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Meine zweite Weltreise

Chapter 8: Dreiundzwanzigstes Kapitel.
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About This Book

Die Autorin schildert eine ausgedehnte Reise durch die Vereinigten Staaten und angrenzende Regionen, berichtet von Dampferfahrten auf dem Mississippi, dem Leben in New Orleans und auf Plantagen sowie von öffentlichen Sklavenversteigerungen und der Behandlung versklavter und freier Schwarzer. Sie beschreibt Städte, Eisenbahnen, Häfen und Hotels, die Großen Seen und die Wasserfälle sowie Begegnungen mit indigenen Gruppen und religiösen Gemeinschaften. Reiseeindrücke verbinden Landschafts- und Infrastrukturbeobachtungen mit sozialen und juristischen Kommentaren, alltagsnahen Schilderungen und kritischen Reflexionen über Ungleichheit und Sitten der bereisten Orte.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Ankunft in Liverpool. — Reise nach St. Miguel. — Punta-del-Gada. — Sonderbare alterthümliche Gebräuche. — Villa-Franca. — Das Ilheo. — Der Badeort Furnas. — Die heißen Quellen. — Abreise von St. Miguel. — Die Einfahrt des Tajo. — Lissabon. — Ankunft in England. — Nachruf.

urch die freundliche Fürsprache des würdigen Greises Herrn Curtis erhielt ich für die Fahrt von Neu-York nach Liverpool (3200 Meilen) von der Amerikanischen Linie der Herrn Collins und Komp. eine Freikarte.

Die Amerikaner fand ich in dieser Beziehung ungleich galanter als die Engländer — auf keinem Englischen Schiffe, weder Segler noch Dampfer, gab man mir, selbst für ganz kurze Reisen, einen freien Platz. Ich sage den Amerikanern wiederholt meinen herzlichen Dank; durch ihre und der nicht minder galanten Holländer Unterstützung allein ward es mir möglich, meinen Reisen eine Ausdehnung zu geben, auf die ich Anfangs nicht zu hoffen wagte.

Nach einer raschen Fahrt von 10½ Tagen trafen wir glücklich in Liverpool ein. Kapitän Nye hatte die ausnehmende Gefälligkeit, mich persönlich in den „Adelphi-Gasthof“ (wo man keine Bezahlung von mir annahm) zu führen, und von diesem am folgenden Morgen bis auf die Eisenbahn zu begleiten. Er gehört auch zu jenen Menschen, von welchen mir der Abschied schwer wurde, wie von lang bewährten Freunden.

In London ward ich herzlich von Herrn Waterhouse (einem der Direktoren im Britischen Museum) bewillkommnet, und verweilte einige Wochen in dem Kreise seiner freundlichen Familie, mich erholend von den Fieberanfällen, die mich auf der Seereise wieder heimsuchten[25]. Aber noch war meine Reise nicht zu Ende, noch wollte ich vor der Rückkehr in die Heimath einen meiner Söhne besuchen, der auf der Insel St. Miguel, einer der Azoren, lebte. Lange fand ich keine Gelegenheit dahin, bis endlich ein kleines Fruchtschiff (Schooner), deren jährlich gegen 200 von Englands Häfen nach St. Miguel gehen, daselbst Orangen zu holen, mich aufnahm. Diese Schiffe sind zwar nicht im geringsten für Reisende eingerichtet, und der Kapitän Herr Livingston sagte mir selbst, daß er mir durchaus keine Bequemlichkeit anbieten, und nur das Loch einräumen könne, in welchem der Koch schlafe. Was war aber zu machen? Nach St. Miguel wollte ich, ich setzte mich daher über diese Unannehmlichkeiten hinaus und entschloß mich zu der Reise. Sie dauerte leider 20 Tage, und während dieser langen Zeit konnte ich nicht einmal mein Kleid ablegen — der enge Raum, in welchem ich schlief, gestattete mir hierzu keine Möglichkeit. Dazu das fürchterliche Rollen des kleinen Schiffes in der beinahe fortwährend stürmischen See, der Kohlendampf vom Kamine, die schlechte Luft in der winzig kleinen Kabine, die der Kälte und des Sturmes wegen stets geschlossen bleiben mußte — ich dachte wahrhaftig kaum die Ankunft in St. Miguel zu erleben.

Doch über alles dies klage ich nicht, das hatte man mir im vorhinein gesagt; aber das Benehmen des Eigenthümers, oder eines der Eigenthümer des Schiffes (Royal Blue Jacket), des Herrn Chessel aus Bristol kann ich nicht ungerügt lassen: es war gar zu grob und gemein. Ich hatte die Ueberfahrt mit dem Kapitän und dem Rheder oder Agenten Herrn Chessel’s, Herrn Burnett, für 3 Livres St. ohne Kost abgeschlossen. Als ich am Tage der Abreise mit meinem Gepäck an Bord kam, sagte mir der Kapitän, wie es schien mit einiger Verlegenheit, daß ich nochmals auf das Office des Rheders gehen solle. Ich ging hin und traf da Herrn Chessel, der mich in ziemlich rauhem Tone anfuhr, mir erklärend, daß ich die Ueberfahrt unter 5 Livres St. ohne Kost nicht machen könne. Vergebens erwiderte ich ihm, daß der Vertrag bereits abgeschlossen sei, er fuhr in demselben höflichen Tone fort, daß das nichts zu sagen habe, ich möge entweder die 5 Livres St. zahlen, oder mein Gepäck wieder holen. Ich hätte nun freilich nur zum Richter zu gehen gebraucht, und das Recht wäre mir zugesprochen worden; allein das Schiff lag zum Absegeln bereit, die Zeit drängte, ich war deshalb gezwungen, mir diese unverschämte Prellerei gefallen zu lassen. Ich hatte nur die 3 Livres St. mit mir genommen und gab sie ab, mit dem Bemerken, daß ich den Rest an den Kapitän erlegen würde. Allein der edle Herr Chessel mochte mich für seines gleichen halten: er traute meinem Worte nicht und kam selbst an Bord, die 2 Livres St. in Empfang zu nehmen. Mit vielen Menschen haben mich meine Reisen in Berührung gebracht, aber Leute mit solchem Charakter sind mir glücklicher Weise nur wenige vorgekommen.

Am 31. December wurden wir der freundlichen Insel St. Miguel[26] ansichtig. Ich schmeichelte mir schon mit der Hoffnung, den Sylvester-Abend mit meinem Sohne feiern zu können, den ich seit sechs Jahren nicht gesehen hatte; allein die stets feindlichen Winde zwangen uns, hin und her zu kreuzen und gegen Einbruch der Nacht sogar das Weite zu suchen.

Am 1. Januar, obwohl die Winde noch heftig waren, gelang es uns, der Hauptstadt Punta-del-Gada nahe zu kommen, wir sahen schon das Boot des Arztes aus dem Hafen laufen und auf uns zurudern, und es stand unserer Meinung nach der Landung nichts mehr im Wege. Aber wie schmerzlich wurden wir durch den Schreckensruf überrascht, daß wir auf einige Tage der Quarantaine unterworfen seien — der Cholera wegen, die in England schon lange aufgehört hatte!

Glücklicher Weise kam schon am nächsten Tage, 2. Januar, der Arzt wieder, uns verkündend, daß die Quarantaine aufgehoben und daß wir frei seien.

Später erfuhr ich, daß an demselben Tage, an welchem wir ankamen (1. Januar), zu derselben Zeit, ja noch etwas früher, ein Schiff aus Lissabon anlangte, welches der Gesundheits-Behörde die offizielle Nachricht überbrachte, die Quarantaine sei aufgehoben. Um zehn Uhr Morgens waren, wie man mir sagte, schon alle Briefe und Zeitungen ausgetheilt und folglich wohl auch die offiziellen Befehle. Ob der Arzt aus Nachlässigkeit dieselben nicht geöffnet oder aus irgend einem andern Grunde vorsätzlich verschwiegen, weiß ich nicht; nur das weiß ich, daß ihm jeder Besuch eines Schiffes vier bis fünf Thaler einträgt, und daß er auf diese Art Gelegenheit bekam, zwei Besuche zu machen, den einen, das Schiff in Quarantaine zu erklären, den andern, die Quarantaine wieder aufzuheben. Ob aus Nachlässigkeit oder Eigennutz, ist eine solche Handlungsweise gleich unverzeihlich, und besonders an einem Platze, wie St. Miguel, wo es keinen Hafen, keine sichere Rhede gibt, und wo zur Winterszeit plötzliche und anhaltende Stürme die Schiffe oft wochenlang vom Lande abhalten. Was mich sehr bei dieser Sache wunderte, war, daß niemand, nicht einmal der Englische Konsul, den Arzt hierüber zur Rechenschaft zog.

Die Insel St. Miguel ist sehr hübsch: sie besitzt eine Fülle von Hügeln und Gebirgen, die mit frischem Grün bedeckt und in reizender Unordnung durcheinander geworfen sind. Auf den ersten Blick sieht man, daß diese Insel vulkanischen Ursprungs ist; die Form der Gebirge, die dunklen Meeresgestade hie und da (Lava) bezeugen es. Aber kein rauchender Krater ist mehr vorhanden, und lange müssen die Vulkane ausgetobt haben, denn schon ist die Lava so verhärtet, daß sie wieder halb zu Stein wurde, und beinahe überall mit Erde so bedeckt, daß die herrlichsten Orangenhaine, die üppigsten Getreide-Felder darauf wuchern.

Die Insel hat achtzehn Leguas (eine Legua = drei Meilen) in der Länge, drei bis vier in der Breite und eine Bevölkerung von 90,000 Seelen. Ihr Handel ist bedeutender, als man ihrer Größe nach vermuthen würde. Die Hauptausfuhr besteht in Orangen, jährlich zwischen 120,000 bis 140,000 Kisten, deren jede durchschnittlich 800 Stücke enthält, was die ungeheure Summe von mehr als hundert Millionen Orangen gibt. Ueber 200 Englische Schiffe kommen jährlich von dem Monate November bis gegen Ende März an, um die Frucht zu laden. Alle Orangen gehen nach England, ein einziges Schiff wird nach Hamburg, eines, höchstens zwei nach den Vereinigten Staaten gesendet.

Den nächst bedeutenden Artikel bildet das Türkische Korn, und nebstdem werden noch viele Getreidearten und Bohnen ausgeführt. Im Ganzen besuchen diese Insel jedes Jahr bei 450 Schiffe, und der Werth der jährlichen Ausfuhr beträgt an 500 Contos de Reis (90,000 £. St.)

Trotz dieses großen Verkehrs ist doch das Volk sehr arm, was hauptsächlich davon herrührt, daß der Bauer nicht Eigenthümer des Bodens, sondern Pächter ist, und das nicht einmal für seine Lebenszeit, sondern nur für eine bestimmte kurze Anzahl von Jahren.

Von dem Städtchen Punta-del-Gada (mit 12,000, die nahe Umgebung inbegriffen 16,000 Seelen) ist nicht viel zu sagen. Die Bauart ist der Europäischen ähnlich, die Häuser sind meistens unansehlich mit kleinen Balkons und abscheulich großen umfangsreichen Rauchfängen. Doch gibt es auch einige hübsche Gebäude. Den Nutzen der großen Rauchfänge konnte ich mir nicht erklären, um so weniger, als das Küchenfeuer das einzige im Hause ist. Kamine fand ich zu meinem Bedauern nicht im Gebrauche, obwohl die Wintermonate November bis März ziemlich rauh, regnerisch und stürmisch sind. Ich hatte das Unglück, einen, wie man mir sagte, außergewöhnlich strengen Winter zu finden und litt viel von der Kälte. Es gab zwar weder Schnee noch Eis; doch fehlten hiezu wenige Grade. Die fürchterlichsten Stürme hausten, und freundliche Tage gehörten zu den Seltenheiten; selbst noch zu Anfang des Maimonates war die Wärme nicht viel bedeutender, als in meinem Vaterlande. Daß dieß jedoch nicht immer so ist, davon zeigen außer den Orangen noch viele Früchte der wärmeren Zone, von welchen besonders die Banane hier zur vollkommenen Reife gelangt, weniger der Custod-apple, der hart und unschmackhaft bleibt. Die Ananas-Frucht gedeiht in Glashäusern ohne Beihülfe einer Heizung und erreicht einen außerordentlichen Umfang. Eine Portugiesische Dame, die Gemahlin des Herrn Dr. Agostinho Mochado, sandte mir einen Ananas, der an Größe alle übertraf, die ich in Indien gesehen; doch stand er ihnen an Süßigkeit nach. Die Europäischen Gemüse, Rüben, Kohl, Erbsen u. s. w. kommen ohne besondere Pflege fort.

Die Azorianer, von den Portugiesen abstammend, haben schöne dunkle Augen und Haare. Ich fand hier im Gegensatze zu allen Ländern, die ich bereist habe, das Volk hübscher, als die höhere Klasse. Die Tracht der letzteren ist die französische; das Volk trägt sich auch nach Europäischer Sitte, jedoch mit Ausnahme der Kopfbedeckung. Diese besteht bei den Männern aus steifen Tuchkappen mit einem weit hervorragenden, komisch ausgeschnittenen Schilde und rings herum mit einem acht bis zehn Zoll breiten Tuch- oder Sammtstreifen, der über die Achsel herunter hängt und den Hals gegen Sonne und Regen schützt. Noch grotesker ist die Kopfbedeckung der Weiber, eine Art Kapuze von blauem Tuche, bei zehn Zoll hoch und gewiß einen und einen halben Fuß lang, welcher Tracht mittelst eines starken Fischbeines ungefähr die Form eines mehr als riesenhaften Hahnenkammes gegeben ist. Außer diesem sinnreichen Kopfputze tragen sie über die Europäischen Kleider auch noch einen langen schweren Männermantel, durchgehend von blauem Tuche, der bis auf die Erde reicht und nie, auch bei der größten Hitze, abgelegt wird. Diese lächerliche, geschmacklose Kleidung hat namentlich den Uebelstand, daß eine Mutter ihre Tochter darin nicht erkennen würde, denn den großen Hahnenkamm, in welchem der Kopf steckt, ziehen sie nach vorne, so daß man von dem Gesichte beinahe nichts sieht, und die Mäntel gleichen einer dem andern. Kein Frauenzimmer aus dem Volke würde sich ohne Mantel und Kapuze auf die Straße begeben; jeder Pfennig wird emsig zusammen gespart, sich diese Kleinodien zu verschaffen; die nicht so glücklich ist, sie zu besitzen, sucht sie von Freundinnen oder gegen Bezahlung auszuborgen.

Nicht minder sonderbar ist die Sitte hier, daß kein Mädchen, kein junges Weib allein ausgehen darf; keine Magd würde allein über die Straße gehen, viel weniger etwas holen oder einkaufen. In jedem Hause muß man einen Diener halten, die Einkäufe und Ausgänge zu besorgen. Ich bedauerte wirklich die armen Mägde, die hier wie in einem Gefängniß eingesperrt sind; wenn sie nicht irgend eine alte Verwandte haben, die sich ihrer erbarmt und sie von Zeit zu Zeit ein halbes Stündchen auf die Straße führt, können sie das ganze Jahr zu Hause sitzen bleiben, denn nicht einmal Sonntags wagen sie es, allein nach der Kirche zu gehen.

Ueberhaupt sollen auf dieser Insel, wie man mir erzählte, vor noch kaum vierzig Jahren selbst unter der sogenannten gebildeten Welt gar sonderbare Gebräuche geherrscht haben.

So wurde z. B. wenn eine Frau einer andern einen Staats-Besuch machen wollte, Tags zuvor ein Diener zu der letzteren gesandt, ihr anzumelden, daß die Besuchende zu einer bestimmten Stunde an dem Hause vorüber fahren würde. Sie kam dann zu dieser Zeit in großem Putze, jedoch in einer mit Vorhängen dicht verschlossenen Kutsche angefahren, die zu besuchende Frau saß schon bereit an dem ebenfalls wohlgeschlossenen Fenster. Vor dem Hause angelangt, hielt der Wagen einen Augenblick an, der Vorhang wurde auf die Seite geschoben, das Fenster geöffnet, die beiden Frauen begrüßten sich — und sogleich wurden Vorhang und Fenster wieder geschlossen, und der Wagen fuhr weiter.

Die Frauen scheinen zu dieser Zeit eine solche Scheu vor Herren gehabt zu haben, daß diese bei den Besuchen der Frauen nicht zugegen sein durften. Kam eine Frau eine andere besuchen und es war zufällig ein Herr, selbst ein Verwandter, zugegen, so fuhr sie wieder fort, oder die Frau des Hauses ersuchte die Herren, fort zu gehen.

Noch lächerlicher ging es bei Hausbällen zu (öffentliche Bälle wurden gar nicht gegeben). Die weiblichen Gäste nahmen an dem Tanze selbst gar keinen Antheil, sondern saßen mit den Frauen und Töchtern des Hauses in einem an den Tanzsaal stoßenden Zimmer, und zwar im Finstern, um von den Herren nicht gesehen zu werden. Die Herren — tanzten mit den Dienerinnen des Hauses und andern von der Ballgeberin geladenen Dienerinnen! —

Ich verweilte einige Monate auf St. Miguel und machte außer einigen Spaziergängen in die nahe Umgebung auch einen Ausflug nach dem Badeorte Furnas (9 Leguas von Punta-del-Gada), berühmt durch seine heißen Quellen. Die vornehme Welt der Insel geht jedes Jahr auf einige Wochen oder Monate dahin, weniger um zu baden, als sich zu ergötzen, wie dieß überhaupt in den meisten Badeorten der Fall ist.

Wir machten die kleine Reise, wie es in diesem Lande Sitte ist, zu Esel, und nahmen unsern Weg über Villa-Franca (5 Leguas), längs der Seeküste. Villa-Franca ist ein kleines Städtchen mit derselben reizenden Lage, wie Punta-del-Gada. Wir blieben hier die Nacht in dem Hause des Herrn Gago, wo alles freundlich zu unserer Aufnahme bereit war.

Am folgenden Morgen fuhren wir in einem Boote nach dem kaum zwei- bis dreihundert Schritte von dem Lande gelegenen „Ilheo,“ einer winzig kleinen Insel oder vielmehr Bay, von einem Felsengürtel umschlossen, in welchem nur eine ganz schmale Oeffnung frei geblieben, kaum breit genug, ein kleines Fruchtschiff einzulassen. Augenscheinlich stand hier unmittelbar in der See einst ein kleiner Vulkan, der ausgetobt hat und eingestürzt ist. Mit wenig Kosten könnte man aus dieser Miniatur-Bay einen herrlichen Dock zur Ausbesserung der Schiffe machen; doch für dergleichen Sachen hat man hier keinen Sinn.

Gegen Mittag setzten wir die Reise fort und langten nach einem angenehmen Ritte schon früh Nachmittags in Furnas an. Ungefähr eine Viertelstunde vor dem Orte liegt ein artiger See, von schön geformten Gebirgen umgürtet, an dessen nordöstlichem Ende gleichfalls heiße Quellen aufbrodeln, die wir aber nicht besahen, da uns gerade ein kleiner Regen überfiel.

Furnas selbst liegt in einem wunderlieblichen, freundlichen Thale, eingeschlossen von über einander aufsteigenden Gebirgen; schöne Waldungen, üppige Felder, Wiesen und Triften im frischesten Grün decken Berge, Hügel und Thal — ich sah mich ganz in eines jener schönen Gebirgsthäler versetzt, an welchen Steiermark, Kärnthen und Tyrol so reich sind. Aufsteigende Rauchwolken verkünden die unweit des Dorfes gelegenen heißen Quellen (Caldeiras), und begierig eilt der Fremdling dahin, eine Erscheinung zu sehen, von welcher die ganze Bevölkerung St. Miguels mit Entzücken und zugleich mit Grausen spricht.

Meine Neugierde, meine Erwartung, ich gestehe es, waren eben nicht sehr groß, ich hatte in dieser Art das Vollkommenste was die bekannte Welt bietet, auf Island gesehen. Aber gerade, weil ich mir nicht zu viel versprach, ward ich überrascht. Eine der kochenden Quellen brodelt reich und gewaltig zu einer Höhe von vier bis sechs Fuß auf, eine zweite minder hoch, andere nicht mehr als gewöhnlich kochendes Wasser. Am merkwürdigsten unter allen ist die Schlammquelle „Pedro Botelko“ genannt. Schon ihre Umgebung ist pittoresk: sie ist von finstern Felsen eingefaßt, in welchen das Getöse wiederhallt, und gleicht einem wahren Höllenschlunde; ein großer Fels neigt sich weit über sie und hindert ihr senkrechtes Aufsteigen. Ihre Kraft schleudert den kochenden Schlamm nach allen Seiten in eine Weite von zwölf bis fünfzehn Fuß. Unbedeutende, kleine Quellen gibt es in der Umgebung viele; einige davon brodeln sogar in der Mitte eines kalten Bächleins auf. Auch eisenhaltige Quellen und ein Sauerbrunnen (Aqua azeda) kommen vor.

An einer glücklich gewählten Stelle des reizenden Thales hat Herr Vicomte da Praia, einer der größten Grundbesitzer der Insel, ein Landhaus gebaut und einen Garten angelegt. Beide waren noch nicht ganz vollendet. Das zierliche Gebäude steht auf einem kleinen Hügel und bietet von jedem Fenster die herrlichsten Ansichten des Thales und der es umgebenden Gebirgswelt; der Garten, im großen Style angelegt, mit Teichen, dunklen Baumparthieen und freundlichen Blumenbosketten, zeigt schon jetzt von dem guten Geschmacke seines Gründers.

Wir machten von Furnas aus auch noch eine kleine Parthie auf eine der Bergkuppen, ungefähr 2000 Fuß über der Meeresfläche. Wir sahen hier Gebirge über Gebirge vor uns aufsteigen, darunter den höchsten Berg der Insel, den „Pico de Vara“ (4000 Fuß); zu unsern Füßen lag das liebliche Thal von Furnas mit seinen Caldeiras, dem See, so wie auch einige andere Thäler mit freundlichen Ortschaften, und auf beiden Seiten der Insel breitete sich das Meer ins Unermeßliche aus. Auf der Südseite entdeckt man auch die Insel Santa-Maria, ungefähr vierzig Meilen von St. Miguel gelegen.

Den Rückweg nach Punta-del-Gada nahmen wir längs der Nordküste über Ribeira-Grande. Als Weg ist er besser, als der längs der Südküste, aber an schönen Ansichten weniger reich und abwechselnd.

Die Karnevals-Zeit ging auf St. Miguel ganz unbeachtet vorüber. Nur in den letzten drei Tagen herrscht hier, wie in Brasilien die alberne Gewohnheit, sich gegenseitig mit Wasser zu übergießen. Statt sich während dieser drei Tage zu unterhalten, muß man sich in sein Zimmer einschließen, und kann nicht einmal an das offene Fenster treten, denn sogleich ist man der Gefahr ausgesetzt, von des Nachbars Fenster, von der Straße eine Ladung des nassen Elements zu erhalten. Die Leute blasen Eier aus, oder verfertigen von Wachs Orangen, Citronen, füllen sie mit Wasser und bewerfen sich damit, ja aus den Häusern schütten sie ganze Töpfe voll auf die Vorübergehenden. Keine Frau ist in diesen Tagen auf der Straße zu sehen, und die wenigen Herren, die auszugehen wagen, suchen sich durch aufgespannte Regenschirme zu schützen.

Erst am 21. Mai verließ ich St. Miguel. Die Fruchtschiffe für England hatten schon gegen Ende März aufgehört; ich war daher gezwungen, über Lissabon nach London zu gehen.

Auf dem kleinen Portugiesischen Schiffe „Michaelense“ (110 Tonnen, Kapitän Fonseca) fand ich zu meiner höchsten Verwunderung alles so bequem eingerichtet, wie es auf manchem Dampfer kaum der Fall ist. Die Schlafstellen waren hoch und geräumig, die Kost reich und gut bereitet, der Tisch rein gedeckt, die Bedienung rasch. Es war dies das erste Portugiesische Schiff, auf welchem ich fuhr. Wenn alle ihm gleichen, kann man sie den Reisenden mit gutem Gewissen empfehlen.

Die Fahrt währte acht Tage (720 Meilen), und außer einem todten Wallfische, der gleich einem emporragenden Felsen an unserm Schiffe vorbeitrieb, und um welchen Hunderte von Raubvögeln schwärmten, unterbrach nichts ihre Einförmigkeit. Wir sahen nicht eher Land als bis wir der Portugiesischen Küste nahe kamen.

Am 28. Mai liefen wir in den Tajo ein, der an der Mündung nur durch die Farbe von der See zu unterscheiden war. Die Stadt Lissabon liegt zwei Leguas stromaufwärts; doch geht die Fahrt beinahe noch eine Legua weiter, da die Schiffe an der Düne im Mittelpunkt der Stadt vor Anker gehen. An diesen drei Leguas segelten wir sieben bis acht Stunden; allein man konnte dies keinen Zeitverlust nennen, da die Fahrt wirklich gar zu reizend ist. Der Strom entfaltet eine mächtige Breite, sein Rücken ist voll von schaukelnden Fahrzeugen, zwischen welchen hie und da ein Dampfer eilt, und die Ufer bestehen aus freundlichen Hügelketten, welchen man den einzigen Vorwurf machen kann, daß weder Bäume noch Gebüsch sie decken.

An der Mündung steht auf der einen Seite das Fort St. Julian, hinter welchem sich in geringer Entfernung die schön geformten Berge der Serra de Cintra erheben; auf der andern Seite steigt ein Leuchtthurm, umgeben von einer Batterie (Torre de Bugia) unmittelbar aus der See. An malerisch gelegenen Ortschaften, kleinen Festungen vorüber gleitend, gelangt man nach Belem, wo der Strom von seiner Breite etwas abnehmend, die Mauern eines prachtvollen Thurmes bespült, der in Gothisch-Maurischem Style gehalten, ein herrliches Schaustück der älteren Zeiten ist. Während nun auf der Südseite noch immer einzelne Ortschaften mit zum Theile schon halbverfallenen Kastellen und Festungswerken wechseln, breitet sich auf der Nordseite die Stadt Lissabon aus, nicht nur den schmalen ebenen Gürtel zwischen dem Strome und der Hügelkette, sondern auch die Höhen und Seiten der Hügel selbst deckend. Dem Mittelpunkte der Stadt gegenüber treten die Ufer des Stromes weit zurück, und dieser bildet eine große Bay, an deren Rande man in der Entfernung Ortschaften, Baumgruppen und im Hintergrunde einzelne Berge entdeckt. Stundenlange saß ich später an den Fenstern des am Meere liegenden Gasthofes, in welchem ich abstieg, und betrachtete mit unendlichem Gefallen das großartige und doch dabei lieblich schöne Rundgemälde. —

Anmuthig sind bei der Ankunft in Lissabon die Plackereien mit den Beamten. Schon bei Belem kömmt der Besuch des Gesundheits-Offiziers an Bord, dann jener des Zollamtes, der Schiffspolizei, des Hafenmeisters, der Paß-Besichtigung — das nimmt kein Ende. Wir kamen von einer Portugiesischen Besitzung und wurden so strenge behandelt, als wären wir aus dem Monde gekommen. Für die Pässe hat man ein schweres Geld zu entrichten, und die Zollgesetze sind so strenge, daß man nicht den kleinsten Nachtsack mit sich nehmen darf. Wahrlich es ist unglaublich, daß gerade in dem auf sein Fortschreiten so stolzen Europa die Regierungen den Leuten das Reisen auf alle Art zu verleiden suchen!

Von der Stadt Lissabon sah ich nur sehr wenig, obgleich ich zwölf Tage daselbst verweilte; ich kam unwohl an und war gezwungen, den größten Theil dieser Zeit mein Zimmer zu hüten. Mit Mühe erstieg ich einige der steilen hügeligen Straßen, welche die Eigenthümlichkeit Lissabons bilden, um vollkommene Ansichten über Stadt, Strom und Umgebung zu haben; ich sah, daß die Stadt auch jenseits der Hügelkette sich fortzieht und ausbreitet. Die Häuser haben keine eigenthümliche Bauart, die Kirchen weder schöne Thürme noch Kuppeln. Reizend liegen hie und da auf hohen Hügeln mitten in der Stadt noch Ruinen halb eingestürzter großer Paläste und Kirchen aus der schaurigen Zeit des Jahres 1755, in welchem bekanntlich ein furchtbares Erdbeben den größten Theil der Stadt in Schutt legte, und wobei Tausende von Menschen ihr Grab fanden.

Die öffentlichen Gärten zeichnen sich durch schöne Blumenparthien, jener in der untern Stadt auch durch alte ehrwürdige Bäume aus. Die Portugiesen scheinen überhaupt große Blumenfreunde zu sein; schon auf St. Miguel hatte ich dieß bemerkt, und hier sah ich diese lieblichen Frühlingsboten überall in Menge, selbst auf Plätzen, wie z. B. in dem Hofe und an dem Landungsplatze des Zollgebäudes.

Eine Fahrt nach der Serra de Cintra, berühmt durch die reiche Vegetation und als Sommersitz der königlichen Familie, konnte ich nicht unternehmen. Ich brachte mehrere Tage im Bette zu und verließ erst am 9. Juni mein Zimmer, um mich auf dem Dampfer Iberia nach Southampton (900 Meilen) einzuschiffen.

Dieser Dampfer gehörte leider keiner Amerikanischen oder Holländischen, sondern einer Englischen Gesellschaft an, ich mußte daher bezahlen, und zwar zehn £ St. für eine kleine Schlafstelle in einer kleinen, dumpfen, finstern Kabine, in welcher sich außer mir noch elf Frauen nebst vier Kindern befanden. Wie ungleich bequemer hatte ich es auf dem kleinen Portugiesischen Segelschiffe, wo ich für eine beinah eben so weite Fahrt nur 3½ £. St. bezahlte. Meinem Sohne wurde die Schlafstelle gar auf dem zweiten Platze angewiesen, dafür aber nichts destoweniger die volle Bezahlung des ersten abgenommen.

Am 14. Juni Morgens langten wir in Southampton an, denselben Tag fuhr ich mit der Eisenbahn nach London, wo ich abermals von der lieben Familie Waterhouse auf das herzlichste aufgenommen wurde, und somit war meine Reise glücklich vollendet.


Sollten in meinem Tagebuche gegen das eine oder das andere Volk, gegen Sitten und Gebräuche der verschiedenen Länder, die ich durchwandert, zu starke Ausdrücke vorkommen, sollten unrichtige Ansichten geäußert sein, so bitte ich meine Leser um große, sehr große Nachsicht. Ich rufe ihnen wie bei Gelegenheit meiner ersten Reise nach dem gelobten Lande zu, daß ich weit entfernt bin, mich zu der Zahl der glücklich begabten Personen zu rechnen.

Mein Wesen ist Einfachheit, mein ganzes Streben schlichte Wahrheit und Vermeidung jeder Uebertreibung. Der Zweck meiner Schriften kann unter diesen Umständen kein anderer sein, als das von mir Gesehene und Erlebte ganz so wiederzugeben, wie es sich meinem Geiste und Gefühle darstellte.

[25] Ich nahm wieder Brandy mit rothem Pfeffer, und das Fieber blieb endlich ganz weg.

[26] Die Azoren-Gruppe besteht aus neun Inseln, von welchen St. Miguel die größte. Die Azoren werden zu Afrika gerechnet und sind von den Portugiesen im Jahre 1446 entdeckt und in Besitz genommen worden.