The Project Gutenberg eBook of Max und Moritz: Eine Bubengeschichte in sieben Streichen
Title: Max und Moritz: Eine Bubengeschichte in sieben Streichen
Author: Wilhelm Busch
Release date: November 26, 2005 [eBook #17161]
Most recently updated: December 13, 2020
Language: German
Credits: Produced by Inka Weide, Robert Kropf, Markus Brenner and
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Transcriber's notes: [ ] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
"Düte", "Zippelmütze" sind alte Wortformen / are old spelled words
Max und Moritz
Verlag von Braun und Schneider.
Erster Streich.
Zweiter Streich.
Dritter Streich.
Vierter Streich.
Fünfter Streich.
Sechster Streich.
Letzter Streich.
Schluß.
Vorwort.
Kindern hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
Die, anstatt durch weise Lehren
Sich zum Guten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachten
Und sich heimlich lustig machten. —
— Ja, zur Übeltätigkeit,
Ja, dazu ist man bereit! —
— Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen —
Das ist freilich angenehmer
Und dazu auch viel bequemer,
Als in Kirche oder Schule
Festzusitzen auf dem Stuhle. —
— Aber wehe, wehe, wehe!
Wenn ich auf das Ende sehe!! —
— Ach, das war ein schlimmes Ding,
Wie es Max und Moritz ging.
— Drum ist hier, was sie getrieben,
Abgemalt und aufgeschrieben.
Erster Streich.
Mit dem lieben Federvieh;
Einesteils der Eier wegen,
Welche diese Vögel legen,
Zweitens: Weil man dann und wann
Einen Braten essen kann;
Drittens aber nimmt man auch
Ihre Federn zum Gebrauch
In die Kissen und die Pfühle,
Denn man liegt nicht gerne kühle. —
Die das auch nicht gerne wollte.
Und ein stolzer Hahn dabei. —
Max und Moritz dachten nun:
Was ist hier jetzt wohl zu tun? —
— Ganz geschwinde, eins, zwei, drei
Schneiden sie sich Brot entzwei,
In vier Teile jedes Stück
Wie ein kleiner Finger dick.
Diese binden sie an Fäden,
Übers Kreuz, ein Stück an jeden,
In den Hof der guten Frau. —
Fängt er auch schon an zu krähen:
Kikeriki! Kikikerikih!!
Tak, tak, tak! — da kommen sie.
Jedes ein Stück Brot hinunter;
Konnte keines recht von hinnen.
Reißen sie sich hin und her,
Ach herje, herjemineh!
Dürren Ast des Baumes hangen. —
— Und ihr Hals wird lang und länger,
Ihr Gesang wird bang und bänger.
Und dann kommt der Tod herbei. —
Hört im Bette diesen Jammer:
Ach, was war das für ein Graus!
All' mein Hoffen, all' mein Sehnen,
Meines Lebens schönster Traum
Hängt an diesem Apfelbaum!«
Kriegt sie jetzt das Messer her,
Nimmt die Toten von den Strängen,
Daß sie so nicht länger hängen,
Kehrt sie in ihr Haus zurück.
Doch der zweite folgt sogleich.
Zweiter Streich.
Sich von ihrem Schmerz erholte,
Dachte sie so hin und her,
Daß es wohl das beste wär',
Die Verstorb'nen, die hienieden
Schon so frühe abgeschieden,
Ganz im stillen und in Ehren
Gut gebraten zu verzehren. —
— Freilich war die Trauer groß,
Als sie nun so nackt und bloß
Abgerupft am Herde lagen,
Sie, die einst in schönen Tagen
Bald im Hofe, bald im Garten
Lebensfroh im Sande scharrten. —
Und der Spitz steht auch dabei.
Max und Moritz rochen dieses;
»Schnell aufs Dach gekrochen!« hieß es.
Sehen sie die Hühner liegen,
Die schon ohne Kopf und Gurgeln
Lieblich in der Pfanne schmurgeln. —
Witwe Bolte in den Keller,
Eine Portion sich hole,
Wofür sie besonders schwärmt,
Wenn er wieder aufgewärmt. —
— Unterdessen auf dem Dache
Ist man tätig bei der Sache.
Max hat schon mit Vorbedacht
Eine Angel mitgebracht.
Schon ein Huhn heraufgehoben;
Schnupdiwup! Jetzt Numro zwei;
Schnupdiwup! Jetzt Numro drei;
Und jetzt kommt noch Numro vier:
Schnupdiwup! Dich haben wir! —
— Zwar der Spitz sah es genau,
Und er bellt: Rawau! Rawau!
Fort und von dem Dach herunter. —
— Na! Das wird Spektakel geben,
Denn Frau Bolte kommt soeben; —
— Angewurzelt stand sie da,
Als sie nach der Pfanne sah.
»Spitz!« — Das war ihr erstes Wort.
Aber wart! ich komme ihm!«
Geht es über Spitzen her;
Laut ertönt sein Wehgeschrei,
Denn er fühlt sich schuldenfrei.
Schnarchen aber an der Hecke,
Und vom ganzen Hühnerschmaus
Guckt nur noch ein Bein heraus.
Doch der dritte folgt sogleich.
Dritter Streich.
Einen, der sich Böck benannte.
Lange Hosen, spitze Fräcke,
Westen mit bequemen Taschen,
Warme Mäntel und Gamaschen —
Alle diese Kleidungssachen
Wußte Schneider Böck zu machen. —
Oder wäre was zu flicken,
Abzuschneiden, anzustücken,
Oder gar ein Knopf der Hose
Abgerissen oder lose —
Wie und wo und wann es sei,
Hinten, vorne, einerlei —
Alles macht der Meister Böck,
Denn das ist sein Lebenszweck.
D'rum so hat in der Gemeinde
Jedermann ihn gern zum Freunde. —
— Aber Max und Moritz dachten,
Wie sie ihn verdrießlich machten.
Nämlich vor des Meisters Hause
Floß ein Wasser mit Gebrause.
Und darüber geht der Weg.
Sägen heimlich mit der Säge,
Ritzeratze! voller Tücke,
In die Brücke eine Lücke.
Als nun diese Tat vorbei,
Hört man plötzlich ein Geschrei:
Schneider, Schneider, meck, meck, meck!« —
— Alles konnte Böck ertragen,
Ohne nur ein Wort zu sagen;
Aber, wenn er dies erfuhr,
Ging's ihm wider die Natur.
Über seines Hauses Schwelle,
Denn schon wieder ihm zum Schreck
Tönt ein lautes: »Meck, meck, meck!«
Kracks! Die Brücke bricht in Stücke;
Plumps! Da ist der Schneider weg!
G'rad als dieses vorgekommen,
Kommt ein Gänsepaar geschwommen,
Krampfhaft bei den Beinen faßt.
Flattert er auf trocknes Land.
Ist so etwas nicht bequem!
Auch das Magendrücken kriegte.
Denn ein heißes Bügeleisen,
Auf den kalten Leib gebracht,
Hat es wieder gut gemacht.
Hieß es, Böck ist wieder munter.
Doch der vierte folgt sogleich.
Vierter Streich.
Daß der Mensch was lernen muß. —
Nicht allein das A-B-C
Bringt den Menschen in die Höh';
Nicht allein im Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen;
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muß man mit Vergnügen hören.
War Herr Lehrer Lämpel da. —
— Max und Moritz, diese beiden,
Mochten ihn darum nicht leiden;
Denn wer böse Streiche macht,
Gibt nicht auf den Lehrer acht.
Nun war dieser brave Lehrer
Von dem Tobak ein Verehrer,
Was man ohne alle Frage
Nach des Tages Müh und Plage
Einem guten, alten Mann
Auch von Herzen gönnen kann. —
— Max und Moritz, unverdrossen,
Sinnen aber schon auf Possen,
Ob vermittelst seiner Pfeifen
Dieser Mann nicht anzugreifen. —
— Einstens, als es Sonntag wieder
Und Herr Lämpel brav und bieder
Saß vor seinem Orgelspiele,
Schlichen sich die bösen Buben
In sein Haus und seine Stuben,
Wo die Meerschaumpfeife stand;
Max hält sie in seiner Hand;
Zieht die Flintenpulverflasche,
Und geschwinde, stopf, stopf, stopf!
Pulver in den Pfeifenkopf. —
Jetzt nur still und schnell nach Haus,
Denn schon ist die Kirche aus. —
Lämpel seine Kirche zu;
Und mit Buch und Notenheften,
Nach besorgten Amtsgeschäften,
Zu der heimatlichen Hütte,
Zündet er sein Pfeifchen an.
Ist doch die Zufriedenheit!«
Mit Getöse, schrecklich groß.
Kaffeetopf und Wasserglas,
Tabaksdose, Tintenfaß,
Ofen, Tisch und Sorgensitz —
Alles fliegt in [im] Pulverblitz.
Sieht man Lämpel, der gottlob!
Lebend auf dem Rücken liegt;
Doch er hat was abgekriegt.
Sind so schwarz als wie die Mohren,
Und des Haares letzter Schopf
Ist verbrannt bis auf den Kopf.
Wer soll nun die Kinder lehren
Und die Wissenschaft vermehren?
Wer soll nun für Lämpel leiten
Seine Amtestätigkeiten?
Woraus soll der Lehrer rauchen,
Wenn die Pfeife nicht zu brauchen?
Nur die Pfeife hat ihr Teil.
Doch der fünfte folgt sogleich.
Fünfter Streich.
Einen Onkel wohnen hat,
Der sei höflich und bescheiden,
Denn das mag der Onkel leiden. —
— Morgens sagt man: »Guten Morgen!
Haben Sie was zu besorgen?«
Bringt ihm, was er haben muß:
Zeitung, Pfeife, Fidibus. —
Oder sollt' es wo im Rücken
Drücken, beißen oder zwicken,
Gleich ist man mit Freudigkeit
Dienstbeflissen und bereit. —
Oder sei's nach einer Prise,
Daß der Onkel heftig niese,
Ruft man: »Prosit!« allsogleich,
»Danke, wohl bekomm' es euch!« —
[»Danke,« - »wohl bekomm' es euch!« —]
Oder kommt er spät nach Haus,
Zieht man ihm die Stiefel aus,
Holt Pantoffel, Schlafrock, Mütze,
Daß er nicht im Kalten sitze, —
Kurz, man ist darauf bedacht,
Was dem Onkel Freude macht. —
— Max und Moritz ihrerseits
Fanden darin keinen Reiz. —
— Denkt euch nur, welch' schlechten Witz
Machten sie mit Onkel Fritz!
Jeder weiß, was so ein Mai–
Käfer für ein Vogel sei.
Fliegt und kriecht und krabbelt er.
Schütteln sie vom Baum herunter.
Sperren sie die Krabbeltiere.
Unter Onkel Fritzens Decke!
In der spitzen Zippelmütze;
Seine Augen macht er zu,
Hüllt sich ein und schläft in Ruh.
Kommen schnell aus der Matratze.
Onkel Fritzens Nase an.
Und erfaßt das Ungetier.
Sieht man aus dem Bette sausen.
Im Genicke, an den Beinen;
Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.
Haut und trampelt alles tot.
Mit der Käferkrabbelei!
Und macht seine Augen zu.
Doch der sechste folgt sogleich.
Sechster Streich.
Wenn die frommen Bäckersleut'
Viele süße Zuckersachen
Backen und zurechte machen,
Wünschten Max und Moritz auch
Sich so etwas zum Gebrauch.
Hat das Backhaus zugemacht.
Muß er durch den Schlot sich quälen.
Durch den Schornstein, schwarz wie Raben.
Wo das Mehl darinnen ist.
Rund herum so weiß wie Kreide.
Sehen sie die Brezeln liegen.
Steh'n sie da als Jammerbild. —
Und bemerkt die Zuckerlecker.
Sind zwei Brote d'raus gemacht.
Ruff! — damit ins Ofenloch!
Denn nun sind sie braun und gut. —
Aber nein — noch leben sie.
Fressen sie durch das Gehäuse;
»Ach herrjeh! da laufen sie!«
Doch der letzte folgt sogleich.
Letzter Streich.
Jetzt kommt euer letzter Streich!
Löcher in die Säcke schneiden?
Einen seiner Maltersäcke.
Fängt das Korn schon an zu rinnen.
»Zapperment! dat Ding werd lichter!«
Max und Moritz im Getreide.
Schaufelt er das Lumpenpack.
Denn nun geht es nach der Mühle. —
Mahl er das, so schnell er kann!«
Schüttelt er die Bösewichter. —
Geht die Mühle mit Geknacke.
Fein geschroten und in Stücken.
Schluß.
War von Trauer keine Spur. —
— Witwe Bolte, mild und weich,
Sprach: »Sieh' da, ich dacht' es gleich!« —
— »Ja, ja, ja!« rief Meister Böck,
»Bosheit ist kein Lebenszweck!«
— Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel:
»Dies ist wieder ein Exempel!« —
— »Freilich!« meint der Zuckerbäcker,
»Warum ist der Mensch so lecker!« —
— Selbst der gute Onkel Fritze
Sprach: »Das kommt von dumme Witze!« —
— Doch der brave Bauersmann
Dachte: »Wat geiht meck dat an!« —
— Kurz im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm:
»Gott sei Dank! Nun ist's vorbei
Mit der Übeltäterei!!«