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Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 / Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück cover

Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 / Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück

Chapter 4: 3. Hyperion.
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About This Book

A first‑person travel account follows a European visitor who crosses the Atlantic and tours coastal ports, cities, rivers, a famous waterfall, and interior states before returning by inland routes. Departure scenes include family objections and stated motives of curiosity, health, and the pursuit of knowledge. Descriptions combine practical details about shipping and emigrant camps with observations of landscapes, urban life, factories, and religious activity. Encounters with migrating groups and local commerce prompt comparisons between social customs and freedoms in different regions. The narrative balances lively anecdote and reflective commentary to convey the lived experience of travel and impressions of society, economy, and scenery.

The Project Gutenberg eBook of Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824

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Title: Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824

Author: Philippe Suchard

Release date: February 2, 2015 [eBook #48140]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by the Google Books Library Project (http://books.google.com)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN BESUCH AMERIKA'S IM SOMMER 1824 ***

The Project Gutenberg eBook, Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824, by Philippe Suchard

 

 

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Mein
Besuch Amerika's
im Sommer 1824.


Ein Flug
durch die Vereinstaaten
Maryland, Pensylvanien, New-York
zum Niagarafall,
und durch die Staaten
Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien
zurück.


Von S. v. N.

Aarau, 1827.
Bei Heinrich Remigius Sauerländer.

1.
Die Abreise.
(20. bis 28. Mai.)

»Aber um aller Welt willen, Vetter, warum wollen Sie doch in alle Welt?« riefen mir Vettern, Muhmen, Basen zu, als mein Entschluß bekannt ward.

– Die vereinten Staaten von Nordamerika sind ja nicht alle Welt! – war meine Antwort.

»Wir sehen Sie in diesem Leben nicht wieder.«

– Hm, ich denke, noch vor Weihnachten. Es ist von hier bis Amerika nicht gar weit. Morgen reis' ich ab. In sechs, acht Wochen geh' ich in Amerika schon spazieren.

»Und, Vetterchen, bedenken Sie doch die tausend Gefahren auf dem Meere!«

– Ich sehe da deren nicht mehr, als auf dem Lande; nämlich, allenfalls ums Leben zu kommen. Gut, diese Gefahr ist die einzige, und wir bestehen sie vom Morgen bis zum Morgen alle Tage bei uns auf festem Boden.

»Ach, und Sie sind noch so blutjung.«

– Sieben- bis achtundzwanzig Jahre, glaub' ich. In dem Alter hatte Napoleon schon Italien erobert.

»Nun, warum machen Sie nicht lieber eine Lustreise nach Italien?«

– Erstlich lasse ich mich schlechterdings nicht im Piemontesischen mit meinen Paar Büchern als Transitgut plombiren; zweitens mich in Mailand schlechterdings nicht auf die Polizei schleppen, wenn unglücklicherweise an meiner Weste Carbonari-Farben zu sehen wären; drittens hab' ich einen Abscheu vor Stileten und Dolchen der Weglagerer, die im Kirchenstaat wieder mit der guten, alten Ordnung zurückgekehrt sind.

»Oder meinethalben gehen Sie nach Petersburg, wenn Sie etwa Berlin und Wien gesehen haben.«

– Petersburg ist von hier so weit, als Boston und Philadelphia, und die chinesische Mauer der Paßordnung ist am Fortkommen hinderlicher, als der Ocean. Ich möchte nicht, wegen der versäumten Unterschrift irgend eines Paßschreibers, ein Vierteljahr lang in einem russischen oder polnischen Gränzdorf verweilen.

»Reisen kostet Geld, Vetterchen!«

– Ein Paar tausend Gulden für die Lustfahrt, mehr nicht. Andere verlieren das noch behender und geschmackloser in Lotterien, am Spieltische, beim Weintische, in kaufmännischen Spekulationen, durch lockere Weiber, ungerathene Kinder, niederträchtige Falliten, übelberechnete Baupläne und allerlei Neukäufe.

»Aber welchen Nutzen können Sie von der Reise haben?«

– Der liebe Nutzen ist nicht Alles in der Welt; es gibt auch Anderes und Besseres, wofür man lebt, z. B. das Gute, oder das Schöne, oder das Wissen und Kennen. Dies abgerechnet, ist nicht auch Gesundheit und Lebensgenuß etwas Nützliches? Dafür reisen Engländer und Franzosen in die Schweiz, Deutsche nach Paris, Russen nach Neapel. Ich könnte auch wohl noch einen Nebenzweck beifügen.

»Und der wäre? Eine Handelsspekulation? Unterwegs eine Braut finden? Ihren Oheim in Amerika sehen?«

– Nein, für alle Nothfälle auch gelegentlich zu erfahren, ob Amerika für unser eins einmal zum Vaterlande taugen könnte?

»Behüt' uns der Himmel! Sie denken doch nicht an's Auswandern?«

– Gerade jetzt nicht. Aber nehmen Sie mir nichts übel, es wird mir allgemach ein wenig unheimlich und unfrei hier zu Lande.

»Wie? wo können Sie freier leben, als hier im freien Vaterlande?«

– Wo? das weiß ich eben nicht, drum möcht' ich's gern wissen. Uebrigens räum' ich willig ein, wir sind hier, Gott sei Dank, so frei, als man irgend sein kann, wenn man sich mit Namen, Worten und Liedern begnügt; jeden Rathsherrn sein Nabobchen spielen lassen muß; mit Nationalehre und Nationalunabhängigkeit von Fremden es nicht genau nimmt; und es über sich bringt, dem gesunden Menschenverstande zuweilen ein Auge zuzudrücken. Läg' unser liebes Vaterland nicht in Europa, wäre es gewiß um die Hälfte mehr werth.

»Was geht Sie denn Europa an?«

– Hm! doch etwas. Man lebt nicht blos in seinem Hause, sondern auch im Städtlein mit den Leuten. Und gebildete Menschen leben heutiges Tages nicht blos in ihrem Ländlein, sondern auch im Welttheil, zu dem dasselbe gehört. Wenns in Spanien brennt, fliegen Funken bis Rußland; und wenn man in London spricht, hört mans gut in Berlin und Neapel. Ich gebe zu, Europa ist sehr glücklich für viele, viele seiner vortrefflichen Bewohner; für Geisterseher, Absolutisten, Ultra's, Mönche, Restauratoren, Gebetbuchmacher, Inquisitoren, Wetterhähne, Censoren, Polizeispione, Einnehmer, Zionswächter u. s. w. Leider hab' ich nicht die Ehre, zu einer dieser Zünfte zu gehören. –

Als alles Zureden der lieben Vettern und Bäschen eitel blieb, liessen sie mich gehen. Ich packte ein. Es kostete uns Allen beim Abschiede einige köstliche Thränen. Ich bestieg den Postwagen.

Nichts von meinem Flug durch Frankreich bis Paris. Ich sprach unterwegs den und diesen. – »Seid ihr glücklich, Leutchen?« – Jeder antwortete mit einem zusammengesetzten Gesicht, das meistens etwas in's Süßlichsaure schillerte: »Mais oui. So, so!« und dann gab's zu dem «Mais oui» Anekdoten, Bemerkungen, gar Flüche, die insgesammt wie ein Kommentar zu dem Sprüchwort aussahen: Vom Regen in die Traufe. Einige von den Pfiffigsten hielten mich offenbar für einen Mouchard, oder Agent Provocateur. O die glücklichen Leutchen!

Ich fand meinen Bruder in Paris. Er wollte mich bis Havre begleiten. Am 27. Mai Abends 5 Uhr fuhren wir die Barrieren hinaus ins Freie. Die Natur war von der Hand des Frühlings mit dem höchsten Zauber bekleidet. Von Zeit zu Zeit schimmerte zwischen artigen Landhäusern und kleinen Gehölzen der gekrümmte Strom der Seine. Etwas weiter hin stiegen St. Cloud und Versailles mit den prachtvollen Schlössern empor. Nicht minder mannigfaltig prangten die Gegenden zu unserer Rechten. Die letzten Strahlen der Sonne hüllten die Kirchthürme von St. Denis in Gold. Dann ließ die Nacht ihren halbdurchsichtigen Schleier nach und nach über das schöne, große Bild niedersinken.

Am Morgen schwamm die Stadt Rouen vor uns im Hintergrunde mit ihren Thürmen und Schiffsmasten, halb und halb im Rauch der Schornsteine verloren. Rouen hat viele protestantische Einwohner und vielen Gewerbsfleiß. Dadurch ward es blühend. Man ist jetzt sehr eifrig daran, die Kirchen besser zu bevölkern und durch Missionäre den Glauben zu stärken. Die Fabriken fangen an zu kränkeln und mit dem Glauben will der Kredit nicht wachsen.

Das Land, auch hinter Rouen, als wir von einer Anhöhe niederfuhren, ist herrlich. Die Seine verliert sich in zahllosen und weiten Windungen durch fruchtbare Gefilde in die blaue Ferne. – Vier Uhr Nachmittags sahen wir Havre und das Meer; um sieben Uhr saßen wir im Hotel Bienvenu an guter Tafel.

2.
Am Ufer des Meers.
(29. Mai bis 1. Juni.)

Ausgeschlafenen Sinnen ist das ganze Weltall frischer, lebendiger, lachender. Alle Müh' und Noth, welche ich mit den Spediteurs und Zollratzen in Havre wegen meines schon dahin vorausgesandten Reisegepäcks hatte, ward mir wieder durch den Genuß versüßt, welchen jeder hat, der zum erstenmal am Gestade eines Meeres steht.

Als wir dahin gingen, kamen wir in ein sonderbares Feldgelager. Alles war mit Männern, Weibern, Kindern in fremden Trachten, alten Leuten mit Bärten, Karren, Kisten und Pferden bedeckt. Gleich den Horden der Nomaden wohnten sie Tag und Nacht im Freien; der Himmel war ihr Dach und die nächtliche Finsterniß der Umhang ihres Bettes. Ich erkannte sie bald für Elsasser und Schweizer. Die Bartmänner mochten zu jenen stillen, gutmüthigen Wiedertäufern gehören, die Keinen beleidigen und so oft der Gegenstand der Bedrängung sind. Man sagte mir, daß auch wohl nach und nach alle jene Wiedertäuferfamilien, welche die wilden Berge des Münster- und St. Imerthals fruchtbar machten, ihre Einsamkeiten verlassen würden, um eine freiere Heimath zu suchen.

Die ganze Schaar, die wir hier sahen, waren Auswanderer nach Amerika. Die Männer hatten mit Geschirr, Wagen und Kasten zu schaffen. Andere schmauchten harmlos ihr Pfeifchen. Berner und Baseler Bäuerinnen, in ihrer Landestracht, hingen Wäsche an Seilen auf zum Trocknen.

Ein so ausserordentliches Schauspiel mochten die Leute von Havre wohl lange nicht gehabt haben. Sie standen zahlreich gaffend da. Ein Haufe muthwilliger, kleiner Buben hatte ein kleines Bernermädchen zwischen sich, das noch, wie in der Heimath gewohnt, die Haare seines Hauptes in zwei langen, mit Bändern durchflochtenen Zöpfen niederhängen ließ, während am Ende der Haarflechten unterwärts die Bänder bis fast zu den Waden niederflatterten. Nun hatte einer der Knaben beide Band-Enden erhascht und ließ das arme Mädchen, wie am Leitseil, bald rechts, bald links trotten. Ich machte dem Auftritt ein Ende.

Als ich von den Auswanderern einige deutsch anredete, riefen sie: »Ach myn Gott, syd'r au ne Schwyzer? Ganget'r au in Amerika?« Ich gab denen, welche wegen der Ueberfahrt noch nichts auf den Schiffen bedungen hatten, den wohlthätigen Rath, ganz unmittelbar mit einem Schiffskapitän den Vertrag selbst abzuschliessen, und keinem jener dienstfertigen Negozianten und Kommissionäre zu trauen, sie möchten Landsleute sein oder nicht. Denn dergleichen Personen kennen selten, ausser ihrem Handels- und Kommissions-Ertrag, etwas Erträglicheres; das Kontobuch ist die wahre Heimath ihres Herzens und Geistes; das Soll und Haben ihr Vaterland und Ausland.

Wir kamen zum Hafen. Die Unermeßlichkeit und Majestät der ersten Erscheinung des uferlosen, lebendigen Meeres überfiel uns mit wunderbaren Schauern. Wir standen unverabredet plötzlich still, wie gebannt, und verloren die Sprache. Unser ganzes Wesen ward Auge; und doch ward mir, als wären meine Augen viel zu klein, das Bild der Unendlichkeit aufzunehmen.

Wir bewanderten nun den Hafen von einem Ende zum andern, indem wir dem Becken folgten, welches drei Viertel der Stadt einfaßt. Von Schritt zu Schritt lag der Weg verrammelt: Seile, Holzbiegen, Kohlhaufen, ungeheure Ankertaue, Steine, Schiffsmasten, Sandhaufen, Fässer, umgekehrte Nachen und Kähne, Kisten von aller Form und Größe, Waarenballen aufeinandergethürmt, Alles durcheinander. In den Zwischenräumen aufqualmendes Gewölk von Theerkesseln. Links und rechts Hämmern und Klopfen von hundert Schlägeln, Beilen, Aexten. Zwischendurch das Geschrei und Rufen der Matrosen am Ufer, wie auf Fahrzeugen, die über den Wellen tanzten.

Wie wir Nachmittags wieder dahin kamen, sahen wir eine überraschende Verwandlung. Das große Wasserbecken war geschlossen; der übrige Theil des Hafens bis zum Meere lag trocken. Mehrere kleine Schiffe ragten aus dem Sand hervor, andere ruhten mit einer Seite auf den beschlammten Steinen.

Anfangs standen wir bei dem unerwarteten Anblick voll Erstaunens da; besannen uns aber bald, dies sei das Werk der Ebbe. In Havre betragen Fluth und Ebbe, vom höchsten zum tiefsten Punkt, 22 Fuß; so wechseln sie binnen 25 Stunden zweimal. Zu Liverpool ist ein Unterschied des tiefsten Ebbe- und höchsten Fluthpunktes von 29 Fuß. In Amerika ist er weit geringer; in Philadelphia z. B. 6 Fuß, in Newyork nur 5 Fuß, in Baltimore nur einen einzigen. Alles hängt davon ab, ob das Meer minder oder mehr eingeschlossen und beengt ist.

Wir befanden uns bald auf dem Mola, der seine Erdzunge weit in die See hinausstreckt. Eine unzählbare Menge Schiffe schwebte in allen Richtungen vor uns über dem dunkeln, beweglichen Wasserspiegel und dem Horizont. Majestätisch, wie Schwäne, zogen Dreimaster durch die Fluthen. Einige Rauchstreifen über fernen Wellen ließen uns Dampfschiffe erkennen.

Folgendes Tags, es war Sonntag, neues Schauspiel. Eine bunte Volksmenge füllte das Ufer des Hafens, beim herrlichsten Wetter. Ein neugebautes, großes Schiff sollte zum erstenmal in sein künftiges Element hinausgeschleudert werden. Wir gelangten zu dem gewaltigen Gebäu. Ein Dampfschiff mit Musik und vielen Neugierigen war bereit, das todte Ungeheuer in den Hafen zu schleppen. Tausend und tausend Menschen drängten sich herbei; ihrer hundert wenigstens stiegen in's zu weihende Fahrzeug. – Das Zeichen ward gegeben und bei zwanzig Mann, mit großen Aexten, schlugen Gerüst- und Sperrwerk ein, welches dem Abrollen des Schiffs entgegenstand. Es hing nur noch schwach mit dem Boden zusammen. Die Lage schien in der Ordnung. Ein zweites Zeichen, und der Balken, welcher den Schiffrumpf noch festhielt, stürzte zu Boden. Der Kiel, in einer Art Trag-Leitung, die wohl mit Seife bestrichen war, glitschte langsam vor, bald mit wachsender Geschwindigkeit, immer schneller, daß ein schwarzer Rauch hinten nachfuhr. – Plötzlich Geschrei um mich her: »Das Schiff stürzt auf die Seite!« Ich stand mit meinem Bruder fünf Schritt von der Bahn. Das Schiff kömmt. Alles schreit im Gewimmel, wo wir waren; alles flieht, stolpert über Seile, Fässer, Holz, fällt, reißt andere fallend mit sich. – Welch' ein Schlachtfeld, welche Niederlage! – Als ich aufstand – die ganze Verwirrung dauerte zwei Sekunden – und mich umsah, schwamm das Schiff schon stolz im Meere hin.

3.
Hyperion.

Denselben Abend reisete mein Bruder nach Paris zurück. – Ich hatte mir schon ein Schiff zur Ueberfahrt nach Amerika gefunden und die Bedingungen abgeschlossen.

Es lagen eben drei Schiffe im Hafen segelfertig nach Amerika; der Bayard und die Elisabeth zur Fahrt nach Newyork, der Hyperion nach Baltimore. Ich wählte mir den Hyperion aus, diesen mythischen Vater des Sonnengottes, mein Heil mit ihm zu versuchen. Es kamen noch andere kleine Umstände dazu, die mich zu seinen Gunsten stimmten. Zwar der Bayard war das größte Schiff, aber Hyperion stand ihm an Schönheit nicht nach. Und wie ich an sein Bord ging, mit dem Schiffskapitän, einem Amerikaner, zu unterhandeln, hieß er: Albert de Valengin. – Von Valengin? was? Also eine Art Landsmann? – In der That. Er erzählte mir, sein Vater, von Neuenburg in der Schweiz gebürtig, habe sich nach Amerika begeben gehabt, weil er mehr oder minder Theil an einem Bürgeraufstande genommen hatte, der ihm mehr oder minder gerecht geschienen. Denn in den letzten Jahrhunderten der Eidsgenossenschaft, als diese durch innere Zwiste schwach in sich selbst, daher feige gegen das Ausland, daher friedliebend im Uebermaaß gegen Fremde, aber trotzig, herrisch und unterthansüchtig im eigenen Ländchen geworden, wären der Unruhen und Aufstände so viel geworden, daß man sie eher für etwas Gerechtes als Ungerechtes hätte ansehen mögen.

Was gings mich an? Ich ließ den Mann bei seinem Glauben. Er gefiel mir. Er mochte kein Schweizer sein, blos freier Amerikaner. Er sprach auch nur englisch. Er forderte für die Ueberfahrt nach Baltimore 600 Franken von mir und begnügte sich mit 500, wenn ich für mein Bettgeräthe und den Wein selber sorgen würde.

Die Kajüte war zierlich; alle Vertäfelung darin von Acajou-Holz; ebenso Tisch und Stühle. Ein großer Spiegel, mit breitem Goldrahmen, füllte den Raum zwischen beiden Fenstern im Hintergrund. In der Mitte des Zimmers schwebte ein Kompaß an drei zierlichen Ketten hangend. Die Betten, in Form sauberer Kleiderkisten, befanden sich hinter Umhängen, an den Seiten. Die größte Sauberkeit war über Alles verbreitet. Schloß und metallische Beschläge der Thür waren von glänzendem Messing. Ueber dem Fußboden lag ein großer türkischer Teppich ausgespannt, und ein zweiter, sehr schmaler deckte die Treppe.

Das Gefällige und Reinliche dieser kleinen Wohnung über den Wellen sprach mich gar freundlich an. Das Anmuthige und Schöne gehört zu den ersten Lebensgenüssen, und veredelt Leben und Gemüthsart. Das geistlose Thier hat keine Fähigkeit, vom Schönen gerührt zu werden, eben weil es geistlos ist. Es hat nur Sinn für Fraß und Durststillung. Der rohe, bildungslose Mensch gleicht darin dem Thiere. Er kennt nichts Besseres, als was ihm in Gaumen und Magen wohlthut. Der erste Federschmuck und Nasenring der Wilden ist ein Zeichen vom Erwachen des Höhern. Das weibliche Geschlecht, immer früher reifend, als das männliche, ist auch dasjenige, welches die Völker zuerst und am meisten aus dem Schlamm des Thierthums hervor ins Menschliche heben. Will man Wilde, Halbwilde, Leibeigene und rohe Bauern gesitteter machen, bringe man den jungen Mädchen und Frauen Putzwaaren. Ein Hausirer mit buntem Bänderkram, Halstüchern u. s. w. hat auf die Civilisation eines wüsten Dorfes segensvollern Einfluß, als Pfarrer und Schulmeister. – Das wird freilich manchem Schulmeister unglaublich scheinen.

Alle seefahrende Völker haben ihre eigenthümliche Weise im Bau der Schiffe. Es ist damit, wie mit Nationaltrachten, Sitten, Sprachen. Ein Seekapitän, sobald er irgend ein Schiff nur deutlich erkennen mag, wird auch sogleich sagen, welcher Nation es angehört. Die amerikanischen sind nach einer andern Einrichtung geformt; allgemein anerkannt, daß sie die zierlichsten, und dabei die feinsten Seegler sind. Aber sie haben auch die wenigste Dauerhaftigkeit.

Mir lag jetzt nicht viel an der letztern; desto mehr am Niedlichen und Schnellen. Der Hyperion war eine Brick von 400 Tonnen. »Wie lange können wir damit unterwegs sein?« fragte ich den Herrn von Valengin. – »Ein Schiff,« sagte er, »das keine andere Mittel zum Fliegen hat, als seine Segel, hängt von der Huld der Winde ab. Der Hyperion hat die Ueberfahrt von Charlestown in Amerika nach Amsterdam in Holland auch schon in achtzehn Tagen gemacht.«

Zu den schnellsten Fahrten zählt man diejenige einer amerikanischen Goelette, die von Newyork nach Havre nur vierzehn Tage brauchte; und eines Packbootes, das in dreizehn Tagen von Newyork nach Liverpool kam. Aber das, was bisher in den Jahrbüchern der Seefahrer das Unerhörteste gewesen, erzählte mir in Amerika einige Monate später Herr Gallatin, wie ich ihn zu Geneva besuchte. Als er nämlich zu seinem Gesandtschaftsposten in Paris von Amerika abreisete, machte die Fregatte, welche ihn führte, den Weg bis Havre in vierzehn Tagen.

Uebrigens ist bekannt, man fährt von Europa nach Amerika nicht so geschwind, als umgekehrt. Dazu tragen einerseits die Südwestwinde bei, die das Meer während zwei Drittheilen des Jahrs beherrschen, anderseits die Strömungen, welche vom mexikanischen Golf ausgehen, sich bis zum 45. Grad nordwärts fühlbar machen, und in mancher Gegend des Ozeans zwei bis vier Seemeilen in einer Stunde einbringen. Das Wasser dieser Strömungen ist auch bei sechs Grad wärmer, als das Wasser an den Küsten.

Ich habe zwar nicht die Ehre, Seemann zu sein. Allein im Vertrauen auf das tägliche Fortschreiten menschlicher Wissenschaft und Kunst, darf ich mir, vielleicht mit größerm Recht, als mancher andere, die Ehre erlauben, Prophet zu sein. Schon jetzt ist eine Reise von Europa nach Amerika und wieder zurück nicht kostspieliger, nicht gefährlicher, nicht unbequemer, als die Reise im Kasten einer Postkutsche zu Lande auf halb so langem Wege. Man ist da nicht zum Ueberfluß noch von hungrigen Postillionen, groben Postbeamten, prellenden und schnellenden Wirthen, rohen Mauthknechten, Paßschreibern, Visitatoren, Zoll- und Weggelderforderern und anderm Reise-Ungeziefer geplagt, das von der Polizei- und Finanzkunst des überglücklichen Europa zum Besten der Menschheit erfunden worden ist. Es wird eine Zeit kommen, da, wenn sich der Europäer erholen, zerstreuen, frische Luft schöpfen will, und umhersinnt, wohin eine kleine Lustreise thun? er kurz abbricht und sagt: »Ich will ein wenig nach Amerika, und komme gleich wieder.«

Bis jetzt bewegen sich die Fahrzeuge über das Meer entweder mit Segeln, oder Galeerenrudern, oder Dampfmaschinen. Im Allgemeinen sind die Segel freilich die vortheilhaftesten Schiffsfittige, am wohlfeilsten und raumsparendsten. Nur bei langen Windstillen machen sie traurige Miene. Es wird nicht fehlen, man wird mit der Zeit den Schiffsbau dahin vervollkommnen, daß man zu den Segeln noch die Dampfmaschinen beihilfsweise gesellt, und sie in Fällen spielen läßt, wo der Wind seine Huld versagt.

4.
Haushaltung auf dem Meere.
(2. Juni bis 13. Juli.)

Ich war am Bord. Mittags den 2. Juni wurden die Anker des Hyperion gelichtet, alle Flaggen und Wimpel aufgezogen. Die im Hafen bleibenden Schiffe erwiederten auf dieselbe Art das Abschiedszeichen. Es blieb nicht bei dieser stummen Sprache: »Hurrah!« brüllten unsere Matrosen; »Hurrah!« scholl es links und rechts von den andern Fahrzeugen zurück.

Das Wetter war angenehm. Ein sanfter Wind strich furchend über die spiegelnde Wasserebene. Mehrere kleinere Fahrzeuge folgten dem unsern. Andere kamen uns entgegen, und zwar mit demselben Winde, und segelten dabei nicht langsamer, manche geschwinder, als wir. Das amerikanische Packboot, die Queen-Maab, kam so eben von New-York her. Mit entfalteter Flagge und dem Hurrah-Gruß der Matrosen, fuhr es zehn Schritte weit an uns vorüber. Das Verdeck desselben war voller Reisenden, deren Aeusseres schon verkündete, wie vergnügt sie waren, am Ziel ihrer Fahrt zu sein. Das Land wich hinter uns zurück. Der Zuschauer-Haufe am Ufer verschwand. Die Küsten schienen sich auf den Wellen zu bewegen, und auf- und niederzusteigen. Endlich wurden sie zu einem schwarzen Striche, der sich zwischen der zitternden Wasser-Ebene und dem Himmel entlang zog.

Ich sah mich nun nach den Reisegefährten um, die mit mir im engen Raum des Hyperion den Abgrund des Ozeans, von einem Welttheil zum andern, überschiffen wollten. Der Kapitän, zwei Lieutenants, zehn Matrosen, ein Stewart, ein Koch, ein Schiffsjunge, bildeten die Bemannung des Fahrzeugs. Ich war der einzige Reisende in der Kajüte und am Tische des Kapitäns. Die übrigen waren Auswanderer von Europa, Männer, Weiber, Kinder, 68 an der Zahl, die unten im übrigen Schiffsraum herbergten und ihre Küche selbst besorgten. Der Kapitän, die beiden Lieutenants und ich speiseten zusammen. Man hält drei Mahlzeiten des Tags. Zum Frühstück gibt's schwarzen Kaffee, Fleischschnitte, Geflügel, kleine Kuchen u. s. w. Mittags speist man um 1 Uhr, Fleisch auf verschiedene Art zubereitet und Gemüse; zum Nachtisch Käse oder Früchte; Bier, Wein, gebrannte Wasser mit natürlichem verdünnt. Sieben Uhr Abends nimmt man den Thee, wieder mit Nebengerichten von Fleisch, Backwerk u. s. w. begleitet. Fast alle Schiffe haben lebendige Schweine, Schafe, Hühner und Enten in Fülle an Bord. Einige Packboote, zwischen Havre und New-York, halten auch der Milch wegen eine Kuh. – Die Matrosen speisen in ihrer Kajüte am andern Ende des Schiffes eine Stunde früher, als der Kapitän.

Dieser hat wenig Langeweile. Er und einer seiner Lieutenants schreiben von Stunde zu Stunde Richtung des Windes, Länge des zurückgelegten Weges, die Höhe, welche man gefunden, die Schiffe, welche man gesehen oder gesprochen hat und hundert andere Beobachtungen und Bemerkungen auf. Zu unbestimmten Zeiten, des Nachts wie des Tags, ging der Kapitän aufs Verdeck und musterte Sachen und Arbeiten.

Das Steuer führt ein Matrose, der alle zwei Stunden abgelöst wird; die Augen stets auf zwei vor ihm befindliche Kompasse geheftet, die des Nachts durch eine Lampe beleuchtet sind. Bei gutem Wetter hatten die Matrosen von vierundzwanzig Stunden nur sechs zur Ruhe; bei bösem Wetter blieb Alles auf den Beinen wach. – In den meisten Reisebeschreibungen wird über die Rohheit der Matrosen geklagt. Man schildert sie, wie einen Auswurf des menschlichen Geschlechts. Ich fand das bei unsern Matrosen nicht. Sie waren insgesammt Amerikaner, sehr gefällig, dienstfertig, sauber gekleidet, sittsam und immer thätigen Gehorsam. Freilich man muß diese braven Leute nicht wie Knechte und Bediente behandeln und ihnen Befehle zuherrschen wollen. Aeusserte ich bittweise nur einen Wunsch, schnell sprangen zwei und mehr, mir zu helfen. In Baltimore begegnete ich nachher einigen von ihnen wieder auf der Gasse. Sie waren aber so zierlich gekleidet, daß ich sie im ersten Augenblick nicht kannte. Einer lud mich sogar zu seinen Eltern ein. Der Empfang überraschte mich durch das Anständige, Feine und Herzliche. Wenn wir in der bürgerlichen Gesellschaft noch brutale, ekelhafte Menschenklassen haben, wahrlich, so sind daran nur die höhern Stände mit ihrer brutalen, ekelhaften Vorbildung schuld. Braucht nur häufig bei den Kriegsleuten und Vaterlandsvertheidigern die Korporal-Fuchtel, in den Schulen den Stock, werft die Juden mit Koth, und kehrt dem Handwerksmann und Landmann hochmüthig den Rücken zu, wenn sie euch gleichgeboren zu sein glauben, so habt ihr bald eine europäische Pariah's-Kaste gebildet. Dann schreibt Bücher über Bücher über Verbesserung der Juden, über Schulwesen, über Volksbildung; dann erlaßt Sitten- und Sonntagsmandate, Gesetze und Dekrete zur Beförderung der Zivilisation! Das wird helfen, wie ein Pflaster auf die Todeswunde des Erschlagenen. – Wie treibt man's aber in jenen Ländern, wo die Barbaren mit Titusköpfen und Fraks nach der neuesten Mode wohnen?

5.
Die Seefahrt nach Baltimore.
(2. Juni bis 13. Juli.)

Ueber das spielende, wechselnde, gewaltige, majestätische Element der Wellen, durch die Dienstbarkeit der Winde, wie von unsichtbaren Geistern, hingetragen zu werden, ist ein Hochgenuß ganz eigener Art, besonders eh' die Gewohnheit, die auch den stärksten Wein endlich verwässert, dafür die Sinne stumpf macht. Verwunderung, Grausen und Stolz auf die Gewalt des menschlichen Geistes, bemächtigen sich des ganzen Gemüths.

Leider verstimmte sich dies Hochgefühl bald durch die sogenannte Seekrankheit, von welcher, mit Ausnahme der Kinder unter zwölf Jahren und ganz alter Personen, alle Reisende ergriffen wurden, und ich, wie mirs vorkam, am ärgsten. Es war ein bald widerlicher, bald lächerlicher, Anblick, fünfzig bis sechszig Menschen um sich her die seltsamsten Gesichter schneiden zu sehen, weil ihr Magen in beständiger Insurrektion gegen Anstand und Sitte war. – Ein Paar Tage lang mußten die Auswanderer aller warmen Speisen entbehren, weil das Uebel ihre sämmtlichen Kochkünstler ausser Stand setzte, den Herd zu besorgen.

Das Wetter blieb schön, der Wind günstig, zuweilen verwandelte er sich sogar in sturmartige Stöße; wir befanden uns am vierten Tag der Abfahrt schon weit ausser der Meerenge von Frankreich und England. Allein Lust und Freude gingen im ewigen Uebelsein verloren. Man kann und mag sich mit Niemandem unterhalten, nicht einmal lesen. Der Geist quält sich mit Denken und Träumen. Aus den besten Träumen aber stört auch wieder das beständige Krachen und Girren des vielbewegten Schiffes auf. Es ist einem zu Muthe, als würde man, in einen großen hölzernen Kasten gesperrt, mit Schnelligkeit über und zwischen Steingeröll fortgeschleppt. Man hält zuletzt keinen Gedanken und Wunsch fester, als den, bald Land zu erreichen und ruhigen Boden unter den Sohlen zu haben. Kein Essen erquickt; vielmehr es erneuert nur den Jammer. Ich sehnte mich blos nach Mehlsuppe. Unser schwarzer Schiffskoch aus Afrika machte sie nach meiner Angabe und endlich ziemlich gut. Aber wenn er mich davon essen sah, bezeugte er mir sein herzlichstes Mitleiden und betheuerte, weder in noch zwischen den drei Welttheilen seiner Bekanntschaft je ein elenderes Essen gekocht zu haben.

Die Erhabenheit der unendlichen Wasserwüste, welche uns umgab, und mich anfangs tief erschüttert hatte, ward, ich muß es gestehen, zuletzt mit seiner majestätischen Einfalt mir sehr langweilig. Es wundert mich jetzt gar nicht mehr, wenn die meisten Reisebeschreiber mit dem, wodurch sie sich ihre Langeweile vertreiben, ihren Lesern die größte verursachen, nämlich mit Aufzeichnung des Windes, der geblasen hat. Die einzige Abwechselung in der weiten Einöde des Ozeans bringt entweder ein Schiff, das in der Ferne erscheint, sich nähert und verschwindet; oder von Zeit zu Zeit das Spiel der Fische auf der Oberfläche des ungeheuern Wasserbeckens. Die Delphine bildeten da oft stundenlange Linien, indem sie regelmäßig einer nach dem andern zwei bis drei Schuh über der nassen Fläche hoch sprangen. Die Boniten und Doraden, mit allen Farben des Regenbogens geschmückt, schwammen traulich neben dem Fahrzeug her; während der Haifisch unbeweglich auf dem Wasserspiegel lag und die Beute erwartete, die seinem unersättlichen Rachen zuschwimmen sollte. Der Spritzfisch blieb auch nicht aus, uns seine Künste zu zeigen; und so stellten sich uns immer neue Arten von den Bewohnern des feuchten Abgrundes dar. Eines Abends näherte sich sogar dem Schiffe einer von den Riesen der Tiefe, ein Wallfisch. Dann und wann wieder flatterten Tauben und Meerschwalben über und zwischen den Segeln umher. Die Schwalben wandelten lustig über die Wogen und pickten mit den langen Schnäbeln nach den Stückchen Zwieback, die wir ihnen hineinwarfen.

Der Wiedertäufer Hermann versah bei den Ausgewanderten die Stelle eines Schiffspredigers. Jeden Sonntag verrichtete er ein öffentliches Gebet und hielt aus dem Stegreif über irgend eine Bibelstelle eine Rede, die darin vor mancher Predigt gelehrter Pfarrer den Vorzug hatte, daß sie aus reinem, frommem Gemüth hervorging, und verständig, kunstlos und erbaulich zum Gemüth drang. Den Schluß dieser Andachtsstunde, die gewöhnlich zwei Stunden dauerte, machte ein Psalmengesang. – Dieser Wiedertäufer und seine Frau zeichneten sich unter allen Ausgewanderten durch ihre feinen, geistvollen Gesichtszüge aus.

Ich fand seine Frau eines Tages blaß und leidend sitzend, mit dem Rücken gegen das Schiffsbord gelehnt. Ich bot ihr ein Glas Wermuth-Extract zur Stärkung an. Sie trank es und stieg dann in's Zwischenverdeck hinunter. Kaum zwei Stunden nachher verkündete mir ihr Mann die glückliche Entbindung seiner Frau von einem Töchterlein. Ein Paar Tage später kam sie selbst aufs Verdeck und zeigte mir ihren lieben Säugling. Auf meine Frage, wie es nun um Taufe und Namen des Kindes stehen werde? erwiederte sie: »Wir weihen unser Kind in das Christenthum ein, wenn es die Wichtigkeit und Heiligkeit der Sache begreifen kann. Zu Ehren unsers guten Kapitäns wollen wir es aber nach ihm Albertine heißen. Wäre es ein Knäblein gewesen, würden wir es Hyperion oder Ozean genannt haben.«

Wir waren schon zwanzig Tage auf dem Wasser. Die Hitze der Sonne ward unausstehlich; das süße Trinkwasser in kleinern Portionen vertheilt, daß es oft Streit darum gab. Wir hatten beständige Westwinde uns entgegen; die Azoren südwärts gelassen, ohne sie zu erblicken, und uns der Bank von Terre-neuve genaht. Sobald das Senkblei hier, bei 45 Klafter Tiefe, feinen Sand fand, gab der Kapitän dem Schiffe die Richtung nach Süden. Wir kamen ziemlich nahe bei den Bermuden vorüber.

Es ist auf dieser weiten, einsamen Wasserstraße den Schiffen Bedürfniß, wenn sie einander begegnen, Frage und Antwort zu tauschen. Sie steuern sich gegenseitig zu. Man hisst die Flagge; legt einige Segel bei, und fragt sich durchs Sprachrohr, von wannen? wohin? welche Ladung? u. s. w. Am gewissesten aber ist die Frage nach der Länge und Breite, unter der man sich befindet. Ist zwischen den Berechnungen beider ein Unterschied, so hält man sich gewöhnlich an die, welche auf dem Schiff gemacht ward, das noch die kürzere Zeit unterwegs ist. Es ist noch nicht immer ganz leicht, mit einander zu sprechen, besonders wenn der Wind stark, das Meer unruhig geht; denn man kann sich dann einander nicht wohl gehörig nähern, ohne Gefahr zu laufen.

Schon war es der 6. Juli und seit einigen Tagen die tiefste Windstille. Kein Wimpel spielte. Das weite Meer stand unbeweglich und glatt, wie spiegelndes Eis. Das Schiff schien angefesselt. Die entfalteten Segel hingen schlaff nieder. Wolkenlos glühten Luft und Himmel um und über uns. Die Sonne warf stechende Strahlen. Die Lebensmittel nahmen sichtbar ab. Jeder theilte dem andern nur Furcht und Besorgniß mit. Ein Orkan auf dem Meer ist das Fürchterlichste. Wir aber hätten jetzt lieber einen Orkan bestanden. Die todte Ruhe währte schon acht Tage und das Leben der Segel und Wogen wollte nicht wiederkehren. Ich stieg jeden Morgen sogleich auf den Mastkorb, in Hoffnung, Küsten des Festlandes zu erblicken. Oft rief mich die Ungeduld schon vor Tagesanbruch aufs Verdeck, wenn die Sterne noch, in geheimnißvollen Ordnungen am Himmel, ihr blasses Licht durch das stille Reich der Nacht ausgossen. Ich zitterte hoffend dem Tag entgegen; ich fand mich immer getäuscht, doch immer durch die Herrlichkeit des Sonnenaufgangs für die Täuschungen entschädigt.

Endlich, es war an einem Sonntage, gewann die Natur dieser ewigen Einöden des Ozeans wieder Odem. Die Segeltücher wölbten sich nach und nach, und wir flogen wieder acht bis neun Seemeilen in einer Stunde. Welche Freude lächelte von allen Antlitzen; wie andächtig sprach der Wiedertäufer das sonntägliche Abendgebet mit lauter Stimme, und mit welcher stummen Inbrunst in allen Zügen beteten die Andern vor sich hin! Der glänzende Sonnenball senkte sich den zitternden Wellen der Ferne entgegen. Das Schiff schien ihm in heiterer Sehnsucht tanzend auf den Wogen nachzueilen, und das Tagesgestirn selbst tändelnd seine Bahn und Stätte zu verlassen. Bald verbarg es sich hinter dem Busen des einen, bald des andern Segels; bald durchlief es der ganzen Breite nach die leichten Streifen des aufgespannten Tauwerks und der Seile. Masten, Linnen und Wimpel, Bord und alles Schiffsgeräth tauchten sich in wunderbaren Goldschimmer, von tiefern Schatten begrenzt. Eine breite, blendende Lichtbrücke ging vom Hyperion über das Meer bis zur Sonne, die zu zögern schien, aus diesem Tempel der Schöpfungsherrlichkeit zu scheiden. Still sumsete zwischen Segeln und Seilen der Wind sein Abendlied. Die Wogen brachen sich tönend am Schiff zum Gesang. Die Menschen, in verschiedenen Stellungen, beteten. Der unendliche, schweigende Himmel horchte.

Am 11. Juli sagte Herr Valengin: »Ich denke, wir werden morgen einen Küsten-Lootsen am Bord sehen.« Frohe Botschaft. Wirklich entdeckte man ihn folgendes Tages früh um neun Uhr vermittelst des Fernrohrs. Wir steckten die Flagge auf. Nach zwei Stunden kam das leichte, winzige Fahrzeug bei uns an, worin sieben Mann wie festgenagelt saßen, alles große, wohlgewachsene Leute. Jede Welle schien das gebrechliche, niedrige Boot wie eine Nußschale verschlucken zu wollen. Was doch der Mensch wagt; er der da weiß, was er wagt! Welche Hingebung, zumal in stürmischen Wettern! Schiffe, welche durch einen Windstoß gegen die Küste getrieben, oder auf langen Fahrten irre wurden, sind oft schon durch diese unerschrockenen Männer gerettet worden, die alle Untiefen und heimlichen Gefahren der Seegegend, und jedes Anländeplätzchen des Gestades kennen.

Einer der Lootsen kletterte an einem ihm zugeworfenen Seil zu uns ans Bord hinauf, grüßte uns freundlich, drückte dem Kapitän die Hand und jedem, der ihm nahe kam, und fragte: »Wie stehts? Geht alles gut?« Diese herzliche Frage, so natürlich in dem Verhältniß, und dabei so wohlwollend, hat für den, der nach vielen Wochen wieder den ersten unbekannten Menschen sieht, etwas Erquickendes. Es war die erste, unmittelbare Erscheinung eines Bewohners der neuen Welt, die wir selbst noch nicht sahen.

Der Lootse nahm vom Kapitän den Befehl über sämmtliche Matrosen und sagte: wir wären noch ohngefähr 150 Seemeilen (etwa drei derselben bilden eine Wegstunde) entfernt von der Chesapeak-Bai, und wenn der Wind, der gerade günstig und stark blies, tapfer anhielte, würden wir den andern Morgen an Ort und Stelle unsers Wunsches sein.

Und am folgenden Morgen um neun Uhr scholl das Geschrei: Land! Land! – Ein freudiges Schrecken fuhr Allen durch die Glieder. Die Vorufer des jungen Welttheils stiegen aus dem Schoos des Ozeans.

6.
Die Landung.

Wir fuhren in die Chesapeak-Bai mit vollen Segeln ein. Links hob sich das Kap Henry, mit einem weißen Thurm, auf welchem allnächtlich den Seefahrern ein Feuer brennt. In größerer Ferne rechts zeigte sich noch ein Leuchtthurm, es war der des Kap Charles.

Das Gewässer der Bai fanden wir mit Holz, Kräutern und Stroh bedeckt. Wir erfuhren, es habe auf dem Lande fünfzehn Tage lang anhaltend geregnet. Noch befanden wir uns sechszig Wegstunden (oder 180 Seemeilen) von Baltimore. Aber der Wind ging stark mit uns. Wir fädelten binnen einer Stunde zehn Knoten ab, das heißt, legten 3½ Wegstunden zurück, und noch dazu gegen die Strömung des Meers.

Es zeigten sich, seit wir Land sahen, der Schiffe immer mehr vor unsern Augen und immer mehr, je näher wir den Ufern der Bai kamen. Schon unterschied man von den Fluren ungeheure Waldungen; bald da und hie angebautes Land mit einzelnen Wohnungen der Menschen. Fröhliches Schauspiel für uns. Eine Viertelstunde fern von uns zog ein Dampfschiff vorbei. Ein schwarzer Rauchstreifen bezeichnete durch die Luft den verlassenen Weg desselben. Silberbrandung umgab die Dampfräder.

Die Nacht kam. Bald unterschied man nichts mehr. Das Schiff flog rasch durch die Wogen. Wir machten eilf Knoten in der Stunde. Ein Matrose, an der Schiffsseite draussen angebunden, warf beständig das Senkblei und rief jedesmal an, wie tief. Das hielt uns, und auch die Freude, spät wach.

Kaum war es Tag, rief mir der Kapitän zu: »Wir sind in der Rhede von Baltimore!« – Ich wagte es kaum zu glauben, und doch stand das Schiff unbeweglich. Ich sprang aus dem Bett und warf mich hastig in die Kleider. Als ich aufs Verdeck kam, lag die Stadt Baltimore vor mir. Durch den lichten Wald der Schiffsmasten unterschieden wir Kirchthürme und die Wipfel hoher Pappeln in allen Theilen der Stadt. Die Thürme sind von weißem Marmor, sehr zierlich; die Häuser von Backsteinen gebaut. Zwischen dem schönen Grün der Pappelbäume, stellten sie sich mit ihrem gelben, röthlichen, bläulichen Anstrich dem Auge gar gefällig hin. Wir sahen zu unserer Rechten Felder mit Korngarben bedeckt. Das Glockengetön der Heerden sang uns vom Ufer an, wo halb sichtbar zwischen Obstbäumen die Kühe in den Wiesen weidend umherirrten. Der Himmel klärte sich auf und die ersten Strahlen der Sonne rötheten alle Höhen und Berge.

Um sieben Uhr Morgens nahte sich uns ein Kanot. Es brachte einen Arzt, der den Gesundheitszustand Aller auf unserm Schiff untersuchen mußte, das den Tag zuvor, mehr als gewöhnlich, gesäubert und gewaschen worden war. Er grüßte uns mit einem »guten Morgen!« ohne dabei den Hut abzuziehen. Es war ein gefälliger, angenehmer Mann; sehr sauber gekleidet. Nachdem er in der Kajüte beim Kapitän ein kleines Frühstück genommen, kam er nach zehn Minuten wieder aufs Verdeck. Der Namensausruf Aller im Schiffe erfolgte. Er beschäftigte sich mit jedem einzeln; untersuchte noch zwei Personen, die unpäßlich in ihren Betten geblieben waren, und schied zufrieden von uns, auf die nämliche Art grüßend, wie er gekommen war.

Ich vermuthete, unsere Quarantäne würde wenigstens noch vierundzwanzig Stunden auf dem Schiffe dauern. Darum rief ich einem Seemann, der auf einem Kanot mit Doppelsegel nicht weit von unserm Hyperion vorbeifuhr, zu, ob er mich nicht zum nächsten Bauerhause fahren wolle, um Milch und einige frische Nahrung einzukaufen. Er kam heran; ich stieg von der Seite des Schiffs, wo man eine Treppe angebracht hatte, hinab zu ihm. Er änderte an den Segeln, und obgleich kein fühlbarer Wind ging, flog doch das kleine Fahrzeug schneidend durch den Wasserspiegel ans Ufer.

Ich sprang ans Land. Mir ward wunderbar zu Muth, da ich den langentbehrten festen Grund unter meinen Füßen fühlte; einen Boden unter meinen Sohlen, den der weite Ozean von meiner Heimath trennte; den der große Columbus die Kühnheit hatte zu suchen und das Glück ihn zu finden; den Jahrhunderte lang die Grausamkeit raubsüchtigen Kriegsgesindels, golddürstiger Kaufleute und herrschlustiger, dummgläubiger Pfaffen mit Menschenblut besudelt hatte, bis Muth und Gefühl der Menschenwürde das Joch zerbrach, welches der europäische Despotismus für unvergänglich hielt.

Von meinen Gedanken und Empfindungen in diesen Augenblicken Rechenschaft zu geben, ist mir unmöglich. Ich kam zu einem artigen Bauerhause. Eine Frau trat mir entgegen. Sie sprach deutsch; sie stammte aus dem Bernerland in der Schweiz. Nun richtete sie hundert und tausend Fragen an mich, daß mir zuletzt bange ward, keine Milch zu bekommen. Sie gab mir endlich, was ich begehrte; ich mußte ihr aber versprechen, sie noch einmal zu besuchen. Als ich zum Schiff zurückgekommen war, und meinen Fährmann fragte: was ich denn schuldig sei? antwortete er: »O durchaus nichts. Es machte mir ein Vergnügen, Sie einen Augenblick ans Land zu führen.« Er lehnte sehr höflich Alles ab.

Wie die Kinder auf dem Hyperion, es waren derer wohl zwanzig, meinen großen Topf voller Milch erblickten, liefen alle auf mich zu. Ich konnte jedem nicht geschwind genug davon geben. Um sie zu sättigen, hätt' ich viermal mehr haben müssen. Aber das war auch eine Schwelgerei für die guten Kleinen, und ein Genuß für mich ihre Freude!

Der Kapitän hatte den Arzt in die Stadt begleitet. Sein Nachen kam Nachmittags zurück, aber ohne ihn; statt seiner ein Briefchen an mich, worin er mir ankündigte, ich könne ans Land gehen, wann ich wolle; der Nachen stehe zu meinem Befehl.

Ich säumte keinen Augenblick.

7.
In Baltimore.
(13. bis 24. Juli.)

Die ersten Schritte am Lande, durch die Straßen der Stadt, reichten hin, um mich zu belehren, ich sei in einem fremden Welttheil. Ich konnte nicht müde werden, diese Reihen zierlicher Gebäude, diese Handelsgewölbe und Kaufläden, diese Gruppen von Negern und Mulatten zu sehen.

Baltimore war vor fünfundvierzig Jahren noch ein gar geringes Städtchen, mochte kaum ein halbes hundert Häuser haben, viele noch von Holz. Jetzt steht da, einer Hauptstadt ähnlich, eine regsame Welt. Baltimore zählt schon 75,000 Einwohner. Die Straßen sind gepflastert und mit breiten Trottoirs eingefaßt; reinlich, heiter, angenehm mit Pappelbäumen besetzt, deren Gipfel mit den Kirchthürmen um die Wette in die Lüfte aufstreben. Die Häuser sind meistens von Backsteinen, manche von Marmor gebaut, geschmackvoll und edel ausgeführt, von zwei und drei Stockwerken. Die grünen Fensterläden überall, die Hausthüren von Rothholz und Acajou, die glänzenden Messingbeschläge daran, die hohe Reinlichkeit überall – Alles gibt diesen Wohnungen, diesen breiten, lichten, saubern Straßen, ein gefälliges, freundliches, frisches Ansehen, wie ich mich dessen von keiner europäischen Stadt erinnerte. Während der heißen Sommerzeit werden die Straßen täglich mit Wasser besprengt. Die schönste und längste derselben ist die Baltimorestraße, beinahe eine halbe Stunde lang. In der Mitte derselben steht seitwärts die Douane, ein Gebäu von ausserordentlichem Umfang, aus weißem Marmor aufgeführt. Zwölf mächtige Säulen tragen einen Theil vom Innern des Gebäudes, welches hier von oben herab durch eine sehr hohe Kuppole erleuchtet wird. Links und rechts sind die Amts- und Geschäftzimmer, die Wohnungen der Angestellten u. s. w. Die Beamten selbst, einfach, aber äusserst zierlich gekleidet, zeichnen sich durch ihr zuvorkommendes, gefälliges Betragen aus. –

Mein erster Gang war in einen Gasthof. Man saß eben zum Mittagsessen. Ich brachte eine Eßlust mit, als hätt' ich auf dem Meere vier Wochen gefastet. – Ländlich, sittlich! Ich mußte mich bequemen, um nicht auffallend zu werden, mit dem Messer in der rechten, mit der Gabel stets aber in der linken Hand zu essen, und beide queer über den Teller zu legen, wenn man mir keine Speisen mehr darbieten sollte. Ich war noch nicht halb gesättigt, als meine Tischgenossen schon Feierabend machten. Ueberhaupt bemerkte ich durchgehends nachher auf meinen Reisen im Lande, daß die Amerikaner am Tische sehr mäßig sind. Selten nimmt man beim Frühstück oder Nachmittags mehr, als zwei Tassen Thee oder Kaffee. Aber beim Thee und Kaffee wird jedesmal zugleich Geflügel, Fisch, Backwerk, Brod, Butter u. s. w. aufgetragen. Die Frau des Hauses bedient die Gäste. Bei der Mittagstafel wird Bier zum Trinken gegeben und guter Branntwein mit Wasser verdünnt.

Der Sauberkeit und Zierde der Straßen und des Aeussern der Häuser entspricht überall das Innere der Wohnungen. Man wird wenig Wohnungen finden, wo der Fußboden nicht mit einem schönen türkischen Teppich bedeckt, und von der Hausflur bis zum obersten Gemach des Hauses nicht jede Treppe es ebenfalls wäre.

Von den öffentlichen Denkmälern zeichnete sich das zu Ehren Washingtons, und ein anderes, nicht weit von einem Brunnen, zum Gedächtniß jener Bürger aus, die bei Vertheidigung der Stadt gegen die Engländer im letzten Kriege das Leben fürs Vaterland opferten. Ihre Gebeine ruhen unter dem Denkmale. Ihre Namen alle sind in den Marmor des Fußgestells eingegraben.

Die katholische St. Pauls-Kirche könnte neben den schönsten Tempeln Europens aufgezählt werden. Der Kirchen für die andern christlichen Konfessionen mögen etwa noch achtzehn sein. Zuweilen stehen sie dicht neben einander. Jeder, ohne Groll gegen den Nachbar, geht in das Gotteshaus, wohin ihn sein Herz und sein Glaube rufen. Das ist die Wirkung der wahren Religionsfreiheit, während man in Europa höchstens in den gebildeten Ländern nur die Duldung kennt und sich mit religiöser Toleranz, als wäre sie eine große Tugend, brüstet. – Das ist in Amerika die Wirkung einer weisen, vernünftigen Gesetzgebung. Die Menschen sind sich hier, wie vor dem weltlichen, so vor dem göttlichen Gesetz in ihren Rechten gleich. Die Europäer werden noch lange Zeit große und kleine Bücher über das Verhältniß der Kirche zum Staat schreiben, indem die einen den Staat in die Kirche, als in das Höhere und Allumfassende, hineinstellen, andere die Kirche dem Staat unterordnen, und wieder andere Staat und Kirche, Kaiser und Papst, in gleichen Würden neben einander setzen.

Die Amerikaner haben die Streitfrage der europäischen Staatsmänner und Professoren längst und auf die naturgemäßeste Weise gelöst. Der Staat, diese große Anstalt für Rechtssicherheit und Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft, hat kein Befugniß, über religiöse Ueberzeugungen, über das innere Verhältniß des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Den Bürgern ist es anheimgestellt, in derjenigen Form oder kirchlichen Ordnung ihre gemeinschaftlichen Gottesverehrungen zu veranstalten, die ihren Ueberzeugungen am meisten entspricht. Wie mannigfaltig und verschieden dieselben sein mögen, der Staat hat nicht darüber zu entscheiden, welche Form die bessere, welche Kirche die alleinseligmachende sei. Allein alle Bürger sind Eigenthümer gleicher Rechte; der Staat ist da, um sie alle in den kirchlichen Verhältnissen ihrer Wahl zu schützen. Von der andern Seite aber darf auch keinerlei Kirchenthum zerstörend auf die öffentliche Ordnung des bürgerlichen Lebens einwirken, noch weniger sich, durch priesterschaftlichen Stolz geleitet, weltliches Recht und Ansehen in Staatsverfassung oder Staatsführung anmaßen.

»Lauheit, Indifferentismus!« rufen dabei in Europa unsere geistlichen Herren (denn Herrn wollen sie gern sein!).

Merkwürdig ists, daß eben diese Herren fort und fort über Verfall der Religion, Abnahme der Andacht, schlechten Besuch des Gottesdienstes schreibend und predigend klagen. In Amerika klagt man nicht über Indifferentismus. Hier wetteifern alle christlichen Kirchenparteien auf oft rührende Weise in gottesdienstlicher Frömmigkeit. Hier sind in den größern und kleinern Städten die Kirchen stets von Betern erfüllt, und in den weiten Einsamkeiten junger Pflanzungen sieht man Pflanzerfamilien oft lange Tagreisen bis zur nächsten Kapelle oder Kirche machen. Wenn sich eine Stadt bildet oder ein Dorf – so weit ich gekommen bin –, und alle Hütten noch gebrechlich und hölzern sind, stehen zuerst immer zwei große Gebäude massiv und kostbar aufgeführt da: das Rathhaus und der Tempel.

Den ersten Sonntag, welchen ich auf amerikanischer Erde erlebte, tönte von allen Seiten das Geläut der Kirchenglocken. Es war der 18. Juli. Ich verließ meinen Gasthof und folgte dem ersten Zuge von Menschen, den ich sah, zu einer der Kirchen. Der Prediger war auf der Kanzel; ihm zur Rechten saß der männliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Man sang die Psalmen mit vieler Harmonie. Dann las der Prediger einen Bibeltext und sprach über die Unerfahrenheit und Ungeduld der Menschen, indem sie ihre Glücks- und Unglücksfälle dem Vertrauen auf eigene Kräfte anheimstellen, ohne die tiefer liegenden Ursachen zu bemerken. Er sprach sehr erwecklich und belehrend. Ich bemerkte, daß ich in einem Tempel der Methodisten war, der sich, wie die Art der öffentlichen Andachtsübung, wenig von der reformirten Form unterschied.

Von da begab ich mich in eine andere Kirche. Es war die der Neger. Auch der Geistliche war ein Neger. Er ereiferte sich sehr gegen die, seinem schwarzen Menschenschlage gewöhnlichen Untugenden. Seine Stimme war sehr stark; seine Bewegung ganz schauspielerhaft. Die Kleidung der Zuhörer und Zuhörerinnen zeichnete sich durch hohe Sauberkeit, Geschmack und Feinheit aus. Die Frauenzimmer trugen sich meistens weiß; doch manche auch in farbigen Kleidern und mit feinen Strohhüten. Aber welche Ueberraschung für einen Europäer, wenn sich eine der schlanken Grazien mit dem Köpfchen wandte, und dem Neugierigen eine ganz schwarze Gestalt wies!

Den folgenden Tag ging ich in eine katholische Kirche. Es wurde hier eben ein ausserordentliches Seelen-Amt wegen dem Tode eines Herrn Moranville gehalten. Bei der ansteckenden Seuche, die im Sommer 1819 zu Baltimore so viele Menschen wegraffte, und durch die Wärme der Luft von 26 bis 28 Grad Reaumur am furchtbarsten geworden war, opferte dieser Herr Moranville Vermögen, Zeit und Kräfte für die leidende Menschheit auf. Er theilte Arzneien aus, er tröstete die Sterbenden, er half die Todten forttragen, so lange die Seuche wüthete. Die meisten Verwüstungen richtete sie in dem Theil der Stadt an, der Fellspoint heißt, und in den niedern Gegenden, während der höher gelegene Theil der Stadt sich gesund bewahrte, obgleich man auch von den Kranken da hinauf verlegt hatte. Herr Moranville fühlte sich zuletzt auch nicht wohl. Er glaubte, das Klima Frankreichs, seines Vaterlandes, werde ihm Besserung geben. Er reisete ab, kam nach Amiens und starb da. Der Hyperion hatte die Nachricht von seinem Tode mitgebracht, den ganz Baltimore mit lauter Stimme beklagte. Die Kirche hatte kaum Raum genug, die ungeheure Menschenmenge zu fassen. Mit welchem kalten Pomp sah ich in Europa oft Menschen begraben, die zu den Höchsten und Bedeutendsten gehörten. Hier weinten tausend und tausend dankbare Augen still vor sich hin. Und als der Prediger vom Leben des Wohlthäters sprach, ward der Schmerz laut.

Man hat jetzt seit Kurzem einen Theil des Hafens ausgetrocknet, wodurch die Luft reiner und gesunder geworden ist. Es sind Flußgraben geöffnet, so, daß die Fahrzeuge in der Nähe der Vorrathshäuser landen können. Diese Kanäle ziehen sich manchmal eine halbe Wegstunde vor bis in die meisten Straßen der Stadt. Neben den Kanälen sind auf beiden Seiten Hochstraßen für Fuhrwerk. Zwischen den Häusern über den Dächern ragen daher die Masten der Schiffe mit ihren flatternden Wimpeln empor. An den Ufern rollen prächtige Lust- und Reisewagen entlang, Karren von Negern gezogen und gestoßen; zierliche Kaufläden sind seitwärts geöffnet, deren Reichthum den europäischen nicht nachsteht. Eine regsame Menschenmenge schwärmt durch die lichten Straßen. Der Großtheil der Wandelnden ist immer in sauberer und geschmackvoller Kleidung. Es hat Alles alle Tage sonntägliches Ansehen.

Jeden Morgen, ehe noch die Thürme im Goldstrahl der Sonne leuchteten, erwacht' ich vom verworrenen Gesang mehrerer Stimmen. Ich ward neugierig, woher diese Klänge, und ging ihnen eines Tages nach. Sie kamen vom Hafen. Ich sah auf einem Schiff acht Neger beschäftigt, es auszuladen. Alle ihre Bewegungen geschahen im strengen Zeitmaß und begleitet von einem Sang, den einer von ihnen angestimmt hatte. Die Töne, mit weniger Abwechselung, erhoben oder senkten sich, je nachdem der Waarenballen mehr oder minder schwer war, der bewegt wurde. Ich fand diese Art melodisch zu arbeiten nachher noch öfter bei den Negern. Man sagte mir, daß diese Unglücklichen sich in den ersten Monaten ihrer Gefangenschaft einer solchen Schwermuth überliessen, daß sie zuletzt gegen die Mahnungen ihrer Herren, selbst gegen Schläge ganz unempfindlich würden. Nichts könnte sie dann erheitern, als ihr Gesang. Man nöthige sie, zu Allem zu singen. So singen sie nachher zu aller Arbeit und bewahren dadurch ihre Munterkeit.

8.
Die Auswanderer.

Um mehr in der Mitte der Stadt zu sein, wohin ich von meinem Gasthof wohl eine halbe Stunde Wegs hatte, wählte ich einige Tage nach meiner Ankunft den Gasthof zur Indian Queen. Im ersten hatte ich wöchentlich, bei täglichen drei Mahlzeiten, 4 Dollars (ungefähr 1 Louisd'or) bezahlt; in diesem war der Preis täglich 1¼ Dollar. Die Reisenden wurden durch sechs Neger und Mulatten bedient; dreimal des Tages war die Tafel gedeckt, mit ausgewählten Speisen besetzt und die Gesellschaft am Tisch zahlreicher. Es waren mit mir etwa achtzig Reisende da und sehr wenig Europäer unter denselben. Der Wirth hält ein Buch, worin der Name seiner Fremden eingetragen ist. Das aber ist keine Polizeimaßregel, wie in Europa, sondern Uebung. Die Polizei drängt sich hier nicht in Alles ein. Man setzt voraus, die Mehrheit der Reisenden bestehe aus rechtlichen Menschen, und unterwirft diese nicht den demüthigenden und beleidigenden Verfügungen, die man einiger Schelmen willen erfunden hat. Man reiset durch alle Staaten Amerika's, ohne auch nur eines Passes zu bedürfen, und sich damit beim Thor jedes Städtleins und jeder Polizeibehörde ausweisen, verzögern und oft plump genug behandelt sehen zu müssen.

Kömmt ein Reisender ans amerikanische Ufer, muß er erst seinem Schiffskapitän den Werth seiner Waaren genau angeben, dann hernach beim Zollamt den Werth des Verkauften. Ein jährlich vom Kongreß bestimmter Tarif bezeichnet, was davon zu entrichten ist. Uebersteigt die Abgabe fünfzig Piaster, gewährt man Zahlungsfristen von sechs, neun und zwölf Monaten. Man hält sich an das gegebene Wort. Und Alles geht ganz gut dabei. – Es ist dies allerdings merkwürdig. Werden denn die Leute ehrlicher und rechtlicher, wenn sie amerikanische Luft athmen? – Ich möchte beinahe glauben, es würden die Unterthanen der europäischen Regierungen viel besser werden oder sein, wenn die Regierungen ihnen mehr Redlichkeit zutrauten. Man verkrüppelt Völker nicht nur, wie in der Türkei, durch rohe, gesetzlose Härte und Grausamkeit zu sklavischen Wesen, die mit den Lastern des Sklaventhums behaftet stehen, sondern auch durch unbesonnene Gesetzgebungen, in denen kein Glaube an die menschliche Tugend, keine Achtung des jedem Menschen eigenthümlichen Ehrgefühls, keine Schonung der Würde des Menschen, auch im Aermsten, vorherrscht. Mustert die Gesetzgebungen der meisten Länder: sie scheinen für Botany-Bai-Leute geschaffen zu sein.

Die heitere, freie, anständige Bewegung der Einwohner Baltimore's auf Straßen, öffentlichen Plätzen u. s. w. fand ich im Innern der Familien wieder. Ich ward einigemal in die Abendgesellschaften eines der ersten Häuser, bei Herrn G...., eingeladen. Die Frauenzimmer machten nach dem Thee Musik mit Gesangbegleitung; man plauderte, scherzte, spielte. Es war hier Alles ohngefähr wie bei uns in ähnlichen guten Gesellschaften; nur weniger gezwängt, steif und gesucht, viel heiterer und jeder mehr sich hingebend.

Noch muß ich doch auch ein Wort von meinen europäischen Reisegefährten, den Auswanderern, sagen. Den Tag nach der Ankunft im Hafen, gingen die Auswanderer ebenfalls ans Land und schickten sich an, in die westlichen Gegenden der Vereinstaaten zu reisen, meistens in kleinen Caravanen von acht bis zehn Personen. Manche waren schon ganz von Geld entblößt. Sie wandten sich an eine sehr achtungswürdige Gesellschaft in Baltimore, und die beiden ärmsten Familien, die eilf Personen stark waren, erhielten ein Pferd für sich und 40 Piaster. Sie zogen, wie der größte Theil solcher Ankömmlinge, den Ufern des Ohiostroms zu.

Auch das amerikanische Schiff Elisabeth war in New-York, und früher, als der Hyperion, mit mehr denn vierzig Reisenden angekommen, wie ich erfuhr. Diese, meistens Schweizer, zogen an den Ufern des Hudson aufwärts und folgten dem großen Kanal bis zum Erie-See. Das Schiff Boston kam fast gleichzeitig mit 120 Kolonisten, Elsassern und Schweizern, größtentheils Wiedertäufern, in Alexandria in Virginien an. Auch diese wanderten vom Ufer des Potomak zum Ohio. Eben so andere Auswanderer, die einige Wochen später auf zwei Schiffen von Havre ankamen. – Jährlich strömt aus Europa eine unglaubliche Menge arbeitsamer, gewerbfleißiger Familien nach Amerika. Und doch – wie große Strecken Landes entbehren in Europa noch des Pfluges und des Kunstfleißes!

Wie schon gesagt, sind in jedem Fall die amerikanischen Schiffe allen andern zur Ueberfahrt vorzuziehen. Sie brauchen gewöhnlich von Europa nach dem neuen Welttheil nicht mehr, als zwanzig bis vierzig Tage, und zur Rückfahrt nach Europa etwa zwanzig bis dreißig. Zwölf Schiffe, die den Namen Packboote tragen, machen zwischen Havre und New-York den regelmäßigen Dienst; zwölf andere eben so von Grenok nach New-York; zwölf von London und sechszehn von Liverpool eben dahin. Jedes dieser Schiffe macht die Hin- und Herfahrt dreimal im Jahre. In jedem derselben ist der Preis für einen Platz in der Kajüte zu dreißig Guineen (ohngefähr dreißig Louisd'or) oder 140 Dollars. Man hat dafür täglich drei wohlgewählte Mahlzeiten nebst dem Wein; zum Nachtisch Madera; Sonntags Champagner.

Diejenigen, welche weniger Bequemlichkeit verlangen und unterwegs sparen wollen, finden beim Kapitän eines Kauffahrteischiffes leicht den Platz zu zwanzig Louisd'or. Die Auswanderer auf dem Hyperion zahlten für die Person nur ohngefähr sechs Louisd'or; beköstigten sich aber selbst; schliefen im Zwischenverdeck, hatten aber Holz zum Kochen und süßes Wasser frei. Matratzen, Fleisch, Wein, Schiffszwieback, hatten sie von Havre mitgenommen, und auf die Person für vier Louisd'or Lebensmittel berechnet.

Noch vor wenigen Jahren war die Ueberfahrt kostspieliger und bei der Unerfahrenheit der damaligen Schiffskapitäne langsamer. Sie gebrauchten dazu oft sechszig bis achtzig Tage, manchmal sogar drei bis fünf Monate. Viele der Auswanderer waren sodann ausser Stand zu zahlen; hatten ihr Geld oft schon beim langen Aufenthalt im Hafen verzehrt. Dann pflegten sie sich, um die Ueberfahrt zu zahlen, dem Kapitän auf längere oder kürzere Zeit in Arbeit zu verdingen, und dieser verkaufte sie, oder vielmehr ihre Arbeitsverpflichtung, wenn er nach Amerika kam, an Andere, die das Meiste boten.

Die Regierung von Amerika hat diesen schändlichen Handel durch ein Gesetz verboten, und alle dergleichen Verträge zwischen Kapitänen und Reisenden aufgehoben. Seitdem nimmt kein Kapitän mehr Ueberfahrende an, ohne das Frachtgeld vorher baar erhalten zu haben.

Viele von den Ankömmlingen, die ich nachmals in verschiedenen Gegenden Amerika's sprach, und welche die Ueberfahrt auf Schiffen anderer Stationen gemacht hatten, erzählten mir von seltsamen Meer-Abentheuern, denen ich kaum Glauben schenken konnte. Ein Aargauer, der im Jahr 1817 mit 450 Würtembergern und Schweizern die Ueberfahrt von Holland aus gemacht hatte, erzählte: daß man nach sechs Wochen auf dem Meere endlich die Portionen Lebensmittel habe auf ein Drittel einschränken müssen; daß sich deswegen viele dem Kapitän verkauft hätten; daß bei 150 Menschen durch Hunger und Krankheit auf dem Meer umgekommen wären, und erst nach einem Vierteljahre New-York erreicht hätten. Gewiß ist, daß einige, die ihre Ueberfahrt bezahlt hatten, nachher ihre Klage gegen den Kapitän aufsetzten und sie Regierungsgliedern überreichten. Der Kapitän wurde vor den Richter berufen, und da er sich nicht ganz rechtfertigen konnte, zu einjähriger Gefangenschaft und zum Verlust seines Schiffes verurtheilt. Die Reisenden wurden von den eingegangenen Verträgen frei gemacht. Und seit dieser Zeit ists auch, daß jenes Gesetz erschien, um alle Mißbräuche dieser Art abzuschaffen.