblicke keine Lust hatte, den Streit fortzusetzen. Wenigstens brach er das Gespräch ab und fragte wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er nichts kommen sähe.

—Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer de kontroleur, aber da drüben an der andern Seite reitet jemand zu Pferde ... das ist der Tuwan kommendaan.

—Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen äugend, das ist der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute morgen schon früh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari!

—Er hört Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge reitet hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem Pferd.

—Pegang kudahnja tuwan kommendaan!—halte das Pferd des Herrn Kommandanten fest—gebot Verbrugge einem der Bediensteten, die draussen sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du geschossen? Komm herein!

Ein kräftiger Mann von dreissig Jahren und straffer militärischer Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die Pendoppo. Es war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre Vertraulichkeit war um so grösser, als Duclari vor einiger Zeit in Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung bezogen hatte. Er drückte diesem die Hand, grüsste den Regenten mit Höflichkeit und setzte sich mit der Frage: »nun, was habt ihr denn hier so?«

—Willst du Thee, Duclari?

—Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die ist erfrischender.

—Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich Kokosmilch für sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. Sieh mal die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen: sie halten sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, oder von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ...

—Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblättern? Das hab ich noch niemals gesehen.

—Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt man’s.

—Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von Kaffeeblättern und auch keinen Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der neue Assistent-Resident auch, nicht wahr?

Dies Gespräch wurde in Holländisch geführt, einer Sprache, die der Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine Unhöflichkeit darin zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der Unterhaltung ausschloss, oder sei es, dass er hiermit etwas anderes beabsichtigte, auf einmal fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf Malayisch fort:

—Weiss m’nheer de Adhipatti, dass m’nheer de kontroleur den neuen Assistent-Residenten kennt?

—O nein, das habe ich nicht gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn niemals gesehen. Er diente einige Jahre vor mir auf Sumatra. Ich habe dir nur gesagt, dass ich da viel über ihn reden hörte, das ist alles!

—Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade nicht zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m’nheer de Adhipatti hierüber?

Der Adhipatti hatte gerade nötig, einen Bedienten zu rufen. Es verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem Herrn Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal nötig sei, jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen könne.

—Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in holländischer Sprache fort—sei es, dass diese ihm vertrauter war und er der Höflichkeit Genüge gethan zu haben meinte, sei es, weil er allein von Verbrugge verstanden werden wollte—das mag im allgemeinen wahr sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig kein persönliches Bekanntsein nötig ... der ist doch verrückt!

—Das habe ich nicht gesagt, Duclari!

—Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach alledem, was du mir von ihm erzählt hast. Ich nenne jemanden, der ins Wasser springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, verrückt.

—Nun ja, vernünftig ist das gewiss nicht. Aber ...

—Und dann, hör mal, das Gedicht auf den General Vandamme ... das war keine Sache!

—Es war witzig ...

—Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein gegenüber einem General.

—Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es war vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt.

—Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl?

—Das that er, um den General zu ärgern.

—Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu ärgern, der obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das andere Gedicht find’ ich ja drollig, aber ... das ewige Duellieren!

—Er that’s gewöhnlich für einen andern. Er ergriff stets Partei für den Schwächeren.

—Nun, lass jeden für seine Person sich duellieren, wenn man es nun durchaus will! Ich für mich glaube, dass selten ein Duell nötig ist. Wo es unvermeidlich wäre, würde auch ich eine Forderung annehmen, in bestimmten Fällen selbst fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser Beziehung geändert hat.

—Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel älter, dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. Überdies, ich habe stets gehört, dass sein Herz gut ist und dass er ein warmes Gefühl hat für Recht.

—Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade etwas passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht?

—Ich glaub’s nicht. Doch zeige mir was aus deiner Jagdtasche, dann denkt er, dass wir darüber sprechen.

Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus hervor, und, die Vögel befühlend, als spräche er über die Jagd, teilte er Verbrugge mit, dass ihm soeben auf dem Felde ein Javane nachgelaufen sei, der ihn gefragt hätte, ob er nichts thun könne, um den Druck zu erleichtern, unter dem die Bevölkerung seufze.

—Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass ich mich wundere über die Sache selbst. Ich bin lange genug im Bantamschen, um zu wissen, was hier vorfällt, aber dass der geringe Javane, der gewöhnlich so vorsichtig und zurückhaltend ist, wo es sich um seine Häuptlinge handelt, so etwas von jemandem verlangt, der nichts damit zu schaffen hat, das befremdet mich!

—Und was hast du geantwortet, Duclari?

—Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen müsste, oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in Rangkas-Betung angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen.

—Jenie apa tuwan-tuwan datang!—d. h.: Da kommen die Herren an!—rief auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen Mantrie, der mit seinem Tudung schwenkt.

Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen zur Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range über ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein für ihn »verrückt« war, stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von seinem Bedienten, davon.

Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pendoppo, und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen sich nähern, der alsbald, stark von Schlamm überzogen, bei dem Bambusgebäude stillhielt.

Es würde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles enthalten mochte, bevor Dongso, unterstützt durch die Läufer und eine Anzahl Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehörten, all die Riemen und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk eingeschlossen hielten mit einem schwarzledernen Futteral, das an die Diskretion erinnerte, mit der in früheren Jahren Löwen und Tiger in die Stadt kamen, als die Zoologischen Gärten noch umherziehende Menagerien waren. Nun, Löwen und Tiger waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles so sorgfältig geschlossen, weil es Westmūsson war und man also auf Regen gefasst sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem Reisewagen, in dem man eine gute Strecke Wegs hin und her gerüttelt ist, nicht so leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist, sich wohl vorstellen mag. Ungefähr wie bei den Sauriern der Urwelt, die durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil des Thons oder Lehms ausmachen, in den sie anfänglich nicht mit der Absicht gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden, die ein bisschen eng zusammengepökelt und in gezwungener Haltung zu lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren, was ich Assimilierung zu nennen vorschlagen möchte. Man weiss schliesslich nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhört und wo die Ichheit anfängt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd, dass man in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den man für Mottenfrass in der Reisedecke hält, oder umgekehrt.

Es giebt wenig Verhältnisse in der stofflichen Welt, die dem denkenden Menschen nicht Veranlassung gäben, auf der Ebene des Verstandes adaequate Schlüsse zu ziehen, und so habe ich mich oft gefragt, ob nicht viele Irrtümer, die unter uns Kraft des Gesetzes haben, ob nicht viele »Schiefheiten«, die wir für »Recht« halten, daraus resultieren, dass man zu lange mit derselben Gesellschaft in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, das du da links so weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel und den Korb mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag gedrückt hieltest, damit die Dame dir gegenüber nicht auf den Gedanken kam, dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne habest ... der mit Hühneraugen geschmückte Fuss, der so bange war vor den Absätzen des Commis voyageur neben dir ... der Hals, den du so lange links wenden musstest, weil es tröpfelte auf der rechten Seite ... sieh, das werden auf diese Weise schliesslich alles Hälser und Kniee und Füsse, die so etwas Verdrehtes bekommen. Ich halte es für gut, von Zeit zu Zeit mal Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man kann dann seinen Hals mal anders wenden, bewegt dann und wann seine Kniee, und vielleicht sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen neben uns, oder ein kleiner Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den Boden reichen. Man hat dann mehr Aussicht, dass man gerade sieht und gerade läuft, sobald man wieder festen Boden unter die Füsse kriegt.

Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich etwas der »Aufhebung der Kontinuität« widersetzte, weiss ich nicht, doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum Vorschein kam. Es schien da ein Höflichkeitswettstreit geführt zu werden. Man vernahm die Worte: »bitte schön, Mevrouw!« und »bitte schön, Herr Resident!« Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung und Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte, von denen ich eben sprach. Da wir ihn später wiedersehen werden, will ich euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht ausschliesslich der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben werden darf, sondern dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk in der Nähe war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedächtigkeit an den Tag legte, die manchen Saurier neidisch machen würde und die in den Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mässigung und Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europäer in Indien, sehr bleich, was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur mässiger Gesundheit gilt, und er hatte feine Züge, die wohl von Entwicklung des Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Kälte in seinem Blick, etwas, das an die Logarithmentafel erinnerte, und obwohl seine Erscheinung im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend war, konnte man sich doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine ziemlich grosse, magere Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so wenig darauf vorging.

Mit Höflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr beim Aussteigen behülflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im Wagen sass, ein Kind in Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden Jungen von etwa drei Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf folgte der Herr selbst, und wer auf Java Bescheid wusste, dem würde es als eine Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag wartete, um einer alten javanischen ‚babu‘, einer Kindsmagd, das Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten am Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rücken ihrer Mutter.

Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefühl anzumerken, dass sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es war der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak eine Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt, eine Assistent-Residentschaft ist.

Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach über die geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums geärgert und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass sie etwas schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen müsste, um hier nicht von Humor zu sprechen, diesem eigentümlichen Etwas, das beinahe durchgängig aufs allerjämmerlichste mit dem Komischen in einen Topf geworfen wird. Man führt eine Person redend ein, die die Sprache nicht versteht oder sie schlecht spricht, man lässt einen Franzosen das wunderlichste Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns nimmt man jemanden, der stottert, oder man schafft eine Person, die ihr Steckenpferd reitet mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich habe ein fabelhaft dummes Vaudeville »durchschlagen« sehen, weil darin jemand vorkam, der ewig sagte: »Mein Name ist Meyer.« Mich dünken solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit zu sagen, ich bin bös auf euch, Leser, wenn ihr so etwas spasshaft findet.

Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuführen. Ich muss von Zeit zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen—ich werde es so selten wie möglich thun—der in der That eine Art zu sprechen hatte, welche mich fürchten lässt, dass ich in den Verdacht eines missglückten Versuchs, euch zum Lachen zu bringen, komme, und darum muss ich euch ausdrücklich versichern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn Hochwohlgeboren der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, sich so sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine Wiedergabe, ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den Effekt der Witzigkeit in einem »tic«, grosse Schwierigkeiten macht. Er sprach nämlich in einem Tonfall, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stände, oder gar ein langes Ruhezeichen, und ich kann für den Raum zwischen seinen Worten keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille, die nach einem langen Gebet in der Kirche auf das »Amen« folgt, das, wie jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz zu wechseln, zu husten oder sich zu schnäuzen. Was er sagte, war gewöhnlich gut überlegt, und wenn er sich die unzeitigen Ruhepunkte hätte abgewöhnen können, so würde meistens das Gesagte, aus einem dialektischen Gesichtspunkte wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt haben. Aber all das Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das Anhören beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darüber. Denn gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten Meinung, dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergänzung des Fehlenden dem Scharfsinn seiner Zuhörer überlasse, kamen die noch fehlenden Worte als Nachzügler eines geschlagenen Heeres hintenan und liessen empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern es nicht in Diensten der Regierung stand—ein Umstand, der die meisten etwas vorsichtig macht—nannte sein Sprechen »schleimig«. Ich finde dies Wort nicht sehr geschmackvoll, doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft von des Residenten Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab.

Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau—denn das waren die beiden Personen, die nach dem Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wärterin, der ‚babu‘, aus dem Wagen gekommen waren—noch nichts gesagt, und vielleicht würde es genügen, die Feststellung ihrer Erscheinung und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des Lesers eigener Vorstellung zu überlassen. Da ich gleichwohl nun einmal am Beschreiben bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar nicht schön war, dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut lag, und dass sie in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren untrüglich erkennen liess, dass sie in der Welt gewesen und in den höheren Klassen der Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche des bürgerlichen Anstandes, der, um für »distinguiert« durchzugehen, sich und andere mit »gêne« glaubt plagen zu müssen, und sie hing denn auch nicht an viel Äusserlichkeiten, die für manch andere Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer Einfassung—ich glaube, dass man in Europa so ein Kleidungsstück ein Morgenkleid nennen würde—war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie eine dünne seidene Schnur, an der zwei kleine Medaillons hingen, die man aber nicht zu sehen bekam, da sie in den Falten vor ihrer Brust verborgen waren. Die Haare trug sie à la chinoise, und ein Kränzchen von Melattiblumen schmückte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette.

Ich sagte, dass sie nicht schön war, und doch möchte ich nicht gern, dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie schön finden werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in ihrer Entrüstung zu zeigen über das, was sie »Verkennung des Genies« nannte, wenn ihr angebeteter Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte, der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man noch etwas gäbe auf den Porträtwert eines unbeweglichen Gesichts, das nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele mangelt. Nun, sie hatte eine schöne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht auch ihr Gesicht schön zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war.

Havelaar war ein Mann von fünfunddreissig Jahren. Er war schlank, und behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und beweglichen Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn er in ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, doch Feuer sprühten, wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner Erscheinung nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen glatt an den Schläfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass wenige, die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen würden, dass sie jemanden vor sich hätten, der, was Kopf und Herz angeht, zu den Seltenheiten gehört. Er war ein »Gefäss voll Widersprüchen«. Scharf wie eine Lanzette und sanft wie ein Mädchen, fühlte er selbst immer am ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und er litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen, erfasste sogleich das Höchste, Verwickeltste, spielte gern mit der Lösung schwieriger Fragen, wandte dafür alle Mühe, alles Studium, alle Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die einfachste Sache nicht, die ein Kind ihm hätte auslegen können. Voll Liebe für Wahrheit und Recht, vernachlässigte er manchmal seine einfachsten, nächstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das höher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich grössere Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war ritterlich und mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote seine Tapferkeit manchmal an eine Windmühle. Er glühte von unersättlichem Ehrgeiz, der ihm allen herkömmlichen Unterschied im gesellschaftlichen Leben als nicht bestehend erscheinen liess, und doch lag ihm das grösste Glück in einem ruhigen, häuslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im höchsten Sinne des Worts, erträumte er sich Sonnensysteme aus einem Funken, bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Erfindung, fühlte sich Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch konnte er gleich darauf ohne die mindeste Träumerei sehr gut ein Gespräch führen über den Preis des Reises, über Sprachregeln, über die ökonomischen Vorteile einer ägyptischen Hühnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft war ihm ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem Masse die Gabe, das Wenige, das er wusste—jeder weiss wenig, und er, vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel keine Ausnahme—das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pünktlich und ordentlich und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil Pünktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn seine Schlussfolgerungen äussern hörte. Seine Eindrücke waren zu lebendig, als dass man sie für dauernd halten mochte, und doch bewies er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und erhaben war, lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie ein Kind. Er war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut überging, und hätte Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt gelassen, weil er Tausende weggeschenkt hatte. Er war geistsprühend und unterhaltend, wenn er fühlte, dass sein Geist begriffen würde, aber sonst zugeknöpft und zurückgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte er—zu schnell bisweilen—zu seinem Freunde alles, was litt. Er war empfänglich für Liebe und Anhänglichkeit ... treu seinem gegebenen Wort ... schwach in Kleinigkeiten, doch standhaft bis zum Eigensinn, wo es ihm der Mühe wert schien, Charakter zu zeigen ... demütig und wohlwollend denen gegenüber, die sein geistiges Übergewicht anerkannten, doch ein hartnäckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekümmertheit, doch ebenso auch manchmal zurückhaltend, wo er fürchtete, man werde seine Aufrichtigkeit für Unverstand ansehen ... für sinnlichen wie für geistigen Genuss gleicherweise empfänglich ... bedrückt und schlecht bei Worten, wo er glaubte, nicht begriffen zu werden, aber einer ausserordentlichen Sprache mächtig, wenn er fühlte, dass seine Worte auf willigen Boden fielen ... lässig, wenn nicht ein Reiz aus der eigenen Seele ihn antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo dies wohl der Fall war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren und untadelhaft im Wandel: so mögt ihr euch Havelaar ungefähr denken!

Ich sage: ungefähr. Denn wenn überhaupt schon alle Festlegungen schwierig sind, so gilt dies vor allem von der Beschreibung einer Person, die sehr weit von der alltäglichen Grundform abweicht. Dem Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, dass Romandichter ihre Helden gewöhnlich zu Teufeln oder zu Engeln machen. Schwarz oder weiss lässt sich leicht ein Bild entwerfen, aber schwieriger ist die exakte Wiedergabe von Schattierungen, die dazwischen liegen, wenn man sich an die Wahrheit bindet und also die Farbe weder zu dunkel noch zu hell halten will. Ich fühle, dass die Skizze, die ich von Havelaar zu geben versuchte, höchst unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir vorliegen, sind in ihrer Art so voneinander abweichend, dass sie mich durch Übermass von Reichtum in meinem Urteil zurückhalten, und ich werde also vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich mitzuteilen wünsche, zur Ergänzung auf dies Gebiet zurücklenken. Das ist gewiss, er war ein aussergewöhnlicher Mensch und wohl die Mühe der Ergründung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versäumt habe, als einen seiner Hauptzüge anzugeben, dass er die lächerliche und die ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu gleicher Zeit erfasste, welcher Eigenschaft seine Weise zu sprechen, ohne dass er selbst dies wusste, eine Art Humor entlehnte, der seine Zuhörer fortwährend in Zweifel brachte, ob sie gerührt waren von dem tiefen Gefühl, das in seinen Worten lebte, oder ob sie lachen sollten über die Komik, die auf einmal dem Ernst der Sache Abbruch that.

Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden so wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen der Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute, die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als dass man auf seine Erfahrung pochen hört, und just vonseiten jener, die ihre grauen Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprüche auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen gründen zu dürfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch diese Veränderungen in ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen, ja, selbst das unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke aufzufangen und zu verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fünfzig Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen, die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen dieses Drama mitgespielt hatten.

Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen berührt, ohne dass die äusseren Umstände hierzu Veranlassung zu geben scheinen. Man denke an die Crusœ-Romane, an Silvio Pellicos Gefangenschaft, an das allerliebste »Picciola« von Saintine, an den Kampf in der Brust einer ‚alten Jungfer‘, die ihr ganzes Leben hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der, ohne äusserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknüpft zu sein, ein feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede Veränderung beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und zertreten sieht von den vielen, die, für einen Augenblick wenigstens, stärker waren als jener schöne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss, dass seine Stimme überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder von gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor—nicht, da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch äussere Umstände veranlasst wird—wie bitter betrübt seine Seele gewesen sein muss, dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich »einen Verderber der Jugend und einen Verächter der Götter« nennen hörte.

Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht gewollt habe«.

Solch ein Schmerzensschrei—vor Giftbecher oder Kreuzholz—löst sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein, viel gelitten, da ist Erfahrung!

Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten, mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg, Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und »Lieben« in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Länder besucht und Umgang gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen, Religionen und Gesichtsfarbe.

Was also die Lebensumstände angeht, konnte er viel erfahren haben. Und dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben gegangen war, ohne die Eindrücke aufzufangen, die es ihm so im Überfluss anbot, dafür möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und die Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein.

Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen etwas wie Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend als auf nahendes Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein, denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig Jahren nicht jung mehr.

Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass ‚der kleine Max‘ noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, ‚der grosse Max‘, hatte viel Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er ‚Bockspringen‘, und er zeichnete sehr gern ein Muster für die Stickereiarbeit der Mädchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er öfters sagte, dass sie wohl etwas Besseres thun könnten als dies ‚maschinelle Stichezählen‘. Bei jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern sein ‚Patriam canimus‘ mitsang oder ‚Gaudeamus igitur‘ ... ja, ich bin mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher, als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert sass zu den Füssen eines Europäers mit einer langen Pfeife im Mund, und worunter natürlich zu lesen stand: ‚de rookende jonge koopman‘.

Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Fürsorge für ihr Kind, und was es für den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab, that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die es nicht gut fanden, dass man sich zur ‚Sklavin seiner Kinder‘ mache.