Einundzwanzigstes Kapitel.
Die Fälle des Niagara. — Der Ontario-See. — Die tausend Inseln. — Montreal. — Quebek.— Die Amerikanischen Eisenbahnen. — Neu-York. — Merkwürdigkeiten der Stadt. — Die Hôtels. — Die schwarzen Minstrels. — Emancipation. — Gerichtsverfahren.
10. September. Der heutige Tag war wieder einer der unvergeßlichen in den Annalen meines Lebens, einer von jenen, die mich glänzend belohnten für die Mühen und Beschwerden, mit welchen ich sie erkaufte — ich sah eine der wunderbarsten, erhabensten Naturscenen in Gottes schöner Welt, die Niagara-Fälle. Unmöglich ist es auszudrücken, was das Auge da erblickt, was die Seele da fühlt. Der Maler muß hier an seiner Kunst verzweifeln, der Dichter seine Feder weglegen. Aber wenn man einem Todfeinde hier begegnete, müßte man ihm vergeben, oder kein Mensch sein, und wer je an Gott gezweifelt, der gehe an diesen erhabensten seiner Altäre, und gewiß wird er bekehrt, beruhigt heimkehren. O, daß ich doch die Anschauung dieses Wunders mit meinen Angehörigen, mit meinen Freunden, ja mit allen Menschen hätte theilen können! —
Zuerst führte mich die gefällige Frau Teuscher an den Amerikanischen Fall, und ich dachte, es könne nichts Herrlicheres geben als diesen. Die ungeheuere Wassermasse stürzt sich über eine riesig breite, senkrechte Wand. Die Staubwolken sind so mächtig als wollte sich der Strom ein zweitesmal erheben, und doch kaum hundert Schritte von dem Sturze entfernt, fließt er schon wieder so ruhig dahin, daß sich das kleinste Boot sorglos auf seinem Rücken schaukeln kann.
Noch mächtiger aber ist die Wassermasse auf der Canadischen Seite, noch bedeutender ist hier der Umfang des Falles (der die Form eines Hufeisens bildet, und deßhalb „Hufeisenfall“ genannt wird), ich möchte daher doch dem Canadischen Falle die Palme reichen.
Bei Sonnenschein bilden sich an beiden Fällen in den Sprühregen-Wolken die schönsten Regenbogen. Eine ganz eigenthümliche Färbung zeigt das Wasser unmittelbar an den Fällen selbst. Ein schöneres, helleres Grün, durchsichtig wie der reinste, feurigste Chrysolit, sah ich bisher noch bei keiner Wassermasse. Das Getöse der Stürze fand ich jedoch nicht so betäubend und so weit vernehmbar, wie viele behaupten[15].
Auf der Canadischen Seite kann man ein Stück unter den Fall hineingehen. Man erhält zu diesem Zwecke einen Führer und Kleider. Das Schauspiel unter dem Falle ist nicht nur ergreifend und großartig, sondern grauenhaft. Die über dem Haupte rollende Wassermasse, das fürchterliche Toben und Brausen des milchweiß schäumenden Elementes, die schmale, durch die beständige Nässe schlüpfrige Felskante, auf welcher man vor dem Abgrunde steht, in den sich das Wasser stürzt, die überhängenden Felstrümmer, die sich von Zeit zu Zeit lösen, machen diese Parthie wirklich gefährlich und so ergreifend, daß ich nicht jedermann rathen möchte, sie zu unternehmen.
Nachdem ich vor allem die Fälle besucht hatte, nahm ich mir erst Zeit, die Umgebung zu betrachten. Wie bereits bemerkt, theilt sich der Strom kurz oberhalb seines Falles in zwei Arme, von welchen der eine den Fall auf der Amerikanischen, der andere jenen auf der Canadischen Seite bildet. Die beiden Fälle sind sich jedoch ganz nahe und nur durch ein kleines Inselchen getrennt. Die ganze Umgebung der Fälle (eine Insel von einer halben Meile in der Breite und über eine Meile in der Länge) paßt vollkommen zu der erhabenen Naturscene. Sie ist von einem üppigen Urwalde mit majestätischen Bäumen, beinahe den umfangreichsten, die ich in den Vereinigten Staaten sah (Kalifornien ausgenommen), bedeckt; es gab viele Stämme von vier Fuß Durchmesser darunter. Die Menschenhand hat dieses Heiligthum der Natur bisher geachtet und kaum gewagt einige Fahrwege zu bahnen. Gott gebe, daß es immer so bleiben möge; allein schwerlich dürften die künftigen Besitzer dem jetzigen gleichen, der von der Mehrzahl der Menschen eine schöne Ausnahme macht und mehr Achtung für die Natur, als Liebe zu den Thalern hat. Hohe Summen wurden ihm schon für dieß Fleckchen Erde geboten; man wollte da Gasthöfe, Belustigungsorte, Bade-Anstalten u. dgl. mehr errichten, aber gerade deßhalb gab er es nicht her. Die heilige Stille des Haines sollte durch das rastlose Treiben der Menschen nicht entweiht werden, und dem Wunderwerke stets als Vortempel dienen.
In den Schnellen des Hufeisen-Falles steht von dem Sturze kaum vierzig Fuß entfernt, ein kleines Thürmchen aufgemauert, zu welchem eine Brücke führt. Gar manche Stunde stand ich da oben, die sich verfolgenden, überstürzenden Wogen betrachtend. Ich blieb fünf Tage in Niagara-Falls-Village, brachte meine Zeit größtenteils an den Fällen zu, und je länger ich sie sah, desto schwerer ward es mir, mich von ihnen zu trennen. So geht es mit allem Großen und Erhabenen; man braucht Zeit, bis man es zu verstehen und in sich aufzunehmen vermag.
Leider vergeht selten ein Jahr, ohne daß die Fälle des Niagara ein Opfer fordern, so vor wenig Monaten drei junge Leute, die eines Abends zum Vergnügen auf dem Strome oberhalb der Fälle spazieren fuhren. Sie wurden in die Schnellen gerissen, und keine menschliche Hülfe war mehr möglich. Einem von ihnen gelang es, während der gräßlichen Fahrt einen in den Schnellen wurzelnden Baumstamm zu erfassen und sich hinauf zu schwingen. Er schrie um Hülfe; doch hörte man die Stimme zu undeutlich durch das Brausen des Wassers, und die Nacht war zu finster, um den Gegenstand zu sehen; erst Morgens entdeckte man den armen Menschen. Da auch er keinen Zuruf würde deutlich vernommen haben, schrieb man auf eine Tafel mit ellenlangen Buchstaben, daß man Vorkehrungen treffe, ihn zu retten. Nach vielfältigen Versuchen gelang es endlich Nachmittags gegen fünf Uhr, ein Boot in seine Nähe zu bringen. Der Arme saß schon darinnen, man zog das Boot mittelst eines Seiles dem Lande zu, allein unglücklicher Weise erfaßte es eine Sturzwoge mit solcher Gewalt, daß das Seil sprang und das Boot mit seinem Opfer in den Fall gerissen wurde. Keine Spur kam mehr zum Vorscheine, weder von ihm noch von seinen Gefährten; nie findet man eine Leiche oder nur das Bret eines Bootes, alles wird von der Gewalt des Sturzes zu Atomen zertrümmert.
Zwei Meilen von Niagara-Falls-Village ist eine Drahtbrücke über die Schlucht gespannt, in welcher der Niagara dem nahen Ontario-See zueilt. Die Schlucht ist enge, und der Strom soll hier an 900 Fuß Tiefe haben. Die Brücke ist ein wahres Meisterwerk, die zusammengeflochtenen Drähte haben die Dicke von starken Tauen und tragen die schwersten Lastwagen. Eine Fahrt dahin sollte man nicht nur wegen der Brücke, sondern auch wegen der reizenden Ansichten machen, die sich überall darbieten. Von der Brücke selbst übersieht man die pittoreske Felsenschlucht einerseits bis beinahe an die Fälle, andererseits bis an den Ontario-See, ja der Blick schweift wie durch ein Fernrohr über einen Theil des Sees bis auf die dahinter liegende lachende Landschaft.
Das Indianische Dorf Tuscarora (sieben Meilen von den Fällen entfernt) ist eines Besuches weniger werth. Seine Bewohner haben nichts eigenthümliches mehr: sie sind Christen geworden, gehen gekleidet wie die Weißen, und bauen und pflegen wie diese ihre Felder.
Am 13. September um zwei Uhr Mittags verließ ich Niagara-Falls-Village in einer Postkutsche und fuhr nach dem Städtchen Lewistown (sieben Meilen). Das Städtchen liegt an dem Ausgange der Schlucht, und der Strom nimmt sogleich derart an Breite zu, daß man sich schon in dem See vermuthet, bevor man an ihn gelangt.
In Lewistown bestieg ich den Dampfer Bay-State, um nach Montreal zu fahren. Schon sieben Meilen von Lewistown mündet der Niagara in den Ontario-See und verliert sein kurzes aber thatenreiches Dasein. An seinem Ausflusse liegt auf der Amerikanischen Seite die schöne Festung Georg, auf der Canadischen die minder schöne Festung Niagara.
In dem Ontario-See, welcher 180 Meilen lang, 35 breit ist, hielten wir uns stets der Küste der Vereinigten Staaten nahe. Sie bietet, außer vielen Ortschaften, nichts Sehenswertes.
14. September. Mit Sonnenaufgang ertönte die Schiffsglocke und weckte die Reisenden, daß sie das Ende des See’s, die tausend Inselchen und die Einfahrt in den Lorenzo-Strom nicht verschlafen und übersehen sollten. Bei Ogdensburg vertauschten wir unsern Dampfer mit einem kleineren, British Queen, um leichter über die Schnellen des Lorenzo-Stromes zu kommen. Die Fahrt zwischen den tausend Inselchen ist allerdings reizend: die Landschaft wird jeden Augenblick verändert, ein Bild verdrängt das andere; aber mit den tausend Inseln des Mälar-Sees in Schweden hält sie keinen Vergleich aus. Dort besteht die Einfassung des Sees aus herrlichen Bergen, in den verschiedenartigsten Formen, mit finstergrünen Waldungen bedeckt, zwischen welchen pittoresk aufgethürmte Felskolosse, reiche Triften und Wiesen liegen, die Inseln selbst sind ungemein schön und gewähren die abwechselndsten Bilder. Hier ist alles flach und eben, und die Ufer der Inseln, wie des festen Landes überragen kaum die Wasserfläche.
Der Lorenzo-Strom bildet mehrere Schnellen, die aber doch nicht so stark sind, den Dampfern die Fahrt zu sperren. Kunst und Kühnheit errangen den Sieg über sie, und furchtlos steuerte unser Kapitän darüber hin.
Etwas gefährlich ist die Schnelle bei Lachine, wo wir spät Abends ankamen. Da es stark regnete, und die Nacht stockfinster war, gingen wir erst den folgenden Morgen darüber. Diese Schnelle sieht weniger drohend aus, als die vorigen, ihre Hauptgefahr besteht in der geringen Tiefe des Stromes. Wir nahmen bei Lachine einen Indianer als Lootsen an Bord. Wenn über die Schnellen gefahren wird, arbeiten stets vier Mann am Steuerruder.
Da Lachine nur neun Meilen von Montreal liegt, kamen wir sehr frühzeitig an. Glücklicherweise hatte das Wetter sich aufgeheitert, und die Sonne beleuchtete den schönen Berg Montreal, an dessen Fuß sich die Stadt ausbreitet. Sie nimmt sich gut aus mit ihren Gothischen Kirchen und den Zinndächern, die bei Sonnenschein eine so blendende Wirkung hervorbringen, als wären sie mit den feinstpolirten Silberplatten belegt.
Wir fuhren in einen schönen Dock ein und wurden durch eine Schleuse dem Quai gleich gebracht.
In Montreal kaum ans Land gestiegen, hatte ich gleich einige Unannehmlichkeiten. Ich fuhr nach dem ersten Gasthofe, Montreal-House, und verlangte ein Zimmer. Der Buchhalter sah mich vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagte endlich: „Wir haben keines.“ — Die Ursache war, weil ich allein, nur mit einem kleinen Reisesacke kam und nicht ein halbes Dutzend Koffer und Schachteln mit mir schleppte. In einem zweiten Hotel (einem Temperance-House) ward mir dieselbe Antwort zu Theil. Ich legte ein Goldstück von zehn Dollars auf den Tisch, den galanten Wirth versichernd, daß ich stets voraus bezahlen würde, wenn er glaube, es fehle mir an Geld. Dieser Talisman half. Er schob das Geld zurück und ließ mir ein Zimmer geben. Wie doppelt grell fiel mir diese Behandlung auf, da ich gerade aus den Vereinigten Staaten kam, wo man die ärmste Frau mit Achtung, Güte und Zuvorkommenheit behandelt!
Wenn ich in Montreal ausging und auf den Straßen nach einem Wege fragte, gab man mir entweder gar keine Antwort, oder man fertigte mich ganz kurz mit den Worten ab: „I don’t know“ (ich weiß es nicht). So viel ich sah, befand ich mich gerade nicht in dem Lande der Höflichkeit. Da ich einige Auskünfte zu haben wünschte, niemanden kannte und keine Empfehlungsbriefe mitgebracht hatte, dachte ich, es sei am besten, mich an eines der größten Zeitungsbureau’s zu wenden. In den Vereinigten Staaten kannte jeder Herausgeber meinen Namen, ich mochte in das kleinste Städtchen kommen, und dann war ich schon geborgen, da jeder mich freundlich aufnahm. Hier war es anders: der Herausgeber des ersten Blattes kannte mich nicht, und dabei war er eben so höflich, wie alle Leute, auf welche zu stoßen ich bisher das Unglück hatte. Endlich fand ich doch ein Paar gefällige Menschen, gebrauchte aber dabei die Vorsicht, sie gleich nach Nennung meines Namens zu versichern, daß ich nicht arm sei und wohl freundschaftlicher Dienste, aber keiner Gabe benöthige. Der Herausgeber des Transcoast, der Belgische Consul Herr Josef und Dr. Visher machten mich die Unart ihrer Landsleute vergessen. Dr. Visher, den ich erst zwei Tage vor meiner Abreise kennen lernte, lud mich sogar in sein Haus ein, wohin ich sogleich übersiedeln mußte. Auch danke ich es seiner Verwendung, daß ich eine Freikarte zur Reise nach Quebek hin und zurück erhielt.
Die Stadt Montreal mit 75,000 Einwohnern, ist nicht wie die Städte in den Vereinigten Staaten, in regelmäßige Blocks getheilt, und zeigt in ihrer ganzen Bauart, daß sie aus ältern Zeiten stammt. Ihre Häuser haben eine alt-französische Form, mit hochaufsteigenden steilen Dachungen; sie sind meistens aus Quadersteinen und so solide gebaut, als sollten sie für die Ewigkeit währen; doch fehlt es ihnen dabei weder an Zierlichkeit noch an Geschmack. Neben manchem palastähnlichen Steinhause stehen wohl auch mitunter bescheidene, halbverfallene Holzhäuser. Die Straßen sind sauber und rein, und das geschäftige Leben in denselben ist nicht störend, die Leute scheinen sich hier mehr Zeit zu gönnen und überstürzen sich nicht so, wie in den Vereinigten Staaten, oder in England. Alles hat einen ruhigen gelassenen Anstrich. In den Nebenstraßen ist es sogar menschenleer.
Die Kirchen sind alle im Gothischen Style gehalten; die schönste ist die katholische Kathedrale, nach dem Muster der Notre-Dame-Kirche in Paris erbaut.
Von den Gebäuden fallen besonders das Jesuiten-Collegium, die Banken, einige Gasthöfe, das Postgebäude, die Markthalle u. s. w. in die Augen.
Das Museum lohnt kaum die Mühe, es zu besehen. Als das Merkwürdigste wurde mir ein Elenthier von ungewöhnlicher Größe und ein Paar kleiner Wallfische gezeigt, die man in dem Lorenzostrome gefangen hat.
Das sogenannte Englische Hospital, eine allerdings gute Anstalt, läßt noch manches zu wünschen übrig. Die Halbgenesenen z. B. haben zur Erholung in frischer Luft nichts als einen leeren Wiesenplatz ohne Baum und ohne Bank. Auch die Luft in den Zimmern fand ich nicht sehr rein, was freilich in kalten Ländern, wo man die Fenster nicht beständig offen haben kann, schwieriger zu erreichen ist, als in den Tropen.
In dem Nonnenkloster der „grauen Nonnen“ gibt es zwei sehr zweckmäßige Anstalten, die eine für arme alte Männer und Weiber, welche da bis zu ihrem Absterben verpflegt werden, die andere für Kinder, die entweder Waisen oder von ihren Eltern ganz vernachläßigt sind. Ich kam um zehn Uhr Morgens dahin, und sonderbarer Weise war dieß gerade die Stunde des Mittagmahles. Die Kost sah sehr schmackhaft aus und bestand aus Suppe, Fleisch und noch einem Gerichte nebst schönem Brode. Eine Klosterfrau theilte die Portionen aus.
Die Säle waren groß und hoch, die Betten bis hinab mit Vorhängen versehen, nur fand ich die Säle ein wenig überfüllt.
Die schönste Ansicht der Stadt und Umgebung hat man von dem Montreal-Berge oder von dem Thurme der Kathedrale. Ich war auf beiden Punkten, und meinte kaum sie wieder verlassen zu können, so sehr fesselte mich das vor dem Blicke sich entfaltende Bild. Die ehrwürdig alterthümliche Stadt, die sich traulich an den Fuß des Berges schmiegt, der Hafen mit seinen Schiffen und Dampfern, das rege Treiben auf dem Lorenzostrome, der unfern der Stadt einen See mit vielen Inseln bildet, das reichkultivirte Land umher, und in der Ferne einzeln auftauchende Berge von wenigstens 1000 Fuß Höhe, machen diese Ansicht gewiß zu einer der reizendsten Nordamerika’s.
Herr Konsul Josef war so zuvorkommend mich in seinem Wagen rund um den Berg Montreal (9 Meilen) zu führen. Diese Gegend ist, der schönen Ansichten wegen, die besuchteste und beliebteste; überall liegen niedliche Sommerhäuser mitten in hübschen Gärten.
Canada wäre ebenfalls ein gutes Land für Europäische Ansiedler. Der Boden soll sehr fruchtbar sein, das Klima ist zwar kalt und rauh, doch höchst gesund, der Ankauf des Landes noch billiger als in den Vereinigten Staaten, die Abgaben geringe und die Freiheit ziemlich unbeschränkt. Bei diesen Vortheilen einerseits, besteht jedoch andrerseits ein Gesetz, welches die Einwanderer abhält, Englische Untertanen ausgenommen. Diesem Gesetze zufolge kann nämlich der Einwanderer, wenn er früher stirbt, als er das Bürgerrecht erworben hat (wozu, so viel ich mich entsinne, ein Aufenthalt von zehn Jahren gehört), über seinen festen Nachlaß nicht verfügen. Land, Haus u. s. w. fallen an die Regierung zurück.
18. September. Abends ging ich mit dem großen Dampfer „Quebek“ von Montreal nach Quebek. Es war dieser Dampfer auch wieder einer von den „splendid ones,“ gleich dem „Crescent City“ auf dem Erie-See, wo man vor lauter Pracht und Herrlichkeit gar keine Bequemlichkeit fand.
19. September. Um 9 Uhr Morgens kam ich in Quebek an. Die Lage dieser Stadt ist noch bei weitem reizender als jene von Montreal. Zum Theil in demselben Style gebaut, nur noch älter, sind die Straßen etwas enger und winklichter. Quebek besteht aus der obern und untern Stadt. Zu ersterer führen hohe Treppen, doch schlängelt sich auch ein Fahrweg hinauf. Selbst die untere Stadt ist etwas hügelig. Die Bevölkerung zählt 45,000 Seelen, von welchen zwei Drittheile Franzosen, die noch aus den Zeiten stammen, als Canada zu Frankreich gehörte[16].
Für Quebek hatte ich einen Brief mitgenommen, da ich besorgte, wie in Montreal in keinem Gasthofe aufgenommen zu werden. Letzteres war nichts desto weniger der Fall, aber nicht wegen Mißtrauens der Hôtelbesitzer, denn der Herr, an den ich empfohlen war, sandte seinen Neffen mit mir in ein Dutzend Boarding-Houses; wir fanden aber alle überfüllt. Die Parlamentssitzungen hatten gerade begonnen, und viele Fremde waren zugeströmt. Der Herr an welchen mein Brief lautete, schien auch kein Kämmerchen für mich zu haben, obwohl ich hörte, daß er ein schönes Haus bewohnte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Tag über die Stadt ein wenig zu besehen und Abends mit dem Dampfer wieder nach Montreal zurückzukehren.
Ich bestieg vor allem das Kap Diamant, 345 Fuß hoch, auf dessen Spitze das Fort Diamant liegt. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß die Quebeker den Montrealern an Höflichkeit nicht nachstanden. Geizend mit der kurzen Zeit, über die ich zu gebieten hatte, wollte ich mich an keine Speisestunde binden, und ging in einen Laden, einige Kuchen zu essen. Dem Laden gegenüber lag die abgebrannte Ruine eines mächtigen Gebäudes. Ich frug das Ladenmädchen, was das für ein Gebäude gewesen sei. Sie antwortete mir: „Da hätte ich gerade Zeit, Ihnen Auskunft zu geben,“ — an Zeit fehlte es ihr wohl nicht, denn außer mir war kein Käufer im Laden. (Später erfuhr ich, daß diese Ruine des Gouverneurs Palast war.) Als ich das Kap zu besteigen anfing, überall nur grünen Rasen und keinen Weg sah, fragte ich einen Mann, ob es erlaubt sei, da hinauf zu gehen. „Try it“ (versucht es) war seine Antwort, und damit ließ er mich stehen.
Doch auf der Spitze des Kaps angekommen, vergaß ich schnell der erfahrenen Unhöflichkeiten, — lange schon hatte sich mir kein so überraschendes Bild dargeboten, wie ich es hier überblickte. Die ehrwürdige Stadt lag zu meinen Füßen, sich terrassenförmig um das Kap lagernd. Eines der schönsten, lachendsten Thäler verfolgte ich bis an die Ausläufer der grünen Gebirge (25 Meilen), deren Kuppen und langgezogene Rücken einen Theil desselben umfaßten, und der Lorenzostrom, der an der Stadt eine mächtige Bucht bildet, schlängelte sich andererseits durch mit Wald und Triften bedeckte Hügelketten fort.
Von dem Kap herabgestiegen, besuchte ich des Gouverneurs niedlichen Garten, der dem Volke geöffnet und mit vielen Bänken versehen ist — ein wahrhaft schöner Ruhepunkt, denn auch hier hat man das herrliche Amphitheater vor sich.
Unter den Gebäuden fielen mir besonders die katholische Kirche und das Parlamentshaus auf, welch’ letzteres einen sehr schönen Sitzungssaal hat.
Schon um 5 Uhr Abends mußte ich wieder auf den Dampfer zurückkehren. Obwohl ich den ganzen Tag umher gelaufen und davon sehr ermüdet war, hielten mich dennoch die reizenden Scenerieen des Lorenzostromes bis tief in die Nacht auf dem Deck gefesselt. Ich glaube bestimmt, daß die Ufer dieses Stromes an Naturschönheiten so reich und wechselnd sind, wie jene des Rheins; doch fehlt hier der Zauber der Romantik, das Ohr des Reisenden kann keiner Sage lauschen, kein Schloß, keine Ruine zeigt sich seinem Auge. Merkwürdig und eigentümlich ist dafür das Farbenspiel, welches im Herbst die Baumblätter haben. Da gibt es rothe und braune, gelbe und grüne Blätter von allen Abstufungen und Uebergängen; dazwischen schimmern weiße durch, die oft wie Silber glänzen. Ich sah von diesen Blättern ganz allein gemachte Kränze, die sich herrlich ausnahmen.
Am 20. September Morgens traf ich wieder in Montreal ein, und schon Nachmittags setzte ich meine Reise nach Neu-York fort.
Beinahe alle Fahrten auf den Dampfern Nordamerika’s, von Neu-Orleans bis St. Louis, von Milvaukee über alle Seen und bis Montreal, von Montreal nach Quebek und zurück hatte ich bisher unentgeldlich gehabt. In den Vereinigten Staaten genügte die Nennung meines Namens; jeder Kapitän nahm mich zuvorkommend auf, ohne erst eine Bittschrift an einen Agenten oder Direktor einzureichen. In Montreal war es Dr. Visher, dessen Verwendung ich die freie Fahrt nach Quebek und zurück verdankte (es war, wie ich glaube, ebenfalls ein Amerikanischer Dampfer). Er versuchte auch, mir eine Freikarte auf dem Englischen Dampfer „Canada“ zu verschaffen, der den kleinen Champlain-See befährt; allein hier half keine Empfehlung, es hieß: „Bezahlen.“
Ich setzte bei Montreal in einem kleinen Dampfer über den Lorenzostrom, fuhr dann auf der Eisenbahn nach Rouses point (60 Meilen), von da auf dem schönen Dampfer „Canada“ über den Champlain-See und eine kleine Strecke den Hudson-Strom abwärts bis Whitehall, und von Whitehall wieder auf der Eisenbahn nach Neu-York, im ganzen eine Reise von ungefähr dreihundert Meilen, die man in 24 Stunden zurücklegt.
Die Fahrt auf dem Hudson hat viel ähnliches mit jener auf dem Lorenzo. Die Eisenbahn von Whitehall nach Neu-York läuft beständig längs des Flusses. Leider fährt sie so rasch, daß man kaum flüchtige Blicke auf die schnell wechselnden Landschaften werfen kann.
Man macht auf den Amerikanischen Eisenbahnen mit dem Postzuge sechzig, mit den gewöhnlichen Zügen fünfundzwanzig bis dreißig Meilen per Stunde. Die Wagen sind sehr bequem eingerichtet, die Preise ungemein billig. Die Geleise laufen, wie auf der Bahn von Callao nach Lima, durch Städte und Ortschaften, ohne durch ein Geländer von Geh- und Fahrwegen abgesondert zu sein. Daß dieß zu manchen Unglücksfällen Veranlassung gibt, ist nicht zu wundern. Aber Gefahr, Achtung für das Menschenleben kennt der Amerikaner nicht[17].
Die Einfahrt in die Weltstadt Amerikas (Neu-York) ist, wenigstens von dieser Seite, so unter aller Beschreibung, daß ich mich schon lange in dem Stadtgebiete befand und noch immer des Eintritts gewärtig war. Man fährt beständig über Plätze, wo nichts als Bauholz aufgeschichtet liegt, an hölzernen Hütten vorüber, zwischen welchen hie und da ein Steinhaus wie verloren steht, durch schmutzige, von Unrath strotzende Straßen.
Auf dem Bahnhofe wird die Dampfmaschine mit Pferden gewechselt; Schienen laufen durch einen großen Theil der Stadt, auf welchen die Reisenden nicht nur von einem Bahnhofe zu dem andern gebracht werden, sondern auch, wie ich später sah, Waggons die Stelle der Omnibus vertreten und nach verschiedenen Richtungen verkehren. Diese höchst zweckmäßige Einrichtung ist durchaus gefahrlos, da die Waggons langsam gehen, jeden Augenblick angehalten werden können, und die Geleise in den breiten Straßen kein Hinderniß sind, um so mehr, als die anderen Wagen kreuz und quer über sie hinfahren, als wären die Geleise gar nicht vorhanden.
Der Eintritt in eine große Stadt, wo man weder Oertlichkeit noch Menschen kennt, ist besonders für eine Frau überaus lästig. Ich war so glücklich, gleich für den ersten Augenblick eine freundliche Aufnahme bei Herrn Wutschel zu finden, und des folgenden Tages schon von Herrn Dr. Krakowitzer auf die zuvorkommendste Weise in das Haus eingeladen zu werden. Da dieses jedoch in Williamsburg lag, von der eigentlichen Stadt Neu-York zu weit entfernt, und ich in der Folge auch von Herrn Aigner, so wie von dem österreichischen Consul Herrn Loosey, die beide in der Mitte der Stadt wohnten, Einladungen erhielt, so verweilte ich abwechselnd bei diesen liebenswürdigen Familien, die mir den Aufenthalt so angenehm machten, als hätte ich unter lang bewährten Freunden gelebt.
Die Stadt Neu-York, mit einer Bevölkerung von beinahe 600,000 Seelen liegt, wie bekannt, auf einer Insel, die im Westen und Osten von dem Hudson, im Norden von dem Harlem-Flusse und im Süden von der Bay bespült wird.
Ich kann von dieser Stadt nicht viel mehr sagen, als daß sie schön gelegen und größer und bevölkerter ist, als alle Städte, die ich bisher in den Vereinigten Staaten gesehen, und daß mir das Geschäftsleben in den Hauptstraßen, besonders in Broad-way und Wall-Street noch bedeutender vorkam, als in der City in London. Das Gedränge von Menschen, Omnibus, Waggons, Lastwagen, macht jeden Gang durch diese Straßen beschwerlich, und sonderbarer Weise lieben es die Frauen sehr, sich gerade auf dem Broad-way, in Mitte der Geschäftsstunden im vollsten Putze zu zeigen, wodurch das Gedränge noch vermehrt wird, da sie langsam gehen und vor den Laden stehen bleiben, die Auslagen zu betrachten.
Die Straßen sind sehr breit und häufig mit großen Bäumen besetzt, was ihnen viel Reiz verleiht; die Gehwege sind von den Fahrwegen wie in London durch einige Zoll hohe Trottoirs geschieden. Ueberall, die Hauptstraßen nicht ausgenommen, herrscht sehr viel Schmutz, und dieß muß auf die Gesundheit, besonders im heißen Sommer, höchst schädlich einwirken. So ist es z. B. hier üblich, den Kehricht jeden Morgen in Kisten oder Kübeln vor das Haus zu setzen. Die Wagen, die das wegfahren sollen, kommen oft erst gegen Mittag und noch später, daher stößt man bei jedem Schritte darauf. Darneben gibt es viele kleine Pfützen, die sich in den schmalen Rinnen zwischen den Fahr- und Gehwegen sammeln und eben keine aromatischen Gerüche verbreiten.
Gebäude sieht man viele und sehr bedeutende; doch besteht ihre Schönheit hauptsächlich in der Größe, höchstens, daß einige einen Portikus, von Säulen getragen, besitzen. Die ausgezeichnesten sind auch hier wieder die Börse, die Banken und die ersten Gasthöfe, als Metropolis, St. Nicolas, Irvinghouse u. s. w. Von den Kirchen sieht die Trinidad-Kirche mit ihrem hohen Thurme viel versprechend aus; das Schiff ist jedoch weder lang noch hoch. Unter den Häusern gibt es einige von Eisen, auch ein Paar von Marmor, dazwischen aber gar manche hölzerne Hütte.
Die meisten Familien wohnen hier wie in England, in schmalen hohen Häusern, die sie für sich allein haben; doch fangen sie mitunter schon an einzusehen, daß es etwas unbequem sei, beständig Treppen auf- und nieder zu steigen, denn gespeist wird für gewöhnlich eine Treppe tief unter dem Erdgeschoß, neben der Küche, die Empfangszimmer liegen zu ebener Erde, die Schlafzimmer in den obern Stockwerken. Die neuen Häuser sind allerdings mit allen Einrichtungen versehen, das Wasser, kalt wie warm, wird bis in die obern Stockwerke geleitet, die Speisen werden mittelst eines Aufzuges in das erste Stockwerk gebracht, und von jedem Stockwerke kann man, vermöge kleiner Oeffnungen, welche die Wände durchziehen, bis unter das Erdgeschoß mit den Dienstleuten auf die leichteste Art verkehren: man spricht, den Mund an die Oeffnung haltend, ganz leise hinein, und erhält eben so die Antwort. Das ganze Haus ist mit Gas erleuchtet.
Von Museen, Bildergallerien u. dgl. ist in Neu-York nicht viel zu sehen. Das Privat-Museum des Herrn Barnum, als Museum nicht viel zu beachten, ist jedoch eines Besuches werth; man findet da bald einen Zwerg, bald irgend ein seltenes Thier, bald eine Komödie nebst einer Zusammenstellung von ausgestopften Vögeln, Thieren, Kleidungsstücken der Chinesen, ja sogar eine gut erhaltene Mumie, kurz von allem etwas. In diesem Museum sind überall Tafeln angeschlagen, welche die Besucher vor den Taschendieben warnen. Auch in manchen großen Verkaufslokalen gibt es derlei Plakate. Für mich war dieß ganz neu, ich hatte bisher an solchen Orten noch keine ähnliche Warnung gelesen.
Verkaufslokale besitzt Neu-York in großer Menge und zwar der prachtvollsten Art. Das großartigste ist jenes des Herrn Steward. Da können sich Frauen und Herren Stoffe und Luxusartikel jeder Art verschaffen; außer Schmuck und Schuhzeug ist alles zu haben. Ein großer Theil der Waaren ist in großen schönen Sälen auf das zierlichste aufgestellt — es kam mir hier beinahe wie in einer kleinen Industrie-Ausstellung vor. Mehr als 250 Leute finden bei diesem Geschäfte Anstellung.
Nicht minder großartig ist Herrn Taylors Zuckerbäckerei- und Erfrischungs-Lokal. Hier kann man nicht nur alle möglichen Bäckereien, Eis und Getränke haben, sondern auch Mittags- und Abend-Mahlzeiten. Bei Nacht bei der glänzenden Gasbeleuchtung sieht es wahrhaft feenartig aus.
Die Druckerei der „Tribune“ (das am meisten gelesene Zeitungsblatt in den Vereinigten Staaten, 35,000 Exemplare, und von dem Wochenblatte 120,000), nimmt ein ganzes Haus von vier Stockwerken ein und beschäftiget 293 Personen. Das Interessanteste ist hier die von Herrn Hoe erfundene Cylinder-Presse, welche vier Seiten zu gleicher Zeit in weniger als vier Sekunden druckt. Herr Hoe hat auch für Paris eine solche Maschine verfertiget. In England soll jedoch, wie man mir sagte, in der Druckerei der „Times“ schon seit längerer Zeit eine ähnliche Cylinder-Presse im Gebrauche sein, man kann daher diese Erfindung eigentlich nicht ganz Herrn Hoe zuschreiben, wahrscheinlich hat er sie nur bedeutend verbessert.
Ueberhaupt ist es hier zu Lande ebenso gut wie in Europa der Fall, daß, wenn an irgend einer Maschine oder Erfindung eine Verbesserung angebracht wird, man das Ganze gleich als eine ganz neue Erfindung rühmen hört.
Bei dem Besuche der Druckerei hatte ich das Vergnügen, einen der Theilhaber an der „Tribune,“ Herrn Bayard Taylor kennen zu lernen. Dieser noch junge Mann hat sich nicht nur als Poet ausgezeichnet, sondern mit gleichem Talente auch den Orient, Indien, Abyssinien beschrieben, welche Länder er kürzlich bereiste. Selten liefert ein Poet getreue Reisebilder, gewöhnlich reißt ihn seine Phantasie hin, — nicht so bei Herrn Taylor; er wußte das Gesehene wahr, ohne Uebertreibung darzustellen, und doch den Zauber der Poesie darüber zu hauchen.
Auch die Novelty-Iron-Works der Herrn Stillman, Allen und Komp. besuchte ich. Sie sind die größten Amerika’s: nicht nur alle denkbaren Dampfmaschinen werden in ihnen verfertiget, sondern die größten Dampfschiffe gebaut und vollkommen ausgerüstet und eingerichtet. Tausend Menschen finden daselbst Beschäftigung, von welchen die geringen Arbeiter 1 Dollar per Tag, die Meister bis zu 4 Dollars verdienen; 400,000 Tonnen Roheisen werden jedes Jahr verarbeitet. Als Herr Stillman die Güte hatte, mich in dieser Riesen-Anstalt umher zu führen, lag gerade ein halbfertiger Dampfer auf der Werfte; seine Größe betrug 3400 Tonnen, er enthielt 1000 Schlafstellen und wird den Namen „Metropolis“ führen.
Was die großen Gasthöfe Neu-Yorks betrifft, so kann ich nur wiederholen, was ich von jenen in Neu-Orleans erwähnte: sie sind die prachtvollsten, die ich je gesehen habe. Aber auch hier geht, wie auf den Amerikanischen Dampfschiffen, vor lauter Pracht und Herrlichkeit gar mancher Comfort verloren. So findet man z. B. nirgends ein Fleckchen, um ruhig und bequem schreiben zu können. In den Empfangssälen berauben die großen, schweren, damastenen Vorhänge, welche mehr als das halbe Fenster beschatten, das Gemach des Lichtes, die Tische sind mit Marmorplatten überlegt, auf welchen in der kalten Jahreszeit der darauf ruhende Arm beinahe selbst zu Marmor wird. In den Schlafzimmern findet man alles, nur keinen Schreibtisch, und jeden andern Tisch ebenfalls mit Marmorplatten belegt. Ich sah zu verschiedenen Malen die Leute ihr Schreibbuch auf den Knieen haltend, so auf die mühevollste Weise schreiben. Heißt das doch dem Luxus Opfer bringen! — Wie gemüthlich saß ich dagegen in dem kleinen Hotel der Frau Teuscher an den Schnellen des Niagara. Mein Zimmerchen war auch mit Teppichen ausgelegt, es enthielt ebenfalls reine, zierliche Möbel, einen schönen Spiegel; aber ich hatte dabei nicht nöthig auf den Knieen zu schreiben — ein bequemer Tisch, freilich ohne Marmorplatten, diente mir hiezu.
Das größte Gasthaus ist das Neu-York-Hotel, welches an 1000 Zimmer enthalten soll. Auch das St. Nikolas-Hotel, das Irvinghouse haben bei 400 Gastzimmer und 300 Leute Dienerschaft. Das ganze Haus wird mittelst Dampf geheizt, überall genießt man einer angenehmen, gleichmäßigen Wärme. Die Kamine sind überflüssig und werden nur beibehalten, weil der Amerikaner gleich dem Engländer gerne ein lustiges Kaminfeuer sieht.
Neu-York besitzt mehrere schöne Theater, in welchen Englische, Französische und Deutsche Stücke, auch Italienische Opern aufgeführt werden. Am beliebtesten aber scheinen die sogenannten „schwarzen Minstrels“ zu sein. Die Schauspieler sind Weiße, aber schwarz gefärbt, und stellen Neger dar, die bemüht sind, sich in die Sitten und Gebräuche der Weißen hinein zu finden. In der Vorstellung, welcher ich beiwohnte, erschienen zehn Schauspieler in zierlich schwarzem Anzuge mit weißen Westen und Halsbinden; sie saßen im Halbkreise und sangen mit Begleitung eines Tamburins und einer Guitarre komische Lieder. Nach jedem Liede hielten zwei von ihnen witzig sein sollende Gespräche. Diese Unterhaltung währte eine ganze Stunde fort. Eine Art Komödie folgte darauf, bei welcher ich weder Sinn noch Zusammenhang heraus fand; dabei wurde auch ein wenig getanzt. Das Publikum (und sehr gewähltes, das verriethen nicht nur der geschmackvolle Anzug, sondern auch die Wagen in Menge, die vor dem Schauspielhause standen) schien sich sehr gut zu unterhalten und lachte fortwährend aus vollem Halse. Daß das schöne Geschlecht in diesem Lande eine ganz besondere Lachlust besitzt, wußte ich schon aus Erfahrung von den Dampfern her; aber an den Männern war es mir eine ganz neue Erscheinung.
Das Castle-Garden-Theater, in welchem gewöhnlich Ballete gegeben werden, gefiel mir durch seine Lage. Es steht an der südöstlichen Spitze der Stadt auf einer einstigen Batterie, die in die Bay etwas vorgeschoben und durch eine kleine Brücke mit der Stadt verbunden ist. Eine breite Gallerie läuft von außen rund umher, auf die man in den Zwischenakten treten kann, und von welcher man bei Mondbeleuchtung eine herrliche Uebersicht der Stadt und Bay genießt.
Wie ich bereits früher erwähnt habe, ist in den Vereinigten Staaten die Zahl der öffentlichen und Privat-Unterrichts-Anstalten außerordentlich groß. Neu-York selbst hat deren in Menge aufzuweisen. Ich besah mehrere, und unter anderen auch das Free-College für Jünglinge. Es ist ein Gebäude in Gothischem Style, mit hohen, großen Lehrsälen und Gängen. Diesem Institute stehen die ausgezeichnetsten Professoren vor, es werden bis zu fünfhundert Zöglinge aufgenommen, aber nur zum Unterrichte, nicht in Kost und Verpflegung. Sie bringen sechs Stunden täglich in dem Kollegium zu, lernen alle Gegenstände, die zur höheren Ausbildung gehören, und erhalten sowohl den Unterricht als die nöthigen Bücher, Papier, Federn u. s. w. unentgeldlich. Bevor ein Zögling aufgenommen wird, muß er sich einer strengen Prüfung unterwerfen, besteht er sie nicht sehr gut, so nützt keine Verwendung. Um hierbei jedem Unterschleife vorzubeugen, sollen die Professoren die Namen der zu Prüfenden nicht wissen und auch der Geprüfte eben so wenig seinen Erfolg erfahren, als bis derselbe im Rathe entschieden ist. Möglich, daß auf diese Art Bevorzugungen ausgewichen wird; allein der Mensch bleibt überall Mensch, und der Mittel der Bestechung gibt es gar viele, deshalb gefällt es mir nicht, daß der Reiche mit dem Armen hier gleichsteht. Der Reiche könnte bezahlen; die fünfhundert Plätze sollten nur für Mittellose bestimmt sein.
In den Privat-Mädchen-Instituten, hier Seminarien genannt, können die Mädchen in allen Zweigen der Wissenschaften und Künste Unterricht erhalten, und lernen sogar die lateinische und griechische Sprache. Auf meine Frage, wie es komme, daß man die Mädchen mit diesen todten Sprachen quäle, hieß es: „Damit sie in der Folge die Töchtersprachen, Italienisch, Französisch u. s. w., desto leichter erlernen.“ Man sollte daraus schließen, daß alle Mädchen der letztgenannten Sprachen mächtig seien; doch weit davon entfernt — ich hörte nirgends so wenig fremde Sprachen sprechen, als unter den Amerikanern.
Diese einseitige Erziehung, in welcher das Weibliche gänzlich vernachlässiget wird, möchte ich als Hauptursache jenes Hanges nach Emancipation betrachten, der die Amerikanischen Mädchen und Frauen so stark charakterisirt.
Ich sollte denken, daß die Frauen vorerst anfingen, sich in ihrem Hause vollkommen zu emancipiren. Die häuslichen Geschäfte müssen am Ende von jemanden verrichtet werden, und meiner Meinung nach sind dazu doch die Frauen passender als die Männer. Ich bin weit entfernt, damit sagen zu wollen, daß die Frauen die Dienste der Mägde leisten sollen; aber verstehen müssen sie dieselben, sonst sind die letzteren die eigentlichen Herren im Hause. Die Mädchen in meinem Lande studiren ebenfalls Sprachen, Musik, Geschichte u. s. w., finden aber dabei Zeit, sich auch mit den weiblichen Beschäftigungen bekannt zu machen.
Ich ging einst in Neu-York eine Frau besuchen und fand sie nicht zu Hause: die Magd sagte mir, sie sei auf das Land gegangen (da die Wohnung gewechselt werde) und werde erst wiederkommen, wenn in der neuen Wohnung alles in Ordnung gebracht sei. Und wer besorgte die Uebersiedlung? Natürlich der Gatte, der Geschäftsmann! —
Es sollte mich nicht wundern, wenn mit der Zeit der Mann es sein wird, welcher der neu eintretenden Magd zeigt, wie sie das Kind zu baden, anzukleiden, die Küche zu beschicken habe, mit einem Worte, wie ihre ganze Arbeit einzutheilen sei. Vielleicht kommt dieß jetzt schon vor!
Weil die Amerikanischen Frauen sich häufig von der Führung des Hauswesens emancipiren, die Männer nicht immer Zeit und Lust haben, die Pflichten ihrer Frauen zu übernehmen, gehen Eheleute nicht selten in Boarding-Houses, um da zu leben — eine abscheuliche Gewohnheit, die oft die fürchterlichsten Folgen nach sich zieht. Müssiggang ist, wie bekannt, aller Laster Anfang. Eine junge hübsche Frau[18] wohnt da mit Leuten in Gemeinschaft, deren Charakter oft nicht der beste ist, das Hauswesen beschäftigt sie nicht, und hat sie Kinder, so sendet sie dieselben schon in dem Alter von vier Jahren nach der Schule.
Zu dem Lobe der Amerikanischen Frauen muß ich jedoch anführen, daß sie (ausgenommen in den Sklavenstaaten) ihre Kleinen selten einer Amme anvertrauen und die Mutterpflicht selbst verrichten. In dieser Hinsicht gebührt ihnen der Preis vor allen andern Nationen. Gott erhalte diese schöne Sitte!
Fühlen Mädchen einerseits Abscheu für die weiblichen Beschäftigungen, andrerseits einen besondern Drang nach einer Kunst oder Wissenschaft[19], die sie bis zur Vollkommenheit studiren und ausüben wollen, so mögen sie es thun, aber in diesem Falle nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern sich vollkommen emancipiren, und so lange sie Professoren, Doktoren u. s. w. sind, dem Ehestande entsagen, denn schwer, wo nicht unmöglich ist es, die Pflichten des Mannes und der Frau zu gleicher Zeit zu erfüllen.
Und möchten doch alle Emancipations-Proselytinnen bedenken, daß gerade der Beruf, von welchem sie sich emancipiren wollen, zu den schönsten und edelsten gehört. Oder kann es etwas Edleres geben, als den Beruf einer Mutter?[20] Liegt nicht in ihren Händen der kostbarste Schatz jedes Staates — die Erziehung der Jugend? Ist es nicht die Mutter, die dem Kinde schon im zartesten Alter Liebe für Pflicht und Tugend einflößt, es auf den Weg leitet, ein würdiges Mitglied des großen Menschenvereines zu werden? Eine besonnene Hausfrau, eine vernünftige, liebende Mutter war und wird ewig das Ideal des Weibes bleiben.
Doch wieder zurück zu den Seminarien.
Das Schulgeld für ein Mädchen in den ersten Anstalten ist per Jahr (zehn Monate) 500 Dollars; dafür erhält es Kost, Wohnung und den Unterricht in den gewöhnlichen Lehrgegenständen. Musik- und Tanzunterricht, Nebenrechnungen belaufen sich auf 200-300 Dollars, und bei dieser hohen Bezahlung herrscht die schöne Gewohnheit, daß zwei sich ganz fremde Zöglinge eine Schlafstelle theilen müssen. Ich fand leider diesen Uebelstand schon in London; doch erstreckt er sich dort gemeiniglich nur auf ein Schwesterpaar; in den Vereinigten Staaten aber geht diese Manie so weit, daß Knaben und Männer sogar die Schlafstellen theilen. Ich sah in manchen Familien, die zu den wohlhabenden gehörten, eine Magd und zwei Kinder, oder auch drei Kinder zusammen schlafen. Ich konnte mich oft nicht enthalten, diese abscheuliche Gewohnheit zu rügen. Man gab mir zur Antwort, es geschehe aus Zeitersparniß. Immer hört man dieses Wort in jedermanns Munde, und doch fand ich, daß Frauen und Dienstleute hier ungleich weniger arbeiten, als bei uns in Deutschland. Und muß man, um ein wenig Zeit zu ersparen, die Sittlichkeit, die Gesundheit zum Opfer bringen?! —
Die Gerichtsverhandlungen besuchte ich einige Male. Es ging da ungefähr so zu, wie in meiner Vaterstadt (Wien) nach der Revolution im Jahre 1848: es gab Richter und Geschworne, Advokaten von beiden Theilen, Zeugen und ein sehr aufmerksames Publikum. Ich wohnte einem wichtigen Prozesse bei, in welchem es sich um die Verurteilung eines Mörders handelte. Der Sachverhalt war folgender:
Der Verbrecher Dr. Gr., ein Ausschweifungen jeder Art ergebener Mann, wohnte in dem St. Nicolas-Gasthofe; mit ihm zu gleicher Zeit Obrist Loring sammt Frau. Dr. Gr. kam beinahe jede Nacht betrunken nach Hause. In einer Nacht, gegen drei Uhr Morgens ging er in die Gallerie und schellte mit Heftigkeit einem Diener, und zwar durch anhaltend lange Zeit. Obrist Loring trat endlich aus seinem Zimmer, den Doktor ersuchend, mit dem Schellen aufzuhören, da es vergebens sei, denn die Diener wohnten nicht in diesem Theile des Hauses, überdieß habe seine Frau starke Kopfschmerzen und könne den Lärm nicht vertragen. Doch nach kurzem ging das Schellen wieder an, und wie später Frau Loring bei dem Verhöre aussagte, ging ihr Mann abermals aus dem Zimmer mit dem Vorsatze, einen Diener zu holen und so der Ruhestörung ein Ende zu machen. Dr. Gr. aber behauptete, der Oberst habe ihm einige Scheltworte gesagt (eine Sache, die höchst natürlich gewesen wäre, und die der rohe Wüstling vollkommen verdient hätte). Kurz Dr. Gr. lief in sein Zimmer, kam mit einem Degenstocke wieder und stieß diesen Herrn Loring durch den Leib. Der Stich ging durch das Herz, und der Oberst wurde als Leiche in sein Zimmer zurück getragen.
Ich habe schon auf meiner Reise durch die südlichen Staaten erwähnt, daß in Amerika das Laster der Trunkenheit als große Entschuldigung gilt. Auch hier hörte ich viele, die das Benehmen des Mörder gerade durch seine Lebensweise entschuldigten. Sie sagten: „Er that dieß in der Trunkenheit, wer weiß, wie ihn Loring gereizt hat“ u. s. w.
Bei dem Verhör sah der Doctor so ruhig und unbefangen umher, als wäre er schuldlos gewesen. Die Zeitungen schrieben, daß er vermutlich ganz frei gesprochen werde, da er Geld und Freunde besitze. Er wurde zwar auf sieben Jahre Gefängniß verurtheilt, appellirte aber dagegen, und sogleich ward das Urtheil auf vier Jahre herabgesetzt. Ich verließ Neu-York vor der vollkommenen Entscheidung des Prozesses; allein die allgemeine Stimme sagte, daß wohl schon nach einigen Monaten gänzliche Verzeihung erfolgen dürfte. Nur müsse der Mörder in diesem Falle Neu-York verlassen, sonst würde er von dem Volke überall beleidigt werden.
Es gibt manche, die an dem Volke rühmen, daß es seinen Unwillen derart zu erkennen gibt, die dieses Gefühl für Gerechtigkeit in ihm bewundern. Aber wenn das Volk die Gerechtigkeit erkennt und liebt, warum gestattet es, daß so unrechtmäßige Nachsicht mit den Verbrechern geübt wird, warum wählt es nicht ehrliche, unbeugsame Männer zu Richtern und Geschwornen? — An der Macht hierzu fehlt es ihm in einem freien Lande, wie die Vereinigten Staaten es sind, doch gewiß nicht! —