Dreizehntes Kapitel.
Reise von Batavia nach Kalifornien. — Ankunft in San Francisco. — Stadt der Wunder. — Hohe Preise. — Die Spielhäuser. — Amerikanisches Gerichtsverfahren. — Die Plaza. — Sacramento. — Amerikanische Reisegesellschaft. — Besuch bei General Sutter. — Mary’s Ville. — Brown’s Valley. — Die Goldwäschereien am Yuba-Flusse. — Die Indianer.
ie Reise von Batavia nach San Francisco geht beinahe um die Hälfte des Erdkreises: 150 Meilen durch die Java-See, 2000 durch die Chinesische und bei 8000 durch den stillen Ocean, im ganzen 10,150 Meilen.
Am 6. Juli Nachmittags begleiteten mich meine Freunde, Herr und Frau Steuerwald, bis an das Boot, das mich an Bord des Dreimasters Seneca Baltimore, Kapitän Feenhagen, brachte.
Es ging nun nach einem neuen Lande, zu einem neuen Volke. Bisher hatte sich das Glück mir treu bewährt, es begleitete mich auf allen meinen großen und langen Wanderungen. Ich hoffte, es werde mich gleich gute Aufnahme auch bei den Amerikanern finden lassen und mich ohne Unfall nach der weit entfernten Heimath in die Arme meiner Theueren zurückführen! —
Am 7. Juli früh Morgens wurden die Anker gelichtet, am 9. und 10. schifften wir an den Banda-Inseln vorüber und lenkten in die Gaspar-Straße, welche von den Inseln Leat und Lepa gebildet wird und in die Chinesische See leitet. Alle Waffen wurden in Stand gesetzt, da diese See nicht immer frei von Piraten ist.
Am 12. Juli passirten wir den Aequator. Die See war so ruhig, daß der Kapitän eines Schiffes, welches an unserer Seite segelte, zu uns an Bord kam. Kaum hatte er uns wieder verlassen, so erhob sich so plötzlich eine Bö, daß wir in Angst waren, er könne sein Schiff nicht mehr erreichen; nur mit Mühe gelang es ihm.
Am 22. Juli begann Nachmittags ein heftiger Sturm; wir zogen alle Segel ein und befürchteten einen Tifoon (Orkan).
Am folgenden Tage gelangten wir unter fortgesetztem Sturme zwischen Luzon und der Höhe von Formosa in den stillen Ocean. Von nun an sahen wir durch zwei ewig lange Monate nichts als Himmel und Wasser; die einzigen lebenden Geschöpfe, die wir von Zeit zu Zeit zu Gesicht bekamen, waren einige Möven, welche unsere Segel umflatterten.
Ich ward auf dieser Reise abermals vom Wechselfieber heimgesucht, obgleich weder die Kost noch sonst etwas mir Bekanntes Anlaß gab. Jene war so trefflich, daß ich auf der ganzen Reise nicht nöthig hatte, ein Stückchen Salzfleisch zu essen. Meine Schlafkabine war geräumig wie ein Kämmerchen, und für alle meine Bedürfnisse ward von dem guten und gefälligen Kapitän mit liebenswürdiger Aufmerksamkeit gesorgt. Welcher Unterschied zwischen dieser Reise und jener von London nach dem Kap der guten Hoffnung (Kapitän Brodie)! Mit Grausen denke ich der letzteren noch heut zu Tage.
26. September. Endlich erscholl der längst ersehnte Ruf „Land, Land!“ Abends lag die Küste Kaliforniens vor unsern Augen. Und dennoch, obwohl ich beinahe drei Monate in dem hölzernen Gefängnisse zugebracht, mehr als zwei Monate kein Land gesehen hatte, machte diese Küste durchaus keinen angenehmen, im Gegentheile einen recht traurigen Eindruck auf mich. Sie war über alle Maßen öde und todt. Nackte Sandhügel stiegen von allen Seiten schroff auf, kein Baum, kein Strauch, nicht der ärmlichste Grashalm unterbrach die einförmige Farbe dieser unheimlichen Wüste. Hieher, dachte ich, verbannen sich die Menschen freiwillig — warum? — um ein Klümpchen Gold zu finden! Wie müßte wohl eine Gegend aussehen, die den golddürstigen Weißen fern hielte, wenn er den geliebten Mammon daselbst zu finden wüßte?
27. September. Morgens kam der Pilot an Bord und geleitete uns durch das „goldene Thor“ (so wird die Einfahrt genannt) in die Bay von San Francisco. Diese, obwohl so ziemlich denselben Charakter tragend, wie die Küste, der wir zuerst ansichtig wurden, ist doch im ganzen schön zu nennen. Sie ist von einer Fülle von Bergen, Hügeln und Felsparthieen umgeben, die in den mannigfaltigsten Gruppen bald vortreten, bald zurückweichen, ferner besitzt sie viele kleine Eilande und bildet Buchten, Becken und Straßen, so daß der Blick fortwährend gefesselt bleibt. Ihre Länge beträgt 45 Meilen, ihre größte Breite 12. Wir glitten an den Ziegen- und Vogel-Eiländchen vorüber und warfen endlich Anker vor der Stadt selbst, die zwölf Meilen von der Einfahrt liegt und sich in bedeutendem Umfange auf vielen Sandhügeln ausbreitet.
Den zerstreut umher liegenden Häuschen gönnt man zwar noch nicht das Recht, zur eigentlichen Stadt gezählt zu werden; allein da die Stadt in so raschem Aufblühen ist und sich gewiß mehrere Meilen nach allen Richtungen ausbreiten wird, so werden sie wohl bald dazu gehören. Die eigentliche Stadt besteht blos aus den Theilen, welche knapp am Strande liegen, wo sich die hölzernen Quais und die Magazine befinden. Die Bevölkerung des Ganzen (der Stadt und der sogenannten Vorstädte) wird auf einige sechzigtausend Seelen gerechnet.
Die Häuser in den Vorstädten und in der Umgebung sind sehr klein und von Holz; sie liegen ohne die geringste Regelmäßigkeit und Ordnung, das eine in der Tiefe, das andere auf steilen, spitzen Sandhügeln, was einen höchst erbärmlichen Anblick gewährt. Die Stadt dagegen besitzt schon viele große, zwei bis drei Stock hohe, gemauerte Häuser, die zum Theil auf Plätzen stehen, wo noch vor kurzem die See war, und zwar mit einer Tiefe, daß die größten Schiffe vor Anker gehen konnten. Da nämlich die Sandhügel auf allen Seiten beinahe senkrecht aus dem Meere stiegen, war man gezwungen, sie theilweise abzutragen, mit dem hinunter geworfenen Sande die See zurück zu drängen und so eine künstliche Fläche für die Geschäftsstadt zu bilden. Diese Arbeiten, so wie auch die hölzernen Quais und Werfte überraschten mich mehr noch, als die großen Häuser. Man kann nicht umhin, beide Unternehmungen als Riesenwerke zu betrachten, wenn man bedenkt, wie kurze Zeit das Land von Amerikanern[1] und Europäern in Besitz genommen ist, wie weit man das Holz für die Quais und Werfte zu führen hatte, und wie über alle Maßen theuer die Handwerker und gemeinen Arbeiter waren und noch heut zu Tage sind. Die ausgedehnten Quais und Werfte, in eine Linie neben einander gestellt, würden gewiß eine Länge von vielen Meilen betragen. Die See ist an der Küste so tief, daß Schiffe von zwei- bis dreitausend Tonnen an den Quais anlegen können.
Kalifornien oder Neu-Mexiko gehörte zu dem Staate Mexiko, wurde im Jahre 1846 von den Amerikanern nach einjährigem Kriege erobert und im selben Jahre am 7. Juli zu Monterey den Nordamerikanischen Staaten feierlich einverleibt. Die Bevölkerung dieses neuen Staates mochte damals an 150,000 Seelen betragen, von welchen der größte Theil Indianer waren; heut zu Tage wird sie auf 300,000 geschätzt.
Das erste Goldlager wurde bei Coloma im Distrikte Eldorado durch General Sutter bei Ziehung eines Mühlgrabens im Juli 1848 entdeckt. Man stieß mit der Schaufel auf einen harten Gegenstand, den man im ersten Augenblicke beinahe ununtersucht bei Seite geworfen hätte. Doch die besondere Schwere erregte Aufmerksamkeit, und bei genauerer Untersuchung ergab sich, daß es ein reiner Goldklumpen war. Die Goldausfuhr betrug bis Ende 1849 ungefähr zwanzig Millionen Dollars, im Jahre 1850 vierzig Millionen. Seitdem rechnet man sie durchschnittlich per Monat auf fünf Millionen, welche Schätze alle nach den Vereinigten Staaten und Europa gehen.
Doch wieder zurück zu meiner Ankunft in San Francisco.
Ich hatte gar keinen Empfehlungsbrief, konnte mich daher an niemanden wenden und wußte nur zu gut, daß dieser Platz ganz außergewöhnlich theuer und wohl für Geschäftsleute, aber nicht für Reisende geschaffen sei, deren Kasse stets ab- und nie zunimmt. Ich wanderte den ersten Tag von früh Morgens bis spät Abends umher, um eine nur einigermaßen billige Unterkunft zu finden. Ermüdet und ohne Erfolg kehrte ich auf das Schiff zurück, wo mir der gute Kapitän Feenhagen so lange zu bleiben angeboten hatte, als er den Hafen nicht verließe. Aber noch denselben Abend erhielt ich eine äußerst liebenswürdige schriftliche Einladung, für die ganze Zeit meines Aufenthaltes in dieser Stadt von dem mir vollkommen unbekannten Englischen Hause Colquhonn Smith und Morton. Man kannte mich auch hier schon durch meine früheren Reisen, und kaum las man meinen Namen unter den Angekommenen, so sandte man die Einladung an Bord. Es bedarf wohl keiner Worte, um zu sagen, in welcher Art ich aufgenommen wurde, und wie man bemüht war, mir mit allem an die Hand zu gehen. Wahrlich, von wenig Familien trennte ich mich so schwer als von dieser! Auch der Oesterreichische Konsul, Herr Eduard Vischer, erwies mir viele und große Gefälligkeiten. Dieser Herr machte eine erfreuliche Ausnahme von den meisten Oesterreichischen Konsuln, welchen ich bisher auf meiner Reise begegnete; ich möchte von Herzen wünschen, daß es deren mehrere ähnliche gäbe. Herr Vischer hat aber auch allgemein den Ruf eines sehr guten und gefälligen Mannes.
Einen äußerst drückenden und beängstigenden Eindruck machten anfänglich auf mich die engen, niedrigen Wohnungen, in welchen die Leute hier leben. Die größten Gemächer sind so winzig, daß man in den meisten Wohnungen gewiß in Verlegenheit käme, wenn zehn bis zwölf Personen zur Tafel eingeladen wären. Von den Kämmerchen und Nebengemächern will ich schon gar nicht reden, die sind alle wie für Liliputaner. Mir fiel dieß natürlich um so mehr auf, da ich gerade aus Batavia kam, wo jeder Empfangssaal so groß ist, daß man ganze hiesige Häuser hineinstellen könnte. Solche Grillenhäuser, aus welchen jetzt noch die Hälfte der Stadt besteht, besitzen gewöhnlich fünf bis sechs Behältnisse, die man mit großem Unrecht „Zimmer“ nennt. Die Einrichtung ist reich, meistens überreich, so daß die vielen schönen Möbel dem armen Bewohner beinahe den ganzen Raum stehlen. Die Fußböden sind mit kostbaren Teppichen belegt, die Wände mit Tapeten und Spiegeln bedeckt.
Auch in den neugebauten großen Ziegelhäusern sind die meisten Gemächer sehr klein, besonders die Schlafkammern; man sagte mir, dieß sei Amerikanische Sitte.
Ausgezeichnet groß und schön fand ich dagegen die Verkaufs-Lokale: viele können mit jenen der größten Europäischen Städte in die Schranken treten, so reich an Waaren, so zierlich arrangirt und so prachtvoll sind sie. Die größten und schönsten Waarenlager findet man in der Sacramento-Kle-Montgomery-Straße und auf der Plaza. An Spiel-, Kaffee-, Wein- und Tanzhäusern ist die Stadt überfüllt. Theater gibt es bereits sechs, in welchen Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch gespielt wird. Zeitungen erscheinen dreizehn, große Buchdruckereien bestehen achtzehn, außerdem noch viele kleine, die heute entstehen und morgen wieder verlöschen. Kirchen von allen denkbaren Sekten sind sechsundzwanzig erbaut, die meisten davon ganz unbedeutend.
Das gesellschaftliche Leben ist sehr großartig. Wer sich darin gefällt, findet gewiß jeden Abend in häuslichen und öffentlichen Zirkeln mehr Unterhaltung, als er wünschen kann. Bei Einladungen wird in Hülle und Fülle aufgetischt. Was mir bei den Diners auffiel, war, daß es nirgends Servietten gab, oder so kleine, wie für Puppen. Dieß kommt von dem hohen Preise, der für das Waschen verlangt wird: man zahlt per Dutzend Stücke, groß oder klein, 3 Dollars (1 Dollar à 4 Schilling Englisch oder 2 fl. Oesterreichisch Geld); man gibt daher in den meisten Familien nur die größeren Stücke außer Haus und sucht allen überflüssigen Aufwand an Wäsche so viel wie möglich zu vermeiden. Ueberhaupt findet man hier, in Folge der übertrieben hohen Preise vieler Gegenstände, die höchste Oekonomie an der Seite der größten Verschwendung. Manche Familien mit vier bis sechs Kindern halten nur eine Magd, während es an prächtiger Hauseinrichtung, Garderobe, Gesellschaften und Unterhaltungen nicht fehlt.
Ich füge hier die Preise verschiedener Gegenstände bei, die manche meiner Leser kaum für wahrscheinlich halten dürften.
Eine Wohnung von fünf bis sechs Kämmerchen per Monat auf den besten Plätzen 250 Dollars, etwas abgelegener 150 bis 200; die größten Modemagazine per Monat 700 bis 1000 Dollars. In letzteren werden oft wieder kleine Eckchen von sechs bis sieben Fuß im Geviert per Monat für 100 Dollars abgelassen. Ein Diener, eine Magd 50 und 60 Dollars per Monat nebst Kost und Wohnung, ein Handlanger 4 Dollars, ein Zimmermann, Maurer 8 Dollars per Tag. Eine Kleidermacherin 4 Dollars per Tag nebst Kost. — Ein Huhn kostete 2, ein Kalkuttischer Hahn 10 Dollars, ein Dutzend Eier 2 Dollars. Ein Pfund Rindfleisch ¼ Dollar. Ein Pfund Hammel- oder Schweinefleisch 60 Cents (ein Dollar hat 100 Cents), eine Flasche Milch 25 Cents, ein Pfund gesalzene Butter 75 Cents u. s. w. In den Hotels bezahlt eine Person per Monat für Kost und Wohnung 100 Dollars. Der Preis eines Lohnwagens per Stunde 6 Dollars, eines Reitpferdes, ob auf eine Stunde oder einen halben Tag, 5 Dollars, Sonntags für Wagen oder Reitpferd das Doppelte. Nach einem Dampfboote zu fahren 10 Dollars, nach einem Balle hin und zurück 20 Dollars. Für Reitpferde, die von den Eignern gewöhnlich in Miethställe zur Verpflegung gegeben werden, per Monat 50 Dollars. Ein Lohndiener erhält für jeden Gang 1 Dollar. Zwei bis drei Jahre früher waren die Preise noch ungemein höher. Verhältnißmäßig billig werden dagegen viele Fabrik- und Manufaktur-Gegenstände verkauft, und zwar in Folge der übergroßen Einfuhr, mit der die Bevölkerung in keinem Verhältnisse steht[2]. Viele Europäische und Amerikanische Handelshäuser sollen dabei großen Schaden erlitten haben. Die Einfuhrzölle sind sehr bedeutend; gewöhnliche Bedürfnisse zahlen zwanzig bis dreißig Prozent und so fort bis zu hundert; letzteres jedoch nur für geistige Getränke.
Die Gründe der Stadt, wie die der nahen Umgebung, waren von der Regierung in Lots à 150 Fuß im Geviert getheilt worden. Wer das Glück hatte, solche Plätze im ersten Entstehen der Stadt zu kaufen, konnte mit einigen guten Lots reich werden. Man kaufte die besten zu 5- bis 8000 Dollars, die jetzt 150,000 kosten. Ein dreistöckiges Backsteinhaus auf ein ganzes Lot gebaut, das eine Ecke formt, kommt auf 200,000 Dollars zu stehen, trägt aber einen jährlichen Zins von 130,000 Dollars, so daß Haus und Grund in längstens drei Jahren gezahlt sind.
San Francisco wurde sechsmal von Feuersbrünsten zerstört, von welchen die meisten angelegt waren. Die zwei größten hatten im Jahre 1852 statt. Am 4. Mai des letztgenannten Jahres brannte jener Theil der Stadt ab, in welchem die größten Reichthümer in den Magazinen aufgespeichert lagen, nämlich von der Ecke der Montgomery-Straße bis an die Kerney-Straße. Das zweite Feuer im Juli legte den westlich gelegenen Theil der Stadt in Asche. Während das Feuer noch wüthete, kamen zu den Grundbesitzern schon Leute, um den Grund auf drei oder vier Jahre zu pachten. Sie bauten auf den beinahe noch glimmenden Boden hölzerne Häuschen, die sie vermieteten, und wenn der Kontrakt zu Ende war, hatten sie hinlänglich gewonnen, um den Grundbesitzern das Haus für nichts zu überlassen.
Einstimmig wird San Francisco die Stadt der Wunder genannt. Die Amerikaner behaupten, daß ihre schnelle Entstehung, ihr oftmaliges Wiederaufbauen nach den Feuersbrünsten das Wunderbarste sei, was die Welt je gesehen habe. Dieß ist allerdings wahr. Es gibt auch nur zwei Kräfte, welche solche Wunder bewirken können — Despotie und Gold. Hier war letzteres der Hebel. Der Durst nach Gold, dieser größte der Despoten, zog die Leute aus allen Weltgegenden herbei, und hölzerne oder gemauerte Obdächer entstanden überall wie durch Zauber. Was sind aber diese einfachen Werke gegen jene antiken Städte Hindostans, deren Ruinen noch heut zu Tage die vergangene Größe verkünden, und von welchen, wie uns die Geschichte lehrt, manche ebenfalls in unglaublich kurzer Zeit entstanden, wie z. B. Fatipoor Sikri, eine Stadt voll der schönsten Paläste mit Skulpturen ganz überdeckt, mit prachtvollen Tempeln und Minarets, mit hoch gewölbten Stadtthoren u. s. w., deren Umfang sechs Meilen betrug, die mit vierzig Fuß hohen massiven Steinwällen umgeben und in weniger als zehn Jahren erbaut wurde. Dergleichen Städte kann man Wunderwerke nennen, denn zu ihrer Ausführung muß eine ganze Bevölkerung von Künstlern und Architekten gehören.
Die Wunderwerke San Francisco’s bestehen in ganz gewöhnlichen Wohn- und Zinshäusern, zu deren Erbauung die Goldminen Kaliforniens hinlänglich Mittel geschafft haben und täglich schaffen. Was mich in dieser reichen und luxuriösen Wunderstadt am meisten wunderte, ist, daß man auf zwei sehr große Bedürfnisse gar keine Rücksicht genommen hat, auf reinliche, geebnete Wege und auf Beleuchtung.
Von den Löchern, Hügeln und Unebenheiten in den Straßen der Stadt kann man sich gar keine Vorstellung machen. Hier geht es Stufen hinauf, dort einige hinunter, hier ist der Fußweg erhöht, dort wieder nicht, hier werden Stellen abgegraben, dort liegen ganze Berge von Ziegeln, Bauholz, Kalk und Sand, und keine Lichter werden zur Warnung hingestellt. Dieß macht die Straßen bei Nacht nicht nur für Fahrende und Reiter, sondern auch für Fußgänger wahrhaft gefährlich, was ganz besonders von den hölzernen Quais gilt. Die See darunter ist nicht ausgefüllt, die Bretter sind so abgenützt, daß sie einbrechen. Selbst bei Tage muß man der vielen Löcher wegen mit größter Vorsicht fahren. Nachts ereignet es sich nicht selten, daß Fußgänger in die Tiefe stürzen und nie wieder zum Vorschein kommen.
In den schönsten und befahrensten Straßen liegen alte Kleider, Wäsche, Stiefel, Flaschen, Geschirre, Kisten, todte Hunde, Katzen und ungeheuere Ratten, an welchen die Stadt überreich ist; aller Unrath wird vor die Thüre geworfen — man könnte wirklich Konstantinopel im Vergleiche zu San Francisco die Stadt der Reinlichkeit nennen. Dort gibt es wenigstens Leute und Hunde genug, welche die Straßen säubern, erstere lesen die Kleider, Wäsche u. dgl. auf, letztere verzehren den Unrath.
Zu allem diesem kommt noch die Ungebundenheit der Leute, jeder Mensch kann thun und machen, was er will; die Karren halten nicht selten an den schmalen, ausgetretenen Wegen, die über die bei Regenwetter grundlosen Straßen führen, Reiter befestigen ihre Pferde an den Häusern auf den Gehwegen, so daß der arme Fußgänger tief in den Koth treten muß, um sie zu umgehen. Derlei Willkürlichkeiten arten oft so aus, daß sie mitunter gefährlich werden. So ging ich eines Morgens durch die Stadt, als mir ein Fußgänger zurief. „Ein Bär, ein Bär!“ — Ich wußte gar nicht, was das bedeuten sollte, und konnte mir nicht denken, in den Straßen einer so belebten Stadt einem Bären zu begegnen. Ich sah mich nach allen Seiten um — wirklich kam ein Bär hinter mir her gelaufen und war nicht mehr als zwei Schritte von mir, so daß ich kaum Zeit hatte, auf die Seite zu flüchten. Das Thier war wohl an einem Stricke, der Strick an einem Karren befestigt; der Strick war aber so lang, daß der Bär rechts und links auf die Fußwege unter die Vorübergehenden gelangen konnte. Der Fuhrmann nahm sich nicht einmal die Mühe, die Leute anzurufen.
Ein Geschäfts- oder Spaziergang in San Francisco ist meiner Meinung nach eine wahre Bußaufgabe. In der sogenannten Geschäftsstadt kann man sich kaum durch das Gewirre von Menschen, Reitern, Karren und Wagen winden; in jenen Theilen der Stadt oder Gegenden[3], wo die Straßen nicht mit Brettern belegt sind, muß man fußtief im Sande waten; dabei die ewig einförmige Ansicht der nackten Sandhügel — wahrlich nur derjenige, der sein Glück im Golde findet, mag sich über alle diese Unannehmlichkeiten hinaus setzen und am Ende wohl gar vergessen, daß es Bäume und Wiesenteppiche gibt, die doch wohl schöner sind, als die Teppiche der goldbelasteten Spieltische.
Im Frühling soll die Umgebung freilich einen anderen Anblick gewähren und der dürre Sandboden mit einer wunderbar schönen, üppigen Flora bekleidet sein; aber die Könige des Pflanzenreichs, die majestätischen Bäume, die zierlichen Gebüsche schafft doch keine Jahreszeit.
Außerordentlich schön fand ich in San Francisco die Pferde und Maulthiere. Sie werden, wie die Ochsen und Kühe, alle zu Lande über die Plains (Ebenen) von Nordamerika herüber gebracht. Pferde und Maulthiere sind sehr hoch und kräftig. Es gibt Pferde, mit welchen man sechzig Meilen in einem Tage reiten kann, Maulthiere, die drei Centner tragen. Die Pferde in den Lohnkutschen und Omnibussen sind ungleich schöner als in London. Von einer besonderen Pracht sind die Lohnkutschen. Man kann nicht leicht etwas schöneres in dieser Art sehen; es soll aber auch ein solcher Wagen mit dem Gespann bis 4000 Dollars kosten.
Der Verkehr ist schon sehr leicht und schnell. Dampfschiffe durchkreuzen die Bay, befahren die Flüsse; Stage-coaches, die gleich Postgelegenheiten die Pferde wechseln, gehen nach allen Richtungen des Landes. Auch eine Telegraphen-Linie ist bereits eröffnet und erstreckt sich über St. José bis Sacramento, eine Länge von ungefähr 130 Meilen.
Eines Abends besuchte ich die öffentlichen Unterhaltungsorte, von welchen mich die Spielhäuser am meisten interessirten, da ich bisher noch keine öffentlichen gesehen hatte. Was mir in diesen vor allem in das Auge fiel, war die höchst gemischte Gesellschaft. Neben dem zierlichsten Dandy saß ein Matrose, ein Minenarbeiter im rothwollenen Hemde ohne Jacke, die Hände kaum vom Theer oder Schmutz gereinigt, die Stiefel bis hinauf voll Koth. Der Reiche wie der schmutzig Gekleidete hatten nur Gold und harte Thaler vor sich liegen. Noch vor zwei Jahren soll man blos Gold gesehen haben. In keiner Miene, selbst bei dem sanguinischen Franzosen, dem lebhaften Mexikaner las man Aufregung oder Leidenschaft, obwohl ich das Gegentheil häufig behaupten hörte. Aus den Gesichtern hätte ich nicht beurtheilen können, wer von der Glücksgöttin begünstigt oder vernachlässigt war. Was die Einrichtung dieser Spielhäuser anbelangt, so ist sie darauf angelegt, nicht nur die Leidenschaft des Spielers, sondern auch seine Sinne zu berauschen und zu betäuben. Abscheulich verführerische Oelgemälde hängen an den Wänden, lärmende Musik durchrauscht die geräumigen Säle, schöne Mädchen sitzen hie und da als Lockvögel an den Tischen.
Ich bin weit und breit in der Welt herum gekommen, unter Völker, die in Folge des Klimas und aus Mangel an Erziehung und Religion zu den sinnlichsten gehören; aber solche öffentliche, schamlose Verführungsanstalten sah ich nirgends — man findet sie nur unter christlichen Völkern, unter civilisirten Regierungen. Ich will damit nicht behaupten, daß die Unsittlichkeit unter nicht christlichen Völkern geringer sei; allein sie so öffentlich zur Schau zu legen, so weit geht ihre Schamlosigkeit nicht.
Von den andern öffentlichen Unterhaltungsplätzen, den Tanzhäusern, den Chinesischen Spiel- und Erfrischungshäusern will ich schweigen; nur muß ich bemerken, daß es in den Chinesischen Spielhäusern anständiger zuging, als in den Amerikanischen. Da gab es weder Gemälde, noch Musik, noch Mädchen; letztere wenigstens nicht in den Spielzimmern.
Der Goldüberfluß in San Francisco ist so groß, die Preise sind so hoch, daß gar keine Kupfermünze in Umlauf ist; die Leute wünschen auch nicht, daß es je dazu kommen möge. Jedermann findet hinlänglichen Verdienst; im Gegentheil, es fehlt noch überall an Händen. Dessen ungeachtet vergeht kaum eine Nacht, daß man nicht von Diebstählen hört. In allen Schlafzimmern sieht man Pistolen hängen, und Abends geht niemand ohne Stockdegen oder Pistolen aus, denn auch in den Straßen kommen manchmal Raubanfälle und selbst Morde vor. Die Polizei ist so schlecht organisirt, daß kein Dieb so leicht entdeckt wird, die Bestrafungen so geringe, daß sie kein Mensch fürchtet. Beinahe alle Vergehungen werden mit einigen Wochen Gefängnißstrafe abgebüßt. Sogar die Mörder kommen leicht durch. Der Thäter geht gewöhnlich selbst zum Richter, erzählt den Vorfall nach Belieben, wobei es natürlich immer heraus kommt, daß er den Mord aus Nothwehr begangen habe. Weiß er den Richter auf dem rechten Flecke zu packen (d. h. mit Gold), so kommt er oft nicht einmal in das Gefängniß.
Während meines Aufenthaltes zu San Francisco schoß ein Herr, den ich persönlich kennen lernte, seinen Diener nieder. Die Kugel war in die Seite gegangen, und deshalb der Schuß zwar nicht augenblicklich tödtlich, doch hatte man am dritten Tage die Kugel noch nicht gefunden. Der Herr ging zu dem Richter, gab seine That an und erklärte sie ebenfalls für Nothwehr. Er führte an, daß sein Diener häufig betrunken sei, und daß er demselben in solch einem Zustande den Dienst kündete. Der Betrunkene, darüber erboßt, habe ihm geantwortet, daß er ohnehin nicht mehr bleiben wolle, daß er aber, bevor er das Haus verließe, ihn niederschießen werde; „entweder“, habe er hinzu gefügt, „schieße ich Sie todt, oder Sie müssen mich todt schießen.“ Bei diesen Worten habe der Diener ihm mit der Faust gedroht, worauf er (der Herr) eine Pistole ergriffen und auf ihn geschossen habe. Der Mörder wurde auf einen Tag eingesperrt, den zweiten gegen eine Kaution und das Versprechen, sich nicht aus dem Stadtgebiete zu entfernen, wieder frei gegeben.
Kurze Zeit darauf verließ ich San Francisco und erlebte deshalb nicht den Ausgang der Geschichte; allein man versicherte mir, daß, selbst wenn der Diener stürbe, der Herr mit höchstens einigen Wochen Gefängnißstrafe davon käme.
Vor zwei Jahren soll es noch ganz anders zugegangen sein, da war man seines Lebens am hellen Tage nicht sicher. Hatte einer einen Haß gegen jemanden, oder einen Streit, so schoß er seinen Gegner auf öffentlicher Straße nieder. Zweikämpfe wurden ohne weitere Umstände gleich auf der Plaza ausgemacht; die Kämpfer schossen da auf einander, ohne die Vorübergehenden anzurufen und zu warnen. Mitunter traf eine Kugel statt eines Kämpfers einen ganz Unschuldigen; das schadete aber nichts, deshalb wurde niemand zur Rechenschaft gezogen.
Viel strenger verfuhr man zu jener Zeit mit den Dieben, zwar nicht das Gericht, das schlief so fest und wo möglich noch fester als heut zu Tage, sondern die Privatpersonen. Sie bildeten einen Verein und übten die Gerechtigkeitspflege selbst aus[4]. Den ersten Dieb, den sie erhaschten, hingen sie sogleich auf der Plaza auf. Dieß wirkte so kräftig, daß die Diebstähle auf lange Zeit aufhörten.
Wie man sieht ist die Plaza ein höchst merkwürdiger Ort für die Stadtbewohner. Jetzt dient sie nicht mehr als Schauplatz so gewalttätiger Scenen; im Gegentheile kehrt mancher vielleicht ein wenig gebessert von ihr heim. Ein sehr wackerer, würdiger Missionär, Herr Taylor, hält nämlich jeden Sonntag Nachmittag kräftige, gute Predigten dort. Ich hörte mehrere und jede befriedigte mich sehr. Er sprach den Leuten so recht an das Herz und Gemüth, und nahm die zweckmäßigsten Beispiele aus dem gewöhnlichen Leben. Man sah es dem trefflichen Manne an, daß er Missionär aus wahrem, innerem Berufe war. Die Leute hörten ihm auch sehr aufmerksam zu, und mancher Händedruck von Zuhörern ward ihm zum Lohne. Meiner Meinung nach hätten die Christen gute Missionäre weit nöthiger als die Heiden. Ein altes deutsches Sprüchwort sagt: „Kehre zuerst vor deiner Thür.“
Von den öffentlichen Anstalten besuchte ich das Gefängniß und das Stadthospital. Um diese Plätze besuchen zu dürfen, mußte ich eine Menge Gänge machen und ein halbes Dutzend Erlaubnißscheine begehren.
Als ich in dem Gefängnisse dem Director meinen Schein vorwies, begab sich ein komisches Mißverständniß. Da sich in San Francisco niemand Zeit nimmt, eine öffentliche Anstalt zu besuchen, wenn ihn nicht ein Geschäft dahin ruft, dachte der Direktor, ich sei gekommen, um einen Gefangenen zu sprechen. Er las den Schein gar nicht durch, sein Blick blieb blos auf meinem Namen haften. Er dachte eine Weile nach und sagte endlich, er könne sich nicht entsinnen, daß ein Verbrecher dieses Namens in dem Gefängnisse säße, worauf dann natürlich die Erklärung folgte.
Das Gefängniß besteht aus dunklen, feuchten Kämmerchen, jedes für sechs Personen und so klein und enge, daß die Leute kaum Platz zum Schlafen haben. Der Boden ist nicht gedielt, es gibt weder Bänke noch Schlafstellen, und wer Decke oder Polster nicht selbst mitbringt, muß sich ohne sie behelfen. Die Kost ist etwas besser: sie besteht aus Suppe, einem Stücke Fleisch und einer hinlänglichen Portion schönen Brodes.
Vor ungefähr sechs Monaten bekam das Gefängniß einen ganz unerwarteten Besuch: eine zahlreiche Gesellschaft von Männern (achtzig bis neunzig) verlangten es zu besehen. Als man sie eingelassen hatte, bemächtigten sie sich der Schlüssel, holten einen Verbrecher heraus, den das Volk schon lange gerne gerichtet sehen wollte und der bei der üblichen Fahrlässigkeit der Regierung wahrscheinlich mit geringer Strafe entkommen wäre, und hingen ihn vor dem Gefängnisse auf.
Das Hospital ist ziemlich gut, besonders wenn man auf die Zeit Rücksicht nimmt, zu welcher es errichtet wurde, im Jahre 1849. Es war damals in San Francisco noch alles so kostspielig, daß man sich wundern muß, wie die zur Errichtung eines anständig geordneten Krankenhauses (gegenwärtig schon mit dreihundert Betten) nöthige Summe durch freiwillige Beiträge zusammen gebracht werden konnte. Die Kranken bezahlen per Woche in den allgemeinen Zimmern 15, in einem besonderen 25 Dollars; die meisten werden jedoch unentgeldlich aufgenommen. Was mir sehr gut gefiel, ist, daß man Unheilbare nicht fortschafft: sie bleiben bis zu ihrem Tode. Wer das Unglück hatte, vor Errichtung dieses Hospitales zu erkranken, der konnte sich noch glücklich schätzen, wenn man ihn in irgend einen Winkel trug und ruhig genesen oder sterben ließ. Kein Mensch hatte Zeit, sich nach einem Leidenden umzusehen, — Gold, Gold war das einzige Ziel und Streben.
Ich hatte Gelegenheit, in San Francisco eine sehr schöne Ausstellung von Gemüsen, Früchten, Getreide-Gattungen und anderen Naturprodukten Kaliforniens zu sehen, die Herr Warren veranstaltete. Ein Kürbis wog 125 Pfund, eine Runkelrübe 35 Pfund, eine weiße Rübe 25 Pfund, ein Blumenkohl 22 Pfund, eine gelbe Rübe 6 Pfund, eine Kartoffel 4 Pfund, eine Zwiebel 2 Pfund, ein Krautkopf hatte 2½ Fuß im Durchmesser. Weizen- und Gerstenhalme gab es von 12 Fuß Höhe, mit sehr großen, reichgefüllten Aehren, Maisstengel von 17 Fuß Höhe mit 3 Kolben, wovon jeder zwischen 550 und 600 Körner zählte. Die Früchte waren weniger ausgezeichnet. Was kann Kalifornien nicht liefern, wenn sich die Leute mehr und mehr mit Ackerbau und Kultur beschäftigen werden!
Nicht minder interessant war die Ausstellung eines Riesen-Eichenstammes. Der Baum kam aus der nördlichen Gegend Kaliforniens und war 250 Fuß hoch; der Stamm hatte am Grunde 97 Fuß, oberhalb des Grundes 85 Fuß im Umfange. Man schätzte sein Alter auf 1500 Jahre. Als er gefällt wurde, war er noch vollkommen gesund. Man löste die achtzehn Zoll dicke Rinde in Streifen ab, stellte sie in San Francisco wieder zusammen und bildete daraus einen niedlichen Saal. Eine Durchschnittsscheibe des Stammes wurde daneben gelegt, damit man sich von dem Durchmesser des Baumes überzeugen konnte.
Ich machte von San Francisco drei Ausflüge in das Innere von Kalifornien. Den ersten nach Sacramento, Mary’s Ville und den Goldminen an dem Yuba-Fluß, den zweiten nach Crescent-City und zu den Rogue-River-Indianern, den dritten nach St. José.
Am 3. October Nachmittags 4 Uhr schiffte ich mich auf dem schönen Dampfer „Senator“ nach Sacramento (100 Meilen) ein.
Die Amerikanischen Dampfer sind die schönsten, die man sehen kann. Sie verdienen mit vollem Rechte, „Wasserpaläste“ genannt zu werden, denn sie sehen vollkommen wie Häuser aus. Die Flußdampfer besonders haben Stockwerke mit großen Thüren, Fenstern und Galerieen. Ständen sie nicht im Wasser, so würde kein Mensch sie für Schiffe halten. Die innere Einrichtung gibt an Pracht und Vollkommenheit der äußeren nichts nach. Wenn man Nachts einem solchen Dampfer begegnet, gewährt dieß einen wahren Feenanblick; alles erglänzt im hellsten Lichte und die Schornsteine speien Feuer, gleich Vulkanen.
Spät Abends lenkten wir in den Sacramento-Fluß, der bis zu der Stadt Sacramento für Dampfer von zwölf- bis fünfzehnhundert Tonnen fahrbar ist.
Am 4. October Morgens 5 Uhr landeten wir an der Stadt. Die Reisenden stürzten wie besessen an’s Ufer, um ihre Reise mit Stage-coaches oder anderen kleineren Dampfbooten ohne Zeitverlust fortzusetzen. Auch ich folgte ihrem Beispiele, und eilte, um meinen Platz auf der Stage-coach nach Gras-Vale zu erobern. Allein meine Eile war umsonst. Die Kutsche war schon um 4 Uhr abgegangen. Ich änderte meine Reise dahin ab, daß ich auf einem Dampfer nach Mary’s Ville (50 Meilen) ging.
Die Zeit bis zur Abfahrt des Dampfers benutzte ich, die Stadt zu besehen, die in einer staubigen, sandigen Ebene liegt, in deren weitem Hintergrunde man dunkle Umrisse von Gebirgen entdeckt. Die Stadt zählt 20,000 Einwohner und bietet in kleinerem Maßstabe dasselbe unvollendete, unsaubere Bild wie San Francisco. Nach den Begriffen der Amerikaner gehört auch Sacramento zu den Wunderwerken der Welt, da sie gleich San Francisco eben so schnell entstanden und eben so oft abgebrannt ist.
Um 11 Uhr ging es wieder an die Reise. Schon nach einigen Meilen lenkten wir in den Feather-Fluß, an welchem Mary’s Ville liegt. Die Ufer dieses Flusses bleiben sich so ähnlich, daß ich mich, nachdem ich sie einige Zeit betrachtet hatte, in den Saal begab, um auch über die Gesellschaft meine Bemerkungen zu machen. Ich befand mich hier zum ersten Male in einer großen Gesellschaft von freien Amerikanern. Wie in den Spielhäusern zu San Francisco fielen mir vor allem die Kontraste in der Kleidung auf. Die Damen waren durchgehend sehr geputzt und hätten in ihrem Reiseanzuge in den glänzendsten Gesellschaften erscheinen können. Ganz anders verhielt es sich mit den Männern. Manche waren wohl sehr anständig gekleidet; die meisten aber hatten Jacken an, die nicht selten zerrissen waren, derbe, schmutzige Stiefel über die Beinkleider gezogen und die Hände so außerordentlich plump und verbrannt (eine Sache, die mir selbst bei den best angekleideten Herren häufig auffiel), wie die gemeinsten Bauersleute. Man spielte Karten, man kaute Tabak, selbst Jungen von zehn bis zwölf Jahren thaten dieß; allein man spuckte nicht so herum, wie manche Reisende behaupten. Eine andere Gewohnheit aber, nicht minder häßlich als das Spucken, ist, daß sich die Leute wohl der Sacktücher, aber zuvor ihrer Finger bedienen; ich sah dieß sogar bei elegant gekleideten Herren.
Der gesammten Männerwelt muß ich das Zeugniß geben, daß sie gegen mein Geschlecht, alt oder jung, reich oder ärmlich gekleidet, gleich artig und gefällig war. Die Amerikaner gleichen hierin nicht meinen Landsleuten, und überhaupt nicht den Europäern, die ihre Artigkeit gewöhnlich nur der Jugend, Schönheit und dem Putze widmen.
Bei Tische blieb man nicht lange sitzen und sprach beinahe kein Wort; die Leute verschlangen die Speisen brühheiß und halb ungekaut. Sie gönnten sich keine Zeit, obwohl niemand etwas zu thun hatte; allein es ist nun einmal schon ihre Gewohnheit, alles als Geschäft zu betrachten und alles mit größter Hast und Eile zu verrichten. Getrunken wurde nichts als Wasser. Man sagte mir, daß der Amerikaner es vorziehe, die spirituosen Getränke zu verschiedenen Zeiten des Tages in kleinem Maße zu sich zu nehmen. Auf jeden Fall glaube ich jedoch, daß er hierin dem Engländer nachsteht, denn auch Kaffee und Thee wurde nicht sehr stark und nicht in großen Portionen genossen.
Die Fahrt nach Mary’s Ville währte sehr lange, der Fluß hatte in dieser Jahreszeit wenig Wasser, und wir saßen alle Augenblicke auf Sandbänken auf. Es zeigten sich hie und da einige Hügel, später sogar Gebirgsketten.
Ich hielt sechs Meilen von Mary’s Ville bei der dem General Sutter gehörigen Farm[5] an. Es war 10 Uhr Nachts, als ich an’s Ufer gesetzt wurde. Ich wußte weder Weg noch Steg; doch lag die Farm nicht weit entfernt. An dem Gartenzaune angekommen, stürmte ein halbes Dutzend großer Hunde auf mich ein. Ich verhielt mich ruhig, wohl wissend, daß es so bei dem Gebelle bleibe. Alles lag schon in tiefer Ruhe. Durch den Lärm der Hunde aufgeweckt, kam endlich jemand daher. Man empfing den späten Gast auf die zuvorkommendste Weise.
General Sutter, ein Schweizer von Geburt, hat nicht nur, wie bereits erwähnt, die erste Goldmine entdeckt; er zeichnete sich auch als Soldat in dem letzten Kriege gegen die Mexikaner sehr aus. Er lebt seitdem auf seinen bedeutenden Ländereien.
Sein jüngster Sohn, ein Mann von zweiundzwanzig Jahren, ist schon Oberst bei der Landmiliz. Uns Europäern kommt es sonderbar vor, in Amerika junge Leute so hohe Stellen bekleiden zu sehen. Der Amerikaner sagt: „Wenn junge Leute ihr Fach verstehen, sind sie den älteren vorzuziehen, da sie mehr Thätigkeit, Fleiß und Ausdauer besitzen.“ Man findet in Amerika Männer von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, die sich als Kaufleute, Advokaten, Schiffskapitaine u. s. w. schon ein schönes Vermögen erworben haben. Freilich fangen sie auch in sehr frühen Jahren zu arbeiten an.
Ich verweilte zwei Tage in der Rock-Farm. Hier wird schon ziemlich viel Getreide und Gemüse gebaut. Der Boden sieht in der trockenen Jahreszeit so unfruchtbar aus (nichts als Sand und Staub), daß man denken sollte, das wenige, was hier wachsen kann müsse mit der größten Sorgfalt gepflegt werden. Man versicherte mich des Gegentheiles. Der Boden wird weder gedüngt noch bewässert, und die Getreidehalme, welche man mir von der letzten Ernte wies, waren groß und überreich an Körnern. Doch muß man auch bedenken, daß der Boden erst vor ein Paar Jahren zum ersten Male aufgebrochen wurde. Wer weiß, wie er sich nach fünfzig Jahren zeigen mag.
Mit Herrn Sutters älterem Sohne, der sich viel mit Botanik beschäftigt, machte ich einen Spaziergang nach einem nahe gelegenen Walde. Ich sah da sehr schöne und sehr verschiedenartige Eichen, an welchen Kalifornien überhaupt reich sein soll, ferner hübsche Schlinggewächse und sehr viele wilde Weinreben, die sich hoch hinauf mit den Bäumen verzweigten. Die Beeren waren klein und nicht sehr süß. Der Boden des Waldes hatte nicht den geringsten Anflug von Gras oder Grün.
Ungefähr zwanzig Meilen von der Rock-Farm entfernt, erhebt sich eine majestätische Gebirgskette, deren höchste Spitze Chasta heißt und 14,000 Fuß hoch sein soll. Vor dieser Kette steigen mitten in der Ebene senkrechte Felswände auf, die man einem riesigen Walle vergleichen könnte. Sie bilden drei Hauptspitzen, welche die „drei Buds“ genannt werden.
Am 7. Oktober ließ mich Herr Sutter nach Mary’s Ville führen. Dieses Städtchen liegt am Zusammenflusse des Feather- und Yuba-Flusses. Ein Privatmann ließ hier eine hölzerne Brücke von vielleicht 120 Fuß Länge bauen, deren Ueberschreitung per Pferd oder Stück Hornvieh einen halben Dollar kostet.
Mary’s Ville, später entstanden als Sacramento, enthält bereits 6000 Einwohner, hat schon zwei Zeitungen und ein Theater. Die Waarenlager sind so überfüllt, daß sie den Bedürfnissen einer zehnmal größeren Bevölkerung genügen würden. Es wird wohl viel hiervon nach den Minen gesandt; aber die Mode- und Luxus-Artikel finden doch nur bei den Städtern Absatz.
Kaum in Mary’s Ville angekommen, war ich so glücklich, dem Herrn Baronet Heinrich Huntley zu begegnen, einem Engländer, den ich in San Francisco kennen gelernt hatte. Dieser Herr besitzt Quarz-Goldminen zu Brown’s-Valley, nahe der Gebirgskette, 14 Meilen von Mary’s Ville, und ließ daselbst eine Dampfmühle zur Stampfung der Steine bauen. Er war so gefällig, mich auf sein Besitzthum mitzunehmen, um mir die Quarzminen, so wie auch die Goldwäschereien an dem Yuba-Flusse, die 6 Meilen davon entfernt liegen, zu zeigen.
Herr Huntley hat sich in Brown’s-Valley erst vor drei Monaten angesiedelt, zu welcher Zeit der Platz einer Wildniß glich. Jetzt standen schon drei kleine Holzhäuschen, und das Hauptwerk, die Dampf-Stampfmühle, war der Vollendung ziemlich nahe. Die Arbeitsleute wohnten in Zelten umher, und es sah recht belebt aus.
Die ganze Umgebung besteht aus reichhaltigen Goldquarz-Lagern. Das Verfahren in den Minen ist wie in anderen Ländern. Man macht Schachten und Gänge, fördert das Gestein zu Tage, schafft es in die Mühle, stampft es zu Pulver, sondert durch Waschen das Metall von dem Quarzstaube, schmilzt es mit Schwefelsäure und bindet es mit Quecksilber. Herr Huntley war so gefällig, mir die ganze Verfahrungsart im Kleinen zu zeigen. Ein Quarzstein von fünf Pfund lieferte auf diese Weise dreizehn Cents Werth in Gold. Jedermann kann graben; da aber das Anlegen einer Mühle eine etwas bedeutende Summe kostet, verkaufen die Minengräber ihre Steine an Herrn Huntley.
Den folgenden Tag führte man mich nach den großen Goldwäschereien an dem Yuba-Flusse. Das Gold wird hier auf zweierlei Arten gewonnen. Die Goldsucher graben Löcher an Stellen im Flußbette, in welche das Wasser nach einiger Zeit Erde und Schlamm absetzt; bei trockener Jahreszeit zieht es sich etwas zurück. Nun schürft man das Angeschwemmte heraus und sondert das sich vorfindende Gold durch Waschen ab. Die zweite, ungleich großartigere Weise besteht in dem Abdämmen des Flusses. Man baut zu diesem Zwecke mehrere hundert Klafter lange hölzerne Fluder, in welche man den Fluß leitet. Der ganze trocken gelegte Theil des Flußbettes wird dann durchwühlt und das Erdreich gewaschen. Zu allen diesen Unternehmungen verbinden sich die Leute in größeren Gesellschaften und theilen den Gewinn am Ende jeder Woche. Es geht dabei so ordentlich und redlich zu, daß nie ein Streit stattfindet. Jede Gesellschaft wählt ein Haupt, welches mit der Austheilung beauftragt ist. Mit nicht minderer Sicherheit kann der Eigenthümer seinen Schatz ohne Schloß und Riegel in seinem Zelte liegen lassen; er wird nie etwas davon vermissen. Nicht so sicher ging es in der ersten Zeit zu. Da wurde gestohlen und gemordet. Die Goldsucher sahen sich gezwungen, der Justiz vorzugreifen und selbst Ordnung zu schaffen. Sie hingen Diebe wie Mörder ohne Umstände auf, und dieses Mittel war probat.
Wer nicht selbst arbeiten will, findet Leute, die sich verdingen. Viele ziehen einen gewissen Lohn dem ungewissen Gewinne vor; sie erhalten sechs bis acht Dollars per Tag.
Jedermann und jede Gesellschaft kann einen freien Platz zum Goldsuchen auswählen; nur muß mit der Arbeit spätestens vierzehn Tage nach der Besitznahme angefangen werden. Wird dieser Zeitpunkt versäumt, so ist das Recht auf den Platz verloren, und jeder andere Liebhaber kann sich darauf niederlassen.
Wenn jemand nur mit einiger Wahrscheinlichkeit anzugeben vermag, daß auf dieser oder jener Stelle Gold zu finden sei, selbst auf Plätzen, wo Häuser stehen, so muß sie der Besitzer gegen Schadenersatz dem Minengräber überlassen. Dieselben Gesetze bestehen auch in Chili und Peru.
Es wurde an dem Flusse ungemein viel gearbeitet, und die Ufer sahen sehr belebt aus. Gegen fünftausend Menschen waren auf einer Strecke von höchstens drei bis fünf Meilen Länge beschäftigt. Zeltdörfer reihten sich an Zeltdörfer; die Leute können sich keine Holzhütten bauen, da sie, so wie eine Stelle ausgebeutet ist, zu einer anderen ziehen. Die verschiedenen Nationen halten sich in Arbeit und Wohnung meistens zusammen, so die Deutschen, die Amerikaner, die Chinesen u. s. w.
Unter den Goldsuchern gibt es im Verhältniß nur wenige, die ein Vermögen zusammenbringen. Sie können nur acht Monate im Jahre arbeiten, bis zu dem Eintritte der Regenzeit. Die Arbeit ist sehr beschwerlich, die Leute müssen den ganzen Tag im Wasser stehen, und während der Dauer ihrer Arbeiten muß jeder auch der geringsten Annehmlichkeit und Erholung des Lebens entsagen. Gehen sie dann während der vier Monate in irgend eine Stadt, so leben sie da wie die Matrosen, die nach einer langen Seereise das Land betreten. Systematisch angelegte Verführungen lauern von allen Seiten auf sie, der Schwindel der Unterhaltung ergreift die Unglücklichen, und wenn sie aus dem Taumel erwachen, ist nur zu oft der schwer erworbene Gewinn verschwunden. Arm, wie das erste Mal, als sie von der Heimath kamen, aber geschwächt an Körper und Seele durch das wüste Leben in der Stadt, müssen sie nach der harten Arbeit zurückkehren, und glücklich noch derjenige, den die gemachte Erfahrung vor Wiederholung bewahrt!
Die Gegend um Brown’s-Valley wie um den Yuba-Fluß gehört zu den waldigen und gebirgigen. Die Wälder sind aber sehr licht, alle vierzig bis sechzig Schritte steht ein Baum, meistens Eichen. Untergebüsch, Schlingpflanzen gibt es gar nicht; der Boden besteht aus Staub und kleinen Steinen.
Nach einigen Tagen verließ ich diese Gegend und ging wieder nach Mary’s Ville zurück. In dem letzteren Landstriche ist es viel wärmer als in und um San Francisco, obwohl jener nicht bedeutend viel südlicher liegt. Ich war hier abermals so unglücklich, einen Anfall von dem hartnäckigen Sumatrafieber zu bekommen.
In Mary’s Ville fand ich einen Landsmann, einen Wiener, Herrn Rogler. Unsere beiderseitige Freude, von der lieben Heimath sprechen zu können, war so groß, daß mir der gute Mann einen ganzen Tag schenkte und mich an alle Orte begleitete, wo es etwas zu sehen gab.
Am meisten interessirten mich hier die Eingebornen, die noch reine Indianer sind und sich vor jeder Vermischung mit Spanischem Blute bewahrt haben. Diese sogenannten „Wilden“ vermindern sich von Jahr zu Jahr und werden überall von den harten Weißen verdrängt. Vor einigen Jahren lebten noch mehr als sechzig Familien bei Mary’s Ville, jetzt sind sie bis auf zwanzig zusammen geschmolzen[6].
Ich fand diese Indianer noch viel häßlicher als die Malaien. Ihr Wuchs ist klein und gedrungen. Sie haben besonders kurze Hälse und plumpe Köpfe. Die Stirn ist niedrig, das Nasenbein wenig erhoben, die Nasenflügel breit, die Augen schmal gespalten, wenig Intelligenz ausdrückend, die Backenknochen breit, der Mund groß; die Zähne, zwar weiß, stehen selten in schönen Reihen. Die kurzen, dichten und straff um den Kopf herab hängenden Haare sehen gerade wie eine Pelzmütze aus. Die Farbe derselben ist braun, nicht selten lichter und dunkler auf einem und demselben Kopfe; sie pflegen sie wenig und scheinen sie mit keinem Fette zu schmieren. Kinder von vier bis sechs Wochen hatten schon einen ganzen Wald von Haaren auf dem Kopfe. Ihre Hautfarbe ist schmutzig gelbbräunlich; die Weiber sind sehr zum Fettwerden geneigt. Männer wie Weiber haben die Ohrläppchen sehr weit durchstochen und tragen lange, runde, fingerdicke Rollen darin, die mit Zeichnungen oder Glasperlen verziert sind. Sie schmücken sich außerdem mit Glasperlen, Knöpfen, Federn und allem, was sie von den Weißen erhalten können. Die Weiber waren am Kinn ganz wenig tätowirt. Ursprünglich gingen die Männer ganz nackt, die Weiber trugen blos eine fußlange Schürze um die Mitte des Leibes; seit sich jedoch die Weißen hier niedergelassen haben, lesen die Indianer die weggeworfenen Kleidungsstücke, Wäsche, Stiefel u. s. w., von den Straßen auf und bedecken ihren Körper damit oft auf die lächerlichste Weise.
In Bildung und Lebensweise stehen diese Menschen sehr tief. Sie treiben weder Ackerbau noch Viehzucht noch Jagd, nichts als etwas Fischfang. Zu ihren Wohnungen graben sie runde, fünfzehn bis zwanzig Fuß breite, zwei Fuß tiefe Löcher in die Erde, über die sie ein zeltförmiges Dach von Holzwerk und Erdreich legen. Die Thüre ist ein kleines Loch, durch welches man auf Händen und Füßen kriechen muß; eine noch kleinere Oeffnung an der Spitze des Daches läßt den Rauch durchziehen. Sie haben weder Matten noch Geschirre und verstehen nichts als Körbe zu flechten. In dieser Kunst sind sie wahre Meister, wissen die Körbe vollkommen wasserdicht zu flechten und kochen sogar ihre Fische darin. Sie flechten große, um den Vorrath von getrockneten Fischen zu bewahren, kleinere, um Wasser zu holen, und ganz kleine, die ihnen zur Bedeckung des Kopfes dienen.
Es war gegen Abend, als ich diesen Stamm besuchte. Die Leute saßen vor ihren Höhlen an kleinen Feuern und bereiteten und verzehrten ihr Abendessen, das aus gebratenen Fischen und Eichelbrot bestand. Letzteres war fest, schwer, sehr feucht, hatte die Farbe der Chocolade und einen etwas bitteren Geschmack. Sie zerstampfen hiezu die getrockneten Eicheln zu Pulver und verfertigen daraus das Brot ohne sonstige Beimischung als Wasser. Außer Fischen und Eicheln essen sie so ziemlich alles, was sie bekommen können. Eidechsen, Heuschrecken, Frösche, Käfer u. s. w. sind Leckerbissen für sie.
Ich sah unter diesem Völkchen leider sehr viele Fieberkranke, auch eine Irrsinnige und auffallend wenig Kinder. Die Indianer, die in der Nähe der Weißen bleiben, sterben noch ungleich schneller aus, als jene, die in das Innere der Wälder fliehen. Erstere erhalten von den Weißen als Tauschmittel für Fische häufig Branntwein, der Gift für sie ist, und, wie man schon bemerkt hat, sie erkranken und selbst sterben macht. Ein zweites, noch größeres Unglück sind für sie die Blattern, eine Krankheit, die durch die Weißen eingeschleppt wurde, und an der die Eingebornen sehr häufig sterben.
Ihre Armuth an Kindern rührt hauptsächlich davon her, daß sie sich gemeiniglich nur in ihrem eigenen Stamme verheirathen; sie sind oft ganz verschwistert und verwandt unter einander. Ihre Sitten sollen gut sein. Keine Indianerin wird freiwillig mit einem Weißen umgehen; sie würde von ihrem Stamme verstoßen oder wohl gar getödtet. Will ein Weißer ein Verhältniß mit einer Eingebornen eingehen, so muß er den Häuptling durch Geschenke zur Bewilligung zu gewinnen suchen.
Eine recht malerische Gruppe bildeten die drei Aeltesten des Volkes. Sie hatten einige Europäische Kleidungsstücke an, einen reichen Federschmuck auf den Häuptern und saßen ruhig und ernst auf der Spitze einer ihrer Erdhöhlen. Es schien, als betrachteten sie in ihrem einfachen Naturverstande das rastlose Treiben der nahe wohnenden weißen Fremdlinge nicht mit Erstaunen und Bewunderung, sondern mit Verachtung und Geringschätzung. Ich werde die Blicke nie vergessen, welche diese drei Männer auf mich und meinen Begleiter warfen; als letzterer sie ansprach, würdigten sie ihn kaum einer Antwort.
Von dem Werthe des Goldes haben die Leute noch keinen Begriff: die kleinste wie die größte Summe ist bei ihnen 5 Dollars. Ich wollte eine von den Rollen kaufen, die sie durch das Ohr stecken, so wie eines der wasserdichten Körbchen; sie verlangten für den einen wie für den andern Gegenstand 5 Dollars.
Abends besuchte ich auch in Mary’s Ville die Spiel-, Tanz- und anderen öffentlichen Unterhaltungs-Häuser. Ich kann von ihnen nur wiederholen, was ich von jenen in San Francisco geschrieben habe: sie sind Kopien in kleinerem Style. Ich möchte wohl behaupten, daß in der kurzen Zeit, seit der Weiße nach Kalifornien kam, viel mehr Verbrechen und Laster begangen wurden, als in den Hunderten von Jahren, während der das Land nur von Eingebornen bewohnt war.
Nach San Francisco zurück ging ich denselben Weg über Sacramento. Die Ufer des Flusses Sacramento werden von den Amerikanern als bezaubernd schön und üppig geschildert. Auf der Herreise konnte ich nicht viel sehen, ich machte sie bei Nacht. Mit großer Erwartung begab ich mich daher auf die Rückreise, bei welcher mich der hellste Tag, das glänzendste Sonnenlicht begünstigten. Ich bemühte mich aber vergebens, die schönen Landschaften zu erblicken, die von Hunderten und Tausenden bewundert werden. Die Ufer waren wohl von einer Reihe von Bäumen und von Gebüschen umsäumt; allein wenige Schritte nach dem Innern zu hörte die Vegetation auf, und der Blick verlor sich auf der sandigen, staubigen Ebene. Und selbst die Bäume, meistens Eichen, Weiden und Eschen, konnte man nicht schön nennen: sie hatten zwar zum Theil dicke Stämme und umfangsreiche Kronen und Aeste, welch letztere sich mitunter weit über das Wasser neigten; allein das Laubwerk war sehr klein, schmal und von schmutzig dunkelgrüner Farbe. Nur Leute, die beständig in der nackten, baumleeren, sandigen Gegend von San Francisco leben, können so viel Wesen aus diesen armseligen Ufern machen.