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Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre

Chapter 5: Drittes Kapitel
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About This Book

A first-person memoir traces the shift from private comfort to active commitment in social reform, recounting the choices that provoke family outrage and public commentary. The narrator describes resigning editorial positions to embrace a social-democratic and feminist agenda, the ensuing domestic conflicts and anxieties over ailing relatives, and the emotional cost of leaving customary duties. Interwoven with personal scenes are accounts of organizational work, travel to international gatherings, and reflective passages about conviction, sacrifice, and the practical challenges of advancing women's rights and social change.

Beim Abendessen wurde mir mitgeteilt, daß die Gartenwohnung auf derselben Etage frei geworden sei. »Wir hätten andernfalls umziehen müssen, nun ersparen wir das, und du ziehst einfach hierher,« sagte der Vater; »dann haben wir Alten wieder unsere beiden Töchter,« fügte er mit einem Anflug liebevoller Heiterkeit hinzu und streckte mir über den Tisch die Hand entgegen. Nur zögernd legte ich die meine hinein.

»Sehr gütig, Papa, daß du an mich dachtest, aber ich habe schon eine Wohnung.« Er brauste wütend auf. Schweigend ließ ich den Wortschwall über mich ergehen.

»Ich habe euch meine Überzeugung geopfert,« sagte ich dann fest, »meine Freiheit opfere ich euch nicht ...«

Durch die sternenlose Augustnacht ging ich nach Hause. Über die menschenleere Straße schwankten ein paar Betrunkene. Wie fürchtete ich mich sonst vor ihnen, — gleichgültig schritt ich heute vorbei, — meinetwegen hätten sie mit mir tun können, was sie wollten. Ich war ja gar nicht ich, nur ein Schatten dessen, das einst lebendig war. In meiner einsamen dunkeln Wohnung warf ich mich angekleidet aufs Bett und grübelte stumpfsinnig dem einen Gedanken nach: Warum ich eigentlich den Morgen erwarten müßte — und den Tag — und wieder einen Tag, und so in endloser Reihe die ganze Leere des Lebens?!


In meinen stillen Zimmern lastete die Luft auf mir. Die Sonne strahlte durch die grünumsponnenen Fenster, über die lachenden Gärten, — wäre ich nur erst in meinem neuen Heim, wo ich nichts sah, als eine gemalte Landschaft! Von innerer Unruhe getrieben, lief ich in der Stadt umher, blieb vor den Schaufenstern stehen und ertappte mich auf einem halb unbewußten Verlangen nach hellen Kleidern. Ich saß allein vor dem alten verräucherten Kaffee Josty und sah über den Potsdamer Platz hinweg den Menschen nach, die schwatzten und lachten und kokettierten, und unter die ich mich nicht mischen durfte. Ein Gefühl von wohliger Wärme überkam mich, wenn bewundernde Blicke mich trafen, — ach, und Sehnsucht packte mich, unbändige Sehnsucht nach Lebensfreude.

Damals begegnete mir Graf Oer, einer meiner alten Tänzer; er hatte den schlechtesten Ruf und war doch einer der verwöhntesten Männer der berliner Gesellschaft. Eine aufreizende, schwüle Atmosphäre verfeinerter Sinnenlust umgab ihn; schon sein forschender Blick aus halbgeschlossenen Augen, sein weicher, langsamer Händedruck ließ die Frauen erröten, denen er sich näherte. Mir gegenüber war er ganz teilnehmender Freund. »Ihre Blässe erhöht zwar nur Ihren Reiz, schönste Frau,« sagte er, »aber im Verein mit Ihrer sylphidenhaften Gestalt« — seine Blicke wanderten förmlich über meinen Körper — »finde ich sie beängstigend. Sie brauchen Sonnenweide wie ein Rassepferd. Was meinen Sie, wenn ich Ihnen täglich ein paar Stunden lang meinen Wagen schicke und Sie in den Grunewald fahre oder nach Wannsee?« Trotz meiner Ablehnung, die nicht sehr energisch gewesen sein mochte, hielt sein elegantes Juckergespann am nächsten Morgen vor meiner Türe. War das wonnig, so in den jungen Tag hineinzurollen; mit geschlossenen Augen vorbei an den öden Feldern des Kurfürstendamms, in den Grunewald hinein, dessen vereinzelte Villen sich rasch verloren, bis zu dem kleinen Försterhaus am stillen See, in dem die Sonne sich, ihrer Schönheit froh, eitel bespiegelte. »Wie Sie genießen können!« sagte Graf Oer, als wir beim Frühstück im Gärtchen saßen. »Und Sie wollen lebendigen Leibes ins Kloster gehen! Die Welt ist so schön und wartet nur darauf, Sie zu empfangen, — lassen Sie mich Ihr Führer sein —« Ich fühlte seine feuchten, kühlen Lippen auf meiner Hand, sein Knie dicht an dem meinen, — ein unbezwinglicher Ekel schnürte mir die Kehle zusammen. Ich sprang auf, raffte mein Kleid und verließ ohne ein Wort, ohne einen Blick den Garten. Waren Genuß und Gemeinheit Zwillingsgeschwister, so wollt' ich wahrlich ins Kloster gehen!


Zu Hause erinnerte mich ein Brief an den letzten und wichtigsten Besuch, den ich im Interesse des Zentralausschusses machen wollte: bei Bebel. Er lud mich zum Mittagessen ein, »dabei läßt sich am besten besprechen, was Ihnen am Herzen liegt und mich lebhaft interessiert.«

In der Großgörschenstraße wohnte er, einer jener neuen Straßen, die jede Fassadenpracht verschmähte und deren üppiger Blumenschmuck verriet, daß die vielen kleinen Balkons die Sommerfrische ihrer Bewohner waren.

Ein lächelndes Dienstmädchen in blendend weißer Schürze öffnete mir auf mein Läuten an der blank geputzten Klingel. Ein leichter Geruch nach frischer Seife drang mir entgegen, und in dem hellen Zimmer, das ich betrat, blinkte die Politur der Möbel, daß sich die Bilder an den Wänden darin spiegelten. Die vollkommenste Einfachheit herrschte hier, jede Spur künstlerischer Kultur fehlte, aber es fehlte auch jeder Versuch, Nichtvorhandenes vortäuschen zu wollen. Die kleine, runde Frau, die mich herzlich willkommen hieß, mit der schwarzen Schürze über dem schlichten Kleid, den von Güte strahlenden Zügen unter den glatten Scheiteln, war wie ein Teil dieses Raumes. Sie nötigte mich in den Lehnstuhl neben dem Nähtischchen am Fenster, meine Hand fest in der ihren haltend.

»So eine arme, junge Frau,« sagte sie mitleidig; »ich mußte oft an Sie denken und an Ihre Einsamkeit, — ich wäre längst bei Ihnen gewesen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, zudringlich zu erscheinen.« Mir wurden die Augen feucht, — meiner Einsamkeit hatten sich auch die Nächsten nicht erinnert. Mit jener Kunst verständnisvollen Zuhörens, die selbst die beste Erziehung nicht zu geben vermag, wenn die Teilnahme des Herzens fehlt, ließ sie sich von meinen kleinen Wohnungs- und Wirtschaftskümmernissen erzählen. »Was, im Wirtshaus essen Sie —?!« Sie schlug die Hände erstaunt zusammen. — »Kein Wunder, daß Sie so blaß und schmal werden; ordentlich herausfuttern müßte man Sie —«

Bebel trat ein, mit einem raschen, elastischen Schritt, die glänzenden Augen gerade auf mich gerichtet, während ein Büschel Haare ihm keck, wie bei einem Knaben, in die Stirne fiel. Von einer breiten Hand — zu schwer fast für den schmächtigen Körper — fühlte ich meine Finger umschlossen. »Ich freue mich Ihres Besuchs —,« seine Stimme klang im Zimmer viel weicher und voller als auf der Rednertribüne, »— nicht mehr allein, weil Sie Glyzcinskis Witwe sind. Nach dem Schriftstück hier —,« er hielt das Programm des Zentralausschusses in der Hand, »— haben wir von Ihnen viel Gutes zu erwarten.«

Er nötigte mich in sein Arbeitszimmer, einen kleinen Raum mit wenigen gestrichenen Holzmöbeln, blank gescheuerter Diele und musterhafter Ordnung. Wir erörterten alle Einzelheiten meines Plans.

»Sie können mit Ihrer Arbeit da einspringen, wo die Regierung nicht eine, sondern hundert Lücken gelassen hat. Unsere Beteiligung freilich wird sich wohl nur auf Ratschläge beschränken.«

»Damit ist mir nicht gedient!« rief ich. »Wie können wir in die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Arbeiter Einblick gewinnen, wenn Sie uns nicht die verschlossenen Türen öffnen.«

»Ja, glauben Sie, ich wäre der liebe Gott?!« lachte er. »Ich könnte etwa den Gewerkschaften befehlen, Ihren Bestrebungen Vertrauen entgegenzubringen, oder gar unseren Frauen!!«

Wir wurden zu Tisch gerufen. Kein Diner hatte mir je so gut gemundet wie dieses einfache Mittagsmahl. Die besten Stücke wurden mir auf den Teller gehäuft.

»Sehen Sie, wie's schmeckt, wenn man nicht trübselig allein an einer schmuddeligen Wirtstafel sitzt!« sagte Frau Bebel, befriedigt über meinen Appetit. Sie schwieg sonst meist. Nur wenn der lebhafte Gatte gar zu heftig irgendeinen Gegner angriff, warf sie ein paar besänftigende oder entschuldigende Worte ein, und als er gegen die Junker wetterte, sah sie zuerst ihn, dann mich vielsagend an.

»Ach soo —,« er unterbrach sich ein wenig verlegen, »— Sie gehören ja am Ende auch zu ihnen! — Aber mein Schimpfen ist wahrscheinlich ein sanftes Flötenspiel gegen die Töne, die angesichts der Kreuzzeitungsaffäre in Ihren eigenen Kreisen angeschlagen werden. Der Fall Hammerstein, diese Dekouvrierung eines der Edelsten und Besten, kommt den privilegierten Beschützern von Religion und Sittlichkeit gerade jetzt gewaltig in die Quere. Und die Sache ist noch lange nicht zu Ende, — die ganze Kreuzzeitungspartei, die den jungen Kaiser vor ein paar Jahren als Zugpferd vor ihren eignen Wagen spannen wollte, wird daran glauben müssen.« Er verbreitete sich, immer lebendiger werdend, über die politische Lage und die nächsten Zukunftsaussichten. Er sah überall Symptome für den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft, und auf der anderen Seite Etappen zum Siege des Sozialismus. »Die Weltmachtpolitik, die, einmal begonnen, nicht mehr aufzuhalten sein wird, ist der Anfang vom Ende. Sie appelliert zwar an die stärksten, an die brutalen Instinkte, aber sie führt schließlich mit Notwendigkeit zur Auspowerung der Massen und treibt sie uns damit in die Arme, — gewisser, als alle Agitation von unserer Seite es vermöchte. Selbst ein möglicher Weltkrieg zwischen den Kolonialmächten wäre nur der Auftakt der Revolution.«

Ich dachte an Shaw und seine unbedingte Gegnerschaft zu dieser ans Fatalistische streifenden Auffassung von der Entwicklung zum Sozialismus und warf in diesem Sinn eine bescheidene Frage in die Unterhaltung: »Stehen wir nicht in Gefahr, als bloße Zuschauer die Hände in den Schoß zu legen, wenn uns die Naturgesetzlichkeit des Sozialismus so zweifellos fest steht?«

»Ein Einwurf, der nach dem Katheder schmeckt! Müssen wir nicht die Menschen für diese Entwicklung vorbereiten?«

»Also ist alle Gegenwartspolitik der Partei nie Selbstzweck —?«

»Sondern nur Mittel zum Ziel,« rief er lebhaft, »und ihr Wert ist nur von diesem Gesichtspunkt aus zu bemessen!«

»Wie habe ich danach Ihr Interesse für meinen Plan einzuschätzen?« frug ich lächelnd. »Als bloße Höflichkeit etwa?!«

»Treiben wir Sozialpolitik aus Höflichkeit?! Doch nur, weil eine gesunde, kräftige Arbeiterschaft, die Zeit hat zum Denken und zum Wirken, die Armee ist, die wir haben müssen.«

Ich streifte mechanisch die Handschuhe über die Finger. Mein Herz schlug in dem raschen Takt der Melodie, die dieser Mann angeschlagen hatte. Der Glaube an die Sache —, das war das Unüberwindliche in ihr. An der Tür hielt mich Bebel noch einmal auf: »Ich rate Ihnen, wenn Sie irgend etwas im Kreise unserer Genossinnen erreichen wollen, — setzen Sie sich mit Wanda Orbin in Verbindung. Am besten, fahren Sie zu ihr. Ist sie gegen Ihren Plan, so haben Sie alle miteinander gegen sich!«

Noch am selben Abend schrieb ich an Frau Orbin, um ihr meinen Besuch anzukündigen; zugleich bat ich sie, in ihrer Zeitschrift, der »Freiheit«, meine Idee zur Diskussion stellen zu dürfen. Sie antwortete umgehend, aber was sie schrieb, klang wenig ermutigend: Wenn mein Weg mich über Stuttgart führe, so würde ihr mein Besuch willkommen sein; zu einer Reise, eigens ihretwegen, könne sie mir jedoch nicht raten, da sie zwecklos sein würde; von einer Veröffentlichung meines Plans in ihrer Zeitschrift könne auch keine Rede sein: »... die ›Freiheit‹ ist ein rein sozialdemokratisches Blatt, an dem ich grundsätzlich nur solche Mitarbeiter zulasse, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen.« Trotzdem beschloß ich, zu ihr zu fahren, und wäre es nur, um die Bekanntschaft dieser Frau zu machen, deren Leben und deren Persönlichkeit ein wahrhaft vorbildliches zu sein schien. Bebel, den ich in dieser Zeit öfter sah, erzählte mir viel von ihr: wie sie sich mit Peter Orbin, einem russischen Sozialisten, in freier Ehe verbunden habe, ihm nach Paris in Elend und Verbannung gefolgt sei und das schwere Siechtum, das über ihn hereinbrach, jahrelang vor ihren Freunden zu verstecken verstand, indem sie in seinem Namen korrespondierte, in seinem Namen Artikel schrieb und mit zwei kleinen Kindern und dem kranken, ständiger Pflege bedürftigen Mann nicht nur das tägliche Brot für alle schaffte, sondern auch imstande war, für die Partei unermüdlich zu agitieren. Mir schwindelte vor dieser Leistungskraft; meine Schmerzen, meine Kämpfe schrumpften davor kläglich zusammen.

»Ihre Nerven freilich hat sie dabei ruiniert,« fügte Bebel schließlich hinzu.

An einem Abend hatte ich Liebknechts und Bebels zu mir geladen. Längst erloschene Gesellschaftsvorfreuden empfand ich wieder in der Erwartung dieser Gäste. Zum erstenmal vermißte ich schmerzlich all die vielen graziösen Geräte, mit denen ich als Haustochter die Festtafel zu schmücken verstand, — ich hatte nicht einmal genug Messer und Gabeln! Schweren Herzens entschloß ich mich, bei den Eltern zu borgen, was am notwendigen fehlte.

»Du gibst Gesellschaften?« frug Mama erstaunt. »Kaum ein halbes Jahr nach dem Tode deines Mannes?!«

»Nur ein paar Interessenten meines Zentralausschusses —,« antwortete ich ausweichend, während die Scham über diese verlogene Geheimniskrämerei mich erröten machte. War es Zufall oder Absicht, daß mein Vater, kurz ehe ich meine Gäste erwartete, zu mir kam und Anstalten machte zu bleiben? In quälender Angst saß ich vor ihm, alle erdenklichen Gründe ersinnend, um ihn, ohne ihn zu verletzen, zum Gehen zu nötigen. Endlich stand er auf. »Meine eigene Tochter wirft mich hinaus,« sagte er mit einem müden, wehen Ton in der Stimme. »Lieber — lieber Papa! —« ich schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn. In diesem Augenblick kam ich mir vor wie ein Verräter. Der Abend, auf den ich mich so gefreut hatte, war für mich eine Qual.


Am nächsten Morgen fuhr ich nach Stuttgart. Ein unbestimmtes Hoffen, das wie durchleuchtet war von froher Ahnung, erfüllte mich: irgend etwas ganz Ungewöhnliches würde geschehen. Auf dem Bahnhof empfing mich Frau Orbin. Ihre Erscheinung war nicht die imponierende, die ich mir vorgestellt hatte. Ich sah zunächst nichts als eine breite untersetzte Gestalt und einen großen Hut mit zerzausten Federn, der windschief auf ihrem Kopfe saß und ihre Züge beschattete. Fast hätte ich sie nicht wiedererkannt, als sie ihn abgenommen hatte und sich im Speisezimmer des Hotels zu mir setzte. Rotblonde Haare bauschten sich wellig um Stirn und Schläfen, helle Augen, in allen Lichtern des Regenbogens spielend, sahen mir gerade ins Gesicht, auf der Stirn, um Nase und Mund gruben sich kleine senkrechte Falten, die zu der noch jugendlich-weichen Rundung der Wangen in peinlichem Mißverhältnis standen. Ohne alle Höflichkeitspräliminarien begann sie sofort meinen Plan rücksichtslos zu zerzausen. Sie sprach mit nervöser Überstürzung, die Worte jagten einander, als wollte eins das andere verschlucken. »An eine Zusammenarbeit von uns und Ihnen ist natürlich gar nicht zu denken. Sollte von anderer Seite etwas der Art für möglich erklärt worden sein —,« ein mißtrauisch-fragender Blick traf mich, — »so würde ich jede solche Absicht auf das Schärfste bekämpfen. Der politische Kampf ist für uns das A und O. Darum ist jede Harmonieduselei mit bürgerlichen Elementen vom Übel und kann nur verwirrend wirken, den Klassenkampfcharakter unserer Bewegung verwischen. Nicht die Gegensätze überbrücken, wie bürgerliche Idealisten und Ethiker wünschen, sondern sie auf das Schärfste betonen, ist für uns die Hauptsache. Reinliche Scheidung, — ohne Konzessionen.«

Ich seufzte tief auf. Sie verstand mich falsch und ein feines ironisches Lächeln kräuselte flüchtig ihre Lippen. »Das ist freilich nicht immer ganz bequem, aber für Menschen wie Parteien die einzig mögliche Grundlage ihrer Existenz.«

Sie lud mich für den folgenden Tag zu sich ein. Hätte mich die Frau nicht gereizt, der Sache wegen schien der Besuch keinen Zweck mehr zu haben.

In einer Wohnung von puritanischer Schlichtheit empfing sie mich, aber ein unbestimmtes Etwas, sei es die Wahl der Bilder, der Fall der Vorhänge oder nur die ganze Farbenstimmung des Raumes, verriet das künstlerische Empfinden der Bewohnerin. Und als ihre beiden frischen Buben hereinstürmten, rotwangig und glänzenden Auges, sah ich hinter der Rüstung der Kämpferin den Menschen, die Mutter. Wie reich war sie! — Wir gingen nachmittags hinaus vor die Stadt, die bewaldeten Hügel hinan, die sie so zärtlich umschließen. Die Kinder und die Natur schienen Wanda Orbin zu verwandeln. Sie war viel milder heute. Sie sprach über Kunst und Literatur mit dem Verständnis eines selbständigen Geistes und der Wehmut unglücklich Liebender. »Das alles ist eingeschlafen, hat einschlafen müssen gegenüber der großen, umfassenden Aufgabe,« sagte sie schließlich, und ihre Augen bekamen wieder den fiebrigen Glanz des Fanatismus.

Kaum waren wir in ihrer Wohnung, als ein Mann zu ihr hereinstürzte, atemlos eine Depesche hin- und herschwenkend, während ihm hinter den Augengläsern die dicken Tränen über die bärtigen Wangen liefen. »Engels — Engels ist tot —,« stieß er mühsam hervor. Mit einer abwehrenden Bewegung der Hände — breiter kurzfingeriger Hände, die aussahen, als hätte der Bildhauer Natur sie nur in rohen Umrissen skizziert und vergessen, sie auszuführen — starrte Wanda Orbin dem Unglücksboten sekundenlang ins Gesicht. Dann warf sie die Arme empor und brach in ein konvulsivisches Schluchzen aus, unter dem ihr Körper immer heftiger zu zittern begann. Ihre Füße würden die Schwankende nicht mehr tragen, dachte ich, und schob ihr vorsichtig einen Sessel zu, in dem sie haltlos versank. Inzwischen hatte sich das Zimmer gefüllt: die Eintretenden tauschten miteinander warme Händedrücke. Alles sammelte sich um die weinende Frau, leise Flüstergespräche, als läge der Tote mitten unter ihnen, flogen nach langer beängstigender Stille hin und her. Eine Familie war dies, die Stärkeres zusammengeschweißt hatte als das Blut: aus gemeinsamen Empfindungen, Gedanken und Idealen entsprang die Tiefe gemeinsamer Trauer um den, der ihr Führer gewesen war. Auf Zehenspitzen schlich ich hinaus und fühlte doch mit überwältigender Gewißheit, daß ich dazu gehörte.

Spät am Abend kam Wanda Orbin noch einmal zu mir, — sehr weich, sehr liebevoll. »Sie hätten bleiben dürfen, Sie sind uns doch keine Fremde,« sagte sie. Da gewann ich Vertrauen und erzählte ihr von den Zweifeln und Kämpfen der letzten Wochen. Ich sah, wie sie lächelte, — nachsichtig wie eine Mutter über Kinderleiden, aber es verletzte mich nicht. »Im Zwiespalt der Empfindungen kann niemand dem anderen helfen,« meinte sie dann. »Ich weiß nur eins gewiß: ist Ihre Überzeugung erst vollkommen klar und unerschütterlich, so verschwindet vor ihr das bloße Gefühl, wie Sommerschwüle vor dem Gewitter. Zu dieser Überzeugung zu gelangen, das ist freilich das schwerste. Die Logik der Tatsachen, die Lebensverhältnisse pauken dem Proletariat eine Auffassungsweise ein, die sich der bürgerliche Idealist mit großer Mühe aneignen muß, wenn es ihm überhaupt trotz aller Ehrlichkeit gelingt, den alten Adam der bürgerlichen Ideen abzulegen. Es ist so furchtbar schwer, aus seiner Haut zu fahren, sich von dem zu befreien, was Vererbung und Milieu aus uns gemacht haben.« Ihre Augen schauten wie nach innen.

Wir sprachen noch lange miteinander. Sie riet mir jetzt zur Ausführung meines Planes; ich würde durch ihn vielleicht am besten zur Klarheit kommen, und an Rat und — inoffizieller — Hilfe von ihr sollte es nicht fehlen. »Setzen Sie sich in Berlin mit den Gewerkschaften in Verbindung, und zwar speziell mit den Konfektionsarbeitern, die infolge der Bewegung, in der sie augenblicklich stehen, Ihre Sache als eine Unterstützung betrachten dürften. Und dann, vor allen Dingen, suchen Sie unseren Genossen Dr. Heinrich Brandt für sich zu interessieren. Gewinnen Sie ihn, so ist Ihnen geholfen: er setzt alles durch, was er will.«

Dr. Brandt! — Ich schloß unwillkürlich die Lider, verloren in Erinnerung. »Alle Ströme fließen in unser Meer,« hörte ich eine dunkle klingende Stimme sagen, und flüchtig — ein Traumbild — tauchte ein Mann vor mir auf, blond und schlank, und tiefe graue Augen versanken sekundenlang in den meinen.


Nach meiner Rückkehr schrieb ich sofort an Johannes Reinhard, den Führer der Konfektionsarbeiter-Bewegung, und an Heinrich Brandt. Reinhard kündigte mir umgehend seinen Besuch an; kurz darnach bestimmte Brandt dafür dieselbe Stunde. Im ersten Gefühl starker Freude, über deren Ursache ich mir nicht so recht klar war, wollte ich Reinhard abschreiben, um den anderen bald und zuerst zu sehen. Über mich selbst errötend, zerriß ich die Karte wieder, die ich zu schreiben begonnen hatte, und bat statt dessen Brandt, seinen Besuch zu verschieben. »Schade,« antwortete er mir, »ich wäre gern gleich gekommen. Vorgestern las ich in der wiener ›Zeit‹ einen Artikel von Ihnen, der mich so entzückte, daß der Wunsch, die Verfasserin kennen zu lernen, in mir rege wurde. Diesem Wunsch begegnete noch am selben Morgen Ihr Brief.«

Und nun stand Reinhard vor mir, unter der linken Schulter die Krücke, das Gesicht noch gelber, als da ich ihn zum letztenmal in der Egidyversammlung gesehen hatte, die schwarzen, dünnen Haarsträhnen wie festgeklebt um den breiten Schädel und die tief eingefallenen Schläfen.

»Hielte ich Ihren Plan nicht für gut, für notwendig sogar in diesem Augenblick, wo der Reichskanzler den Stillstand der Sozialreform nicht nur zugab, sondern verteidigte, ich würde nicht so rasch hier sein,« begann er die Unterhaltung, indem er sich mühsam, das linke Bein gerade ausgestreckt, auf dem Stuhl niederließ. »Wir stehen in der Konfektion seit Beginn des Jahres in einer Bewegung, die mir Tag und Nacht keine Ruhe läßt — —«

»Ich weiß: um die Durchsetzung von Betriebswerkstätten handelt es sich,« unterbrach ich ihn. »Der Zentralausschuß könnte nichts Besseres beginnen, als Sie darin unterstützen.«

Er sah erfreut auf. »Ich sehe, Sie sind orientiert, und so brauche ich nur hinzuzufügen, daß Ihr Zentralausschuß auch nirgends reicheres Material zur Frage der Frauenarbeit finden könnte als bei uns. Ihren londoner Eindrücken, von denen ich in den Zeitungen gelesen habe, würden die berliner nicht nachstehen.«

Ich zweifelte an der Möglichkeit ähnlichen Elends bei uns. Nicht einmal in der Nacht, wenn ich aus Versammlungen gekommen war, hatte ich so bittere Not gesehen, wie sie mir in London bei hellem Tage begegnet war.

»Unsere Ärmsten schämen sich, — das ist vielleicht der letzte Rest Menschlichkeit in ihnen,« meinte er; »seit Wochen mache ich fast nichts anderes als Besuche bei den Heimarbeitern. Eben erst war ich bei einem alten gelähmten Weibe, das hier im Westen, fünf Treppen hoch, ein einfenstriges Zimmer und eine fensterlose, winzige Küche mit ihrer Tochter und deren vier kleinen Kindern bewohnt. Von früh fünf bis nachts um elf trampelt die Tochter die Nähmaschine, um bestenfalls neun Mark in der Woche zu verdienen. Vor wenigen Tagen war ich in einem engen Kellerloch, wo eine Witwe mit zwei Kindern wohnt; auf den schimmeligen Möbeln, auf dem einzigen wackeligen Bett, liegen elegante Damenblusen, für die sie ganze fünf Mark wöchentlich einnimmt.« Reinhard erhob sich, rote Flecken brannten auf seinen Backenknochen, und während er weitersprach, humpelte er im Zimmer aufgeregt hin und her. »In einem anderen Keller, wo die Dielen faulen und die Fenster tief unter der Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern, — junge, bleichsüchtige Dinger, — für die, die oben in Luft und Sonne lachend vorübergehen. Ist die Ehre, die ihr bewahrt habt, das elende Leben wert, — hätte ich ihnen am liebsten zugerufen. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen Löchern, sah ich ein Ehepaar mit fünf Kindern und einem Schlafmädchen; den Mann zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs, die Frau näht Knopflöcher für ganze vier Mark in der Woche,« — klipp — klapp — klipp — klapp, — rascher und rascher schlug Reinhards Krücke den Takt zu der grausen Melodie —; »eine arme Mutter fand ich in einem sonnenlosen Winkel im Norden, sie nähte Hemden, halbfertig lagen sie auf dem Bett, wo zwei diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen. Und, denken Sie nur«, — er blieb stehen und lachte grell auf, »— einen schneeweißen Mantel, bestimmt für nackte Schultern schöner Frauen, sah ich einmal in den Händen einer Syphilitischen —«

»Um Gottes willen — hören Sie auf!« Auch ich erhob mich. »Warum schreien Sie diese Tatsachen nicht auf öffentlichem Markte aus? Warum kleben Sie Ihre Berichte nicht an alle Straßenecken? — Kein Reichskanzler würde mehr wagen, den Stillstand der Sozialreform zu verteidigen.«

»Wir sind dabei, es zu tun,« antwortete er, und seine Sprechweise nahm wieder den Ton der alten sachlichen Ruhe an. »Eine Broschüre, an der ich arbeite, wird allen maßgebenden Persönlichkeiten zugeschickt und unserem diesjährigen Parteitag vorgelegt werden; wir haben außerdem, wie Sie wissen, die Unternehmer vor die Alternative gestellt, Betriebswerkstätten einzurichten, oder einer allgemeinen Arbeitseinstellung gewärtig zu sein. Kommt es dazu, so wird die Öffentlichkeit sich mit uns beschäftigen müssen. Übrigens: —,« er dachte einen Augenblick nach, »wie wär's, wenn Sie die Tätigkeit Ihres Zentralausschusses auf eigene Faust beginnen und mich bei meinen Recherchen zuweilen begleiten würden?«

Dankbar nahm ich sein Anerbieten an. In der nächsten Zeit brachte ich fast täglich ein paar Stunden mit ihm zu. Wir kamen in Stadtteile, die ich noch nie gesehen hatte, lange, nüchterne Straßenzeilen, die Häuser regelmäßig aufgereiht, gleichmäßig grau getüncht; die Öde des Anblickes nur noch erhöht durch die äußere Ordnung und Reinlichkeit. Wir schritten durch enge Höfe in dunkle Hinterhäuser, die das Licht der Straße nicht mehr fürchteten und ohne Scham die Blößen ihrer Not enthüllten. Nach Osten, nach Süden führte uns der Weg, wo mitten im kahlen, der Stadt schon preisgegebenen Boden hohe Mietskasernen an zerwühlten, werdenden Straßen standen. Hier, zwischen den feuchten Wänden, hauste das Elend und starrte uns an mit den glanzlosen Blicken erloschenen Lebens, die grausamer in die Seele schneiden als die wildesten Schreie der Verzweiflung.

Oft, wenn wir aus dem Dunkel sparsam verteilter Laternen kamen und das Licht der Friedrichstadt uns blendend empfing, haftete mein Auge staunend an den glänzenden Spiegelscheiben der Läden und der Restaurants. Prahlend breiteten sich hinter den einen all die Herrlichkeiten aus, die den Gaumen laben, den Körper schmücken, das Leben bereichern; lachend, scherzend, mit vollen Taschen und glänzenden Augen saßen hinter den anderen die reizenden Frauen, deren einziger Daseinszweck ihre Schönheit zu sein schien, und die Männer, die ihnen huldigen. Wie war es nur möglich, daß die von draußen, aus den grauen Häuserzeilen und den werdenden Straßen, nicht dicht gedrängt, auf leisen Sohlen, wie Nachtgespenster, hierher sich schoben, um all die Pracht zu zertrümmern, das Lachen erstarren zu machen?!

Und in meinem Herzen nistete der Haß sich ein für alle die, die nicht mehr hassen konnten.


Am frühen Morgen des 18. August war es. Eine arme Frau hatte ich besucht, die ich auf einem unserer Wege gefunden hatte. Sie war sterbenskrank, — ach, und wie gern wollte sie sterben, wenn nur die Kinder nicht gewesen wären, die sie fester als alle Arzeneien der Welt ans Leben ketteten. Die durchsichtigen Finger durften sich nicht zum Schlafen friedlich ineinanderfalten, sie hielten krampfhaft die weiße Leinwand fest, um zierliche Namenszüge, stolze Freiherrn- und Grafenkronen hineinzusticken. Ein wenig Hoffnung hatte ich ihr gebracht, — Hoffnung, daß sie bald ruhig werde sterben dürfen. Nun ging ich nach Hause, den Kopf gesenkt; die Sonne tat mir weh. An der Königsstraße geriet ich in einen Menschenschwarm, der mich mit sich riß: geputzte Frauen mit jenem aus Neugierde, Aufregung und Nervenspannung gemischten Ausdruck in den Zügen, der gewöhnliche Menschen bei allen großen Ereignissen, — seien es Feuersbrünste oder Hochzeitsfeiern, — charakterisiert, Männer im Sonntagsstaat, irgend eine Medaille oder ein Kreuz auf der Brust, das in diesen Tagen der Freibrief für alles war: Betrunkenheit — man nannte sie Begeisterung —, Roheit gegen Nichtdekorierte, — man nannte sie Vaterlandsliebe. Ich sah um mich: Fahnen flatterten von den Häusern, Straßenverkäufer boten mit krähender Stimme Kaisermedaillen aus, von ferne klang Trommelwirbel, Pferdegetrappel. Richtig: die Grundsteinlegung des Nationaldenkmals war heute.

Mit liebevoller Wehmut, wie die Greisin vergilbte Liebesbriefe, hatte der Vater gestern die Generalsuniform aus ihren Seidenpapierhüllen herausgeholt, hatte die Stickerei, die Knöpfe und die vielen Orden selbst mit einem Lederläppchen abgestaubt und war gewiß heute früh, voll Erregung, zum Schloß gefahren.

Jetzt waren wir selbst bis dicht hinter die Schutzmannsketten vorgedrungen. Ein Vorwärts gab's nicht mehr, ein Zurück noch weniger. Es galt, auszuhalten. Die Galawagen der deutschen Fürsten rollten vorüber in ihrer altertümlich schwerfälligen Pracht, dröhnenden Schrittes rückte die Garde auf den Schloßplatz, hinter ihr mit wehenden Fahnen Ulanen, Dragoner und im blitzenden Küraß die Gardedukorps.

Von hinten hauchte mir ein heißer Atem in den Nacken, der nach klebrigem Biere roch; aus dem Halsausschnitt der dicken, kleinen Frau neben mir stieg ein süßlicher Schweißgeruch. Mich ekelte vor der Erregung der Menge; eindruckslos rauschte sogar die mich sonst elektrisierende Musik an meinem Ohre vorüber; wie ein schlechtes Ausstattungsstück empfand ich das bunte Schauspiel vor mir. Unwillkürlich fiel mir das Modell des Nationaldenkmals ein: wie gut paßte es hierher mit seinen unruhigen Tier- und Menschengestalten, seinen Fahnen, Kanonen, Gewehren und Säbeln und dem theatralisch daherschreitenden Engel, der des alten Kaisers vierschrötiges Schlachtroß führt. Von seinem künftigen Standort, dem Winkel vor dem Schloß, den man noch dazu dem Wasser hatte abringen müssen, tönten Hammerschläge, Kanonendonner fiel ein, die Luft erschütternd, von tiefen Glockenklängen untermischt.

Glocken und Kanonen, — die führenden Instrumente im Orchester der bürgerlichen Gesellschaft, mit denen sie das Weinen und Klagen der Millionen zu übertönen glaubt! Ich aber hörte es, und ich wußte: der Tag wird kommen, wo die Glocken vor ihm schweigen und die Kanonen vor ihm verstummen werden.


Vor dem Spiegel stand ich in meinem Schlafzimmer. Wie lange war es her, daß ich nichts als flüchtige Blicke hineingeworfen hatte, die nur der Ordnung meiner Haare, meiner Kleidung galten. Heute sah ich mich wieder: schärfer waren meine Züge geworden und schmaler mein Gesicht, meine Gestalt aber war noch immer die eines jungen Mädchens. Ich lächelte: ›Frau‹ von Glyzcinski — und ein Mädchen, ein altes Mädchen sogar von dreißig Jahren! Aber ich wollte nicht alt sein, — heute nicht. Ich fühlte wieder, wie ich rot wurde. Daß das Weib in mir sich nicht töten ließ! Wo doch so vieles schon gestorben war!

Es klingelte. Kurz und scharf. Die Aufwärterin hatte ich früh schon nach Hause geschickt, sie war so alt und so häßlich. Dem Besuch, den ich erwartete, wollte ich selber öffnen.

»Gnädige Frau?!« — Eine überraschte, fragende Stimme. Ich unterschied im Dämmerlicht der Treppe und des Flurs die Silhouette eines Mannes, mit dem weiten Mantel über den Schultern, dem breiten Schlapphut auf dem Kopf. Ich selbst in meinem schwarzen Kleid mußte ihm nur wie ein Schatten erscheinen. Ich ging ihm voran ins Zimmer, das flutendes Sonnenlicht durchstrahlte, wie einst, da ich zum erstenmal über die Schwelle trat. Ich wendete mich um, — meine Hand blieb vergessen in der Heinrich Brandts. »Wir sind uns — keine Fremden —,« stotterte ich verlegen. »Nein, — nein —,« antwortete er und sah mich noch immer an. Die Uhr auf dem Schreibtisch holte zum Schlagen aus. Ich zuckte zusammen, setzte mich hastig, und steif und förmlich lud ich auch ihn zum Sitzen ein.

»Nein,« wiederholte er, und seine Augen ließen mich noch immer nicht los, während sein Gesicht heller zu werden schien, »— Sie sind mir keine Fremde. Kennen Sie das?« Er zog das graue Heft der Wiener »Zeit« aus seiner Rocktasche. »Im Grunde ein ganz dummer, kleiner Artikel, den Sie da geschrieben haben, und doch so wundervoll! Ein ganzer Mensch steckt dahinter!«

Mir wurde warm ums Herz. Seine Worte streichelten mir die Wangen, seine Stimme erfüllte die Luft um mich mit einem einzigen Wohllaut.

»Und Ihr Plan interessiert mich sehr. Ich habe auch gar nicht abgewartet, bis Sie endlich die Gnade hatten, mich herzubefehlen«, — er lächelte ein wenig malitiös, »Sie haben, wie ich höre, Freund Reinhard den Vortritt gelassen, — ich habe indessen, ohne zu fragen, den Schritt getan, von dessen Erfolg Ihre ganze Sache abhängt.« Ich sah fast erschrocken auf. »Oder sollten Sie wirklich nicht daran gedacht haben, daß Geld, viel Geld dazu gehört?« Ich nickte lächelnd. »Ich schrieb an einen unserer ernsthaftesten und reichsten Sozialreformer und schickte ihm Ihr Programm. Ich zweifle nicht, daß er die Sache in angemessener Weise finanzieren wird.«

Ich versuchte, ihm zu danken; es kam vor tiefer innerer Erregung ungeschickt und hölzern heraus.

»Lassen Sie doch diese Formalitäten!« sagte er. »Wenn jemand Dank verdient, so sind Sie es, die den Gedanken hatten. Ich bin bestenfalls nichts als sein untergeordnetes Werkzeug.«

Wir sprachen noch lange miteinander. Ich erzählte von allem, was mir seit den letzten Wochen das Herz bewegte, und Leidenschaft und Haß und Liebe brachen durch die Dämme, die Einsamkeit und Zurückhaltung um sie aufgeschichtet hatten.

»Sie sind wie eine Flamme, die lodernd gen Himmel strebt,« flüsterte er wie zu sich selbst.

Als er gegangen war, blieb ich regungslos, die Hände fest ineinandergekrampft, mitten im Zimmer stehen. War das ein Traum gewesen, oder hatte er wirklich hier vor mir gestanden?! In diesem selben Zimmer, wo ich Georg, meinen einzigen Freund, gefunden und verloren hatte?!

Am nächsten Tag gegen Abend kam er wieder.

»Ich bin zudringlich, nicht wahr?« lachte er mir entgegen. »Aber Sie kommen mir vor, wie ein verflogenes Vögelchen, das sich an Scheiben und Wänden den Kopf stößt und einer Hand bedarf, die es fängt und ins Freie läßt.«

»Sie mögen recht haben. Ich bilde mir wohl nur ein, daß ich in Freiheit flöge, und die anderen Leute waren bisher kurzsichtig genug, mich darin zu bestärken, wohl gar zu bewundern —«

Es dämmerte. »Entschuldigen Sie einen Augenblick,« sagte ich und ging hinaus, um die Lampe zu holen. Als ich wiederkam, fand ich ihn über das Manuskript eines Artikels gebeugt, den ich eben vollendet hatte. Ärgerlich wollte ich ihn vom Schreibtisch weg an mich reißen. »Verzeihen Sie —«, fest drückte er die Hand darauf, — »das gehört zu meinem Vogelfang. Wie kommen Sie dazu, dergleichen zu schreiben?!« Ich erschrak vor dem finsteren Gesicht, das er mir plötzlich zuwandte. »'Londoner Gefälligkeit'! Haben Sie nichts Besseres zu tun?!« Sein Blick blieb an der Lampe haften, die ich zitternd auf den Tisch stellte. Seine Stirn glättete sich, forschend sahen die großen grauen Augen mir ins Gesicht.

»Sie müssen sich selbst bedienen? — Sie öffnen mir immer selbst?! —«

Ich senkte einen Augenblick lang den Kopf.

»Wie Sie sehen: ja!« Meine Stimme, die zuerst ein wenig verschleiert klang, wurde klar und fest. »Ich kann mir ein Dienstmädchen nicht halten, und ich muß solche Artikel schreiben, weil ich von meiner Pension nicht leben kann.«

»Verzeihen Sie, — aber wie konnte ich ahnen —« Er sah mir tief in die Augen.

Wir waren von da an täglich zusammen, sei es, daß er mich zu einem Spaziergang abholte, sei es, daß wir uns in der Stadt trafen. Mit tiefer Beglückung empfand ich die zarte Sorgfalt, mit der er mich umgab. Wenn ich jetzt zu den Eltern kam und der Vater in heller Aufregung über die Sozialdemokraten schimpfte, — »lauter Hochverräter, die man hängen sollte«, — so hörte ich nur mit halbem Ohre hin, es verletzte mich nicht; um mich lag es wie ein warmer, kugelfester Mantel, den die Freundschaft um mich geschlungen hatte.

Die Freundschaft! — Ich glaubte an sie, — ich wollte an sie glauben, auch wenn die heißen Wellen meines Herzens mich zu überfluten drohten. »Sie müssen bald einmal mit mir hinauskommen zu meiner Frau und meinen Buben. Sie ist anders wie Sie, — ganz anders, aber klug und gut, — Sie werden einander verstehen,« hatte er mir einmal gesagt. Es kam aber noch immer nicht dazu, und ich drängte nicht danach.

Eines Nachmittags saßen wir zusammen auf dem schmalen Balkon des Kaffee Klose. In weichem, silbernen Sonnenlicht fluteten unter uns auf der Leipziger Straße die Menschen auf und nieder. Ein früher Herbstnebel, zart und duftig wie Feenschleier, spielte um die endlosen Häuserreihen, und es schien, als dämpfte er selbst das Rasseln der Wagen.

»Sehen Sie nur, was ich heute bekam,« damit hielt ich ihm einen Brief entgegen. »Die Wiener Fabier fordern mich zu einem Vortrag auf« — Er nickte erfreut, ich sah ihn von der Seite an. »Ich habe keine Beziehungen in Wien,« fuhr ich nachdenklich fort, »— sollten Sie auch hier meine Vorsehung gewesen sein?!«

»Und wenn dem so wäre?!«

Ich reichte ihm still die Hand. Ganz sanft, als ob sie sehr zerbrechlich wäre, nahm er sie in die seine, — eine zarte Hand mit dichtem Geäder und nervösen Fingern.

»Glauben Sie,« fragte er langsam, nach einem Schweigen, das die Nähe zweier Menschen zueinander verrät, »glauben Sie, daß ein Tag kommen könnte, an dem unsere Freundschaft uns zwingt, einander ›du‹ zu sagen?«

Ein Zittern durchlief meinen Körper. Ich antwortete nicht. Stumm standen wir auf, stumm fuhren wir zu mir nach Hause. Drinnen im Zimmer sahen wir uns an, das Herz schlug mir zum Zerspringen, die Finger erstarrten mir zu Eis.

»Alix —,« wie ein Hauch kam mein Name über seine Lippen.

»Du —,« mehr vermochte ich nicht zu sagen. Es dunkelte mir vor den Augen. Einen Herzschlag lang fühlte ich seinen Mund auf dem meinen, — dann schlug die Türe, — ich war allein.

Und die Wände schienen um mich zu kreisen, und der Glanz der Abendsonne wurde zu glühenden Flammen. Wie Gesang lag es in der Luft von lauter Harfen, — meines Herzens Jubel hatte sie zum Klingen gebracht. In allen Weisen der Welt, im Ton süßer Wiegenlieder und stolzer Siegeshymnen sang und jauchzte es: ich liebe.


Wir verkehrten wie früher miteinander. Nur die Augen wagten es hier und da, eine andere Sprache zu sprechen als der Mund. Ich war mitten im Packen; schon starrten die lieben Räume mich fremd und öde an, als sein Weib kam, mich zu besuchen. Entgeistert sah ich sie an, als sie vor mir stand: sie war hochschwanger.

Rasch warf ich die Kleider vom Sofa und nötigte sie hinein, ihr vorsichtig die Kissen in den Rücken legend. Seine Frau! Sein Kind!! — Der Gedanke bohrte sich mir ins Gehirn, daß es mir den Kopf zu sprengen drohte. Nie, — nie hatte er mir von Liebe gesprochen, dachte ich, während ich gleichgültig freundliche Phrasen mit ihr wechselte, nur immer von Freundschaft. Und dieser Frau vor mir mit den großen, breiten Händen und den stechenden dunklen Augen hatte ich nichts genommen — nichts, was ich nicht nehmen durfte. Denn daß ich ihn liebte, was schadete das ihr?! Und war nicht mein eigenes, großes, wundervolles Gefühl und seine Freundschaft Glückes genug für mich, die ich gelernt hatte, auf alles Glück zu verzichten?

»Wir ziehen im Winter auch in die Stadt,« sagte sie ruhig, »sonst bekomme ich meinen Mann nicht mehr zu sehen —.« War das eine Anspielung? Ihr Gesicht blieb unbewegt. »Übrigens sah ich eben im Hause, wo Sie mieteten, eine Wohnung, die gut für uns passen würde. Das wäre für alle Teile das beste —, und ich hätte doch auch etwas von Ihnen. Könnte auch von Ihnen lernen, was mir leider noch an Verständnis für die Interessen meines Mannes fehlt.« Ich begriff sie nicht; war das echt, was sie sagte, oder lauerte Bosheit dahinter und Mißtrauen? Feuchtkalt lag ihre Hand beim Abschied in der meinen. Die Schleppe ihres seidenen Kleides raschelte hinter ihr her wie eine Schlange. Ich mußte mich ans Fenster in die Sonne stellen, um wieder warm zu werden, nachdem sie mich verlassen hatte.


»Gute Botschaft bringe ich!« Am frühen Morgen, ich saß noch beim Frühstück, trat Heinrich Brandt in mein Zimmer, freudestrahlend. »Die Sache ist entschieden.« Ich griff hastig nach dem Brief, den er brachte und las. »Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dahin entschieden, das mir vorgelegte Projekt eines Zentralausschusses für Frauenarbeit insoweit zu unterstützen, als ich zunächst eine Summe von achttausend Mark jährlich dafür aussetze, die, wenn der Umfang der Arbeiten es später notwendig macht, entsprechend gesteigert werden kann. Ich hoffe, Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, der Sie ja ausdrücklich erklärten, nur die Rolle eines unbeteiligten Vermittlers zu spielen, nicht zu nahe zu treten, wenn ich Sie bitte, Frau von Glyzcinski mitzuteilen, daß die Voraussetzung meiner Unterstützung, von der ich unter keinen Umständen abweiche, die ist, daß die Leitung der Sache nicht in den Händen von Sozialdemokraten ruht. Diese meine Forderung entspringt keinerlei persönlicher Animosität, sondern nur der Erkenntnis, der sich gegenwärtig kaum jemand verschließen kann, daß die Sozialdemokratie zu ruhiger Reformarbeit unfähig ist und die maßgebenden Kreise einer von ihr ausgehenden Bewegung mit Recht ablehnend gegenüberstehen würden.«

Ich hatte zuerst laut und freudig, dann immer langsamer und leiser gelesen. »Das nennen Sie eine gute Botschaft?« frug ich kopfschüttelnd. »Gerade heute sah ich in der Presse, wie alles von rechts und links nach einer neuen Auflage der Umsturzvorlage schreit. Und gestern erzählte mein Vater, daß man im Kasino schon die Maßregeln erörtert, durch die die Sozialdemokraten mundtot gemacht werden sollen —«

Brandt unterbrach mich: »Nun — und? Wird Ihre Aufgabe dadurch etwa überflüssig?«

»Gewiß nicht. Aber für mein Gewissen kann es eine größere Aufgabe geben: mich in dem Augenblick der Verfolgung an die Seite derer zu stellen, die verfolgt werden. Die eigene Überzeugung in die Tasche zu stecken, läßt sich nur so lange entschuldigen, als es keine Feigheit ist.«

»Sie haben recht — wie immer, wenn Ihre erste Empfindung spricht,« er drückte mir die Hand, fest und kameradschaftlich, »und doch möchte ich Sie bitten: überlegen Sie ruhig, ehe Sie antworten. Die Ausnahmegesetze sind bisher nichts als Wünsche und Drohungen, und das klägliche Ende der Umsturzvorlage dürfte kaum zu einer Wiederholung reizen.« — —

»... Hängt am Tage von St. Sedan Trauerfahnen aus, erhebt feierlichen Protest gegen den Massenmord und ehrt diejenigen, die zum Kriege hetzen, wie es ihnen gebührt: steckt sie als Verbrecher ins Zuchthaus.« Mein Vater hatte mir einen Zeitungsausschnitt geschickt, der diesen Satz aus der sozialdemokratischen Breslauer ›Volkswacht‹ zitierte. Roh und häßlich, unwürdig vor allem war er. Die geistigen Waffen, die wir führen, sollten blanker und damit auch schärfer sein, dachte ich.

Wenige Tage später veröffentlichten die bürgerlichen Zeitungen in Riesenlettern den Trinkspruch, den der Kaiser am Sedantag ausgebracht hatte:

»... In die große hohe Festesfreude schlägt ein Ton hinein, der wahrlich nicht dazu gehört; eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, das deutsche Volk zu schmähen; wagt es, die uns geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers in den Staub zu ziehen. Möge das gesamte Volk in sich die Kraft finden, diese unerhörten Angriffe zurückzuweisen. Geschieht es nicht, nun, dann rufe ich Sie, um der hochverräterischen Schar zu wehren, um einen Kampf zu führen, der uns von solchen Elementen befreit.«

Wortlos reichte ich Brandt das Blatt, als er kam. »Was haben Sie beschlossen?«

»Die Rotte von Menschen sind meine Brüder und Schwestern. — Ich lehne ab.«


Drittes Kapitel

Ich stand in Wien auf der Rednertribüne des Ronachersaals und verneigte mich noch einmal vor dem applaudierenden Publikum. Ich wußte: ich hatte nicht gesprochen wie sonst. Schon als der Vorsitzende mich an den dichtgedrängten Reihen vorbeigeführt hatte, an den eleganten, graziösen Frauen, deren Toiletten nicht wie die der Berlinerin dazu da zu sein schienen, die Trägerin unter der Last des Glanzes vergessen zu machen, sondern ihre Individualität betonten, ihre Reize unterstrichen, an den jungen und alten Herren im Frack und Smoking mit den geschmeidigen Gestalten und dem süffisanten Lächeln des Weltmanns, war mir der Kontrast zwischen dem kühlen Ernst meines Vortrags und dieser Umgebung zum Bewußtsein gekommen. Dann war ein Wogen von bunten Hüten, ein Knistern von seidenen Kleidern, ein Funkeln von Brillanten unter mir gewesen. Operngläser aus Silber und Perlmutter hatten sich auf mich gerichtet, und um das mattschimmernde Rokokoornament an den Decken und Wänden des reizenden Konzertsaales hatte ein feiner, zarter Nebel geschwebt, gewoben aus Zigarettenrauch und Parfüm.

Ich stieg die Stufen hinab. Man klatschte noch immer. Ich mußte wohl so etwas wie eine neue Sensation gewesen sein, wie sie in Gestalt von Sängern, Taschenspielern und Diseusen auf dieser Tribüne gewöhnlich zu erscheinen pflegte.

»Ich gratuliere Ihnen —,« sagte eine dunkle Stimme neben mir. Nur ein Mann in der Welt hatte solche Stimme! Es war Brandt. Und als meine Hand in der seinen lag, war mir, als stünde ich allein mit ihm hoch auf einer Felseninsel und in der Ferne nur brandete das Meer der Welt.

»Sie in Wien, — meinem geliebten Wien, und ich nicht neben Ihnen, — es kam mir absurd vor,« hörte ich ihn leise sagen. Aber schon sah ich den Kreis, der sich um uns gebildet hatte: Menschen, die warteten, mich begrüßen zu können, mir vorgestellt zu werden, der Vorstand der Fabier, der mich zum Essen geladen hatte. Ich gewann meine Fassung wieder, und während mein Herz hoch aufschlug vor Freude, hatte ich das Bedürfnis, gegen alle, die sich mir näherten, doppelt und dreifach freundlich zu sein.

In einem halbdunkeln verräucherten Kaffee spät am Abend trafen wir uns wieder. Brandt erwartete mich mit Dr. Geier, seinem Schwager, dem Führer der österreichischen Sozialdemokratie, und einem Kreis von Parteigenossen, die mitten in einer Debatte jäh verstummten, als ich eintrat. Sie hatten sich offenbar gezankt, was ich mit der ganzen Empfindlichkeit der Frohgelaunten sofort empfand. Man stand auf, man begrüßte mich, aber meine Anwesenheit wirkte sichtlich störend. Eine kleine brünette Frau mit glänzenden braunen Augen fühlte das Peinliche der Situation und zog mich auf einen Stuhl neben sich.

»Ich bin Adelheid Popp,« sagte sie einfach, »ich habe mich so an Ihrem Vortrag gefreut und wünschte nur, unsere Arbeiterinnen hätten ihn hören können.« »Das hätte ich auch gewünscht, — er wäre dann besser gewesen,« antwortete ich. Ihre Augen lachten mich an. »Wissen Sie was?!« rief sie lebhaft. »Wiederholen Sie ihn in einer Volksversammlung!« Mit freudiger Zustimmung schlug ich in die dargebotene kleine, warme Hand. »Aber garantieren kann ich nicht, daß es derselbe Vortrag wird!« Wir vertieften uns in ein Gespräch, und ich erfuhr, daß diese zierliche Frau eine arme Arbeiterin gewesen war, von dem Augenblick an aber, wo sie der Sozialismus gewonnen hatte, zu einer begeisterten Vorkämpferin der Arbeiterbewegung sich entwickelt habe. Ganz anders war sie wie unsere deutschen Frauen: heiter und gutmütig, ohne eine Spur jener steifen Zurückhaltung, die daheim all meinem Entgegenkommen zu spotten schien. »Sie sollen mal schauen, was in Wien eine Volksversammlung heißt!«

Das Gespräch der anderen hatte indessen da wieder angeknüpft, wo ich den Faden zerrissen hatte. Ich hörte zu.

»Ist es nicht unerhört für einen praktischen Politiker, sich auf Seite der breslauer Hundertachtundfünfzig zu stellen und einen blutleeren Theoretiker wie Kautsky zu verteidigen?!« rief Brandt, während die dunkeln Brauen sich ihm eng zusammenzogen und die Augen dem Gegner zornig entgegenblitzten.

»Bist du vielleicht in deiner gegenteiligen Stellung zur Agrarfrage weniger Theoretiker als er?!« spöttelte Geier. »Die Güter, auf denen du dir die Sporen des Praktikus verdient hast, liegen doch auf dem Monde!« Mit einer entschuldigenden Gebärde wandte er sich mir zu. »Verzeihen Sie, wenn wir uns auch in Ihrer Gegenwart noch mit so uninteressanten Dingen beschäftigen —«

»Sie brauchen sich vor mir nicht zu entschuldigen,« antwortete ich, »mich haben die Verhandlungen des breslauer Parteitags lebhaft interessiert, und da ich leider bis heute noch nicht weiß, auf welcher Seite ich stehe, so höre ich Debatten wie den Ihren besonders gerne zu.«

Und nun wogte der Streit wieder hin und her. Brandt verteidigte die von der Mehrheit des breslauer Parteitages abgelehnten Vorschläge der Agrarkommission, als »notwendige Forderungen der Gegenwartspolitik«, als ein erfreuliches Zeichen für die wachsende Erkenntnis, daß eine Partei von der Größe der deutschen Sozialdemokratie die Interessen weiterer Volkskreise vertreten müsse, als nur die der Industriearbeiter. »Übrigens, was zanken wir uns, lieber Viktor?« meinte er schließlich und warf mit einer hochmütigen Geste den Kopf zurück. »Du wärst der Erste, die Vorschläge nicht nur zu akzeptieren, sondern selbst zu machen und gegen alle Welt zu verteidigen, oder — wie Schönlank treffend sagte — eine Revision der Vorstellungsweise in der Partei herbeizuführen, wenn du in die Lage versetzt würdest, Landagitation treiben zu müssen.«

Geier hieb wütend auf den Tisch, daß die Tassen klirrten und der Kellner, der verschlafen an einer Säule lehnte, erschrocken die Augen aufriß und dienstfertig die Serviette schwenkte. »Da liegt doch gerade der Hase im Pfeffer: ich bin eben nicht in der Lage und Ihr, trotz Eurer anderthalb Millionen Stimmen auch nicht! Konzentriert doch Eure Werbekraft auf die Millionen Lohnarbeiter, die Euch noch fehlen, und laßt Eure Enkel sich über die höhere Bauernfängerei den Kopf zerbrechen! Was du praktisch nennst, ist eben unpraktisch im höchsten Grade. Das Aufrollen dieser schwierigen und gänzlich unaufgeklärten Fragen, — ob die Konzentration des Kapitals in der Landwirtschaft sich nach denselben Gesetzen vollzieht wie in Industrie und Handel oder nicht, ob wir daher mit der Proletarisierung der Bauern oder mit der Vermehrung der ländlichen Kleinbetriebe zu rechnen haben werden, — all das noch dazu auf einem seiner ganzen Zusammensetzung nach inkompetenten Parteitag, ist nur geeignet, die Parteigenossen zu verwirren. Über theoretischem Gezänk, das Ihr Reichsdeutsche so liebt, wird ein gut Teil praktischer Arbeit zum Teufel gehen —«

»Und glaubst du etwa, die Annahme der lendenlahmen Resolution Kautsky, die die Agrarfrage doch nicht aus der Welt schafft, sondern ihre Lösung nur auf die lange Bank schiebt, wird dies Gezänk verhindern? Im Gegenteil! Die Bebel und Schönlank und David werden sich nicht mundtot machen lassen,« entgegnete Brandt.

Geier schüttelte ärgerlich den großen Kopf mit den wirren blonden Haaren. »Bebel wird sich dem Beschluß des Parteitages fügen; — die anderen freilich, geborene Krakehler, getrieben durch den eigentlichen geheimen Generalstabschef des ganzen Feldzuges, Vollmar, werden die Parteidisziplin ihrer Rechthaberei opfern.«

Die Diskussion der leidenschaftlichen Männer fing an, mich zu beunruhigen, — nicht ihrem Inhalt, wohl aber ihrer Form nach. Ich hatte Brandt noch nie so erregt gesehen, und etwas wie Furcht befiel mich. Kurz entschlossen erhob ich mich.

»Verzeihen Sie, wenn mein Weggehen Sie stört wie mein Kommen, aber ich bin sehr müde.« Alles brach auf, sichtlich erleichtert. Kalter Regen, mit kleinen spitzen Schneeflocken gemischt, schlug uns ins Gesicht, als wir heraustraten. Menschenleer war's in den engen Gassen. Ist das wirklich Wien, die Kaiserstadt? dachte ich fröstelnd. Geier und Brandt begleiteten mich; wir verabredeten allerhand für den nächsten Tag. Ich erzählte von den verschiedenen Einladungen, die ich bekommen hatte.

»Zu den Protzen werden Sie doch nicht gehen, die nur Staat mit Ihnen machen wollen?!« Brandts Stimme klang grollend, wie ferner Donner, und sein Blick ruhte beinahe drohend auf mir. Und doch erschrak ich nicht; es lag im Ton etwas, das mir das Blut in Wallung brachte, etwas, das klang, wie ein Besitzergreifen. »Bist du Frau von Glyzinskis Vormund?« brummte Geier.

»Verzeihen Sie mir meine Heftigkeit —,« flüsterte Brandt, und im raschen Wechsel seines Mienenspiels hatte seine Stirn sich wieder geglättet, war sein Auge wieder klar geworden. Ich senkte stumm den Kopf.

Zögernd, als fesselten sie magnetische Kräfte, glitten unsere Hände auseinander. Er betrat mit mir das Hotel. »Du — wohnst auch hier?!« sagte Geier überrascht.

Ich schlief nicht in dieser Nacht. Es lag schwer und dumpf auf mir, und ich wollte — wollte nicht denken.

Wir fuhren am nächsten Morgen zusammen nach Schönbrunn.

Alle Einladungen hatte ich abgelehnt.

Graue Spätherbststimmung beherrschte die Natur. Die letzten Blätter rieselten von den Bäumen, ohne daß ein Windhauch sich regte.

Im freien Walde sind selbst die dunkeln Tage schön: des Laubes beraubt, reckt sich nackt und kraftvoll das starke schwarze Geäst gen Himmel, ein wundervoller Teppich vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Rot in halb verblichenen weichen Farben spielend, breitet sich unter ihm aus. Aber die Gärten, die des Menschen Kunst gestaltet, starren uns an wie der Tod. Sie leben nur, wenn im Rasenteppich die bunten Beete blühen, wenn das Laub der geschnittenen Hecken und der Kugelbäume die armen krummen, um ihr natürliches Wachstum betrogenen Ästchen dicht umkleidet, wenn von den Terrassen herunter, aus den Tritonenbecken empor das Wasser rauscht und springt, und die Sonne sich lachend in den Scheiben der Schloßfenster spiegelt. Dann spielen, wie große Schmetterlinge, Kinder in hellen Kleidern auf den breiten gelben Kieswegen, sodaß der Garten voll Freude sogar der schönen Damen in Reifrock und Puderperücke vergißt, die einst mit dem graziösen Geschwätz ihrer roten Lippen und dem lustigen Klappern ihrer Stöckelschuhe seine Gänge belebten.

Heute waren wir allein, zwei graue Gestalten, zwischen blätterlosen Laubengängen und schlafenden Fontänen.

»Sie sind so blaß,« sagte Brandt, »der Heimweg gestern im Schnee hat Ihnen geschadet —.« Ich schüttelte den Kopf. »Meine Roheit hat Sie verletzt?« Ich sah zu ihm auf, aber das Lächeln, das ich ihm zeigen wollte, erstarb mir auf den Lippen. So müde, so traurig war sein Blick. In dem meinen blieb er hangen. Es war wie ein Abschiednehmen.

»Ich habe es mir überlegt, stunden-, nächtelang,« kam es tonlos über seine Lippen, »ich muß fort von Berlin — mit meiner Fr ... —,« er stockte, »mit Rosalie —,« verbesserte er sich hastig, »bis — bis die Entbindung vorüber ist. Es ist besser, — besser für uns alle.«

»Ja,« sagte ich, die Kehle schnürte sich mir zusammen.

Dann gingen wir. Wo waren wir doch nur noch an diesem Tage? Ich entsinne mich nicht. Meine Augen nahmen Bilder auf, von denen meine Seele nichts wußte.

Später trafen wir wieder irgendwo in einem Kaffee mit Geier zusammen. Es kamen noch allerlei Menschen, die ich an meinem Vortragsabend gesehen hatte, sie gingen mit kühlem Gruß und vieldeutigem Lächeln an uns vorüber.

»Du siehst,« hörte ich Geier leise sagen, während er mich in die Zeitung vertieft glaubte, »zum mindesten hättest du nicht im selben Hotel mit ihr wohnen dürfen.« Brandt fuhr auf. Flehend sah ich zu ihm hinüber. Er schwieg. Die Kellner brachten die Abendblätter. »Na, da haben wir's ja,« rief Geier, nachdem er sie rasch überflogen hatte, und stürzte mit einem kurzen Gruß davon in seine Redaktion.

Ich las. »Aus Berlin wird uns soeben mitgeteilt: Nachdem seit einiger Zeit die politische Polizei eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte und Haussuchungen umfassender Art bei fast allen bekannten Mitgliedern der sozialdemokratischen Partei stattfanden, bringt der Reichs- und Staatsanzeiger heute folgende Bekanntmachung: ›Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß nachstehende Vereine: die sechs sozialdemokratischen Wahlvereine, die Preßkommission, die Agitationskommission, die Lokalkommission, der Verein öffentlicher Vertrauensmänner, der Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands auf Grund des §8 des Versammlungs- und Vereinsrechts vorläufig geschlossen sind.‹«


Kurz vor der Volksversammlung, in der ich sprechen sollte, besuchte ich Geier in seiner Redaktion, engen, halbdunklen Räumen im Souterrain eines alten Hauses. Von fast undurchdringlichem Tabaksqualm war sein Zimmer gefüllt, das den merkwürdigen Mann, der grundhäßlich war und hinreißend schön sein konnte, der stotterte und doch der glänzendste Redner war, phantastisch umwogte. »Ich habe nur eine kurze Frage an Sie,« sagte ich, — nichts war ihm widerwärtiger, wie überflüssiges Weibergeschwätz, — »ich möchte in die Partei eintreten, — was halten Sie davon?«

Er sah mich prüfend an, von oben bis unten, strich sich mit der feinen Hand den wirren rotblonden Schnurrbart und zuckte die Achseln. »Bleiben Sie draußen,« antwortete er schroff, »eine Krokodilshaut gehört dazu, — ich zweifle, daß Sie die haben —«

»Und wenn ich Sie hätte?!«

»Dann, — ja dann tragen Sie wie wir Ihre Knochen auf den Markt der Partei —.« Er reichte mir mit kurzem Kopfnicken die Hand, — ich war entlassen.


Und wieder stand ich auf der Rednertribüne, vor mir ein großer Saal, nüchtern wie eine Scheune, von flackernden Gasflammen erhellt. Von rechts und links strömten die Menschen herein: junge und alte Frauen in Kopftüchern und Schürzen, die verfrorenen roten Hände andächtig gefaltet, Männer in Arbeitsblusen, tiefen Ernst auf den durchfurchten Gesichtern. Sie richteten alle die Augen auf mich, staunend, fragend, erwartungsvoll. Kopf an Kopf drängten sie sich um die schmale, niedrige Stufe, die mich über sie emporhob. Sie kauerten zu meinen Füßen, eng aneinandergeschmiegt: ein kleines Fabrikmädchen mit zerzaustem Blondhaar, ein junger Mann mit den klassischen Römerzügen des Südtirolers, ein altes Mütterchen, die welke Hand horchend hinter das Ohr gelegt. Und mir war, als wölbe sich der niedrige Saal zum Dom; als träten die Abgesandten der Menschheit durch seine hohen weitgeöffneten Pforten. Tiefe, demütige Andacht erfüllte mich. Die Welt, die draußen war, versank. Denen, die mich umringten, gehörte von dieser Minute an meine Kraft und meine Hoffnung. Daß ich mich ihnen gab: meinen Arm den Schwachen, meine Beredsamkeit den Stummen, meinen an Gipfelwanderungen gewohnten Fuß den Lahmen, und den Blinden mein Auge, das die Befreiung sah, — das war dieser Stunde stilles Gelöbnis.

»Genossen und Genossinnen —« Hell und scharf, wie ein Schlachtruf, klang meine eigene Stimme mir ins Ohr. Der Jubel der Menge umbrauste mich, während ich weiter sprach. Das blasse Gesicht des kleinen Fabrikmädchens vor mir fing an zu glühen, dem alten Mütterchen rollten die Tränen über die welke Wange und die klassischen Römerzüge des Tirolers strafften sich in eiserner Energie.

Als ich geendet hatte, war es sekundenlang still, — dann eine Beifallssalve, zahllose Händedrücke von schwieligen Fäusten, und lauter und lauter anschwellend der Kriegsgesang der Arbeitermarseillaise. In ihrem Takt schob sich die Menge hinaus, auf der Straße klang sie fort, zog mit den Wandernden rechts und links in die nachtstillen Gassen, und auf dem ganzen Heimweg verfolgte mich ihre Melodie: aufreizend, siegesbewußt.


Einen Tag später als Brandt kam ich nach Berlin zurück. Er empfing mich am Bahnhof, bleicher, übernächtiger als je. Wir fuhren zusammen nach der Kleiststraße, wo wir nun schon zwei Monate wohnten, er mit seiner Familie im Vorderhaus, ich im Gartenhaus, in den zwei kleinen Stübchen. Wir konnten einander an der Mauer mit der Schweizer Landschaft vorbei in die Fenster sehen. Oft, wenn er bei mir gewesen war, tauchte hinter den weißen Vorhängen drüben ein Schatten auf, der mit gespenstischer Schnelle sein Gesicht zu verdunkeln schien. Dann erhob er sich, sah mich kaum an und verließ das Zimmer.

»Rosalie will nicht reisen, mit mir nicht,« erzählte er während der Fahrt. »Sie behauptet, meine Nähe steigere nur ihr Übelbefinden, deshalb habe sie sich entschlossen, allein zu gehen und zwar — nach England.«

»Nach England?« fragte ich erstaunt. »In dieser Jahreszeit?! Hat sie Freunde dort?«

»Niemanden! — Die fixe Idee einer Schwangeren, sagt der Arzt.«

Ich schwieg, auf das tiefste betroffen. Mir, dem Weibe, schien sonnenklar, was ihre Beweggründe waren. Das Recht der Abwesenden wollte sie zur Geltung bringen, und ein instinktives Gefühl trieb sie nach England —, woher ich gekommen war, wo ich, wie sie meinte, mir an Kenntnissen und Interessen erworben hatte, was ihren Mann an mich fesselte.

Der Wagen hielt. »Ich komme gegen Abend hinüber,« sagte ich und verabschiedete mich hastig vor der Haustür. Ich mußte allein sein. Meine Zimmer fand ich mit Blumen geschmückt, wie zu einem Fest. »Der Herr Doktor —,« sagte die Aufwärterin mit süßlichem Lächeln und einem vertraulichen Blick.

»Schon gut —,« unterbrach ich sie hastig und warf die Türe hinter mir ins Schloß.

Was nun?! Sie durfte nicht fort. Wirklich nicht?! Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. War es Furcht? Oder nicht vielmehr Freude — Freude, die wie ein orkangepeitschtes Meer alle Dämme überflutete, alles Denken begrub?! Allein — allein mit ihm — tage-, wochen-, monatelang! Ein ganzes Leben der Entsagung war kein zu teurer Preis dafür! Wenn sie wiederkam, würde ich gehen, — aus seinem Gesichtskreis still verschwinden, — und zu ihr würde er zurückkehren, — zu ihr — und dem Kinde ...

Es klopfte. »Frau Dr. Brandt läßt gnädige Frau zum Abendbrot bitten —« »Ich komme —«

Wir saßen um den gedeckten Tisch: Brandt schweigsam, mit gerunzelten Brauen, die beiden kleinen Knaben — seine Söhne aus seiner ersten Ehe — verschüchtert und ängstlich von einem zum anderen blickend, ich, eine Unterhaltung mühsam aufrecht erhaltend; sie allein schien lustig, fast übermütig, ihre Augen flimmerten, ihre großen weißen Hände, die mir immer vorkamen, als hätten sie ein eigenes Leben, als wären sie junge Raubtiere, — bewegten sich ruhelos, streichend, klopfend, sich dehnend, um sich gleich wieder zur Faust zu ballen, auf dem Tisch. Das Mädchen kam und brachte einen Eiskübel mit einer Flasche Champagner. Brandt sah mißbilligend auf seine Frau. »Wie kannst du, Rosalie, — in deinem Zustand!«

Sie lachte.

»Nur heute, — wo wir ein Fest miteinander feiern und ihr dasitzt wie Ölgötzen und nicht lustig seid, — lustig wie ich! — Trinkt, Kinder, trinkt, so ein Abend kommt nicht so leicht wieder!« Sie stürzte das erste Glas in einem Zug hinunter. Und dann sprach sie unaufhörlich, fieberhaft. Von der Reise, die sie machen werde, von den Herrlichkeiten, die sie dafür schon eingekauft habe — »drei seidene Kleider und Hüte dazu, und einen Rohrplattenkoffer für zweihundert Mark, — mach' keine entsetzten Augen, Heinrich; ich weiß ja, du bezahlst es gern, — so gern!« —, von ihren Träumen. »Ich sehe immer denselben Mann, der mir winkt, zu dem ich hin muß,« — ihre Stimme sank und ihre Augen weiteten sich, daß das Weiße unheimlich groß um die dunklen Pupillen stand — »und der mir helfen wird.«

»Trinken Sie nicht mehr —,« bat ich erschüttert und legte meine Hand auf die ihre, die eiskalt war. Sie schüttelte sie ab wie eine lästige Fliege.

»Sie glauben, ich spräche im Rausch?!« sagte sie. »Sie irren. Ich bin nüchtern, ganz nüchtern, — ich weiß nur mehr als Sie, viel mehr, und — und ich glaube an Träume!«

»Bist du denn nicht eifersüchtig auf deinen Rivalen, zu dem ich reise?« Damit wandte sie sich mit einem lauernden Blick aus halb geschlossenen Augen an ihren Mann.

»Rosalie!« stöhnte er gequält. Rasch stand ich auf. Ich konnte die Blicke der Kinder nicht mehr ertragen.

»Es ist schon zu spät für euch,« redete ich sie an und griff nach ihren Händen, »kommt, — ich bring' euch zu Bett.« Sie lachten dankbar.

»Ach, Tante, bring uns doch immer zu Bett!« flüsterte der Älteste, als er in den Kissen lag, und seine melancholischen Zigeuneraugen sahen mich flehend an. »Und morgen, bitte, bitte, erzähl uns eine Geschichte,« fügte der Jüngste hinzu und richtete sich im Bett noch einmal auf.

Indessen war es im Wohnzimmer zu einer heftigen Szene gekommen. Rosalie lag schluchzend auf dem Diwan. »Er will mich nicht reisen lassen, er will mich umbringen, — mich und das Kind,« schrie sie. »So mäßige dich doch, um Gottes willen!« beschwor sie Brandt mit einem Blick auf die Glastür, hinter der sich der Schatten des Mädchens hin und her bewegte. Sie achtete nicht auf ihn, ihre Stimme wurde nur noch lauter und heftiger. »Ich halte es nicht mehr aus, — ich mag deine Bevormundung nicht, und deine schlechte Laune. Ich laufe davon —« Und ihr Schluchzen wurde zum Weinkrampf.

Der Arzt wurde geholt. »Sie müssen ihrem Willen nachgeben, wenn Sie nicht das schlimmste riskieren wollen,« entschied er schließlich. »Natürlich darf sie nicht ohne Pflegerin reisen, — ich kann Ihnen eine empfehlen, auch eine gute deutsche Pension in London.«

Schon am nächsten Morgen kam Rosalie zu mir, um Abschied zu nehmen. Sie war völlig verwandelt, weich, freundlich, ruhig. Es war fast ein strahlendes Lächeln, mit dem sie mir im Weggehen sagte: »Nun weiß ich gewiß: Alles — Alles wird gut werden.«

Wie unter dem Zwang einer stillschweigenden Verabredung sahen Brandt und ich uns in der nächsten Zeit selten und nie allein. Ich aß drüben bei ihm mit den Kindern, nahm sie mit bei meinen Ausgängen und sorgte für sie, soviel mir an Zeit dafür übrig blieb. Mit wehmütiger Freude sah ich, wie sie täglich mehr an mir hingen und mit all ihren kleinen Wünschen und Kümmernissen zu mir kamen. Weihnachten stand vor der Tür. »Einen richtigen Weihnachtsbaum machst du uns, Tante, nicht wahr?« bettelte Wölfchen, der Jüngste. »Im vorigen Jahr war er man soo klein.« »Ich möchte am liebsten zur Mutter fahren, — wie ganz früher,« meinte Hans, der Älteste, und seine Augen schimmerten feucht. »Zur Mutter —?!« staunte ich.

»Nun ja, du weißt doch, unsere richtige Mutter wohnt weit, weit weg in Wien,« plauderte Wolf; »sie ist immer krank. Aber im Sommer, da dürfen wir sie besuchen, wenn sie in Schruns ist oder in Klobenstein —« »Die Rosalie ist gar nicht mit uns verwandt, aber auch gar nicht,« unterbrach ihn Hans eifrig, und mit einem fragenden Blick auf mich fuhr er zögernd fort: »Unsere Marie sagt, sie kommt nicht wieder und — und du bleibst bei uns?!«

Ich blieb ihm die Antwort schuldig. Jäher Schreck lähmte mir die Zunge. Ich hatte Brandt nach seiner ersten Frau nie gefragt, hatte geglaubt, sie sei früh gestorben. Welche Schicksale lasteten auf dem Mann, den ich liebte — täglich verzehrender, sehnsüchtiger —, und rissen die jungen Seelen dieser Kinder in ihren Wirbeltanz?!

Zärtlich zog ich die Knaben in meine Arme: »Seid brav, recht brav, daß der Vater sich an euch freut, dann sollt ihr einen Weihnachtsbaum haben wie noch nie!«

Mit glühendem Eifer, der mich alles andere vergeben ließ, bereitete ich das schönste Fest des Jahres vor. Freude wollte ich um mich verbreiten, lauter überschwengliche Freude. Mit dem Geld, das ich mir von Brandt für seine Kinder erbat, und das er mir verwundert gab — er hatte an Weihnachten gar nicht gedacht —, und den Goldstücken, die mir ein paar Artikel eben eingetragen hatten, kaufte ich einen ganzen Jahrmarkt voll Spielzeug; und Pfefferkuchen und Marzipan und Schokolade, dazu Schürzen, Bänder, und ein himmelblaues Kleid für das Dienstmädchen, das mich mit ihren kleinen blanken Augen immer so lustig anlachte. Am Morgen des Weihnachtstages schloß ich mich im Eßzimmer ein und putzte die große duftende Edeltanne mit lauter blitzendem Kram, mit roten Rosen und bunten Lichtern. Leuchten sollte sie wie das lebendig gewordene Glück. Vielleicht wird sie ihm ein einziges frohes Lächeln entlocken! dachte ich.

Nachmittags mußte ich zuerst zu den Eltern. Es wurde früh beschert, weil alle Familienmitglieder bei Onkel Walters geladen waren. Im Salon stand wie immer der Baum: farblos, schneeweiß, sehr kühl, sehr vornehm. Und davor unsere Tische, beladen mit Geschenken. Der Vater hatte sich einmal wieder nicht genug tun können. Er war in letzter Zeit für mich von einer Güte, die mir wehe tat, weil ich wußte, daß sie nur einer Täuschung ihr Dasein verdankte. Meine wiener Volksversammlungsrede hatte die deutsche Presse ignoriert, auch sonst mußte es ihm scheinen, als zöge ich mich mehr und mehr zurück. Was ich für die Tagespresse schrieb, — ich fing damals an, auch am »Vorwärts« gelegentlich mitzuarbeiten —, erschien ohne meine Unterschrift; die wesentlich literarisch-kritischen Artikel in den Wochenblättern hatten meist seinen Beifall. »Ich wollte dir handgreiflich zeigen, wie zufrieden ich mit dir bin«, — damit entschuldigte er gleichsam die Fülle der Gaben. Daß ich das weiße Kleid und den Spitzenschal und die seidenen Strümpfe und zierlichen Schuhe mit solcher Freude empfing, weil ich allein dessen gedachte, für den sie mich schmücken sollten, — er ahnte es nicht! Nur die Mutter hatte schon hie und da mißtrauisch nach Brandts Gattin gefragt, wenn sie ihn allein bei mir traf, und zuweilen war uns die Schwester begegnet und hatte uns mit vielsagendem Lächeln begrüßt.

Der Vater wollte mich durchaus nicht heimgehen lassen, wollte bei Onkel Walters absagen: »Wenn sie meine Tochter nicht haben wollen, so mögen sie auch auf mich verzichten.« Es kostete Mühe, ihn umzustimmen.

»Ich bin ja nicht allein«, sagte ich schließlich — sehnsüchtig dachte ich an die erwartungsvollen Knabengesichter, an den stillen Abend mit ihm —, »ich muß noch zur Bescherung im Kinderheim«, dabei wandte ich den Kopf dunkel erglühend zur Seite.

Endlich konnt' ich gehen. Und mein bunter, lustiger Weihnachtsbaum funkelte und sprühte, ein Fanal der Freude, ein Sonnwendfeuer, ein Gruß an das steigende Licht. Der Jubel der Kinder klang durch die Räume. »Du — du Zauberin,« flüsterte eine tiefe Stimme mir ins Ohr.

Still und feierlich, in ihr weiches glitzerndes Schneekleid gehüllt, erwachte die Erde am nächsten Morgen. Der Arbeitslärm des Alltags war verstummt, und Räderrollen und Menschenschritte klangen gedämpft auf dem Winterteppich. Es war Feiertag.

Und im Festgewand stand ich und wartete dessen, der kommen mußte.

Mein Herzblut, das ich bereit war, restlos für ihn zu vergießen, hatte es mit roten Rubinen bestickt, Schnüre, an denen die Tränen meiner Sehnsucht schimmernd gereiht waren, schmückten mir den Nacken, mit Smaragden der Hoffnung waren die seidenen Schuhe besetzt an meinen Füßen, die ihm entgegengingen, und auf meinen Armen, die ihn umfassen wollten, funkelten, alle Farben und allen Glanz der Welt in sich vereinend, die Diamanten meiner Leidenschaft. Und er kam, er sah mich, — und die armen kleinen Liebesworte schämten sich ihrer millionenfachen Entweihung und verstummten.