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Meine Reise nach Siam 1888-1889. / Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson cover

Meine Reise nach Siam 1888-1889. / Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson

Chapter 48: Donnerstag 10. Jänner.
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About This Book

A travel narrative by a European legation official recounts a late-19th-century voyage to Siam, blending lively shipboard anecdotes, practical observations, and vivid portrayals of Bangkok and the royal court. The account contrasts everyday inconveniences and companionship during the passage with impressions of majestic natural scenery and ceremonial pageantry, records ethnographic and artistic sights gathered en route, and reflects on social duties, hospitality, and cross-cultural encounters. Sketchlike descriptions favor immediate atmosphere and characteristic detail over exhaustive analysis, producing a series of observational vignettes of places, ceremonies, and people.

Die Königin von Siam.

Der König von Siam.

Haupteingang ins königliche Palais.

Wir speisen in einem kleinen für uns reservirten Zimmer, und zwar recht gut, das Menü ist französisch, und der chinesische Koch muss von einem europäischen Meister in seine Künste eingeweiht worden sein. Auch die Weine sind reichlich, Rheinwein, Bordeaux und Sect, dazu eine vorzügliche Crême de Cacao. – Mit dem langen, durch das ganze Zimmer sich hinziehenden Fächer, Punkah, ist die Hitze erträglich; wehe aber, wenn der vor der Thür sitzende chinesische Punkah-Wallah, der mit einer Schnur den Fächer in Bewegung hält, einschläft! Das wird dann fürchterlich! Der uns zugetheilte Phya Smud ist ein sehr geriebener, gescheidter, wenn auch etwas einfältig aussehender Kerl, der sich vom niedersten Ursprung zu grossem Reichthum und Ansehen emporgearbeitet; der erste Fall einer Adelserhebung, – er besitzt in Compagnie mit dem Prinzen Dewang bedeutende Reisschälfabriken und exportirt riesige Mengen Teakholz, seine lächerliche Körperfülle ist in ganz Siam berühmt.

Königlicher Palast in Bangkok.

Thronsaal im königlichen Palaste.

Sonntag 6. Jänner.

 Vor 5 Uhr Früh fahren wir in unserer kleinen Dampfbarkasse den Menam hinauf; von allen Seiten schiessen lange sogenannte Hausboote hervor, mit einer geräumigen Cabine versehen und mit 8-20 auf venezianische Art stehenden Ruderern bemannt, – hunderte und aberhunderte solcher Boote sammeln sich vor dem königlichen Landungsplatze, wo die Hofboote warten mit reicher Vergoldung und 40 Ruderern, – die Nationalflagge, weisser Elephant im rothen Felde, und die königliche Flagge, gelber Elephant in blauem Felde, flattern von allen Masten und Stangen. – In unserer Barkasse lässt man uns nicht bleiben, führt uns durch verschiedene Paläste hindurch, an Ehrenwachen vorbei zu einem riesigen Pavillon, der mit Honoratioren, Prinz Dewang an der Spitze, gefüllt ist. Monstresänften, ganz vergoldet, mit rothen sammtenen Vorhängen, werden vorbeigetragen, darinnen hocken Prinzlein und Weiblein, – die Soldaten präsentiren, ein schwindsüchtig aussehender schwedischer Officier ruft unverständliche Commandolaute, die Bande spielt eine Art siamesischer Volkshymne, Kanonen donnern, und pfeilschnell fahren die 40 Ruderer des königlichen Bootes den Strom hinauf, alle anderen nach, – das Gefolge soll über 10.000 Personen betragen. Durch geschicktes Arrangement hat man uns gehindert, König und Königin zu sehen. – Dewang und Phya Smud überströmen von Entschuldigungen; den Grund hiezu können wir aber nicht errathen. – Bei der Rückfahrt ins Hôtel finden wir den Fluss aufs Neue und auf ganz andere Art belebt, – es wird der Markt abgehalten, Tausende von Kähnen sind theils mit Waaren, Fleisch, Gemüsen, Obst, theils mit feilschenden Hausfrauen gefüllt, – Alles schwimmt, ein grosser Theil der Häuser ist auf Flössen gebaut, die zu beiden Seiten des Menam verankert liegen; die Seitenstrassen bilden Canäle, die sich nach allen Richtungen verzweigen und von unzähligen Brücken überspannt werden. Ueberall wimmelt es von Booten, von Kähnen, von Barkassen, da fast der ganze Verkehr auf dem Wasser stattfindet. In Seelentränkern huschen gelbgekleidete Bonzen herum, ihre tägliche Nahrung zu erbetteln; zu Hunderten sehen wir diese ehrwürdigen Buddhapriester. – Im Wasser selbst baden und schwimmen Kinder jeder Grösse und jeden Alters und scheinen sich wenig vor den Krokodilen zu fürchten, deren schwarze, gepanzerte Köpfe hie und da emportauchen. – Dabei blitzen und glitzern die bunten, mit Majolica verzierten Thürme der zahllosen Tempel, und die üppigen Aeste der dunklen Tropenbäume tauchen tief ins Wasser ein. – Gegen 600.000 Einwohner soll Bangkok enthalten, nach anderen Quellen sogar eine Million, wovon über 100.000 Einwanderer aus dem Reiche der Mitte, deren gelbe, magere, bezopfte Gestalten überall zwischen den kleineren bräunlichen Siamesen mit ihren kurzgeschnittenen schwarzen Kopfhaaren nicht gerade vortheilhaft auftauchen. Kinder beiderlei Geschlechtes tragen bis zum neunten oder zehnten Jahre als einzige Kleidung eine kleine Metallplatte in Form eines Feigenblattes mit seidener Schnur oder Silberkettchen um die Hüften gehängt, – bei Reicheren sind die Plättchen aus Silber mit eingehämmerten Goldornamenten. – Strassen sind hier eine Erfindung der neuesten Zeit, da erst der jetzige König solche nach allen Richtungen angelegt und sogar mit Tramways versehen hat, die aber ausschliesslich vom Volke benützt werden. Wenn irgend möglich, ziehen wir den Wasserweg vor, da wir dadurch dem kolossalen Staube (»dirt in the nose« – wie Phya Smud täglich erklärt) entgehen. – Chulalonkorn ist für seine Verhältnisse ein sehr aufgeklärter Monarch, wohl der Tüchtigste seiner Landsleute: er hat zuerst von allen siamesischen Königen sein Land verlassen und Singapore, wo er einen bronzenen Elephanten stiftete, sowie Calcutta und Bombay besucht, wo er europäische Civilisation kennen lernte. – Sein ganzes Land wurde mit Posten versehen, und er zahlt jährlich über 36.000 Tikals darauf, – die Telegraphenlinien gehen bis Laos, und momentan ist Sir Andrew Clarke, der frühere Gouverneur der Straits Settlements, mit der Tracirung einer Eisenbahn bis Tseng Mai (500 englische Meilen nach Norden) beauftragt, wobei der vom Könige selbst aufgesetzte Vertrag diesem völlig freie Hand bei der Vertheilung der Arbeiten vorbehält. Das flach auf dem Bauche liegen bei dem Erscheinen der Majestät, das bisher de rigueur war, hat Chulalonkorn aufgehoben, und wird diese früher allgemeine Sitte den Chawfas und Phyas gegenüber nach und nach abgeschafft. Es herrscht allgemeine Wehrpflicht, doch in der Form einer Art Miliz, während die stehende Armee ziemlich schwach ist. – Die Truppen sind nach englischem Muster uniformirt und disciplinirt und werden von europäischen Officieren unter Leitung des Majors Walker vom Bombay-Contingent befehligt. – In den nächsten Tagen erwartet man die Ankunft von 280 Walers, Pferden aus New-South Wales, welche für die Gardecavallerie bestimmt sind, da die hiesigen stämmigen und sehr flinken Ponies (meist Falben) zwar sehr resistenzfähig, aber allzu klein sind. – Eine hässliche Sitte ist das Betelkauen, das von allen Siamesen ohne Ausnahme betrieben wird. – Etwas geriebene Betelnuss, etwas Kalk, noch einige Ingredienzien sauber in ein Blatt der Arecapalme gewickelt, das wird den ganzen Tag in den Mund gesteckt, – sogar die Königin kaut, und als kürzlich die längere Zeit in Europa gewesene Frau des Gesandten Prinzen Prisdang zurückkehrte, wurde sie förmlich gezwungen, diese siamesische Unsitte wieder aufzunehmen. (Uebrigens wurde auch Seine Hoheit auf sechs Monate in ein feuchtes, ungesundes Gefängniss gesteckt, weil er in Europa zu viel Geld ausgegeben hätte! Jetzt ist der frühere Botschafter Postmeister von Bangkok!) Ekelhaft ist der dunkelbraune Mund jedes Siamesen, aus dessen Winkeln die scheussliche Sauce herabsickert, und überall auf den Strassen erinnern grosse röthliche Patzen und Flecke an diese übrigens auch bei allen Malayen übliche Gewohnheit. Der uns zugetheilte Phya Smud kaut merkwürdigerweise nicht, dafür raucht er von früh bis nachts starke Cigarren und trinkt fortwährend Thee, den ihm sein Leibsclave stets in einer grossen Kanne nachträgt. – Auch der König hatte beim Empfang einen reinen Mund. – Nachmittags fahren wir zum Wat-Sakhet, einem der höchsten Tempel Bangkoks; nicht ausgebaut, macht der in der Form eines babylonischen Thurmes geplante Wat, der schon theilweise zerfällt, einen wüsten Eindruck. – Herrlich ist dafür der Blick auf die Stadt, – soweit das Auge reicht Häuser und Tempel, theilweise in dunkles Grün verhüllt, überall die in der Sonne blitzenden Canäle, und mitten hindurch, wie eine silberne Schlange, der Menam. – Rings um den Wat liegen die ausgedehnten Wohnungen der Priester, die in ihren gelben Mänteln recht würdevoll herumhocken. Anstossend ist der Begräbnissplatz, wo nach den verschiedenen Classen unserer Pompe funèbre die Leichen mit mehr oder weniger Luxus verbrannt werden. – Das Verbrennen eines Grossen kostet viele Tausende von Tikals, die Cremation des letzten zweiten Königs (diese Institution ist seitdem eingegangen) erforderte vor zwei Jahren sechs Monate Vorbereitung und mehrere Millionen Tikals – ein Prachtbau aus edlen Hölzern, vergoldet und versilbert, mit den schönsten Schnitzereien und Bronzearbeiten wurde in Gegenwart der ganzen Bevölkerung und des Hofes, sowie des zufällig anwesenden Gesandten Grafen Zaluski angezündet. – Alle Monate schickt der König Holz, um die Armen zu verbrennen; doch reicht das nicht hin, und in einem reservirten Raume sehen wir die Leiche eines Bettlers von Dutzenden riesiger Geier zerreissen, – einige Bonzen bilden die Wache, und auf allen Bäumen, sowie auf den Mauern sitzen und warten die scheusslichen Vögel auf frische Nahrung, – der Anblick, wie zwei solcher Bestien ein Knie des armen Teufels auseinanderrissen und heissgierig verschlangen, wird wohl nicht so bald von uns vergessen werden!  
MÜNZEN AUS SIAM
 
STEMPEL

Königliche Boote am Menam.

Abends Diner um 8 Uhr bei Consul M., – wir erscheinen »in dress« und finden die Gesellschaft (den Herrn Consulatsgerenten mit seinem Commis, den Apotheker und Frau u. s. w.) in ihren weissen leinenen Jacken! Es war zu komisch! Dann ein Whist bei mörderischer Hitze! –

ZIEGELTHURM DES WHAT SEKHET

Montag 7. Jänner.

Posttag, – wir sitzen und schmieren, dass das Wasser herunterläuft, Berichte ans Wiener Ministerium des Aeussern, Noten an das hiesige auswärtige Amt, Privatbriefe. – Mein Zimmer ist die Kanzlei, und das in Bombay leider in ungenügender Masse gekaufte blaue Papier geht aus, – in ganz Bangkok ist kein ähnliches aufzutreiben! Hol's der Teufel! Um 2 Uhr dampft unsere geliebte »Hecuba« nach Süden und auf ihr die Philadelphier Nead und ein rothhaariger amerikanischer Zeitungsscribbler, Frank G. Carpenter. – Nachmittags Besichtigung des am Menam gelegenen Wat-Tschong, wohl einer der schönsten Tempel Siams; die Höfe, die Thore, die monumentalen Gänge, besonders der in der Mitte befindliche Hauptthurm (Pratschedi), sowie die letzteren umgebenden Dutzende von kleinen Thürmen, Alles ist in den buntesten Farben und Mustern mit glasirten Ziegeln, Majolicatellern und gebrochenen chinesischen Tassen belegt. Das blitzt und glänzt in der Abendsonne wie ein Märchen. – Auf halber Höhe des Pratschedi bewundern wir die dunkelrothe Sonnenscheibe, die plötzlich, wie immer in den Tropen, verschwindet und die Stadt ohne Zwielicht im Dunkeln lässt. – Unten, in einem Tempelvorhof, spielen eine Menge junger Buben Ball, aber mit den Füssen! Unglaublich geschickt wird der Ball mit dem nackten Fusse aufgefangen und an den nächsten Spieler weitergeworfen. Siamesische Gigerln von hohem Range gehen nie allein aus, immer folgt ihnen ein Heer von Begleitern, Dienern, Sclaven. – Heute abends spielt ein junger Secretär Dewangs im »Oriental« Billard, und die Treppen, Hallen und Veranden des Hôtels sind auch von einem Schwarm seiner Leute überfüllt, die an allen Orten liegend oder sitzend ihren Herrn erwarten. – Der junge Herr ist übrigens ein Flegel, – beim Empfang bot er mir seine gehorsamsten Dienste an, jetzt grüsst er nicht einmal, warum?!

 Ins Hôtel zurückgekehrt, rauche ich gemächlich auf der Veranda eine Cigarre, als mir der Wirth die Mittheilung macht, die »Schwalbe« vom Norddeutschen Lloyd sei angekommen. – »Freut mich!« – »Ja, aber ein Oesterreicher ist darauf gewesen!« – »Freut mich!« – »Der österreichische Baron kennt Sie aber, er ist jetzt oben bei der Excellenz!« Da weicht mein Phlegma, ich laufe hinauf und finde bei Biegeleben meinen alten Bekannten Baron Richard Poche, den ich zuletzt bei einem Diner bei Hofrath v. Winterstein in Wien vor seiner Weltreise gesprochen! Ein zufälliges Zusammentreffen in Bangkok kommt kaum alle Tage vor! Poche war über Amerika, Yellow Stone, Yosemite u. s. w. nach Japan, dann über Shangai nach Peking und zur grossen Mauer gereist, hatte hierauf von Canton aus die Philippinen, Singapore und einen Theil Javas besucht; nach Singapore wieder zurückgekehrt, war sein Erstaunen gross, im dortigen Singaporeclub meine Visitkarte an der Tafel zu finden, – und so schnell als möglich folgte er uns in der »Schwalbe« und bedauerte nur lebhaft, den König nicht mehr erreicht zu haben. So haben wir denn einen neuen, wenn auch leider etwas tauben Gefährten. – Er ist ein seelensguter Kerl und ganz unempfindlich für die grossen Hitzen.  
HINDU-FRAU

Dienstag 8. Jänner.

   Zu seinem grossen Aerger wird Sapieha von mir zum Besuchmachen gepresst; auf der Barkasse suchen wir die fremden Vertreter heim, die ausnahmslos am Flussufer schöne, grosse Compounds, auch Campongs genannt, besitzen. Es sind dies Reservate, die ihnen vom Könige angewiesen sind, da Europäer sonst in der Stadt keine Häuser bauen dürfen. Das bei Weitem beste Bungalow mit grossem Amtsgebäude hat der englische Chargé d'affaires E. B. Gould (der neue Resident Jones ist aus Philippopel noch nicht eingetroffen) und dessen Viceconsul E. H. French. – Der Franzose Graf Kergaradec, von seinen Forschungsreisen den Mekong hinauf berühmt, ist mit seiner hübschen Frau leider auf Urlaub und wird nur schwach durch die Herren E. Lorgeon, F. Chalant und Charles Hardouin vertreten. – Auch der amerikanische Generalconsul Jakob J. Child ist verreist, und sein Neffe, C. J. Child, der hier die Advocatie ausübt, leitet das Amt. Dafür ist der Portugiese, Fregattencapitän Frederico Antonio Pereira, ein charmanter Mensch, der uns als einzige Merkwürdigkeit in seinem netten und kühlen Hause – Glasfenster zeigt! Wohl ein Unicum in Siam! Auch die Deutschen haben noch einen effectiven Repräsentanten, den liebenswürdigen Ministerresidenten Kempermann, nebst dem Referendar Friedrich Flügge und dem Diätär Premierleutnant E. Meissen, einem Bruder meines alten Arztes in Falkenstein a. Taunus. Alle anderen Mächte haben hier nur Honorarconsuln, so Italien, dessen Ministerresident in Shanghai wohnt, den Kaufmann H. Sigg (bei dem ich accreditirt bin), Holland einen Herrn J. C. T. Reelfs, Schweden den Holzhändler Chr. Brockmann, und wir selbst Herrn M.
 Nachmittags fährt Phya Smud den Gesandten und mich zum Wat Po, einem weitläufigen, mit vielen Höfen versehenen Tempel gegenüber dem Wat Tschong. Die prächtigen Thürflügel des Hauptgebäudes, aus Ebenholz, mit der ganzen Buddhalegende aus Perlmutter eingelegt, übertreffen an Schönheit der Zeichnung und Präcision der Ausführung alle ähnlichen europäischen Arbeiten; es sind wahre Meisterwerke. – Auch der berühmte liegende Buddha, der 160 Fuss lang, schwer vergoldet ist und Unsummen gekostet haben soll, hat die riesigen Fusssohlen mit ähnlicher Arbeit verziert, die auch prächtig, wenn auch nicht so vollendet sind wie die Thüren. – In einem grossen, mit Felsblöcken umgebenen Teiche, mitten im Tempelgarten, ist ein etwa 15 Fuss langes Krokodil – ein Wächter holt ein Stück Schweinefleisch als Köder und einen festen Strick, und bald hat der Gesandte das Unthier gefangen und zieht mit unserer Hilfe das Biest halb aus dem Wasser, wobei er fast selbst in den weitgeöffneten Rachen fällt. Ein Krokodil an der Angel zu haben ist jedenfalls originell, ebenso die zolllangen rothen Ameisen, die einen combinirten Angriff auf uns ausführen und uns sofort in die schmählichste Flucht jagen. Die Thiere beissen auch wie verrückt. – Während dieser lieblichen Episode hat Sapieha mit Poche den katholischen Bischof besucht und kehrt jeder um 30 Tikals ärmer zu uns zurück. Besonders Poche kann diese milde Spende nicht verschmerzen!  
MUSME

Abends fährt Biegeleben zu Prinz Dewang, der seine Empfangsstunde von 9-10 Uhr hat (!); wir drei überfallen ein japanisches Theehaus, wo einige nette herzige Musmehs guten Thee serviren und originelle Lieder mit Guitarrebegleitung singen – leider verstehen wir kein Wort der lebhaft geführten Conversation; die Mädchen sind propre, geschmackvoll gekleidet, lachen über Alles, auch über uns, und halten uns offenbar zum Besten. – Worin die Frozzelei eigentlich besteht, ist aber für uns unergründlich!

Mittwoch 9. Jänner.


WEISSER ELEFANT
   In aller Frühe fahren wir zu Wagen den bereits wohlbekannten Weg ins Palais, ein mit grossen Mauern und Gräben umgebenes Stadtviertel, in welchem nebst dem königlichen Palaste, den Ministerien und Kasernen noch viele Hunderte von Häusern und Läden stehen. – Die Theehäuser bleiben links, ebenso verschiedene Spielhäuser, wo Tag und Nacht hazardirt wird, – rechts passiren wir einige schöne, in umfangreichen Gärten gelegene Bauten, darunter die für uns sagenhafte »Ambassadors Hall«, wo alle unsere Vorgänger, zuletzt Erzherzog Leopold mit den Officieren der »Fasana«, beherbergt wurden. Ausserhalb des Schlosshofes ist das siamesische Nationalmuseum, das viel Interessantes enthält, alte Waffen, schöne Bronzearbeiten, Modelle von landesüblichen Häusern und Booten, Modelle der grossen Galagondeln, auf denen der König die Wats besucht, schwarzes Porzellan, mit rothen und gelben sitzenden Buddhas geziert, zahlreiche Bäume aus dünnem Gold oder Silber, Tributspenden der Laosvölker, die 6-8 Fuss hoch sind, dann Mineralien und einige schlecht ausgestopfte Thiere. – Hierauf werden die weltberühmten weissen Elephanten vorgeführt, die aber schmutzig drap, also bräunlich, nicht weiss sind, – der grösste ist 12 Fuss hoch und ein schon recht ehrwürdiger Geselle, da er nach Aussage seines Mahout über 120 Jahre alt sein soll. – Nett zusammengeknüpfte Grasbündel werden als Futter vorgeworfen und anstandsvoll geöffnet und verzehrt. Von der angeblichen göttlichen Verehrung der weissen Elephanten war nichts zu bemerken. Anstossend an das Museum ist der königliche Hoftempel, wohl der reichste Tempelbezirk der Welt. – Im Wat-Pra-Kao ist eben buchstäblich Alles vergoldet – wo man hinsieht erheben sich Pratschedis und Dagoben und Wandelbahnen, die in der Sonne glitzern und blenden, – der Haupttempel ist von oben bis unten vergoldet, der Fussboden aus goldähnlichem Cuivre poli, auf dem sehr überladenen Hauptaltar, wo zahlreiche Petroleumlampen inmitten dieser Pracht unliebsam auffallen, der smaragdene Buddha, wohl aus Smaragdwurzel oder Jade. – In vielen Pavillons sind Meisterwerke der aus Wat-Po bekannten Ebenholz-Perlmuttertechnik, überall stehen Bronzeelephanten, Marmorstatuen, – an alle Pratschedis sind Hunderte von kleinen Glocken gehängt, die im Winde unausgesetzt spielen. – Ein grosses Steinmodell des Angkor Wat (an der Grenze von Cambodia) erfüllt uns mit Bewunderung. – Ein Jammer, dass die dreiwöchentliche Elephantenreise dahin für diesmal wenigstens unmöglich ist. Graf und Gräfin Bardi waren voriges Jahr dort; auch Baron Brenner hat die Strapazen nicht gescheut. Wir besichtigen die etwas leere Bibliothek, dann die Prunkgemächer des Palastes. Trotz der präsentirenden Wache (etwa 50 Mann) sieht der grosse Schlosshof recht einsam aus im Vergleiche zur Pracht und zum Prunke des Empfangstages. – Der riesige Thronsaal mit prächtigen Lustern, reichem vergoldeten Thronsessel und vielen Goldbäumen, der Salon mit den Bronzebüsten aller europäischen Souveräne und den Oelbildern siamesischer Könige, das hübsche Boudoir mit Emaux, Porzellan und Boulearbeiten, sowie der imposante Berathungssaal mit dem Prachtporträt des Oberbonzen von Siam sind im reichen Renaissancestile, der siamesische Thronsaal aber in Roth und Gold halb siamesisch, halb chinesisch.

Weiter stromaufwärts liegen die weitläufigen Paläste des letzten zweiten Königs, die ganz zerfallen und nur mehr als Stallungen für die schwarzen Kriegselephanten dienen; einer von diesen erreicht die respectable Höhe von 13 Fuss. – An den seligen zweiten König erinnert auch noch die Flotte, welche, aus einer Anzahl schön weisser Kanonenboote bestehend, im Menam verankert liegt. Seine Majestät Nr. II war oberster Marinechef, dessen sehnlichster Wunsch es war, mit der siamesischen Escadre eine Fahrt nach Singapore zu unternehmen. – Doch ist dieser Wunsch leider nie in Erfüllung gegangen; so oft er auch auslief, um die Straits-Settlements zu erreichen, immer kehrte er unverrichteter Dinge heim, eine Havarie, Kesselbruch u. s. w. verhinderten stets, an das heissersehnte Ziel zu gelangen! Dies erinnert übrigens an den ägyptischen Admiral, den Mehemed Ali mit Depeschen nach Malta schickte, und der, nachdem er eine Woche im Mittelmeer gekreuzt, mit der Meldung erschien: »Malta Mafisch!« – Er hatte trotz emsigen Suchens die Insel nicht finden können. – Scheusslich ist hier das Wasser; Quellen gibt es keine, die Bevölkerung ist auf das schmutzige Menamwasser, das übrigens alle Siamesen trinken, oder auf Regenwasser angewiesen, – nun hat es drei volle Monate nicht geregnet, und einige Schiffe führen in Fässern Wasser aus Hongkong ein! Wir rühren natürlich nur Sodawasser an, das auch nicht brillant schmeckt. – Abends im Club neben dem Hôtel, das ganz verödet scheint. Wir sind die einzigen Gäste.

What-Pra-Káow (Bangkok).

Donnerstag 10. Jänner.

 Zeitlich geht's wieder in die innere Stadt, wo die ganze Populace aufgeboten scheint; von allen Seiten strömen Processionen mit Hüten aus rothem Glanzpapier und hölzernen Schwertern zu einer Art Festplatz zusammen, wo die sogenannte Theep-Ching-Chah-Ceremonie (Swing Ceremony) stattfindet. An einem gegen 50 Fuss hohen Gerüste schaukeln an langen Stricken Männer und Knaben und suchen hiebei mit dem Munde angebundene Früchte zu erreichen. Es ist dies eine Art Erntefest, hindu-brahmanischen Ursprunges, wobei die Leute früher an eisernen Haken, die sie sich ins Fleisch stiessen, schaukelten. Viele Würdenträger in Galacostümen sehen dem Schauspiele zu, darunter eine Anzahl mit der altsiamesischen dreifachen Krone geschmückt. – Der eigentliche Zweck des Festes bleibt uns dunkel, trotzdem Phya Smud ihn zu erklären sucht. Herr M. hat trotz seines langjährigen hiesigen Aufenthaltes natürlich davon keine Ahnung. – Dieser Ehrenmann kennt seine kaufmännischen Pflichten, aber weiter nichts. Von Pfeffer, Reis, Lack, von Teakholz, von den Saphir- und Rubinminen kann er interessant erzählen, vom Lande und seinen Einrichtungen und Gebräuchen weiss er nichts. Nachmittags Besuch des etwas vernachlässigten königlichen Gartens: er ist ganz europäisch gehalten, mit Alleen und Sommerhäuschen, auch einem grossen maurischen Eisenpavillon. Uns zieht besonders die kleine Sammlung Thiere an, darunter einige weisse Affen (Albinos wie die sogenannten weissen Elephanten) und ein prächtiger schwarzer Panther, der dem zu nahe getretenen Biegeleben fast den Arm oder mindestens den Aermel zerreisst. – Während der Chef mit Poche ins Auswärtige Amt geht, fahren Sapieha und ich in die deutsche Ministerresidentschaft, wo uns Herr Kempermann höchst merkwürdige Facten über hiesige Liebenswürdigkeit Fremden gegenüber mittheilt. Der voriges Jahr hier anwesende japanische Prinz und Frau wohnten in einem Flügel des königlichen Palastes, wurden aber trotz eines Schwarmes siamesischer Diener so schlecht bedient, dass die kaiserliche Hoheit sich das Waschwasser höchsteigenhändig am Brunnen holen musste. Auch bei seiner Ankunft sei die »Ambassador's Hall« unter allerlei Vorwänden verschlossen gewesen, und nur mit Mühe habe er den Campong für sein Bungalow zugetheilt erhalten. Als seine Frau mit einer Freundin von einer Spazierfahrt zurückkehrte, auf welcher sie durch ihren Diener einige Lotosblumen pflücken liess, wurde sie plötzlich von einem Haufen siamesischer Polizisten aus ihrem Wagen und in einen grossen Garten hineingezerrt, wo ein am Boden hockender nackter Siamese sie mit Schimpfworten überhäufte und sie erst nach längerer Zeit nach Hause fahren liess. – Grund hiefür war das Blumenpflücken, welches der Betreffende, Justizminister und Bruder Prinz Dewangs, einige Tage vorher verboten hatte. Die Protestschreiben Kempermann's ans Auswärtige Amt, worin energisch Genugthuung gefordert wurde, blieben unbeantwortet, und erst als der Gesandte Phya Damrong in Berlin täglich telegraphirte, Fürst Bismarck drohe Bangkok in Flammen zu schiessen, man solle um jeden Preis die Sache ausgleichen, erst dann (nach sechs Monaten) entschuldigte sich der König selbst (bei Gelegenheit der Notificirung der Thronbesteigung Wilhelm II.). – Die zwei Prinzen aber haben es bis heute nicht gethan! Auch hat Kempermann jeden persönlichen Verkehr mit dem Minister des Aeussern eingestellt. Wäre ihm nicht um seine Carrière leid, er hätte längst seine Flagge einziehen und Siam verlassen müssen.  
BRONZEN AUS BENARES
 

LOTOS

Vollmond, Fahrt auf dem Flusse, kühle, angenehme Luft, von allen Seiten ertönt aus den beleuchteten schaukelnden Häusern Musik, Singen und Lachen – es ist prachtvoll!

Durch mein mehr als energisches Auftreten hat Phya Smud den Ausflug nach Ayuthia, der früheren Hauptstadt des Reiches, nach vielem Zögern arrangirt; früh 6 Uhr wurden wir flott – ein sogenanntes »Houseboat« enthält alles Gepäck, die Vorräthe (für eine Woche genügend), den Weinkeller, Eis, dazu den chinesischen Koch und drei andere Celestials, sowie acht Matrosen, – die Barkasse führt uns vier, Phya Smud, den Heizer und Steuermann, – die kleinen Siamesen sehen in ihren weissen Uniformen recht possirlich aus. – Langsam dampfen wir stromauf, nach etwa einer Stunde verschwinden die letzten Häuser, darunter das grosse französische Missionsgebäude. – Niedriger Wald, hauptsächlich Jungle, vereinzelt eine Hütte, hie und da ein Rasthaus (Sala), ein offenes, auf vier Holzpfeilern ruhendes Häuschen mit Matten, die als Schlafstellen für Reisende dienen. Ein junges Krokodil taucht dicht neben uns auf, begleitet uns ein Stück, zieht sich aber bei dem beginnenden Schnellfeuer rasch zurück. Mehrere grosse mit Reis beladene Boote kommen entgegen; sie führen die Ernte aus Laos in die Bangkoker Schälfabriken. – Zahlreiche Adler umkreisen uns, am Ufer hocken schöne weisse Edelreiher, prächtige blaue Eisvögel, Strandläufer, zahlreiche Pfaue, merkwürdige Goldfasane in allen Farben des Regenbogens. Der Chef und ich schiessen von allen mehrere Exemplare, besonders pfeffern wir in einen ganzen Schwarm Wildenten (Teals), von denen 13 fallen, auf meinen ersten Schuss allein vier Stück. Gegen Mittag gerathen wir auf eine Sandbank und kommen nur nach angestrengter Arbeit wieder los. Dabei ist die Hitze hier unter dem einfachen Leinenzelte der Mouche, im vollen Sonnenbrande und in unmittelbarer Nähe der kleinen Dampfmaschine, ganz unerträglich. Sogar Neptun ist schlapp geworden und weigert sich ans Ufer zu gehen, um das geschossene Wild zu holen (seine Begleiterin, die gute Hündin Bompa, ist seit Singapore krank und hat ganz aufgehört zu fressen – sie ist unter Harrisons Pflege im Hôtel zurückgeblieben). – Nach neunstündiger Fahrt biegen wir rechts in einen schmalen Canal ein und halten in Bang-Pa-In, dem Sommerpalais des Königs. – Ein grosser Park mit zahlreichen ganz europäischen Baulichkeiten, sowie ein reizender hölzerner Pavillon im reinsten siamesischen Stile. – Zwei australische Strausse (Casuare) wandern im Garten umher. Ein Renaissancetempel mit dorischen Säulen wird für uns in Ordnung gebracht, in einem geräumigen Saale stehen vier Betten mit Netzen, in einem zweiten servirt der chinesische Koch ein exquisites Mahl, darunter die Wildenten! Wir sind mit dem Kaffee und Crême de Cacao beschäftigt, da tönt eine Glocke aus nächster Nähe – der »Angelus« im Innern Siams! Wir laufen hinaus und entdecken auf einer benachbarten Insel eine perfecte gothische Kirche, d. h. ein Wat im gothischen Stile. – Thurm, drei Schiffe, Kreuzfenster mit dem eingebrannten Bilde des Königs und der lateinischen Inschrift »Chulalonkorn, Rex Siamensis«, Hochaltar, auf dem ein goldener Buddha sitzt, – Seitenaltäre mit kleineren Buddhas, – Sacristei – und im Thurme die schöne Glocke, die, nach Sonnenuntergang geläutet, uns im Geiste nach Europa versetzt hatte.

Als ich gegen 3 Uhr Früh vor den Mosquitos ins Freie flüchtete, da leuchtete vor mir das südliche Kreuz in nie geahnter Herrlichkeit. – Alles liegt noch in tiefem Schlafe.

Pavillon in Bank-Pa-In. Sommerpalais des Königs.

 Nach Besichtigung der Privatgemächer Seiner Majestät, die in ziemlich zweifelhaftem Geschmacke mit Pariser und deutschen Möbeln gefüllt sind, dampfen wir weiter nordwärts, den nun bedeutend engeren Menam hinan. – Am linken Ufer werden einige alte Tempel besichtigt, darunter einer mit einem riesigen Buddha, vor welchem unser Koch rasch einige Feuerwerke abbrennt und das Orakel um das Befinden seiner Familie befragt. – Um Mittag Ankunft in Ayuthia – ein verfallenes Bangkok, die Häuser verschwinden fast unter Bäumen, die Canäle sind ganz überdacht von der üppigen Vegetation, – an der Landungsbrücke wartet der Gouverneur, ein Schwager Phya Smuds, Phya Chaivechit, ein kleiner, gutmüthiger, runder Kerl, der in seiner Amtswohnung ein opulentes Tiffin servirt, – das Menü ist rein siamesisch, und sind einige der Speisen, besonders die Süssigkeiten, ganz vortrefflich. – Auf einer Anzahl kleiner stämmiger Ponnies (das des Chefs ist ganz mit silbernen Zieraten behängt) galoppiren wir mit grosser Escorte zur alten Stadt, wobei verschiedene komische Zwischenfälle laute Heiterkeit erregen, darunter besonders die Reiterkünste Poche's, welcher wiederholt zu Boden fällt. Zuerst wird sein Gaul durch einen grossen Elephanten rebellisch, – dann will derselbe eine Stute bespringen, und unseres Freundes Bemühungen sind ganz vergeblich! – Stundenlang dehnen sich die von den üppigsten Pflanzen überwachsenen Ruinen aus – überall tauchen riesige Buddhastatuen aus Bronze oder Stein aus dem Jungle auf. – Als vor hundert Jahren die Birmanen die damalige Hauptstadt Siams eroberten, muss die Zerstörung eine recht gründliche gewesen sein. – Nach Ayuthia zurückgekehrt, besehen wir noch die modernen Königszimmer, lassen uns in der steinernen »Sala« aus silbernem Geschirre Betel und vortrefflichen Thee serviren und dampfen gegen Abend nach Bank-Pa-In.  
AYUTHIA
   Rührender Abschied von unseren zwei Straussen, vom schönen Gartenpavillon und der gothischen Kirche, – dann eine heisse, sehr heisse Fahrt nach Bangkok, – einige geschossene Adler, am Boote aufgehängt, sind bereits nach einer halben Stunde voller Ameisen. Der Sect und das Eis gehen aus, die Zungen hängen aus dem Munde, es ist höchste Zeit, bei Sonnenuntergang wieder im »Oriental« einzutreffen, wo die Militärcapelle Wiener Walzer im Clubcampong aufspielt.

AYUTHIA WHAT TONG

Montag 14. Jänner.

 Die »Schwalbe« vom Norddeutschen Lloyd, das einzige gute Schiff, das uns hier mit der Aussenwelt verbindet, ist gestern ausgelaufen, – wir müssen daher Mittwoch mit einem Schwesterboot der »Hecuba« absegeln: das dürfte hübsch werden! Doch hat längeres Verweilen wenig Zweck: der König und der Hof sind fort, Prinz Dewang könnte, so viel wir davon merken, auch verreist sein, Festlichkeiten werden keine gegeben, Sehenswürdigkeiten haben wir so ziemlich alle genossen; Phya Smud erzählt von Reisfeldern bei Paknam, wo allnächtlich Dutzende von wilden Elephanten zur Tränke kommen sollen, wir glauben ihm nicht – auch wäre mangels an Shikarries eine Jagd sehr schwer durchzuführen, da hier Niemand jagt, nicht einmal der König. – Verschiedene Schreiben ans Auswärtige Amt, Spaziergänge durch die Bazars und Besuche füllen den Tag, – ein langer schmaler Weg, vom Palais (dem Kraton) auslaufend, zu beiden Seiten mit chinesischen Läden, die europäische Exportwaare scheusslicher Qualität zum Verkaufe anbieten, – zuweilen ein siamesisches Theehaus, wo ohrenzerreissende Musik die Passanten verscheucht. Dazu ein Gewühl von halb- und ganz nackten Leuten, an den Ecken viele Aussätzige mit ganz zerfressenen Gesichtern. – Angenehmer sind die schwimmenden Verkaufsläden; in einem solchen versehen wir uns mit Photographien, mit Palmenhüten, mit vergoldeten Buddhas, während wir im eigentlichen Palaisviertel theils bei einem englischen Uhrmacher, theils bei einer chinesischen Pfandleihanstalt einige Silberschmucksachen und kleine Modelle von Häusern und Booten erschachern. Mittags werden Sapieha und ich durch einen alten birmanischen Bonzen kunstgerecht tätowirt, – beide erhalten wir am rechten Arm den Ratschaschi, das räthselhafte Thier der siamesischen Urwälder, dessen Schrei noch kein Mensch überlebt hat, schön blau eingeritzt. – Als ich später von einem Besuche bei Kempermann nach Hause kehren will, verfehle ich den Weg beim »Celestial Club« (Opiumhöhle) und gerathe in ein Labyrinth von Stegen und Wegen, – eine Schar von Edelleuten in Hoftracht erwidern meine Anfrage mit Hohngelächter! Die guten Manieren sind doch überall gleich angenehm! Der deutsche Resident erzählte wieder viel Anziehendes: wenn junge Europäer sich hier niederlassen, kaufen sie für die Zeit ihres Aufenthaltes ein 14-17jähriges Siamesenmädel und zahlen den Eltern 200-300 Dollars. (In Britisch-Indien kostet ein Hindumädchen, 14 Jahre, hübsch und mit ärztlichem Atteste, 15 Rupien! Die Erhaltung monatlich 25 Rupien!) – Während des Zusammenlebens dürfen die Kleinen kein Betel kauen, – wenn sie momentan unwohl sind, stellen sie umsonst eine Stellvertreterin, die sie aus den schönsten und jüngsten ihrer Freundinnen aussuchen, – kaum ist die eigentliche Donna wieder hergestellt, so muss die Repräsentantin unbarmherzig verschwinden! – Abends fahren wir wieder auf dem Flusse, – das Treiben der Tausende von Gondeln in der milden Luft und dem vollen Mondschein ist herrlich. – Komisch sind die kleinen nackten Kinder, die vom Kopf bis Fuss mit Safran eingerieben werden, – es scheint gegen Fliegen und sonstiges Ungeziefer gesund, die kleinen hochgelben Kerle sehen aber gar zu spassig aus. – Spät geht's noch zu unseren japanischen Freundinnen, wir werden aber durch einen dort eingedrungenen betrunkenen Deutschen bald verscheucht.  
STROHHUT
 
ALTE BRONZEFIGUR (GUALIOR)

Dienstag 15. Jänner.

Eine englische Meile stromabwärts liegt, am Ufer des Menam natürlich, das ausgedehnte weitläufige Haus Phya Smud's mit schönen Gärten und Blumenbeeten; – in einer langen Halle empfängt uns der Hausherr mit Thee und Kuchen und, was noch angenehmer, er hat eine Anzahl Silbergefässe uns zum Kaufe aufstellen lassen, Theekessel, Betelschalen, Kannen, aus oxydirtem Silber mit eingeschlagenen Goldornamenten. Nach wenigen Minuten ist der Vorrath ausverkauft. Interessant sind Phya Smud's Teakholzlagen, menamaufwärts der Mission gegenüber, wo tausende und aber tausende Pflöcke der Verfrachtung harren. Teak soll das resistenzfähigste Holz sein und im Schiffbau unübertroffen. Erzherzog Leopold nahm auf der »Fasana« viele Bretter zum Bootsbau mit. – Abends um 8½ Uhr siamesisches Theater! (»Lakon«). Nur wenn der Mond voll ist, können Aufführungen stattfinden, und wir kommen gerade vor Thorschluss dazu, – ein geräumiges hölzernes Gebäude mit Bänken und Logen und einer ziemlich grossen Bühne mit der englischen Aufschrift »Prince's Theatre«, – alle Plätze mit Weibern und Kindern besetzt, erstere insgesammt bis zur Taille unbekleidet, um die Beine den Sarong, letztere alle splitternackt. In zwei »Avant-Scènes« scheinen sich reich bekleidete Chinesen gütlich zu thun, in unserer »Hofloge« kommen wir in Fracks mit den steifen Stehkrägen vor Hitze fast um, – so was habe ich noch nie gefühlt! Die Aufführung ist ein historisches Drama, in welchem eine Menge Hanuhmans, Jacks, Ratschaschis und andere Teufel auftreten. Costüme prachtvoll, Musik merkwürdiger Höllenlärm im Zweivierteltact, – das Verdrehen aller Finger und aller Zehen ist die auf die Spitze getriebene Schauspielkunst! – Als uns die Barkasse um Mitternacht heimbringt, fühlt sich die freie Luft eisig an, so schauderhaft war die Temperatur im Lakon.

BULLOCK CART

Mittwoch 16. Jänner.

Ich muss mich gestern erkältet haben, – mein Gesicht ist ganz angeschwollen, Zahnschmerzen und Fieber, dazu wahnsinniger Husten. – Doch es heisst Einpacken, Koffer verlöthen (gegen Termiten), aus einem grossen Sack silberner Tikals Trinkgelder an alle Bedienstete vertheilen, p. p. c.-Karten an die Bekannten schicken und noch in aller Eile in die innere Stadt fahren, um einige verschobene Einkäufe zu besorgen; – als wir schon das Hôtel verlassen wollen, erscheint ein altes Weib mit weiteren Silber- und Goldgefässen, – auf dem Boden sitzend handeln wir ihr den ganzen Kram ab; erst jetzt fangen die Leute an, Sachen zum Verkaufe zu bringen; Läden gibt es für Curios nicht, und man braucht Zeit, Geduld und Geschick, um wie Baron Joachim Brenner siamesische Kunstproducte sammeln zu können.

 Um 4 Uhr sind wir Alle an Bord der »Hekate« und fahren, die österreichisch-ungarische Flagge am Hauptmaste, mit vollem Dampfe, nun zum letzten Male, den Menam hinab, – noch grüssen die schwimmenden Häuser, der Spectakel, der Lärm der Grossstadt, dann die öde Stille des Jungles, und um 8 Uhr werfen wir südlich von Paknám, aber innerhalb der Barre, Anker, da morgen hier Reis eingenommen werden soll. – Nun entdecken wir den ganzen Jammer unserer Lage; die »Hekate« ist noch viel schmutziger, viel vernachlässigter als ihre Schwester »Hecuba«. Die einzige Cabine auf Deck erhält der Chef, während man uns dreien ein paar Löcher schauderhaftester Art anweist, Kakerlaken, Ratten, Ameisen sind noch das beste dabei, – seit Monaten scheinen die Leintücher nicht gewaschen zu sein! Am Vordertheile befinden sich 300 Zebuochsen, die erbärmlich stinken, – doch suchen es ihnen hierin etwa 200 am Stern zusammengepferchte Chinesen zuvorzuthun! Beim Dîner stellt sich heraus, dass der gesammte Weinvorrath des Schiffes eine halbe, sage eine halbe Flasche Rothwein beträgt! Für vier Menschen, während vier Tagen! Well, à la guerre, comme à la guerre, wir legen tant bien que mal die müden Glieder in lange Sessel auf Deck und trachten die Milliarden Mosquitos abzuwehren, die, über den Aufenthalt des Schiffes entzückt, von allen Seiten herbeifluthen! Felicissima notte!  

Donnerstag 17. Jänner.

Während Biegeleben und Sapieha ans Land gehen, um das zur jetzigen Jahreszeit gänzlich verlassene Städtchen zu durchforschen (im Sommer gebrauchen viele Bangkoker hier die Seebäder), rudert unser Capitän zu einem in der Nähe verankerten Engländer, der, soeben aus Hongkong angekommen, ihm seinen ganzen Weinkeller, nämlich 17 Flaschen verschiedensten Rebensaftes, überlässt, – dadurch sind wir gerettet, – denn das Wasser, welches der Capitän, ein junger Deutscher, selbst trinkt, ist, wie bekannt, schon drei Monate alt, – Soda ist keines vorhanden, die Bedienung ist elend, die chinesischen Boys, ordinäre Arbeiterjungen, die niemals Europäer bedient haben, sprechen kein Wort englisch und kümmern sich gar nicht um uns. – Das Essen bei alledem ungeniessbar! Für 30 Tikals, den Preis der Ueberfahrt, hätte man schon etwas mehr liefern können. – Mittags kommen die beiden Touristen ganz ermattet und erschöpft zurück; sie sind vier Stunden bei dieser Bratsonne im Jungle umhergelaufen, ohne ein menschliches Wesen anzutreffen. – Der Reis ist eingeladen, um 3 Uhr geht's über die Barre und in See, – Mosquitos auf Nimmerwiedersehen!

Freitag 18. Jänner.

   Es stürmt, es rollt, es stampft, alle paar Minuten geht ein Platzregen nieder, – die Zebus stinken, die Chinesen ditto, meine geschwollene Wange thut höllisch weh, – vor Singapore ist keine Hilfe möglich. Biegeleben liegt regungslos in seiner Deckcabine und klagt, – Sapieha flucht, nur Poche fügt sich ins Unvermeidliche. – Nochmals: »Hol' der Teufel die Tropen!«

Alles im Gleichen, Rollen, Regen, Wind, Gestank, Schmerzen.

Der Wind hat nachgelassen, die Chinasee zeigt sich gnädig, dafür verdoppeln die Zebus, von denen gestern mehrere ins Wasser stürzten, und die lieben Celestials ihre Düfte. – Spiro Mersa hatte recht: mit Chinesen zu reisen ist eine Tortur. – Ganz hinten entdecke ich eine Colonie Klings, britisch-indische Schneider, die vom siamesischen Hofe zurückgeschickt werden. – Sie sitzen splitternackt am Hinterdeck und sind sehr seekrank! Mein Fieber ist in schönster Blüthe!

Gleich einer Schiffsladung Schwerverwundeter wurden wir heute früh von der »Hekate« ans Land in Singapore gebracht, blass, schlotternd, abgemagert; besonders ich mit meinem Kürbisgesicht sehe reizend aus. – Auch schlage ich deshalb die Einladung Brand's, mit Biegeleben in Bidadaré zu wohnen, aus, überlasse Sapieha das mir bestimmte Zimmer und eile gleich zu den »Sepoy Lines«, einem grossen, in gepflegtem Garten gelegenen, musterhaft gehaltenen Militärspital. Dr. Simons sticht kunstgerecht meinen oberen Gaumen auf, und sofort bin ich von der fünf Tage langen Qual erlöst. – Es lebe die Wissenschaft und das gut geführte Federmesser! Mit Poche habe ich mich im grossen Hôtel de l'Europe einquartirt und erhalte hier ein geräumiges, nicht gar zu heisses Zimmer, von wo aus ich die prächtige »Esplanade« und die schöne gothische St. Andrew's Cathedral übersehe. Im »Singapore Club« treffe ich beim Tiffin mit den Collegen wieder zusammen, in den hohen Hallen und Sälen streicht Nachmittags die Seeluft durch, belebend und erfrischend; da vergisst man die 36°, die trotzdem herrschen.

GUIRNHILL Singapore

Dienstag 22. Jänner.

In dem Universalladen John Little's wird nun an meine Ausstaffirung geschritten, – beim englischen Zuschneider wird ein dünner Flanellanzug und blaue Jacke (16 und 12 Dollars) gekauft, während beim Celestial Chong-Fee-Chee-Chong, dem Leibschneider Poche's, einige weisse Leinen- und einige chinesische Rohseidenanzüge bestellt werden. Europäische Kleider sind hier nicht zu gebrauchen. Im Club treffe ich den holländischen Generalconsul George Lavino, Bruder des Telegraphencorrespondenten in Wien, William Lavino, der Sapieha und mich zu einer Tennispartie für Mittwoch ladet. – Fahrt in den botanischen Garten, der, reizend angelegt und gehalten, wundervolle Collectionen tropischer Pflanzen enthält, riesige Bambusgruppen, Cabbagepalmen, entzückende Orchideen. – Abends am berühmten Garten Whampoas vorbei, wo noch die Victoria Regia in den Teichen und Bächen an die frühere Pracht erinnert (der reiche Chinese ist 1887 gestorben, und seine Söhne lassen Alles verkommen), fahren Poche und ich zu Brand's. – Ein famoses Dîner und grossartige Heimfahrt bei dem Sternenhimmel, wie er eben nur 80 Meilen vom Aequator leuchten kann.

Mittwoch 23. Jänner.

Um den schmutzigen Gharries zu entgehen, habe ich mir für die ganze Zeit einen Lohnwagen gemiethet, und in diesem schweren Landauer rollen wir nordwestlich auf vorzüglicher Landstrasse, zwischen üppigen Kaffeeplantagen, an zahlreichen Malayendörfern vorbei nach Bukit-Timah, einem in der Mitte der Insel gelegenen, von einem Park bedeckten Hügel, auf dem ein Staats-Bungalow zu längerem Aufenthalte einladet. Das ganze Eiland liegt zu unseren Füssen, südlich hunderte von kleinen Inseln, nördlich jenseits des Tambrohcanals die Malaccahalbinsel und das selbstständige Sultanat Johore. – Um uns Palmenwälder, Jungle und noch Stücke Urwald. – Bukit-Timah wird auch als Sanatorium benützt, in den drei bis vier reinen Zimmern, bei der frischeren Luft und dem herrlichen Rundblicke muss sich's ganz gut wohnen lassen. – In die Stadt zurückgekehrt, müssen Sapieha und ich zu Lavino, der einen schönen Garten und Bungalow mit prachtvoller Norfolkpinie neben den Botanical-Gardens besitzt. Die ganz aus Holländern zusammengesetzte Lawntennis-Gesellschaft muss leider vor einem Platzregen ins Haus flüchten, wo ein kleiner Orang-Utang aus Borneo die Gäste seines Herrn belustigt.