Zwanzigstes Kapitel.
St. Paul. — Die St. Antony-Fälle. — Die Pelzjäger. — Die Fahrt in der Postkutsche. — Stillwater. — St. Croix. — Rückkehr nach Galena. — Amerikanische Geduld. — Chicago. — Der Michigan-See. — Milvaukee. — Die unterirdische Eisenbahn. — Die Mormonen. — Der Lake Superior. — Die Indianer. — Der Huron- und Erie-See. — Cleveland. — Niagara-Falls-Village.
t. Paul ist das Hauptstädtchen des Minnesota-Distriktes. Es besteht aus zwei Theilen, von welchen der eine, der untere, an dem Ufer, der andere (obere) auf Hügelland liegt. Dieses Städtchen, erst vor fünf Jahren entstanden, nimmt, wie fast alle Anlagen in diesem Distrikte, mit überraschender Schnelligkeit zu: es zählt bereits über 5000 Einwohner, und zwischen den hölzernen Häuschen stehen schon gar manche stattliche Backsteingebäude. Bis auf zwei Meilen im Umkreise gibt es hübsche Landhäuser, die in jung gepflanzten Gärten, in neu aufgebrochenem Lande liegen.
Der Distrikt Minnesota ist den Vereinigten Staaten noch nicht als Staat eingereiht. Eine Masse Landes muß, um als Staat anerkannt zu werden, von einer gewissen Anzahl Weißer bewohnt sein (sechzig- bis hunderttausend). So lange dieß nicht der Fall ist, bleibt sie „Distrikt.“ In den Distrikten kann sich jedermann ansiedeln, Land aufbrechen so viel und wo es ihm gefällt, man bedarf keiner Bewilligung hierzu, hat nicht das geringste dafür zu bezahlen und ist ganz steuerfrei; wird aber der Distrikt als Staat erklärt, so muß man für das in Besitz genommene Land 1¼ Dollar per Acre bezahlen oder es abgeben. Bevor der Distrikt zum Staate wird, entscheiden die Einwohner durch Stimmenmehrheit für oder gegen die Einführung der Sklaverei. Von Minnesota weiß man schon jetzt, daß die Sklaverei nicht eingeführt wird, was nicht so sehr aus Menschenliebe geschieht, als in Folge der klimatischen Verhältnisse. Das Klima ist gesund und für die Europäischen Einwanderer vollkommen geeignet; sie können hier so gut alle Feldarbeit bestellen, wie in ihrer Heimath, und wo dieß der Fall ist, kommt die Arbeit billiger zu stehen, als mit Sklaven.
Der Distrikt Minnesota hat 166,000 Quadratmeilen oder 106 Millionen Acres Land; er wurde, obwohl den Weißen schon seit mehr als hundert Jahren bekannt, doch eigentlich erst im Jahre 1849 von der Regierung mit einiger Aufmerksamkeit untersucht und für sehr fruchtbar erklärt. Sie kaufte den Eingebornen das Land ab, kleine Strecken ausgenommen, und schickte sie größtenteils nach dem Indianer-Territorium. Die Regierung bezahlt den Indianischen Häuptlingen gewöhnlich per Acre fünf bis sechs Cents, ungefähr eben so hoch belaufen sich die Kosten der Bemessung, Unterhandlung, Versendung der Eingeboren, Geschenke u. s. w., so daß ihr der Acre Landes auf zehn bis zwölf Cents zu stehen kommt. Sie verkauft ihn dann, wie gesagt, zu 1¼ Dollar.
Seit einigen Jahren bevölkert sich Minnesota mit reißender Schnelligkeit und dürfte in kurzer Zeit zum Staate wenden. Im Jahre 1852 zählte man kaum zwanzigtausend Weiße; in dem darauf folgenden Jahre ergab sich schon beinahe die doppelte Zahl.
Bisher sind die einzigen Ausfuhrartikel Bretter und Bauhölzer aller Gattung, die erst nach St. Louis verflößt werden, von wo man sie weiter versendet. Man kann sagen, daß in diesem Lande Dampf- und Wasser-Sägemühlen an Stellen arbeiten, wo man beinahe noch die rauchende Hütte des Indianers, die Spuren des wilden Büffels, des flüchtigen Hirsches gewahrt. Hier ist der Menschenfleiß mit der Natur im regsten Kampfe. Ich glaube kaum, daß je ein Land so schnell angegriffen wurde, wie Minnesota. Es wird zwar noch viel an Getreide, Kartoffeln u. s. w. von den Nachbarstaaten eingeführt, weil die Ansiedler noch zu sehr mit der Lichtung der Wälder, mit den Sägemühlen beschäftigt sind; doch hofft man schon in wenig Jahren nicht nur den eigenen Bedarf zu decken, sondern sogar auszuführen, da der Boden sich als außerordentlich fruchtbar zeigt.
Schönes, glückliches Land, das jedem Auswanderer mit gutem Gewissen zu empfehlen ist, besonders solchen, die kräftige Hände, Arbeitsliebe und Ordnungssinn mitbringen! Hier kann der Ansiedler auf baldigen Lohn hoffen, das Klima ist nicht tödtend, die Arbeit nicht so beschwerlich und langjährig, wie in manchen andern Ländern, wo oft erst die Kinder den Fleiß der Eltern ernten.
Ich kam nach St. Paul mit einem Empfehlungsbriefe an Herrn Holingshead, der sich sein Haus eine kleine Strecke von der Stadt auf einem Hügelchen gebaut hat, von welchem er das reizendste Rundgemälde überblickt. Das ganze Land ist wellenförmig und noch von großen Prairien und mächtigen Wäldern bedeckt. Die wellenförmige Bildung gestattet ausnehmend weite Fernsichten. Ein Hügel, welchen mir Herr Holingshead zeigte, soll hundert Meilen im Umkreise sichtbar sein und den verirrten Wanderern als Leitstern dienen.
Herr Holingshead war so freundlich, mich sogleich zu einer Fahrt nach den berühmten Wasserfällen des Mississippi (den St. Antony-Fällen, 9 Meilen) einzuladen. Die lieblichsten Wege führen dahin über Ebenen und Hügel, zwischen Prairien, Bosketten und neu aufgebrochenen Feldern, in deren Mitte der kürzlich angekommene Farmer vorläufig seine Bretterhütte aufgeschlagen hat. Jeder Schritt, der mich den Fällen näherbrachte, steigerte meine Neugierde, denn ich hatte sie von den Amerikanern als höchst merkwürdig schildern hören. Ich konnte zwar keine mächtige Wassermasse erwarten, da der Fluß so seicht war, daß wir kurz vor seinen Fällen durchfahren konnten; doch war seine Breite noch ziemlich bedeutend; was an Wasserfülle mangeln mochte, hoffte ich an Höhe ersetzt zu sehen. Bald stand ich vor den Fällen, über alle Maßen erstaunt — aber nicht über deren Großartigkeit, sondern über deren Unbedeutendheit. Ueberdieß gab es nicht mehrere, sondern nur einen Fall. Die Höhe des Sturzes mochte kaum zwanzig Fuß betragen, die Breite war zwar bedeutend, aber eben dadurch verlor sich die Höhe noch mehr. Zudem war der Fall durch eine Brettermühle und durch eine Menge angeschwemmter Baumstämme sehr verunstaltet. Das schönste ist die Felswand, über die er sich stürzt: sie schien wie mit einem Meisel senkrecht abgeschnitten. Die nahe Umgebung bot nichts Romantisches: sie bestand aus Waldungen, die alle Aussicht versperrten.
Und so sah ich abermals eine Naturscene, aus welcher die Amerikaner ein Wunder machen, und abermals muß ich gestehen, daß nur Leute, die nichts weiter gesehen haben, so urtheilen können. Aus Gefälligkeit in das allgemeine Horn zu blasen, wie viele Reisende es thun, ist meine Sache nicht; ich schreibe wie ich sehe und fühle, bin jedoch weit entfernt zu glauben, daß meine Ansichten und Gefühle immer die richtigen sind.
Von dem Falle des Mississippi fuhren wir mit einem kleinen Umwege an dem Falle des Minne-ha-ha (lachendes Wasser) vorüber, nach St. Paul zurück. Dieses Wässerchen hat kaum drei Fuß in der Breite, stürzt sich jedoch senkrecht über eine Wand von sechzig Fuß, in ein Becken, das von dicht bewachsenem Hügeln, oder eigentlich Felswänden, enge umschlossen ist. Das Ganze gleicht einem eingestürzten Krater, allein keine ausgeworfene Lava ist sichtbar. Man kann zwischen dem Falle und der Felswand durchgehen. Mir gefiel beinahe dieser Miniatur-Wasserfall besser, als jener gerühmte des Mississippi; von ersterem erwartete ich nichts, von letzterem sehr viel. Besonders reizend waren die Ansichten von den kleinen Höhen: der Blick schweifte ungefesselt weit hin über das wellenförmige Prairien-Land, auf der einen Seite den Fluß Minnesota, auf der andern den Mississippi verfolgend, der nach dem Sturze seinen Lauf in einem engen Felsbette fortsetzt.
Auch an dem Fort Snelling kamen wir vorüber, das auf erhöhtem Felsgrunde steht, aus Stein gebaut und mit seinen vier Eckthürmen für Indianer gewiß uneinnehmbar ist. Bei diesem Fort ergießt sich der Minnesota in den Mississippi.
Wir fanden hier einige der sogenannten „Pelzjäger“ gelagert. Diese Leute führen ein ganz eigenthümliches Leben. Sie halten sich beständig unter den Indianern auf, wählen ihre Weiber aus ihnen und beschäftigen sich nur mit Jagd und Tauschhandel. Sie halten sich Wochen und Monate lang in den dichtesten Wäldern auf, wandern hoch nach dem Norden hinauf und suchen mit allen Stämmen in Verbindung zu kommen. Sie nehmen von den Eingeborenen Pelzwerk gegen Glasperlen, Messing, gefärbte Stoffe u. s. w. Wenn sie der Waaren genug gesammelt haben, beladen sie damit kleine, zweirädrige Karren, mit einem Pferde bespannt, und ziehen nach den großen Städten, um zu verkaufen. Zurück bringen sie Kaffee, Zucker, Thee u. dgl. für ihren Bedarf, und andere Waaren für die Indianer. Während der Reise lagern sie stets in kleinen Zelten unter Gottes freiem Himmel. Sie gewinnen ihre Lebensweise meistens so lieb, daß sie dieselbe gegen die bequemste und angenehmste nicht vertauschen würden. Obwohl sie oft viel Geld für ihre Pelze lösen, kehren sie doch häufig arm zurück, da sie wie die Minenarbeiter in Californien sind, und in kurzer Zeit den schwer verdienten Gewinn durchbringen. Glücklich noch jener, der davon so viel erübrigt, einige Waaren für den Tauschhandel mit nach Hause zu bringen. Die meisten dieser Pelzjäger sind Franzosen.
Mit trefflichem Appetit kamen wir von diesem Ausflug zurück nach Herrn Holingshead’s Haus, wo ein ausgezeichnetes Mittagsmahl unsrer harrte. Nach Tische führte mich noch Frau Holingshead nach einer kleinen Grotte, zwei Meilen von St. Paul, die eine halbe Meile weit in einen Sandhügel dringt. Ein Bächlein, das seinen Lauf durch die Grotte nimmt und kein eigentliches Bett hat, verbreitet überall Nässe und Feuchtigkeit, so daß der Gang in das Innere sehr unangenehm und dabei nicht lohnend ist, denn nirgends wird die Gestaltung eines Tropfsteins sichtbar. Das hübscheste ist eine unregelmäßige Halle am Eintritte, welche die Städter manchmal an heißen Tagen zu geselligen Vergnügungen benützen.
Am 9. August verließ ich St. Paul, um nach dem Lake Superior zu gehen. Diese Reise wird theils auf dem Flusse St. Croix und theils zu Lande gemacht. Ich hatte mich zu St. Paul mit einem Herrn, der gleichfalls dahin wollte, besprochen, den Ausflug gemeinschaftlich zu unternehmen, und sollte zu Stillwater (16 Meilen von St. Paul) zwei Tage auf ihn warten.
Nach Stillwater fuhr ich mit dem Postwagen. Ich fand da einen jungen Mann, der kein Wort sprach, und eine junge Frau, die keinen Augenblick schwieg. Schon in der ersten Viertelstunde hatte sie uns alle ihre Verhältnisse erzählt. Nachdem wir kaum zwei Meilen gefahren waren, vermehrte sich unsere Gesellschaft um eine dritte Person, eine junge Frau, dem Putze nach zur reichen Klasse gehörend, denn sie war in Seide gekleidet und mit Schmuck reichlich versehen. Allein ihr Benehmen verrieth sie nur zu schnell. Die eine Seite ihres Gesichtes wies noch große blaue Flecken, die sie vermuthlich in irgend einer Schenke erbeutet hatte. Sie kaute Tabak trotz dem derbsten Amerikaner, zog ein Fläschchen mit Branntwein aus der Tasche, labte sich ohne Umstände damit und lud uns freundschaftlich zum Mitgenuß ein. Sie richtete an uns alle das Wort. Von dem stummen Herrn und mir erhielt sie zwar keine Antwort; aber mit dem geschwätzigen jungen Weibe gerieth sie alsbald in tiefes Gespräch. Doch diese Gesellschaft genügte der Dirne nicht, sie rief dem Kutscher zu, anzuhalten, stieg aus und gesellte sich zu einigen Männern, die oben auf dem Wagen saßen. Mittags wurde an einem Gasthofe angehalten, wir setzten uns an die Tafel und mußten diese Person in unserer Mitte dulden — sie war ja eine Weiße! — Nach Tische kam ein hübscher, junger Mann in unsere Kutsche, und als die edle Dame dieß sah, stieg auch sie wieder ein. Die beiden Leutchen wurden bald so vertraut mit einander, daß man bedauern mußte, Ohren und Augen zu haben. Ich erzähle dieses schöne Intermezzo nur, um zum Nachdenken darüber aufzufordern, ob man die Menschen nach ihrer Hautfarbe, oder nach ihrem Benehmen beurtheilen solle.
Die kurze Reise[10] nach Stillwater ist so lieblich, daß ich sie (nur in keiner Stage-coach) aus Vergnügen oft wiederholen könnte. Hübsche Wege führen durch einen natürlichen Wiesenpark, an kleinen Seen vorüber, die sehr reich an Fischen sein sollen, und hin und wieder eröffnen sich Aussichten auf den schönen St. Croix See, auf Prairien und weite Strecken Landes.
Zu Stillwater nahm mich Herr Schulenburg freundlich in seinem Hause auf, und ich wartete verabredeter Weise zwei Tage auf meinen Reisegefährten; als aber weder er noch einige Zeilen von ihm kamen (die erste Unhöflichkeit, die ich von einem Amerikaner erfuhr), ging ich am dritten Tage den 12. August, auf einem kleinen Dampfer nach St. Croix (30 Meilen).
Stillwater liegt nahe dem Ende des Sees, und bald kamen wir in den St. Croix-Fluß, der nur bis St. Croix, und zwar nur für ganz kleine Dampfer befahrbar ist; bei St. Croix bildet er Stürze und Wasserfälle, und oberhalb dieser ist er seicht und voll Felsen, durch welche sich kaum kleine Boote durcharbeiten können.
Die Fahrt ist hübsch, man ist von wilden, pittoresken Fels- und Waldparthien umgeben; aber den nur einigermaßen verzärtelten Reisenden würde sie wohl nicht für die Unannehmlichkeiten entschädigen, welchen er auf diesen ganz beschränkten Dampfern ausgesetzt ist. Bis jetzt ist die Gegend meistens nur von Holzschlägern und Holzhändlern besucht, die in ihren ganz beschmutzten und zerrissenen Anzügen nicht selten betrunken an Bord kommen. Da nur ein Platz existirt, muß man in ihrer Gesellschaft leben. Der Tisch war jämmerlich bestellt, ein ekelhaftes Tischtuch ausgebreitet, Theetassen dienten statt der Trinkgläser. Ich werde dieses Dampfers, dieser Gesellschaft nicht leicht vergessen; ein Betrunkener saß mit am Tische, ein zweiter lag daneben im Bette und schnarchte nach dem Takte. —
Wir saßen mehrmals auf Sandbänken auf und erreichten diesen Tag nicht St. Croix, obwohl wir Stillwater schon Morgens acht Uhr verlassen hatten. Man wies mir für die Nacht ein schmutziges Bett an, das so hart und knollicht war, als wäre es mit Steinen ausgefüllt gewesen.
13. August. Um neun Uhr Morgens erreichten wir St. Croix. Der Dampfer hielt in einem Wasserbecken, das von sechzig bis siebenzig Fuß hohen Felsen so enge umschlossen ist, daß man kaum die Ein- und Ausfahrt gewahren konnte. Eine der Felsspitzen, von den übrigen etwas abgesondert, führt den Namen „des Teufels Schornstein.“
Als ich an’s Land stieg, bat ich sogleich jemanden, mich nach den zwei Fällen des St. Croix-Flusses, dem Taylor- und dem obern Falle zu führen, von welchen beiden man mir in Stillwater und St. Paul viel gesprochen hatte. Wenn wir Europäer von einem Wasserfalle sprechen, verstehen wir darunter doch eine hübsche Masse Wassers, die sich über eine Höhe von wenigstens zwanzig bis dreißig Fuß stürzt. Die Amerikaner sind in ihren Ansprüchen viel bescheidener: sie ersetzen an dem Namen, was der Sache fehlt. Man wies mir eine Wasserschnelle (Rapid) von kaum drei Fuß Höhe, vor welcher der Dampfer anhielt, und die ich, ihrer Unbedeutendheit wegen, gar nicht beachtet hätte, dieß war der Taylor-Fall; auch der obere Fall, eine Meile höher, war eher einer Schnelle zu vergleichen: seine Höhe betrug sieben bis acht Fuß.
St. Croix besteht bis jetzt nur aus einem Gasthause[11], einem Dutzend hölzerner Hütten und ein Paar Sägemühlen, die im Walde umherliegen. Man hofft, daß sich hier bald eine bedeutende Stadt bilden wird. Diese Hoffnung hegen die Amerikaner überall, wo einige Hütten entstehen.
Die Witterung in St. Paul, Stillwater und hier war bereits so rauh, neblicht und regnerisch wie kaum bei uns im Monat November, so daß man mir abrieth, die Reise nach dem Lake Superior zu Lande zu machen; sie wäre auch unter diesen Umständen, des bösen Sumatra-Fiebers wegen, das ich nicht los werden konnte, wirklich gefährlich für mich gewesen. Ich kehrte daher wieder über Stillwater nach St. Paul und von da mit dem Dampfer Galena auf dem Mississippi nach Galena (300 Meilen) zurück. Von Galena fuhr ich mit der Stage-coach nach Warren (25 Meilen) und von da mit der Eisenbahn nach Chicago (175 Meilen), wo ich am 20. August ankam. Ueber diese Reise läßt sich nichts sagen, als daß das Land durchgehends wellenförmig gebildet, zum Theil mit Waldungen bedeckt ist und sehr fruchtbar scheint; die üppigen Felder versprachen überall reiche Ernten.
Ungleich größeres Interesse fand ich darin, den Amerikaner zu beobachten, der mir mit seinen widersprechenden Eigenschaften ewig ein Räthsel bleiben wird. Auf einer Seite ist oft ein Wort hinreichend, sein Blut in Wallung zu bringen, ja ihn bis zu Mord und Todtschlag zu führen, auf der andern besitzt er die unendlichste Geduld. Letzteres namentlich den Dienstleuten gegenüber, die beinahe die eigentlichen Herren im Hause zu sein scheinen: um jede Dienstleistung muß man sie bitten und ersuchen, als wäre es eine Gnade, selbe von ihnen zu erhalten. Ich sehe es gewiß von Herzen gerne, daß Dienstleute wie zur Familie gehörend, behandelt werden, würde aber auch strenge darauf halten, daß sie die Pflichten, die sie gegen mich übernommen haben, eben so genau erfüllen, wie ich die meinigen gegen sie.
Eine eben so ungemessene Nachsicht zeigen die Amerikaner, wie ich zum Theile schon erwähnt habe, mit den Ungezogenheiten nicht nur ihrer eigenen, sondern auch der fremden Kinder. Um die Geduld meines Lesers nicht zu ermüden, will ich von den vielen Beispielen, die mir vorkamen, nur eines erwähnen. Ich fuhr einst in einer Stage-coach an einer einsamen Farm vorüber. Ein Junge kam heraus gesprungen, schrie dem Kutscher zu, anzuhalten und lief dann zurück in das Haus. Der Kutscher hielt einige Minuten, kein Mensch kam, — es war ein Scherz des Knaben. Anstatt abzusteigen und den Jungen zu züchtigen, begnügte sich der Kutscher ein „Goddam“ auszurufen, und fuhr weiter.
Mit wahrer Entrüstung aber war ich Zeuge der Gelassenheit, mit welcher sich auf der Fahrt von Galena nach Warren neun Herren den Launen eines der Kutscher unterwarfen. Auf der letzten Station, auf welcher die Pferde gewechselt werden, pflegen die Reisenden, wenn sie frühzeitig ankommen, Thee oder sonstige Erfrischungen zu nehmen. Wir waren aber später von Galena fortgefahren, hatten Angst, den Zug auf der Eisenbahn zu versäumen, und sagten dem Kutscher, der ebenfalls auf jeder Station gewechselt wird, er solle gleich weiterfahren. Dieser jedoch, mit dem Wirthe vermutlich einverstanden, befahl uns fast, den Thee zu nehmen und erklärte, daß er vor einer halben Stunde nicht weiterfahren würde. Wir nahmen zwar keinen Thee; allein der Kutscher verschwand, und all unser Rufen brachte ihn nicht zur Stelle. Als er endlich kam, ersuchten ihn die Herren auf die höflichste Weise, die Fahrt so viel wie möglich zu beschleunigen. Die Straße war herrlich, die Pferde waren frisch — der Kutscher aber fuhr im langsamsten Schritte. Keine Bitte half, nicht einmal Geld, das man ihm gab. Die Herren stießen zeitweise ein halblautes „Goddam“ aus, und damit war es abgethan. Ich als Frau konnte nichts machen; aber ein Halbdutzend meiner phlegmatischen Deutschen Landsleute hätte ich an die Stelle zaubern mögen, und bin überzeugt, die hätten sich zu helfen gewußt.
Glücklicher Weise kamen wir drei Minuten vor dem Abgange des Zuges an, und da niemand Reisekoffer mit sich führte, hatten wir nur von Wagen zu Wagen zu steigen. Das Versäumen des Zuges hätte uns einen ganzen Tag gekostet, denn es war Sonnabend, und am Sonntage geht in dem Staate Illinois kein Zug.
Die Stadt Chicago liegt in einer Ebene an dem Michigan-See. Das einzige Merkwürdige an ihr ist ihr schnelles Emporwachsen. Im Jahre 1830 entstanden die ersten hölzernen Hütten, vier Jahre später fing man an zu vermuten, daß der Platz vortheilhaft werden könnte, nahm ihn rasch in Angriff, und nun zählt die Stadt schon an 60,000 Einwohner.
Ueberhaupt erfreut sich der ganze Staat Illinois einer reißend schnellen Entwicklung. Man kann von ihm dasselbe sagen, wie vom Distrikte Minnesota: das wellenförmige Land ist vortrefflich, die Prairien sind leicht in Felder umzuschaffen, das Klima ist gut und daher das Zuströmen der Einwanderer sehr bedeutend. Dabei ist der Amerikaner unternehmend wie kein anderer Mensch in der Welt, baut gleich Eisenbahnen nach allen Richtungen und befährt Flüsse und Seen mit Dampfern. Die Verbindungen sind früher im Gange, als die Gegend bevölkert ist; aber eben diese Verbindungen erleichtern das Ansiedeln. Ueberall wird Land aufgebrochen, werden Farms errichtet, und wie durch Zauber entstehen Ortschaften und Städte.
Am 22. August setzte ich die Reise auf dem Michigan-See fort. Ich fuhr bis Milvaukee (96 Meilen) in dem Staate Wisconsin. Auch diese Stadt, erst im Jahre 1833 entstanden, zählt bereits 35,000 Einwohner, von welchen ein Dritttheil Deutsche sind.
Ich fand hier den ersten guten Deutschen Gasthof, Herrn Wetzstein gehörig, in welchem man treffliche Kost, sehr hübsche reinliche Zimmer für den billigen Preis von einem Thaler per Tag bekam. In den andern Städten, wo ich bisher nach Deutschen Gasthöfen gefragt hatte, waren es schmutzige Kneipen für arme Einwanderer.
In Milvaukee verweilte ich einige Tage und erfuhr von den Deutschen, ganz besonders von den Frauen, sehr viele Aufmerksamkeiten. Ihr freundlich zuvorkommendes Wesen, ihr Bestreben mir gefällig zu sein, wird nie in meinem Gedächtnisse erlöschen. Herr Napastek veranstaltete jeden Nachmittag eine Parthie nach den schönsten Punkten der Umgebung, nach Melm’s Garten, nach Pest’s Pavillon u. s. w. Die Fernsichten waren reizend, obwohl es der Landschaft an Hügeln und Bergen gebrach. Aber der herrliche Wasserspiegel des Sees, der in unübersehbarer Weite mit dem Horizonte verschwamm, ersetzte die fehlende Gebirgswelt.
Außer den Deutschen Frauen lernte ich auch eine sehr liebenswürdige junge Amerikanerin kennen, deren Gemahl, Herr Booth, Herausgeber des „Demokraten“ und wüthender Abolutionist, sich vor kurzem an einem Aufstande betheiligte, welcher eines entlaufenen Sklaven wegen hier statt hatte. Der Fall war folgender: Ein Neger, aus den Sklavenstaaten entflohen, wurde hier entdeckt und gefangen gesetzt. Er sollte seinem Herrn, der gekommen war, ihn abzuholen, ausgeliefert werden. An dem dazu bestimmten Tage vereinigten sich viele Abolutionisten, Herrn Booth an der Spitze, stürmten das Gefängniß, befreiten den Neger und verhalfen ihm zur Flucht nach Canada.
Herr Booth wurde eingesperrt, später jedoch auf Ehrenwort und gegen eine Erlegung von 2000 Thaler bis zur Beendigung des Prozesses frei gelassen. Sollte er den Prozeß verlieren, so muß er auf sechs Monate in das Gefängniß und 1000 Thaler Strafe bezahlen[12].
Wie widersprechend sind doch die Gesetze, oder vielmehr wie leicht umgangen in diesem Lande! Wenn jemand einen Brand anlegt, ein betrügerisches Falliment macht, ja einen Mord oder was immer für ein großes Verbrechen begeht, kann er leichter durchzukommen hoffen, als wenn er sich eines entlaufenen Sklaven annimmt, demselben zur Flucht behülflich ist. Könnte man ein Verbrechen sittlich nennen, so würde es dieses sein, und gerade da sind die Richter unerbittlich. Wie empörend ist nicht ein solches Gesetz in einem republikanischen jungen Staate, welcher der ganzen Welt als Muster aufgestellt werden sollte! —
In dem Staate Illinois hat sich eine geheime Gesellschaft gebildet, die den aus den nachbarlichen Sklavenstaaten entlaufenen Negern zur Flucht nach Canada behülflich ist. Zu diesem Zwecke gibt es verschiedene Stationen, auf welchen stets Pferde und Wagen bereit stehen, die Flüchtlinge in größtmöglichster Eile über die Grenze zu bringen. Man nennt diese Art der Beförderung „die unterirdische Eisenbahn.“ Wenn der Sklave so glücklich ist, die erste Station zu erreichen, kann er sich für so viel wie gerettet halten. Ist das Gericht auf seiner Spur, daß man ihn nicht gleich fortschaffen kann, so hält man ihn verborgen und bietet alle Mittel auf, sein Entkommen zu bewerkstelligen.
Am 26. August verließ ich Milvaukee auf dem Dampfer Troi, der den ganzen Michigan-See entlang bis Sault St. Maria (304 Meilen) führt. Der Michigan-See ist, als Wasserfläche betrachtet, unstreitig großartig und einem Meere zu vergleichen, da seine Länge 400, seine größte Breite 80 Meilen beträgt. Die Umgebung dagegen ist im höchsten Grade einförmig — nichts als unübersehbare Ebenen. Die Ufer steigen höchstens bis 30 Fuß auf, und die Städte, die allein das ewige Einerlei unterbrechen, bieten eben so wenig Interesse, da sie eine der andern vollkommen gleichen.
Gegen das Ende des See’s gibt es viele Inseln, darunter die „Biber-Insel,“ welche von Mormonen[13] bewohnt wird. Wir hielten hier, wie überhaupt an vielen Orten an. Ich stieg an’s Land, um diese Leute zu besuchen, deren Lebensweise als gänzlich verschieden von jener aller andern christlichen Sekten geschildert wird. Man sagt von ihnen, daß sie Weiber- und Güter-Gemeinschaft haben, daß sie gemeinschaftlich essen und arbeiten, daß die Kinder der Mutter im dritten Jahre weggenommen und der Gesellschaft übergeben werden u. s. w.
Ich fragte einen alten, ehrwürdig aussehenden Mormonen hierüber. Derselbe wollte von alledem nichts wissen; nur was Feld- und andere Arbeiten anbelange, sei Gemeinschaft eingeführt. Er erzählte mir ferner, daß ihr Chef oder Priester ein Prophet sei, der die Krankheiten, mit Ausnahme der Beinbrüche (da reicht die Kraft des heiligen Mannes vermuthlich nicht aus) durch Auflegen der Hände heile, daß derselbe jeder Arbeit enthoben sei und dessen ungeachtet mehr arbeite, als der fleißigste unter ihnen, denn er sei nicht nur den ganzen Tag, sondern auch den größten Theil der Nacht mit Schreiben beschäftiget. Als ich ihn fragte, was jener denn so viel zu schreiben habe, ob es religiöse Tractate und Uebersetzungen derselben in verschiedene Sprachen wären, um sie hinaus in alle Welt zu senden und Proseliten zu machen, erhielt ich zur Antwort, daß er niemanden offenbare, was er schreibe, daß dieß ein heiliges Geheimniß sei. Zum Mormonenthum gehört also auch eine tüchtige Portion Glauben.
Ferner vernahm ich von diesem Manne, daß wenn ihr Prophet oder Priester stürbe, ein anderer unmittelbar von Gott gewählt und die Wahl durch einen Engel verkündet würde. Bei näherer Befragung zeigte es sich jedoch, daß der Prophet Gott und Engel selbst vorstellt, daß er seinen Nachfolger bestimmt, den guten Leuten vorgebend, es sei ihm die Wahl im Traume von einem Engel zugeflüstert worden(!!)
Am 28. August erreichten wir das Ende, oder besser gesagt, den Anfang des Michigan-Sees, der mit dem Lake Superior durch den Fluß Sault St. Maria (nur einige Meilen lang) verbunden ist. Unmittelbar vor dem Eingange in den Lake Superior bildet der Fluß starke Schnellen oder Abfälle, auch ist das Bett voll von Riffen und Felsen, über die sich das Wasser mit großer Gewalt stürzt, so daß die Schiffahrt auf die Strecke von einer Meile unterbrochen wird. Man arbeitete gerade an einem Schleußen-Kanale, welcher die Schiffe von einem See in den andern fördern wird. Die Kosten dieses Baues sind auf 650,000 Dollars veranschlagt. Der Obere See (Lake Superior) liegt 792 Fuß über der Meeresfläche und einige dreißig Fuß höher als der Michigan.
Zu Sault St. Maria mußte ich einen Tag auf den Dampfer warten, der den Oberen See befährt. Ich wohnte da bei Herrn Johnson, welcher ein kleines, aber sehr nettes Boarding-house hält und mit seiner Familie zu den trefflichsten Menschen gehört. Jeder Reisende wird sich bei ihm heimisch und zufrieden fühlen.
Am 29. August spät Abends trat der Dampfer „Baltimore“ seine Rundfahrt um den See an. Die Nacht war sehr neblicht, und durch Unvorsichtigkeit des Steuermannes, der sich dem Lande zu nahe hielt, fuhren wir auf eine vor dem Oertchen White fish points gelegene Sandbank hart auf. Wir mußten den Tag erwarten, die ganze Ladung herausnehmen und wurden erst nach zwölf Stunden angestrengter Arbeit wieder flott. Wir waren kaum hundert Fuß vom Ufer entfernt und hätten eben so gut, wie auf die Sandbank, auf das feste Land auffahren können. Dergleichen Unvorsichtigkeiten und noch bei weitem größere, kommen jedoch in den Vereinigten Staaten so häufig vor, daß man gar nicht viel Wesens davon macht.
Bei dieser Gelegenheit sah ich das Oertchen White fish points, welches von Indianern bewohnt ist, die sich ausschließlich mit dem Fischfange beschäftigen. Auch ein Paar Amerikaner haben sich da angesiedelt, um von den Eingebornen die Fische einzutauschen, welche getrocknet und eingesalzen werden. Der Obere See zeichnet sich durch seinen Reichthum an äußerst schmackhaften Fischen aus. Dieser Nahrungsquelle zufolge war auch in früheren Zeiten die ganze Umgebung des Sees sehr bevölkert, und als die Französischen Jesuiten im 17. Jahrhunderte bis hierher vordrangen, fanden sie Wig-wams mit einer Bevölkerung von 2000 Seelen. Jetzt ist das freilich schon lange anders. Die Weißen brachten ihnen Seuchen und Branntwein, so daß die Bevölkerung bald zusammen schmolz, und von den Resten dieses unglücklichen Volkes werden noch in der neuesten Zeit manchmal kleine Transporte nach dem „Indian Territory“ gesendet. Ein Indianer dürfte auch an diesem unermeßlichen See bald zur seltenen Erscheinung werden.
Der Superior-See ist der größte Süßwasser-See in der bekannten Welt, er hat 355 Meilen Länge, 160 Meilen größte Breite, seine Wasserfläche beträgt 32,000 Quadratmeilen, die tiefste Stelle 900 Fuß. Von den Jesuiten im Jahre 1641 entdeckt, wurde das umliegende Land im Jahre 1671 von der Französischen Regierung in Besitz genommen. Im Jahre 1659 geschah die erste Erwähnung des daselbst vorkommenden Kupfers: die Eingebornen zeigten den Jesuiten ein Stück reines Kupfer von sechs- bis siebenhundert Pfund. Doch wurde erst in unserem Jahrhundert, im Jahre 1845, angefangen, dieses Metall auf bergmännische Art zu Tage zu fördern. Die Bergwerke liegen alle mehrere Meilen von dem See entfernt, der tiefste Schacht mißt 700 Fuß, die größte Masse reinen Kupfers, die bisher gefunden wurde, soll 50 Tonnen schwer gewesen sein.
Wir machten auf dem Lake Superior wenigstens fünfhundert Meilen, bis wir an sein Ende kamen, denn wir lenkten in viele Buchten ein und brachten den erst kürzlich entstandenen Oertchen (von den Amerikanern bereits Städte genannt) Lebensmittel und sonstige Bedürfnisse.
Bei Lepointe, in dessen Nähe zwölf Inselchen liegen, die „zwölf Apostel“ genannt, fanden wir zufällig sehr viele Indianer. Die Amerikanische Regierung theilt nämlich alljährlich im Monat September an die Chefs und Vornehmsten der Stämme, welche noch in diesen Gegenden leben, Geschenke an Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Geld u. s. w. aus. Die Vertheilung findet zu Lepointe statt, wo sich alle zu beschenkenden Indianer versammeln.
Ich sah deren eine ziemlich bedeutende Anzahl; sie gehörten zu den Chipewa- und Sioux-Indianern und waren hübscher, kräftiger und höher an Wuchs, als die meisten, besonders die südwestlichen, die mir bisher vorgekommen waren. Doch hatten sie auch breite Backenknochen und straff herabfallende Haare, die einen Theil des Gesichtes verbargen. Das Häßlichste an ihnen war die Hautfarbe: eine recht schmutzig blaßgelbe Lederfarbe. Wie sie zu dem Namen „Rothhäute“ gekommen sind, mögen die Götter wissen. Es gab zwar manche rothbraune Gestalt unter ihnen, man hätte die Hautfarbe für natürlich halten können, so fein war sie am ganzen Körper eingerieben; allein bei näherer Betrachtung sah man wohl, daß es nicht die Naturfarbe war. Nichtsdestoweniger fand ich gar manche dieser Wilden mit ziemlich regelmäßigen, hübschen Gesichtszügen. Einige hatten etwas von der Kultur der Weißen angenommen, gingen Europäisch gekleidet, trugen die Haare zierlich gekämmt, sprachen Französisch oder Englisch, verstanden diese Sprachen sogar zu schreiben, und hatten Handwerke gelernt oder sich dem Handel gewidmet. Der große Haufe aber zieht es vor, schlecht zu leben, halb nackt zu gehen, nur nicht zu arbeiten. Die Indianer in den kalten Gegenden sind eben so wenig zum Ackerbau und zu Handwerken zu bewegen, wie die Völker unter der heißen Zone.
Erst am fünften Tage der Reise erreichten wir Fond of lake, die äußerste südwestliche Spitze des Sees. Ich war nun den ganzen See entlang gefahren, konnte aber in die stete Begeisterung der mich umgebenden Gesellschaft nicht einstimmen. Wenn die Leute nur einige hölzerne Hütten beisammen stehen sahen, ging es wie aus einem Munde: „Ach wie schön, wie herrlich! Welches Bild könnte man da entwerfen!“ Es ist wahr, der Lake Superior ist ungleich pittoresker, als der Michigan-See, die ihn umgebende, noch größtentheils im Schlummer ruhende Natur, die finster aufsteigenden Wälder, die Hügelketten verleihen ihm vielen Reiz; doch herrscht zu wenig Abwechselung, um von der Umgebung begeistert werden zu können. Die Hügel sind meistens niedrig, der höchste Berg, der St. Ignacio an der Neepigon-Bay soll 1300 Fuß hoch sein; diesen Koloß bekamen wir jedoch nicht zu sehen.
Die neu angelegten Oertchen sind alle sehr unbedeutend: sie bestehen vor der Hand noch aus kleinen Holzhäuschen, die mitten in den Waldungen liegen. Das Land wurde noch nirgends aufgebrochen, die Dampfer bringen allen Lebensbedarf für die neuen Ansiedler mit.
Unter den Reisenden gab es auch wieder gar manche, die begierig waren, zu wissen, welcher Religion ich angehörte, wer mir Geld zum Reisen gäbe u. s. w. Diese unzarte Neugierde berührte mich jedesmal sehr unangenehm, und ich fand mich wirklich oft gezwungen, in meinen Antworten ein wenig derb zu werden, um den unverschämten Fragen ein Ende zu machen.
Am zweiten Tage der Reise kam eine Frau von ungefähr dreißig Jahren an Bord. Sie war für ihr Alter etwas zu jugendlich gekleidet, trug die Haare in langen Locken bis über die Schultern hinab und einen großen runden Strohhut. Kaum hatten die übrigen Frauen sie gesehen, so kam sogleich eine derselben zu mir, vor einem Gespräche mit dieser Fremden warnend: man glaube, sie habe keinen guten Ruf. Ich erwiderte ihr, daß das Glauben nicht genug sei, jemanden zu beleidigen; aber außer mir sprach auch richtig niemand mit ihr. Abends wurden wie gewöhnlich einige Quadrillen getanzt. Bei der dritten Quadrille führte ein Herr die Fremde auf den Tanzplatz. Die Musik begann; aber kein anderes Paar erschien. Der Herr trat vor und frug, warum man diese Frau absichtlich so beleidige, er kenne sie und wisse, daß sie bei Verwandten zum Besuche gewesen sei und nun zu ihrem Gemahl nach Fond of lake gehe; ihr Charakter sei tadellos. Keine Antwort erfolgte, und der Tänzer war gezwungen, mit der Frau abzutreten.
Hätten doch die anderen religiösen, tugendhaften Frauen wenigstens so viel Zartgefühl gehabt, nicht mehr zu tanzen: das wäre doch eine kleine Entschädigung für die schwere Beleidigung gewesen; aber weit entfernt davon — kaum war der Platz geräumt, so fing das Tanzen wieder an.
Zufälliger Weise bestürmte mich den nächsten Morgen gerade wieder eine der neugierigsten Frauen mit der Frage, zu welcher Religion ich gehöre. Ich erwiderte ihr ganz erzürnt: „Gewiß nicht zu jener, zu welcher Sie und die ganze Gesellschaft gehören, denn meine Religion verbietet mir, einen Nebenmenschen zu beschimpfen, ihm die Ehre zu rauben.“ — Von diesem Augenblick an hatte ich Ruhe.
In Fond of lake sind in einem kleinen Halbkreise bereits fünf Plätze an dem See für Städte abgesteckt; an manchen stehen schon einige hölzerne Häuschen. Sollten die Städte zu Stande kommen, so dürften sie sich beinahe berühren; doch bezweifle ich die Erbauung, denn außer den Kupferminen wird, da der Boden schlecht ist, keine Erwerbsquelle sein. Leicht dürften einige von ihnen das Schicksal des Städtchens Trinidad in Kalifornien haben und eingehen, bevor sie noch zu Städten werden.
Am 6. September traf ich wieder zu Sault St. Maria ein. Ich hatte nun zehn Tage beinahe in derselben Gesellschaft gelebt und mit Erstaunen bemerkt, wie freundlich und zärtlich die Frauen mit einander thaten, gerade als wären sie alte Bekannte gewesen. Auch mich luden jene, die in St. Maria wohnten, in ihr Haus auf eine Tasse Thee ein. Kaum aber fiel der Anker, so lief alles auf und davon, und die neuen Freundinnen nahmen sich gar nicht einmal Zeit, einander Adieu zuzurufen. Um mich kümmerte sich schon gar keine Seele, man vergaß (vielleicht vorsätzlich), mir die Wohnungen zu sagen, wo ich die Tasse Thee nehmen sollte. Doch an derlei Artigkeiten war ich schon gewöhnt, und ruhig ging ich wieder in das nette Häuschen des Herrn Johnson.
Am 7. September traf mich der frühe Morgen schon am Bord des Dampfers „Illinois,“ um meine Reise nach dem Norden fortzusetzen.
Die Fahrt geht erst auf dem Flusse St. Maria, der sich oft zu kleinen Seen ausbreitet und recht artige Ufer bespült. Dieser Fluß führt in die Straße Mackinac, und diese in den zweitgrößten See Amerika’s, den Huron, welcher 260 Meilen lang, 160 breit ist, 20,000 Quadratmeilen einnimmt und 578 Fuß über der Meeresfläche liegt. Die Umgebung dieses Sees ist etwas hübscher als jene des Michigan, doch ebenfalls ziemlich einförmig. Das Land ist von wellenförmiger Bildung, viel mit Waldungen bedeckt und hin und wieder mit niedlichen Hügelketten durchzogen.
Am 8. September verließen wir den Huron-See und traten in den Fluß St. Clair, an dessen einem Ufer sich beinahe Städtchen an Städtchen reiht, mit Wiesen und fruchtbaren Feldern dazwischen, während auf dem andern zahllose Sägemühlen nebst mehreren Indianer-Dörfern liegen. Selbst die Indianer scheinen hier aus ihrer Trägheit aufgerüttelt, denn auch um ihre Dörfer war der Grund aufgebrochen und bepflanzt. Auf dem Flusse war bedeutendes Leben, es fuhren viele Segelschiffe, meistens mit Bauholz befrachtet, Dampfer schleppten sie durch den kurzen Fluß in den kleinen St. Clair-See, welcher so voller Untiefen und Sandbänke ist, daß er nur bei Tage befahren werden kann. Die Ufer dieses Sees sind an manchen Stellen so flach, daß sich das Wasser entfesselt über das Land ergießt und Sümpfe und Moräste bildet. Von dem St. Clair-See führt der Detroit-Fluß in den Erie-See. Die Entfernung von dem Huron- bis zu dem Erie-See beträgt achtzig Meilen.
Gegen Mittag landeten wir zu Cleveland, dem Stolze des Staates Ohio, am Eingange des Erie-Sees gelegen. In den wenigen Stunden meines Aufenthaltes machte mich Dr. Langsdorf mit dieser Stadt und deren naher Umgebung bekannt.
Cleveland besteht aus zwei Städten, der eigentlichen Stadt Cleveland und der Stadt Ohio, die durch eine Kluft von ersterer getrennt ist, aber kürzlich zu dem Stadtgebiete Clevelands gezogen wurde und dadurch ihren Namen verlor. Der Anblick der beiden blühenden Städte mit der dazwischen liegenden merkwürdigen Schlucht, in deren Tiefe ein artiger Fluß sein Bett gewühlt hat, ist höchst reizend. Die Kluft mag ungefähr fünfzig Fuß Tiefe haben und ist mit Gesträuchen und Bäumen reich bewachsen. Ein Kanal führt bis in den Erie-See.
Von den Einzelnheiten Clevelands bewunderte ich am meisten die Straße Euclid. In dieser stehen die nettesten, geschmackvollsten Häuser, welche freundlichen Villen gleichen und durch Boskette und Wiesen von einander getrennt sind. In wenig Jahren mögen Gärten und Wiesen wohl schon von neu entstandenen Häusern verdrängt sein.
Spät Abends setzte ich meine Reise auf dem schönen Dampfer „Crescent-City“ fort. So viel ich bei scharfer Mondbeleuchtung sehen konnte, scheinen sich auch die Ufer des Erie-Sees in nichts von jenen des Michigan zu unterscheiden.
Der Dampfer „Crescent-City“ war eins der prachtvollsten Fahrzeuge, die ich je bestiegen. Wo man nur hinsah, nichts als Sammt und Gold, kostbare Teppiche, Spiegel von ungeheuerer Größe; eine hohe, schön gewölbte Kuppel von farbigem Glase verbreitete über alle diese Herrlichkeiten ein mattes Licht. Die Räume faßten an 1200 Personen. Man lebte da nicht wie in einer geschlossenen Gesellschaft, sondern wie in einer Stadt; man ging an den Leuten so fremd und unbekümmert vorüber, wie auf einem öffentlichen Spaziergange. Aber bequem fand ich diesen Dampfer nicht eingerichtet. Darauf scheinen indeß die Amerikaner weniger zu halten, als auf Pracht, Luxus und Prunk. Die Fensterscheiben z. B. rings auf die Gallerie hinaus waren von buntem Glase und mit Arabesken so ausgefüllt, daß man gar nicht durchsehen konnte, weder auf den See noch auf die Landschaft. Ja sogar das Licht von außen war dadurch fast ganz vor dem Eindringen gehemmt. In den Kabinen des unteren Stockwerkes (auch erste Klasse) schliefen je sechs Personen, und für eine Zahl von fünfzig bis sechzig Frauen gab es nur ein kleines gemeinschaftliches Waschzimmerchen mit nur zwei Waschbecken. Man mußte sich anstellen, um die Gelegenheit zu erhaschen, sich die Augen und Fingerspitzen ein wenig zu benetzen, und Glas und Handtuch selbst mitbringen, denn ein Glas war nicht vorhanden und die Paar Handtücher so durchnäßt, daß man sich ihrer nicht bedienen konnte. Die Aufwärterin schien nur zur Aufsicht da zu sein. Sie saß, wie eine Dame gekleidet, auf einem Sopha und häkelte. Zum Glück währte die Fahrt über den Erie-See nicht lange, denn schon am
9. September Morgens kamen wir nach Buffalo, einer hübschen Stadt mit 60,000 Einwohnern. Meine Ungeduld, mich den berühmten Fällen des Niagara zu nahen, war so groß, daß ich, des schlechten Wetters ungeachtet, gleich auf die Eisenbahn ging, um nach dem Orte Niagara-Falls-Village (22 Meilen) zu fahren. Ich war da so glücklich, ein überaus niedliches, kleines Hôtel, Madame Teuscher gehörig, an den Schnellen des mächtigen Stromes zu finden, der sich hier in zwei Theile theilt und in wüthend stürmischer Eile seinen Fällen zu eilt.
Für diesen Tag aber mußte ich, selbst wenn sich das Wetter aufgeheitert hätte, dem Gange nach den Fällen entsagen und mein Bett aufsuchen, denn in letzterer Zeit hatte ich häufige Anfälle des unermüdlichen Sumatra-Fiebers gehabt, und fühlte mich davon sehr angegriffen[14].
[10] Zu einer Reise von sechzehn Englischen oder vier Deutschen Meilen benöthigten wir sechs Stunden, hielten über Mittag an und wechselten die Pferde. Das nenne ich doch schnell reisen! —
[11] Ein Gasthof oder Boarding-house bildet sich gleich bei ein Paar Häusern. Der Amerikanische Arbeitsmann, Tischler, Maurer u. s. w. will gute Kost, ein gutes Bett haben und bezieht sogleich den Gasthof, wo er per Woche zahlt.
[12] Von den freien Negern in Milvaukee erhielt Herr Booth einen werthvollen, schönen Stock, den sie ihm als Vertheidiger ihrer armen schwarzen Brüder verehrten.
[13] Auf dieser Insel lebt nur ein kleiner Zweig dieser Sekte; der Hauptsitz der Mormonen ist am Salz-See, tief im Innern des Landes.
[14] Bisher nahm ich immerwährend Chinin gegen das Fieber; allein ich konnte es nur auf kurze Zwischenräume damit vertreiben. In Buffalo rieth mir jemand folgendes Mittel dagegen: „Man nehme auf ein halbes Wasserglas voll starken, guten Brandy einen Theelöffel rothen, pulveristrten Pfeffer (Cayenne) und fünf bis sechs Theelöffel voll weißen Zucker, mische es gut durch einander, bis der Zucker gänzlich aufgelöst ist, und lasse es dann vier bis fünf Stunden stehen. Man beginne diese Arznei ein bis zwei Stunden, ehe das Fieber kommen soll, einzunehmen, und zwar jede Stunde zwei Theelöffel voll, bis das Ganze genommen ist. Man schüttle es bei jedesmaligem Nehmen gut durch einander.“ — Das Fieber blieb, nachdem ich dieses Mittel genommen hatte, ganze zwei Monate aus; dann hatte ich einen abermaligen Anfall, ich nahm dieselbe Arznei, und das Fieber blieb gänzlich aus. — Sollte gegen das Wechselfieber nichts mehr helfen, so wage man gleich mir dieß letzte Mittel.