17.
Die Fahrt zum Niagara.
(20. bis 22. Aug.)
Ich stieg mit acht andern Reisenden, die ebenfalls den großen Fall des Niagarastromes besuchen wollten, in die Postkutsche. Denn bei der Fahrt auf dem Schiffe, das Tag und Nacht geht, verlor ich zu viel Gelegenheit, das Land, das ich durchreisete, zu sehen. Die Postkutsche macht täglich zwanzig Stunden Weges, fährt bei Tagesanbruch ab, und kehrt bei nächtlicher Dunkelheit ein. Ein anderer Reisewagen, der eine halbe Stunde nach uns von Utica abging, holte uns zu Oneida ein, wo wir dar Frühstück nahmen.
Kaum waren wir eine Strecke hinter Oneida, ward ich durch etwas überrascht, was in Europa, wo vortreffliche Polizei herrscht, keinen Reisenden überrascht, und schwerlich als Merkwürdigkeit in eine Reisebeschreibung aufgenommen wird. Ich aber will's gern hier eintragen.
So weit ich bisher in Amerika gekommen bin, hatte ich keine Straßenbettler gefunden. Hier liefen uns die ersten Bettelbuben nach. Es waren kleine Indianer. Bald auch kamen wir durch das Dorf der Wilden. Es bestand aus den erbärmlichsten Hütten, die hie und da im Wald, oder auf schlecht angebautem Erdreich herumlagen. Links von unserm Weg sah ich einen artigen grünen Rasenplatz von alten Bäumen überschattet. Dort, sagte man mir, pflegen die Häupter der Wilden ihre Rathsversammlungen zu halten.
Die hiesigen Indianer waren vom Stamm Cayagua, und nicht von der schönen Art. Sie hatten runde Gesichter, langgeschlitzte Augen, dicke Nasen, lange auf die Schultern niederhängende Haare, und elende Lumpen um die Hälfte ihres schmutzigen, gelben Leibes gewickelt. Das waren nicht mehr die kecken, kräftigen Gestalten, die ich in Newyork bewundert hatte.
Das Land wurde, je weiter wir kamen, wilder, und mit Ausnahme einzelner Ortschaften, weniger bevölkert. Selten sah man Häuser von Backsteinen, sondern nur von leichtbehauenen Baumstämmen, sogenannte Blockhäuser. Sie sind leicht und wohlfeil zu erbauen.
Ein junges Ehepaar, das sich als Pflanzer in den neuen Staaten ansiedeln will, hat oft, statt alles Vermögens, nichts als ein oder zwei Rosse, ein wenig Linnenzeug im Bündel und hundert Dollars Münze im Geldbeutel. Damit wandert es in die Einsamkeit und wählt sich eine Gegend, einen Boden, wie er ihm eben zusagt. Es hat an fünfzig Morgen Landes genug; zahlt den Morgen mit einem bis zwei Dollar zum Theil baar, zum Theil verzinset es das Uebrige mit sechs Prozent. Dann werden die nächsten Nachbarn, die oft drei und vier Stunden Wegs entfernt wohnen, besucht und vom Tag benachrichtigt, wenns an Erbauung des Hauses gehen soll. Am bestimmten Tag kommen alle Nachbarn mit ihren Pferden, Ochsen, Aexten, Beilen u. s. w. um Holz zu führen; bringen auch Sämereien mit und Vorräthe von Lebensmitteln zum Geschenk für die neuen Pflanzer. – Dann werden die Baumstämme gefällt, entastet; an ihren beiden Enden mit Einschnitten und Zapfen zum Zusammenfugen versehen, und auf einander gelegt, wie wenns einen großen Käfig geben sollte. Allfällige Lücken zwischen den Balken füllt man mit Steinen, Moos und Erde aus. Ehe der Tag ganz zu Ende ist, steht die Wohnung schon fertig. Dann werden die Eingeladenen noch mit Speise und Trank bewirthet, und ihre Zahl ist immer ziemlich groß; und jeglicher kehrt zu den Seinen zurück, oder wohnt er allzu entfernt, nimmt er unterwegs beim ersten besten Pflanzer dessen Gastfreundschaft in Anspruch, die herzlich gern bewilligt wird.
Ist der junge Pflanzer irgend rührig und arbeitsam auf dem neuen Gute: so ist er am Ende von zwei bis drei Jahren schon im Stande, eine Wohnung von Backsteinen aufzuführen. Auch das wieder ist nicht so gar köstlich. Denn zu dem Behuf gibt es Ziegelbrenner, die von einem Ort zum andern wandern. Auf dem Bauplatz selbst legen sie ihre Werkstatt an, kneten, formen und brennen die Backsteine, die sie zu vier bis sechs Dollars das Tausend liefern. Die neuen Häuser sind dann ein Stockwerk hoch, mit zwei bis vier Fenstern in der Breite. Zu einem Gebäu von drei Fenstern vorn gehören vierzigtausend Steine. In Städten haben diese Steinhäuser auch einen Anstrich von aussen, und die Dachung ist mit Schiefer gedeckt.
Jenseits des indianischen Dorfes sieht man von einer kleinen Höhe den ganzen Oneida-See, und bis zum Ontario-See, der an den Horizont grenzt. Wir kamen durch zwei Städtchen, Manlieus und Odanagua; zwischen beiden dehnte sich zu unserer Rechten ein See aus, acht Stunden lang, ungefähr eine Stunde breit, an dessen gegenüberliegendem Ufer wieder die Häuser von zwei Städtchen hervorschimmerten. Ich fragte, wie sie hießen, und ward von Ehrfurcht durchdrungen, als ich ihre Namen, Rom und Syrakus, hörte.
Durch das niedliche Städtchen Skenektedes, am Ende eines kleinen Sees hingelagert, gelangten wir Abends acht Uhr nach der kleinen Stadt Auburn, etwa einundzwanzig Wegstunden von Utica. Das Wirthshaus, wo wir abstiegen, war schon voller Reisenden, die vom Niagara in zwei Wagen zurückgekommen waren. Ich spürte gemach, daß ich mich in Nordamerika den Grenzen der zivilisirten Welt näherte. Das Wirthshaus hatte nichts Erquickliches. Die Schlafgemächer, worin immer fünf Betten beisammen standen, glichen den Kasernen. Das Städtchen selbst zählte schon eine Bevölkerung von etwa zweitausend Seelen.
Andern Tages ward es nicht besser. Die Landschaften wurden immer einsamer und wilder. Von einer Stadt zur andern fährt man oft vier bis zehn Stunden Weges durch ewige Wälder, in denen man nur dann und wann hölzerne Hütten zwischen weiten Strecken uralter, hoher, dicker Bäume erblickt, die aber alle verdorrt sind und einen traurigen Anblick gewähren. Die Pflanzer nämlich, welche ohnehin der Arbeit in den ersten Jahren genug haben, geben sich nicht die Mühe, die riesenhaften Bäume selbst zu fällen, die sie wegschaffen möchten. Sie schälen nur unterhalb über der Wurzel Rinde und Splint bis aufs Holz ab, lassen den Baum absterben und, wie er fault, vom Wind und Regen umwerfen. Man benutzt aber häufig das Land schon, ehe die Stämme gefallen sind; jätet unter den dürren Aesten, die nichts mehr verschatten, das Gesträuch aus, pflügt den Boden mit einem einzigen Pferde auf, streut den Samen aus und erfreut sich der Aernte, die auf einem an Lebenskraft so reichen Boden nie schlecht sein kann.
Durch das Städtlein Geneva, am nördlichen Ende des Seneca-Sees ungemein anmuthig hingebaut, und durch Canandaigua, wo wir zu Mittag speiseten, kamen wir Abends in das Städtchen Rochester, welches zwar nur erst 1800 Einwohner hat, aber auch erst zehn Jahre alt ist. Wir sahen folgendes Tages unterwegs einzelne Häuser ganz mit Menschen angefüllt, und mit gesattelten Pferden und Wagen umringt. Es war Sonntag. Man hatte sich da zum Gottesdienst versammelt, und manche Familie wohl deswegen eine halbe Tagereise gemacht und mehr. Hier zu Lande sind keine Zwangsanstalten, Beichtzettel, Sonntagsmandate und dergleichen Nothbehelfe erforderlich, um die Kirchen zu füllen und würdige Feier des Tages zu erzwecken. Alles erfolgt von selbst, wo wahre Freiheit daheim ist. Erzwungene Gottesdienstlichkeit ist das sicherste Mittel, die Kirche und ihre Priester verhaßt zu machen, Irreligiosität zu verbreiten und eine geheuchelte, darum eben lästige äussere Ehrbarkeit, statt frommer Sitten, herrschend zu machen. Es ist unglaublich, wie weit man in manchen Ländern Europens noch zurück ist, nach so vielen Erfahrungen und Thatsachen, die einfachsten Sätze des gesunden Verstandes zu begreifen.
Man hört den Sturz des Niagarafalls, wenn der Wind von daher kommt, sechs Stunden Wegs weit. Ich hörte sein Brausen aber erst in einer Entfernung von zwei Stunden, und nur dumpf.
Bei einbrechender Nacht kamen wir nach Lewistown, am Ufer des Niagara. Drei englische Lords und ein ehemaliger britischer Admiral saßen im Wirthshause am Kaminfeuer und sprachen mit andern amerikanischen Reisenden. Sie waren eben vom Wasserfall zurückgekommen. Natürlich, wir, die wir ihn erst schauen wollten, sponnen die Unterhaltung darüber gern fort.
Als mir der Wirth mein Schlafzimmer anwies, machte er mich auf ein anhaltendes Sumsen aufmerksam, welches aber meine Ohren mächtiger schlug, wenn er die Fenster öffnete. Es war das Tosen des ungeheuern Stromfalles, dessen einförmiger Donner aus den weiten Urwäldern wiederhallte, bald näher heranzuwandeln, bald wieder sich zu entfernen schien, je nachdem der Wind das majestätische düstre Rauschen mit sich hintrieb.
Ich stand lange am Fenster und horchte der wunderbaren Natur-Musik. Der Nachthimmel war heiter und hing voller Sterne. Empfindungen, die sich in kein Wort kleiden lassen, bewegten mich. Ich stand da beinahe zweitausend Stunden weit von meiner Heimath, in jenen unermeßlichen Wäldern, die noch vor wenigen Jahren nur von Wilden bewohnt, oder von Abentheurern und verwegenen Reisenden besucht waren, welche für Handelsgewinn oder Kenntnißbereicherung jedes Wagstück bestanden.
18.
Der Wasserfall des Niagara.
(23. Aug.)
Noch lag ich im tiefsten Schlaf, als mich der Wirth schon früh Morgens nach 3 Uhr mit angezündeter Kerze ermunterte, aufzustehen; der Wagen werde sogleich vorfahren. Kaum hatte ich Zeit mich anzukleiden. Der Reisewagen rollte heran. Wir stiegen ein. In kurzer Zeit hatten wir den Fuß eines mäßigen Hügels erreicht. Aber auf der Höhe droben angekommen, faltete sich plötzlich vor unsern trunkenen Blicken eins der reizendsten Schauspiele auseinander. Der Himmel glühte in allen Farben des Morgens; der Erdball schien sich vom Schlummer aufzurichten und verschämt erröthend dem Gott des Tages entgegen zu lächeln. Zu meinen Füßen wallte, wie ein dunkler, stellenweis funkelnder Teppich weithin der Ontario-See. Einzelne Nebelsäulen wandelten über diesen wehenden Teppich wie verspätete Geister der Nacht; sie wandelten und verschwanden. Nordwärts umfaßte den See der breite, schwarze Saum von Canada's unübersehbaren Wäldern; westwärts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. Mehr in der Nähe hoben sich bei der Ausmündung des Niagarastroms zwei Vesten, die sich gegenseitig zu bewachen schienen. Drüben am canadischen Ufer die St. Georgs-Veste; hierüben, auf dem Gebiet der Vereinstaaten, die Niagara-Veste. Im Hintergrunde, am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, glänzten im ersten Sonnenstrahl Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne. Ich vernahm vom Postkutscher, es sei das canadische Städtlein York, acht Stunden Wegs von uns. »Sehen Sie auch seitwärts!« setzte er hinzu und wies nach der Mittagsseite. Ich wandte mich dahin und sah eine ungeheure Dampfsäule in der Ferne aus dem Schoos der Erde gegen die Wolken auffahren, wie von einem Vulkan ausgekocht. Dort war der Niagarafall.
Erst nach ungefähr einer Stunde sahen wir von diesem zwischen den Bäumen einige Wassermassen erscheinen und verschwinden. Aber das dumpfe Getöse ward mit jedem Augenblick deutlicher und lauter. Um neun Uhr hielt der Wagen vor einem artigen Wirthshause still, wo wir uns mit gutem Frühstück erquicken konnten, und freundliche Führer zum Wasserfall erhielten.
Wir begaben uns dahin. Auf einer Brücke, die über einen Arm des Flusses geworfen ist, gelangten wir zu einer Insel, Goat-Island, welche den Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt. Wir verweilten hier, uns auf der Insel zerstreuend, die ungefähr eine halbe Stunde Umfang hat, bis drei Uhr Nachmittags, um den Wasserfall und seine Pracht in aller Muße zu genießen.
Die Kalklager, von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind, bilden oft Berge und Hügel von beträchtlicher Höhe. Ein Zweig dieser Gebirgsverästung, der sich durch Maryland, Pensylvanien und Newyork streckt, durchschneidet den Niagarafluß in die Queere und verursacht den ungeheuern Sturz dieses Gewässers. Der Niagara, einziger Abfluß der großen Seen und des Erie-Sees, bildet bis zu seiner Mündung in das weite Becken des Ontario, einen mächtigen Strom von tausend bis zwölfhundert Schuh Breite und großer Tiefe. Bis zum Chippewaystrom, der zwischen dem Erie- und Ontariosee in ihn hineinstürzt, (vor Zeiten hat hier auch eine Veste gestanden), fließt er langsam und still. Dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt, von den Wassern des Chippeway verstärkt, wird er unruhig, sein Fall reissender. Er stürmt schäumend gegen Klippen und Felsen, die ihm den Weg verrammeln. Zwei Inseln spalten ihn in drei Theile. Aber stürmisch vereinigt er sich wieder, nahe dem weit über hundert Schuh tiefen Abgrund, in welchen er hinab muß. Die Felsen haben ihm hier bis auf viertausend Schuh weiten Spielraum gelassen. Es ist ein heulendes Meer, dessen Wogen, unter einander kämpfend ihrem zermalmenden Sturze entgegenrasen.
Der Wasserfall hat die Form eines Hufeisens. Der östliche Theil ist der vollere, gewaltigere, malerischere. Die Masse der niederstürzenden Fluthen, von unten auf angesehen, scheint aus den Himmeln herabzufahren und sich in einen bodenlosen Abgrund vergraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersäulen zu zersplittern und zu verstäuben. Die Erde und der Felsenboden dröhnen und zittern unterm Fuß des Menschen. Man steht in der Mitte eines ewigen, betäubenden Donners, während rings umher die ganze Natur schweigt, wie vom Entsetzen erstarrt. Aus der Tiefe, wo Alles kocht und gährt, silbergraue Staubwolken und Wasserbündel und Strahlen hastig auffliegen, und von nachkommenden wieder ereilt und zerstört werden, heulen in allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichen Stimmen des Abgrunds durch das einförmige Tosen der Donner.
Ich begab mich vom amerikanischen Ufer auf Goat-Island; eine lange, schmale Brücke, mit großer Kühnheit über die Strömungen hingebaut, führt zu diesem Eiland. Und auf demselben befindet sich ein artiges Wohnhaus, wo man nicht nur Erfrischungen findet, sondern, was mich verdroß, ich möchte sagen, anekelte – sogar ein Billard! – Pfui! Da, wo vor der Majestät des Schöpfers, vor der erschütternden Herrlichkeit der Natur Alles klein wird, will die erbärmlichste aller menschlichen Leidenschaften, die Spielsucht, noch groß thun und sich auf den Zehen in die Höhe strecken und gelten. Da, wo Alles zur Bewunderung und Andacht ruft, will man noch – gemeine Unterhaltung, um der Langenweile zu entgehen. Ich könnte unmöglich mit einem Reisenden Freundschaft schließen, den ich hier Billard spielen sähe. Ich sähe in ihm das vollendete Zerrbild europäischer Zivilisation; jene sittliche Verkrüppelung, die wieder in stumpfes, gemüthloses, freches Thierthum übergeht. Es gibt Stellen auf Erden, die den Menschen aller Zonen und Religionen durch sich selbst Heiligthümer sind, heiliger, als ihre von Kalk und Steinen gebauten Kirchen und Tempel. Man sollte deren Entweihung nicht dulden.
Das Haupt eines indianischen Stamms hatte, so erzählte man mir, von den Alten gehört, es sei zwischen den Seen ein großes Wunder. Er machte sich auf; begleitet von seinen vornehmsten Kriegern kam er zum Niagarafall. Nachdem er eine Weile mit Erstaunen und Schweigen dagestanden war, nahm er seinen Tamoak, mit Silber belegt, seinen Bogen und die schönsten seiner Zierden, warf sie in den Schlund der Wogen, und sagte zu seinen Gefährten: »Fürwahr! Hier ist ein Haus des großen Geistes!«
Man hat auf der Insel die bequemste Ansicht des Wasserfalls; und wie man auf einen andern Punkt derselben tritt, verwandelt sich dem Auge das nie ermüdende Riesenspiel der Natur zu neuen Erscheinungen. Ich lebte in einer Wunderwelt. Recht anmuthig war es, daß auf dem grünen Teppich der Wiesen einige Hirsche und Rehe zahm und traulich um das Haus gingen und sich uns arglos näherten.
Ein junger Amerikaner war bisher immer mein Gefährte gewesen. Er blieb es auch, als ich bis zum Tiefsten des Wasserfalls niederstieg. Dies geschieht auf hölzernen Leitern, die man am senkrechten Felsen angebracht hat, die aber unter jedem Schritt schwanken. Zwei Männer, schon an diese schwierige Kletterei gewöhnt, trugen unsere Bündel. Denn wir hatten mit uns selbst genug zu schaffen, uns an Gesträuchen, Klippen und was uns unter die Hände kam, festzuklammern. Jeden Augenblick durchnetzte uns ein Stoß und Brast von Wasserstaub, durch den Wind gegen uns getrieben. Das Geheul der Wogen betäubte uns die Ohren.
Unten nahm uns ein kleiner Nachen auf. Einer der Führer stieg zugleich ein und schiffte uns mit Hilfe eines Ruders mitten durch die wüthenden Wellen. Wir brachten über eine halbe Stunde zu, ehe wir das canadische Ufer erreichen konnten.
Während dieser Ueberfahrt genossen wir gemächlich und umfassend das große Bild ewiger Verwandlungen. Die brennenden Farben des Regenbogens umgaukelten uns, bald in der schäumenden Nähe, bald über uns.
So erreichten wir unten am Wasserfall, wo uns beständig dicke Wolken aufsteigenden Wasserstaubes verschlangen, das canadische Ufer. Aber das Erklimmen dieser schroffen Felsen war für uns so gefahrdrohend und mühselig, als es das Herabsteigen am jenseitigen Ufer gewesen war.
Droben erreicht man in einer Viertelstunde ein großes, schönes Wirthshaus. Hier fanden wir Alles belebt. Jeden Augenblick zeigten sich uns andere Gesichter; Reisende kamen, Reisende gingen. Ganze Karavanen durchkreuzten sich. Die Fenster des Speisesaals gingen gegen den Fall hinaus. Man zeigte mir von da den Table-Rock (Tafelfelsen), wo die schönste Ansicht des ganzen Falles sein soll. – Ich begab mich dahin, und sah mich keineswegs getäuscht. Dieser Felsen streckt sich beträchtlich weit in den ungeheuern Schlund vor. In der That, das Auge umfaßt hier mit einem Blick das Ungeheure des großen Schauspiels. Es ist dem Geiste zu groß. Er will Alles umfassen und wird von dem erhabenen Ganzen verschlungen. Er verliert sich. Er schwebt zwischen Grausen und Entzücken.
19.
Ein Besuch bei den Seneca-Wilden.
Nichts widerlicher, als der Uebergang von prachtvollen Naturszenen, aus denen man in der Trunkenheit stiller Begeisterung zurückkehrt, zur Gemeinheit von Wirthshausszenen. Es ist die schmerzlichste Verletzung der Andacht. Es ist mehr, als Kirchenraub.
Ich zauderte auch nicht lange, und ließ anspannen. Es war erst vier Uhr Nachmittags, und ich konnte noch bequem nach dem Städtchen Buffalo, sechs bis sieben Stunden von da, gelangen. Der Weg dahin, auf canadischem Boden, folgt den gekrümmten Ufern des Niagara, der oberhalb Chippeway einen sanften Lauf hat. Als wir beim äussersten Ende des Erie-Sees, bei der Erie-Veste angekommen waren, mußten wir in einem Fahrzeuge über den Fluß setzen. Vor uns lagen in einiger Entfernung zwei Städtchen, Blackrock und Buffalo.
Buffalo liegt an der östlichen Ausspitzung des Erie-Sees und war während des letzten Krieges fast ganz zerstört worden. Am meisten hatte es aber von der Rohheit der Indianer gelitten, deren sich die Engländer hatten gegen die Amerikaner bedienen wollen. Es ist gefährlich, solche Bundesgenossen im Hause zu haben. Jetzt ist Buffalo freilich wieder aus der Asche neu aufgestanden, aber nicht als ein Phönix. Das Städtchen ist nichts weniger als hübsch. Indessen, was nicht ist, kann noch werden; denn der Ort ist zum Waarenverkehr trefflich gelegen. Der große Kanal des Erie-Sees, der mit dem Hudsonfluß verknüpft ist, geht von Buffalo aus, wo Fahrzeuge aus dem Michigan- und Erie-See landen müssen. Auch herrscht hier im Hafen schon viel Thätigkeit und Leben.
Herr L**, dem ich von New-York aus empfohlen war, empfing mich sehr zuvorkommend. Aus einer achtbaren französischen Familie stammend, war er schon vor vierzig Jahren nach Amerika ausgewandert. Während des Krieges zwischen England und Nordamerika hatte er, wie er mir erzählte, Buffalo verlassen und sich mit seiner Frau bei den Wilden zwei Jahre lang aufgehalten, indessen er seine drei Kinder nach Frankreich zurückschickte, um ihnen eine gute Erziehung geben zu lassen.
Sein Leben unter den Wilden, und was er mir davon sagte, hatte für mich viel Anziehendes. Bei mancherlei Entbehrung entbehrlicher Dinge, war er doch bei ihnen sehr glücklich gewesen. Er konnte ihre treue Gastfreundschaft nicht genug rühmen.
In den Umgegenden des Eriesees und gar nicht entfernt von Buffalo trieb sich damals ein zahlreicher Stamm von Indianern herum, der den Namen Seneca führt, und ein Zweig der alten, vielgefürchteten Irokesen ist. Diese Wilden waren damals mit aller Welt rings um in Frieden: Herr L** ermunterte mich, sie zu besuchen. Es gefiel mir gar wohl, etwa einen Tag lang, oder zwei, das einsame Treiben und Wirthschaften dieser Naturkinder zu schauen. Aber wie man ein paar Jahre lang mit ihnen in den Wäldern ganz behaglich hausen könne, wollte mir doch nicht einleuchten. Wir machten uns also auf den Weg.
Schon, wie wir aus Buffalo hervor waren, begegneten uns einige der Senecaner. Ihre Bekleidung schien mir etwas sorgfältiger, als jene der Cayagua-Indianer. Sie hatten auch gar kein ärmliches Aussehen. Die, welche Hüte trugen, hatten sie sogar mit Silberplättchen geziert. Breite Gurte von rothem Tuch hingen um ihre Hüften; andere trugen diese Gürte schärpenartig gebunden. Manchen hing an der Seite ein breites Messer; dabei hielt jeder seinen Tomoak in der muskelstarken Faust.
Der Weg zu ihrem Dorfe führte in die Tiefe einer ungeheuern Waldung. Je weiter wir hineinkamen, je dichter wurde das Gehölz, und von Zeit zu Zeit stand ein Indianer, kommend oder gehend, vor uns, so unerwartet oder unvorhergesehen, als wär er aus der Erde hervorgeschossen. – Ein Greis, dem zwei junge Leute nachfolgten, alle wohlbewaffnet und wohlgekleidet, strich an uns vorüber, ohne uns anzusehen. Ich hielt ihn an und fragte, wie weit es noch bis zur Mitte des Stammes hin sei? Diese Wilden verstanden kein Englisch. Der Alte redete mit den Jünglingen, wie sich zu berathen. Nun versuchten wir die Zeichensprache. Damit gings besser. Wir erhielten die verlangte Auskunft und sahen nach zwei Stunden Wegs im Wald umher zerstreute Hütten.
Das Holz war stellenweis abgeschlagen, und der leergewordene Platz ziemlich nachlässig angepflanzt. Mais, Korn, Erdäpfel und andere Feldfrüchte sahen wir, mehr wie durch Zufall, als durch Menschenhand da hingesetzt. Es sind auch nur die Weiber, die den Landbau treiben. Männer schämen sich noch des, und treiben blos das edle Weidwerk, als geborne Jäger. Das Weib ist noch eine Art Sklavin; trägt auch, während sich der Mann frei bewegt, auf Reisen die Lebensmittelvorräthe in einem Korb auf dem Rücken, an einem breiten Lederriemen, der über die Stirn geht. Eben so tragen sie auch ihre kleinen Kinder, aber auf ein Brett gebunden, bis ans Kinn eingefäscht, mit deren Rücken gegen ihren Rücken.
Der große Stamm der Irokesen, der einst an den Champlain-, Ontario- und Erie-Seen umhertrieb, ist jetzt fast ganz verschwunden. Man sieht nur noch einzelne abgerissene Zweige desselben, wie den der Senecaner. Als sich im Jahre 1610 die ersten christlichen Glaubensboten unter sie wagten, zählten sie noch eine Heeresmacht von mehr denn 20,000 Kriegern. Nach dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskriege im Jahr 1780 fanden sich hier nur noch etwa 1500 Krieger vor. Jetzt können sie nicht mehr als 150 bis 200 Streiter aufstellen.
Diese befremdende Verminderung der Indianer mag mancherlei Ursachen haben. Der Wilde zieht sich bei jeder Annäherung der zivilisirten Welt scheu zurück, wenn er sie nicht zerstören kann. Er will mit ihr nichts gemein haben. Er kennt aus den Sagen seiner Väter und Urväter die nie zuverlässige Treue, die List und Hab- und Herrschgier und rastlose Ausbreitungssucht der Europäer. Er kann die Lebensbequemlichkeiten derselben nicht reizend finden, weil er ihrer durchaus nicht bedarf; kann die Genüsse nicht schätzen, welche Wissenschaft und Kunst gewähren mögen, weil sie ihm fremd und verschlossen stehen; kann die feinern Vergnügungen der gebildeten Gesellschaft nicht leben, weil sie zugleich einen äussern Zwang auflegen, der ihm naturwidrig scheinen muß. – Die reine Freiheit des Wilden hat ohnehin ihren eigenthümlichen Zauber, der aus der Einfalt, Rechtlichkeit und ungebundenen Sorglosigkeit hervorgeht. Man hat wenige, oder am Ende gar keine Beispiele, daß Indianer, welche bei Europäern erzogen wurden, nicht gerne wieder aus dem Zwang der Etikette, des Zeremoniels, des Kirchenthums, des Rangwesens, der Polizeiordnungen, der Titulaturen, der gesellschaftlichen Vorurtheile, der Parteimachereien, der unendlichen Lebensmühen, um zum Besitz entbehrlicher Dinge zu gelangen, herausgegangen und in die Stille und Freiheit ihrer Wildnisse, zur einfachen Lebensweise ihrer Stammesgenossen zurückgekehrt und daselbst geblieben wären. Dagegen sind der Beispiele mehrere vorhanden, daß gebildete Europäer, die gewaltsam oder freiwillig unter die Indianer kamen, sobald sie sich nach Jahr und Tag unter ihnen heimisch fühlten, auf das Bittersüß der Zivilisation verzichteten, sich, wie die Familie L** zu Buffalo, sehr glücklich bei ihnen fühlten, und entweder gar nicht mehr, oder doch nicht ohne späteres Heimweh, in die Welt der Gebildeten zurückkehrten.
Eine große Zahl der Irokesen hat sich wirklich von den großen Seen hinweg westwärts in das unbekannte Innere des Welttheils gezogen. Was noch zurückblieb, ward zum Theil wohl in Kriegen, mehr noch durch das Gift der gebrannten Wasser, welches sie von den Europäern kennen lernten, durch Völlerei und Krankheiten, die daher entsprangen, allmälig aufgerieben. Vielweiberei findet in der Regel bei ihnen nicht statt; nur die Stammhäupter und Vornehmsten haben mehrere Frauen.
In der ersten Hütte, in die ich eintrat, fand ich eine Indianerin geschäftig, Mais in einem hölzernen Troge klein zu stoßen, um daraus eine Art Brod zu backen, das sie Hökake heißen. Ich hatte späterhin bei einsamen nordamerikanischen Pflanzern oft genug Anlaß, meinen Gaumen mit dieser Hökake vertraut zu machen.
Fünfzig Schritte weiter, in einer zweiten und viel größern Hütte, die einem Oberhaupt gehörte, lagen fünf junge Weiber auf dem Boden, die unter einander mit bunten Bohnen, auf einer über die Erde gebreiteten Matte, spielten. Zwei derselben rauchten dazu, zwei andere säugten ihre Kinder. Ihre Bekleidung war so spärlich, daß unsere Schönen in europäischen Städten, wenn sie sich in »eleganter« griechischer Tracht halbnackt den Gaffern hinstellen, daneben ganz nonnenhaft vermummt erschienen haben würden. Sie sahen zu uns auf, ohne ihre bequeme Lagerung zu ändern. Ich verlangte ein wenig Milch. Die Jüngste, welche etwas englisch verstand, fragte, wie viel ich dafür geben wollte? Ich reichte ihr ein Sechs-Pencestück hin. Sie brachte mir mehr Milch, als ich trinken konnte.
Ohne die Indianer in ihrer Sprache sprechen zu können, geht man unter ihnen natürlich wie ein Taubstummer umher. Man sieht dies und das, aber möchte Erklärungen dazu, und vermag sie nicht zu fordern. Ich durchirrte das Dorf und wandelte in den Umgebungen mehrerer Hütten, deren kahles Innere keiner Beschreibung bedarf. Ich bemerkte auch von den schauerlichen Siegeszeichen der Wilden, die mit den Haaren bewachsene Schädelhaut von den Köpfen ihrer erschlagenen Feinde. Nun wußte ich ohngefähr, wie es in den Walddörfern und Hütten der alten, tapfern, vielgerühmten Germanen zu Tacitus Zeit ausgesehen haben mag, von denen, ihrem Whisky (oder Meth) ihrem Eichelschmaus (oder Hökake) u. dgl. m. noch jetzt die Rektoren und Professoren an den Schulen in Deutschland ihrer lernbegierigen Jugend gern großes Aufhebens machen.
Man weiß, wie es bei den Wilden mit dem Skalpiren, oder dem Abziehen der Schädelhaut ihrer Feinde, schnell und leicht geht. Aber eins wußte ich nicht und schien mir fast unglaublich. Man versicherte mich, daß man Menschen gekannt habe, die noch viele Jahre nach ihrer Skalpirung munter und gesund gelebt haben; nur daß ihnen die Haare nicht wieder nachwuchsen.
Die Rechtlichkeit und Strenge der amerikanischen Gesetze und der Ernst in deren Vollziehung hat bewirkt, daß sich die Seneca-Indianer sehr ruhig verhalten. Nur die Begierde, etwas zu besitzen, das ihnen an einem Weißen gefällt, hat sie oft zu Unthaten verleitet. Denn das kürzeste Mittel, sich im Besitz des gewünschten Gutes zu sehen, schien ihnen auch das beste zu sein, nämlich den Eigenthümer zu tödten. – Doch auch davon hat man lange nicht gehört.
20.
Die Fahrt im Vaggon nach Pittsburg.
(25. bis 28. August.)
Mein Plan war gewesen, im Dampfschiff von Buffalo über den ganzen Erie-See bis an dessen entgegengesetztes Ende nach Detroit zu fahren. Aber ich hatte mich in den Tagen verrechnet; das Dampfschiff war schon abgereiset, und acht Tage lang hier auf ein anderes zu warten, taugte zu meinem Zeitvorrath schlecht.
Ich bequemte mich also, wenn gleich etwas ungern, mit in ein Fuhrwerk zu sitzen, das den folgenden Tag von Buffalo nach Pittsburg in Pensylvanien abreisen sollte. Man nannte diesen Wagen, der wie ein Karren aussieht, einen »Vaggon.« Ich werde noch lange an diese Vaggons denken, die eben nicht zu dem bequemsten Reisegeräth gehören, zumal auf Wegen, wie die sind, wo sie gebraucht werden. Zu meiner vorläufigen Beruhigung erzählte man mir, daß zwei Wochen vorher zwei Reisende mit dem wöchentlich abgehenden Vaggon kein Glück gehabt. Der eine wäre vom Vordersitz herab in eine Schlucht geschleudert worden und auf der Stelle todt gewesen; der andere, indem er herausspringen wollte, als der Vaggon eben umstürzte, wäre von diesem zerschmettert worden. Aber das begegne bei einiger Vorsicht nicht alle Tage.
In Gesellschaft anderer Reisenden bestieg ich also den Vaggon. Eine Stunde von Buffalo schon hörte die Straße auf. Man fuhr nun immer längs dem Ufer des Erie-Sees hin. Aber welch ein Weg! – oder vielmehr, es war gar kein Weg da. Bald sanken die armen Rosse bis über die Knie in feinen Schlammsand ein, bald in Morastpfützen und Koth. Es waren vier Pferde, allein sie hatten Arbeit vollauf, den Wagen nur im Schritt fortzubringen. Ich hatte die angenehme Einbildung, das sei eine wüste Stelle; man müsse einige Augenblicke Geduld haben. Der Postknecht belehrte mich aber sehr höflich, die wüste Stelle dauere zehn Stunden Weges lang.
Der See ging ziemlich stürmisch. Trotz dem fuhr unser kühner Phaëton ins Wasser hinein, wenn er entweder aus dem Schlamm sich retten, oder großen Steinen ausweichen wollte. So lange die Räder des Vaggons, die, als eines Strandlaufers, sehr hoch waren, noch festen Boden über sich fühlten, ließ ich die Wasserreise unbetadelt. Aber nun kamen wir an einen Platz, wo sich ein Felsen ziemlich weit in den See hinausstreckte. Der mußte umschifft werden. Der Lenker unserer Schicksale und des Vaggons trieb die Pferde ins Wasser, bis es über sie wegrauschte, und sie wie Hunde schwammen, während die Wogen des kleinen stürmischen Meers den Kasten des edeln Vaggon weidlich zerschlugen. Da ward mirs doch etwas schwül; ich dachte an meine unglücklichen Vaggonsvorfahren und verwünschte diese Art Lustreisen. Meine amerikanischen Reisegefährten verwunderten sich höchlich. Sie fanden die Sache vollkommen in der Ordnung der Dinge. Ich mußte ihnen das allerdings zugestehen; aber, dacht' ich: ländlich, sittlich!
In einem einsamen Hause hart am See ward zu Mittag gespeiset, Roß und Vaggon gewechselt. Dann gings weiter; nicht besser, als des Morgens, aber doch, zur Abwechselung, auch anders. Denn wenn die Pferde, bei der Tiefe und Beweglichkeit des Sandes nicht mehr von der Stelle rücken konnten, fuhr man, statt ins Wasser, in den Wald, der das Seeufer besäumt. Da mußte man nun mit vieler Kunst im Zikzak zwischen den Bäumen und um sie herumkreisen; bald sich durch einen in die Quer hingestürzten alten Stamm, bald durch einen Bach-Hohlweg in witzigen Erfindungen üben lassen, wie man das neue Hinderniß überwinden könne.
Doch, ohne Hals- und Beinbruch, hatten wir das Glück, bei eintretender Nacht an Ort und Stelle nach Fredonia zu gelangen.
Fredonia trägt den Namen einer Stadt (Township). Es ist eine neue Stadt. Aber mache sich niemand gar zu glänzende Vorstellungen von den neuen Städten in Nordamerika. Es hat damit ein ganz eigenes Bewandtniß. Ihre Errichtung hängt nicht blos von Zufälligkeiten ab, durch welche ehemals die Städte Europens, oder auch noch die Küstenstädte Nordamerika's entstanden sind, wo ein Kloster, ein Wallfahrtsort, ein landesherrliches Schloß und dergleichen, mehr Ansiedler, als anderswohin, zusammenlockte; oder wo eine Bucht, ein natürlicher Hafen, die Mündung eines großen Stroms, zur Gründung einer Kolonie einlud. Kluge Vorausberechnungen bestimmen jetzt den Platz, wo eine künftige Stadt im Innern des Landes stehen müsse. Dann wird die Erbauung derselben durch Beschluß angeordnet und begonnen, es sei, wo es wolle.
So steht Fredonia mitten in Wildnissen und Wäldern, die sonst allein vom Geheul der Irokesen und wilden Thieren belebt waren. Da führen noch keine vielbewanderte Wege, keine gebaute, regelmäßige Hochstraßen zu den Thoren. Es sind noch keine Thore, keine Ringmauern vorhanden. Die Stadt ist erst vier Jahre alt. Man sieht ein gutgebautes Gerichtshaus (court-house). Weiterhin stehen wieder zwei Kirchen, aus Backsteinen geschmackvoll aufgeführt; zwei verschiedenen Glaubensparteien angehörend; beide ziemlich nahe beisammen. Dann sieht man noch ein Wirthshaus; einen Kaufladen und Magazin mit Spezerei, Leinwand, Tüchern, gebrannten Wassern und andern kleinen Bedürfnissen; ferner eine Schmiede, und eine Buchdruckerei, aus der wöchentlich eine Zeitung hervorgeht. Dann in gleichem Verhältniß, wie in mehrern europäischen Staaten der augenlose weltliche und geistliche Arm derer, die Gewalt haben, die gegenseitige Mittheilung, Belehrung und Verknüpfung der Geister unter einander vermittelst der unterdrückten Preßfreiheit unterdrücken möchte, suchen die Nordamerikaner durch Begünstigung der Preßfreiheit Gemeinsinn, Theilnahme an vaterländischen Angelegenheiten, Kunst, Kenntniß, Volksbelehrung zu befördern. Um jene sieben, acht Gebäude herum stehen in Fredonia etwa noch zehn einzelne Häuser zerstreut umher. Aber die öffentlichen Plätze, die Märkte, die künftigen Straßen sind schon im Plan vorhanden; sind schon wirklich ausgesteckt. Wer sich da ansiedeln will, ist gehalten, dem angenommenen Plan gemäß zu bauen.
So sieht eine vierjährige Stadt im Innern Nordamerika's aus.
Folgenden Tages gings durch Wald und Wüstenei; der Weg ward nicht gemächlicher, aber doch minder gefahrvoll, als am vorigen Tage. Der Postknecht, welcher die Zeitung von Fredonia auf seiner Reise abzugeben hatte, warf dieselben, wo man in der Nähe von einzelnen Häusern unterwegs vorbeikam, links und rechts aus dem Wagen vor die Thüren. Abends kamen wir noch bei hellem Tage zu Erie an.
Diese Stadt liegt am Südosttheil des Sees, von dem sie benannt ist, auf einer Anhöhe, von der sich eine weitgedehnte Aussicht ergibt, und bis zum jenseitigen See-Ufer. Die Seen Ontario und Erie gleichen kleinen Meeren; jeder von ihnen hat über dritthalbhundert Stunden Umfang und bei sechshundert Geviertmeilen Fläche.
Südwärts der Stadt, die sich mit ihren 150 Häusern und drei Kirchen auf ihrer Höhe gar städtisch ausnimmt, kann man noch Ueberbleibsel einer ältern Niederlassung wahrnehmen. Es hatten sich da vorzeiten französische Pflanzer auf einer Landzunge angebaut, die sie Presqu'isle nannten. Der Boden war sehr gut, das Klima gesund; allein die allzugroße Entfernung von allen andern bewohnten Orten zwang sie, das Land wieder zu verlassen. Kurze Zeit nachher gründeten die Amerikaner die Stadt Erie. Wenn einmal die Ufer des Sees bevölkerter sind, wird diese Stadt sehr bedeutend werden müssen.
Mit Anbruch des folgenden Tages ging die Reise südwärts, nach Pittsburg. Wir kamen abermals an Ueberbleibseln einer französischen Niederlassung, Lebeuf geheißen, etwa fünf Stunden von Erie, vorbei, die das Schicksal von Presqu'isle gehabt hatte. Dagegen sahen wir, zwei gute Stunden weiter hin, die holländische Niederlassung Waterfort in sehr blühendem Zustande. Wir frühstückten hier in einem sehr guten Wirthshause. Zu Meadville, zehn Stunden von da, hielten wir etwas an. Ich traf da mit einem Herrn zusammen, der mit gleicher Leichtigkeit englisch, deutsch und französisch sprach. Seine Unterhaltung war für mich sehr belehrend. Vermuthlich hielt er mich für den Geschäftsführer einiger europäischen Auswanderer-Gesellschaften. Er trug mir Ländereien zum Kauf an, den Acker zu zwei und drei Dollars. Es war ein Herr H**, Agent einer holländischen Kompagnie.
Erst spät Nachts kamen wir in das Städtchen Mercer, welches dem Städtchen Meadville glich. Beide nämlich sind neue Städte. Man wird nun wissen, was darunter zu verstehen ist. Vorzeiten ging der Weg hieher durch die Veste Wenango, die wir weit links gelassen hatten.
Ich war seit den vorigen Tagen, von den Wasserfällen des Niagara weg, durch ungeheure Einsamkeiten fortgeführt worden. Aber sie konnten nicht mit denen verglichen werden, die sich zwischen Mercer und Pittsburg am folgenden Tage auslagerten. Es ist eine Strecke von zwanzig Wegstunden, und wir sahen nur das einzige Städtlein Buttler; fuhren oft fünf bis sechs Stunden, ohne eine Hütte, vergraben im Gebüsch, zu erblicken. Alles ein endloser Wald, dessen finstere, durch einander gewachsene Zweige selten nur einen freundlichen Strahl des Himmels auf uns niederzufallen erlaubten.
Es läßt sich denken, wie es um die Poststraße dieser unbewohnten Welt stand. Wir hatten vier wackere Rosse; wir waren im Wagen unserer nur drei Reisende, und doch kostete es keine geringe Mühe und Noth, vorwärts zu kommen. Beim vorletzten Pferdewechseln liefen wir am Ende noch Gefahr, Hals und Beine zu brechen. Es ging eben einen Hügel steil abwärts. Die Amerikaner pflegen keine Räder zu spannen, sondern lassen die Pferde geschwinder laufen, oft im Galopp bergab. So machte es unser Postknecht. Das Riemenwerk eines der Deichselpferde riß. Mit vieler Geschicklichkeit lenkte er das andere, welches allein noch den Wagen zurückhalten konnte. Aber nun war ein großer Stamm über den Weg gefallen, und doch nicht quer genug, um den Wagen zum Stehen zu bringen. Auf einer Seite liefen die Räder auf dem Stamm entlang; endlich sprang das eine über, das andere schob den Stamm fort. Das Holz rollte. Die erschrockenen Pferde nahmen mit Wagen und Holz Reißaus. Wir tanzten in der Luft, und siehe da – kamen mit heiler Haut glücklich davon.
Auf einer schönen Halbinsel, gebildet von den Strömen Manongahela und Alleghany, beut sich dem Auge die Stadt Pittsburg dar. Jene Ströme rauschen einander aus entgegengesetzten Weltgegenden zu. Der Alleghany kömmt von Norden. Er ist aus verschiedenen Gebirgsbächen und Wassern von den Erie-Ufern entstanden, die sich bei der Wenango-Veste verbinden. Der Manongahela hinwieder kömmt von Süden her, aus den Laurels-Gebirgen, in Obervirginien. Er verschlingt in seinem Laufe viele andere Ströme, und so auch den Youghiogeni, der ziemlich beträchtlich ist. Bei Pittsburg, wo der Alleghany und Manongahela zusammenfallen, empfangen sie nach der Vereinigung den Namen Ohio (man spricht den Namen O-hai-io aus) oder Schön-Fluß. Dieser durchläuft dann eine weite Strecke von 400 Stunden, bis er sich in den Missisippi ausmündet.
Wir fuhren über eine der prächtigsten Bogenbrücke in die Stadt hinein. Sie ist mit Schiefer bedacht, und ruht auf fünf Bogengewölben, jedes fünfundsiebenzig Schritte lang. Eben so schön ist jenseits der Stadt auf ihrer Mittagsseite die andere Brücke. Sie hat die Länge von 532 Schritten; an jeder Seite zweiundfünfzig Fenster, um Heiterkeit zu geben; zwar nur von Holz gebaut, aber auf acht steinernen Pfeilern ruhend, die sieben Bogen bilden. Sowohl für Fuhrwerke, als Fußgänger, sind Doppelwege. Diese trefflichen Arbeiten, welche im Jahr 1816 ein englischer Ingenieur leitete, der auch in Tennesee eine ähnliche Brücke gebaut hat, sind binnen zwei Jahren vollendet worden.
21.
Die Ohio-Fahrt nach Mariette.
(29. August bis 4. Sept.)
Ich verweilte mit Vergnügen in Pittsburg einige Tage. Die Stadt ist in mehr als einer Hinsicht anziehend für den Beobachter. Man nennt sie das »Manchester der Vereinstaaten.«
Sie ward erst im Jahre 1784 gegründet. Im Jahre 1800 zählte sie 2400 Einwohner; im Jahre 1810 aber 4700 derselben, und gegenwärtig über 14,000. Darunter sind, ausser eingebornen Amerikanern, Engländer, Franzosen, Schotten, viele Deutsche und Schweizer, die sich alle, jetzt wohlzufrieden, veramerikanert haben.
Die Stadt besitzt nicht, wie andere Städte dieses großen Freilandes, das lachende, freundliche Ansehen in seinem Innern. Die Häuser sind vom Rauch der Steinkohlen geschwärzt, die hier allgemein üblich sind. Aber dagegen erblickt man eine rührige Gewerbigkeit, wie nicht leicht anderswo. Alle Häuser sind voll von den verschiedensten Werkstätten. Längs den Ufern lärmen die Dampfmaschinen, welche eine Menge Mehl-, Säge-, Papier-, Oel- und Loh-Mühlen, Gerbereien und Färbereien, Glashütten und Eisenschmelzen u. s. w. in ununterbrochener Bewegung halten. Den westlichen Staaten um hundert und mehr Stunden näher als Philadelphia und Baltimore, versorgt Pittsburg die Pflanzorte in jenen vorzugsweise mit seinen Kunsterzeugnissen. Die Flüsse wimmeln von Fahrzeugen, die Waaren bringen oder fortführen. Mit Ausnahme der Monate August, September und Oktober, kommen täglich Dampfboote an. Von Neu-Orleans, den Missisippi und Ohio herauf, legt ein solches Boot den Weg von mehr denn siebenhundert Stunden binnen achtzehn Tagen zurück; stromabwärts ist die Fahrt in zwölf Tagen vollbracht. Und doch wird unterwegs, mit dem Ausschiffen und Aufnehmen von Waaren und Reisenden in allen Städten längs den Ufern, noch Zeit verbraucht. Die Reise den Strom herauf, von Neu-Orleans bis Pittsburg, kostet 50 Dollars, stromab nur 40. Man hat dafür, wie immer auf amerikanischen Dampfbooten, gute Tafel und sehr saubere Betten.
Bisher hatte mich auf meinen Lustwanderungen durch die neue Welt der freundlichste Himmel begleitet, was von nicht geringem Einfluß auf meine gute Laune und vielleicht auf meine Ansichten und Urtheile gewesen sein konnte. Denn, wir wollen uns nicht täuschen, das Universum sieht an einem sonnenreichen Tage ganz anders aus, als an einem Regentage. Nicht nur Erd' und Himmel ändern bei böser Witterung ihre Physiognomie, sondern auch Thier und Mensch.
Es kam mir daher zur Berichtigung meines Urtheils und meiner Stimmung, die ich vielleicht nur der Heiterkeit der Sommertage zu danken hatte, ganz gelegen, daß bei meiner Abreise aus Pittsburg rauhes, regnerisches Wetter eintrat. Ich hüllte mich ein, setzte mich in einen Vaggon und fuhr dem Ohiostrom entgegen. Indessen lernt' ich dabei nichts Anderes, als daß das Reisen beim schlechten Wetter in Amerika ungefähr eben so langweilig ist, als bei uns. Denn durch den grauen Schleier des Regens sah und erkannt' ich draussen nichts; drinnen im Vaggon hört' ich und lernt' ich nichts Merkwürdiges. Nachts schlief ich in dem kleinen Ort Washington; folgenden Vormittags kam ich zeitig in der kleinen Stadt Wheling an, die am linken Ufer des Ohio, etwa hundert Stunden von Baltimore, liegt.
Das eben genannte Washington ist nicht jene neue, im großen Styl entworfene Hauptstadt der Vereinstaaten, Sitz der höchsten Bundesbehörden. Es gibt der Ortschaften viel, die mit den Namen eines Washington, Franklin, Lafayette u. s. w. geschmückt sind. Man unterscheidet sie dann nach ihren verschiedenen Provinzen und Flüssen durch Beinamen. Die alten und neuen Republiken wußten ihre großen Männer immer auf eine eigenthümliche, aus Geist und Art des Volks hervorgegangene Weise zu ehren. Das kunstsinnige Griechenland errichtete ihnen Bildsäulen. Rom äffte später darin, wie in vielem Andern, nur nach. Die frommen Schweizer stifteten ihnen kirchliche Schlachttagsfeier und Kapellen. Die gewerbigen, im Schirm der errungenen Freiheit sich über einem jungfräulichen Boden ausbreitenden Amerikaner bauen Städte und schmücken sie mit den unsterblichen Namen der Freiheitsstifter.
Das Städtchen Wheling liegt schon im Staat Virginien, in einer angenehmen Gegend und unter einem milden Himmel. Es hat etwa 2000 Einwohner. Wie ich durch die Straßen umherschlenderte, ward ich auf eine sonderbare Weise überrascht. Ich sah da eine Menge Leute, Männer, Weiber, Kinder, alle in Schweizer- und deutscher Bauerntracht. Als ich näher trat, erkannte ich dieselbe Auswanderungs-Karavane wieder, die ich, bei meiner Abreise von Europa, in Havre gesehen hatte. Die ehrlichen Anabaptisten waren nicht wenig erstaunt, als ich sie deutsch anredete. Einige erinnerten sich meiner sogleich wieder. Sie hatten wegen ihrer endlichen Niederlassung noch keine Wahl getroffen, und die Absicht, den Ohio hundert bis zweihundert Stunden weiter abwärts zu gehen. Es waren zusammen alt und jung 119 Personen.
Ich habe schon gesagt, daß auf dem Ohio im Monat August, September und Oktober kein Dampfboot, wegen zu niedrigen Wasserstandes, fährt. Ich miethete also, um rascher fortzukommen, ein sogenanntes Keelboot. Das ist eine Art bedeckten und geschlossenen Fahrzeugs, nur zum Waarentransport bestimmt, welches man den Fluß abwärts sendet, aber nie wieder zurückfährt, weil es für dies Wasser zu groß und schwerfällig ist. Ein kleiner, leichter Nachen mit zwei Rudern ist dem Schiffe angehängt. Dieses Nachens bediente ich mich, zur Verminderung der langen Weile, fleißig. Denn weil ich für meine Beköstigung selbst sorgen mußte, fuhren wir an keinem artigen Bauernhof, an keinem niedlichen Landhause vorüber, wo ich nicht sogleich einkehrte, besonders wenn ich Obstbäume und vor allen Dingen Pfirsiche da erblickte. Die letztern sind ungemein saftig, groß und vom feinsten Geschmack. Oft glich Alles einem kleinen Pfirsichwald, was die ländlichen Wohnungen umgab. Die Eigenthümer bepflanzen damit der Länge nach jeden Bach und Weg und Steg, und nennen sie, recht die amerikanische Gastfreundlichkeit bezeichnend, Pfirsiche für die Reisenden (Traveller-peaches).
Die Ufer des Ohio sind, von Wheling hinweg, sehr stark bewohnt. Das rechte Ufer gehört zum Ohiostaat, das linke zu Virginien. Kein einziger von allen Pflanzern, bei denen ich einkehrte, war im Lande selbst geboren, insgesammt stammten sie frisch aus Deutschland, England, Irland, Holland. Die für Europa so traurigen Noth- und Hungerjahre 1816 und 1817 waren für die hiesigen Ansiedler das wahrhaft goldene Zeitalter gewesen. Nun aber beklagten sie sich bei der wohlfeilen Zeit sehr. Sie wußten nicht, wohin die Früchte ihres Feldes absetzen. Ich tröstete sie mit dem nämlichen Loose der europäischen Landleute, die noch dazu bei dem niedrigen Stand der Getraidepreise oft schwere Abgaben zu zahlen hätten.
Wir kamen am 4. September, an einem Sonnabend, nach Mariette, ohne besondere Abentheuer erlebt zu haben, als etwa, daß wir unterwegs einen schönen Hirsch, der über den Ohio schwimmen wollte, mit Ruderstangen todtschlugen und uns ihn schmecken liessen. Mariette ist eine der ältesten Städte im Ohiostaat. Sie ward gleich, nachdem den Indianern das Gebiet abgekauft war, gegründet. Die Fruchtbarkeit und Wohlfeilheit des Bodens lockte viel Volks her. Die Stadt zählte bald 1200 Einwohner; aber – sie zählt auch jetzt noch nicht mehr. Denn die Luft ist fieberhaft, ungesund, und die Sterblichkeit in manchen Jahrgängen groß. Das schreckt viele Ansiedler ab, während diese sonst vorzugsweise gern den Ohiostaat wählen, weil er einen angenehmen, milden Himmelsstrich, sehr gesunde Luft, äusserst fruchtbaren Boden und vielleicht die beste Landesverfassung von allen Vereinstaaten hat.
In der Umgegend von Mariette sind die zahlreichen alten Befestigungswerke und Gräber der Indianer sehr merkwürdig. Die Ueberbleibsel der Befestigungen, zwar nur von Erde aufgeworfen, dehnen sich zusammenhängend Viertelstunden weit und mehr aus. Die Gräber, oder »Maun's«, wie sie es in der Sprache der Wilden heißen und noch jetzt genannt werden, sind in großer Menge umher zerstreut zu sehen; nicht nur aber bei Mariette, sondern auch in andern Gegenden der Republik Ohio und westlich gelegener Landschaften. Es sind zuckerhutförmige, oben abgestumpfte Hügel, meistens zwölf bis zwanzig Schuh hoch, die unten einen Umfang von dreißig bis sechszig Fuß haben. Noch jetzt haben die Stämme aller Indianer für ihre Todten eine heilige, oder abergläubige Ehrfurcht, wie sonst. Hier pflegten sie die Leichname, in Felle gehüllt, flach auf den Erdboden zu legen, dann dieselben mit einem solchen Erdhügel zu bedecken, daß sie weder durch wilde Thiere, noch Menschen leicht ausgescharrt werden konnten. Die Mauns der Häuptlinge sind höher und breiter. Ich sah deren bei Mariette, welche einen Umfang von hundert Fuß und eine Höhe von dreißig Fuß haben.
22.
Ein paar Wochen auf dem Lande im Ohiostaate.
(4. bis 20. Sept.)
Die Witterung war wieder lieblich. Ich hätte mich auch gern unter den Pflanzern dieses Freistaats umgesehen, um bei ihnen etwas zu lernen. Dazu bot sich hier die vortheilhafteste Gelegenheit. Ich konnte eine Familie, die eine Stunde von Pointharms wohnte, mit Grüßen und Nachrichten aus Europa besuchen. So begab ich mich über den Muskingum nach Pointharms, und von da zur mir bezeichneten Kolonie, um meine Aufträge auszurichten. Zwei Tage später begleitete ich von hier die Familie zu ihren Aeltern, auf einer Niederlassung, die noch zwölf bis vierzehn Stunden weiter landeinwärts lag. So kam ich von Pflanzung zu Pflanzung.
Die Familie machte die Reise zum Vaterhause in einem Wäglein. Mir gab man ein Reitpferd. Jede Art zu reisen hatte mir bisher wohlbehagt; nur mit den Pferden in Amerika hatte ich ganz eigenes Mißgeschick. Als zwei Stunden lang Alles in guter Ordnung gegangen war, wurde der Weg so schlecht, daß das Fuhrwerk meiner Freunde mehrmals umzuwerfen drohte, und endlich, über einem Graben hangend, in die gefährlichste Schwebe kam. Ich sprang noch im rechten Augenblick vom Rosse, um den Wagen etwas zu halten und größeres Unheil zu verhüten. Als dieser wieder aufgerichtet stand und ich meine Rosinante suchte, war sie davon und waldeinwärts gelaufen. Nun mußte ich ihr nachsetzen, und sie narrte mich zwei volle Stunden herum. Ich hätte die Bestie ihrem Verhängniß überlassen, wärs mir nicht um meinen Mantel auf dem Sattel leid gewesen. Zum Glück kam mir ein Pflanzer zu Hilfe, der das Roß fing. Als ich aufsitzen wollte, ward es stätisch, wollte nicht mit mir umkehren; alle Beredsamkeit meines Mundes und meiner Peitsche blieben gegen diesen Eigensinn fruchtlos. Um nicht noch mehr Zeit einzubüßen, gab ich dem braven Landmann ein Trinkgeld, ließ ihn den Gaul heimführen, hing den zusammengelegten Mantel an einem Stecken über die Schulter, und wanderte sechs Stunden Wegs zu Fuß, bis zu dem Ort, wo meine Reisegefährten übernachten wollten. Den andern Tag erreichten wir endlich Nachmittags das ersehnte Vaterhaus.
Herr Hauptmann **, Eigenthümer dieser Niederlassung, empfing mich mit zuvorkommender Güte und Gastfreundlichkeit. Ich ward zuletzt bei ihm ganz heimisch. Wir besuchten die Umgegenden, musterten seine landwirthschaftlichen Anstalten, oder gingen mit einander auf die Jagd, die hier sehr reich und mannichfaltig ist, besonders an Truthühnern. Im Winter kann man sie mit Stecken todtschlagen. Der Hauptmann erzählte, er habe bei seiner Wohnung in einem Winter ein ganzes Dutzend getödtet, das Stück achtzehn bis zwanzig Pfund schwer. Noch häufiger ist, und eine wahre Landplage, in diesen Gegenden eine Art Eichhörnchen, die aber viermal größer sind, als die unsrigen in Europa. In einem einzigen Tage können sie mehrere Acker Mais vollkommen verwüsten. Daher wird unaufhörliche Jagd auf sie gemacht; aber sie sind schwer auszurotten, vermehren sich schnell und haben so zähes Leben, daß, wenn man sie nicht beim Schuß durch Herz oder Kopf trifft, sie mit zerschmetterten Gliedmaßen von Ast zu Ast, von Baum zu Baum springen und entwischen. Man ißt ihr Fleisch; es ist angenehm, kräftig und zart. – Man jagt auch Dammhirsche, Fischottern, Opossums, Raukuns und anderes Gewild dieser Art.
Von zahmem Vieh züchtet man vorzüglich Pferde, die 30 bis 40 Dollars kosten; Ochsen, das Paar 30 bis 36 Dollars im Preise; Schweine in Ueberfluß, davon man den Zentner mit 1 bis 1½ Dollars zahlt. Viehhändler, die das Land alle Jahr durchziehen, kaufen ganze Heerden zusammen und führen sie ostwärts den großen Städten, hundert, auch zwei- und dritthalbhundert Stunden weit, zu.
Die Staaten von Ohio, Indiana und Ober-Kentuky bieten dem Auge weder den Anblick hoher Gebirge, noch großer Ebenen dar. Es ist ein hügeliges Land, welches, von der Höhe übersehen, einem grünenden, wogenden Meer ähnlich sehen mag. Der Landwirth unterscheidet hier gern dreierlei Erdreich. Das beste ist das schwarze. Es befindet sich am meisten in den Niederungen, und vor seinem Anbau immer mit Wäldern bedeckt, besonders von ungeheuern Kastanien- und Nußbäumen, die zwar nur kleine, aber sehr süße Früchte tragen. Die zweite Gattung Erdreichs ist die rothe; es trägt gern verschiedene Arten schöner Eichen, steht aber im Feldbau an Güte dem schwarzen Grunde nach. Die dritte Gattung Bodens ist gelb, die am mindesten fruchtbare. Im Ohiostaat baut man am meisten Mais, Frucht, Waizen, Gerste, Haber, Erdäpfel u. s. w. an. Die Aernten sind immer äusserst ergiebig. Es ist in diesem Boden eine Fülle üppiger Lebenskraft.
Man darf nur die Wälder betrachten. Sie sind eine Zusammenschaarung von Riesenstämmen, davon man in Europa kaum Aehnliches erblickt. Glatt, ohne Moos und Flechten, kerzengerade schiessen die Stämme auf, die erst an den Gipfeln Zweige und Aeste tragen. Unter denselben ist der Boden mit grünem Rasen bedeckt, ohne jene Menge niedern Strauchwerks, welches in unsern europäischen Forsten zu wuchern pflegt. Weiden längs Bachufern sieht man eben so wenig. – Unter allen Bäumen aber ist der Sycomorenbaum durch seine Dickstämmigkeit am ausgezeichnetsten. Man erzählte mir davon Unglaubliches. Ich aber sah selbst einen, in dessen Innern ein Spezerei-, Material- und Liqueur-Laden gehalten ward, mit Thür und Fenster versehen. Wenn ein Sycomorenbaum anfängt, die Stammdicke von einem Schuh im Durchmesser zu erhalten, beginnt er schon von innen hohl zu werden. Daher macht man auch auf leichte Weise Tonnen daraus. Man durchsägt nur die Stämme, und versieht sie auf zwei Seiten mit einem Boden. Die Sycomoren gedeihen am besten auf dem fetten, frischen Grunde der feuchten Niederungen.
Das Verfahren bei Bereitung des Ahornzuckers ist bekannt genug. Die Pflanzer in den westlichen Staaten bereiten sich von Mitte Märzes bis Mitte Aprils auf diese Art ihren Zuckervorrath. Ein Kind, mit Pferd und Schlitten und Faß darauf, sammelt täglich das aus den angebohrten Bäumen abgeträufelte Wasser und führts nach Hause. Ein Baum mag binnen vierundzwanzig Stunden, unter begünstigender, sonnenheller, kalter Witterung, bis auf zwölf Maas Wasser geben, ohne Schaden für ihn. Ein Pflanzer macht sich für den Jahresbedarf seines Hauses gewöhnlich 150-200 Pfund solches rohen oder Staubzuckers. Andere, die damit Handel treiben, bereiten bei zwanzig Zentner desselben. Der Zentner gilt drei Dollars (das Pfund einen Batzen).
Hier kann's keinem Landmann übel gehen, der fleißig ist, und nur so viel Vermögen hat, sich ein freies Eigenthum zu kaufen, nebst Vieh, Saat und Lebensbedürfnissen für das erste und zweite Jahr. Von da an baut und erzieht er sich alles selbst, was er nöthig hat, und verkauft, gut oder schlecht, noch vom Ueberfluß. Unmerklich wächst mit der Bevölkerung umher, ohne sein Zuthun, der Werth seines Grundeigenthums.
Auffallend war mir hingegen, daß von großen Kolonialanlagen, die man in Europa schon aufs vollkommenste entworfen hatte, in der Wirklichkeit nachher wenige zu dem gediehen, was sie hätten werden sollen. Doch muß ich allerdings die des Hrn. Rapp ausnehmen, welche großentheils aus Deutschen besteht und zehn Stunden von Pittsburg liegt. Hr. Rapp gab ihr den schönen Namen Harmonie.
Nach zwanzig Jahren Arbeit daselbst wurde alles Land als Eigenthum verkauft, und die Kolonie, die ein ganzes Dorf mit mehr als tausend Seelen ausmacht, wohlversehen mit allem, was zur Landwirthschaft gehört, baut nun, übereinstimmend nach dem nämlichen einmal angenommenen Plan, die prächtigen Fluren von Wabasch, auf der äussersten Grenze des Indianastaats. Rapps Söhne, ihres Vaters Nachfolger, sind ausschließlich mit Ankauf und Verkauf alles dessen beauftragt, was für das Bedürfniß der Gemeinde erforderlich ist. Die Kinder müssen bis zum sechszehnten Jahre die Schule besuchen; dann werden sie zur Feldarbeit, zum Handwerk u. s. f. angehalten. Die Niederlassung hat ihre eigene Kirche und Schule; eigene Gemeindsverfassung und Gesetze, welche von den erwählten Aeltesten der Gemeinde vollstreckt werden.
23.
Von Ansiedlern und Reisebeschreibern.
Von allen Auswanderern, die aus Europa kommen, um sich in den Vereinstaaten mit ihren Familien niederzulassen, stehen sich offenbar wohlhabende Ländereikäufer und Handwerker oder Künstler am vortheilhaftesten, weil jene gewiß sind, ihre Kapitalien von Jahrzehend zu Jahrzehend im Werth anschwellen zu sehen; und diese, wenn sie geschickt und fleißig sind, ihre Waare ums Doppelte besser, als in Europa, bezahlt erhalten. Demungeachtet wird es gemeiniglich ankommenden Handwerkern und Künstlern anfangs sehr schwer, sich durchzubringen, und zwar aus ganz einfachen Gründen. Wenige verstehen die englische Sprache, und sind daher dem Zufall überlassen, wo sie Leute finden, um sich mit ihnen zu verständigen. Wenige kennen Einrichtungen, Verhältnisse, Bedürfnisse und Oertlichkeiten des Landes, um sich den für sie tauglichsten Platz zur Ansetzung auszuwählen. Wenige haben Geld genug mitgebracht, um aus eigener Kraft und mit aller Freiheit sich, wo und wie sie wollen, festzusetzen und Werkstätten zu eröffnen.
Alle diese Schwierigkeiten für den Künstler und Handwerker sind es weniger für den bloßen Feldarbeiter. Gewöhnt an Entbehrungen, seiner Leibeskraft und Arbeitslust vertrauend, schließt er sich denen an, die seine Muttersprache verstehen; kauft soviel Land und Wald, als er bedarf und mag, um wenig Geld, in leichten Zahlungsterminen; rodet den Wald aus, spielt ein paar Jahre den Robinson Crusoe in der Einöde, und hat dann ein großes Bauerngut, das ihn und die Seinigen reichlich erhält. Oder er tritt ein schon vorhandenes nur als Pächter an; oder hat er gar kein Vermögen, so dient er als Knecht, und spart seinen Verdienst zusammen.
Am übelsten fahren spekulirende Kaufleute, wenn sie mit europäischen Waaren nach Amerika kommen. Denn die Regierung, um die Gewerbe des Landes zu begünstigen, erhebt von fremden Gewerbsartikeln eine beträchtliche Eingangsgebühr. Ich selbst sah, daß man hier Waaren aus europäischen Manufakturen um dreißig und fünfzig Prozent unter ihrem wahren Werth losschlagen mußte.
Ich habe bei dem Allem unter den Ansiedlern Kaufleute, Künstler, Handwerker und Landleute in Menge gefunden, die sich eines Wohlstandes freuten, dessen sie in der alten Welt nie theilhaft zu werden hoffen konnten. Ich habe keinen im eigentlichen Elend gefunden, und der, wenn er auch keinen Pfennig baar Geld in der Tasche trug, gesagt hätte, er habe Hunger gelitten oder keine Kleider mehr gehabt.
Das Volk der Reisebeschreiber, zu dem ich jetzt, was anfangs gar nicht mein Plan war, selbst gehöre, streut über Zustand, Treiben und Wesen der nordamerikanischen Vereinstaaten die verworrensten, oft geradezu die falschesten Vorstellungen in Europa aus. Ich habe deren viele vor meiner Reise und nachher gelesen. Die meisten beschreiben weniger Amerika, als vielmehr sich selbst in Amerika, woran am Ende wenig gelegen ist. Vielleicht begegnet mir dasselbe, ohne daß ichs weiß und will; aber ich weiß und will auch keine Beschreibung vom jetzigen Zustand jener Gegenden geben, sondern nur guten Freunden erzählen, was ich auf einer Lustfahrt sah und hörte, und bilde mir wenigstens ein, ziemlich unbefangen zu sein.
Unter den Reisebeschreibern mögt' ich den Preis der vollen Unbefangenheit noch immer dem weisen, gründlichen Rochefoucauld-Liancourt geben. Er liefert ein recht treues Bild von dem Amerika seiner Zeit. Aber seine Zeit war beinahe vor dreißig Jahren. Und in Amerika sind, was Fortschritte des Anbaues und der Gesittung betrifft, dreißig Jahre so viel, als in Europa drei halbe Jahrhunderte. Könnte er die Gegenden, die er einst sah, jetzt wieder sehen, er würde die wenigsten wieder erkennen.
Den Preis, welchen er verdient, möchte ich am allerwenigsten einem andern Reisenden ertheilen, von dessen Irrfahrten mir zwei dicke Bände in die Hände gefallen sind. Ich las sie um so neugieriger, weil ich von dem Manne, er heißt Gall, schon an einigen Orten in Amerika wunderliche Sachen gehört hatte. Man lachte da über ihn. Er hatte überall Händel gehabt. Er zankte sich mir den Kaufleuten, wegen Bestellungen; mit den Schiffern, wegen Fuhrlohns; mit den Wirthen, wegen der Zeche; mit den Lastträgern, wegen seines Gepäcks; – beinahe aller Orten, wohin er kam, hatte er Geschäfte vor den Scherifs und Richtern. Und das verschweigt er selbst in seinen zwei Bänden nicht. Er zankt auch da noch fort. Am unanständigsten fällt er gegen das achtbare Haus Le Roy Bayard u. Komp. in New-York aus, womit er freilich dem guten Namen desselben weniger, als seinem eigenen geschadet haben mag. Denn wer glaubt einem solchen Allerweltsmißvergnügten? Ihm gefiel in Amerika wenig oder gar nichts.
Solcher gallsüchtigen Reisenden gibts nun freilich wenige in Amerika; desto mehr gibts der entzückten Lobredner. Ich will diesen zwar ihr Entzücken gönnen; ich kann es mir aus dem grellen Abstich, welchen sie zwischen diesen wahrhaft freien Staaten und ihren europäischen Heimathen fanden, gar leicht erklären und entschuldigen.
Europa ist schon eine ältliche, ehrbare, an ihr Herkommen gewöhnte Matrone; alte Damen machen nicht gern neue Moden mit, wenn sie auch bequemer, einfacher und geschmackvoller sind. Ihre junge Tochter Amerika ist im aufknospenden Blüthenalter des Mädchens. Laßt diese Schöne nur so alt werden, wie ihre Mutter, und sich dann wieder im Spiegel sehen. Ich wette, sie hängt dann auch an verderblichen Gewohnheiten und verrosteten Moden, und beneidet die junge Australia. Schöner, daran zweifle ich nicht, wird sie, als die Mama Europa, denn diese hat auch noch gar zuviel von den barbarischen Zügen ihrer Frau Mutter Asia.
Europa erhielt von ihrer orientalischen Mutter eine gar kärgliche Aussteuer, als sie ihr eigenes Haus zu machen anfing. Späterhin freilich wohl noch einige ehrenwerthe Geschenke, z. B. das Christenthum und den Handelsverkehr. Allein was sie Gutes haben wollte, mußte sie selbst erwerben, erarbeiten, ersinnen. Amerika hingegen ward von dem ganzen Schatz ihres Wissens und Könnens ausgesteuert, und würde des Vorwurfs aller Weltalter werth sein, wenn es sein Hauswesen nicht vernünftiger, bequemer und freier eingerichtet hätte.
Wir wollen, um gerecht gegen die neue Welt zu sein, nicht ungerecht gegen unsere liebe, mürrische Alte werden. Es ist wahr, dort zahlt man keine Abgaben, von denen die europäischen Unterthanen stets niedergedrückt sind; man zahlt keine Zehnten, keine Bodenzinse u. s. w., sondern nur von jedem Acker einen Sol. – Allein man muß nicht vergessen, daß die amerikanische Regierung auch im Besitz von Geldquellen ist, deren in Europa wenige sind. Denn ausser den Zöllen von fremden Waaren, dem Ertrag der Posten und dem Tonnengelde der Schiffsfrachten, treibt sie Handel mit verkaufbaren Ländereien in den unermeßlichen Gebieten. Da hat sie noch auf lange Zeit Waarenvorrath, der ihr ein Jahr ins andere sechs bis sieben Millionen Dollars abwirft.
Ja, rufen die Entzückten, in Amerika sind keine kostspielige Hofhaltungen, keine übermäßig besoldete Minister und Beamte. Da erhält ein Präsident der vereinigten Staaten, der vier Jahre lang in höherer Macht, als ein europäischer Premierminister dasteht, jährlich 25,000 Dollars (125,000 Francs) und muß damit noch alle Ehrenausgaben während der Kongresse gegen die Gesandten der ersten Mächte, alle Gastereien u. s. w. bestreiten. Der Staatssekretair, wie der Schatzkammersekretair hat jährlich nur 4000 Dollars (20,000 Fr.), die amerikanischen Gesandten in Europa haben jeder 1800 Pf. Sterl., mehr nicht. – Wenn man nun damit die europäischen Besoldungen ähnlicher Stellen vergleicht, und gar noch die von England!
Vollkommen richtig. Allein auch mit dem ehrlichsten Willen läßt sich das in Europa nicht so leicht bestellen. In Europa lebt man wie in einer großen Stadt, wo ein gewisser Ton nun einmal herrscht, den Einer allein nicht abschaffen kann; wo man Manches, auch wider Willen, ehrenhalber mitmachen muß. Auf dem Lande lebt man eben, wie man will; kann sparen, ohne sich darum anderer Vortheile zu begeben; legt sich keinen Zwang an. – Nun denn, in Amerika lebt man wie auf dem Lande. Zieht einer in die Stadt Europa, behält er seine Einfachheit ohne Schaden bei, weil man's an ihm einmal gewohnt ist, und weil er – mehr Geld nicht hat.
In Amerika ist freier Handelsverkehr. In Europa wird aller Gewerbsfleiß und Waarenvertrieb im Netz von Mauthen, Zöllen, und Handelsabgaben gelähmt, verstrickt und erwürgt. – Ich gebe es zu, die europäischen Regierungen thun aber in der That nicht anders, als die amerikanische. Auch diese beschwert Einfuhr fremder Artikel mit Abgaben, um den inländischen Gewerbsfleiß zu erhöhen. Der Unterschied ist nur, daß in Europa die selbstherrlichen Gebiete gar zu kleine Landstückchen sind, während der amerikanische Bundesstaat eins ist. In Europa sorgt jeder König und Fürst für sein Ländchen, dessen Interessen verschieden von dem der Nachbarn sind. Daher das heillose Zoll- und Mauth-Netz, welches über den ganzen Welttheil ausgespannt ist. Europa, ein großer, einziger Bundesstaat mit vollkommener Handelsfreiheit, würde ein blühender Welttheil werden. Aber die Aufgabe ist etwas schwer zu lösen, wie man wohl begreifen wird.
Eben so ist's mit den kostspieligen, stehenden Heeren. Die Amerikaner haben nur 6000 Mann stehenden Kriegsvolks zu besolden; aber ausserdem ist jeder Bürger Krieger, wenn Krieg ist; und die Zahl dieser in Waffen geübten Milizen beträgt gegenwärtig volle 900,000 Mann. Wenn nicht alle europäischen Mächte einstimmig und alle zu gleicher Zeit ihre Armeen auflösen und das amerikanische System annehmen, möchte der Versuch dazu wahrlich keiner einzelnen Macht für sich allein zu rathen sein, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, von einem der christlichen Nachbarn ganz unerwartet, mit Mann und Roß, verschlungen zu werden.
Wie in diesen Stücken, so in vielen, wenn auch nicht allen. Wer in Europa die unläugbaren Vortheile Amerika's einführen will, muß vor allen Dingen erst dafür sorgen, daß er die Verhältnisse der Natur, Oertlichkeit und staatsthümlichen Lage aus den Vereinstaaten über das Weltmeer nach unserm Welttheil bringe. Dann wird sich alles leichter machen. Vor der Hand wollen wir zufrieden sein, wenn man sich nur dem möglichen Bessern allmälig nähert; den Kastenunterschied mildert; den Volksunterricht allgemeiner macht und bessert; im Zoll- und Mauth-Netz einige Maschen erweitert; die Ministerialwillkühr durch gesetzgebende Kammern beschränkt; und den allbelebenden, alles erhebenden, freien Verkehr in der geistigen Welt, nicht durch Posten- und Stämpel-Abgaben der Finanzspekulation und durch Zensur- und Preßzwangsgesetze blödsichtiger, oder furchtsamer Finsterlinge lähme oder tödte.