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Mein Lied

Chapter 157: Den Armen.
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About This Book

A lyrical collection of poems that dwells on rural life, homeland, and nature, using pastoral imagery and simple folk voices to evoke childhood, family ties, and mountain and forest landscapes. Many pieces turn inward to examine love, longing, and moral feeling, while others offer social observation, satire, or didactic reflection on ambition and artistic vocation. Several poems adopt devotional registers—prayers, hymns, and meditations on sin and consolation—so that the sequence moves between earthy nostalgia and spiritual yearning, balancing intimate lyric moments with broader ethical and existential questions.

Der Besessene.

Mir graut, ich bin besessen,
Besessen von dem Gelde hier,
Mein Schaffen, selbst mein Sinnen,
Mein Träumen wird zu Gelde mir.
Was meine Hand berühret,
Wird märchenhaft zu Gelde mir,
Die Sehnsucht meines Herzens
Wird eingelöst mit Gelde mir.
Ich dürst' nach Lieb' und Freundschaft,
Nach Mut, nach Frohsinn, Ehr' und Ruhm,
Mein heißer Drang nach Tugend,
Er setzt sich schnöd in Gelde um,
Vor meiner Türe wimmern, ach,
Die Hungernden und Armen,
Und ich bin nicht imstande, ach,
Mich ihrer zu erbarmen.
O Brüder, liebe Brüder,
Wie teil' ich euch von Überfluß,
Da ich doch selber mitten
Im schnöden Gelde darben muß.
Das Geld als Segen Gottes,
Das habe nie besessen ich,
Doch bin von schlechtem Mammon
Seit Jahr und Tag besessen ich.
Und weil vor dem Verlieren
In Angst und Sorg' ich beben muß,
So hab' ich Not und Elend
Vom Geld, solang ich leben muß.
Und wenn ich's einst verlassen soll,
Wird doppelt hart das Sterben,
Und schmähen einen Geizhals mich
Die tief verhaßten Erben. —
O grauenhaftes Schicksal, du,
Den Mammon zu verfluchen,
Und ihn mit Hungers Hast und Gier
Doch immer müssen suchen.
Dem Armen das Verschmachten
Für seine Seele frommen muß,
Dieweil die meine jämmerlich
Im goldnen Bann verkommen muß.
O Gott, wie wird das enden noch,
Was soll mich Ärmsten laben,
Wenn ich den goldnen Becher leer
In lahmer Hand werd' haben!
Noch einmal möcht' für Göttliches
Auf Erden ich erwarmen.
Erlöse von den Banden mich,
Erbarmen, Herr, Erbarmen!

Der Reiche.

Ach, wir armen Reichen werden
Oft der Lästerzungen Beute!
Und wir sind, bei Licht betrachtet,
Doch die allerbesten Leute.
Was! ich nicht getreu der Pflicht?
Hab' geschworen, reich zu werden;
Schuft, der seinen Eidschwur bricht
Und verachtet Gott auf Erden!
Was! ich hätt' nicht Religion?
Gott ist auf die Welt gekommen,
Glaub' ich fromm, und hat im Gold
Irdisch Wesen angenommen.
Was! ich hielt' auf Ehre nicht?
Darum brauch' ich Geld in Haufen,
Daß ich, wo die Waare feil,
Auf dem Markt kann Ehre kaufen.
Also ist es lustig leben!
Meine Schäden zu verhüllen
Eilt der eine, und der andre
Meine Wünsche zu erfüllen.
Hei, wie ist's doch schön auf Erden!
Wo man alles kann erwerben. —
Einer nur läßt lang sich suchen,
Einer, der für mich will sterben.

Der Übermensch.

Da sitzt ein armer Sünder
Auf einer harten Bank,
Wie Rosen blühn die Wangen
Des Jünglings, stark und schlank.
Ein freies Leben führte
Der junge Nimmersatt,
Er tat zwar nichts aus Liebe,
Doch liebte er die Tat.
Er hat geraubt, gemordet,
Sonst Unheil viel getan,
Ein Berg von Missetaten
Begräbt den jungen Mann.
Ein Meer von heißen Tränen
Ist über ihn geflossen,
Und wo sein Fuß gewandelt,
Kann keine Blume sprossen.
Nun steht er vor den Richtern
In aller Ruhe da.
Man fragt: »Hast du's begangen?«
Er sagt gelassen: »Ja.«
Er weint nicht und er lacht nicht.
Und einer, der noch glaubt,
Fragt: Ob er nicht bereue?
Er schüttelt kühl das Haupt.
Man führt herein die Mutter,
Der er den Sohn erschlagen,
Sie stummt und starrt ins Leere,
Kann nimmer weinen, klagen.
Man führt herbei die Schwestern,
Die nach dem Bruder schrein;
Man trägt den zarten Säugling,
Den mutterlosen, herein.
Der Jüngling, kalten Auges
Blickt er die Opfer an,
Als fragte er: Was weiter?
Ihr seht, ich hab's getan.
Nur einmal strahlt sein Auge,
Das kalte Auge, licht,
Als die Gerichtsverhandlung
Der Abend unterbricht.
Wohlan, jetzt kommt das Süpplein
Und dann der gute Schlummer,
Er schläft die sieben Stunden,
Ohn allen Gram und Kummer.
Die Qualen unsrer Seele,
Dir sind sie nicht bewußt,
Beneidenswertes Untier
Mit deiner hohlen Brust.
Der Erde heiße Herzglut,
Sie kann dich nicht erreichen,
Des Lebens wilde Schmerzflut
Dich nimmermehr erweichen.
Das wilde G'jaid der Not,
Das um den Erdball hetzet,
An dem sich jedes Herz
Langsam zum Tod verletzet,
Du bist davor gefeit.
Das Stöhnen in der Brust
Des Nächsten ist dir, traun,
Ergötzlichkeit und Lust.
Dich bindet keine Sitte
Und keine Menschlichkeit.
Immun bist gegen Liebe,
Immun auch gegen Leid.
Dein Sittensprüchlein lautet:
's gibt weder Gut noch Schlecht.
Wer siegt, das ist der Herrscher,
Wer stark ist, der hat recht. —
Des andern Tags die Richter
Erörtern das Gesetz;
Dich langweilt »dieses öde
Und müßige Geschwätz«.
Von Gut und Böse jenseits
Bist du durch nichts beenget,
Kein Mitleid, kein Gewissen
Je dein Gemüt bedränget.
Die Macht war deine Gottheit. —
Nun hat sie sich gewandt,
Der Stärkre hat den Schwächern
Vor das Gericht gebannt.
Wirst du es auch nicht spüren,
Du eisenharter Mann,
Wenn sie an dir vollführen,
Was andern du getan?
Vielleicht kommt doch zum Vorschein
Bei dir ein bißchen Herz,
Wenn du dich hebst das erstemal
Im Leben — himmelwärts.
Im Saale auf die Richter
Das Volk mit Bangen harrt.
Der Knab' schaut in die Runde
Und streicht den jungen Bart.
Es will ihn fast befremden,
Daß jetzt die Frauen weinen
Und bangen, als die Richter
Zum Urteilsspruch erscheinen.
Nun wird es dumpf und schwül
Als wie in einem Grab.
Der Richter hebt sich hoch —
Tritt vor — und bricht den Stab.
»Zum Tod!« haucht es, »zum Tode!«
Dann alles stumpf und stumm. —
Der Mörder blickt mit Staunen:
»Zum Tode? — Wen? — Warum?
Zum Tode mich?!« er ruft's,
»Zum Tode durch das Strängen?
Der einzige starke Mensch
— Und wollen ihn jetzt hängen!«

Die Dichter und die Leute.

Wir säen Samen,
Es wachst nix.
Wir schreiben Dramen,
Es wirkt nix.
Wir erzählen Geschichten,
Es tut nix.
Wir dichten Gedichten,
Es hilft nix.
Wir sprechen Sprüche,
Es nutzt nix.
Wir fluchen Flüche,
Es schad't nix.

Unterricht für moderne Poeten.

Dichter, wenn du für die Leute
Dichten willst, so sei gescheute,
Baue, sollst du etwas gelten,
Ihnen pappendeckne Welten,
Helden, die mit Spagatschnüren
Hübsch sind durch den Plan zu führen.
Dichte Gärten, wo die Grillen
Statt zu zirpen Flöten spielen.
Und zur schönen Augenweide
Dichte Rosen fein aus Seide,
Daß sie duften, Herr Verfasser,
Dichte Tau aus Kölnerwasser.
Mit Magie und Zauberstücken
Magst du ihren Kopf berücken.
Lorbeerkranz wird zwar nicht echt sein,
Doch aus Gold wird er dir recht sein. —
Eins nur, laß die Leute schauen
Nie in deines Herzens Auen.
Deines Gartens schönste Blüte,
Holde Rosen im Gemüte
Würden sie auf Graswert messen
Und mit plumpen Schnauzen fressen.

Des Sängers Verzweiflung.

Während eines blutigen Krieges.

Am erstbesten Eichbaum zerschlag' ich die Leier! —
Zerberste, zerschelle in schnöde Scherben,
Stöhne, schrille im Sterben zum letztenmal falschen Gesang! —
Da sangen die Saiten
Von grünender Erde! —
Rot muß sie sein, von Menschenblut rot sein!
Schießt und stecht und schlaget sie nieder
Die Menschen, die elenden, wo ihr sie findet!
Auf furchigen Feldern,
Bei goldenen Garben,
Heiteren Herzens im Schäferhaine;
In brausender Werkstatt voll regen Fleißes,
Auf rollenden Rädern,
Auf wogenden Wellen in Handel und Wandel;
Auch zwischen den Wänden der Schule, des Wissens,
Im Tempel der göttlichen Kunst, erglühend
Im Schönen und Wahren.
Wo ihr sie findet, trotzig sich freuend, die Menschen,
Schießt und stecht und schlaget sie nieder!
Was soll sie, die flackernde Flamme
Am häuslichen Herde?
Befreit sie und pflanzt die lebendigen Fahnen
Auf Türme und Dächer,
Auf prangende Zinnen stolzer Paläste!
Was lohet und leuchtet entfachet zu Lunten,
Gebilde der Menschen schmelzt ein in den Gluttopf.
Da sangen die Saiten
Von blauem Himmel voll Sonnen und Sterne!
Rot muß er sein, der herrliche Himmel muß rot sein!
Tauchet die Pinsel in brennende Städte
Malet mit lohen Gluten den Himmel;
Wölbet mit Wolken des wogenden Rauches
Den Flammenofen über der Erde,
Daß keine der sengenden Sonnen, der stechenden Sterne
Keiner uns trübe das Schauspiel!
Da sangen die Saiten
Von rosigem Antlitz der Jugend.
Sie sangen von Liebe im Herzen, von Lust in der Brust wohl,
Von trautester Treue, bis einstmals der Tod trennt. —
Fehde den lugvollen, trugvollen, gleißenden Saiten!
Im Herzen ist Haß.
In der Brust brausen Brände!
O reißt auseinander die liebeträumenden Leben.
Das Weib mag weinen und welken,
Der Mann muß erbleichen — und brechen die Liebe.
Reißet den Sohn vom sehnenden Herzen der Mutter,
Einsam sollen sie sterben und starrenden Auges verwesen!
Haß dem Guten, dem göttlich Gerechten,
Haß dem Hohen und Holden!
Im Herzen ist Haß,
Entfachet zur flammenden Tat ihn:
Die Lebenden tötet, die Toten rächet,
Daß ewige Rache die Menschheit richte! —
Da sangen die Saiten
Von Leben und Liebe,
Von Friede und Freude,
Von wahrer, erhabener Menschenvollendung!
— — — — — — — — — — — — — —
Am erstbesten Eichbaum zerschlag' ich die Leier!

Eine Stimme in der Wüste.

Es mußt' ein wildes Schlachten kommen,
Du, Welt, verträgst den Frieden nicht,
Du schreist nach ihm, und naht er schüchtern,
So schlägst du ihm ins Angesicht.
Ich sah noch keinen Tag erstehen,
Der nicht entfacht vom Reinen war,
Und keine Sonne sah ich sinken,
Die trüb nicht vom Gemeinen war.
O dummes, bettelhaftes Prahlen
Mit deines Fortschritts großen Siegen,
Wenn unter den brutalen Füßen
Zermalmt der Seele Schätze liegen.
Zermalmt ist mit den Götzenbildern
Auch Jovis hehre Lichtgestalt,
Und deine neuen Lichter leuchten,
So wie der Fäulnis Phosphor strahlt.
Du weißt so viel und bist nicht weise,
O sage, Welt, ob dir denn wohl ist
Bei deiner krausen Hochkultur, die
Außen bunt und innen hohl ist?
Den Hexentanz des Lebens tanzt
Die Kunst getreulich mit; die Taube
Entsank den reinen Himmelshöhen
Und flattert halbbetäubt im Staube.
Die Güte und die Menschenwürde,
In heißen Kämpfen dir errungen,
Ist fremd geworden deinem Herzen,
Ein Schmuck nur wortelustiger Zungen.
O, nichts vom vorigen Jahrhundert
Hast du dir, Welt, gemacht zu Nutzen,
Als bloß die Kunst, mit frechem Flunker
All deine Torheit aufzuputzen.
Die graugelockte Weisheit schweiget,
Die unerfahrne Jugend spricht;
Besiegt, ruft sie, sind Elemente!
— Die Leidenschaften sind es nicht.
Von Hohn und Geifer der Parteien
Seh' ich mein Vaterland beflecket,
Die Führer blind und taumelnd, bis sie
Ein grauses Menetekel wecket.
Dann mitten in der wilden Drangsal
Wird männiglich die Welt verfluchen,
Doch ringend mit den Nachtdämonen
Den Flug in lichtere Höhn versuchen.
Das stete Glück macht Sünder, Toren,
Und kleines Unheil Weltverhöhner.
Die maßlos schwere Not allein ist
Der große Sühner und Versöhner.

Ständchen.

In einer Winternacht
Hab' ich dies Lied erdacht,
Es sei als Minnesang
Der Mitwelt dargebracht. —
Ihr Menschen seid nicht wert,
Daß man euch liebt und ehrt,
Daß man sein Herzblut gibt
Für das, was ihr begehrt,
Denn euer Wunsch ist Wahn,
Und schief ist eure Bahn,
Und jeden steinigt ihr,
Der euch ein Gut gewann.
Der euch ein Gut gewann,
Und euch ein Heil ersann;
Und es geschieht ihm recht,
Denn er hat schlecht getan.
Wer eure Laster schürt
Und euch zum Abgrund führt,
Dem euer schändendes
Und falsches Lob gebührt.
Für dies Geschlecht des Kain
Kann Abscheu nur allein,
Statt Lieb' und Opferlust,
Die rechte Gabe sein.

Kräftigung.

Was ich suchte, konnt' ich lang' nicht finden,
Was ich liebte, tat zu schnell entschwinden,
Was ich haßte, wollt' mich überwinden.
Doch, was linde Lieb' nicht mochte wagen,
Daß hat droher Trotz zurückgeschlagen,
Und der Kampf hat mich zur Kraft getragen.

Gen Himmel hinauf.

Die Menschen bauen, die Menschen zerstören,
Sie lieben, umarmen und schlagen sich tot;
Sie schwärmen von Schönheit, Tugend und Ehren,
Sie klimmen hinan mit großer Not.
Doch sind sie oben nahe dem Ziele,
So stirbt der Drang, es kehrt sich der Wille —
Sie stürzen sich wieder hinab in den Kot.
Das ist der Geschichte ewiger Lauf,
Wir können's nicht wenden,
Nicht ändern und enden,
Unsre Bestimmung ist ewiges Ringen
Gen Himmel hinauf.

Anklage.

Wenn die wilden Wetter schlagen
Und die giftigen Seuchen toben,
Welch ein grauses Heulen, Klagen,
An den hohen Himmel oben!
Großer Gott, für solche Armen
Hätt' ich wahrlich kein Erbarmen.
Hemmest du die bösen Wetter
Und die giftgeschwellten Seuchen,
Machen sie mit Kriegsgeschmetter
Aus sich selber tausend Leichen.

Fürsprache.

Doch, was auf Erden keimt,
O laß es reifen,
Und was im Menschen ruht,
Das laß erstehn.
O Gott, laß dieses irrende,
Nach deinen Höhen ringende,
Dies arme, herrliche Geschlecht
Nicht untergehn!

Dem Dichter.

Mein Sänger, laß' den Widerpart
Und sing' ein lustig Liedel,
Und lade sie zur Himmelfahrt
Mit einer hellen Fiedel.
Es ruft den einen zwar der Herr
Mit dumpfem Donnerkrachen,
Den andern lockt er noch vielmehr
Mit heiterem Sonnenlachen.
Der eine folgt den Elegie'n,
Der andre frohen Stanzen;
Man kann wohl in den Himmel knien
Man kann auch hinein tanzen.

Himmel

Die Gottsucher.

Unendlich der Raum,
Unendlich die Zeit,
Kein Ziel und Halt
In Ewigkeit.
Die Kinder des Leides, sie sehnen und rufen,
Sie irren und zweifeln in Nacht und Not
Und suchen nach Gott.
Sie suchen im Buchstaben,
Sie suchen im Bild,
Sie beten und bluten,
Sie streiten wild,
Entzünden die Scheiter zur lodernden Fackel,
Sie suchen im Kelch und suchen im Brot:
»Wo bist du, Gott?«
Sie suchen im Leben,
Sie suchen in Kunst,
Sie suchen in Grübeln
Und Liebesbrunst,
Sie suchen im düsteren Schatten der Tempel,
Sie rufen in der Freiheit Morgenrot:
»Wo bist du, Gott?«
Die Armen, sie wandern
Am Pilgerstab,
Die Weisen, sie suchen
Die Himmel ab,
Sie suchen im schuldlosen Kindesherzen,
Und fragen mit Grauen den starren Tod:
»Wo bist du, Gott?«
Und sieh, im Suchen
Und heißen Streit
Steht immer der Herr
An ihrer Seit',
Und klopft ihnen lächelnd wohl auf die Achsel:
»Ihr Kinder, schaut euch doch einmal um!
Seid nicht so dumm.«

Willst du jene Höh' erreichen ...

Willst du jene Höh' erreichen,
Wo im Schatten kühler Eichen
Sündenlos die Helden stehn:
Laß dich nicht von Lust berücken,
Laß dich nicht vom Weib umstricken,
Oder du mußt untergehn.
Wähne nicht, das Blut zu dämmen,
Blut entströmt gleich andern Strömen
Von der Höh' ins tiefe Tal.
Willst du aufwärts, mußt dich klammen
An des Geistes reine Flammen,
Streben nach dem Ideal.

Wie keimt dein Geschick.

Wie keimt dein Geschick
Dir, Mensch, in der Brust?
Aus dem Lichte das Glück,
Aus dem Dunkel die Lust.
Wenn plötzlich ein Blitz
Das Dunkel erhellt,
Bist du in Besitz
Von Gott und Welt.

Stimmung.

Das Schönste, was im Innern ich empfunden,
Das ist so rein und zart, läßt sich kaum denken,
Und will ich mich im Sinnen, traun, versenken,
So ist mir das Gefühlte schnöd verschwunden.
Und was es ist, das mir so zart entsprossen?
Ich weiß es nicht und kann es nicht enthüllen;
Der Seele reinster Teil nur kann es fühlen,
Und tief in meinem Herzen liegt's verschlossen.

Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe?

*

Ist der Mensch nicht wie die Schwalbe? —
Mit dem Lenze fliegt er an
Und verjubelt einen Frühling;
— Heißer Sommer quält den Mann.
Wie die Schwalbe an dem Neste,
Baut er flink an seinem Glück,
Muß um seine Reiser, Blätter
Ringen mit dem Mißgeschick. —
Leise kommt der Herbst geschlichen;
Von des Lebens reifem Baum
Reißt der Sturm die Frucht des Schaffens,
Und der Mensch erwacht vom Traum.
Sieh, am Scheitel seines Hauptes
Wird es weiß — der erste Schnee;
Matt und düster blickt das Auge,
Ach, es friert der klare See. —
Und er fühlt ein eigen Heimweh,
Fremd wird ihm die Bruderhand; —
Wie im Herbst die Schwalbe, zieht er
Heim ins ewige Frühlingsland.

Mir graut vor dem Gemeinen.

Ach, mir graut vor dem Gemeinen,
Das mich stets durch neue Peinen
Und durch alte Sünden schleift.
Heimweh, Heimweh nach dem Reinen,
Nach den kühlen Friedenshainen,
Wo die Seele göttlich reift.
Ach, wo soll sie göttlich reifen!
Nur im Schwalle wüster Träufen
Lernst du das Gemeine fliehn.
Nur mit Kämpfen kannst du siegen,
Und im Fallen lernst du fliegen
Zu den seligen Göttern hin.

Die Sehnsucht.

Die Berge je höher,
Dem Himmel je näher,
Dem Herzen je weher,
Weil's nicht kann hinein;
Weil es an die schwere,
Die träge Matere
Wie an die Galeere
Geschmiedet muß sein.
Was löst unter Peinen
Uns los vom Gemeinen?
Die Sehnsucht nach Reinen,
Die Sehnsucht allein.

Steigende Bahn.

Um aus der Wirrnis die Völker zu retten
Hellet oft plötzlich der Blitz des Propheten
Künftigen Helden die steigende Bahn.
Was noch die Väter säumig beraten,
Steigt in der Söhne mutigen Taten
Fröhlich und siegreich zur Höhe hinan.
Rufe den Menschen, Prophetenwort, rufe
Ihn aus der Tierheit von Stufe zu Stufe,
Bis er erwacht vor des Heiligsten Thron,
Schauend die Wahrheit im Kranze der Sonnen,
Trinkend die Liebe aus feurigen Bronnen —
Ewig des Ewigen seliger Sohn.

Zu Gastein am Wasserfall.

Wie du, o Mensch, mußt fallen
Zu Schuld und Gram und Grab,
So fallen wirbelnd und weinend
Die heiligen Wasser hinab. —
Doch sieh, aus dunkelm Abgrund
Steigen in stiller Ruh'
Die lichten Nebel kreisend
Dem Himmel zu —
Den Weg dir weisend.

Es war einmal ein Bettelmann.

Es war einmal ein Bettelmann,
Der hatt' einen goldenen Ring,
Sein einzig Eigen war dies Ding
Noch von der Mutter her.
Das Eigentum ward ihm zu schwer.
Er wankte fort zur Morgenstund',
Zu schleudern in den tiefen Grund
Sein Kleinod, daß in Glück und Mai
Die Gottheit ihm nicht neidisch sei.
Ein Weiser siehet voll Erbarmen
Den alten Mann, den siechen, armen,
Und fragt: »Du guter Bruder mein,
Um was soll sie dir neidisch sein,
Die Gottheit? Sprich!«
»Um was? Um was denn sonst?
Um mich.
Sonst hab' ich nichts, weil ich nichts brauch';
Was Glut ihr nennt, das ist bloß Rauch.
Was Gut ihr nennt, erstickt die Lust;
Doch unermeßlich ist der Reichtum
Meiner Brust.«
Der Weise blickt den Bettelmann
Mit gut gespieltem Mitleid an.
Der andre merkt's und lächelt so,
Als wär' er seiner Armut froh:
»Ich dauere euch, ihr dauert mich!
Ihr sagt auch, ich sei lahm und siech.
Ich weiß es nicht. Mein froher Sinn
Fliegt selig durch die Himmel hin.«
Der Weise spricht: »Dein Reichtum groß
Kam nicht dir aus der Erde Schoß.
Und was die Götter dir geschenkt,
Das nehmen sie nicht mehr zurück,
Und neidlos bleibt zu eigen dir
Dein erdenfreies Glück. —
Nur wer, der rohen Triebe Knecht,
Aus irdischer Hand sein Heil empfing,
Der opfere bang und demutsvoll
Den Göttern seinen Ring.«

Der Blinde.

Als Gott der Herr die Welt erschuf,
Da war sein erster, heiliger Ruf:
Es werde Licht!
Das Gnadenmeer vom Himmel floß
Und sich in alle Herzen goß,
— In meines nicht.
Und auf zum ewigen Sternenzelt
Blickt jedes Aug', dem Herrn der Welt
Ins Angesicht.
Und jedes Blümlein auf dem Plan
Lacht eure Augen freundlich an,
— Das meine nicht.
Der Mutterblick, der holde Stern,
Er blieb mir unermeßlich fern.
Dem Ärmsten flicht
Der Herr aus goldnem Sonnenglanz
Ums Haupt den bunten Farbenkranz,
— Um meines nicht.
Du treuer Engel Gottes, sag,
Was hab' an diesem Erdentag
Ich denn vollbracht,
Daß mitten unter Strahl und Schein
Verstoßen ich bin ganz allein
In ewige Nacht?
Der Engel sprach: Der Strahl, das Licht
Von außen ist das Höchste nicht
Zur Menschen Lust.
Statt Glanz die Glut, ein warm Gemüt,
Das wie ein sonniger Frühling blüht
In deiner Brust.
Wohl muß in deinem Aug ich sehn
Als einzigen Glanz die Träne stehn.
Doch weine nicht!
Noch leben treue Menschen hier,
Und Gottes Ruf erschallt auch dir:
Es werde Licht!

Den Armen.

Um Mitternacht, als alles schlief,
Nur meine Zweifel wachten,
Und Weltverdruß mir drohte tief
Die Seele zu umnachten,
Da schlug ich auf ein altes Buch,
Zu spähn nach einem Labespruch,
Um ganz nicht zu verschmachten.
Und sieh, da hat mich sanft ein Wort
Befreit von bangen Banden:
»O suche die Erlösung dort,
Wo sie schon viele fanden;
Nicht was du haschest, wird dein Teil,
Aus Opferfreude kommt dein Heil.« —
Doch hab' ich's falsch verstanden.
Ich stieg in Sehnsucht himmelwärts,
Den Heiland zu verehren.
Der winkte mir, ich sollt' mein Herz
Zurück zur Erde kehren:
»Was du den Armen Gutes tust,
Das dringt zu meiner Vaterbrust.
Kannst du mir es verwehren?«
Die Botschaft war's. Und seitdem mag
Es sonnen oder regnen,
So kann mir doch an jedem Tag
Der liebe Gott begegnen.
Aus jedem Kind und armen Mann
Blickt mich mein treuer Heiland an,
Bereit, mein Werk zu segnen.
Wenn keines Kindes Aug' einst schwimmt
In Dankesfreudenzähren,
Wenn keines Bruders Hand mehr nimmt,
Was du ihm willst bescheren,
O, dann erst hat sich Gott vom Land
Des Sündenfluches abgewandt,
Und wird auch nimmer kehren.
Drum laßt, solang' noch Arme flehn, —
Uns lindern ihre Leiden,
Die Hungernden bei Tische sehn,
Die Frierenden bekleiden!
Dann wird für Reich und Arm zumal
Dies grabdurchfurchte Jammertal
Zur Quelle reiner Freuden.

Drei himmlische Schreine.