Neunzehntes Kapitel.
Abreise von Neu-Orleans. — Napoleon. — Fahrt auf dem Arkansas. — Little Rock. — Gesellschaft auf den Dampfern. — Amerikanische Ungezwungenheit. — Kinder-Emancipation. — Fort Smith. — Die Cherokee-Indianer. — St. Louis. — Highland. — Die Farmer. — Pipin- und St. Croix-See.
m 23. Juni verließ ich Neu-Orleans auf dem prachtvollen Dampfer „Belfast,“ der den Mississippi aufwärts ging. Kapitän Taylor, Eigenthümer des Schiffes, war so artig, keine Bezahlung von mir anzunehmen; mein Name war ihm durch die Zeitungsberichte bekannt.
Die innere Einrichtung dieses Dampfers war sehr kostbar. Schwere Teppiche deckten den Boden, große Spiegel zierten die Wände, mit Sammt überzogene Möbel, ein schönes Piano die Säle. Die Kost bestand aus vier überaus reichen Mahlzeiten mit Backwerk, Eis u. s. w. Speisesaal, Schlafkabinen, Betten ließen an Pracht und Bequemlichkeit nichts zu wünschen übrig, und dabei war der Preis sehr billig: von Neu-Orleans bis St. Louis (1200 Seemeilen) 25 Dollars, stromabwärts gar nur 20. Die Amerikaner finden aber sogar diesen geringen Preis übertrieben.
Ich fuhr nur den halben Weg nach dem Städtchen Napoleon, um von da aus auf dem Arkansas, der in den Mississippi mündet, nach Fort Smith zu gehen.
Unterwegs wurde häufig an Städten und Ortschaften angehalten, von welchen die bedeutendste Baton-Rouge mit ungefähr 30,000 Einwohnern. Obwohl viel kleiner als Neu-Orleans, wird diese Stadt als die Hauptstadt von Louisiana betrachtet, da sie mehr im Mittelpunkte liegt. Das Gouvernements-Gebäude gleicht einem Palaste; es steht auf einem kleinen Hügel, um welchen sich die Stadt lagert, und besitzt ein schönes Säulenportal.
Die Stadt Vicksburg scheint an Größe um ein geringes Baton-Rouge zu übertreffen; sie liegt auf niedrigen Hügeln.
Am 26. Juni Abends gelangte ich nach Napoleon.
Ich hatte nun von der Mündung des Mississippi bis Napoleon an 700 Meilen gemacht, ohne auf dieser langen Strecke eine Ansicht zu finden, die mich nur im geringsten angesprochen, viel weniger bezaubert hätte. Der Strom als solcher ist erhaben: er gleitet majestätisch zwischen den reichen Urwäldern dahin; allein die fortdauernde Einförmigkeit seiner Ufer wird nur zu bald ermüdend, und man ist froh, die Fahrt auf dem raschen Dampfer zu machen. Die ersten hundert Meilen von Neu-Orleans an bieten nichts als große Pflanzungen von Zucker, Mais, Baumwolle in weiten Ebenen, die im Hintergrund von Waldungen begrenzt sind. Später werden die großen Pflanzungen seltener und kleiner, die Waldungen vorherrschend. Letztere sind zwar dicht und hübsch, aber Riesenstämme haben sie nicht aufzuweisen. Bei Baton-Rouge zeigen sich die ersten Hügelbildungen, Höhen von fünfzehn bis zwanzig Fuß, die sich aber bald wieder in den Ebenen verlieren. Bei Vicksburg erscheinen sie wieder auf eine kurze Strecke und mögen da ein Paar Fuß höher sein.
Für den Pflanzer sind diese Ansichten gewiß überaus reizend, da er sie aus einem andern Gesichtspunkte als der Reisende betrachtet, und die unermeßlichen Strecken Landes, die seinem berechnenden Geiste Nahrung und Hoffnung geben, bewundert.
Das einzige Originelle in diesem Lande mochten die Eingebornen gewesen sein, die aber, seit die Weißen hier hausen, beinah gänzlich verschwunden sind. Kein Wig-wam steht mehr in den finstern Hainen, kein Indianer erscheint bewaffnet mit Bogen und Pfeil und dem Scalpirmesser an der Seite. Die wenigen Eingebornen, die man bei einigen Städtchen und Ortschaften noch sieht, kommen mir wie exotische Gewächse vor; sie waren mit Europäischen Lappen behangen und aller ihrer Volks-Eigenthümlichkeiten schon halb entfremdet.
Obgleich die Reise nur drei Tage währte, hatten wir dennoch zwei traurige Fälle an Bord. Ein Mann starb an der Cholera, und ein freier Neger, Aufwärter am Tische, schlug im Streite einen seiner Gefährten todt. Die Ursache des Streites war folgende: Der Thäter schlief nahe an der Schiffsglocke, sein Gefährte band ihm aus Scherz die Füße an dieselbe, und rief ihm hierauf zu, daß es Zeit sei, die Tafel zu decken. Der Schläfer sprang auf, setzte dadurch die Glocke in Bewegung, und bekam natürlicher Weise von dem Steuermanne einen tüchtigen Verweis. Darüber erboßt, fing er mit seinem Kameraden einen Streit an, ergriff ein Stück Holz und versetzte ihm damit über den Kopf ein paar so tüchtige Schläge, daß er ihm die Hirnschale spaltete — zwei Stunden später war der Arme todt.
Die Reisenden sprachen über diese That mit einer empörenden Gleichgültigkeit. Die Jungen von acht bis zehn Jahren gingen hin, um den Erschlagenen anzusehen und kamen mit heiterer Miene zurück, erzählend was sie erblickten, als wären sie Zeuge irgend einer ergötzlichen Scene gewesen. Man weiß, daß Menschenleben in Amerika nicht hoch geschätzt wird; aber das Gefühl bei der Jugend schon so frühzeitig abgestumpft zu finden, ist doch traurig.
Das Städtchen Napoleon, erst kürzlich dem Walde entstiegen, ist noch gänzlich von demselben umgeben. Ich blieb hier nur einen Tag und schiffte mich auf dem kleinen Dampfer „Thomas P. Ray“ nach Little Rock, dem Hauptstädtchen des Arkansas-Staates ein. Die Entfernung beträgt 300 Meilen, die wir in 42 Stunden zurücklegten.
Auf dem Arkansas, so wie auf den meisten Nebenflüssen des Mississippi kann man sich nur kleiner Fahrzeuge bedienen, da die Flüsse im Sommer sehr wasserarm werden, und selbst die kleinsten Dampfer müssen durch einige Monate ihre Fahrten einstellen.
Von einem großen Dampfer auf solch einen kleinen versetzt zu werden, ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Auf dem „Thomas P. Ray“ herrschte noch überdies wenig Ordnung. Es gab hier z. B. keine kleinen abgetheilten Schlafkabinen, sondern die Herren schliefen in einer gemeinschaftlichen Kabine, die Frauen ebenfalls. Außer mir befand sich nur eine Frau mit zwei Kindern an Bord. Man denke sich aber meine Verwunderung, als der Gemahl dieser Frau Abends in unsere Kabine kam und daselbst eine Schlafstelle einnahm. Wir hatten eine Hitze von 108 Grad Fahrenheit, und ich war gezwungen, die schweren Vorhänge an meiner Schlafstelle zuzuziehen. Auch Morgens mußte ich mich mühsam hinter den Vorhängen ankleiden, und so an das Waschbecken treten, wo ich mir natürlich kaum die Augen und die Fingerspitzen waschen konnte. Freilich nehmen es die Damen in diesem Lande nicht so genau wie bei uns[4]. Die Sparsamkeit war auf diesem Dampfer ebenfalls sehr groß. Dem Trinkwasser wurde nur bei Tisch ein einziges Stückchen Eis beigegeben, während man auf den großen Dampfern zu jeder Stunde des Tages Eiswasser haben konnte. — Kaffee, Thee wurde ohne Milch getrunken, obgleich wir zu verschiedenen Malen im Tage anlegten, und die Milch in diesem Lande ein so billiger Artikel ist, daß eine ganze Flasche voll nur einen Cent kostet. Das Mittagsmahl bestand am ersten Tage aus gebratenen Hühnern mit Kartoffeln, am zweiten gar nur aus etwas Schinken mit Kartoffeln. Dabei waren die Preise höher, als auf den Prachtdampfern, die den Mississippi befahren.
Die beiden Ufer des Arkansas sind von dichten Waldungen eingesäumt, die sich noch über den größten Theil des Landes zu erstrecken scheinen. Der Fluß selbst ist so voll von hervorragenden oder, was für die Schiffe noch gefährlicher ist, kaum mit etwas Wasser überdeckten Baumstämmen, daß es der größten Vorsicht bedarf, hindurch zu steuern. Nachts wird nur bei hohem Wasserstande und hellem Mondscheine gefahren.
Little Rock zählt 3000 Einwohner und gleicht mehr einem niedlichen Walddorfe, als einem Städtchen; die Häuser liegen weit von einander, meistens mitten in Gärten und Gebüschen.
Ich fand hier als größte Merkwürdigkeit ein musikalisches Talent, ein sechsjähriges Mädchen, Marie Schaar, von deutschen Eltern, das erst seit fünf Monaten Klavierunterricht, und noch dazu sehr schlechten erhalten, und zum Erstaunen richtig und gut spielte. Jede Melodie, die man ihm einige Mal vorsang, spielte es nach, das Accordion behandelte es meisterhaft, obwohl es darauf gar keinen Unterricht bekommen hatte. Schade, daß das schöne Talent in dem kleinen Städtchen schwer eine höhere Ausbildung erlangen dürfte!
Ich mußte in Little Rock bis 1. Juli auf den niedlichen Dampfer „Colonel Drennen“ warten, der von hier nach Fort Smith (300 Meilen) fuhr. Auf diesem Dampfer war mehr Ordnung und eine hinreichend gute Kost.
Die Fahrt auf dem Arkansas gefiel mir ungleich besser, als jene auf dem Mississippi. Der Arkansas ist zwar als Fluß mit jenem gar nicht zu vergleichen; im Gegentheil ist sein Wasserreichthum so geringe, daß die Dampfer häufig auf Sandbänke auffahren und nur mit großer Mühe wieder flott gemacht werden können. Das Auge aber hat hier, wegen der vielen und häufig aufsteigenden Hügel- und Bergketten (wenn auch diese von keiner bedeutenden Höhe), einen weiten und abwechselnden Spielraum; es herrscht nicht die tödtende Einförmigkeit wie auf dem Mississippi. Die Umgebung ist hier ebenfalls noch wilde Natur — Wald, wohin das Auge blickt; nur hie und da erscheint ein kleines Maisfeld, gleich einem vorgeschobenen Posten der Cultur. Aermliche Holzhütten liegen unter den Bäumen halb versteckt; selten wird man einen ihrer Bewohner ansichtig. Niedere Hügelreihen treten auf, höhere Berge hinter ihnen. Schön nimmt sich eine Felsenparthie aus, sechs bis acht Meilen hinter Little Rock, von den Amerikanern mit Unrecht „Big-Rock“ (großer Felsen) genannt, denn ihre Höhe übersteigt nicht dreißig bis vierzig Fuß. Noch schöner sind die Dardanellen[5]. Felsen von ungefähr vierzig bis fünfzig Fuß Höhe stehen gleich Soldaten in Reihen an beiden Seiten des Flusses. Die Reisenden waren alle entzückt von diesem großen Naturwunder und meinten, daß es in der Welt nichts Schöneres geben könne. Im Hintergrunde zeigt sich der 500 Fuß hohe Berg Magazine, der höchste der ganzen Umgebung; er zeichnet sich durch einen langen, schmalen, ebenen Rücken von allen andern Bergen aus.
In diesen Gegenden, wo man selten an einem Städtchen oder Oertchen vorüberfährt, wo alles noch wilde Natur ist, wo man nicht einmal die fällende Axt hört, hier machte es auf mich einen eigenthümlich erhabenen Eindruck, das große Kunstwerk menschlichen Schaffens, den Dampfer, stolz dahinbrausen zu sehen. Wenn seine Schaufelräder inne hielten, herrschte Todtenstille rings umher.
Obwohl die Wälder überall dicht und üppig stehen, die wenigen Maisfelder schöne Früchte tragen, behauptet man dennoch, daß der Staat Arkansas nicht unter die fruchtbaren zu zählen sei, und daß es deßhalb so wenig Ansiedlungen gäbe. Einst, wenn Amerika das traurige Schicksal Europa’s haben und übervölkert sein wird, dürften sich die Züge der Einwanderer auch nach Arkansas wenden. Jetzt hat man es noch nicht nöthig, mit dem Lande zu sparen, da es für den üppigsten Boden noch zu wenig Hände gibt.
Die Gesellschaften, die ich bisher auf den Dampfern traf, schienen eben nicht zu den gebildetsten zu gehören. Allgemein lachte man mich aus, wenn ich, während Holz geladen wurde, in den Wald ging, um Insekten zu fangen. Von einem Museum hatte selten jemand einen Begriff. Den ganzen Tag über wurde nichts als geplaudert; was die Leute in den Gasthöfen zu wenig sprachen, brachten sie hier ein. Man forschte mich mit großer Neugierde über meine Familienverhältnisse aus, man fragte mich, zu welcher Religion ich gehöre, wer mir das Geld zum Reisen gäbe, warum ich so große Reisen mache u. s. w. Nebstbei waren die Leute etwas gar zu ungezwungen. Wenn ich in einem Buche las, nahm man mir es ohne zu fragen aus der Hand, um den Titel, oder, wenn es Bilder enthielt, diese anzusehen. Während ich las, oder auf der Gallerie war, ging man ohne Umstände in meine Kabine, nahm die Insekten in die Hand und besah sie nicht bloß, sondern verdarb mir auch gar vieles. Am lästigsten aber waren die Kinder: die schrieen und lärmten um die Wette, wenn die Eltern nicht gleich thaten und erlaubten, was sie wünschten. Ich finde nichts schlechter, als Kindern die Erfüllung ihrer Wünsche erst zu verweigern, und wenn sie recht schreien und lärmen, dieselben am Ende doch zu gestatten. Sagt man den Kleinen: „Ja“ oder „Nein,“ so soll es dabei bleiben; das Kind wird dann schnell begreifen lernen, daß ihm die Unarten zu nichts helfen.
Ein anderer Fehler der Amerikanischen Erziehung ist es, den Kindern so frühzeitig das Benehmen und die Gewohnheiten der Erwachsenen beizubringen. In manchen Ländern Europa’s bleiben die Kinder zu lange Kinder, was auch nicht gut, aber doch besser ist, als sie um ihre Kindheit ganz zu betrügen. Hier benimmt sich das achtjährige Mädchen schon wie eine angehende Frau, der zehnjährige Knabe wie ein erwachsener Jüngling. Das Mädchen heirathet in den südlichen Staaten oft schon im zwölften Jahre, die Knaben treten mit demselben Alter in das Geschäftsleben ein. In einigen der südlichen Staaten erlaubt sogar das Gesetz die Trauung zwölfjähriger Mädchen, welche dem elterlichen Hause entlaufen sind. Das Kind hat nur zu sagen oder zu beschwören, daß es dieses Alter habe, und wird von dem Priester getraut. Solche Ehen, die nicht selten vorkommen, heißen „Run away matches.“
Eine natürliche Folge dieser Kinder-Emancipation ist, daß nicht nur die wissenschaftliche Ausbildung der Jugend vernachlässiget wird, sondern daß auch bei den Mädchen die Kindlichkeit, Bescheidenheit, bei den Frauen die zarte Weiblichkeit, die größten Zierden unseres Geschlechtes, nur zu häufig verloren gehen.
Es gibt vielleicht in keinem Lande der Welt so viel öffentliche und Privat-Unterrichts-Anstalten, wie in den Vereinigten Staaten; dennoch kamen mir, wenigstens bisher, nicht viele gründlich gebildete Mädchen oder Frauen vor; denn ein Bischen Klavier klimpern, singen oder einige Französische Worte herplappern, nenne ich keine Bildung. Die größere Zahl begnügt sich mit einem oberflächlichen Anflug des Wissens, womit sie aber die echt republikanische Kühnheit verbindet, denselben überall zur Geltung zu bringen. So erschrack ich immer, wenn ich ein Klavier auf einem Dampfer sah. Jung und Alt setzte sich ohne Scheu hinzu; das Geklimper, der sogenannte Gesang nahmen den ganzen Tag kein Ende. Eben so wenig Kenntniß hatten sie von der Geographie. Wenn man mich fragte (was Hunderte thaten), von welchem Lande ich nach den Vereinigten Staaten gekommen, wo ich geboren sei u. s. w., und ich antwortete, ich sei von Peru gekommen, in Wien geboren, wußten sie weder wo Peru, noch wo die Stadt Wien liegt. Außer ihrem eigenen Lande kennen sie wenig von der Welt, von Europa kaum mehr als Paris und London, vielleicht einiges von Deutschland, und seit dem Kriege der Russen mit den Türken wohl auch St. Petersburg und Constantinopel. In den vielen Schulen, in welchen ich von den untersten bis zu den obersten Klassen Prüfungen aus der Geographie beiwohnte, hörte ich nichts als Fragen über die Vereinigten Staaten; man hätte glauben mögen, daß es gar keine andern Länder gäbe.
Zu Anfange befremdete mich dieses oberflächliche Wissen sehr, um so mehr, als mich die Eltern versicherten, daß ihre Kinder schon mit vier Jahren die Schulen besuchten. Später sah ich wohl, woher es kam. Die meisten Eltern besitzen selbst keine höhere Bildung und glauben für die Erziehung ihrer Kinder genug zu thun, wenn sie dieselben nach der Schule senden. Die Mütter in der wohlhabenden Klasse sind wenig für Häuslichkeit erzogen; sie verbringen den größten Theil des Tages im Rocking-chair schaukelnd, eine Novelle lesend, oder einen Spaziergang machend, die Kaufläden besuchend, in welch letzteren sie Stunden zubringen, um die schönen Waaren zu besehen. Für Kinder-Erziehung Sorge zu tragen, dieselbe zu überwachen, haben sie weder Lust noch Zeit. In der Schule selbst werden die Kinder nicht sehr zum Arbeiten angehalten, denn beklagt sich das Kind über die Schule, über den Lehrer, so wird ihm stets Recht gegeben, und wünscht es die Schule, die es besucht, mit einer andern zu vertauschen, so erfüllt man seinen Willen. In Folge dieses Verfahrens sind die Lehrer gezwungen, gegen die Kinder weder Strenge noch Ernst zu gebrauchen, und sie wie erwachsene Leute zu behandeln. Thäten sie es nicht, so würden ihre Schulen bald leer sein.
Als ich dieß alles gesehen und beobachtet hatte, befremdete mich das oberflächliche Wissen der Kinder nicht mehr; im Gegentheile, es wunderte mich, sie doch noch so unterrichtet zu finden, als es der Fall war.
In Fort Smith angekommen, fand ich keine Gelegenheit mehr, die Reise zu Wasser fortzusetzen; der Fluß war schon zu seicht geworden. Ich miethete ein Pferd, um nach Fort Gibson (achtzig Meilen), in dessen Nähe die Cherokee-Indianer leben, zu reiten; allein in der Nacht hatte ich wieder einen Anfall des hartnäckigen Sumatra-Fiebers und mußte der Reise entsagen.
Die Cherokee-Indianer zeichnen sich vor allen übrigen durch Schönheit und Bildung aus. Sie leben in Ortschaften und Städtchen, haben eine konstitutionelle Regierungsform, gute Schulen und senden ihre Söhne häufig in Amerikanische Handelshäuser; sie geben sogar eine Zeitung heraus. Ihr Häuptling ist mit einem weißen Mädchen aus guter Familie verheirathet. — Eine Ehe mit einem Indianer wird nicht als entehrend angesehen.
Ich traf in Fort Smith viele dieser Indianer, die theils in Handelsgeschäften, theils zum Vergnügen dahin gekommen waren. Mehrere speisten in dem Gasthofe, in welchem ich wohnte. Sie sprachen etwas Englisch und benahmen sich recht anständig; nur nahmen sie manchmal einzelne Stücke aus der Schüssel und führten sie gleich zum Munde; sie aßen mit Messer und Gabel. Ihre Gestalt und Gesichtsbildung war durchgehend hübsch; man hätte die meisten für Europäer halten können, wäre ihre Hautfarbe etwas lichter gewesen; diese aber war nicht hübsch, entweder lederartig oder schmutzig lichtbraun. Männer wie Weiber trugen Europäische Kleidung, manche der Männer über die Kleider eine Art weite, kurze Blouse mit reich garnirten großen Krägen; einer hatte ein zusammengedrehtes Tuch gleich einem Kranze um den Kopf geschlungen. Die Männer waren alle hübscher, als die Weiber.
Während meines Aufenthaltes zu Fort Smith, am 4. Juli, wurde das Fest der Unabhängigkeit-Erklärung gefeiert, bei welcher Gelegenheit ein Negerball statt fand, an dem Freie wie Sklaven Theil nahmen. Sie waren alle Europäisch gekleidet, die Männer schwarz mit weißen Halsbinden und Westen, die Weiber und Mädchen in Tüll und andern hübschen weißen Stoffen; auch an Goldketten und Geschmeiden fehlte es nicht, eben so wenig an Bändern und Blumen in den Haaren. Der Saal war schön geschmückt und beleuchtet, der Speisen gab es in Fülle. Es machte einen höchst komischen Eindruck, alle die farbigen und schwarzen Gesichter in dem Europäischen Putze zu sehen.
Von dem bösen Fieber befreit, ging ich nach wenigen Tagen wieder nach Napoleon zurück, wo ich mich auf dem prachtvollen Dampfer „Crescent-City“ auf dem Mississippi einschiffte; der Kapitän Mr. John nahm ebenfalls keine Bezahlung von mir an.
Die Ufer des Mississippi blieben fortwährend von gleicher Einförmigkeit — dichte unermeßliche Waldungen deckten die Ebenen; man hatte gar keinen Anhaltspunkt einer hübschen Ansicht; nirgends bedeutende Pflanzungen. Dem Vorübersegelnden zeigten sich nur erbärmliche hölzerne Hütten, bei welchen Holz für die Dampfer zum Verkaufe aufgeschichtet lag.
Oberhalb des Städtchens Memphis stiegen die Ufer des Mississippi in senkrechten Sandwänden zu einer Höhe von fünfzig Fuß empor. Diese Strecke gilt als eine der schönen Scenen des Stromes. Der gute Kapitän John rief mich auf die Gallerie, dieses Naturwunder zu besehen; die Entzückungen unter den Reisenden nahmen kein Ende. Nach einer Strecke von einigen hundert Schritten fällt die Natur schon wieder erschöpft in ihre frühere Einförmigkeit zurück.
Bei Jeddo (300 Meilen unterhalb St. Louis, also 1000 Meilen von der Mündung des Flusses), einem Städtchen mit einem großen, schönen katholischen Collegium, einer katholischen Kirche in Gothischem Style und mehreren bedeutenden Ziegelhäusern, hat man zum ersten Male hübschere Ansichten. Der Strom wird durch liebliche Inselchen in Arme getheilt, bildet hie und da große Buchten gleich einem See, und kleine Hügelketten erscheinen im Hintergrunde. Leute, die in ihrem Leben nichts anderes als die unteren Gegenden des Mississippi gesehen haben, mögen freilich diese Ansichten hinreißend schön finden; aber mit den Donau-Gegenden z. B. halten sie keinen Vergleich aus.
Bei dem Städtchen Cairo (280 Meilen unterhalb St. Louis) mündet der Ohio in den Mississippi. Sein Wasser ist rein, von schöner, grünlicher Farbe. Eine gute Strecke noch vor der Mündung kann man den Kampf der beiden Gewässer beobachten. Erst tauchen nur einzelne Wogen des trüben Mississippi in dem klaren Ohio auf, bald werden sie häufiger und häufiger und endlich geht das Reine ganz verloren. Das böse Princip erringt hier, wie meistens im irdischen Leben, die Oberhand.
Das Städtchen Cairo liegt auf einer Erdzunge zwischen den beiden Strömen. Alle diese Amerikanischen Städtchen oder Ortschaften gleichen sich: man sieht ihnen die Eile, die Hast an, mit der sie gegründet wurden. Sie bestehen meistens aus zerstreut umherliegenden Häuschen, die von einfachen Bretterwänden zusammen gezimmert, klein und beschränkt, mit Zimmerchen gleich Zellen versehen sind. Die dünnen Bretterwände halten weder im Winter die Kälte, noch im Sommer die glühende Hitze ab[6]. Aber an diesem und jenem Platze will sich der Amerikaner ansiedeln, mit dem Willen beginnt er auch schon die That und baut natürlich nur, was die höchste Notwendigkeit erfordert. Steigt sein Bedarf, so vergrößert er allmählich seinen Bau; auch findet er oft nach kurzer Zeit den Platz seinen Wünschen und Hoffnungen nicht entsprechend, oder sein spekulirender Geist sehnt sich nach etwas anderem; er verläßt plötzlich alles, selbst wenn es ihm gut ergangen war, um sich an einem andern Orte niederzulassen. Die Amerikaner nennen dieß „move.“ Ich traf auf dem Dampfer mehrere dergleichen „movende Familien,“ die mir selbst gestanden, daß sie ihre Ansiedelungen aus keinem anderen Grunde verließen, als weil sie schon einige Jahre darin gelebt hatten.
Am 14. Juli erreichten wir die Stadt St. Louis, die erst einige Meilen früher sichtbar wird, da der Strom beständig große Krümmungen macht. Der Anblick der gleichförmigen Häusermasse, die sich dem Strome entlang an einer kleinen Erhöhung ausbreitet, bietet eben nichts überraschendes. Die großen Amerikanischen Städte besitzen wohl schöne Gebäude und viele Kirchen; aber man sieht diese erst, wenn man durch die Straßen wandelt; hervorragende schöne Kuppeln, hohe, majestätische Thürme gibt es nur sehr wenige. Die nahe Umgebung von St. Louis ist sandig, die Waldungen liegen mehrere Meilen entfernt; das Land ist eben.
Ich stieg hier bei Herrn Charles Boyce, Richter (judge) in Louisiana ab. Ich hatte diesen Herrn, wie seine Familie, in Neu-Orleans kennen gelernt, bei welcher Gelegenheit er so gütig war, mich in sein Haus einzuladen, weil er wußte, daß ich im Sinne hatte, nach St. Louis zu gehen.
Die Stadt St. Louis zählt gegen 120,000 Einwohner, eine überraschend große Bevölkerung für die kurze Zeit ihrer eigentlichen Entwicklung, denn noch vor zehn bis fünfzehn Jahren hatte sie kaum einige Tausend. Unter den Gebäuden sind, wie in allen Amerikanischen Städten, die Banken, die Gasthöfe, das Zollhaus u. s. w. die bedeutendsten; auch unter den Privatgebäuden gibt es schöne; so steht z. B. in der vierten Straße[7] ein Haus, ganz aus weißem Marmor gebaut, der in der Nähe der Stadt gebrochen wird. Die katholische Kirche ist einfach, aber sehr hübsch. Mein erster Gang war dahin, denn ich hatte von ihr in dem Directory of St. Louis vom Jahre 1854 folgendes gelesen: „Die Kathedrale von St. Louis hat keine Nebenbuhlerin in den Vereinigten Staaten hinsichtlich ihrer Pracht, des Werthes und der Zierlichkeit ihrer heiligen Gefäße, ihrer Gemälde und Verzierungen, und gewiß haben wenige Kirchen in Europa werthvollere Gegenstände aufzuweisen. Sie besitzt Gemälde von Rubens, Raphael, Guido, Paul Veronese und eine Zahl anderer von den neuesten Meistern der Italienischen Schule.“ — Ich hoffte dieser Beschreibung nach eine kostbare Bildergallerie nebst andern großen Schätzen zu sehen; aber zu meinem Erstaunen fand ich von allen diesen Kostbarkeiten und Meisterwerken nichts, vier Oelgemälde ausgenommen, von welchen jedoch nur eines der älteren Zeit zuzuschreiben sein mochte. Ich weiß, daß wohl gar manche Reisende die Gewohnheit haben, mehr Poesie als Wahrheit in ihre Beschreibungen zu flechten; aber eine ähnlich starke Lüge ist mir bisher doch noch nicht vorgekommen.
Das Gefängniß ist aus massiven Steinen aufgeführt. Das Innere besteht aus einer großen Halle, um welche die Zellen in zwei Stockwerken laufen. Die Zellen sind für zwei Personen; sie besitzen gar keine Einrichtung, nicht einmal einen Schragen zum Schlafen — eine Kuhhaut vertritt dessen Stelle. Der Gefangene kann sich, so lange er nicht abgeurtheilt ist, mit seiner Börse alle Annehmlichkeiten verschaffen, was nach gefälltem Urtheil nicht mehr erlaubt ist. Allein ich sah doch bei manchen Abgeurtheilten mehr Comfort als bei andern. Leider ist der goldene Schlüssel in den freien Staaten so mächtig, wie überall in der Welt.
Die Gefängnißkost wäre nicht schlecht gewesen; allein die Bereitung und die Art, auf welche man die Speisen den Leuten gab, fand ich unsauber und unpassend — man fütterte sie wie Hunde ab. Ein großer Kübel, in welchem alles zusammen geschüttet war, wurde in die Halle gebracht, ein ekelhaft schmutziger Neger faßte vor jeder Zelle mit einem Löffel, wohl auch mit der Hand einige Brocken heraus, warf sie in ein Geschirr, und schob dieses durch eine kleine Oeffnung in der Thüre dem Verbrecher zu.
Die Luft in der Halle war sehr unrein: wenn man an die Zellen kam, mußte man die Nase zuhalten. Die Hinrichtungen (Aufhängen) finden in dem Hofe des Gefängnisses statt.
Von Lehr- und andern Anstalten, als: für Kinder, die man von der Straße aufliest, für alte arme Leute, für Mädchen und Frauen, die sich bessern wollen u. s. w., besah ich manche, die ich alle sehr zweckmäßig und trefflich eingerichtet fand. In dieser Hinsicht, besonders was die Anstalten für Arme anbelangt, wird in den Vereinigten Staaten sehr viel gethan. Viele Vereine bilden sich unter den Frauen, die emsig nachsehen und alles sehr genau überwachen. In diesem Punkte kann man den Amerikanischen Frauen wahrhaftig des Lobes nicht genug nachsagen.
Die Zuckerraffinerie des Herrn Belcher ist sehenswerth, da sie die größte im Westen ist: es werden wöchentlich bei 600 Tonnen[8] Syrup (Melasses) in raffinirten Zucker verwandelt. Herr Belcher beschäftigt gegen 700 Menschen nebst 140 Pferden und Maulthieren. Ich sah hier einen der tiefsten artesischen Brunnen, die bisher gegraben wurden: seine Tiefe beträgt 2200 Fuß. Man war zwar auf eine sehr starke Quelle gekommen, sie enthielt aber so viel Schwefel, daß man sie nicht benützen konnte; es wird daher mit der Bohrung des Brunnens noch fortgefahren.
Die Markthalle ist groß und hübsch, steht aber jener von Neu-Orleans weit nach.
Der Friedhof Belle Fontaine ist einer der schönsten von allen, die ich bisher gesehen. Er besteht aus einem prachtvollen Naturparke von vielen hundert Acres Landes, in welchem die Kunst nichts anderes zu thun hatte, als das Untergebüsch zu vertilgen, den Wald ein wenig zu lichten und den Grasboden zu cultiviren. Auf diesem Friedhofe werden nur Plätze für Familiengräber um theure Preise verkauft. Die Plätze sind mit zierlichen leichten Eisengittern eingefaßt und mit Blumen geschmückt, in deren Mitte kunstvolle Marmor-Monumente aufsteigen, von welchen manche in Italien gearbeitet worden sind. Bis jetzt gibt es noch wenige Grabesplätze. Der ganze Park ist von schönen Fahr- und Gehwegen durchschnitten, und ein Spaziergang dahin sehr lohnend. Schade, daß es keine Bänke gibt, um sich mit einem Buche allda länger aufhalten zu können.
Ich blieb einige Wochen in dem Hause des Herrn Boyce und war während dieser Zeit sehr aufmerksam auf die Behandlung der Dienerschaft, die aus lauter Sklaven bestand. Zu meiner großen Freude fand ich, daß die Leute behandelt wurden, als gehörten sie zur Familie, ja meiner Ansicht nach wurden sie sogar zu wenig mit Arbeit beschäftiget: ein Halbdutzend Sklaven arbeitete nicht so viel, als bei uns zwei Dienstleute. Die Kleidung, die Kost war gut und hinreichend. Freilich gehörten auch Herr und Frau Boyce zu den trefflichsten Menschen und ihre Kinder zu den sehr wohl erzogenen. Glücklich wäre das Loos der Sklaven, würden sie überall so gehalten!
Ich machte von St. Louis einen kleinen Ausflug nach dem Städtchen Highland (32 Meilen) in dem Staate Illinois, jenseits des Mississippi gelegen. Zu diesem Ausfluge mußte ich einen Platz in der Postkutsche (Stage-coach) nehmen, welche Art zu reisen die unbequemste und lästigste ist. Der sonst mit der Zeit so geizende Amerikaner hat da eine mehr als himmlische Geduld. So ist es z. B. gebräuchlich, daß sich die Reisenden nicht an dem Orte der Abfahrt einfinden, sondern der Wagen fährt vor jedes Haus sie abzuholen, eine Einrichtung, die sehr langweilig ist und in großen Städten vielen Zeitverlust verursacht. Man fährt oft ein Paar Stunden kreuz und quer, ohne daß die eigentliche Reise begonnen hat. Eben so zeitraubend geht das Umspannen vor sich: die Pferde sind nicht bereit, die Herren treten in die Schenke, und so vergeht eine halbe Stunde, bevor man weiter kommt. Unterweges werden die Pferde noch überdies getränkt.
Das Städtchen Highland mit 5000 Einwohnern ist vor fünfzehn Jahren von Deutschen und Schweizern gegründet worden. Vor dieser Zeit war das Land rings umher noch Prairie; jetzt ist der größte Theil schön cultivirt und mit üppigen Weizen-, Hafer- und Mais-Feldern bedeckt.
Man erwies mir in Highland sehr viele Ehren[9]. Herr Bernais, ehemals bei der französischen Gesandtschaft in Wien angestellt, erwartete mich schon an der Station, und führte mich sogleich in sein Haus. Am ersten Abende brachten mir die Mitglieder des Musikvereins, am zweiten die Sänger ein Ständchen. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit welcher man mir entgegen kam, die Deutsche Sprache, die ich von allen Seiten hörte, die heimathlichen Lieder und Kompositionen, auf wirklich ausgezeichnete Weise vorgetragen, machten es mich beinahe vergessen, daß ich mich in einem fremden Welttheile befand: es war mir, als sei ein Stück von Deutschland hieher gezaubert worden.
Fünf bis sechs Meilen von Highland landeinwärts sind die Prairien noch im Naturzustande zu sehen. Man führte mich dahin; meine Begriffe waren aber anders gewesen: ich hatte sie mir, den Beschreibungen zufolge, als unübersehbare Flächen vorgestellt, mit sechs bis sieben Fuß hohem Grase bedeckt, durch welches der Durchgang höchst beschwerlich sei. Dem war indeß nicht so. Das Land hatte eine wellenförmige Bildung, der Boden war zwar reich bewachsen; allein selten überstiegen die Pflanzen die Höhe von zwei bis drei Fuß, und überall konnte man leicht zu Fuße oder zu Wagen durchkommen. Die Aussicht von den zwanzig bis dreißig Fuß hohen Hügeln war reizend; ich hätte nie geglaubt, daß eine Landschaft ohne Gebirge, ohne Flüsse und Seen so schön sein könnte. Die wellenförmige Bildung gestattete dem Auge eine weite Fernsicht und brachte dabei doch hinreichende Abwechslung hervor. Nette Farmhäuschen standen auf manchen Höhen, in Mitte blühender Pflanzungen; im Vordergrunde breitete sich das Städtchen aus, kleine Boskette von Frucht- und anderen Bäumen bildeten die Schlagschatten, und dunkle Waldungen faßten in weiter Ferne das ganze Bild ein!
Auf der großen Besitzung des Herrn Köpfli wurden vor einigen Jahren sogar Weingärten angelegt. Der Versuch gelang vortrefflich; allein es zeigte sich, daß der gewonnene Wein nicht die Kosten deckte und billiger aus fremden Ländern zu beziehen war; es wurde daher die Weincultur vor der Hand aufgegeben.
Ich besuchte mehrere Farms, um die Lebensweise der Farmer (Grundbesitzer, Bauern) kennen zu lernen. Wer so viel besitzt, sich Grund und Boden zu kaufen, ein Häuschen zu bauen und seinen Bedarf für das erste Jahr zu decken, hat in den Vereinigten Staaten gewiß die schönste Zukunft vor sich. Die Ländereien, die man in noch uncultivirten Ländern von dem Staate kauft, kosten per Acre 1¼ Dollar. Auf seinem Grunde kann der Farmer schaffen und bauen, was er nur immer will: nichts ist in diesem schönen, freien Lande Monopol, nichts ist verboten oder hoch besteuert; außer einer ganz unbedeutenden Abgabe gibt es gar keine andern Leistungen und Pflichten.
Die Farmers besorgen mit den Knechten die äußeren Geschäfte, denn nie sieht man in den Vereinigten Staaten ein Bauernweib auf dem Felde arbeiten, Gras für das Vieh heimschleppen, die Erzeugnisse nach dem Markte bringen u. dgl. Der Amerikaner hat für das weibliche Geschlecht zu viel Schonung, um ihm dergleichen schwere Arbeiten aufzubürden. Die Frauen besorgen die Hauswirthschaft, das Melken der Kühe, das Buttern u. s. w. Sie leben sehr gut und sind durchschnittlich sauber gekleidet, ja letzteres artet bei den Frauen oft nur zu sehr aus; sie erscheinen Sonntags in stattlichem Putze mit goldenen Ketten, Uhren und Ringen.
Die Kost der Farmers besteht Morgens gewöhnlich aus kaltem Fleische oder Schinken, Brot, Butter und Thee oder Kaffee, Mittags aus gebratenem Fleische und Kartoffeln, Abends wie Morgens aus kaltem Fleische, Thee u. s. w. Was am ersten Tage erscheint, kommt das ganze Jahr hindurch, so daß die Küche den Frauen weder viel Kopfzerbrechen noch Arbeit verursacht.
Beinahe jeder Farmer hat in seinem Hause ein nettes Zimmerchen, seine Freunde zu empfangen; trotzdem darf man aber von Gastfreundschaft nicht zu viel erwarten. Kommt man gerade zu einer ihrer Mahlzeiten, so wird man zwar eingeladen; aber außer den Eßstunden wird den Besuchern nicht einmal ein Glas Milch angeboten. Man sagte mir, daß jedermann auf Farms aufgenommen werde, aber gewöhnlich zahle, wenn er über Nacht bleibe, — worin besteht dann die gerühmte Gastfreundschaft? —
Ich kann von Highland nicht scheiden, ohne auch der liebenswürdigen Familie Bandelier zu gedenken. Jedermann, mit dem ich bekannt wurde, lernte bald meine Leidenschaft für Insekten kennen. Seit ich aber die Holländisch-Indischen Besitzungen verlassen hatte, war man nirgends so gütig gewesen, mir deren weder aus Gefälligkeit noch gegen Bezahlung zu verschaffen oder abzulassen; ja ich mußte wirklich oft über die Angst lachen, mit der man mir zuweilen ein Paar elende Stücke zeigte: die Leute fürchteten sich, mir ein Käferchen, einen Schmetterling anbieten zu müssen. Vergebens gab ich den geehrten Sammlern schon im voraus mein Wort, nichts zu begehren, mich mit dem Ansehen zu begnügen; aber wie es schien, trauten sie meinem Worte nicht, und jeder hatte seine Sammlung gerade vor einigen Tagen irgend einem Museum oder einem Freunde als Geschenk gesandt.
Nur der fünfzehnjährige Sohn des Herrn Bandelier machte eine Ausnahme; er zeigte mir seine Sammlung mit größter Freude, und bat mich mit wirklich rührender Innigkeit, davon zu nehmen, was ich brauchen könne.
Von Highland fuhr ich nach Libanon (10 Meilen), einem neu angelegten Städtchen, das bis jetzt noch aus nichts als aus einer kleinen Reihe hölzerner Häuschen besteht, die am Waldsaume liegen. Der größte Theil des Weges führt durch Prairien. Vier Meilen weiter liegt die Farm des Herrn Hecker. Mit Erstaunen sah ich diesen talentvollen, hochgebildeten Mann, den bekanntlich die politischen Verhältnisse zwangen, sein Vaterland (Baden) zu verlassen, sich in das Landleben fügen, als wäre er von Geburt an ein Farmer gewesen. Wenn er in seinem Farmeranzuge, mit seinem langen Barte mitten unter seine Landsleute, ja unter seine Freunde träte, niemand würde ihn erkennen. Beinahe noch mehr bewunderte ich seine Frau: sie hat sich mit derselben Ergebung und Fassung in die neue Lebensweise geschickt. Wie hart mag es beiden fallen, mit nichts als Feld und Vieh zu schaffen zu haben, von nichts anderem sprechen zu hören, jedes geistigen Umgangs zu entbehren?! —
Ich kehrte von diesem Ausfluge wieder nach St. Louis zurück, wo ich noch einige Tage verweilte. Am 29. Juli setzte ich meine Reise auf dem schönen Dampfer „Excelsior“ fort, der von hier nach St. Paul (825 Meilen) ging.
Kaum dreißig Meilen oberhalb St. Louis mündet der Missouri in den Mississippi, und dieser Fluß ist es, welcher dem Mississippi das schmutzige Gewässer bringt; oberhalb der Einmündung des Missouri ist der Mississippi klar und rein.
Am 30. Juli früh Morgens legten wir an dem winzigen, aus höchstens einem Dutzend kleiner Häuser bestehenden Städtchen Hamburg an, das sich ungemein reizend um einen ungefähr hundert Fuß hohen Hügel lagert.
Noch schöner ist die Lage des Städtchens Clarksville. Wir kamen an mehreren Ortschaften vorüber, die alle, wenn auch nur einige hölzerne Häuschen zählend, in der Hoffnung auf die zukünftige Größe und Bevölkerung schon jetzt „Städte“ genannt werden. Der Amerikaner lebt überhaupt so sehr in der Zukunft, daß er von der Gegenwart wenig genießt.
Von Hamburg bis zu dem Städtchen Quincy, welches wir am 31. Juli erreichten, wird die Fahrt auf dem Mississippi angenehmer. Der Strom ist reich an größeren und kleineren Inseln; es zeigen sich abwechselnd Hügelketten, und die Waldungen sind ungleich schöner, da die Bäume an Höhe und Umfang zunehmen. Bei Quincy treten die Flächen wieder in den Vordergrund. Bei Keokuk wurde der Wasserstand schon so niedrig, daß der größte Theil der Ladung auf ein Schleppschiff übertragen werden mußte.
Das Städtchen Madison mit dem Fort gleichen Namens gehört schon zu den größeren und mag 3-4000 Einwohner zählen. Bedeutender noch ist Burlington, mit ziemlich großen Backsteinhäusern und breiten Straßen. Rock-Island und Davenport, einander gegenüber gelegen und nur durch den Mississippi getrennt, tragen den Namen „Stadt“ schon mit Recht. Doch haben alle diese Städte und Städtchen nichts Eigenthümliches oder Anziehendes. Das Land war auf beiden Seiten des Stromes noch wenig aufgebrochen, die Waldung nur an den Stellen gelichtet, auf welchen die Ortschaften standen; entweder wird noch wenig Land bebaut oder es geschieht dieß mehr im Innern.
Wir blieben die Nacht vor Davenport liegen. Gegen 11 Uhr erhob sich ein starker Sturm, der in einen Orkan auszuarten drohte. Die Blitze folgten sich unausgesetzt, der Donner grollte wild durch das Brausen des Windes. Der Kapitän und die Offiziere eilten aus ihren Kabinen auf der obersten Terrasse in die tieferen hinab, befürchtend, der Sturm möchte jene sammt dem Schornstein der Maschine mit sich fortführen, wie es bei einem ähnlichen Sturme drei Wochen früher der Fall gewesen war. Wir sahen noch am Ufer die zerstörten Kamine liegen, und am Lande ein Backsteinhaus, das durch den Orkan seines Daches beraubt worden war. Wir kamen jedoch dießmal mit der bloßen Angst davon, schon nach einer Stunde zügelte der Sturm seine Wuth und hatte bald gänzlich ausgetobt. In der heißen Jahreszeit sollen diese Gegenden öfter von Orkanen heimgesucht werden.
Am 4. August Morgens lenkten wir in das Fieber-Flüßchen und landeten unfern seiner Mündung an dem Städtchen Galena. Die Lage dieses Städtchens ist reizend: ein Theil windet sich an dem Fuße eines schönen Hügels fort, während der andere sich in malerischen Gruppen bis an dessen Spitze zieht.
Von Galena kehrten wir wieder in den Mississippi zurück, der nun schon bedeutend an Breite abnimmt, dessen Ufer aber dafür an Reiz gewinnen.
Von Neu-Orleans bis hierher bietet dieser Strom der großen, schönen Scenen wahrhaftig so wenige, daß ein Maler in Verzweiflung gerathen müßte, würde ihm die Aufgabe gestellt, irgend eine überraschende, reizende Ansicht davon zu liefern. Der Reisende hat für die lange Fahrt (von der Mündung bis hierher 1600 Meilen) keine andere Entschädigung, als sich an dem Gedanken zu laben, daß es doch großartig ist, zwischen diesen Urwäldern und Prairien den Rücken eines der mächtigsten Ströme der Erde von Hunderten von Dampfern befahren, in diesen Gegenden, die noch vor zwanzig Jahren größtentheils von wilden Indianern, von Bären und anderen Bestien bewohnt waren, überall Städte und Ortschaften gleich Pilzen aus der Erde entstanden zu sehen. Allerdings ist dieser Gedanke mächtig; aber schon nach wenig Tagen wird man mit den sich ewig wiederholenden Wundern so vertraut, daß man ihrer am Ende gar nicht mehr gedenkt und nur von der Einförmigkeit der Naturscenen gelangweilt wird.
In Galena vermehrte sich unsere Gesellschaft um zwei Mädchen oder Frauen von etwa zwanzig Jahren, deren Benehmen gleich zu erkennen gab, zu welcher Klasse sie gehörten. Sie sprangen umher, liefen einander nach, haschten sich u. s. w. Ich hielt mich fern von ihnen, denn noch war ich so albern, die Menschen nicht nach Farbe und Blut, sondern nach Bildung und Sittlichkeit zu schätzen. Als diese beiden Geschöpfe den nächsten Tag den Dampfer verließen, gingen sie ganz nahe an mir vorüber, klopften mir lachend auf die Achsel und schrieen mir in die Ohren, als wäre ich taub gewesen: „Sie gleichen unserer Großmutter auf ein Haar.“ Den Jahren nach hätte dieß wohl sein können: ich verläugne mein Alter nicht; allein die Art und Weise, in welcher mir die Mädchen dieß sagten, war so auffallend beleidigend, daß ich nicht umhin konnte, ihnen zu antworten: „Und Sie gleichen zwei Affen, die ich von meinen Reisen nach Hause gebracht habe, so vollkommen, daß ich schon dachte, Sie seien mir entsprungen.“
Ueberhaupt befand sich auf diesem Dampfer wieder eine sehr gemischte Gesellschaft. Ein Paar andere junge Frauen warfen sich bei Tische mit den abgenagten Maiskolben — die Nebensitzenden waren nicht sicher, daß ihnen ein Stück davon an den Kopf flog. Und Abends erst, wenn sich alle in den Schaukelstühlen (Rocking-chairs) wiegten, da hätte ich ein Maler sein mögen, um den Frauen ein Bild zu zeichnen, wie anmuthig sie sich in diesen Stellungen ausnahmen. Es waren zehn solcher Stühle, die Frauen schoben sie in einen Kreis zusammen, setzten sich recht tief hinein, streckten die Füße weit vor, ja manche hielten auch noch den Arm über den Kopf, und so schaukelten sie sich, so viel es der Stuhl zuließ. Wie unzart, wie unweiblich das aussah, ist nicht zu beschreiben.
Man sagte mir freilich, daß ich die Amerikaner nicht nach dem Benehmen auf den Dampfern beurtheilen solle.
Das will ich gern glauben. In den Gesellschaften in Neu-Orleans oder Neu-York hätte ich sie nicht so in ihrem natürlichen Gehenlassen gesehen wie auf den Dampfern. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, daß die Herren es sehr lieben, die Füße auf Stühle, ja selbst auf Tische zu strecken — ein eben so reizendes Bild, wie das der weiblichen Jugend in den Schaukelstühlen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, wie die Leute die Achtung für sich und die Gesellschaft so ganz außer Augen setzen, daß sie in beschmutzten, ja selbst zerrissenen Kleidern, mit schmutziger Wäsche, ungeputzten Stiefeln an die Tafel kommen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, daß selbst nett gekleidete Herren gleich Matrosen beständig Tabak kauen, daß sich gar viele ihrer Finger statt des Taschentuches bedienen, und daß sie bei Tische die Knochen des Geflügels, die Schalen der Kartoffeln u. s. w. auf das Tischtuch neben den Teller legen. In den Gesellschaften hätte ich nicht gesehen, wie unartig und naseweis sich die Kinder benehmen. Und schwerlich hätte ich in den Gesellschaften Gelegenheit gefunden, zu bemerken, daß die Leute gar so orthodox und von der Sucht befallen sind, alles bekehren zu wollen, was in ihr Bereich kommt. Kaum war ich oft auf das Deck eines Dampfers gestiegen, so kam schon eine Frau oder ein Herr mit der Frage daher. „Zu welcher Kirche gehören Sie?“ Ich fand diese Frage so unhöflich, so unbescheiden, daß ich meistens zur Antwort gab: „Ich bekümmere mich nichts, zu welcher Sekte Sie gehören, folgen Sie meinem Beispiele.“ Wünschte ich ein Buch zu haben, so gab man mir nicht selten religiöse Abhandlungen oder die Bibel. Ich finde nichts ungeschickter, als, wie man zu sagen pflegt, sogleich mit der Thüre in das Haus zu fallen: es gibt dieß einen ungünstigen Begriff von den Leuten, und man hört gar nicht oder mit Unwillen auf ihre Worte. Ich für meinen Theil floh diese Bekehrer wie das böse Fieber, denn nichts ist mir unerträglicher, als ein von seinem Glauben aufgeblasener Fanatiker.
6. August. Früh Morgens fuhren wir in einen kleinen See, aus dessen Mitte ein Inselchen steigt. Die Gegend war so still und romantisch, das Inselchen von der Welt so abgeschieden, daß nichts als eine Klause sammt dem Eremiten fehlte, das Bild vollkommen zu machen. Dieser kleine See ist das Vorspiel eines größern, des Pipin-Sees (zwanzig Meilen lang vier Meilen breit); beide werden von dem Mississippi gebildet. Die Ansicht des letzteren entschädigte mich zum großen Theile für die lange, einförmige Strom-Reise. Südwestlich ist sein Becken von einer hohen Hügelkette eingefaßt, die oft in steilen Felswänden von drei- bis vierhundert Fuß Höhe abfällt. An eine derselben, „Maiden’s-Rock“ (Mädchen-Fels) genannt, knüpft sich eine traurige Sage. Ein Indianisches Mädchen war bestimmt, mit einem ihrer Landsleute verheirathet zu werden. Da kam zufällig ein Weißer, der sich in der Gegend verirrt hatte, in den Wig-wam (Dorf) des Mädchens. Er hielt sich da einige Zeit auf, lernte das Mädchen kennen und lieben und fand Gegenliebe. Als die Eltern so wie der Bräutigam dieß bemerkten, verfolgten sie das Mädchen mit Vorstellungen und Drohungen, und suchten die Hochzeit zu beeilen, um der Geschichte ein Ende zu machen. Eines Tages, als das arme Geschöpf von dem Bräutigam besonders stark gepeinigt wurde und sich nicht zu retten wußte, floh es auf den Fels und stürzte sich in den See, der den Körper nur als Leiche wiedergab.
Die anderen Seiten des Sees sind theils von Hügeln, theils von sanft aufsteigenden, gut kultivirten Flächen umgeben, deren Hintergrund eine niedere Bergkette bildet. Städtchen, einzelne Farms liegen an den Ufern. Ich konnte des Anblicks der reizenden Landschaft, des schönen Wasserspiegels nicht müde werden, und zu schnell fuhren wir in den dritten See ein, den St. Croix, welcher von dem Flusse gleichen Namens gebildet wird und noch länger, aber bedeutend schmäler als der Pipin-See ist. Gleich einem langen, weißen Tuche schlingt er sich zwischen Hügeln, Flächen und Wäldern durch, und gestattet kaum einigen kleinen Inseln Raum in seinem Bette. Auch seine Ufer sind schön und abwechselnd.
Am 7. August Morgens trafen wir in St. Paul ein.