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Meine zweite Weltreise

Chapter 3: Achtzehntes Kapitel.
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About This Book

Die Autorin schildert eine ausgedehnte Reise durch die Vereinigten Staaten und angrenzende Regionen, berichtet von Dampferfahrten auf dem Mississippi, dem Leben in New Orleans und auf Plantagen sowie von öffentlichen Sklavenversteigerungen und der Behandlung versklavter und freier Schwarzer. Sie beschreibt Städte, Eisenbahnen, Häfen und Hotels, die Großen Seen und die Wasserfälle sowie Begegnungen mit indigenen Gruppen und religiösen Gemeinschaften. Reiseeindrücke verbinden Landschafts- und Infrastrukturbeobachtungen mit sozialen und juristischen Kommentaren, alltagsnahen Schilderungen und kritischen Reflexionen über Ungleichheit und Sitten der bereisten Orte.

Achtzehntes Kapitel.

Neu-Orleans. — Oeffentliche Gebäude. — Hôtels. — Der französische Marktplatz. — Oeffentliche Sklaven-Versteigerung. — Die Sklavenhändler. — Besuch einer Plantage. — Die Sklaverei. — Beispiele von grausamer Behandlung der Sklaven. — Die freien Neger und Farbigen. — Nachsicht mit den weißen Verbrechern.

ie Entfernung von Aspinwall nach Neu-Orleans beträgt 1440 Seemeilen, von welchen 1350 auf den Mexikanischen Meerbusen, 90 auf den Mississippi kommen. Die Fahrt bis an die Mündung dieses mächtigen Stromes legten wir ohne Unfall oder Abenteuer in fünf Tagen zurück. Die schmutzig gelben Wogen des Mississippi wälzen sich der See mit Ungestüm entgegen, und meilenweit vom Gestade erkennt man sein Gewässer an der Färbung. An der Mündung erscheint der Strom endlos wie die See. Auch höher hinauf noch breitet er sich schrankenlos über das tief liegende Erdreich aus, und gönnt kaum hie und da einer Sandbank, einem Erdfleckchen Platz. Nach und nach drängt sich mehr Land hervor, der kühne Fischer wagt es schon, sein bescheidenes hölzernes Hüttchen darauf zu bauen; noch höher hinauf beginnen die künstlichen Erdwälle, die den Strom einfassen und sein Bett beschränken. Einen ängstlichen Eindruck macht es zu Anfang auf den Reisenden, den Strom sechs bis acht Fuß über das Land emporragen zu sehen: statt auf das Ufer hinauf, blickt man auf dasselbe hinunter. Wie leicht kann er seine Fesseln brechen und Tod und Verderben über die sorglosen Ansiedler bringen! Den Fischerhütten folgt bald fetter Grasboden, diesem einzelnes Gestrüppe, das nach und nach Gruppen bildet und endlich in kleine Waldungen übergeht. Da kommt auch schon der Mensch mit seinem Fleiße. Mais und Zuckerpflanzungen wechseln mit den Waldparthien, und wie das Land an Räumlichkeit gewinnt, vermehrt sich die Kultur, bis zuletzt die schönst geordneten Pflanzungen sich ununterbrochen an einander reihen. Die netten Häuser der Pflanzer, die Zuckermühlen mit ihren hohen Kaminen, die kleinen, aber niedlich aussehenden Hütten der Sklaven verleihen dem Ganzen ein überaus freundliches Aussehen. Beneidenswerth möchte man das Loos der Bewohner nennen, wüßte man nicht, daß alle, die Pflanzer ausgenommen, — Sklaven sind.

Ungefähr auf halbem Wege zwischen der Mündung des Mississippi und Neu-Orleans kommt man an dem einfachen Fort „Jackson“ vorüber.

Gegen Mitternacht fiel der Anker vor Neu-Orleans, der größten Stadt in dem Staate Louisiana.

Ungeachtet der späten Stunde eilten die meisten Reisenden noch an’s Land, jeder hatte Freunde oder Verwandte und wußte, wohin zu gehen — ich hatte niemanden aufzusuchen, ich stand allein und verweilte daher bis zum folgenden Morgen ruhig in meiner Zelle.

Bei der Landung bekam ich schon einen kleinen Vorgeschmack von der hier herrschenden republikanischen Gleichheit. Unter den Reisenden befand sich ein sehr hübsches Mädchen von etwa zwanzig Jahren, mit blendend weißer Hautfarbe und schönem, schwarzem Haar, das nur vorn ein wenig gekräuselt war und so dem scharfen Beobachter einigen Zweifel an der Reinheit des Blutes hätte einflößen können. Kaum hatte die Arme den Fuß an’s Land gesetzt, so wurde sie von einem Gerichtsdiener angehalten und in das Gefängniß gebracht, wo sie abwarten mußte, bis ihre Verwandten kamen, zu beweisen, daß sie frei sei.

Ich hatte dieses Mädchen schon bemerkt, als ich mich in Aspinwall einschiffte; sie fiel mir durch ihre Schönheit und durch ihr bescheidenes Benehmen auf. Sie verschwand jedoch alsbald und kam während der ganzen Reise nicht wieder zum Vorschein. Als ich mich erkundigte, ob sie seekrank sei, daß sie gar nie zu Tisch käme, gab mir einer der Herren, die Nase rümpfend, zur Antwort: „Wie könnte eine Farbige es wagen, in unsere Gesellschaft zu kommen? Jede unserer Frauen würde vom Tische aufstehen.“ Und diese Weißen mit so abgeschmackten, inhumanen Ideen sind dieselben, die den ganzen Sonntag über nichts anderes thun, als Kirchen besuchen und die Bibel lesen, von der sie (so beweist wenigstens ihr Benehmen) wahrhaftig nicht mehr zu verstehen scheinen, als ein Papagei von den Worten, die er plappern lernt.

Am letzten Tage der Reise, schon nahe der Gegend von Neu-Orleans, kam das arme, von der Gesellschaft verbannte Geschöpf manchmal auf das Deck; ich sprach mit dem Mädchen und fand sie höchst liebenswürdig und gebildet — ich möchte allen weißen Mädchen wünschen, daß sie ihr an Bildung und Bescheidenheit glichen.

Die Stadt Neu-Orleans steht auf morastigem Grunde, an manchen Stellen acht Fuß unter dem Niveau des Stromes. Sie nimmt sich sehr gut aus, ist regelrecht gebaut, besitzt viele schöne Häuser von Backsteinen, breite Straßen und einige hübsche Squares (Plätze) mit freundlichen Gartenanlagen. Schade, daß die Straßen, wenige ausgenommen, so schmutzig und unrein sind! Längs der Fußwege laufen wohl kleine Rinnen oder Kanäle für fließendes Wasser; aber theils sind sie ausgetrocknet, theils gleichen sie im vollsten Sinne des Wortes den ekelhaftesten Pfützen; man ist häufig gezwungen, das Tuch vor die Nase zu halten. Mit dem Unrathe nehmen es die Leute auch nicht so genau: sie werfen vieles auf die Straße. Im Regenwetter sind manche Straßen beinahe ganz unter Wasser. Bei dieser Unreinlichkeit, mit der sumpfigen Gegend rings umher und der glühenden Hitze, ist es nicht zu wundern, daß diese Stadt so oft von dem gelben Fieber besucht wird.

Neu-Orleans zählt bei 150,000 Einwohner, von welchen ungefähr ein Drittheil Franzosen, ein Drittheil Amerikaner, ein Drittheil Deutsche und andere Nationalitäten. Unter dem Namen „Amerikaner“ versteht man eigentlich nur jene, die von den Engländern abstammen. Meiner Meinung nach gebührt dieser Name entweder allen von Einwanderern Abstammenden, die im Lande geboren, oder gar keinem, denn „Amerikaner“ ist eigentlich nur der Indianer. Allein der Stolz der Engländer verleugnet sich nirgends, und so haben sie sich ausschließend einen Namen zugeeignet, der ihnen so viel oder so wenig zukommt, wie allen übrigen Nationen.

Neu-Orleans ist für den Welthandel der Vereinigten Staaten im Süden, was Neu-York im Norden. Es ist die drittgrößte Handelsstadt, aber die erste als Ausfuhrplatz.

Der Strom ist meilenlang mit Dampfern und Schiffen jeder Art bedeckt. Achthundert Dampfer befahren von hier aus den Mississippi und dessen Nebenflüsse. Ein großer Theil dieser Dampfer hat vier- bis sechshundert Pferdekraft, zwei Stockwerke, schöne Gallerieen — man glaubt eine Stadt von hölzernen Palästen vor sich zu sehen.

Im Spätherbste soll es auf dem Mississippi noch ungleich lebhafter zugehen, als es zur jetzigen Zeit der Fall war. Da ist die Ernte vorüber, Zucker und Baumwolle, die Hauptartikel der Ausfuhr, liegen bereit und werden in alle Weltgegenden versendet. Im Jahre 1853 wurden gegen fünf Millionen Zentner Zucker ausgeführt.

Seit kurzem haben die Pflanzer angefangen, mit der Guano-Düngung Versuche zu machen, wobei sich ein Gewinn von 100-150 Prozent ergab. Welch’ ungeheuere Steigerung wird dieß mit der Zeit in der Produktion bewirken!

Außer dem Mississippi, dem mächtigsten Strome der Vereinigten Staaten, außer der Schiffswelt, die sich längs der Stadt ausbreitet, hat Neu-Orleans nicht viel Anziehendes. Die Umgebung ist eben, auch nicht durch den kleinsten Erdhügel unterbrochen.

Unter den Gebäuden zeichnen sich die Hôtels (besonders das St. Charles-Hôtel), die Münze, die Banken, die Maurer- und andere Logen, das Charity-Hospital, die katholische Kathedrale aus. Beinahe alle diese Gebäude sind aus Quadersteinen erbaut.

Die katholische Kathedrale nimmt sich sehr gut aus, ist in Gothischem Style gebaut und besitzt einen schönen, eisernen, durchbrochen gearbeiteten Thurm. Das Innere ist einfach und sauber, nur mißfiel mir die nach dem Vorbilde von London gemachte Eintheilung in Logen und Sperrsitze.

Das Hôtel St. Charles ist überaus großartig angelegt: es hat ein herrliches Portal mit einer Säulenreihe. Die innere Einrichtung entspricht der äußeren Pracht. Hohe, große Empfangssäle, mit dem größten Luxus ausgestattet, Lese-Säle mit allen Zeitungen der Welt, dabei zahllose Dienerschaft und eine Kost, die selbst dem Verwöhntesten nichts zu wünschen übrig läßt. Man zahlt zwar drei Dollars per Tag; bedenkt man aber, was man alles dafür hat, so ist der Preis nicht gar so übertrieben. Ueber die Maßen theuer dagegen sind die Empfangszimmer, wenn man sie zu seinem ausschließenden Gebrauche miethen will: ein Empfangszimmer kostet per Tag acht Dollars. Doch werden sie selten gemietet. Der Amerikaner geht den größten Theil des Tages seinen Geschäften nach; kommt er nach Hause, so verweilt er in den allgemeinen Besuch- oder Lese-Zimmern. Da wird geschrieben, gelesen, Musik gemacht, Kinder tummeln sich umher, eins nimmt auf das andere keine Rücksicht, jeder benimmt sich, als wäre er in seinen eigenen Zimmern. Eben so ungezwungen geht es bei Tisch zu. Man ist in Betreff der Mahlzeiten nicht an bestimmte Stunden gebunden. Das Frühstück beginnt z. B. um 7 Uhr Morgens und währt bis 10, das Gabelfrühstück von 12 bis 2 Uhr u. s. w. Man kommt in dieser Zeit je nach Belieben und läßt sich geben, was die Speisekarte enthält. Bei Tische geht es höchst einsilbig zu. Der Amerikaner betrachtet, wie bereits erwähnt, selbst das Essen als ein Geschäft und schlingt die Speisen so hastig hinunter, daß ihm für ein Gespräch keine Muße bleibt. Ueberdieß sprechen sich Leute, die sich nicht kennen oder einander nicht vorgestellt worden sind, gar nicht an; dieß würde für eine halbe Beleidigung gelten. Und so kann ein Fremder in dem größten Gasthause wohnen und täglich in zahlreicher Gesellschaft speisen, ohne Gelegenheit zu finden, auch nur eine Bekanntschaft zu machen oder ein Wort anzubringen.

Das Charity-Hospital ist sehr gut eingerichtet; die Gemächer sind ziemlich groß, Betten und Wäsche weiß und rein. Ein Theil der Krankenpflege wird von barmherzigen Schwestern besorgt, welchen man vorwirft, mit gar zu großem Eifer aus den Kranken und Sterbenden Proselyten zu machen. Thun doch die Anglikaner, Presbyterianer, und wie alle die Sekten heißen, dasselbe! Jeder meint, daß die Form seiner Religion die einzig wahre und seligmachende sei.

Außer dem Charity-Hospital gibt es viele sehr gut eingerichtete Privat-Spitäler, in welchen der Kranke täglich einen Dollar bezahlt.

Die Münze ist die schönste in den Vereinigten Staaten. Das herrlichste Gebäude dürfte jedoch das Zollhaus werden, welches im Bau begriffen ist, an dessen Vollendung man aber leider zweifelt. Es nimmt einen ganzen Block[1] ein.

Das Wasserwerk in La Fayette besteht aus einem sehr großen Becken, welches aus dem Mississippi gefüllt wird. Von dem Becken ist das Wasser in die Häuser geleitet, wofür jede Familie sechs bis zehn und auch mehr Dollars per Jahr, je nach dem Bedarfe, bezahlt.

Die Marktplätze, besonders der sogenannte „Französische,“ sind äußerst bequem und schön, die Hallen groß und luftig und in Reihen für die verschiedenen Artikel, als Fleisch, Gemüse, Fische u. s. w. getheilt. Auch an gekochten und gebratenen Eßwaaren gibt es keinen Mangel, alle sehr zierlich und reinlich aufgestellt. Thee, Kaffee und Chokolade werden ebenfalls ausgeschenkt; eine große Tasse dieser Getränke nebst drei kleinen Kuchen kostet nur fünf Cents. Nicht nur die Marktleute und Käufer, auch viele Geschäftsleute kommen hierher, ihr Frühstück einzunehmen.

Der Französische Markt ist besonders Sonntags früh Morgens sehr interessant. Die Neger und Negerinnen strömen von weit und breit herbei, Naturerzeugnisse oder die Handprodukte, die sie in ihren Freistunden verfertigen, zum Verkauf zu bringen. Sie sind vorzüglich geschickt im Korbflechten.

Wenn man die Sklaven auf diesem Markte sieht, sollte man gerade nicht glauben, daß es ihnen gar so hart ergeht, wie viele behaupten, und wie es leider im allgemeinen wirklich der Fall ist. Sie sind ordentlich und gut gekleidet, bringen viele Produkte auf den Markt, und umlagern die Kaffee- und Schenktische in großen Massen.

Ich besuchte während meines Aufenthaltes zu Neu-Orleans zu verschiedenen Malen die Sklavenmärkte, so wie auch die Orte, wo die Sklaven öffentlich versteigert werden.

Die Haupt-Sklavenversteigerungen finden jeden Sonnabend in einem prachtvollen, hohen Saale statt, der bequem an 500 bis 600 Personen fassen mag. In demselben Lokale werden an den andern Tagen der Woche Ländereien, Häuser u. s. w. versteigert. Rings herum in dem Saale sind drei Fuß hohe Tribünen errichtet, auf welchen die Ausrufer sammt den armen zu verkaufenden Opfern stehen. Die Sklaven sind gut gekleidet und herausgeputzt, und werden so gestellt, daß sie von den Kauflustigen vollkommen gut gesehen werden können. Der Ausrufer liest ihr Alter, ihre körperliche Beschaffenheit, Tugenden, Fähigkeiten u. s. w. ab, macht den Preis bekannt, und die Versteigerung beginnt. Der Ausrufspreis für eine junge Mutter mit einem Kinde auf dem Arme, einem andern an der Hand war 600 Dollars, das höchste Angebot 1280. Der Eigenthümer gab sie jedoch dafür nicht her; der Preis war ihm noch um einige hundert Dollars zu geringe. Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren sah ich für 600 Dollars verkaufen. Diese armen Geschöpfe sahen dem Verkaufe mit besonders fröhlichen Mienen entgegen, sie gefielen sich in ihren schönen Kleidern und dachten wohl, daß die ganze Gesellschaft sie bewundere — es war vielleicht der seligste Tag ihres Lebens!! —

Ich konnte diese Menschenversteigerung nicht lange mit ansehen — ich fand es wahrhaftig gar zu empörend, daß Menschen so tief sinken, so ganz aller Moral, aller Humanität vergessen, ihres gleichen wie Thiere zu er- und verhandeln.

Bei den Sklavenhändlern fand ich die Sklaven in Höfen sich aufhaltend. Sie arbeiteten nicht, waren gut gekleidet und stets zum Verkaufe bereit gehalten. Ich that, als hätte ich eine Köchin nebst einem Diener nöthig. Sogleich wurden alle Sklaven durch den Schall einer Glocke zusammen berufen und in zwei Reihen aufgestellt, in der einen die Männer, in der andern die Weiber und Mädchen, worauf das Loben und Anpreisen von Seite des Verkäufers anging. Für eine gute Köchin verlangte er 1200 Dollars, für einen Diener, der, wie er sagte, noch nicht ganz abgerichtet war, 1100 Dollars.

Die Sklavenhändler werden, sonderbarer Weise, sehr verachtet; niemand geht mit ihnen um; sie sind beinahe wie von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen. Ich möchte fragen, ob denn der Sklavenhalter achtbarer ist, als der Sklavenhändler? Kauft und verkauft der Herr nicht so gut wie der Händler? Lebt der eine nicht so gut wie der andere von dem Schweiße dieser Armen? Werden die Sklaven von beiden nicht als Vieh angesehen und behandelt? Wahrlich, wenn man die menschliche Gesellschaft betrachtet, mit ihren widersinnigen Unterschieden und Kleinlichkeiten, muß man sie oder sich selbst oft für irrsinnig halten.

Auch auf Plantagen hatte ich Gelegenheit, die Lage der Sklaven zu beobachten; ich besuchte mehrere und brachte auf einer derselben, bei Herrn Kok, einem reichen Sklavenhalter, in der Nähe von Donaldsville mehrere Tage zu.

Ich bin natürlich der Sklaverei so feind, wie jeder Mensch, der ein Herz im Leibe hat. Ich sehe in ihr den größten Schandfleck der Menschheit und möchte behaupten, daß jener, der Sklaven hält oder damit handelt, den Namen „Mensch“ oder gar „Christ“ nicht verdient. Ich war nicht das erste Mal in Sklavenstaaten, und überall erregte die Sklaverei meinen tiefsten Abscheu; aber hier noch ungleich mehr wie irgendwo, denn hier war ich von Republikanern umgeben, die auf ihre Freiheit, auf ihre Gleichheitsrechte so stolz thun, daß sie denjenigen gleich niederschießen möchten, der sie darin zu beeinträchtigen oder zu stören sucht. Und diese freien Männer können sich selbst so erniedrigen, können mit so öffentlicher Schamlosigkeit alle Grundsätze der Religion und Moral mit Füßen treten?! Mit diesen bittern Gefühlen besuchte ich die Pflanzungen, und war daher durchaus nicht geneigt, sie mit günstigen Augen zu betrachten.

Doch muß ich gestehen, daß ich wenigstens auf jenen, die ich besuchte, das Schicksal der armen Sklaven minder hart fand, als ich mir vorstellte, was besonders der Fall auf Herrn Kok’s Pflanzungen war. Dieser Herr, so wie seine Gemahlin, mögen wohl zu den besten und menschenfreundlichsten Sklavenhaltern gehören; selbst ihre ganz jungen Kinder scheinen schon die Gefühle der Eltern zu theilen. Ich sah eines derselben, einen sechsjährigen Knaben, bei Tische von allen Gerichten etwas bei Seite legen. Als ich ihn frug, für wen das bestimmt sei, gab er mir zur Antworte „Für ein Negermädchen, unsere Gespielin, die etwas unwohl ist.“

Die Negerwohnungen auf Herrn Kok’s Plantagen bestanden aus abgesonderten kleinen Hütten, deren jede ein geräumiges Gemach enthielt, in welchem entweder eine Familie, oder zwei bis drei Unverheirathete wohnten. Die Betten waren gut und mit Polster, Wolldecken, ja sogar mit Muskitonetzen versehen. In jeder Hütte gab es wenigstens einen Tisch, einige Schemel, eine hölzerne Truhe. Eine große Hütte in der Mitte des Dorfes war zur Aufbewahrung der kleinen Kinder bestimmt, deren Eltern zur Arbeit gingen. Eine muntere, kräftige Negerin führte die Aufsicht über sie. Nach einer Entbindung bleibt die Mutter vier Wochen ganz zu Hause, und so lange das Kind der Mutterbrust bedarf, sorgt man, daß sie in der Nähe der Wohnung Beschäftigung findet.

Auch an einem Hospitale fehlte es nicht, aus zwei geräumigen Gemächern bestehend und mit recht guten Betten versehen. Ein Arzt kommt jede Woche, und wenn es die Nothwendigkeit erfordert, jeden Tag.

Ich ging mehrere Male ohne Begleitung des Herrn Kok in das Dorf. Die Leute waren anständig gekleidet; ich sah manche vor der Thüre ihrer Hütte sitzen, mit einem tüchtigen Stücke Weißbrod in der Hand; auch gebratenes frisches Schweinefleisch bekommen sie von Zeit zu Zeit. Gegen sechs Uhr Abends kehrten sie von der Arbeit heim, munter und lachend; das Abendmahl, aus Maismehl und Fleisch bestehend, war bereitet und schmeckte gut, die Portionen waren reichlich. Nach eingenommenem Mahle gingen sie von einer Hütte zur andern, saßen zusammen, schwatzten und schäckerten — sie schienen ihr Loos durchaus nicht unglücklich zu finden. Besonders gut hatten es die Haussklaven bei Herrn Kok. Ich bemerkte nie, daß sie stark ausgezankt oder gestraft wurden, und ich suchte doch unbeachtet so viel wie möglich alles zu beobachten.

Wenn es auf allen Pflanzungen so zuginge, wäre Sklaverei freilich besser als die Lage vieler Bauern und Arbeitsleute in Europa. Man gehe nach Rußland und sehe, wie der Bauer behandelt wird. Der russische Bauer ist Sklave seines Herrn, Sklave der Regierung, Sklave der Beamten, Officiere, ja nicht selten des gemeinen Soldaten. Er muß dem Gutsherrn Frohndienste leisten, der Regierung Steuern zahlen, sich von jedem Beamten, Officier und Soldaten Schläge und Mißhandlungen gefallen lassen, und dabei für seinen Lebensunterhalt selbst sorgen. Kein Mensch schafft ihm ein Kleid, wenn das seine in Lumpen vom Körper fällt, kein Mensch reicht ihm einen Bissen Brod, zahlt seine Steuern, wenn sein Feld zu wenig gibt. Was die Mißhandlungen betrifft, die ihm zu Theil werden, könnte man davon so schauderhafte Geschichten erzählen, wie man sie von den Sklavenhaltern erzählt. Der Herr, die Frau, die Aufseher mißhandeln ihn nach Gefallen, der Beamte, der Officier, ja der gemeine Soldat bezahlen ihm die geleisteten Dienste mit Prügel und Fußtritten. Wenn ein Weib, ein Mädchen die Aufmerksamkeit des Gutsherrn erregt und seine Wünsche nicht gutwillig erfüllt, ist sie, sind alle ihre Verwandten der Rache desselben Preis gegeben. Der russische Bauer darf die Scholle Erde nicht verlassen, auf welcher er geboren ist; er wird nur auf 25 Jahre zum Soldatendienst gezwungen, er wird mit der Knute zum Frohndienste, zum Straßen- und Brückenbaue, zum Vorspann und andern Leistungen getrieben, für welche er keine Entschädigung erhält. Für ihn gibt es kein Gericht, seine Peiniger selbst sitzen als Richter an der Tafel. Dabei aber besitzt er nicht, gleich dem Sklaven, einen Herrn, der ihn theuer erkauft hat, und daher für ihn sorgt, wenigstens seine leiblichen Bedürfnisse befriedigt. Wahrhaftig, das Loos eines Sklaven könnte man noch für erträglicher halten als jenes eines Russischen Bauern! —

Unverzeihlich finde ich es, daß sich die Regierung der Vereinigten Staaten gar nicht um das Schicksal der Sklaven bekümmert. Die Sklavengesetze sind höchst mangelhaft und schlecht, und selbst auf die Befolgung der wenigen und schlechten Gesetze wird nicht gesehen. Die Amerikaner sagen: „Da hätte die Regierung viel zu thun, sie kann sich nicht zum Spione machen; das wären Eingriffe in die Freiheit“ u. s. w. Ich meine aber, wenn sie sich in andern Zweigen der Verwaltung zum Spürhunde hergibt, und z. B. die Wirthe ausspionirt, die am Sonntage ein Glas Bier ausschenken, oder die Gäste, die es trinken, oder die Uebertreter des Maine-Gesetzes[2], so kann sie es auch thun, wo es sich um einen ganz ohne Vergleich wichtigeren Gegenstand handelt. Oder ist es vielleicht ein geringeres Verbrechen, einen Menschen zu Tode zu martern, als an einem Sonntage ein Glas Bier zu trinken? Warum vermag die Holländische Regierung in Indien die Sklaven so trefflich zu schützen? Ein despotischer Staat sorgt für die Milderung des Zustandes dieser des ersten Menschenrechtes beraubten Unglücklichen, und ein freier Staat, mit dessen Prinzip, dem gesunden Menschenverstande nach, Sklaverei unvereinbar sein sollte, erlaubt und begünstiget sie nicht bloß, sondern ermäßiget sie nicht einmal durch gute Gesetze! — In den Vereinigten Staaten darf der Sklave nicht Zeugniß abgeben, ja unbegreiflicher Weise nicht einmal klagen. Das Gesetz erlaubt, den Mann von seinem Weibe, die Kinder (jedoch nicht vor dreizehn Jahren) von ihren Eltern zu reißen und zu verkaufen. Was für herzbrechende Scenen mag es bei ähnlichen Gelegenheiten geben! Möchte doch solchen Gesetzgebern, solchen Sklavenverkäufern dasselbe Schicksal widerfahren, damit ihr abgestumpftes Gefühl ein wenig aufgerüttelt würde!

Ich will hier aus Hunderten von Beispielen, welche die grausame Behandlung der Sklaven von Seite der Weißen darthun, nur einige anführen. Ich ziehe sie aus: „Amerikanische Sklaverei, wie sie ist, bestätigt von tausend Augenzeugen,“— herausgegeben in Neu-York 1839.


Herr G..., Erzieher bei einer Pflanzerfamilie, die den Ruf der Milde hatte, schreibt im Juli 1832 ungefähr folgendes: „Eines Morgens, als das Tischgebet vor dem Frühstücke beendet war, verlangte eines der Kinder Syrup (Molasses). Die Sklavin gab ihm eine Portion auf den Teller, vielleicht ein wenig größer wie sonst, doch nicht mehr, als das Kind häufig zu essen pflegte. Der Herr ward darüber so aufgebracht, daß er aufstand, die Hände der Sklavin mit einer Hand festhaltend, sie mit der andern so lange aus allen Kräften schlug, bis er von der Anstrengung ermüdet auf den Stuhl sank und sagte, seine Hand sei zu schwach, um fortzufahren. Er zog hierauf seinen Schuh aus, und begann mit dem Absatze desselben auf die Arme loszuschlagen. Sie konnte sich endlich nicht enthalten zu schreien und suchte mit den Ellbogen den Kopf zu schützen. Der Herr rief einen Neger herbei, und ließ ihn die Hände der Sklavin hinter dem Rücken festhalten, damit er ungestört fortprügeln konnte. Die Sklavin fiel endlich vor Schmerzen zu Boden und rief Herrn G. um Hilfe an. Nichts desto weniger wurde mit dem Schlagen fortgefahren. Herr G. meinte schon, daß sie den Geist aufgeben müsse. Sie stand jedoch auf, ging hinaus, um sich vom Blute zu reinigen, und kam, bevor man vom Tische aufstand, wieder in den Saal. Kein Mensch würde sie erkannt haben, der Kopf war ganz aufgeschwollen, die Ohren handdick, die Augen mit Blut unterlaufen u. s. w.“

Für dergleichen Kleinigkeiten hat sich der Pflanzer gar nicht zu verantworten.

Eine andere Geschichte:

Herr P. erzählt von einem Herrn Benjamin Jakob Harris, Sklavenhalter in Richmond, daß er ein Negermädchen von 15 Jahren zu Tode gepeitscht habe. Während er sie schlug, machte seine Gattin ein Eisen glühend und brannte sie damit an verschiedenen Theilen des Körpers. Das Verdikt lautete: „Gestorben in Folge zu harter Schläge“ — und der Mörder wurde losgesprochen.

Einige Jahre später peitschte derselbe Harris einen Sklaven zu Tode. Er wurde abermals losgesprochen, da außer Sklaven niemand Zeuge dieser That war.

Ein Kapitän von der Marine der Vereinigten Staaten zürnte einst über seinen Negerjungen. Er stellte ihn auf einen Stuhl, band ihm die Hände mit einem Stricke vorne zusammen, schlang den Strick um einen Balken, zog den Jungen so hoch auf, daß er gerade mit den Zehen auf dem Stuhle stehen blieb, und peitschte ihn in dieser Stellung mit kurzen Unterbrechungen so lange, bis er ohnmächtig wurde und starb.

Auch dieser feige Henker wurde losgesprochen.

In Goochland (Virginia) band ein Aufseher einen Mann an einen Baum, schlug ihn in kurzen Zwischenräumen auf das grausamste, umgab den Baum hierauf mit Strauchwerk, zündete es an und verbrannte langsam das arme Schlachtopfer. Weil der Thäter ein Farbiger, nicht ein Weißer war, wurde er zwar nicht aufgehenkt, wie er es verdient hätte, aber doch wenigstens auf einige Monate eingesperrt.


Mehr als tausend ähnliche Fälle enthält das Buch. Wenn man solche Unthaten sieht und erzählen hört, könnte man versucht werden zu wünschen, daß die Neger sich zusammenrotten und auch einmal an ihren grausamen Henkern das Richteramt ausüben, ihnen gleiches mit gleichem vergelten möchten! —

Dasselbe Buch sagt auch, daß die Sklavenhalter eine Zusammenkunft gehabt hätten, um zu berathen, was mehr Nutzen brächte, die Sklaven gut zu halten und dadurch das Kapital zu schonen, oder sie zu überarbeiten und nach sieben bis acht Jahren zu verlieren. Leider soll das letztere als mehr Nutzen bringend befunden worden sein. Und so sterben viele Sklaven im Uebermaße körperlicher Anstrengung frühzeitig dahin. Das Gesetz erlaubt in Süd-Karolina, den Sklaven im Sommer fünfzehn, im Winter vierzehn Stunden täglich zur Arbeit anzuhalten, während der Verbrecher durchschnittlich nur neun Stunden zu arbeiten hat. Die meisten Sklavenstaaten haben jedoch keine Gesetze in dieser Beziehung; der Pflanzer kann seine Sklaven ungestraft zu Tode arbeiten lassen.

Um den Unterricht der Sklaven bekümmern sich diese weisen und menschenfreundlichen Gesetze nur in so ferne, daß sie denselben verbieten. Einen Sklaven lesen oder schreiben zu lehren, wird von dem Gesetze strenge bestraft[3]. — Hier ist das Gesetz kein Spion!

Man ist aus allen Kräften bemüht, die Neger auf jener Stufe zu erhalten, auf der sie waren, als man sie aus ihrem Vaterlande riß.

Auch über den Religionsunterricht ist nichts vorgeschrieben. Hie und da befaßt sich eine Pflanzersfrau damit und hält eine Sonntagsschule, d. h. sie liest den Sklaven aus der Bibel vor, lehrt sie Psalmen und heilige Lieder singen — die Moral mögen sie selbst herausfinden (eine gewiß sehr schwierige Sache, da sie das christliche Betragen ihrer Herren stets vor Augen haben). Auch Priester gehen zeitweise auf die Pflanzungen, um zu lehren, d. h. zu predigen. Mehr darf nicht geschehen.

Höchst sonderbar finde ich es, daß die Weißen die Sklaven einerseits den Thieren gleich stellen, und andererseits ihnen das Theuerste, die Kinder, anvertrauen. Die Negerin säugt sie, pflegt ihre erste Kindheit, ja bleibt nicht selten die Vertraute des herangewachsenen Mädchens. Hiezu finden die Eltern die Schwarzen vollkommen geeignet. Muß dieser nahe Umgang mit so rohen sinnlichen Menschen nicht sehr schädlich auf Sitten, Charakter und Bildung der Kinder einwirken? Muß das Sittlichkeitsgefühl des Kindes, Mädchens oder Jünglings durch das Beispiel, durch die Redensarten dieser Leute nicht gänzlich untergehen? Ist dieß nicht von Seite der Eltern ein grenzenloser Leichtsinn, ein gänzliches Vergessen ihrer Pflichten? Aber weil sie so erzogen wurden, mögen es ihre Kinder auch wieder werden: es ist gar zu bequem, diese schwere Sorge andern zu überlassen. Daß es unter den Eltern auch Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst.

Ich möchte beinahe glauben, daß sich das Sklavenwesen durch seine Folgen in manchen Beziehungen an den Weißen selbst rächt. Die Kinder werden gewöhnt, sich jeden Dienst leisten zu lassen: es wäre eine Schande, sich selbst auch nur ein Band zu binden, oder etwas von dem Boden aufzuheben, — der Sklave ist des Kindes Hand. Natürlicher Weise werden die Kinder dadurch launenhaft, befehlshaberisch, träge, boshaft; jede Energie, die Kraft zu handeln, ja selbst zu denken, geht verloren und leider das Gefühl auch. Ein in den Sklavenstaaten erzogener Jüngling, ein daselbst erzogenes Mädchen unterscheidet sich sehr zu seinem Nachtheile von der in den freien Staaten erzogenen Jugend. Und wirkt die Erziehung, die man in der Kindheit genießt, nicht auf das ganze Leben?

Nicht minder hart als Sklaverei ist das Loos der freien Neger und Farbigen, und zwar eben sowohl in den freien wie in den Sklavenstaaten. Sie sind theils durch das Gesetz, theils durch die albernen Vorurtheile der duldsamen Christen von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, gehören eigentlich gar keinem Stande zu, weder dem Sklaven- noch dem Bürgerstande, und sind die Parias der Vereinigten Staaten.

Um ihnen das Erniedrigende ihres Schicksals noch tiefer fühlen zu lassen, gab man ihnen die Erlaubniß, Schulen zu besuchen, sich zu bilden. Es ist dieß eine raffinirte Quälerei, der despotischsten Regierung unwürdig. Durch die Bildung wird der Ehrgeiz erweckt, der Neger und Farbige lernt sich als Mensch, lernt die Rechte der Menschheit kennen — wozu? — um zu sehen, daß er von den Menschen ausgestoßen, daß er der Rechte derselben beraubt ist. Denn das Gesetz läßt ihn nicht Bürger des Staates werden, gibt ihm keine Stimme bei den Wahlen, erkennt ihn nicht als Zeuge, ja ein Neger oder Farbiger darf sogar keine Ehe mit einer Weißen eingehen. Muß der Arme nicht zum Menschenfeinde werden? Muß durch so harte, widersinnige Gesetze nicht jedes bessere Gefühl in ihm erstickt werden? Und ist es nicht die erste Pflicht einer Regierung, mag sie was immer für einen Namen haben, auf die Moral, auf die Sittlichkeit der Menschen zu wirken? Hier ist es gerade das Gesetz, das der Moral Hohn spricht, und seine Verachtung des menschlichen Gefühls geht so weit, daß wenn ein Weißer Kinder mit einer Negerin oder Farbigen zeugt, er sie nicht einmal anerkennen darf. Will er die Achtung seiner Mitbürger erhalten, so muß er ihnen die Erziehung verweigern; verkauft er sie aber, allein oder sammt der Mutter, was nicht selten vorkommen soll, so bleibt er ein Ehrenmann.

Oft sprach ich über das Schicksal dieser Unglücklichen, hörte aber die Amerikaner stets behaupten, daß das vollkommen in der Ordnung sei, und daß, wenn es den Leuten nicht gefalle, sie in ihr Vaterland gehen oder nach Europa auswandern könnten.

In ihr Vaterland gehen?

Wo ist denn ihr Vaterland? Etwa in Afrika? Sind sie dort geboren? Haben sie dort ihre Familie? Sprechen sie die Landessprache? Nichts von alle dem. Seit fünfzig Jahren darf kein Sklave mehr eingeführt werden. Die heutige Nachkommenschaft ist in Amerika geboren, Amerika ist ihr Vaterland, und nicht Afrika, denn meiner Meinung nach haben die in Amerika gebornen Neger so gut Anspruch auf den Namen „Amerikaner,“ als die von den Europäischen Einwanderern abstammenden Weißen. Das ihnen von den Amerikanern aufgedrungene Vaterland kennen sie nicht einmal dem Namen nach.

Nach Europa auswandern?

Wer gibt ihnen die Mittel dazu? Und was sollen sie in einem Welttheile machen, der übervölkert ist, der jährlich Hunderttausende von Auswanderern nach allen Weltgegenden sendet? Europa ist nicht Amerika. In Amerika bedarf man noch sehr der Hände und Köpfe. Die Einwanderung ist es, welcher die Vereinigten Staaten die Stufe der Macht und Bedeutung verdanken, auf der sie heut zu Tage stehen.

Kaum sollte man glauben, daß es Leute gibt, die behaupten, daß das Sklavensystem in seinen Folgen sehr wohlthätig auf die Eingebornen Afrika’s einwirke. Die freien Neger, sagen sie, werden erzogen, erhalten guten Unterricht in der Religion. Sendet man sie dann nach der Neger-Republik Liberia in Afrika, so können sie dort ihre Landsleute bekehren und gleichsam Missionär-Dienste verrichten.

Eine sehr kluge, fein erfundene Entschuldigung des Sklavensystems! —

Wenn diese Abgesandten ihren Landsleuten erzählen, welches Heil ihnen durch die Christen widerfahren ist, wie sie, so lange sie Sklaven waren, von den meisten Weißen schlechter als deren Lastthiere behandelt wurden, wie man sie für die kleinsten Vergehungen grausam marterte und züchtigte, aus Spaß oft zu Tode prügelte, wie man sie mit Arbeiten bis zum Hinsinken überlud und als Belohnung für die geleisteten Dienste im Alter halb verhungern und verderben ließ, wie sie als freie Leute noch immer von den Weißen verachtet, aus der menschlichen Gesellschaft verstoßen, aller Rechte beraubt wurden, wie sie jedem weißen Schurken nachstanden, sich an keine Tafel, in keinen Omnibus setzen durften, im Theater abgesonderte Plätze hatten, als wären sie Aussätzige! — ja, wenn von diesen Erzählungen ihre Landsleute nicht begeistert und hingerissen werden und nicht haufenweise zum Christenthume übergehen, so müßte man ihnen wahrhaftig allen Verstand absprechen. Ewig schade, daß es nicht auch für uns Christen irgend wo einen Staat gibt, in welchem wir derselben menschenfreundlichen Behandlung theilhaftig werden könnten, gleich den Negern und Farbigen in den Vereinigten Staaten! Es wäre nur der höchst wohlthätigen Folgen wegen, die sie auf das Christenthum haben müßte.

Es gibt bisher dreizehn Sklavenstaaten, nämlich: Florida, Georgia, Texas, Karolina, Virginia, Kentucky, Tennessee, Alabama, Mississippi, Louisiana, Arkansas, Missouri, Maryland, nebst einem Theile von Kolumbia. Vielleicht werden mit der Zeit noch einige zuwachsen, es wäre nur wegen des Glückes, welches Afrika daraus bevorstünde!! —

Den schroffsten Gegensatz zu der Behandlung der schwarzen und farbigen Amerikaner bildet die Nachsicht der Regierung mit den weißen Verbrechern.

Ich war drei Wochen in Neu-Orleans, und während dieser Zeit vergingen wenige Tage, an welchen nicht ein Mord, eine Brandlegung stattfand.

Ich sprach einst empört über einen Mord, der in einer Nacht verübt wurde. Ein Arbeiter schnitt in Streit und Trunkenheit seinem Weibe den Hals ab. Man lachte mich über meine Gefühls-Aeußerungen beinahe aus, und sagte, daß wenn ich fünf bis sechs Monate hier bliebe, ich an dergleichen Dinge gewöhnt werden und gar nicht mehr darüber sprechen würde.

Wirklich fand kaum einige Nächte später schon ein zweiter derartiger Fall statt, bei welchem der Mann nach verübter That sich aufzuhängen versuchte.

Ein in Trunkenheit, Eifersucht oder Streit verübter Mord wird selten hart bestraft, und ganz besonders gilt das Laster der Trunkenheit als große Entschuldigung. Aber auch selbst nicht betrunkene Verbrecher kommen leicht durch, wenn sie reich sind und sich Freunde zu machen verstehen. So hatte z. B. vor mehreren Monaten in Kentucky ein gar schändlicher Mord statt, und der Mörder wurde dennoch gänzlich freigesprochen.

Die Sache war folgende: Ein Knabe besuchte eine Schule, blieb häufig aus, machte die Aufgaben gar nicht oder schlecht und entschuldigte sich stets mit Lügen. Der Lehrer, hierüber aufgebracht, nannte ihn einst einen Lügner. Der Knabe erzählte dieß, wahrscheinlich seiner Gewohnheit nach mit Lügen und Uebertreibungen, seinem Vater und Bruder. Letzterer, ein Jüngling von achtzehn bis zwanzig Jahren, bewaffnete sich mit einer Pistole, gab seinem Bruder ein großes Messer, ging mit ihm nach dem Schulhause und schoß nach kurzem Wortwechsel den Lehrer nieder. Der Vater, ein reicher Mann, erkaufte die Jury, und der Mörder kam ohne die geringste Strafe davon. Dieser Fall war so empörend, daß das Volk die Jury-Männer, den Mörder und seinen Vater öffentlich beschimpfte, wodurch erstere gezwungen wurden, ihre Stellen aufzugeben, letztere ihre Besitzungen zu verkaufen und nach einem andern Staate überzusiedeln. Traurig, wenn das Volk den Richter machen muß! —

Brandlegungen geschehen häufig von den Eigenthümern selbst, welche die kostbaren Waaren erst in Sicherheit bringen, Gebäude, Waarenlager u. s. w. überschätzen und auf diese Art aus derlei Schurkereien einen schönen Gewinn ziehen.

Wenn ich über solche Gegenstände Bemerkungen machte, hieß es: „Was wollen Sie? Amerika ist noch ein junges Land; es wird mit der Zeit schon anders werden.“

Ich weiß nicht, ich möchte glauben, daß es in seiner Kindheit, zur Zeit des großen Washington besser war, als es jetzt in seiner Jugend ist. Gute Gerechtigkeitspflege ist die erste Pflicht eines Staates und vom größten Einflusse auf die Moralität seiner Bürger; schlechte Gerechtigkeitspflege verdirbt das Volk. Wo die Leute nach Aemtern und Stellen aus der einzigen Absicht streben, sich zu bereichern, wo der Reiche alles durchsetzen, alles erkaufen und ungestraft, oder doch beinahe so, Verbrechen begehen kann, gehen Vaterlandsliebe und Moralität verloren. Amerika war nach der Trennung von England mit einem reinen, makellosen Bogen Papier zu vergleichen — Europa mit einem mit Tintenflecken besudelten. Was hätte auf diesem schönen Bogen nicht alles geschaffen werden können, und zwar um so leichter, als das alte Europa leider nur zu deutlich die Fehler und Mißbräuche aufweist, welche einer vollkommenen Gestaltung im Wege liegen. Was hätte aus einem Lande wie Amerika werden können, das von der Natur so reich ausgestattet ist und gegen keins der großen Uebel Europa’s zu kämpfen hatte! Leider aber ward der reine Bogen nicht so heilig bewahrt und ist mit der Zeit ziemlich stark besudelt worden!

Der Eindruck, den die Vereinigten Staaten bei meinem ersten Eintritte auf mich machten, konnte nach dem, was ich hier in Neu-Orleans sah, unmöglich ein sehr günstiger sein. Obwohl ich mich über meine persönliche Aufnahme nicht zu beklagen hatte, und besonders von Herrn Dürmayer und der Familie Höffer, in deren Hause ich die letzten acht Tage zubrachte, viele Freundschaftsdienste erfuhr, so war ich doch herzlich froh, dieser Stadt den Rücken zu kehren, die man mit vollem Rechte auch eine Stadt der Wunder nennen könnte, denn wunderbar klingt es, Sklavenhändler, Sklavenbesitzer von Freiheit und Menschenrechten sprechen zu hören.

[1] Die Straßen in den Amerikanischen Städten bilden gleichmäßige Vierecke, „Blocks“ genannt.

[2] Das Maine-Gesetz verbietet den Genuß geistiger Getränke. Es entstand zuerst in dem Staate Maine, und erhielt daher seinen Namen. Die Staaten, die dem Maine-Gesetze beigetreten sind, werden Temperance-Staaten genannt.

[3] Ein Kind eines Pflanzers hatte einst den Einfall, seiner Gespielin, einem Negermädchen, die Buchstaben kennen zu lehren. Als die Mutter dieß zufällig sah, erschrack sie sehr darüber und verbot ihrem Kinde streng, damit fortzufahren, — ja die Angst der Mutter war so groß, daß das Negermädchen aus dem Bereich der Familie geschafft wurde, um das Bischen Wissen so schnell als möglich zu vergessen.