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Melusine: Ein Liebesroman cover

Melusine: Ein Liebesroman

Chapter 9: VIII.
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About This Book

A young scholar who secures a modest stipend takes rooms in a boardinghouse and basks in newly felt security while closely observing his fellow residents. He becomes aware of a slender, enigmatic young woman and records in a diary an uneasy mixture of loneliness, yearning, and curiosity about love. The narrative moves through intimate domestic scenes and vivid character sketches of the household’s inhabitants — including an irritable older woman and the boardinghouse’s proprietor — and uses introspective passages to explore desire, social anxieties, and the gap between dreamed comforts and everyday humiliation.

VII.
Aus dem Tagebuch Vidl Falks.

10. November.

Weshalb ich eigentlich ein Tagebuch führe, darüber habe ich mir schon oft den Kopf zerbrochen. Liest man später die Konterfeis von Stimmungen und Hoffnungen, diese scheinbar so zwanglosen, mit müder Eleganz hingeworfenen Aperçus, so liegt darin etwas so Lächerliches, wenigstens für mich. Eitelkeit, Eitelkeit spöttelt jede Zeile, eitle Selbstbespiegelung. Aber ich bin ja ein nutzloser Mensch. Alle sagen es, die mich kennen. So muß es doch wahr sein. Ich möchte doch wissen, welchen Eindruck ich auf andere mache, ob ich ihnen komisch erscheine, oder unbedeutend, oder dämonisch. Wer weiß, vielleicht gerade dämonisch. Das ist ein hübsches Wort. Man empfindet ordentlich Sehnsucht, es zu sein. Aber wie, wie wird man dämonisch, wie macht man das? – Ich muß doch eigentlich ein ganz hübscher Mensch sein. Der Spiegel beweist ja nichts, aber mein Schnurrbart gleicht vielen Schnurrbärten, welche für hübsch gelten. Meine Augen sind sehr geschmackvoll; ich bin zufrieden mit ihnen.

Ein Schwärmer bin ich schon. Ich habe zu nichts Lust, als zum Nichtsthun. Und wie anstrengend ist das bisweilen. Oft kommt mir der Gedanke, warum bin ich so allein? Es ist ja kindlich, darüber zu klagen, aber andere haben ein Vaterhaus, elterliche Sorge umgibt sie, sie wissen, daß jemand da ist, der sich um sie kümmert. Nichts dergleichen ward mir. Ich würde ja ganz gern allein bleiben, aber alles fängt an, mir so nüchtern zu werden. Ich habe häufig das Bedürfnis zu schlafen, tagelang, wochenlang, und ich begreife kaum, warum ich so eifrig mit aller Kraft dem Studium zugedrängt habe. Das Studium ist leer, und es ist die Wissenschaft von der Unwissenheit, besonders was die Medizin anbelangt. Auch beirrt mich das Fachmäßige, Doktrinäre, das Buchstabenrecht in der Wissenschaft. Ich möchte etwas, das mich aufregt, das mich zittern macht, das mich in Bangnis versetzt, kurz etwas, das ich nicht weiß und das ich nicht definiren kann.

15. November.

Ich lese die letzte Eintragung und sage mir, daß dies für einen dreiundzwanzigjährigen Menschen sehr naiv ist. Zum wenigsten ist es ein Zeichen großer Schwachheit.

Wenn nur dieses Wirtshausleben nicht wäre! Das zerstört alles Gesunde und alle Befriedigung über die Arbeit. Aber den ganzen langen Tag und den langen Abend dazu allein im stillen Zimmer und die Gedanken und der Kopfschmerz und das ewige Regengeplätscher, und die Aussicht, daß es jahre-, jahre-, jahrelang so bleiben soll, das ist auch zerstörend. Freilich, ich bin jung und wir Jungen sollten darauf bedacht sein, weniger zu lamentiren und mehr zu arbeiten. Statt Freude darüber zu empfinden, daß wir allein sind, vergießen wir Thränen. Wie absurd und sündhaft, daß ich bisweilen wünsche, krank zu sein, nur damit Jemand um mich sei, der sich bemüht um mich, dem man mehr ist, als eine Figur, um: ‚Ergebener Diener!‘ oder: ‚Wünschen zu speisen?‘ zu sagen. Wenn ich einmal reich sein werde – Traum der Träume – will ich mir ein Schloß im Schwarzwald bauen und mit einem Freund oder einer Freundin dort leben. Aber kann es Jemand geben, der sich mit mir befreundet? Ich muß zu dumm sein, zu unbedeutend, zu häßlich – oder bin ich am Ende das verborgene Veilchen? Der Gedanke ist so poetisch!

17. November.

Es ist spät in der Nacht. Heut hab ich es über mich gebracht, daheim zu bleiben. Und ich bin glücklich im Bewußtsein der Einsamkeit. Die glühenden Kohlen starren zum Ofenloch heraus. Bisweilen zucken kleine, blaue Flämmchen hindurch. Dann werden die Ränder schwarz, und alles versinkt zu Asche. Ich denke mir: Wieviel Schmerz ist in der Welt und wieviel Glück, und alles versinkt zu Asche. Ein oftgedachter Gedanke. Ich sehe hinein in die glühenden Brocken und erblicke mein Schwarzwaldschloß, wie es sein wird, wenn die Abendröte drüber hinfliegt und der Wind um die Parktannen streicht.

Jetzt denke ich mir: wie muß wohl das Weib beschaffen sein, das ich lieben würde. Vor allem müßte es klein sein, zart und heiter. Es müßte blond sein und blaue Augen haben mit dunklen Rändern um den Augapfel und schwarzen Wimpern. (Das soll pikant sein.) Die Haare dürften schließlich auch kastanienbraun sein, ja sogar jene bronzefarbnen, oder jene, die aussehen wie ein schwer mit Kupfer legirtes Goldstück gefielen mir. Gescheiter als ich dürfte sie nicht sein, wohl aber müßte sie besser als ich sein. Sanft, nachgiebig und beständig müßte sie sein. – Es ist nicht sehr weise, sich ein Rezept zu schreiben, bevor man weiß, woran man erkranken wird, – als stud. med. sehe ich das ein.

Diese Frau Bender quält mich so sehr, ich solle Pension nehmen. Aber wozu soll ich so viele Menschen kennen lernen?

19. November.

Frau Bender stellte mir den Doktor Brosam im Korridor vor, und wir gingen zusammen nach der Stadt. Welch ein Ideal von Männlichkeit: kraftvoll, graziös, selbstbewußt. In solche Persönlichkeiten verlegt man unwillkürlich jene Eigenschaften, die zu besitzen man ersehnt. Er muß wegen eines Zwischenfalls ausziehn, wie ich höre: das ist schade. Wir haben verabredet, uns im Café zu treffen. Die ganze Zeit über wohnten wir Thür an Thür, und ich wußte nichts von ihm, als daß er den Geruch der Weihrauchkerzen liebe und beim Studiren Bonbons kaue. Das nennt man durchs Schlüsselloch des Nächsten Thun betrachten, und das ist verächtlich.

20. November.

Ich habe Frau Bender nachgegeben. Heute Abend war ich zum ersten Mal in der Familie. Ich habe mich gut unterhalten. Die kleine Helene scheint ein wenig verliebt in mich zu sein. Das thut mir morschem Jüngling wohl. Komisch, sie ist klein, zart und heiter, blauäugig und blond. Sollte die es sein? Nur hat sie gar keine Augenbrauen. Das Fräulein Mirbeth gefällt mir übrigens. Sie besitzt eine große Natürlichkeit und ihre Augen (nie im Leben sah ich so schwarze, leuchtende Augen: schwärmerisch und leidend) verraten viel mehr als ihr Mund (welch ein weicher, wohlgeformter Mund) verraten könnte. Ihr Lachen verletzt mich, sie schleppt es so eigentümlich nach.

24. November.

Ich bin sehr fortgeschritten auf dem Pfad der Kultur: seit einigen Tagen besuche ich kein Wirtshaus mehr. Allabendlich sitze ich bis elf Uhr bei Benders, und ich gewöhne mich völlig hinein in diesen Kreis. Auch Fräulein Mirbeth ist da, und ich spiele Karten oder Halma mit ihr. Ich weiß nicht, woher es rührt, aber eine neue Lebensfreude ist über mich gekommen.

Wir führen oft träumerische Gespräche da vorn, zu dreien, während Frau Bender auf dem Divan schläft. Und dabei sieht mich Fräulein Mirbeth oft so starr, fast erschrocken an, und ihre Augen glänzen dabei so sehr, daß ich die meinen zu Boden schlagen muß. Aber dieser Blick hat etwas, das einen verfolgt. Er sitzt mir bisweilen gleichsam im Nacken.

Heute Nachmittag war ich beim Kaffee. Frau Bender erzählte aus ihrer Jugendzeit. Sie hat eine bezaubernde Art zu erzählen; kaum sah ich je ähnliches. Selbst ganz hingerissen von ihrem Gegenstand, lächelt sie beständig und zeigt ihre großen, dichten, blitzenden Zähne. Ihre Augen werden größer und leuchtender und ihr Gesicht wird förmlich jung. Sie hat viel erlebt und ist viel in der Welt herumgezogen.

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich im Verlauf des Nachmittags auf Fräulein Mirbeth zu sprechen kam. Aber es berührte mich peinlich, wenn sie von ihr redeten. Sie gebrauchten geheimnisvolle Wendungen, sie redeten Gedankenstriche. „Der Herr Oberst meint es eben doch sehr gut mit ihr –“ oder: „Der Herr Oberst ist ein sehr edler Mensch, ein idealer Charakter“ – – Doch was geht das mich an. Ich machte ein ziemlich verblüfftes Gesicht, und Frau Bender stand mit einem konventionellen Seufzer auf. Ich beobachtete ihren Gang, der unsicher, voll Hast und Nervosität ist. Es ist der Gang unterleibskranker Frauen.

26. November.

Zwei Uhr hat es geschlagen, und die Nacht ist sehr still. Der Schnee liegt überall. Ich öffne das Fenster und die frische, klare Luft durchdringt mich völlig. Ich sehe das große, runde Kuppeldach des römischen Panoramas und die neue Pinakothek, die so sehr einer großen Zigarrenschachtel gleicht. Einen schlanken Kirchturm seh ich in der Ferne, der wie ein zugeklappter Regenschirm aussieht.

Ich versuche jetzt, mir das Bild des Fräulein Mirbeth vorzustellen. Aber ich kann es nicht. Ich kann sie nur wie durch dicke Nebelwände wahrnehmen. Ich weiß wohl, daß ihre Haare ganz dunkel sind, daß sie wirr sind und hinten in einen griechischen Knoten geknüpft. Ich weiß, daß sie zu beiden Seiten die Ohren fast ganz verdecken und daß eine einsame Locke mitten auf der Stirn liegt. Ich weiß, daß sie eine unvergleichliche Gestalt besitzt, aber das kann ich alles nicht innerlich sehen. Doch ich bin verwundert, daß ich mich bemühe, es zu sehen. Warum? Sie ist mir fremd. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß sie mehr für mich wäre, als das Fräulein Mirbeth. Doch wer ist eigentlich dieser Oberst? Was will er von ihr?

Die kleine Helene gefällt mir. Übrigens bemerke ich, daß mir Alles und Alle gefallen. Das beschämt mich ein wenig. Ich bin so gar nicht blasirt. Da habe ich wahrlich wenig Aussicht, dämonisch zu werden.

27. November.

Ich traf Doktor Brosam und erwähnte beiläufig Fräulein Mirbeth. Da lachte er verächtlich und sagte: „Na, die –!“ – „Was? Wie meinen Sie das?“ erwiderte ich unwirsch. – „Sie werden doch der ihre Unschuldsmiene nicht für bare Münze nehmen?“ gellte er. Sein Ton verriet solche Kennerschaft, daß ich schweigen mußte. Wir sprachen von etwas andrem. Der Mann hat diese eigentümliche Art zuzuhören: wie man einem Diener zuhört. Vom Fach versteht er nicht viel. Dagegen stellte er mir einen noch jungen Arzt vor, der es in kurzer Zeit zu großer Praxis in der besten Gesellschaft gebracht hat. Er heißt Doktor Wendland und gefiel mir besonders durch den Ausdruck von Güte, der in seinem Gesicht liegt.

Am Abend erwähnte ich den Doktor Brosam und daß ich ihn getroffen. Fräulein Mirbeth wurde sehr bleich und fragte, während ihre Augenlider ruhelos zuckten: „Ah, Sie kennen ihn? Was sprach er denn? Hat er etwas von mir gesagt?“ –

Das geht mir im Kopf herum.

1. Dezember.

Beim Abendessen lernte ich Fräulein von Erdmann kennen. Sie imponirt mir, sie hat jenes echt aristokratische Timbre, das ich liebe. Es gleicht dem Bouquet eines guten Weines. Sie ist sehr gebildet und viel gereist. Sie muß viel Schlimmes hinter sich haben, viele Leiden und Leidenschaften. Sie interessirt mich. Zudem sagte sie mir eine solche Menge angenehmer Sachen, daß ich, als ich allein war, lange mit der Kerze vor dem Spiegel gestanden bin. Fräulein Mirbeth schien mir etwas verstimmt an diesem Abend.

2. Dezember.

Die Erdmann ließ mich in ihr Zimmer rufen. Sie habe entsetzliche Kopfschmerzen, ich möchte ihr ein Mittel geben. Etwas exaltirt benimmt sie sich schon, das muß ich sagen. Ihr Haupt war von starrenden Haarbüscheln umrahmt. Weinend zeigte sie mir ihre Gichtfinger und sagte, das werde sie noch zum Selbstmord treiben. Für eine Frau, die noch so frisch in den Dreißigen stehe, sei dies der Wegweiser zum Grab. Ich war überrascht: denn ich hatte sie für viel älter gehalten. Gut, daß sie nicht davon weiß.

„Nun,“ sagte sie gleich nach dieser Scene, „wie ich höre, sind Sie stark um Fräulein Mirbeth bemüht?“ – „Ich?“ fragte ich erschrocken zurück. Sie drohte schalkhaft mit dem Finger, wurde aber plötzlich sehr ernst und ergriff mich beim Handgelenk. (Ihre Hand ist unangenehm weich und klebrig.) „Ich muß Sie warnen,“ sagte sie, und ihre kleinen Augen funkelten lebhaft. „Ich muß Sie warnen vor dieser Schlange. Wenn Sie nicht in ein Gewebe von Lüge, Falschheit und Hinterlist fallen wollen –“ Sie schwieg bedeutsam. Ich schwieg auch, aber das war idiotisch von mir. Wie gewöhnlich fiel mir erst eine Stunde später ein, was ich hätte antworten sollen. Ich dankte kalt und ging.

Mein Gott, warum reden sie mir alle von Fräulein Mirbeth? Ich will nichts mit ihr zu thun haben. So wenig, als ich ihr bin, kann sie mir sein.

5. Dezember.

„Fräulein von Erdmann ist glühend verliebt in Sie,“ sagte das Fräulein Mirbeth diesen Nachmittag und blickte mich mit etwas unsicherer Fröhlichkeit an. Ich lachte. „Halten Sie mich nicht für stark genug, dieses Gefühl zu erwidern?“ fragte ich ernst. Sie nahm es für bare Münze. Helene kicherte. „Die läßt keinen ungeliebt von dannen ziehen,“ sagte sie pathetisch und fügte zöfchenhaft hinzu: „Passen Sie auf, nun werden Sie ins Theater geschleppt. Ins ‚Käthchen von Heilbronn‘ oder in die ‚alten Junggesellen‘.“

Der helle Winterschnee lag draußen, blendend rein und voll Leuchtkraft. Frau Bender ging nach dem Kaffee mit Helene in die Stadt, und ich war mit dem jungen Mädchen allein. Sie trug ihr schwarzes Kleid, das ganz eng am Leibe liegt und das ich meistens an ihr sehe. Zum ersten Mal waren wir allein. Auch auf dem Korridor war es ganz ruhig. Peinliche Minuten des Schweigens entstanden zu Anfang. Sie sah mich oft scheu von der Seite an, doch wenn meine Augen den ihren begegneten, wandte sie hastig den Blick ab.

„Wie kommt es, Fräulein,“ fragte ich, „daß Sie so leidend aussehn? Stets, solang ich Sie jetzt kenne, haben Sie so einen vergrämten Zug im Gesicht. Sie sind doch nicht unglücklich?“ (Dies „unglücklich“ war albern, dachte ich bei mir) – „Ich, ach nein. Jetzt zum Beispiel ist mir so wohl. Ich habe solche Stunden, wo ich die Zeit stillstehn lassen möchte, – wie jetzt.“

Sie lächelte. Ich weiß es mir nicht zu erklären, aber ihr Lächeln berührt mich namenlos wohlthätig. Wie ein lichter Schein verbreitet es sich von den vollen, weichen, schwellenden Lippen aus erhellend über das ganze Gesicht. Ich möchte ihr stets ein dankbares Wort, eine Schmeichelei sagen, wenn sie so lächelt. – „Aber ich täusche mich nicht,“ fuhr ich hartnäckig fort, „Sie leiden. Ich will Sie ja nicht danach fragen, – glauben Sie nicht, daß ich zudringlich sei – –“ Ich schwieg, denn ich sah sie zusammenschrecken. Sie erschien mir in diesem Augenblick ganz hülflos, ganz ein gebrechliches Wesen, und etwas Mitleidsuchendes lag in ihrem Gesicht. Ich dachte an die Äußerung des Doktor Brosam. „Verstellung! Verstellung!“ rief ich mir zu und sah trotzig zu Boden.

Sie stand vom Stuhl auf, setzte sich auf den Divan und bog den Oberkörper zurück. Sie thut das oft. Es ist, als wünsche sie, freier aufatmen zu können. Dann sagte sie mit einem selbstvergessnen Ausdruck in den Mienen: „Ach, wenn ich reich wäre, – wenn ich reich wäre!“ Ich nickte ihr eifrig zu wie einer, der einen Fremden den eignen Traum erzählen hört. „Ich habe ja keinen Mangel,“ fügte sie ein wenig hastig hinzu, „aber ich mag den Luxus riesig gern. Und die Bequemlichkeit, – kurz, ich möchte nichts missen von dem, was das Leben angenehm macht.“ – „Wenn ich eine Million hätte, ich würde mit Ihnen teilen,“ sagte ich leise. – „Wirklich? Das thäten Sie?“ – Sie schien beglückt zu sein, und ihr Gesicht strahlte vor Freude. Nein, hier ist keine Verstellung, dachte ich voll Zorn über meinen Argwohn. – „O, was würden wir dafür alles anfangen!“ sagte sie verträumt. „Das erste, was ich haben müßte, sind ein paar Jucker und die würde ich selbst kutschiren. Und dann – o so vieles, so vieles!“

Ich hörte staunend zu. Ihre Augen wurden immer glänzender, und während sie den Kopf auf die hintere Lehne des Divans legte, wandte sie den Blick nicht von mir ab. Es war schon dunkel geworden, und Dele kam von der Schule. Sie stürzte jubelnd auf Fräulein Mirbeth zu, die sie in die Arme schloß, heftig emporhob und ihr ein paar wilde Küsse auf die Lippen drückte. So heftig, so feurig war sie dabei, daß mir in einer gänzlich unbestimmten Bangnis der Hals wie zugeschnürt war.

Gleich darauf rauschte Fräulein von Erdmann herein. „Nun, die Herrschaften sind ja in einem höchst interessanten Tete-a-tete,“ flötete sie, und ihre Augen funkelten boshaft in der Dämmerung. Niemand von uns beiden antwortete.

13. Dezember.

Etwas Seltsames ist in mir vorgegangen. Ich kann es nicht verstehen und bin bestürzt, daß es mich weich macht, hoffnungsselig und traumsüchtig. Ja, das Gefühl der Bestürzung ist das Herrschende in mir. Wie kam es nur, wie war es möglich, frage ich mich beständig und es passirt mir, daß ich an allen Pflichten des Werktags wie geistesabwesend vorübergehe.

Ich hatte mit zwei befreundeten Medizinern einen Ausflug nach Tirol verabredet. Wir wollten fünf bis sechs Tage fortbleiben. Am Freitag nachmittag faßten wir den Plan, und abends schon, um neun, wollten wir mit dem Schnellzug nach Kufstein fahren, um dort zu übernachten. Die zwei Kameraden wollten mich um halb neun abholen.

Um sieben kam ich zum Abendessen in die Pension. Mit überlautem Triumph verkündete ich mein Vorhaben, und während die Benders neugierig nach Einzelheiten fragten, schwieg Fräulein Mirbeth, die am untern Ende des Tisches saß, still. Und als ich meiner Freude, die Berge nun im Winterschnee sehen zu können, Ausdruck gab, verfinsterte sich ihr Gesicht immer mehr. Sie sah mich gar nicht an. „Was haben Sie denn, Fräulein?“ fragte ich endlich, und eine dumpfe Besorgnis erwachte in mir.

Zuerst erwiderte sie nichts. Dann stand sie auf und setzte sich auf den Divan. Sie legte die Hände in den Schoß und starrte vor sich nieder. Niemals hatte ich einen so verzweifelten und fassungslosen Ausdruck in ihrem Gesicht beobachtet. Ich setzte mich neben sie. Frau Bender war in der Küche; nur Helene war noch im Zimmer. „Aber was haben Sie denn?“ fragte ich nochmals. – Sie sah mich schnell und mit einem vollen Blick an. „Nein, nein! Sie dürfen nicht fort, Herr Falk,“ sagte sie so flehend, daß meine Augen feucht wurden. Sie betonte das ‚dürfen‘, und ihre Stimme zitterte sonderbar. Sie war heiser.

Ich war weit davon entfernt, hinter dieser Bitte etwas zu suchen. Nur meine Eitelkeit war geschmeichelt. Ich bewies ihr, daß es unmöglich sei, jetzt zurückzutreten. „Ich werde Ihnen schreiben,“ sagte ich lächelnd und auf die Gefahr hin, abgewiesen zu werden. Aber sie sagte nichts.

Draußen läutete es, und ich rief: „Man kommt, mich abzuholen.“ Da stand Mely Mirbeth auf und verließ schnellen Schrittes das Zimmer. Noch immer vermutete ich nichts Ungewöhnliches. Ich sagte mir: nun, sie wird gleich wiederkommen.

Die beiden jungen Leute und ich standen mit Frau Bender im Vorplatz. Es wurde viel gesprochen, und ich machte einige Bemerkungen von zweifelhaftem Witz. „Wo ist denn Fräulein Mirbeth?“ fragte ich mehr als viermal. Aber sie kam nicht.

Jetzt ging dies Seltsame in mir vor.

Plötzlich stand vor meinen innern Augen ein Bild. Ich hatte niemals das Zimmer der jungen Dame betreten. Nun aber sah ich dieses Zimmer, und ich konnte mich später davon überzeugen, daß ich es wirklich gesehen hatte. Es war fast ganz finster drinnen. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf die Decke, und dieser Reflex verbreitete einen schwachen Lichtschein. Ich sah ein Sofa und einen großen runden Tisch. Ein roter Lampenschirm schimmerte schwach durch den Raum.

Auf dem Bett lag das junge Mädchen und hatte den Kopf in die Kissen vergraben.

Mehr war es nicht. Ich sagte mir: das thut sie deinetwegen. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schreck. „Kann es denn sein? kann es denn sein?“ flüsterte ich mehrmals vor mich hin, während wir in der Pferdebahn saßen. Ich erinnerte mich weder an unsern Abschied von Benders, noch an den Weg zur Tramway. Auch an die Eisenbahnfahrt erinnere ich mich nicht mehr. Meine einzige, furchtsame Überlegung war: Kann es denn sein?

15. Dezember.

Ich will noch lange an die Nacht denken, die ich in jenem Kufsteiner Hotel zubrachte. Müde zu sein und doch nicht schlafen können, weil ein bestimmtes Bild, dem man nicht entrinnen kann, die Seele in Aufruhr setzt, eine wilde Jagd von Träumen heraufbeschwört ...

Wie die Berge aussahen, weiß ich nicht. Wie die Landschaft aussah, wohin wir gingen, wovon die beiden Andern sprachen und was sie über mich dachten, ich weiß es nicht. Ich meinerseits muß viel einfältiges Zeug geredet haben, denn mir klingen noch grausame Spötteleien im Ohr. Am Morgen des zweiten Tages behauptete ich, mir sei nicht wohl, setzte mich in den nächsten Postzug und fuhr wieder heim.

Das Coupé war voll von Touristen und Jägern, die unausgesetzt lachten, sangen, tranken und Zoten erzählten. Bisweilen kam ich mir sehr lächerlich vor in der erhabenen Ruhe und Toleranz, die mich erfüllten. Aber mit meinen frivolen Gedanken wurde ich leicht fertig. Die weite, schneebedeckte Ebene, die sich allmählich auszubreiten begann, erfüllte mich mit jener Schwermut, der man sich fast mit einer Regung von Stolz hingiebt. ‚Träume nicht! träume nicht!‘ rief es fortwährend in mir, und es war, als sei mein bisheriges Ich im Begriff einzuschlummern und suche sich gegen die Erstarrung zu wehren durch ironische oder warnende Ausrufe. Aber das neue Ich ließ sich nicht stören. Es war ein Ich voll Freiheit und Frohheit und Leidenschaft des Hoffens; ganz unbekannt mit der zögernden Schüchternheit und trockenen Nüchternheit des alten Ich. Das läßt sich so gut überdenken bei dem schnellen, regelmäßigen und anheimelnden Dreivierteltakt-Rhythmus der Wagenräder. Allmählich rückte der Horizont immer näher, und Himmel und Ebene wurden immer kleiner, wie ein Gummiballon, der sich zusammenzieht und erschlafft. Es dämmerte. Eine trübselige, öde Landschaft! dachte das alte Ich. Es liegt eine geheimnisvolle Düsterkeit über diesem großen Schneeland, dachte der neue Vidl Falk.

Ich lachte leise vor mich hin, ob dieser komischen Zwiespältigkeit meines Wesens.

VIII.

Auf dem Balkon, der gegen die Gärten hinauslag, saß Mely und ließ Seifenblasen steigen. Dele saß zu ihren Füßen und blies aus einem Strohhalm emsig mit. Die Sonne schien, und es war gar nicht kalt. Wie ein flaumiges Polster lag der frischgefallene Schnee auf der Einfassung des Balkons.

Mely brachte wunderschöne Seifenblasen fertig, während die Kleine nur farblose, winzige Kugeln aus ihrem Röhrchen in die Luft hauchte. „Du kannst ja nix,“ spottete Mely und sah entzückt einer majestätisch emporschwebenden Blase nach, die erst am Dachfirst zerstäubte.

In diesem Augenblick kam Vidl Falk. Mely sprang auf, wie über einer bösen That ertappt. Falk bemerkte ihre Verlegenheit und war so grausam, sie zu vermehren. „Sie sind ein Kind,“ sagte er mit etwas gekünstelter Wehmut, als sehne er sich, selbst noch so ein Kind sein zu können.

Mely schaute ihn nicht an. Ihre rechte Hand lag auf Deles Kopf und mit den Fingern spielte sie unaufhörlich im Haar des Kindes. „Wann sind Sie zurückgekommen?“ fragte sie schüchtern.

Falk blickte sie an, als hätte er die Frage nicht verstanden. Enttäuschung war in seinen Mienen, wie wenn ihn während seiner Abwesenheit ein überaus schönes Bild aufgeregt und die Wirklichkeit nun alles zerstört hätte. Heuchelt sie denn? fragte er sich. Ist diese Befangenheit erheuchelt? Die Weiber sollen im Allgemeinen sehr schlau sein. Er sah sie zerstreut an und sagte schroff: „Wie kann man nur in der Kälte da sitzen! Das begreif ich nicht.“

Sie war verletzt, ohne sich über den Grund klar zu sein. Jetzt spielen wir Versteckenspiel, dachte sie sich und nahm das Kind bei der Hand. „Komm Dele, komm!“ rief sie laut und verließ rasch den Balkon.

Falk setzte sich auf den Stuhl, den sie verlassen hatte. Er stützte den Ellbogen auf die verschneite Brüstung und sah mißmutig in die blendende Schneelandschaft hinein. Bald schallte lauter Lärm vom Garten herauf. Verwundert und beunruhigt sah Falk, wie Mely mit heißem Bemühn die Schneeballwürfe einiger wilder Buben erwiderte, die sich ein Vergnügen daraus machten, das große Fräulein ihre Überlegenheit fühlen zu lassen. Gott mag wissen, was ihn dazu trieb, gleichfalls in den Garten zu gehen. Aber als er unten war, sah er Mely nicht mehr. Die Kinder, erhitzt und erregt von der Balgerei, vermochten ihm keine Auskunft zu geben, und er ging weiter auf dem nachgiebigen Schnee, ohne Ziel und Vorsatz.

Als er am kleinen Holzpavillon vorbeiging, sah er durch die Thürspalte Mely. Er ging hinein und setzte sich neben sie. „Nun Fräulein –“ begann er spöttisch. Ihm war, als müsse er den Spott als Waffe gegen sie benutzen. Immer noch herrschte das Gefühl der Enttäuschung in ihm.

Sie war erhitzt vom Spiel, doch seit sie saß, fror sie zugleich. Verstört sah sie aus, von einem stummen Gram war sie erfüllt. Es war, als ob mit der Winterkälte die ganze Kälte ihres Daseins auf sie eindränge. Beide waren ganz allein hier. Der Pavillon, der die Gestalt einer Vase hatte – wie eine Vase war er in der Mitte ausgebaucht und verjüngte sich nach oben – war ein geschlossener Raum. Durch die Lücken der Fensterläden fielen die schrägen Strahlen der Dezembersonne. Wie aus weiter Ferne klang das Geschrei der spielenden Kinder.

„Sagen Sie mir, was soll das?“ flüsterte Falk. „Sie wollen sich betäuben, das ist mir klar. Dies Herumtollen mit den Kindern, das ist nicht Ihr Ernst, das ist nur Trotz, das ist Verbitterung. Hab’ ich recht?“

Sie beugte den Kopf tiefer herab. „Denken Sie sich, was dieser Pole gewagt hat,“ brach sie aus. „Gestern traf er mich auf der Straße und ging mit mir. Und er klagt mir, daß ihn seine Geliebte verlassen habe. Als ob mich das was anginge. Sogar geheult hat er dabei. Und so dumm bin ich, – ich tröstete ihn sogar. Da wurde er plötzlich ganz zudringlich, und schließlich bat er mich, ich möchte ihn in seinem Atelier besuchen. Ich war ganz starr ... Ja und weiter, heute Mittag war er zum Essen da und bevor er ging, schob er mir mit frechem Grinsen seine Visitenkarte hin. Was soll ich thun! Ich bin ganz außer mir. Mich darf jeder beleidigen. Wer nur will, darf mich verleumden, – ich weiß gar nicht, was ich anfangen soll.“

Selten sprach sie so schnell, wie jetzt. Ohne Falks Antwort abzuwarten, stand sie auf und sagte: „Mich friert. Ich will hinauf. Ich bin ja dumm. Ich darf das nicht thun – da sitzen bleiben.“

Falk packte sie am Handgelenk und zog sie auf die Bank zurück. „Eine Minute noch. Mit diesem Kerl will ich schon fertig werden –“

Sie fiel ihm ins Wort. „Um Gottes willen nein! Fangen Sie nichts an. Um meinetwillen dürfen Sie das nicht thun. O wenn Sie wüßten!“ Ihre drückende Lage machte sie elend; so fühlte sie sich mehr als je abhängig vom Oberst, trotzdem sie wünschte, daß mit ihm alles zu Ende sei.

Ein leiser, haltloser Argwohn erwachte durch ihre Angst in Falk. Dieser Argwohn war es, der von nun ab neben ihm einherging wie sein Schatten. „Ist es denn wahr,“ begann er nach langem Schweigen, „was die dicke Erdmann, – ach die dunklen Andeutungen, die immer soviel sagen sollen und nichts sagen. Doktor Brosam sagte – –“ Er brach ab, denn er bedachte, daß auch dieser nichts bestimmtes ausgesprochen hatte. Mely wandte sich ihm mit einem Ruck zu. „Was hat er gesagt? Ich bitte Sie, – was?“

„Ach –!“

„Nicht ausweichen! Seien Sie aufrichtig, sagen Sie mir alles!“

„Das kann ich nicht,“ entgegnete Falk kopfschüttelnd. Wieder war es der Argwohn, der ihm dies entlockte. Und er bereute, als er die Wirkung seiner Worte sah.

„Ich weiß schon,“ erwiderte Mely tonlos, erhob sich und ging. Ihr Gesicht war totenbleich geworden. Falk folgte ihr nicht. Erst nach geraumer Zeit stand er auf. Im Wohnzimmer oben saß Mely am Fenster. Sie war allein. Den Ellbogen hatte sie auf das Brett der Nähmaschine gestützt, und Falk konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war durch die Hand verdeckt. Wiederum durchzuckte es ihn: Heuchelt sie denn bloß?

Lange Minuten stand er dicht vor ihr, ohne Worte zu finden. Wie ein kleines Mädchen war er errötet, und sein Herz schlug vor Angst und Erwartung. Mely empfand nichts von dem Schmerz, den ihr Gebahren vermuten ließ. Es war alles dunkel vor ihr, und nur die eine Frage überlegte sie fortwährend: was wird er jetzt thun? Aber dennoch, dieser Ausdruck des Kummers war nicht Verstellung. Es war die tiefe Trauer über ihre Hülflosigkeit und vor allem die Angst, daß das Große, Herrliche, von dem sie in all den letzten Tagen geträumt, nicht in Erfüllung gehen möchte.

Da fühlte sie die warme feuchte Hand Falks an ihrem Handgelenk. Er versuchte den Arm herunterzubiegen, die Hand vom Gesicht zu ziehen, damit er ihr Gesicht sehen könne, aber sie widerstand. Heiße Worte wollte er ihr sagen, doch er vermochte sie nicht über die Lippen zu bringen. „Lassen Sie mich,“ flüsterte das junge Mädchen leidenschaftlich, „ich will nicht.“

„Welch ein Narr bin ich,“ stammelte Falk. „Warum mußte ich Ihnen das sagen. Wie dumm, wie gemein war das! O wie gemein von mir. Wie können Sie mir verzeihen. Sie glauben vielleicht, daß ich Ihnen wehthun wollte, und das ist doch gar nicht wahr. Antworten Sie mir: sind Sie mir gram? Sind Sie bös?“

Zehnmal wiederholte er die Frage und versuchte, ihr von unten ins Gesicht zu blicken, aber sie erwiderte kein Wort. Weint sie denn? dachte Falk, und sein Schrecken, seine Erregung nahmen zu. Wie ein Feuer brannte es in seinem Herzen. Ihr Schweigen machte ihn ungeduldig und verzagt. Schließlich ließ er ihren Arm los, weil er fürchtete, dies könne sie verletzen. Er schalt sich roh, obwohl er doch nichts gesagt hatte, als dieses: Ich kann nicht. Klein und knabenhaft erschien er sich neben ihr.

Endlich erhob sie den Kopf. „Glauben Sie denn das?“ fragte sie mit feuchtschimmernden Augen. Das Flehende ihrer Stimme machte ihn weich. Er verstand, was sie meinte. Und die Vorstellung, daß dies Unausgesprochene möglich sein könnte, erschien ihm als ein so grenzenloses Unglück, daß ihm der bloße Gedanke phantastisch und verbrecherisch vorkam. Noch vor einer Woche, noch vor drei Tagen hätte ihn das ganz kühl gelassen und jetzt erschien er sich wie ein Lump, daß er nur daran zu rühren gewagt hatte. Aber trotzdem, in der Tiefe seiner Seele rief immer noch der Zweifel. Er empfand ihn stets, etwa wie man ein vergessenes Vorhaben empfindet, mit einem beständig nagenden Gefühl.

„Ach, ich ärgere mich,“ sagte Mely plötzlich und lächelte scheu.

„Worüber? Worüber ärgern Sie sich?“ Sie schwieg. Er fragte wieder und wurde dringender. Verlegen wehrte sie ab und flüsterte: „Nicht jetzt; heute Abend sollen Sie es wissen. Aber werden Sie auch bald kommen?“

„Woher wissen Sie, daß ich ausgehe?“

Sie errötete. „Frau Bender sagte, Sie hätten eine Einladung.“

„Ich komme bald,“ erwiderte er, beglückt vor sich hinsehend.

Sie schien jetzt heiter zu sein. Träumerisch blickte sie die Straße hinab. Schnee, nichts als Schnee. Auch der Himmel war schneefarben und hing niedrig. Von den Dächern der Häuser schien man ihn mit der Hand berühren zu können. Es begann zu dämmern. Falk setzte sich ans Klavier und spielte. Er war kein Meister auf dem Instrument, aber heute lag eine ganz fremde Glut in seinem Spiel. Wie klagend, wie prachtvoll waren die Moll-Akkorde, mit denen er eine alte Melodie einleitete.

Die Sonne ging unter. Der Spiegel, der dem Fenster gegenüber lag, war rot, eine Mischung von Tinte und Purpur; er glich einem großen Blutfleck bei der zunehmenden Dämmerung.

Falk brach plötzlich sein Spiel ab, stand auf, lachte nervös und ging trällernd um den Tisch herum. Besorgt und befremdet sah ihm Mely zu.

„Das mit der Million ist eigentlich hübsch,“ sagte er. „Ein hübscher Traum. Und wissen Sie, was ich mir ausgedacht habe? Aber Sie dürfen nicht lachen. Wir würden uns ein Schloß im Schwarzwald bauen, ganz für uns allein und einen Park dazu und Tannen. Und Pferde und Hunde und Himmel was weiß ich. O, es würde wundervoll. Und an das Parkthor würden wir ein Schild nageln: Besuche verbeten. Wollen Sie?“

Mely lächelte etwas unsicher. Ihr war, als mache er sich lustig über sie. Aber ihre Augen glänzten. Nichts ist herrlicher als das, wollte dieser Glanz sagen. Der Blick, mit dem sie den jungen Schwärmer ansah, war voll von einer treuherzigen Bewunderung.

Aber bald schüttelte sie betrübt den Kopf. „Ach, wozu kann es führen,“ sagte sie traurig. „Es ist keine Hoffnung, gar keine.“

Frau Bender kam und hinter ihr Helene, die noch spöttischer als sonst dreinsah. Die Hausfrau machte Licht. „Sehn Sie mal her,“ sagte sie, eine Faunbüste, die sie mit hereingeschleppt hatte, der Lampe zuwendend, „ist das nicht schön?“

„Das hat mein Vater gemacht,“ erklärte Helene, vor Stolz errötend. Sie betete ihren Vater an.

Und nun bewunderte man den Faun, der wohl viel urwüchsiges Können, aber wenig Künstlerschaft verriet. Es war zu viel Detail in dieser läppisch grinsenden Fratze. –

Als Falk am Abend ausging und die Korridorthüre schließen wollte, kam ein junges Mädchen die Treppe herauf. „Bitte, ist meine Schwester zu Hause?“ fragte sie kokett.

„Wer ist das, Ihre Schwester –?“

„Mein Name ist Mirbeth,“ erwiderte die Dame spitz, als ob sie beleidigt sei, daß man sie nicht kenne.

Falk machte ein verblüfftes Gesicht. Er öffnete, ließ jene eintreten, und das ironische Schmunzeln des Fräuleins nicht beachtend, ging er die Treppe hinab. Der Gedanke, daß Mely gelogen haben könne, erschien ihm unwahrscheinlich. Warum sollte sie leugnen, eine Schwester zu haben? Allerdings, diese Schwester schien ein lockerer Zeisig zu sein.... Er dachte nicht viel darüber nach; aber seine feierliche Stimmung war zerstört. –

So gänzlich allen Sorgen entfremdet war Mely, daß den ganzen Abend hindurch ein Lächeln, das gleichsam erwartungsvoll war, nicht von ihren Lippen wich. Sie redete nicht viel, – es war nicht ihre Art, viel zu reden – aber sie befand sich wie in einer Welt der Märchen. Fern, fern von aller Kleinkrämerei, von allen Brotsorgen. Ohnehin war es ihr sehr schwer geworden, zu glauben, daß einmal der Tag kommen könnte, wo sie nicht genug zu essen haben würde. Abenteuerlich und romanhaft erschien ihr ein solcher Gedanke. Sie wußte, daß es Arme in dieser großen Stadt gab, daß es Leute gab, an deren Thür der Hunger stand. Aber was waren das für Leute! Was ging das sie an? Ameisen waren das für sie, vor denen sie wohl eine gewisse Angst hatte, wie sie auch Angst vor Not und Mangel empfand. Aber im Grund fühlte sie sich erhaben über die quälenden Kämpfe ums Brot. Heute erschien ihr auch das alles unwichtig und kleinlich. Eine ganz neue Kraft war in ihrem Blick, wie wenn in ihrer Seele eine Leier berührt worden wäre, deren Saiten bis jetzt noch nicht erklungen waren. Ihr Gang war lässig, wie willenlos, und sie schien gleichsam gedrückt von einer Fülle innerer Heiterkeit. Sie spähte nicht hinaus in die Zukunft. Dicht vor ihr und dicht hinter ihr war alles dunkel; sie fand sich abgeschnitten von dem breiten Strom des Lebens. Nur in ihrem Innern war strahlendes Licht. Als Falk gegangen war, und dann auch ihre Schwester sich verabschiedet hatte, stand sie lange unter der Küchenthüre und unterhielt sich mit Frau Bender über verschiedene Kochrezepte. Aber was sie dabei sagte, geschah nur mechanisch, ihr nach innen gewendeter Blick war wie geblendet von der Leuchtkraft eines beglückenden Bildes.

Zum Abendtisch erschienen das Fräulein von Erdmann und die neue Pensionärin: Fräulein von Mahnke. Als Jene das Zimmer betrat, hielt sie sich erschreckt die Nase zu und lief stöhnend zum Fenster, um es aufzureißen. Fräulein von Mahnke rückte ihre Perrücke zurecht, machte eine jugendliche Geberde des Schmollens und lispelte: „Ach Gott, schließen Sie doch das Fenster, liebstes Fräulein. Wir leben ja nicht am Äquator.“

Emilie von Erdmann nahm eine dramatische Pose an und sagte nicht ohne Strenge: „Die Jugend lebt eben stets am Äquator. Man muß es nur verstehen, jung zu sein.“ Plötzlich aber breitete sie die Arme gegen die Winternacht aus und seufzte tief. „Die Sterne, die Sterne, o Gott! Man begehrt sie doch! Das homerische Amphimelas erfüllt sich ganz an mir!“

„Sie sind sehr gelehrt,“ bemerkte die Mahnke tiefsinnig.

Fräulein von Erdmann knixte. „Les beaux esprits se recontrent, Verehrteste.“ Sie schloß das Fenster wieder, setzte sich an den Tisch und ganz nach Katzenart faßte sie Melys Hand und blickte sie innig an. „Wo ist der schwarze Zigeuner?“ fragte sie süß. „Der dunkeläugige Don Juan –?“ Mely stand schnell auf und verließ unter irgend einem Vorwand das Zimmer für kurze Zeit. Ach, sie wissen es alle, dachte sie beim Hinausgehen. Aber es ist mir gleichgültig. Mögen sie es wissen. Jetzt dürfen sie mich doch nimmer beleidigen.

Das Gefühl ihrer Wehrlosigkeit war verschwunden.

Schon um neun Uhr kam Falk. Fräulein von Erdmann nahm ihn ganz in Beschlag. Sie überfiel ihn mit Komplimenten, die ihn anregen sollten, ihr mit gleicher Münze zu bezahlen. Aber er war verstockt, ihre koketten Künste sah sie wirkungslos an ihm abprallen. Sie erzählte ihm die „Tragödie ihres Lebens,“ und die Tragik dabei glich freilich sehr den Kriminalromanen mit komplizirter Handlung, die bei uns im Schwange sind. Ihr Leben sei ein ewiger Herbst gewesen, ein ewiger November. Ein unerbittliches Fatum habe sie verfolgt seit den Tagen der Jugend. Nur ihr unbeugsamer Stolz habe sie über die Wogen getragen. „Hunderte von Männern haben sich liebestammelnd auf dem Erdboden vor mir gewunden, aber ich habe verzichtet – hahaha! – und habe doch noch die Fähigkeit zu lieben bewahrt und kann es darin mit Jeder aufnehmen!“ Hier bekam Mely einen finsteren Blick. Die Damen erröteten wie auf Kommando, und Falk machte ein betrübtes Gesicht. Als sich um zehn Uhr die beiden alten Fräulein empfahlen, fühlte er sich wie zerschlagen.

Frau Bender legte sich ihrer Gewohnheit gemäß auf den Divan, um zu schlafen. Es wurde plötzlich sehr still. Helene nahm ein Skizzenbuch zur Hand und entwarf eine Phantasielandschaft, und Mely und Falk spielten Halma. Sie saßen sich an der Tischecke einander gegenüber. Das Spiel machte geringe Fortschritte, denn sie führten eine seltsame Unterredung, eine wortlose. Oft begegneten sich ihre Hände beim Führen der Steine und dann lächelten sie wie Kinder, beide auf einmal. Die Ruhe, die nun plötzlich eingetreten war, hatte etwas Erlösendes. Die Winternächte sind ja viel stiller, als die des Sommers. Sie haben in viel höherem Grad den Reiz träumerischen Behagens.

„Wissen Sie nicht mehr, was Sie mir versprochen haben?“ fragte Falk.

Mely nickte errötend. „Später – später,“ stammelte sie, glücklich, daß er sich noch daran erinnerte. Gar nicht mehr an das Spiel denkend, lehnte sie sich zurück und blickte gespannt ins Lampenlicht.

„Ich habe Ihnen etwas mitgebracht,“ sagte Falk geheimnisvoll, mit leuchtenden Augen. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche. „Ich habe Verse gemacht. Halten Sie das für möglich? Vorhin, wie ich so durch den Schnee gewatet bin da draußen an der Theresienwiese, da ist mir das eingefallen, blitzschnell. Und um es nicht zu vergessen, hab’ ich mich unter einen Laternenpfahl gestellt und habs mit dem Bleistift hingekritzelt.“

Noch lange bewahrte Falk dieses Bild in seinem Gedächtnis: das junge Mädchen in dem hyazinthenfarbenen Schlafrock, mit dem bleichen Gesicht, wie sie, dicht neben ihm, sich mit einem Blick des Entzückens über das Blatt beugt. Falk rückte noch näher heran und sie lasen zusammen.

Dir will ich geben mein erstes Lied,
Dir will ich mein Sterbelied weihn.
Und es soll ein Werbelied sein
Für Alle, die es zur Sonne zieht.
Ach wie ein ewig schmerzender Zahn
Mich bitter des Lebens Not verdrießt.
Doch bis meine Lippen der Tod verschließt, –
So lange bin ich dir unterthan.

Sie lasen es wieder, immer wieder. Mely konnte sich gar nicht satt daran lesen. All das Glück ihrer Träume war im Nu auf sie gestürzt und drohte sie zu ersticken. Ihre Hand packte krampfhaft das Polster des Sessels und da fühlte sie auf einmal die Hand Falks auf der ihren: Langsam streckte sie die Finger und schloß die Augen. Sie blieb äußerlich ruhig und regungslos; doch ihr war, als drücke sie seine Hand weit hinab, wo ein wunderliches, unirdisches Rauschen um sie her entstand, – in einen Strom hinab. Noch klang ihr die Melodie im Ohr, die er am Klavier gespielt, als es gedämmert hatte und eine schmerzliche Begehrlichkeit erwachte in ihr, diese Melodie noch einmal zu hören. Das Herz war ihr so schwer wie ein Stück Blei. Wie ist es möglich? dachte sie sich. Wie kam das so schnell, so unerwartet? O, es wird mich unglücklich machen, es ist ein Unglück, ein großes. Länger als eine Viertelstunde saßen sie mit aufeinandergepreßten Händen. Oft zuckten sie zusammen, wie unter schwachen, elektrischen Schlägen. –

„Wollen wir noch Thee kochen?“ fragte Helene, von ihrer Arbeit aufsehend. Ihr Gesicht glühte in Begeisterung für diese Phantasielandschaft, – eine echte Dilettantin.

„Ja, Helene!“ rief Mely freudig. „Lassen Sie mich nur alles holen!“

„Und ich will Ihnen leuchten,“ sagte Falk. Helene lachte ihn verstohlen an.

Im Korridor schrie Mely laut auf. Falk eilte mit dem Licht nach und Helene steckte den Kopf in die Thürspalte. Zitternd stand das junge Mädchen da und sah der Katze nach, die sie erschreckt hatte. Falk lächelte heldenmütig. „Ach, Sie fürchten sich vor Katzen?“ fragte er, während die kleine Bender ihr Köpfchen kichernd zurückzog.

„Nein; fürchten nicht. Aber sie ist vom Schrank gesprungen und hat meine Hand gestreift. Und wenn ich eine Katze berühre, das macht mich ganz krank.“

„Da werden Sie nie einen Mann bekommen.“

„Das mag wohl sein,“ gab Mely nachdenklich zurück. Und sie sah ihn wieder mit diesem fremden und zugleich vertrauensvollen, hingebenden Blick an. Es lag dabei wie ein Geheimnis in ihren Augen, den verschleierten.

Sie kniete am Küchenschrank nieder, um die Tassen herauszunehmen. Sie that es langsam, in großen Pausen. Von der Kammer nebenan hörten sie das schlafende Dienstmädchen schnarchen.

„Aber jetzt müssen Sie es sagen. Worüber haben Sie sich geärgert?“ Falk beugte sich ganz zu ihr nieder.

„Es ist dumm, es ist wirklich dumm,“ erwiderte Mely. „Nein, nein,“ beharrte sie bei seinem Drängen, „es ist zu dumm.“ Er hörte auf, sie zu bestürmen und darüber war sie unzufrieden, so daß sie es jetzt aus freien Stücken bekannte. Sie senkte den Kopf noch tiefer und flüsterte: „Ich habe mich geärgert, weil Sie mich weinen gesehen haben.“

Er sagte nichts darauf, aber für einige Sekunden schloß er die Augen. Seltsam, selbst mit geschlossenen Augen sah er sie vor sich knieen. Es drängte ihn, ihren Hals zu umfassen, um sie zu küssen, aber nur auf das Haar. Warum kniet sie so lange? grübelte er. O, sie ist ein Rätsel für mich.

Noch über eine Stunde blieben sie im Zimmer bei einander sitzen und Falk erzählte den beiden Mädchen lächelnd die Geschichte vom großen Klaus und vom kleinen Klaus. Es war schon Mitternacht, als sie zu Bett gingen. Helene war so schläfrig geworden, daß sie die beiden nicht einmal hinausbegleitete.

Vor Melys Schlafzimmerthüre blieben sie stehen. Ohne zu sprechen blickten sie sich fassungslos an. Dann ergriff Falk Melys Hand und zog sie an seine Lippen. Sie wehrte sich ungestüm. „Nicht – bitte, bitte, – nicht das!“ –

Es war ein aufrichtiger Laut des Jammers. Er aber küßte die Hand.

IX.

Es war wenige Tage nach Weihnachten. Das Geläute der Sonntagsglocken erweckte Fräulein von Erdmann aus ihrem Morgenschlummer. „O Gott,“ murmelte sie zerstört, „diese katholischen Städte sind fürchterlich!“ Und sie stieß die Arme in die Höhe und schüttelte die Fäuste.

Das Mädchen brachte den Kaffee. Auf dem Servirbrett lag ein Couvert. Das Fräulein öffnete es: Frau Bender bat dringend um die Bezahlung der rückständigen zweihundertfünfzig Mark, oder wenigstens eines Teils. „Wisch!“ machte die übelgelaunte Dame, zerknitterte das Papier und warf es von sich.

Bald erschien Fräulein von Mahnke, um ihre Morgenvisite abzustatten. Vorsichtig zwischen den herumliegenden, schmutzigen Wäschestücken, Zigarrenschachteln, Unterröcken und Briefschaften hindurchschreitend, gelangte die greise Dame zum Bett des Fräuleins.

„Nun, Sie haben sich recht hübsch da eingenistet,“ bemerkte sie anerkennend. Bei sich jedoch dachte sie: Welch ein Stall! Und die Bewohnerin ist die reinste Vogelscheuche. Die starrenden Haare, dies dicke Gesicht – puh. Ein Schwamm, eine Fettblase.

„Wie mich das freut, daß Sie gekommen sind,“ versicherte Fräulein von Erdmann. „Und wie reizend Ihnen das Kleidchen steht – berauschend – parole d’honneur.“ Sie dachte jedoch: was thut denn die alte Schachtel jetzt schon da? Dies Kleid ist für einen Backfisch. Kurze Ärmel, – lächerlich! Dabei braucht sie einen Stock, um gerade gehn zu können. Puh, ihr ganzes Gesicht ist eine Malerei. Diese alten Jungfern sind schrecklich.

„Sie bewundern meine schönen Arme?“ fragte sie, als sie den Blick des Fräuleins von Mahnke auf ihren entblößten Armen ruhen sah. „Ja, das kann ich Ihnen nicht verdenken,“ fügte sie seufzend hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten und sah mit heimlicher Ironie auf die dünnen Ärmchen des alten Fräuleins.

Das sollen Arme sein? dachte die Mahnke. Würste sind es, dicke, plumpe Würste. „O der Begriff: schön ist doch sehr individuell, man kann schon sagen willkürlich,“ sagte sie mit einer seltsamen Mischung von Demut und Haß.

Fräulein von Erdmann streichelte liebevoll ihren Arm. „Vergessen Sie nicht, meine Teure,“ erwiderte sie, überlegen lächelnd, „daß der berühmte Bildhauer – na! sein Name ist mir jetzt entfallen – vor meinen Füßen gelegen hat und mich bat, ihm meinen Arm für eine Venusbüste modelliren zu lassen. Ich schlug es aber aus. Warum den profanen Augen der Menge preisgeben, was solange unentweiht in stolzer Heimlichkeit keinem menschlichen Auge zu sehen vergönnt war? Das war zu jener Zeit, wo Fürst Lubanoff, – ein Kavalier ersten Ranges – mir seine Hand anbot und Graf Lajos Waldenburg mit dem Marquis Etienne de Grève jenes berühmte Duell hatte. Und wissen Sie warum? Es ist lächerlich, es zu erzählen. Ich hatte im Theater meinen Handschuh aus der Loge ins Parterre fallen lassen und dem Marquis, der ihn mir brachte, eine Blume ins Knopfloch gesteckt. Komisch wie?“ Mit teuflischem Lächeln musterte sie die gebrechliche Gestalt des Fräuleins von Mahnke. Dann aber begann sie plötzlich zu wimmern. „Ach, das ist vorbei! Was ist aus mir geworden! Ich kann keine Nacht mehr schlafen. Heute Nacht, – sehen Sie die verbrannten Papiere in der Waschschüssel? – heute Nacht wollte ich meinem Leben ein Ende machen. Sie erschrecken?“ Mit einem Satz sprang Fräulein von Erdmann aus dem Bett und wanderte unbeschuhten Fußes aufgeregt umher. „Erschrecken Sie nur. Aber ich habe dies Leben gründlich satt! Dreimal verflucht sei dies unerbittliche Schicksal, das mich verfolgt, dieser Vampyr, – o Gott!“ Und sie stampfte auf den Boden, daß die Fenster klirrten und die Tassen auf dem Servirbrett tanzten. Fräulein von Mahnke machte sich immer kleiner, sie schrumpfte förmlich zusammen. „Liebstes, bestes Fräulein!“ fuhr die dicke Dame fort, „ich habe Romane hinter mir, – die Phantasie eines Dante ist kindisch dagegen. Immer bin ich nur einem nichtigen Phantom nachgerannt und das Glück habe ich von mir gestoßen, bis es – futsch! – nie mehr kam. Amphimelas! Amphimelas! Das ist der Hohn des Lebens!“

„Um Gotteswillen, mäßigen Sie sich doch, Teure!“ beschwichtigte die Mahnke beinahe heulend. „Bedenken Sie doch Ihre Nerven!“

„Und nicht schlafen können, nicht essen können, – wenn man so jung ist, so lebenskräftig, so liebeskräftig, – o es ist grausam! Und dann noch die Sorge ums Allernötigste, der Kampf mit dem Drachen Not, – es ist himmelschreiend. Ich habe ja nichts mehr“ – plötzlich wurde ihre Stimme ganz sanft und schmelzend – „nichts woran ich mich aufrichten kann, außer einem. Wissen Sie, daß ich ihn liebe, daß ich ihn anbete, vergöttere, – den jungen melancholischen Zigeuner, Vidl Falk –? Ich liebe ihn wahnsinnig!“ Und sie schleuderte einen Strumpf, der auf dem Tisch lag, durchs Zimmer, daß er am Spiegelrahmen hängen blieb. „Aber wissen Sie auch, daß dieses Haus eine Schlange beherbergt, ein niedriges und verworfenes Geschöpf, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen jungen, herrlichen Menschen in ihre Netze zu locken? Wir, bestes Fräulein, wir, die wir Vertreterinnen der Intelligenz, der Bildung und Moral hier sind, wir müssen dafür sorgen, daß dem Treiben dieser Dame Einhalt gethan werde. Meinen Sie nicht? Sie stimmen mir doch bei?“

Die gepuderten Wangen des älteren Fräuleins färbten sich mit dem Rot sittlicher Entrüstung.

„Denken Sie,“ fuhr Emilie von Erdmann fort, „neulich kam diese nette Dame zu mir herein. Weinend fällt sie auf die Ottomane und als ich sie frage, was denn los sei, antwortet sie schluchzend, der Herr Oberst, – ich bitte Sie, der „Herr“ Oberst – sei ihrer überdrüssig geworden und darüber sei sie ganz verzweifelt. Stellen Sie sich meine Indignation vor. Natürlich, jetzt geht sie einer höchst unsicheren Zukunft entgegen und da heißt es: einen Mann angeln. Was sagen Sie dazu? Frau Bender kann Ihnen übrigens die ganze Komödie ausführlich berichten.“

Erregt und empört verließ Fräulein von Mahnke das Zimmer der noch immer im Hemd promenirenden, verliebten Dame. Das erste, was sie unternahm, war: bei Frau Bender die Wohnung zu kündigen. „Es ist mir unmöglich, mit Personen obskuren Charakters in einem Hause zu logiren, liebe Frau Bender,“ sagte sie bekümmert. Dann flüchtete sie in ihr Gemach und griff mit tendenziöser Hast nach dem Riechfläschchen.

Eintönig verlief das Mittagsmahl. Selbst Fräulein von Erdmann sprach wenig. Der Pole war der Einzige, der redete, obwohl ihm niemand zuhörte. Um zwei Uhr waren Mely und Falk allein. Helene war ausgegangen. Frau Bender schlief; sie schlief wohl vierzehn Stunden im Tag.

Sie sprachen nichts, beide. Wieder entstand jene wortlose Konversation, die nur in Blicken besteht. Es ist ein stilles Hinüber- und Herüberträumen, so wie die Welle von Ufer zu Ufer schaukelt.

„Was für eine schöne Hand haben Sie,“ sagte endlich Falk. Er stand auf wie unter einem glücklichen Gedanken und nahm eine Feder vom Schreibtisch. Dann ergriff er lächelnd ihre Hand und sie ließ es willenlos geschehn. Er schrieb auf die zarte Haut des Handrückens in kleinen, feinen Buchstaben: „Hier ruhten zwei Wandrer aus nach hartem Kampfe.“

Verständnislos und ängstlich sah ihn Mely an. „Wissen Sie nicht, was ich meine?“ neckte Falk. Da begriff sie. Aber sie zeigte nicht, daß sie es verstehe, sondern that, als könne sie es immer noch nicht fassen. Da nahm er noch einmal ihre Hand und drückte die Lippen auf die Stelle, die er beschrieben hatte. Mely sträubte sich nimmer. Sie seufzte tief auf und grub die Zähne in die Unterlippe, starr auf das weiße Tischtuch blickend. Ihr Gesicht erschien noch blasser durch den Reflex des Schnees auf den Dächern.

„Ich muß fort,“ sagte Falk nach langem Schweigen. „Ich darf es nicht aufschieben; es handelt sich um einen wichtigen Gang.“

„Aber wann kommen Sie wieder?“ fragte Mely beunruhigt.

„Vor neun, halb zehn kaum.“

Sie entgegnete nichts. Sie senkte den Kopf so tief, daß Falk von ihrem Gesicht nichts mehr sehen konnte. In ihrer Hand ließ sie eine der kleinen Thonkugeln, mit welchen die Kinder spielen, unausgesetzt hin- und herlaufen. Bisweilen bebte sie wie vor Frost.

„Was haben Sie denn, Mely?“ fragte Falk und nahm ihre Hände zwischen die seinen. Die kleine Kugel rollte zu Boden.

Mit einer schmerzlichen und gänzlich verzweifelten Geste erwiderte Mely: „Ach! – weil Sie jetzt schon wieder fortgehn!“ Ungestüm erhob sie sich, ging zum Fenster und legte dort die Hand vor die Augen. Sie nahm ihr Taschentuch und zerknüllte es. Ihr Herz war voll zum Zerbrechen. Wie einen Strom bittern Leids fühlte sie es in der Brust und dies gab sich als körperlicher Schmerz kund. Sie bereute, was sie gesagt und sie fürchtete Falks Erwiderung. Zugleich aber wartete sie angstvoll darauf. Er trat zu ihr und legte schüchtern seinen Arm um ihre Taille. „Sei vernünftig,“ sagte er sanft und rasch. „Nicht zürnen, bitte! – nicht böse sein,“ (offenbar wollte er das du nicht wiederholen). „Ich muß ja wirklich fort.“

„Nein – nein!“ erwiderte Mely mit dem Ausdruck eines Kindes, das gezüchtigt zu werden fürchtet. Der Kummer, den sie empfand, machte Falk ratlos. „Dann will ich bis sechs wieder da sein,“ sagte er nachgiebig.

Mely entzog sich ihm hastig und setzte sich auf den Divan, wo sie das Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Ihr war, als hinge all das junge Glück davon ab, daß er bliebe. Und doch fühlte sie auch, wie kindisch das sei, und daß er nicht nachgeben dürfe, um von dem Unnahbaren, Bewunderungswürdigen, das er – Gott weiß wodurch – in ihren Augen besaß, nichts zu verlieren.

Aber Falk war schwach; er gab nach. Er bat sie, mitzugehen; im Vorbeigehen wollte er sich bei den Leuten entschuldigen. „Und dann streunen wir ein wenig,“ meinte er lächelnd. Mely sah ihn von unten herauf mit einem schnellen, leuchtenden, verheißungsvollen Blick an.

Falk trat dicht vor sie hin und berührte mit den Lippen ihr Haar. „Nicht doch! Um Gotteswillen nicht hier!“ rief Mely erschrocken. Aber er machte nur eine gleichgiltige Handbewegung.

„Wie seltsam duftet das Haar,“ sagte er. „Ich glaube, das kann man nie vergessen. Und wie es aussieht, – dies dunkle Wirrsal, ein wahrer Strudel, – und doch geordnet. Es ist eine sehr ordentliche Unordnung. Und diese eine, dicke Locke auf der Stirn sieht aus wie ein Fragezeichen. Sie kommen mir vor wie ein Buch und diese Locke ist der Titel: ein Fragezeichen.“

Wie ein glückliches Leuchten huschte es über ihr Gesicht und aller Kummer verschwand auf einmal.

„Kennen Sie das Märchen von der Prinzessin?“ begann er wieder. „Die kommt an die Stadt und das Thor ist geschlossen. Und der König selbst geht und öffnet das Thor, damit die Prinzessin herein kann ..... das kennen Sie nicht? Sehen Sie, das sind wir. Nur bin ich in diesem Fall die Prinzessin und Sie der König. Wie hätte ich auch sonst zu Ihnen kommen können, wenn Sie nicht eigenhändig das Stadtthor aufgemacht hätten! Ach, es ist närrisch, nicht? Es ist phantastisch,“ murmelte er, sich selbst bespöttelnd und wie zerknirscht von dieser Kritik.

Die Thür öffnete sich und die Leisetreterin Helene in Hut und Mantel kam herein. Und obwohl sie ganz harmlos bei einander saßen wie Leute, die sich vom Wetter unterhalten, erröteten Falk und Mely zu gleicher Zeit. Diese Verlegenheit steigerte sich so sehr, daß Falk, der aufgestanden war, mit den Fingern das Rad der Nähmaschine so lange drehte, bis die Nadel knackend brach. –

Später saßen sie allein in einem Seitenzimmerchen des „Marco Polo“. Sie sprachen über die Zukunft, – immer in einer lächelnden und fast romantischen Weise, als ob keines von beiden so recht von Herzen daran glaube und es nur ein Wettstreit sei: wer den schönsten Traum erzählen könne. Mely war innerlich ruhig. Keine Sorge bedrückte sie, obwohl ihr stets gegenwärtig war, daß sie gestern das letzte Geld, das sie besessen hatte, Frau Bender gegeben und daß sie nun aller Mittel entblößt war. Sie war nicht leichtsinnig, aber wie die Wärme des Frühlings das Eis auftauen läßt, so schmolz all das Harte, Winterliche, Frostige ihres Lebens dahin vor dieser Wärme, die jetzt ihre Seele erfüllte. Bisweilen nur fühlte sie ein schweres Entsetzen, – ein kurzes Erwachen aus tiefem Schlaf. Oftmals brachte sie den größten Teil der Nacht wachend zu und da war sie voll von einer Schwermut, die sie weit emporhob über die Nahrungssorgen.

Als sie den Theesalon verließen, dämmerte es schon und schon brannten die elektrischen Bogenlampen. Rötliche Leuchtkugeln, hingen sie mitten im Winternebel, und oft flackerten sie und wurden rot oder violett. Dies Aufflackern und Zusammensinken hatte etwas von dem Flügelschlag eines sterbenden Vogels.

„Was haben Sie denn?“ fragte Falk das junge Mädchen, das sichtlich zitterte und wie eine Schlafwandelnde dahin ging.

„Mir ahnt ein Unheil,“ sagte sie leise und trostsuchend.

Als sie um die Ecke der Maffeistraße bogen, wurden sie durch das heftige Gebell eines Hundes erschreckt. Es war Pitt, der auf ungestüme Art seine Freude zu erkennen gab und an Mely emporzuspringen versuchte. Sie lächelte zuerst dem Tiere ein wenig zerstreut zu. Falk wollte sich niederbeugen, um den Hund zu streicheln, als er voll Entsetzen die Veränderung in Melys Gesicht wahrnahm. Sie war so weiß geworden wie der Schnee und ihre Augen starrten wie trunken, ja wie blöde auf einen einzigen Punkt. Und plötzlich wurde sie so rot, wie Falk sie noch nie gesehen hatte. Ihr Gesicht wurde purpurn, Ohren, Stirn und Hals waren von glühender Röte bedeckt. „Der Oberst,“ sagte sie, mühselig lächelnd. Dieses mühevolle, bedrückende Lächeln empfand Falk wie einen Schnitt ins Fleisch. Die Angst, die Scham und die Verzweiflung und der Trotz waren so deutlich darin ausgeprägt, daß sie wie ein Bild der Zerrissenheit aussah. Der Oberst war jetzt auf vier Schritte nahe gekommen und blickte Mely an. Nie in ihrem Leben vergaß sie diesen Blick. Weder Hohn, noch Zorn, noch Bitterkeit lagen darin; aber durch die namenlose Verachtung, die er enthielt, erschien er ihr wie ein Hieb mit der Peitsche. Einer seiner Freunde ging mit ihm, den Mely kannte. Und dieser Mensch stierte sie frech an mit einem breiten, lustigen Lachen, und sein rotes Gesicht glänzte wie bei einem guten Spaß. Wie der Oberst ging auch er vorbei, ohne zu grüßen. Dieser eine Umstand machte Mely ganz schwindlig vor Schmerz. Sie schämte sich so sehr, daß sie nichts thun konnte, als das mühselige Lächeln auf den Lippen behalten. Vor der ganzen Straße voll Menschen, von denen doch keiner auf sie achtete, schämte sie sich, und das Lächeln, das etwas Irrsinniges hatte, schien auf ihrem Gesicht erstarrt zu sein.

Falk ging mit ihr in einen Hausflur, wo sie sich an die Mauer lehnte und in die Höhe starrte. Wieder bedeckte eine große Blässe ihr Gesicht, das einen grauen, mehligen Ton hatte. Kraftlos stand sie da. Pitt war ihr gefolgt; das kluge Tier wandte keinen Blick von ihr. „Alles ist aus!“ sagte sie leise.

Falk war ratlos. „Was ist aus?“

„Nun er hat mich gesehen mit Ihnen, – und“ ...

„Aber das macht ja nichts. Er weiß doch nicht, wer ich bin. Sie können ihm doch sagen ...“

„Ach, wenn Sie wüßten! Er vermutet jetzt das Allerschlimmste. Er hat mir ja auch streng verboten, auf der Straße mit jemand zu gehen. Selbst mit einer Dame darf ich nicht gehen. Ich darf keine Freundin haben, nichts. Bah, es ist mir wirklich gleich; jetzt lach ich dazu. Es hat eben so sein sollen, das tröstet mich. Ja wirklich, das tröstet mich. Es wäre ja ohnehin zu Ende gewesen, – natürlich. Aber jetzt ist alles aus.“

Diese verworrenen Sätze fielen wie eine wilde Klage von ihren Lippen. Was soll jetzt mit mir werden? dachte sie. Diese Frage folterte sie, daß sie Kopfschmerz bekam. Sie war froh über diese Schmerzen; jetzt verschwand doch das aufdringliche Bild: der lachende Freund mit seinen gelben Zähnen, seinem grinsenden Gesicht. Sie seufzte.

Vidl Falk sah seinen Argwohn plötzlich groß geworden. Dieser Argwohn sah mit finsteren Augen aus seinem Versteck heraus. Er war hungrig und verschlang auch Nichtigkeiten, um sich zu sättigen. Aber er wurde niemals satt.