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Meine Reise nach Siam 1888-1889. / Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson cover

Meine Reise nach Siam 1888-1889. / Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson

Chapter 42: Freitag 4. Jänner.
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About This Book

A travel narrative by a European legation official recounts a late-19th-century voyage to Siam, blending lively shipboard anecdotes, practical observations, and vivid portrayals of Bangkok and the royal court. The account contrasts everyday inconveniences and companionship during the passage with impressions of majestic natural scenery and ceremonial pageantry, records ethnographic and artistic sights gathered en route, and reflects on social duties, hospitality, and cross-cultural encounters. Sketchlike descriptions favor immediate atmosphere and characteristic detail over exhaustive analysis, producing a series of observational vignettes of places, ceremonies, and people.

BOMBAY arab. TAU

19. December.

Wieder auf unserem alten Schiffe zu sein, ohne Zwang, ohne Etiquette, ohne den in den Tropen unerträglichen Frack, wieder die gemüthlichen Morgenplaudereien mit dem guten Mersa und das stundenlange Nichtsthun auf Deck ist ein Genuss nach den gehetzten Tagen unseres Aufenthaltes in Bombay, der correcten Stadt, wo sich jeder Engländer nachmittags von seinem Diener den Cylinder oder braunen steifen Hut nachtragen lässt, um ihn Schlag 5 Uhr statt des Solar Topee aufzusetzen, wenn die Sonne auch noch so heiss brennt, – nach 5 Uhr darf von Jedem qui se respecte kein »Pithhat« getragen werden! Die zahlreichen Passagiere des »Poseidon« sind sehr zusammengeschrumpft, es bleiben nur die Gesandtschaft, Freund Pertile, ein Reichsdeutscher ohne Vorderzähne, der, von Buschiri-ben-Salim und seinen Arabern aus den Pflanzungen der deutschen ostafrikanischen Gesellschaft bei Pandani vertrieben, versuchen will, in Sumatra oder Borneo Kaffee zu bauen; ferner ein Franzose aus Kaschmir, der von Hirschjagden im tiefen Schnee erzählt und dadurch unseren Neid erregt, und ein junger Engländer, der in Ceylon Theepflanzungen besitzt. Wir tragen mit Wonne unsere neuen Khakikleider, d. h. drapleinene Hosen und bis zum Halse zugeknöpfte Jacken, dann noch Strümpfe und weisse Leinenschuhe – sonst gar nichts! Temperatur 32° C. im Schatten, wie wird das wohl im Sommer sein? Coudenhove dürfte, wie man mir sagt, in Mysore wenig Glück mit Tigern haben: es ist für die Bestien jetzt viel zu kalt!

Abends erzählt mir Pertile als Neuigkeit seinen Streit mit Brand!

20. und 21. December.


SINGHALESIN
   Der »Poseidon« fährt die Küste von Malabar entlang, – der Strand ist theils dunkelgelb, theils dunkelroth, dahinter dichte Cocospalmen-Waldungen, noch weiter die westlichen Ghats. Gestern passirten wir Mangalore und heute Trivandrum, die Residenz des Maharajah von Travancore; ein grosses weisses Gebäude mit Kuppeln hebt sich von der rothen Farbe des Sandes deutlich ab, wohl das Palais? Wir sind stets regungslos in horizontaler Lage, – der Franzose hat mir eine Anzahl Nummern des »Gil Blas« geliehen, und ich entdecke darin reizende Skizzen Pierre Loti's über Japan. – Abends sehen wir weit nach links Cap Comorin, den südlichsten Punkt Indiens, morgen sind wir in Ceylon.

22. December.

Colombo. – Nach ausgiebigem Frühstück fahren wir im Gig des Commandanten mit vier weissgekleideten Matrosen unter dem Befehle des »Secondo« gegen 9 Uhr ans Land: rechts der riesige neue Wellenbrecher, der Colombo erst zu einem prakticabeln Hafen gemacht, und über den der Gischt der kolossalen Wellen fortwährend spritzt; neben uns eine französische Corvette, ein anderer Lloyddampfer (die »Medea« aus Calcutta); eine grosse amerikanische Yacht, viele kleine Segler und für uns von besonderem Interesse hunderte von »Outriggers«, specifisch ceylonischen Booten mit parallel mittelst zwei Querstangen befestigten Balancirhölzern. – Am Molo wimmelt es von fremdartigen Menschen, wieder eine ganze Musterkarte, sehr verschieden von Bombay: vor allen die eigentlichen Singhalesen, zarte, gutgeformte braune Menschen, das lange Haar mit breiten Kämmen zusammengehalten, mit lichtblauen Seidenkleidern und vielem Silberschmuck; die dunkleren, kräftigeren Tamils, halb oder meistens ganz nackt; die schwarzen »Moormen«, Nachkommen von arabischen Emigranten, Abkömmlinge der Holländer und besonders der Portugiesen: diese letzteren scheinen den ganzen Kleinhandel an sich gerissen zu haben, denn die Aufschriften an den Läden weisen lauter de Silva's, Ribeira's, Pereira's, de Soutzo's auf, während die Träger dieser stolzen Namen sich äusserlich durch nichts von den Singhalesen unterscheiden, zum Unterschiede von den portugiesischen Eurasiern aus Goa, welche bei pechschwarzer Farbe den europäischen Typus behalten haben. – In einem mit Seitensitzen und einem Zeltdache versehenen Einspänner traben wir davon, während eine Art singhalesischer Comprador, ein quasi Cicerone mit sechs Fingern an der Hand und einem schönen Haarkamm aus Silber, zu uns hinaufspringt und nicht mehr abzuschaffen ist. Vom Hafen zur Post, von da zum Telegraphenamte, weiter zum öst.-ung. Consulate, das nach langem Suchen in dem englischen Geschäftshaus Aitken entdeckt wird, wo alle möglichen Aufschriften, nur die eines k. und k. Consulates nicht angebracht ist und wo der frühen Morgenstunde (10½ Uhr) wegen noch kein Mensch anwesend ist (!), alle Strassen von üppigen Bäumen beschattet, ja überwölbt, so dass die Häuser oft unsichtbar sind, ein Gewühl von Wagen, »Bullock Carts«, zweirädrigen Ochsenkarren, Elefanten, Jinrickshaws, dieser japanischen seit kurzem hier eingeführten Erfindung, von den Yankees »Pullman Car« getauft! Die Luft ist nass, Alles tropft von Feuchtigkeit, schwarze Wolken bedecken den Himmel, dabei eine angenehme Temperatur von beiläufig 36° C.! Wir trocknen die schwitzenden Stirnen und fahren einen prachtvollen Weg, den »Galle Face Road«, drei Meilen zu den »Cinnamon Gardens«, den alten holländischen Zimmtplantagen, theils durch Banianenbäume, theils durch einen herrlichen Cocospalmenwald hindurch. – Die Fahrt durch diese tropischen Wälder, die wundervollen Blumen in hundert Farben um uns her, dazu der meisterhaft gehaltene weiche dunkelrothe Weg, – es ist berauschend. Im Museum sind recht interessante Sammlungen, viele ethnographische Gegenstände, ein schöner Marmorlöwe und viele andere Sculpturen aus den verlassenen Städten im Norden der Insel, vielerlei unbekannte prachtvoll gefärbte Vögel und Schmetterlinge, ausgestopfte Elefanten, Löwen und kleine zierliche »Maushirsche«. – Doch es drängt die Zeit, wir stürzen noch in einen Curios-Laden, kaufen dort einem würdigen de Silva verschiedene Ebenholzelefanten, ebensolche aus Elfenbein, sowie alte Waffen ab und erreichen knapp den um 2 Uhr nach Kandy abgehenden Zug. Am Bahnhof übergibt Harrison seinem Herrn noch den guten Neptun, und wenige Minuten darauf rollen wir schon weg. Langsam verschwindet Colombo mit seinen 100.000 Einwohnern, wir fahren durch dichte Cocoswälder, jetzt durch niedrigen Jungle immer steigend, an »Paddy fields« Risièren, bald an Theepflanzungen vorüber, der Weg wird immer grossartiger, – da geht endlich der lang verhaltene Regen an (in Ceylon regnet es alle Tage von 3-7 Uhr), es schüttet, wie es nur in den Tropen schütten kann, in Schäffen. – Da die Aussicht verdorben, trösten wir uns im Restaurantwaggon, wo ein guter Tiffin und besonders eine riesige Cocosnuss uns laben und stärken. Bei der mitten in den Bergen gelegenen Station Ambepussa erblicken wir einige bildhübsche Singhalesinen, – himmelblau seidene Jacken, enganliegende hosenartige Kleider aus weisser Seide, grosse silberne Arm- und Fussringe und ein breiter Gürtel aus rosa Crèpe! Um ½7 Uhr erreichen wir in strömendem Regen die alte Königsstadt Kandy und erhalten im Queens Hôtel nach vielem Schimpfen meinerseits zwei annehmbare Zimmer, – eine in der erwähnten Yacht angekommene amerikanische Cookgesellschaft minderer Qualität hat eben Alles überschwemmt.  
TAMILIN Ceylon
 

COLOMBO

23. December.


ADAMS PIC
   Das war eine nette Nacht! Durch die natürlich offenen Fenster (Glasscheiben gibt es in ganz Ostasien nicht) tropft der Regen fortwährend ins Zimmer, wo Sapieha und ich mit Mosquitos, mit Ameisen, mit der Hitze und der Feuchtigkeit Verzweiflungskämpfe führen! Auch der Gesandte scheint kaum besser geruht zu haben, denn er bezeichnet seinen grossen nach vorne gelegenen Salon als einen »Zoologischen Garten«, voll neuer ihm unbekannter Thiere, darunter auch die berühmten »Flederfüchse«. – Die Anderen gehen in die Messe, dann wir Alle zum Buddha-Tempel, der erste, dem wir begegnen, wo uns die gelbgekleideten Bonzen in die Bibliothek und in die eigentliche Daghoba führen, uns mit Jasminblüthen bekränzen und einen vom früheren englischen Gouverneur gespendeten goldenen Teller mit langer Pahli-Weihinschrift, leider aber nicht den bekannten Zahn zeigen. – Letzterer, die heiligste Reliquie Buddha's, ist übrigens falsch. – Dafür ist die Aussicht vom Tempel auf den »Kandysee«, der wie ein glitzernder Brillant in der Mitte der Stadt liegt, sowie auf die rings umliegenden Höhen, den sogenannten Lady Hortons Walk, bezaubernd. – Noch einen Blick auf den aus Holz geschnitzten Festsaal der alten Könige, und wir fahren nach Peradenia, dem grossartigsten botanischen Garten der Welt. Eine breite Chaussée, zu beiden Seiten eine Reihe riesiger kerzengerader Gummibäume, Ficus elastica, dazwischen wilde Bananen, an zahllosen Häusern vorbei, die in Cocosnusspalmen, Brotfrucht- und Kaffeebäumen fast verschwinden, davor nackte Singhalesen, Kinder, Tamils, ganze Schaaren von Hunden, welche den hinter unserem Wagen galoppirenden Neptun kläffend anfallen und ihm fast den Garaus machen; – 4 Meilen tropischer Schönheiten bis zum Eingang, trotz des Regens wohl der herrlichste Blick auf unserer Reise: Dattelpalmen, Cocospalmen, Taliputpalmen, Arecapalmen, Toddypalmen, Palmettopalmen, Fächerpalmen, Gemüsepalmen (cabbagepalms), »Fernpalms«, dann Brotfrucht-, Gummi-, Cacao-, Jackfrucht-, Nutmegbäume! Der berühmte Coco-de-Mer der Seychellen, die riesenhaftesten Guttaperchabäume, zahllose Ipomäas, Bignonien, Orchideen, Banhinien u. s. w. Es ist erdrückend! Zu Mittag sind wir wieder in Kandy, und nach dem Tiffin und einigen hastigen Einkäufen fahren wir den grossartigen Gebirgsweg nach Colombo zurück. Im Restaurationswagen sind zwei nette Engländer, einer der Bruder des im Sudan gefallenen Generals Earl, – bei einer Biegung der Bahn und gleichzeitiger Lichtung der Wolken zeigen mir dieselben den einen Augenblick sichtbaren spitzen Kegel des Adams Peak; ich eile sofort zu meinen Begleitern, um ihnen den heiligen Berg vorzuführen, ein seltenes Glück, da Capitän Mersa ihn bei allen seinen Fahrten nur dreimal zu Gesicht bekam. – Jetzt erscheinen wieder die Theeplantagen, Reisfelder, Cocosnusswälder, Jungle und unübersehbare Sümpfe, und um 5 Uhr empfängt uns Harrison mit Bompa am Colombaner Bahnhof. Noch einen Sprung zu de Silva in High-Street, noch einiges Feilschen und Handeln um Curios und Photographien, und dann führt uns des Captains Gig mit den schmucken Dalmatinern an Bord. – Der Gerent des Honorarconsulates Patterson und der Commandant der neben uns verankerten »Medea«, dem ich Grüsse für seinen Schiffsarzt Dr. Merk auftrage, sowie der gefällige Lloydagent G. A. Marinich verabschieden sich noch in aller Eile, und um 8 Uhr dampfen wir schon hinaus in volle See.

BUDDHA TEMPEL KANDY

24. December.

Es regnet in Strömen, es giesst, es schüttet, die dumpfe, heisse, nasse Luft ist unerträglich. Gegen 9 Uhr Abends entdecke ich Biegeleben mit einem sehr tragischen Gesicht und Pertile neben ihm im höchsten Affect perorirend in einer Ecke des Rauchzimmers, – er erzählt jetzt ihm die Affaire mit Brandt!

25. December, Christmas day.

 Weihnachtstag! Mitten im indischen Ocean, es regnet wacker fort, dafür bläst es aber fest, und der alte »Poseidon« fängt an heftig zu stampfen, die Fastenspeisen – in Oel schwimmend – haben auch ihre Wirkung nicht verfehlt, und wir Alle ohne Ausnahme, vom Commandanten bis zum letzten Matrosen erfreuen uns der schönsten Dysenterie! Ich wackle missmuthig und etwas trübsinnig in meine Cabine und finde dort nebst einer Christmas Card eine prächtige getriebene silberne Schale, altbirmanische Arbeit aus dem Schatze des Königs Thebaw, als Weihnachtsgeschenk des Gesandten; der Eindruck ist kolossal, – alle Wehmuthsgedanken verschwinden wie mit einem Zauberschlage (leider nicht die Dysenterie), und wir stürzen zu Biegeleben, um ihm gerührt und dankbar die Hand zu schütteln; denn auch Sapieha hat eine Kashméri Coupe erhalten, blaue und grüne Emaille auf Silber, und Mersa ist gleichfalls betheilt!  
SILBERSCHALE

26. December.

Alles im Gleichen: die Dysenterie ist noch unerbittlich, ebenso der Regen, ebenso die feuchte Hitze. Das Schlafen bei Nacht hat seine Schwierigkeiten: in der Cabine ist's zu warm, auf Deck zu nass, – ich lege meine Matratze in eine Ecke des Claviersalons und trachte dort in Gesellschaft beider Collegen die Misèren zu vergessen. – Heute sollen wir S. M. Corvette »Fasana« mit dem Erzherzog Leopold an Bord gekreuzt haben, ich selbst konnte bei diesem Regen nichts sehen. – Neptun hat meine ihm am Wege nach Peradenia erwiesene Wohlthat nicht vergessen: ich rettete ihn dort von den singhalesischen Kötern, deren er sich, vom Laufen ganz erschöpft, nicht mehr erwehren konnte, indem ich ihn auf unseren Wagen hinaufhob und seine Gegner vertrieb. – Seitdem kennt er mich und leckt mir dankbar die Hände. – Die Hündin Bompa ist von der Hitze sehr angegriffen und frisst nicht mehr, hoffentlich übertaucht sie es. Ich lese Bock's »Land des weissen Elefanten«, um doch einige Vorkenntnisse für Siam zu erwerben, lerne aber verteufelt wenig daraus.

27. December.

 Das Wetter ist schon grauslich; was man anrührt, klebt und pickt, in den Cabinen ist es schier unerträglich, auf Deck tropft es überall durch, dazu die unerhörte Schwüle; die Luft ist zum Ersticken – der Teufel hole die Tropen!

 Biegeleben spricht von einer Spritzfahrt nach Java, wenigstens bis Batavia, die wir von Singapore aus unternehmen sollen. Wenn es nur dazu kommt! Heute fahren wir gegen Mitternacht an der Nordspitze von Sumatra vorbei, nur wenige Meilen von Atchin, das wie gewöhnlich in hellem Aufruhr gegen die Holländer sich befindet. – Ein Jammer, dass wir davon nichts sehen, da Mersa von der prachtvollen Vegetation und den Farben dieser letzteren schwärmt; der »Poseidon« kommt halt nicht von der Stelle, die in Aden eingenommene Kohle ist sehr schlecht und die Maschine ist verletzt, – wo, ist hier nicht herauszufinden. Wir machen kaum 9½ Knoten mit vollem Dampfe! Und wir sind noch alle krank!
 
BRODFRUCHT

28. December.

Noch immer krank! Doch dürften einige energische Dosen Ricinusöl bald helfen, besonders da die mehrere Tage hindurch verschwundene Sonne wieder sichtbar wird. – Abends ist der ganze Horizont in Flammen: hunderte von Blitzen zucken fort und fort auf, besonders in der Richtung nach Sumatra. Die Luft ist von Elektricität übersättigt; manchmal scheinen förmliche Vulcane aufzuschiessen – ein grandioses Schauspiel. – Um 1 Uhr weckt mich Mersa: die Mastspitzen, alle Raaen, überhaupt alle Vorsprünge des alten »Poseidon« stehen in Flammen! Ueberall brennt gleichsam eine senkrechte Kerze. – Es ist das Feuer von Sant Elmo! Nach einer halben Stunde hat Alles aufgehört: die Kerzen sind verlöscht, die Blitze und Vulcane verschwunden, das Schiff ist wieder im Finsteren, nur von der Maschine und den wenigen Laternen erhellt. Ich krieche auf meine Matratze zurück und sehe zu meinem Bedauern, dass die Anderen dies herrliche Naturspiel verschlafen haben!

29. December.

Pulo Penang. – Wir ankern seit Morgengrauen in einer entzückenden Bucht: westlich die dunkelgrüne Insel, ganz mit dichtem Laub bewachsen, sehr gebirgig, hie und da weiss getünchte Häuschen, welche aus den Bäumen und Sträuchern hervorleuchten; gleich neben uns ein Theil der Stadt (Georgetown) mit grossen Warenlagern (Go-downs), dem Gefängnis, der Signalstation, an deren Mastbaum bereits unsere (die Lloyd-) Farben flattern, – östlich die kaum zwei Seemeilen entfernte Küste des Festlandes, der Halbinsel Malacca, des »goldenen Chersonnes«, hier der englischen Provinz Wellesley, nichts wie endlose Reihen schlanker Cocospalmen; im fernen Norden ein hoher kegelförmiger Berg, der schon zu Siam gehört, – das Endziel meiner Fahrt rückt schon sehr nahe! Um uns und die zahlreichen anderen Schiffe wimmelt es von Sampans, kleinen hochbordigen Booten, deren Ruderer theils splitternackte braune Malayen mit grossen Palmenhüten, theils gelbe bezopfte Chinesen, durch Schreien und Winken Passagiere zu gewinnen trachten. Einige kräftige Ruderschläge des Captains Gig, und wir landen an dem kleinen Pier der »Bethelnussinsel«. – Ein ostindischer Policeman verschafft den üblichen gedeckten Wagen, und hinaus geht es lustig dem Innern zu: derselbe dunkelrothe feuchte, vollkommen glatte Boden wie in Ceylon, auf dem die Räder des »Gharry« geräuschlos rollen; dieselbe schwere, regengeschwängerte Luft; dieselbe drückende Hitze – doch die Dysenterie ist geschwunden; wie wir die Stadt hinter uns haben, kommen die prächtigsten Palmen- und Banianenwälder zum Vorschein, kaum dass die sauber gehaltenen Bungalows mit den breiten Verandas die Existenz einer Strasse verrathen, – die Wipfel der Bäume vereinigen sich über die Chaussée, nichts wie Duft und tiefe gesättigte Farbe: grün, roth, braun, – die Trauer, die düstere Stimmung der letzten Woche ist geschwunden, fröhlich und lustig langen wir am Victoriapark an, wo trotz Schimpfens und Fluchens der malayische Autemedon das Weiterfahren energisch verweigert. – Eine Verständigung ist nicht möglich, eine am Eingang des Gartens angebrachte englische Tafel spricht von »den dem Schutze des Publicums anvertrauten Anlagen, etc.« (ganz wie im Wiener Stadtpark), aber vom Fahren kein Wort, – da erscheint zu unserer Freude unter lautem Jubel Freund Mersa in Mufti, weiss mit grossem Sonnenhut: er will auch die Kühle des Wasserfalles geniessen, hat, wie bei jeder Reise, die Geschäfte des Aus- und Einladens dem Secondo überlassen und steigt, nachdem er uns das Benehmen des Kutschers erklärt, durch den nett gehaltenen Park links einen ziemlich steilen Weg hinauf, – üppige Vegetation, Schlingpflanzen von Baum zu Baum, dunkelblaue Riesenschmetterlinge, – an den Felswänden schnattern und grinsen die für uns ersten braunen Affen uns entgegen! Noch wenige Schritte und der kleine Wasserfall ist vor uns, links eine buddhistische, leider verschlossene Pagode aus grauem Stein, Alles im tiefsten Schatten, – wundervolle, für die Tropen fast kalte Luft, – der leise Sprühregen der Cascade erhöht noch die Labsal; doch nichts dauert ewig etc., eine Stunde der Erholung, unterbrochen durch vergebliche Versuche Baron Rüdiger's und von mir, einen Stammesgenossen in Form eines Affen herunterzuschiessen, und dann heisst's im Laufschritt die zwei Kilometer wieder hinab; in Schweiss gebadet finden sich alle beim Parkeingang und kehren in dem nahe gelegenen Alexandrahôtel (?) ein – zwei mittelst einer Wandelbahn verbundene hölzerne Häuser, von denen eines nur für Chinesen, das andere auch für Weisse bestimmt ist, – der Khitmatgar, mit einem langen Zopfe behaftet, spricht nur seine einsilbige Muttersprache, doch erhalten wir Thee, Conserven und Albertkuchen, während der Chef mit einem ganz kleinen zahmen Aefflein Freundschaft schliesst. Eine Jinrickshaw fährt heran, darinnen Mr. Harrison im tadellosen Sommeranzuge und braunen steifen Hut, – der Mann kriegt sicher noch den Sonnenstich, dabei ist er so elegant und sauber, dass Sapieha und ich längst jede Concurrenz mit diesem Musterkammerdiener als vergeblich aufgegeben haben, – er will natürlich auch zum Wasserfall! – Eine Stunde zurück; am Wege wird ein im Baue begriffener grosser Tempel besichtigt; durch viele breite, lange Strassen mit langweiligen Miethskasernen; aus den oberen Stockwerken lachen recht mittelmässige Chinesenmädeln auf uns herab; eine Razzia beim Photographen, der sehr dürftig versehen ist, ist wenig erfolgreich; – noch starre Bewunderung und namenloses Staunen: einige Engländer, die in voller Sonne bei ungezählten Wärmegraden um 2 Uhr nachmittags Cricket spielen! Für die vom Schatten eines Banianenbaumes aus zusehendes Natives wohl ein schwer erklärliches Schauspiel!  
CHINESISCHER SAMPAN
 Am »Poseidon« wartet unser Consul Morstadt, ein liebenswürdiger, intelligenter Schweizer Kaufmann, um seine Aufwartung zu machen und sein tiefes Bedauern darüber auszudrücken, dass wir ihn in seinem schön am Penang-Hill gelegenen Bungalow nicht aufgesucht, – er erzählt vom Aufenthalte des Grafen Zaluski und der kürzlich hier zur Jagd gewesenen Grafen Wallis und Herberstein.

 Wir haben viele Chinesen am Bord, gegen 200, Coolies, die in ihre Heimat zurückkehren und schon eifrig beschäftigt sind, ihr schwer erworbenes Geld im Hazardspiel wieder zu verlieren. Manche kehren bereits in Singapore um. – Das ganze Vorderdeck wimmelt und duftet von ihnen, auch hat der Commandant, der eine Idiosynkrasie gegen sie hat, die Zugänge zu seiner Cabine mit Brettern einplanken lassen. – Um Sonnenuntergang werden die Anker gelichtet.
 

PULO PENANG GEORGE TOWN

30. December.

Die »Celestials« am Vorderdeck spielen und essen den ganzen Tag; ein landsmännischer Unternehmer theilt fortwährend riesige Mengen Reis aus, welche ein Chinese nach dem anderen in einer hölzernen Schale abholt. Dabei ist die schon gestern etablirte Bank in vollem Gange, silberne Mexicanos, auch grössere Banknoten fliegen umher, – der Croupier scheint gute Geschäfte zu machen. – Letzter Tag an Bord des alten Meeresgottes, den wir sehr lieb gewonnen; besonders der alte Mersa ist ein Prachtmensch, wenn er noch so sehr über die »maledetti Cinesi« schimpft. – Die lange Ruhe ist nun bald vorbei, – in Singapore, wo wir einige Zeit bleiben sollen, werden Jagen, Segeln, Besuchemachen uns wohl ganz in Anspruch nehmen. – Wir fahren die Küste des »goldenen Chersonnes« entlang, leider ohne viel davon zu sehen, – nur die Gebirgsketten und gegen Abend auch schwache Spuren von Sumatra erinnern daran, dass wir in einer schmalen Meerenge sind.

31. December.

Schon um 5 Uhr auf Deck, – wir steuern durch eine Unzahl kleiner, niedriger Inseln hindurch, mit reichster Vegetation überwachsen, die Aeste der Bäume, die Lianen, fallen fast ins Wasser, – rechts ist auf einem solchen Eilande ein Bungalow versteckt: ein alter Lloydcapitän hat sich dort zur Ruhe gesetzt, – links auf einer Anhöhe ein weitläufiges Gebäude mit hoher Flaggenstange, von der die französische Tricolore weht, es ist die Residenz des Messagerieagenten. – Seegelboote, Frachtdampfer in jeder Grösse und von jeder Nationalität, Sampans mit ihren braunen Ruderern, kommen uns entgegen, rechts erscheinen immer neue Inselchen, links die Wharfs und Quais des neuen Hafens; wir halten vor einem grossartigen »Go-down« der Firma D. Brand & Co., rasselnd fällt der Anker ins Wasser, – Singapore. – Der Consul und gleichzeitig Lloydagent Brand, der mit seinem Compagnon Robert Engler, einem dicken, fröhlichen jungen Frankfurter sofort an Bord eilt, überbringt mit einem grossen Postpacket recht traurige Nachrichten: Der König von Siam, dem Biegeleben seine Creditive überreichen soll, reist am 4. Januar mit grossem Gefolge nach dem Norden seines Landes und bleibt zwei Monate fort, so dass wir entweder den ganzen Zweck der Mission, zu der ich entsendet, aufgeben oder in Singapore bis zum März warten können! Das ist speciell für mich ein harter Schlag, da der Gesandte bald beschliesst, nach Bangkok um kurzen Aufschub der königlichen Expedition zu telegraphiren, im Verweigerungsfalle aber mit dem »Poseidon« nach Hongkong weiter zu fahren, von dort sofort nach Tokio. – Ich, der ich nur zur Creditiveüberreichung in Bangkok mitgeschickt bin, wüsste nicht, was in diesem Falle beginnen, doch bitte ich um Mitnahme nach Japan, wenn auch meine Diensteseigenschaft erlischt. – Hiemit ist Biegeleben ganz einverstanden, und nun heisst es alle Vorkehrungen treffen, denn heute Nachts fahrt ein Dampfer der »Ocean Line« nach Siam, morgen der »Poseidon« nach Hongkong, – also für beide Eventualitäten muss gesorgt werden. – Unser ganzes Gepäck wird Harrison überlassen, der dasselbe in die Stadt bringen wird; wir fahren schleunigst die drei Meilen von Tangong Pagar ins Consulat, wo zahlreiche Briefe und Zeitungen, mittelst der englischen Post früher eingelangt, unser harren, darunter ein Cigarretenetui mit Neujahrsgruss von meiner Mutter. Zu Johnston & Co., deren Director, ein junger Engländer Namens Hooper, mir meinen Creditbrief sowohl nach Bangkok an Sigg & Co. als an die Mercantile Bank in Hongkong ausstellt. – Der Nervus rerum ist sichergestellt. – Sapieha muss, da in den Ländern Sr. Siamesischen Majestät kein Papiergeld coursirt, sein ganzes Gerstel in Mexicanern mitschleppen, so dass er der silbernen Last fast erliegt. – Dann zum »Singapore-Club«, einem schönen, grossen, am alten Hafen gelegenen Hause mit hohen kühlen Sälen und Säulengängen. Hier wird ein üppiges Tiffin mit vorzüglichen Banana-Fritters eingenommen, – dann wieder an die Arbeit, zu John Little am Raffles Square um Cigarren, Conserven, Briefpapier etc. Zurück ins Consulat, wo aus den in einem niedrigen Raume aufgespeicherten Koffern alle Utensilien für »evening dress« ausgepackt werden müssen, denn Brand hat uns zum Essen geladen und wir können in unserer leinenen Montur doch unmöglich erscheinen. – Da versagt mir fast der Muth: die Hitze ist in dem schwülen »Go-down« so ungeheuer, das Aus- und Einpacken aus den verschiedensten Koffern so entsetzlich heiss, dass Sapieha und ich, in Schweiss schwimmend und ganz übermannt, die Partie aufgeben wollen (der Gesandte war mit Brand und Frau in den botanischen Garten gefahren, er hatte ja einen Kammerdiener, wir leider nicht). – Da erscheint um 5 Uhr Herr Engler mit einem Telegramm, das ich zitternd aufreisse: »Der König von Siam, Tschulalonkorn, hat seine Abreise aus Bangkok um einen Tag verschoben, wird den Gesandten daher noch empfangen können« – so depeschirt unser dortiger Consulatsgerent Masius. – Hurrah, das gibt frische Kräfte, und um 6 Uhr rollen Sapieha und ich in einem geschlossenen Gharry zum Brand'schen Bungalow, dem sogenannten Maharadscha-Bungalow, an der Siranganstrasse hinaus. Das Haus heisst auch »Bidadaré«, Engelhügel; früher, als Brand, der Daniel heisst, noch unvermählt war, die »Löwengrube«. Doch hinausfahren und richtig ankommen ist zweierlei: wir rollen wohl über eine Stunde, es ist ganz finster, der Kutscher versteht nur malayisch und kennt den Weg offenbar nicht – alle Augenblicke wird angehalten, schliesslich in einem grossen Garten eingekehrt und vor einem schönen am Hügel gelegenen Hause gehalten, kein Mensch zu sehen! Wir treten ein, besichtigen die Zimmer, die alle beleuchtet, aber leer sind. – Ein chinesischer Boy, der endlich erscheint, spricht kein Wort englisch, – was thun? Da bemerken wir im Speisesaal sechs Plätze gedeckt (also für uns drei, die Hausleute und Engler), das stimmt; auf einem Kasten ist als Monogramm D. B. gravirt – das benimmt jeden Zweifel, und sicher am richtigen Orte zu sein, lassen wir vom »Celestial« unsere Reisesäcke in die bereiten Fremdenzimmer tragen; es ist eben eine ganz verfluchte Geschichte, sich absolut gar nicht verständigen zu können – recht beschämend für unser Menschthum! In den Zimmern befinden sich unter den Divans, deren Decken aufklappen, schmale Treppen, welche in darunter gelegene Badecabinets führen, wo je ein irdener Topf von riesigen Dimensionen, mit Wasser gefüllt, zum Baden einladet. Kaum sind wir im Frack, als Brand's und der Gesandte auftauchen; sie haben sich verspätet, die Herren wechseln rasch Toilette, und um 8 Uhr sitzen wir an einem mit Blumen reizend geschmückten Tische und verzehren ein wahrhaft lucullisches Mahl, – nur die Temperatur ist trotz ununterbrochener Punkah etwas niederschmetternd. Nach Tisch verlassen wir das gastliche, mit vielem Geschmack eingerichtete Bungalow und fahren in den am anderen Ende der Stadt gelegenen deutschen Club »Teutonia«, wo weit über hundert Reichsdeutsche und Schweizer zur Sylvesterfeier versammelt sind. – Festtafeln, sehr viel Sect, sehr viele Reden, Biegeleben hält einen famosen Speech (man sieht, dass er Bonner Corpsstudent gewesen), viel Musik und Männergesang: »Deutschland, Deutschland über Alles«, »Aennchen von Tharau« u. s. w. Zum Schlusse epatantes Feuerwerk, von den zu Tausenden um das Clubhaus versammelten Natives mit wahrem Geheul begrüsst. Gegen 1 Uhr Nachts führen uns die freundlichen Brand's zum Hafen und in ein Sampan, und in wenigen Minuten kraxeln wir die Schiffsleiter der »Hecuba« hinauf, eines kleinen, schmalen, ganz mit Cocosnüssen gefüllten Dampfers der »Ocean Line«. – Der bereits anwesende Musterdiener Harrison empfängt uns mit der frohen Botschaft, die vier Cabinen seien alle von siamesischen Prinzen besetzt, der Capitän sei noch am Land, also keine Abhilfe möglich, – da ist nichts zu machen als ruhig zuzuwarten, – ich schreibe noch einige Zeilen nach Wien, welche ein chinesischer Schiffsjunge für einen Dollar Trinkgeld in einen singaporischen Briefkasten zu werfen verspricht, ein schottischer Maschinist versucht, mich zu einem Whisky und Soda zu bewegen, was ich endlich seinem total besoffenen Zustande zu Liebe hinunterwürge, schliesslich hüllen wir, noch immer in »evening dress«, uns in Plaids, strecken uns am Oberdeck auf chinesische Liegesessel und schlummern, bis zum Tode ermattet, um 4 Uhr Früh ein: Das ist mein erstes »Neujahr« in den Tropen! Um 6 Uhr kommt der Commandant, wir lichten Anker und dampfen langsam in den Golf von Siam – wir schlafen ruhig weiter!

Dienstag 1. Jänner 1889.

 Die weiss angestrichene »Hecuba« mit ihrem hellblauen Schornstein (daher die Ocean-Line von Hold & Co. in Liverpool »Blue Funnel Line« genannt wird) ist wohl eines der ungemüthlichsten Fahrzeuge, die je im Meere geschwommen: Cabinen gibt es im Ganzen vier, eine erhält der Gesandte, eine zweite wird Sapieha und mir angewiesen, doch ist sie so schmutzig und ekelhaft und wimmelt dermassen von Ameisen und Schwaben, dass wir sie nur als Repositorium fürs Handgepäck benützen können, – die dritte hat ein siamesischer Prinz inne, königliche Hoheit Chowfa Krom Khun Narisranuwattiwongsa, der mit einem etwas englisch sprechenden Secretär und zwei anderen Begleitern von einer Tour nach Mandalay, der alten Hauptstadt Burmas, zurückkehrt; er ist ein Bruder des Königs (der deren achtzig haben soll) und schreibt den ganzen Tag an einem Reisebericht. – Die vierte Cabine bewohnt ein amerikanisches Ehepaar, Mr. und Mrs. Nead aus Philadelphia, die wahren »Globetrotters«, die in drei Jahren bereits zweimal um die Erde gefahren, von Siam noch nach Indien, nach Korea und Australien wollen; dabei sind die guten Leute schon an die Sechzig! Die Badehütte lässt an Einfachheit und Unreinlichkeit nichts zu wünschen übrig; am Oberdeck, wo wir uns alle in leidlich guten Liegesesseln niedergelassen, haben eine Menge scheusslicher kleiner Köter, Eigenthum des sonst gutmüthigen Capitäns, ihren Wohnort aufgeschlagen und zeichnen sich durch einen merkwürdigen Grad von Zudringlichkeit und dadurch aus, dass sie rings um uns kleine Tümpel und Häufchen zurücklassen, die die chinesischen Boys höchst selten wegzukehren belieben. – Die Kost ist elend, das Getränk noch mehr so, unsere Koffer sind unter einer vollen Schiffsladung von Cocosnüssen ganz unnahbar, dabei schaukelt und stampft das liebe Schiff wie besessen. – »Was ist uns Hecuba?« frage ich den traurig und blass hingestreckten Chef. »Ein Greuel!« wird prompt geantwortet.  

Mittwoch 2. Jänner.

 Die chinesische Südsee, auf der wir uns seit gestern befinden, ist nichts weniger als angenehm, – kurze Wellen von Nordost heben und senken die verflixte »Hecuba« ununterbrochen, die Passagiere schimpfen und fluchen, und die Cocosnüsse rollen überall umher. Durch energisches Auftreten wurde veranlasst, dass ein Theil der Ladung gehoben und unsere Koffer auf Deck gebracht wurden: so können wir uns wenigstens umziehen. – An der Küste der Halbinsel haben wir eine Reihe romantisch aussehender Inselchen passirt, – noch vor Kurzem von Piraten bewohnt, die erst durch die Engländer gänzlich vertrieben wurden. Jetzt dürften wir vor der Menam-Mündung wohl kein Land mehr erblicken. Die Hitze ist wie immer horrend!  
BUDDHA

Donnerstag 3. Jänner.

Auf dem Vorderdeck lagert eine Schar siamesischer Bonzen, hagere, knochige Kerle, das Kopfhaar vollständig rasirt, in safrangelben Mänteln drapirt, ganz togaartig, – sie kommen auch aus Mandalay, wo ihnen das Reisegeld ausgegangen war, und wo ihnen Prinz Naris unter die Arme greifen musste. – Mit letzterem und seiner Suite suche ich nähere Bekanntschaft anzuknüpfen; leider happert es sehr mit der Sprache, da ihr Englisch recht mangelhaft ausfällt. Doch lerne ich, dass der König alle Winter eine grössere Reise macht, immer mit kolossalem Gefolge, dass er dadurch sein ganzes Reich nach und nach genau kennen lernt, mit den Provinzialbehörden in Fühlung kommt, überall Fahrstrassen baut etc. – Diesmal geht seine Tour nach Chayok, einem District im Nordwesten Siams, an der burmanischen Grenze, und dürfte er nicht vor 6-7 Wochen in seiner Hauptstadt wieder eintreffen. – Prinz Naris scheint Höllenangst vor seinem erlauchten Bruder zu haben, schmiert fort an seinem Berichte und ist in grosser Aufregung, noch rechtzeitig anzukommen. Er und seine Leute sind klein, gut genährt, von hellgelber Hautfarbe, geschlitzten Augen, entschieden mongolischem Typus; sie tragen die neue Hoftracht: weisser leinener Waffenrock mit goldenen Knöpfen und ebensolchen Achselschnüren; anstatt der Hosen ein weites buntes Tuch (Sarong), welches um und zwischen die Beine geschlungen bis zu den Knien reicht und an der Seite eingeschlagen wird; dazu weisse Strümpfe und schwarze Schnallenschuhe und ein weisser, mit Goldspitze verzierter indischer Sonnenhelm. – Bei Tisch servire ich californische Pfirsiche, die in Singapore von mir eingekauft sind, und lache über ihre erstaunten Gesichter; so was haben sie nie gegessen!

Heute fahren wir im Golf von Siam, das chinesische Meer ist hinter uns und die »Hecuba« geberdet sich etwas weniger lebhaft. – Wunderbar schön sind hier die Nächte, – wir liegen in unseren Stühlen in den kühlen Pujahmas (Nachtanzüge aus dünner Baumwolle oder chinesischer Rohseide) und bewundern den glorreichen tropischen Sternenhimmel, der viel heller und deutlicher leuchtet als im alten Europa – dabei ist das Thermometer auf 26° C. gesunken.

(Siam hat sechs Millionen Einwohner, theils Siamesen, theils Laoten, theils Chinesen, zwischen 4. und 21. Grad nördl. Breite und 96-106 Grad östl. von Greenwich. – Silberwährung: 1 Tikal = 2 shill. 6 pence, 5 Tikals = 3 Mexic.)

Freitag 4. Jänner.

REISBOOT

Heute geht unsere Reise zu Ende nach 44tägiger Fahrt seit Triest! Die »Hecuba« dampft schon Montag Abends wieder nach Singapore und berührt unterwegs Bang-tah-phan an der Westküste; auch wollen die Neads mit ihr fahren, um die dortigen Goldminen anzusehen. – Das Wasser wird bereits trübe; grosse Strecken sind mit Seetang bedeckt, die Maschine arbeitet mit halber Kraft, – östlich zeigen sich einige ganz kleine Felseninseln, von denen der König eine zum Sommeraufenthalte ausgewählt; bald sollen die Arbeiten zur Errichtung eines Palais dort beginnen. – Im Norden erscheint schon ganz deutlich die flache Küste von Siam. Der Capitän ist in grosser Aufregung: Wird die »Hecuba«, die 14 Fuss Wasser zieht, im Stande sein, über die Barre zu gleiten? Um 11 Uhr ist hier heute Hochwasser, und es ist bereits Mittag: ängstlich schauen wir alle mit Fernrohren und Feldstechern auf eine hölzerne Hütte, welche auf einem winzigen Eilande als Leuchtthurm dient, – dort wohnt seit vielen Jahren ein Deutscher, der durch Flaggensignale die anlaufenden Schiffe von der Passirbarkeit der Barre in Kenntniss setzt, die hier höchst merkwürdigen, täglich sprungweise sich ändernden Ebbe- und Fluthverhältnisse studirt hat und ziemlich genaue Tabellen über dieselben alle Monate verkauft, und zwar um den Spottpreis von 1 Dollar. Da flattert von der Hütte eine Fahne mit einer grossen 15 – Hurrah! ruft der Capitän, Hurrah! rufen alle Passagiere: Volldampf voraus, – die »Hecuba« schraubt sich ordentlich durch die Wellen; einen Augenblick knarrt es unter uns, die 15 Fuss müssen nicht ganz richtig sein, noch eine Anstrengung, und wir sind drüben! Immer näher rückt das Festland; wir bewundern die dichten Wälder, die fast bis ans Meer herabreichen, um 3 Uhr fahren wir in die Mündung des Menam, des »grossen Flusses«, ein und halten bald vor Pak-nam, – rechts eine Menge Hütten und einige veraltete Befestigungen, links eine reizende Pagode oder Wat, wie die Buddhistentempel heissen, ein schlanker, immer spitzer auslaufender Thurm, blendend weiss – der obere Theil feurig roth, – dazu der dunkelgrüne Hintergrund der Palmenwaldungen, – es ist herrlich. Um uns schiessen zahlreiche Boote umher, Sampans jeglicher Form mit halbnackten gelben Ruderern bemannt. In Pak-nam wurde früher der Zoll erhoben; jetzt genügt eine kurze Visitation der Schiffspapiere, und wir dampfen wieder weiter stromaufwärts. – Eine weisse Dampfbarkasse mit der königlichen Flagge, blau mit einem gelben Elephanten, kommt uns entgegen, und wir glauben zuerst, es ist zum Empfang der Gesandtschaft. – Doch nein, die Barkasse hat zwar gewendet, holt uns aber nicht ein. – Der Menam wird immer enger, – etwa wie die Donau bei Budapest, – es wird dunkel; der dichte Jungle der Ufer wird unsichtbar; da tauchen zu beiden Seiten Tausende und aber Tausende von Lichtern auf, – Lärmen, Schreien, Gongs, Singen, Trommeln erfüllen die Luft, – die Kette fällt in den Fluss, wir sind in Bangkok, dem Venedig Ostasiens – 8 Uhr Abends. Unser Consulatsgerent Herr M., ein Compagnon des leider in Europa abwesenden tüchtigen Honorarconsuls Kurtzhalss, und ein riesig dicker Siamese, der »Introducteur des Ambassadeurs«, kommen an Bord und führen uns in einer Dampfbarkasse ins Oriental-Hôtel, einem erst kürzlich errichteten grossen Gasthof, wo im ersten Stock ein Louis XV.-Salon nebst Schlafzimmer für den Gesandten und zwei Zimmer für uns dii minorum gentium hergerichtet sind. – Die »Ambassadors Hall«, wo alle fremden Gesandten wohnen, auch Baron Schäffer, Herr v. Hofer und Graf Zaluski, soll wegen weisser Ameisen, Termiten, jetzt unbewohnbar sein, – wir müssen daher, natürlich auf Kosten des Königs, im Hôtel absteigen, wo mehrere dienstbare Chinesen, die erwähnte Dampfbarkasse und einige Wagen mit rothlivrirten Kutschern zu unserer Verfügung stehen. – Der Gesandte fährt noch zum Minister des Aeussern, dem Prinzen (Krom Luang) Devawongse, Varoprakar, einem Bruder des Königs, um die morgige Ceremonie zu besprechen, – ich bewundere die ungezählten Bewohner meines Zimmers, Mosquitos gross wie Elephanten schwirren in der Luft, – am Boden huschen mehrere herzige Mäuse und eine Monstreratte herum, – im Bette ruhen ein halbes Dutzend Riesenschwaben, – an den Wänden laufen fusslange grüne Eidechsen und pfeifen sanft, – sie heissen Tokh-Keh und fressen die Mosquitos. Letztere bringen sogar den phlegmatischen Harrison aus seiner Ruhe, – er klopft leise an meine Thüre und frägt: »Beg pardon, Sir, are those fourfooted animals with a long tail hanging on the walls dangerous, Sir?« – »No«, – brülle ich zurück, »they are peculiar to, and the pride of this lovely country!« Mitternacht – 33° Celsius!!

Samstag 5. Jänner.

Eine Frau des Königs.

Vom frühen Morgen an werden die Vorbereitungen für das grosse Ereigniss getroffen. – Die verlötheten Blechkoffer werden mühsam aufgeschnitten, die darin ruhenden Uniformen sorgfältig geputzt und gebürstet, – Sapieha, der keine mitgebracht, verbreitet die Nachricht, die seinige sei unterwegs in Verlust gerathen. Ein langes Schreiben an den Prinzen Devawongse wird auf Englisch (die hiesige diplomatische Sprache) concipirt und abgeschrieben, auch an der Ansprache des Gesandten noch gebessert und gefeilt. – Gegen 4 Uhr sind wir fertig und rücken feierlich und schwitzend ab. Im ersten Wagen, an dem die rückwärts hängenden Hoflakaien in rothen Röcken, weissen Handschuhen und barfuss vornehm aussehen, sitzt Baron Rüdiger in Diplomatenuniform, mit Orden bedeckt, – ihm gegenüber der Oberceremonienmeister und unser Introducteur des Ambassadeurs Phya Smud Buranurahse, Gouverneur von Paknam, beide in Gala, d. h. in goldbrocatenen Gehröcken, blauen Sarongs, den gelben und rosa Bändern des Elephanten- und Kronenordens, den indischen Helm auf dem Kopfe. – Im zweiten Wagen bin ich, auch in Uniform, die kaiserliche Accreditive haltend, neben mir Sapieha im Frack, gegenüber Herr M. mit gesticktem Hemde, silberner Uhrkette und schwarzem Melonhute! Nach halbstündiger Fahrt durch staubige Strassen passiren wir die die königliche Residenz umgebenden Mauern und steigen vor einem prächtigen, mit dem vergoldeten siamesischen Wappen verzierten Thore aus. Zu beiden Seiten Hunderte von Zuschauern, die nach der hiesigen guten alten Sitte flach am Bauche liegen. – Einige Schritte und wir sind in einem Riesenhofe, ringsum grosse Gebäude halb in Renaissance, halb im chinesischen Pagodenstile, vorne das imposante Palais mit schöner Einfahrt und zwei prächtigen Bronzeelephanten als Wächter. – Alles weiss angestrichen und die zahllosen Thürme und Thürmchen vergoldet und geschnitzt, rechts und links salutiren die ganz europäisch ausgerüsteten Truppen, theils »Garde du Corps«, theils Linie, theils Marine-Infanterie, in rothen, weissen, die letzten in blauen Uniformen, – nur für Schuhwerk muss das siamesische Aerar keine grossen Auslagen haben. – Die aufgestellten Militärcapellen spielen die österreichische Volkshymne, und zwar sehr gut und correct. Der feierliche Aufmarsch durch eine Allee mit sonderbar zugestutzten Bäumchen zum Hauptportal zu, zwischen die präsentirenden Ehrenwachen hindurch, hinter diesen überall das Volk auf dem Bauche liegend, – ist überwältigend und die lange Reise wohl werth. In der Eingangshalle, deren Wände mit Waffen geziert sind, empfangen uns Prinz Dewang, wie Devawongse von den Europäern genannt wird, der Kriegsminister und ein Schwarm von Kämmerlingen und Hofbeamten, alle in prachtvollen gold- und silberbrocatenen Röcken, weissen Strümpfen und Schnallenschuhen. An einem langen Tische wird uns deliciöser hellgelber Thee und Cigarren gereicht, wir müssen Namen und Titel in ein schön gebundenes Album eintragen, – dann geht's einige Stufen links hinauf, wo zu beiden Seiten kleine, schwarze, in rothen Mänteln gekleidete und mit langen Lanzen bewaffnete Buben Wache halten, durch einen prächtigen, ganz mit Officieren und Höflingen gefüllten Saal hindurch in ein geschmackvoll eingerichtetes Boudoir, wo uns der König stehend erwartet. Er ist eine höchst interessant, intelligent und sympathisch aussehende Erscheinung, mittelgross, schlank, mit sehr gewinnenden Zügen. Das kurz geschnittene Haar und der kleine schwarze Schnurrbart sind sehr gepflegt, – die Zähne im Gegensatze zu allen seinen Unterthanen blendend weiss, dabei in seinem blauseidenen anliegenden Waffenrock, dessen Kragen und Manschetten mit Gold gestickt sind, dem blauseidenen Sarong und ebensolchen Strümpfen, mit dem Bande des St. Stephans-Ordens, fesch und elegant. An der Brust des ungefähr 34jährigen Chulalonkorn haften einige Sterne seiner eigenen Orden, darunter jener der »Neun Edelsteine« mit ganz kolossalen Cabochonrubinen und einem immensen Diamanten. Biegeleben hält seinen englischen Speech und überreicht ihm sein Creditiv, das der König selbst (dies ist der erste Fall) persönlich übernimmt und dann an Dewang weitergibt. – Mit klangvoller, lauter Stimme antwortet der König auf siamesisch, obwohl er englisch geläufig sprechen soll, und Devawongse verdolmetscht: »Er freue sich dieses neuen Beweises der Freundschaft Seiner Apostolischen Majestät und hoffe, Baron Biegeleben werde die guten Beziehungen noch mehr pflegen und befestigen. Die Anwesenheit des Erzherzogs Leopold, der ihn vor Kurzem auf der ›Fasana‹ besucht, habe ihm sehr geschmeichelt, er sei der erste Habsburger, der zu ihm gekommen. Auch habe er den auf der Reise nach Europa befindlichen Prinzen Sai Sani Dhwongse beauftragt, Seiner Majestät zu seinem Jubiläum nachträglich zu gratuliren und ihm den höchsten an Nichtbuddhisten verleihbaren Orden, den Mahadakrki-Orden, zu überbringen.« – Nun wurden wir vorgestellt, über unsere Reisen u. s. w. befragt, und nach etwa 20 Minuten hatte die feierliche Audienz ihr Ende. – Drei tiefe Verbeugungen, der König reicht uns allen die Hand, wieder durch das Spalier von brocatenen Kämmerern, wieder über den Riesenhof, die Wachen präsentiren, die Musik spielt »Gott erhalte«, und wir sitzen wieder im Wagen und wischen den Schweiss von der Stirne. – Es war grossartig, an bunter Pracht wohl sonst nirgends erreichbar! Aber heiss! –