Ich verlor alle Selbstbeherrschung, — nie hatte ich auch nur im entferntesten von solch einem Elend gewußt —, die Tränen strömten mir aus den Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über die verhärmten Züge der Frau; sie ließ die Arbeit sinken und streichelte mir tröstend die Hände: »So a guts Herzerl sans — das hat mir gwiß der liebe Herrgott geschickt!« — mich durchstach das Wort mit Messerschärfe: Ja, war es denn möglich, daß Gott solchen Jammer mit ansehen konnte?! Was hatte die Mutter, was hatten die kleinen Kinder getan, daß sie so leiden mußten? Warum lebten sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war? Und wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel errötend sah ich an meinem eleganten Kleide hinab und blickte scheu zu den vielfach geflickten dürftigen Röckchen der Kinder hinüber, die sich wieder der Türe genähert hatten, um mich anzustaunen. Und ich fühlte plötzlich die Spitzen meines Hemdes auf meinem Körper brennen, — hatten nicht am Ende ebenso arme durchstochene Finger sie genäht, wie die der Witwe vor mir? O, wie ich mich schämte! Wären die Kinder auf mich zugestürzt und hätten mir das weiche Tuch meines Kleides vom Leibe gerissen, hätte die Mutter sich mit meinem Mantel bekleidet, — ich hätte es in diesem Augenblick ganz natürlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der Kleinen mit keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung auf mir, und die Mutter pries überschwenglich mein »gutes Herz«.
Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um das Notwendigste einzutragen. Mechanisch stellte ich meine Fragen. »Wie alt sind Sie?« — »Sechsundzwanzig.« — Erschrocken sah ich auf: dies gelbe, faltige Gesicht, der krumme Rücken, die dünnen Haare, der erloschene Blick, — und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah plötzlich meine Tante vor mir, die vierzigjährige — und ein dumpfer Zorn bemächtigte sich meiner. »Wie lange arbeiten Sie am Tage?« — »I steh halt um fünfe auf und leg mich um zwölfen nieder!« — Und das alles nur um das elende Leben am nächsten Tag weiter zu fristen!
»Was verdienen Sie in der Woche?« — »Sechs Mark, und wanns arg gut geht, achte. In der stillen Zeit gibts oft keine drei und vier. Und fünf — sechs Wochen im Jahr is die Arbeit rar.« — Also hatte sie für sich und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, — und ich gebrauchte für bloßen Toilettentand mehr als sie mit den Kindern zum Leben hatte!
Ich ertrug es nicht länger. Das Weltbild verschob sich mir, und seine Farben flossen zusammen, so daß nichts als ein schmutziges Grau übrig blieb. Ich griff in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun, was für mich weit beschämender war, als für die arme Frau, schüttete ich ihr den Inhalt meiner Börse in den Schoß und lief, so rasch ich konnte, davon. Als ich, trotz aller Mühe, mich zu beherrschen, atemlos und erregt von dem Erlebten berichtete, erklärte die Tante mich für »überspannt«. »Wie kannst du die Dinge nur von unsern Empfindungen aus bewerten. Die Leute sind das nicht anders gewöhnt, und wenn für das Notwendigste gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie übermäßig zu bedauern heißt, sie zu Sozialdemokraten machen.«
Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen Tochter Fabrikarbeiterin war. Die Armenunterstützung, die er erhielt, reichte zu seiner Erhaltung nicht aus, und sie hatte erklärt, von ihrem Lohn nur wenig erübrigen zu können. Der Alte saß am Fenster eines reinlichen Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununterbrochen, rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche Wolken umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein Fenster zu öffnen, widerstand er heftig. »I hobs auf der Brust und vertrag ka Zugluft nöt,« sagte er. Unter Räuspern und Husten begann ich mein Verhör. Er beklagte sich lebhaft über die Tochter, die »a schön's Stück Geld« verdiene, aber »alleweil mehr an Putz denkt als an den alten Vater,« und lieber auf »die Tanzböden umanand hupft« als bei ihm zu sein, der »dös ausgeschamte Ding doch nu amal in die Welt gesetzt hat.« Grade ging die Türe und »d' Resi« kam nach Haus, ein schmalbrüstiges junges Mädchen mit hektischem Rot auf den Wangen und fiebrig glänzenden Augen. Sie hustete. »Kannst nit a bissel s' Fenster auftun,« bat sie nach einer verlegnen Begrüßung, »wenn man eh' den ganzen Tag gar nix wie Staub schluckt.« Aber der Alte gab nicht nach, sondern eiferte bloß über die ungeratenen Kinder — »zu meiner Zeit gab's koanen eignen Willen nöt bei die Madl. Heut zu Täg is aus mit'n schuldigen Respekt.« Die Resi bat mich, ihr mit meinem Fragebogen in die Küche zu folgen. Dort riß sie das Fenster auf, und ein Hustenanfall erschütterte ihre Brust, so daß ihr vor Anstrengung die Schweißtropfen auf der Stirne standen. Seit vier Jahren arbeitete sie, die eben erst achtzehn geworden war, in der großen Spinnerei, zu deren Aktionären auch meine Tante gehörte, wie ich aus ihrem eifrigen Studium der betreffenden Kurszettel erfahren hatte. Sie verdiente sieben Mark in der Woche, wovon sie dem Vater die Hälfte abgab. »Für mehr langt's gewiß nit, Fräulein,« fügte sie mit tränenden Augen hinzu, »i brauch a bissel was für's Gewand, und dann, — schauen's, wie's mi grad gepackt hat — dös kommt alle Tag' a paar Mal — der Herr Doktor hat gesagt, i soll viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter am Tag« — aus dem Winkel des Schränkchens suchte sie ein Töpfchen hervor, dabei ängstlich nach der Türe schielend, ob auch der Vater nichts merken könne. »Recht a gute Luft, meint der Herr Doktor, wär' halt auch nötig« — ein bittres Lächeln huschte um ihre Lippen — »Sie merkend ja selber, wie's hier damit steht, und schlafen muß i a no bei ihm drinnen! Wie's aber in der Fabrik is, das wissen's gewiß nit, — da schluckt einer weiter nix wie Baumwolle.«
Zu Hause meinte ich, es wäre am besten, der Alte käme ins Spital. Die Tante war empört über meine Herzlosigkeit. »Ein Kind gehört zu seinen Eltern,« sagte sie, »und dann am sichersten, wenn sie alt und krank sind.« Nach einer neuen, »fachverständigeren« Untersuchung wurde festgestellt, daß die Resi am Sonnabend stets auf dem Tanzboden zu finden sei und für bunte Bänder immer Geld übrig zu haben scheine. Diese Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer Entrüstung mitgeteilt, die ich beim besten Willen nicht zu teilen vermochte. »Wir gehen doch auch in Gesellschaften — noch dazu ohne die ganze Woche gearbeitet zu haben,« sagte ich naiv, »und die Resi ist jung wie wir, dazu arm und krank — laßt ihr doch das bißchen Lebensfreude.«
Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten. Nur zu Weihnachten durfte ich an der allgemeinen Bescherung des Krippenvereins teilnehmen. In einem langen niedrigen Saal standen hölzerne Tafeln mit geschmacklosen bunten Wollsachen, Schuhen, derben Wäschestücken, ein paar Pfefferkuchen und verschrumpelten Äpfeln bedeckt; ein dürftig geschmückter Baum streckte seine großen Zweige wie lauter wehklagend erhobene Arme nach der Zimmerdecke. Lieblos und nüchtern — gar nicht nach Weihnachten — sah es aus, und ich mußte der Großmutter denken, die selbst den Ärmsten immer irgend eine »Überraschung« bereitete, denn »les choses superflus sont des choses très nécessaires« Pflegte sie mit ihrem gütigsten Lächeln zu sagen. Auf der einen Seite drängten sich die Frauen und Kinder eng zusammen, auf der anderen saßen die Damen des Vorstands, und unter dem Baum stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt. Er war mir völlig fremd diesen Abend, als er so viel vom »Vater im Himmel« sprach, »der die Armen nicht verläßt,« von »den wahrhaft christlichen Seelen der gütigen Geberinnen,« von der gebotenen »Dankbarkeit und Zufriedenheit der Empfangenden.« Dann wurde gesungen und dann beschert, wobei die Mütter ihre Kinder immer wieder ermahnten »vergelts Gott« zu sagen, obwohl die kleine Gesellschaft offenbar nicht recht wußte, warum. — Über eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen hätten sie sich tausendmal mehr gefreut, als über all die prosaischen Nützlichkeiten.
Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal wenige Stunden später hunderte von Kerzen ein warmes strahlendes Licht verbreiteten und alle Geschenke meiner Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch nie ein so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei »schlechter Laune«, meinte die Tante ärgerlich, der mein Dank nicht stürmisch genug war. Nachts darauf hatte ich wieder einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und wußte bald nicht mehr, ob meine Tränen um das körperliche Leid oder um die Zerrissenheit meines Innern flossen.
Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr besuchen, trotzdem mir dringend empfohlen wurde, mir die gute Gelegenheit, so viel zu lernen, nicht entgehen zu lassen. Nur nichts hören und sehen von dieser Hölle, in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!
Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins Theater, und je mehr die natürliche Lebenslust befriedigt und die Eitelkeit genährt wurde, desto leichter wurde mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt mitten durch den Zug der heimkehrenden Arbeiter, so schloß ich am liebsten die Augen, nachdem meine Bitte, diese Gegend zu meiden, als »sentimental« unerfüllt geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und nur die müden Schritte hörte und das freudlose Gemurmel vieler Stimmen, war es mir, als ginge ich mitten unter ihnen und sähe meinen Doppelgänger bequem in die seidenen Kissen gelehnt an mir vorüber rollen. Und dann packte mich eine Wut — eine Wut, daß ich am liebsten den nächsten Stein genommen und ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert hätte!
Sah ich dann, wie aus wüstem Traum erwachend, um mich, so fiel mein Blick nur auf gleichgültige oder bewundernde Mienen — es gab sogar Männer, die die Mütze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.
Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er war von überströmender Freude und Zärtlichkeit, die ich gerührt und dankbar empfand. Seine Schwester rühmte mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer Mühen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben auf die Eltern nicht fehlen ließ, die mich in so »verwahrlostem« Zustand ihr übergeben hatten. Seltsam, wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles gefallen ließ; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn, aber er schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die Liebe, die mich umgeben, die Freiheit, die ich genießen sollte, auf die Pflichten, von deren Erfüllung ich mir Befriedigung versprach. Alles Böse wollte ich den Eltern vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten! Meine Gedanken und meine Empfindungen waren schon lange, lange vor mir daheim.
Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im dämmernden Park auf und nieder ging, kam es über mich, wie eine Vision. Ein großes, dunkles Tor sah ich und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender Menschen, die daraus hervorkroch: Mädchen, wie die Rest, und Frauen, wie die arme Witwe, und viele, viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. — Ich warf mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann ins helle Licht der Lampen trat, schlang die Tante, beim Anblick meiner tränenfeuchten Augen, gerührt über so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.
»Bleibe mein gutes Kind,« sagte sie beim Abschied mit Betonung.
Siebentes Kapitel
Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in Brandenburg ankamen, mein Vater und ich. Über das holprige Pflaster rasselte die große alte Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne Roland am Rathaus warf einen langen schwarzen Schatten auf die einsame Straße, und in dem grünen Dachlaubkrönchen auf seinem Haupte spielte leise der Wind. Unter der weiten Wasserfläche am Mühlendamm, der zur Dominsel hinüber führt, breitete der Nebel leichte duftige Schleier aus, die ein zitternder Streifen silbernen Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so daß sie flatterten, wie grüßend von unsichtbaren Händen bewegt.
Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen auf den Domhof. Dunkel und wuchtig wie eine Burg ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor, das den engen Platz und die einstöckigen Häuschen ringsum, aus deren tiefen roten Dächern erstaunte Fensteraugen verschlafen blickten, mit seinem Schatten zu erdrücken schien. Nur das größte der Gebäude, das breit und massig an der andren Seite den Hof abschloß, war wach: helles Licht strömte daraus hervor und verscheuchte den Schatten; um das weit offene Tor über der grauen Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter Frühlingsblumen, und auf der obersten Stufe erschien, als habe die größte davon sich losgelöst, und sei vom Mondzauber getroffen zu nächtlichem Elfenleben erwacht, ein kleines, schneeweißes Geschöpfchen, Stirn und Wangen von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre Ärmchen warm meinen Nacken umschlangen, fühlte ich, daß es ein Menschlein war, das mich willkommen hieß: mein Schwesterchen. Mit ungewohnter Zärtlichkeit begrüßte mich die Mutter, mit einem: »Nun bist du endlich daheim,« aus dem die ganze vergangene Sehnsucht klang, küßte mir der Vater die Stirn, und die Freude hielt mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich schon lange weich und wohlig umfingen.
Mit dem dämmernden jungen Tage trieb die Erregung mich zum Tore hinaus. Still und verträumt lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen Steine der Mauern erzählten von der Vergangenheit. An unseres Hauses Platz mochte Pribislavs, des letzten Wendenherzogs, Fürstensitz sich erhoben haben, als er Albrecht, dem askanischen Bären, Krone und Land überließ und Triglaff, den dreiköpfigen Götzen, dem Christengott zu Ehren verbrannte. Sieben Jahrhunderte hatten zusammengewirkt, um des Gekreuzigten Haus zu errichten, und viele wilde Kämpfe um Glauben und Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt spotteten, hatten auf dem Raum zu seinen Füßen getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an Giebel und Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten weiße Tauben die Körnlein auf, die sich in dem wuchernden Unkraut zwischen den Pflastersteinen verloren hatten.
In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne auf den blauen Wassern der Havel rings um die Dominsel und malte alle Farben des Regenbogens auf die Tautropfen der Wiesengräser. Der Garten hinter unserem Hause, wo die Obstbäume weiß und rosenrot blühten, reichte bis hinab an das Ufer. Ein Kahn lag im Schilf vor dem weißem Pförtchen, das die alte verwitterte Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte sich außen an die epheuumsponnene Wand. Von den wuchernden Ranken fest umschlossen, lag ein kleiner, pausbäckiger Liebesgott aus grauem Sandstein daneben; wie lange schon mochte er vom Sockel gestürzt sein und die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgewölbe richten! Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen und steckte ihm statt des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig in die winzige Faust. Mir wars, als lachte er — ein helles, zwitscherndes Lachen —, vielleicht warens auch nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter Wind, der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit sich trug, strich mir lind um die Stirne. Es war der Mai, der mich grüßte, der Mai, dem mein Herz stürmisch entgegenschlug!
Zu sieben feierlichen Schlägen holte die Uhr im Domturm langsam aus. Und mit einemmal ward es lebendig: die späten Nachfolger der Mönche im Stiftshaus gegenüber, das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine Ritterakademie verwandelt hatte, stürmten über den Hof, — lauter kecke brandenburgische Junker, deren harte Schädel der Weisheit der Magister trotzten, wie die ihrer Vorfahren von je den friedsamen Bürgern Trotz geboten hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, — die neue Nachbarin, — und musterten mich halb neugierig, halb bewundernd; einer, ein langer, blonder, streckte mir die Hand entgegen und warf mir mit der anderen lachend einen ganzen Strauß von Vergißmeinnicht zu, so daß die blauen Sternchen mir in Haar und Kleid hängen blieben. Noch ehe ich eine Antwort fand, flog mir mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg tauchten blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters Regiment. Mich zu empfangen, kamen sie, und all die Lieder von Glück und Liebe, die sie spielten, schmeichelten sich in mein Herz, und die Walzermelodien waren wie ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen Rausch seliger Träume hüllte. Es war der Mai, der Mai, der mich grüßte!
Hat sich die Natur seitdem so verändert, ist das Sonnenlicht trüber, sind die Farben der Blumen matter geworden, oder waren es meine siebzehn Jahre, die ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?
Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof und Garten. Wie sie erstaunt und gläubig die blauen Augen aufriß, wenn ich ihr die schattigen Winkel zeigte, wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem Blütenkelch nach den Elfen suchen ließ! Beladen mit allem, was strahlte und duftete im Garten und auf der Wiese, stiegen wir dann die weiße Treppe zur Diele hinauf, um dort alle Vasen und Gläser zu füllen, die die Zimmer schmücken sollten. Gegenüber, an den Fenstern der Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenköpfe aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und Nicken hin und her. Bald kannte ich die, die zur Freistunde den Platz am Fenster dem Spiel im Schulgarten vorzogen. Unsere Sonntagsgäste waren die meisten von ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergißmeinnicht zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die Tertia ließ ihn noch immer nicht los, trotz seiner achtzehn Jahre; sein schmaler Schädel war offenbar nicht der Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen und Schlittschuh laufen konnt' er dafür, wie kein anderer; und zum Fenster hinaus und hinein konnt' er klettern, wenn es galt, zu verbotener Abendstunde unseren Garten zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage Blumen von den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit den Wissenschaften auf noch feindseligerem Fuß als vorher. Die Junker von drüben waren alle meine Ritter, aber er allein war es mit der ganzen Hingabe seines treuen Herzens. All meinen Übermut ließ er über sich ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte. Geduldig hütete er mein Schwesterchen, wenn ich zum Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig kletterte er über die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen, die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er in die Felder, um Kornblumen zu pflücken, die er, von seidenem Band umwunden, frühmorgens, ehe ich erwachte, in mein offenes Fenster warf; mit den Havelschwänen bestand er so manchen Kampf, weil ich mir die gelben Mummeln so gern in die Haare steckte. Den köstlichen Genuß heimlich gerauchter Zigaretten gab er auf, um mir statt dessen für sein Taschengeld allerlei Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.
Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins seiner Pferde zur Verfügung zu stellen. Ehe ich noch die Treppe hinab kam, die lange Schleppe meines Reitkleides stolz hinter mir schleifend, stand er schon rot vor Erregung wartend im Hof, und seine Hände, die er mir unter den Fuß schob, um mir hilfreich in den Sattel zu helfen, zitterten jedesmal. Unterwegs strahlte er vor Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend einer Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich sonst angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich einen Sturm heraufbeschwor, so ließ ich, wenn der Fritz dabei war, die Peitsche oft absichtlich fallen, um zu sehen, wie seine schlanke Jünglingsgestalt sich geschmeidig aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene wiederzubringen. Vergrößerte sich unsere Kavalkade, so kam es wohl vor, daß seine Mundwinkel zuckten, wie die eines kleinen Kindes, das weinen will, und er wortlos kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause zu reiten.
Das alte Städtchen war erfüllt von Jugend. Es gab gar keine alten Leute, glaube ich; vielleicht daß sie sich wie die Maulwürfe vor dem lachenden Tag grämlich verkrochen. Auch nur wenig junge Mädchen gab es in unserem Kreise, dafür um so mehr junge Männer. In meines Vaters Regiment war ich die einzige meiner Art, und daß alle Leutnants dem Regimentstöchterlein huldigten, war eigentlich selbstverständlich. Sie waren zumeist berliner Kaufmannssöhne, die bei den 35ern eintraten, weil ihnen trotz reichlicher Zulage die Garde verschlossen blieb und sie sich doch nicht zu weit von der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter ihnen hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen Aufwand wie durch seinen Hochmut die feudalen Kameraden von der Kavallerie zu übertrumpfen. Das Offizierkorps der weiß-blauen Kürassiere dagegen setzte sich aus dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen, und zwischen ihnen und den Füsilieren bestanden vor unserer Zeit so gut wie keine gesellschaftlichen Beziehungen. Die einen verkehrten auf den Rittergütern der Umgegend, mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie verbanden, die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der Kaufleute und Fabrikanten vor. Das änderte sich bald, als meine Eltern nach Brandenburg kamen. War meines Vaters Adelsstolz durch das bürgerliche Regiment verletzt worden, so half ihm seine altpreußische Auffassung von der Vornehmheit des Offiziers als solchen darüber hinweg, und er setzte alles daran, diese Idee auch in den äußeren Fragen des Verkehrs zur Geltung zu bringen. Leicht war es nicht, denn Bürgerstolz ist oft so hartnäckig wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mußte es als Kränkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen als eines Offiziers unwürdig bezeichnet wurden, die doch seiner eigenen Herkunft entsprachen. Aber der daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters Wünsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare neidvolle Bewunderung des Bürgerlichen für den Aristokraten, die oft die Maske des Hochmuts trägt, meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter demütigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten Aufnahme zu finden. Unsere eigenen vielfachen freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Verbindungen mit dem Landadel und seinen Söhnen im Kürassierregiment unterstützten überdies die Durchsetzung der Erziehungsprinzipien meines Vaters.
Das Unerhörte geschah: zu Pferd und zu Wagen, wenn es aufs Land hinaus ging zu den Rochows und Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem Picknick im Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer häufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf, und nur der aufmerksame Beobachter bemerkte, daß sich hinter der tadellosen gesellschaftlichen Form eine tiefe innere Feindseligkeit verbarg. Grade die vollendete Höflichkeit, mit der der Kürassier den kleinen Leutnant von den Füsilieren behandelte, richtete die Schranke auf, die den Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, — dieselbe Höflichkeit, die so aufreizend wirken kann, weil ihre kühle Glätte keinerlei Angriffsfläche gewährt.
Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen Offizieren ebenso freundlich entgegen zukommen, wie den andern: »Daß sie Müller und Schultze heißen, muß dich nicht stören; sie tragen alle denselben Rock, und heiraten brauchst du sie ja nicht!« Nein, gewiß nicht! Der bloße Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten —! Der Vornehmste und Schönste war mir dafür in meinen Zukunftsträumen nur grade gut genug! Warum auch ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes freies Jugendleben vor mir lag! Glücklich und harmlos ließ ich mich von den schmeichelnden Wogen der Bewunderung tragen; bei manchem glühenden Blick und heißen Händedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah den einen lieber als den andern, ich dachte nicht daran, meine Empfindungen zu verstecken, denn ich liebte dankbar strahlende Augen und zeichnete freudig den aus, der mir am meisten huldigte.
Entzückend war's, wenn die halbwüchsigen Knaben der Ritterakademie sich im Garten um den Platz neben mir rauften; hoch auf klopfte mein Herz, wenn der blonde Vetter mich beim Greifspiel stürmisch an sich riß; weiche süße Gefühle beschlichen mich, saßen wir, lauter lebensprühende Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte meine Hand im Wasser die des schwarzäugigen Leutnants, meines getreuesten Kavaliers. Triumphierende Siegesfreude trieb mir das Blut wild durch die Adern, wenn meine braune Stute mich früh im Morgennebel über den Exerzierplatz trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den Stahlhelmen der Kürassiere blitzten und Blicke mir folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gruß mehr bedeutete als bloße Höflichkeit.
Und einmal kam ein Tag, heiß und gewitterschwül, der uns alle, eine große lustige Gesellschaft, in blumengeschmückten und buntbewimpelten Wagen hinausführte in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns geladen hatten. Unter grünen Bäumen in hellen Zelten waren Tische gedeckt, Schieß- und Würfelbuden mit allerlei beziehungsvollen Gewinnen standen im Hintergrund, auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch empfing uns die Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier und meines Vaters jüngster Leutnant, begrüßte mich mit einem Strauß dunkler, duftender Rosen. Er wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu befreien, aber — war's Absicht oder Zufall — man ließ uns immer wieder allein; niemand, so schien's, wollte dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen. Es wurde dämmernder Abend. Müde von Scherz und Spiel lagerten wir unter den Bäumen und schöpften aus großen Kupferkesseln kühle, duftende Erdbeerbowle, die den Durst nicht löschte und das Blut nicht kühlte, es vielmehr unruhig pochend gegen die Schläfen trieb. Eine halbwelke gelbe Rose löste sich mir vom Gürtel, — der Mann zu meinen Füßen griff danach, und ich sah seine Hände zittern, als er sie an die Lippen drückte.
Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von Baum zu Baum, Raketen und Leuchtkugeln flogen zum Himmel empor, wie lebendig gewordene, zuckend heiße Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und sehnsüchtiger klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander geschmiegt; selig erschauernd fühlte ich das pochende Herz an dem meinen schlagen, den heißen Atem meine Stirne streifen. Tiefer in den Wald ließ ich mich in halbem Traume führen. Erst als es still, ganz still um mich wurde, sah ich auf — in zwei Augen, die sich verzehrend auf mich richteten. Stumm lehnte ich mich in den Arm, der sich um mich schlang, und mir war, als versänke ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich glühend auf die meinen preßten. Die Betäubung schwand nur halb, als Geschwätz und Gelächter, Pferdestampfen und Peitschenknallen mir ans Ohr tönten und die Wagen durch die Nacht heimwärts fuhren. Es wetterleuchtete am Horizont.
Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und weckte mich am anderen Morgen. Trübselige Alltagsstimmung lagerte über Haus und Garten, und mich fröstelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging. Mittags kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein erregtes Räuspern, sein schwerer Tritt kündigten nichts Gutes an.
»Du bist ja eine nette Pflanze!« rief er, kaum daß er eingetreten war »hinter dem Rücken deiner Eltern bändelst du mit meinen Leutnants an und setzt ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine Ehre im Leibe?!« Verständnislos starrte ich ihn an. »Tu doch nicht so naiv,« schrie er wütend. »Du weißt ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich würde meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in die Arme werfen!« Ich erschrak — war das möglich: der Fredy hatte um mich angehalten! »Aber ich will ja gar nicht!« stotterte ich. Ein halbes Lächeln huschte über das rote Gesicht meines Vaters: »Ja, zum Donnerwetter, was bildet sich denn dann der Kerl ein —, er versichert hoch und teuer, deiner Zustimmung gewiß zu sein!«
Es half nichts — nun mußt' ich beichten. Und als ich so im grauen Tageslicht den süßen, heißen Traum der Nacht mit kalten Worten wie mit Messern zerschneiden mußte, faßte mich ein tiefer Groll gegen den Mann, dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein Kuß in der Julinacht, — und früh tritt er an mit Helm und Schärpe und begehrt mich zum Weibe für ein ganzes langes Leben!
»Man küßt doch nicht, wenn man nicht heiraten will!« sagte meine Mutter kopfschüttelnd, als der Sturm des väterlichen Zorns sich etwas gelegt hatte.
»Heiraten — so einen fremden Mann!« kam es darauf zögernd über meine Lippen. Die Wirkung meiner Worte war verblüffend: mein Vater lachte — lachte, bis ihm die dicken Tränen über die Backen liefen. Und abends schenkte er mir einen goldgelben Sonnenschirm, den ich mir schon lange gewünscht hatte.
Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte Papa von dem abgewiesenen Freier, daß er sich benehmen müsse, als sei nichts geschehen. Fredy folgte, aber er folgte in einer Weise, die das Gegenteil von dem erreichte, was beabsichtigt war: sein finster-verkniffenes Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er sich neben uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der er mich strafte, fielen weit mehr auf, als seine Abwesenheit aufgefallen wäre. »Du hast dem Fredy einen Korb gegeben!« rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen von den Dächern. Mit jenem Solidaritätsgefühl, das den preußischen Offizier charakterisiert und sich selbst stärker erweist als die Subordination gegenüber dem Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner Partei: sie sprachen nur das Notwendigste mit der Tochter ihres Kommandeurs; und tanzten sie mit ihr, so waren es nur Pflichttänze. Selbst wenn ich gewollt hätte, — diese geschlossene Phalanx würde allen Eroberungsversuchen getrotzt haben. Aber ich wollte gar nicht; zähneknirschende Empörung erfüllte mich, nicht, weil die Kurmacher mir verloren gegangen waren, sondern weil ich zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein Geschlecht im Vergleich zum männlichen behandelt wurde.
Als ich einmal wieder »pflichtschuldigst« von einem der Offiziere des väterlichen Regiments bei einem Diner zu Tisch geführt worden war und mich tödlich gelangweilt hatte, trat ein alter Major, der mir sein besonderes Wohlwollen zugewendet hatte, lächelnd auf mich zu.
»Sie müssen sich darein finden, Kleine,« sagte er »das Kokettieren ist nun mal eine böse Sache und straft sich immer.«
»Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert!« rief ich in dem Bedürfnis, einmal auszusprechen, wie ich empfand, »ich hab' ihn gern gehabt, sehr gern sogar, aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau zu werden.«
»Ein junges Mädchen darf es nicht so weit kommen lassen —«
»Wenn sie nicht heiraten will!« unterbrach ich den braven Mann lachend, dessen spitze Schnurrbartenden zu zittern begannen. »O ich kenne die Weise, und weiß daher, daß die ganze Musik falsch ist, grundfalsch! Warum soll denn ein Mädchen sich gleich mit Leib und Seele verschreiben, wenn sie Einen freundlicher anlächelt als den andern? Warum soll der ein Recht haben auf ihre Hand, dem sie an einem schönen Julitag einmal von Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe von Ihren Leutnants, die manch armes Ding durch ganz andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer Gefühle glauben lassen?!«
»Aber — mein gnädigstes Fräulein —« unterbrach der Major mit einer verzweifelnden Gebärde meinen Redefluß und richtete sich steif und gerade auf, so daß sein Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte. Seine kleinen wasserhellen Augen drückten dabei ein so komisches Entsetzen aus, daß meine Empörung verflog und ich das Lachen nicht unterdrücken konnte. »Beruhigen Sie sich nur, Papa Schrott« — damit streckte ich ihm begütigend die Hand entgegen — »wenn ich mal so alt bin, wie Sie, werd' ich gewiß gerad' so moralisch sein!« Aber er nahm meine Hand nicht —
Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekränkten spielen! Mein Vater irrte sich offenbar: der gleiche Rock macht nicht zu Gleichen! Die Kürassiere tanzten und ritten nicht nur viel besser, sie waren auch fröhlichere Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, — dem einzigen, das ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr es in sich schloß, und je höher der Einsatz war. Wie ein Raubvogel mit weit gestreckten schwarzen Schwingen schwebte die Phantasie über den grünen lachenden Blumenmatten meines Lebens. Stark genug wäre sie gewesen, mich empor zu tragen in ihr Höhenreich, wo ich zu ihrem Herrn geworden wäre; aber zur Furcht vor dieser Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun lauerte sie hungrig und rachgierig auf tägliche Beute, und ich mußte mich ihr unterwerfen.
Das gleichmäßige Tiktak des Alltags vertrug ich nicht, beschleunigt mußte es werden bis zum Fiebertempo, oder übertönt von Fanfaren der Freude. Wenn ich den Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre langweilige Dürre mit Blumen, wenn ich mit meinem Schwesterchen spielte, so spielte ich nicht mit ihr, mich ihrer Kindlichkeit unterwerfend, sondern führte vor ihr meine bunten Träume auf. Mir genügte nicht ein kurzes, harmlos improvisiertes Tänzchen, es mußte ein wogender, leidenschaftlicher Tanz bis zur Erschöpfung daraus werden. Und eine Stunde zu Pferde in der Morgenkühle stachelte nur mein Verlangen nach wilden Ritten über Stock und Stein.
Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als auf meine Reitkunst, die das Ergebnis seiner eigensten Erziehung war, und nie so geneigt, mir nachzugeben, als wenn meine Wünsche dieses Gebiet berührten. Schon früh am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag durfte ich mir die Stute wieder satteln lassen, oder den großen Braunen mit der sternzackigen weißen Blässe auf der Stirn, dessen spielende Ohren sich auf jeden leisen Zuruf verständnisvoll spitzten, der schon dem sanftesten Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil über Hecken und Gräben flog. Fast immer hatte ich Schmerzen, wenn ich ritt, jene alten Schmerzen in der rechten Seite, die sich in Augsburg so gesteigert hatten, aber der Genuß ließ mich die Zähne zusammenbeißen. Im Sattel fühlte ich mich frei; und wie meine Füße nicht den Staub der Straße berührten, so war meine Seele fern von allem, was grau und schmutzig unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch zu fühlen vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den Hufen meines Pferdes nachgab, so daß das Reiten war wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und Wälder sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle Bahn für einen langen Galopp, — dann liebte ich sie, dann ergriff ich Besitz von ihr und träumte mich als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.
Freiheits- und Herrschaftsgefühl, — das ists, was nur der Reiter kennt, darum war Reiten von je her Herrenrecht. Im Schweiße seines Angesichts, wie ein Sklave, schwer mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der Radler sein Stahlroß vorwärts; nur auf gebahnten breiten Wegen vermag der Kraftwagen ratternd und pustend durch die Welt zu rasen, indes der Reiter sich leise durch tiefe Waldeinsamkeit tragen läßt und das edle Tier unter ihm den reinen ruhigen Genuß der Natur nicht stört. Lockt ihn die Ferne, begehrt er, seine Kräfte zu erproben, um seinem Mute vor sich selbst ein Zeugnis abzulegen, so genügt ein Druck der Sporen, und er spottet aller Hindernisse. Er ist der Künstler, der freie, starke, — arme Arbeiter aber sind jene anderen, abhängig von ihrer Maschine, ihr untergeben. Wir ritten oft weit: bis nach Rathenow hinüber, wo der tolle Rosenberg seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog und trotz Sekt und Morphium von keinem der Schüler je übertroffen wurde, oder westwärts zu den blauen Potsdamer Havelseen, wo die Berliner Touristen uns freilich oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf Schusters Rappen vorwärts bewegt, ist der geborene Feind dessen, der vier Pferdebeine unter sich hat, und der strengste Vater steht ohne ein Scheltwort mit heimlicher Befriedigung seinem Sprößling zu, wenn er mit Steinchen nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul die Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige Identität von Reiter und Ritter ist unvergessen, und unter der Schwelle des Bewußtseins schlummert vielleicht irgend eine altmärkische Erinnerung an die Krachts und Quitzows, die den Haß steigern hilft.
Im Spätherbst wars, an einem jener lichtfunkelnden Oktobertage, wo die Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs glänzen und die dunkeln Silhouetten der Kiefern sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein paar Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit reizte mich, vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die Stoppelfelder boten freie Bahn, und kein Hindernis im Gelände war mir fremd. Bis zur alten Eiche im Plauer Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.
»Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis!« rief lachend einer der Herren. »Sie vergessen, daß ich siegen werde!« antwortete ich, den Kopf in den Nacken werfend, und klopfte meinem Braunen aufmunternd auf den schlanken Hals. »Für den Fall wünschen Sie sich ruhig die Krone vom Kaiser von China!« spottete ein anderer, und fort gings in gestrecktem Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir den ersten Graben, — aber schon flog ich voraus, eine halbe Pferdelänge hinter mir der Fuchs meines Vaters, der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff. Über die Mauer setzte ich und wieder über eine, die das Gehöft eines armen Käthners umschloß. Ich war allein. Jauchzen wollte ich im Vollgefühl nahen Sieges — aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken —, ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Körper. Unwillkürlich fuhren die Sporen meinem Gaul in die Flanke. Überrascht von der unverdient schlechten Behandlung, stieg er mit den Vorderbeinen hoch in die Luft, um im nächsten Moment in wahnsinniger Pace vorwärts zu jagen. Jeder Sprung steigerte meine Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen, — ich hing nur noch im Sattel. Mit dämmerndem Bewußtsein sah ich eine große blaue Wasserfläche dicht vor mir: den Plauer See. Wie eine Bitte stieg es auf in mir: trag' mich hinein, mein treues Roß, trag' mich hinein — daß die brennenden Schmerzen sich kühlen! Und mir war, als schlügen die Wellen über mir zusammen.
Im grünen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir und sah in das guten Vetters verängstigtes Gesicht, das sich dicht über mich beugte. Tränen standen in seinen Augen, und unterdrücktes Schluchzen erschütterte seine Stimme, als er rief: »Du lebst! Gott Lob — du lebst!« Als mein Vater kam, stand ich schon auf den Füßen und machte krampfhafte Anstrengungen, ihm möglichst sorglos entgegenzulächeln.
Ein Wagen vom Planer Schloß brachte mich nach Hause, und der rasch geholte Arzt machte mit der Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.
Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an mein Leben ab. Mein Lieblingsplatz war draußen vor der Mauer, wo der Hollunderbusch geblüht hatte, als ich im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer noch grade auf den dicken Beinchen, aber die Vöglein zwitscherten nicht mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der Herbst es gefärbt. Darunter lag ich und sah in den Himmel und hörte die Blätter fallen. Vetter Fritz war fast immer neben mir, meiner Wünsche gewärtig, — er hatte das Lernen nun wohl ganz aufgegeben.
Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer heftigeres Verlangen trug, kam der Arzt zweimal des Tages, und süße, traumhafte Stunden waren es, wenn der Körper schwer und schwerer und der Geist immer leichter wurde. Zu überirdischer Größe fühlte ich ihn wachsen, und Kräfte durchströmten mich, stark genug, mit einer ganzen Welt den Kampf zu bestehen. Panzerumgürtet sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur Jungfrau von Orleans mich träumte, und ich schämte mich des tatenlosen, bunten Spiels, das ich getrieben hatte. Aber auch andere Träume kamen, die mich streichelten oder mir heiß das Blut in die Wangen trieben; dann ließ ichs geschehen, daß der Knabe neben mir meine Hände küßte und von der Glut seiner Liebe unsinnige Dinge sprach.
»Erlaube nur, daß ich dich liebe und daß ichs dir sagen kann —« flehte er — »bald werde ich dich nicht mehr sehen dürfen wie jetzt, ferner und ferner wirst du mir sein, — eine Balldame, und ich — ein Schuljunge!« Stöhnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten, um gleich darauf mit heißen Augen wieder zu mir aufzusehn: »Aber lieben — lieben werd' ich dich immer!«
»Immer?!« — Wird nicht ein einziger Herbststurm den kleinen Liebesgott wieder vom Sockel werfen? — Ich lächelte wehmütig. Kühl wehte der Abendwind vom Wasser, das die Nebel schon zu verhüllen begannen, und fröstelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.
Achtes Kapitel
»Nun wird sie schlafen — —« hörte ich in halbem Traum den Arzt zu meiner Mutter sagen, während sich leise die Türe hinter ihnen schloß. Seit vier Tagen hatte ich mich in Schmerzen gewunden, die selbst der Morphiumspritze stand hielten. Heute war ich chloroformiert worden. Durstig hatte ich unter der Gazemaske den süßen Duft wachsender Betäubung eingesogen. Jetzt lag ich schwer, wie in Ketten gebunden, auf dem Bett, — schmerzlos, schlaflos. Ein mattes, rosig flackerndes Licht ging von dem Nachtlämpchen neben mir aus. Die gelben Blätter auf der Tapete zuckten hin und her — zuerst langsam, dann immer schneller, schneller —, mir wurde schwindlig dabei. Ich schloß die Augen. Gott, war ich müde! — Plötzlich sprang die Türe auf, und es schwebte herein, groß, weiß und kalt; Augen sahen mich an, ohne Farbe, wie Mondlichter, — und andere tauchten wie aus Nebelschleiern auf, blutunterlaufene, — in schmerzverzerrten Gesichtern, — hungrige, die gierig nach Beute suchten, — lüsterne, in denen kleine, rote Flammen tanzten. Dabei rauschte es wie von vielen Gewändern, und tappte und klapperte, wie von zahllosen Tritten ... Die Wände rückten auseinander vor der schiebenden drängenden Masse gräßlicher Gespenster ... Nun stand sie vor mir, ganz, ganz dicht, die Weiße mit den Mondaugen, und eine Hand, wie von Eis und zentnerschwer, legte sich auf mein Herz. »Queen Mab« schrie ich auf — jetzt saß sie schon auf meinem Bett, und ihre Finger bohrten sich in meine Seite ... Ich aber lag in Ketten gebunden und konnte sie nicht von mir stoßen.
Wir kämpften miteinander — Tage — Wochen. Meine Jugend besiegte sie. Es kamen ganz stille Zeiten, wo die Schneeflocken leise vor meinen Fenstern niederfielen und nur hie und da von weitem ein lauter Ton an mein Ohr schlug: das Stampfen der Pferde im Stall, der Schlag der Domuhr, das lustige Lachen Klein-Ilschens.
Nun wußten die Arzte endlich, woran ich litt: die Nierenentzündung, die mich so überwältigt hatte, ließ keinen Zweifel mehr daran. Ich mußte bewegungslos, grade gestreckt im Bette liegen, auch dann noch, als die Weiße mit den Mondaugen mich längst verlassen hatte. Statt ihrer spitzen Eisfinger in meinem Körper bohrten sich viele kalte Gedanken in mein Hirn.
Wo war ich? Hatte nicht der Morphiumrausch des Leichtsinns alles Gute, Starke in mir eingeschläfert? War ich nicht meinen großen Kinderhoffnungen untreu geworden? Oder: sie mir?! Tanzen, reiten, lachen, mit Herzen spielen, wie mit Federbällen — das Schwesterchen ein bißchen hätscheln, das Haus ein bißchen schmücken —, sollte das des Lebens einziger Inhalt sein? War ich mit sechs Jahren nicht reicher gewesen, wo ich mich als Jungfrau von Orleans träumte, als heute, nach einem Jahrzehnt? Und viel reicher damals, da ich mir den Baldurtempel baute? Ich grub — grub rastlos im verschütteten Schacht meines Innern. Halb verhungert im dunkelsten Winkel, saß sie in sich versunken und grau, meine arme Seele. Wie arm, wie elend war ich! Wo war ein Ziel für mich, des Ringens wert? Wo eine große Flamme, um des Lebens dunkle Asche wieder anzufachen?!
Ein schmales, blasses Antlitz, von schwarzen Spitzen umschlossen, beugte sich über mich. »Großmama,« flüsterte ich, und es war, als ob die Hoffnung eine Türe öffnete, die ins Helle führte. »Nur still, mein Liebling, ganz still —« sagte sie lächelnd, und eine Träne fiel mir auf die Stirn, eine Freudenträne.
Mit einer Pflichttreue, die keine Schwäche aufkommen ließ, hatte meine Mutter mich Tag und Nacht gepflegt. Großmama war gekommen, sie abzulösen. Sie war es auch, die, wie immer, wenn es zum Wohle ihrer Kinder und Enkel notwendig war, die Mittel hergab, durch die ich gesund werden sollte. Als der Arzt mir eine karlsbader Kur verordnete, wußte ich wohl, warum Mama die Lippen zusammenpreßte und Papa sich unruhig räusperte: was sie hatten, verschlang des Lebens notwendiger Aufwand.
So fuhr ich denn mit Großmama, sobald ich transportfähig war, nach Karlsbad, wo sie selbst so oft schon Heilung gefunden hatte. Ihr alter Arzt, zu dem sie mich brachte, schüttelte den Kopf über mich, einen dicken kahlen Mönchskopf, der auf einem dünnbeinigen Zwergenkörper saß. »Nur Seelenaufruhr, wo es nicht das Alter ist, führt zu solchen Körperkatastrophen« — ein fragender Blick aus kleinen blitzenden Äuglein richtete sich auf mich. »Wie alt ist denn das Fräulein?«
»Siebzehn Jahr!«
»Siebzehn Jahr!« Er sprang auf vom Stuhl und durchmaß das Zimmer mit kleinen hastigen Schritten, wobei der runde Kopf sich immer von einer Schulter zur andern neigte.
»Liebesschmerzen?!« — Dabei bohrte sich sein Blick in den meinen. Ich lachte verneinend und schwieg. Hätte er andere Schmerzen verstanden, auch wenn ich sie ihm erklärt haben würde?
Mit jener taktvollen Zurückhaltung, die jeden Zwang auf das Vertrauen eines Menschen, — auch des Nächsten, — sorgfältig vermeidet, forschte auch Großmama nicht weiter, und ich, so gar nicht gewöhnt, mich auszusprechen, fürchtete mich fast davor. Aber wenn wir im Morgensonnenschein unsre Spaziergänge machten, auf bequemen Wegen durch duftenden Tannenwald, der grade seine grünen Frühlingskerzchen aufgesteckt hatte, und die Gipfel der sanft geschwungenen Höhenzüge erreichten, die dem Kranken Kraftleistungen so freundlich vortäuschen, dann durchströmte mich linde, lösende Lenzluft, und schüchtern tastend wagten sich Fragen hervor und Geständnisse.
»Ich kann nicht glauben, Großmama,« sagte ich einmal, als sie von dem inneren Frieden durch den Glauben gesprochen hatte. Wir saßen grade vor der großen, alten Fichte, mit dem verwitterten Muttergottesbild daran, die auf dem Wege zum Freundschaftstempel den ganzen Wald zu beherrschen scheint.
»So laß alle Fragen des Glaubens dahingestellt, und handle nur im Geiste Christi, erfülle deine Pflichten, diene den Menschen, unterdrücke die bösen Triebe in dir und pflege die guten, dann wird der Glaube von selbst kommen, und es wird stille werden in dir.«
Ich schwieg, mechanisch zeichnete mein Schirm Kreise in den Sand. War der Baum vor mir nicht auf Kosten derer, die er besiegte, denen er die Sonne nahm, so gewaltig emporgewachsen? Ein lebendiger Protest erschien er gegen das Madonnenbild mit den Schwertern im Herzen, das sich in seine Rinde grub. Etwas in mir empörte sich gegen die gütige alte Frau neben mir. Meine Kraft täglich in kleinen Opfern verbluten lassen, hieß das nicht schließlich mich selber morden? Und ich begehrte ja gar nicht des Ziels, ich wollte nicht stille werden, ich wollte den Kampf und das laute, sprühende Leben. Aber der Mut fehlte mir, zu sagen, was ich dachte. Darum frug ich nur leise: »Und das Glück, Großmama?«
Sie lächelte, und eine ganz kleine, wehe Falte erschien zwischen ihren Brauen.
»Das Glück! — Wir sitzen, wenn wir jung sind, immer wie vor einem Vorhang und starren gebannt darauf hin und erwarten ein Zaubermärchen von dem Augenblick, wo er aufgeht. Indessen versäumen wir all die echten Gaben des Glücks, die es um uns ausstreut: die Liebe der Unseren, die Gaben des Geistes, die Frühlingsblumen und den Sommerhimmel. Mache nur die Augen auf und strecke die Hände aus, dann hast du sie.«
»Ist das alles?!«
»Nein, mein Kind,« entgegnete die Großmutter, und ein feierlicher Ernst legte sich über ihre Züge. »Du wirst Weib werden und Mutter, und Liebe empfangen und tausendfältige Sorgen. Und dann wirst du wissen, daß sie auf sich nehmen und Liebe geben, mehr als dir gegeben wurde, das Glück ist.«
Wir gingen weiter; ich kämpfte mit den Tränen. Meine Mutter fiel mir ein: sie erfüllte bis zur Erschöpfung ihre Pflicht, aber ihre Lippen preßten sich immer enger aufeinander, als müßten sie krampfhaft die Qual zurückdrängen, die nach Ausdruck verlangte. Und an Onkel Walter dachte ich und an jenen unvergessenen Auftritt mit seiner Mutter in Berlin; und an all die leisen Zurücksetzungen und Kränkungen, die sie, die immer Gute, von ihren Kindern zu ertragen hatte. Ich wußte: auch sie hatte gelebt und geliebt und nach schwindelnden Höhen gestrebt, und dies war das Ende, das von ihr gepriesene, von all dem Sehnen, all den heißen Hoffnungen, die einzige Frucht, die aus dem blühenden Leben so vieler Talente, so vieler Kräfte hervorging? Mich überliefs, wenn ich mein Leben an diesem maß. Ich fühlte schmerzhaft die große Kluft zwischen ihrem abgeklärten Alter und meiner gährenden Jugend. Liebe und Verehrung kann bestehen zwischen beiden, auch wohlwollendes Verständnis, und starke Wirkungen können ausgehen von einem zum anderen, aber jene magnetischen Ströme fehlen, durch die das Feinste und Tiefste lebendig vom Menschen zum Menschen flutet. Auf dem Wege zu schwindelnden Bergeshöhen kann der Greis nicht mehr Schritt halten mit dem Jüngling, und grausam ist es, wenn er ihn an sich fesselt, aber noch viel grausamer gegen sich selbst, wenn Jugend, ihre Triebe hemmend, sich freiwillig dem Alter unterwirft. Trennung — auch wenn sie Wunden reißt — ist eine Bedingung des Lebens.
Sich beherrschen, sich unterwerfen war die Quintessenz meiner — und aller — Erziehung gewesen. Darum schämte ich mich meines inneren Widerstandes, sprach nicht von ihm und versuchte, ihn unter der reifen Weisheit, die mir zufloß, zu ersticken. Großmama verlangte es freilich nicht von mir: sie gab nur, wie sie stets nichts als das eine Bedürfnis hatte, mit dem Besten, was sie besaß, andere zu überschütten. Aber ein junges Pflänzlein ertrinkt nur zu leicht unter der warmen Fülle des Frühlingsregens, die dem starken Baum zur Quelle üppigen Lebens wird.
Mit meiner fortschreitenden Genesung flohen wir die Nähe der Menschen allmählich immer weniger, und ein großer Kreis von Bekannten und Verwandten fand sich allmählich zusammen, aber nur wenige wurden zu unserm ständigen Verkehr und zu Begleitern unsrer langen Spaziergänge. Einen von ihnen hatte ich in Augsburg kennen gelernt: es war Baron Franz Stauffenberg, der gerade damals wegen seiner scharfen oppositionellen Stellung gegen die Wirtschaftspolitik Bismarcks eine in unsern Kreisen berüchtigte und gemiedene Persönlichkeit war. Daß er, der Großgrundbesitzer, Freihändler war und blieb, daß er, der Aristokrat, sich der Fortschrittspartei näherte, machte ihn »unmöglich«.
Großmama stand jenseits solcher Vorurteile. Geist und Bildung zog sie an, gleichgültig, wer ihr Träger auch sein mochte, und Stauffenberg gehörte zu jenen immer seltener werdenden Menschen, die sie an ihre Jugend in Weimar gemahnen konnten, wo der Beruf den Einzelnen noch nicht mit Haut und Haaren auffraß und die Vielseitigkeit lebendiger Interessen einen geselligen Verkehr höherer Art möglich machte. Stauffenberg vermied es sogar, über Politik zu sprechen, während er auf jedem anderen Gebiet, das berührt wurde, zu Hause zu sein schien. Noch nie war ich mir so klein und unwissend vorgekommen wie im Verkehr mit ihm. In seiner Vorliebe für englische Literatur traf er sich mit Großmama; dabei schlugen Namen an mein Ohr, und von geistigen Strömungen war die Rede, von denen ich noch nie gehört hatte: Robert Browning — Ruskin — William Morris.
Die bildende Kunst pflegte man in den achtziger Jahren außerhalb der Museen nicht zu suchen; die Beziehung zu ihr war für die meisten dieselbe, wie die zur Religion: sie hörte auf, sobald die Türen der Galerien und der Kirchen sich hinter ihnen schlossen. Daß Leben und Kunst eins sein können, fiel in unseren Kreisen niemandem ein. Eine gewisse Leichtigkeit der Existenz, ein durch Generationen sich fortpflanzender Wohlstand ermöglichen erst ihr Ineinanderfließen; Preußen hatte keine künstlerische Kultur. Was ich von Ruskin, und besonders von Morris, erfuhr, zauberte phantastische Bilder in mir hervor: ein perikleisches Zeitalter, ein Florenz der Mediceer. Die Wirklichkeit voll Not, voll Ungerechtigkeit und Häßlichkeit, die Großmama demgegenüber heraufbeschwor, weckte mich unsanft aus meinen Träumen. Es sei so viel, so schrecklich viel zu tun, um für die Masse der Menschen nur das nackte Leben möglich zu machen, sagte sie, daß es ihr vermessen erschiene, Bedürfnisse nach Schönheit zu wecken, wo die vorhandenen Bedürfnisse nach Nahrung und Obdach nicht im entferntesten gestillt wären. Und meine Phantasie zerflatterte vor den Empfindungen meines Herzens, die Großmama ohne weiteres recht gaben. Ich blieb auch dann auf ihrer Seite, wenn sie von diesem Standpunkt aus Bismarcks Sozialpolitik verteidigte, und ihre innere Erregung, Stauffenbergs Einwendungen gegenüber, sich in der leichten Röte kund gab, die das feine Elfenbeinweiß ihrer Wangen färbte. Warum, wie Stauffenberg sagte, die Schutzpolitik die möglichen Vorteile der Versicherungsgesetzgebung illusorisch machen würde, darüber grübelte ich um so vergeblicher nach, als national-ökonomische Terminologie für mich Hieroglyphen bedeutete. Zu fragen hatte ich nicht den Mut; es gehört echte Bildung dazu, Unwissenheit einzugestehen. Mein Bedürfnis nach Heldenverehrung war überdies zu groß, als daß ich Verlangen nach Mitteln getragen hätte, die Bismarck hätten entgöttern können. Von Politik wurde von jener Unterhaltung ab kaum mehr gesprochen.
Irgend eine naturwissenschaftliche Broschüre, wie sie damals, wenige Monate nach Darwins Tod zahlreich erschienen, brachte die Rede auf den großen Forscher. Nichts hätte mich mehr verblüffen können, als daß ein ernster Mann wie Stauffenberg, dessen Wissen ich bewunderte, ihn nicht nur verteidigte, sondern die Ergebnisse seiner Untersuchungen ernst nahm. Bei Erwähnung seines Namens hatte man doch sonst immer nur spöttisch gelacht, und daß wir, nach ihm, vom Affen abstammen sollten, hatte zu nichts als zu zahllosen Witzen und Karikaturen den Anlaß gegeben. Für mich persönlich kam hinzu, daß meine naturwissenschaftliche Bildung gleich Null war, mir also zu selbständigem Nachdenken alles geistige Rüstzeug fehlte. Großmama ging es nicht viel besser: zu ihrer wie zu meiner Zeit war die Bildung der Frauen eine rein schöngeistige gewesen. Stauffenberg hielt uns daher förmliche kleine Vorträge zur Einführung in die Ideenwelt Darwins, — im Ton des geistvollen Plauderers, wie immer, und doch so klar und durchdacht in der Gedankenfolge, daß kein Buch aufklärender hätte wirken können. Großmama war auffallend still und nachdenklich nach solchen Gesprächen und warf nur immer wieder die Frage auf, mit welchen Gründen die Gegner Darwins seinen Anschauungen entgegenzutreten pflegten. Erst allmählich hellten sich ihre Züge wieder auf, und einmal sagte sie mit dem ihr eignen, das ganze Antlitz durchleuchtenden Lächeln:
»Sie haben mich alte Frau auf dem gewohnten Wege förmlich taumeln lassen, lieber Baron. Aber nun gehe ich dafür um so sichrer. Ich empfand in allem, was Sie sagten, das heraus, was Sie nicht sagten, und wohl auch gar nicht sagen wollten, was aber, meiner Ansicht nach, der Grundzug der Lehre Darwins ist: ihre Gegnerschaft zum Christentum. Daß Gott den Menschen schuf nach seinem Bilde, daß die Sünde die Ursache alles menschlichen Elends ist und es keine Erlösung daraus gibt, als durch die göttliche Gnade, — daß es unsre höchste Aufgabe ist, zu leben wie Jesus, den Schwachen zu helfen, den Niedrigen und Verachteten beizustehen, und daß der rohe Kampf ums Dasein überwunden werden wird durch die Liebe, — widerspricht das nicht bis ins Kleinste den Lehren Darwins? Der Glaube an das christliche Evangelium aber, die Befolgung dessen, was es verlangt, hat mich nach den Kämpfen meiner Jugend zu innerem Frieden geführt, und die Überzeugung lebt unerschüttert in mir, daß die tragischsten Probleme der Welt, Armut und Unglück, gelöst wären, wenn nur alle Menschen echte Christen wären. Soll ich mir am Ende meines Lebens diesen Glauben nehmen lassen? Eine Anerkennung Darwinscher Theorien bedeutet doch für uns, die wir Laien sind, auch nichts anderes als Glauben an ihn. Und Sie sagen selbst, daß Koryphäen der Wissenschaft ihn mit wissenschaftlichen Gründen bekämpfen. Wäre es nicht heller Wahnsinn, wenn ich, wie ein ungeübter Schwimmer, mich vom sicheren Port erprobten Glaubens in die brandenden Wogen fremder Ideen stürzen wollte, nur weil vielleicht — vielleicht! — irgendwo in weiter Ferne ein neues festes Land zu finden ist?! Ich bin zu alt dazu — —«
Statt aller Antwort küßte Stauffenberg Großmama stumm die Hand. Meine Erregung war aber so stark, daß sie nach Ausdruck verlangte.
»Und wenn ich das neue feste Land nie erreichen sollte, — ich würde lieber im Meere untergehen, als immer nur sehnsüchtig vom sicheren Port aus zusehen, wie es tobt und schäumt«, sagte ich, und meine Stimme zitterte dabei.
Ein Schatten flog über Großmamas Züge. Sie legte ihre schmale kühle Hand auf meine heißen Finger. »Das Leben wird schon dafür sorgen, daß es beim bloßen Wünschen nicht bleibt, mein Kind«, dann sich wieder zu Stauffenberg wendend, fügte sie hinzu: »Sie sehen, wie wenig unsere Lebenserfahrungen unseren Enkeln nützen. Jeder fängt von vorn an, und wir können schließlich nur Tränen trocknen und Wunden verbinden.«
Bald darauf reiste Stauffenberg ab, und ein andrer trat mehr und mehr an seine Stelle. Es war Karl von Gersdorff, ein Neffe meiner Großmutter, der auch zu jenen aus der Art geschlagenen Sonderlingen gehörte, die aristokratische Familien sich gern von den Rockschößen abschütteln. Wie oft hatte ich in Pirgallen über ihn spotten hören, der »wie ein Schulmeister« aussah, ein »Fräulein so und so« geheiratet hatte, und mit »Kreti und Pleti« befreundet war, wie geringschätzig zuckten sie die Achseln, wenn Großmama ihn verteidigte. Er war ein begeisterter Freund Friedrich Nietzsches, hatte ihm sogar einmal, zum Entsetzen der Verwandtschaft, sein Gut zum Asyl angeboten. Durch Nietzsches Abkehr von Richard Wagner war eine leise Entfremdung zwischen beiden eingetreten, denn Gersdorff wurde ein um so leidenschaftlicherer Wagnerianer, je mehr sich der Meister zu den Ideen seines Parsifal entwickelte. Als wir in Karlsbad zusammentrafen, war Wagner kaum ein Jahr tot, und sein Wesen, seine Werke, seine Weltanschauung bildeten den Inhalt fast aller Gespräche. Hatte seine Musik mich in jenen Zustand höchster Ekstase versetzt, der das ganze Ich in Andacht und Entzücken auflöst, so erschienen mir seine Gedanken überraschend und doch vertraut. Sein Groll gegen die bestehende Zivilisation mit ihrem Inhalt an materieller und geistiger Not, sein Glaube an die Möglichkeit einer künftigen Regeneration, seine Kritik des gegenwärtigen Christentums, mit dem wahren Geiste des Evangeliums verglichen, und seine Erhebung der Kunst zur Höhe lebendig dargestellter Religion, — hatte nicht irgendwo, tief verborgen, all das auch in mir geschlummert? Ich begrüßte es jetzt mit der freudigen Überraschung, wie wir längst vergessene alte Freunde, die plötzlich aus dem Gewühl der Gleichgültigen vor uns auftauchen, zu begrüßen pflegen. Im stillen verurteilte ich Nietzsche, — dessen Namen ich übrigens zum elften Male hörte, — der dem großen Freunde hatte untreu werden können, und begriff nicht Gersdorffs Anhänglichkeit an ihn.
Eines schönen Maienmorgens saßen wir in großer Gesellschaft eben eingetroffner Verwandter auf der »alten Wiese« vor dem »Elefanten«; Großmama war mit ihnen in die Besprechung alter und neuer Familiengeschichten vertieft, die mich immer sehr langweilten; Gersdorff las in einem der vielen Bücher, ohne die er das Haus nicht zu verlassen pflegte. Ich machte mich im stillen über die bademäßig herausgeputzte, mit rosa Brottüten bewaffnete, rührig, wie zum ernstesten Geschäft, ihrem Ziel, dem lockenden Frühstück, zustrebende Menge lustig, die an uns vorüberflutete. Mir war sehr wohl, sehr behaglich zumute, wie nur einem jungen Gesundgewordnen sein kann, der die gekräftigten Glieder in der warmen Frühlingssonne dehnt. Da fiel mein Blick auf die »Fröhliche Wissenschaft«, Nietzsches jüngstes Werk, das neben Gersdorffs Tasse lag. Er hatte Großmama zuweilen einzelne Abschnitte daraus vorgelesen, von denen mir die Empfindung des unheimlich Fremden zurückgeblieben war. Mechanisch fing ich an, darin zu blättern, bis ein Satz mir ins Auge sprang: »Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; — sondern dir! sondern dir! Leidenschaft ist besser als Stoizismus und Heuchelei, Ehrlichsein, selbst im Bösen, besser, als sich an die Sittlichkeit des Herkommens verlieren ...«
Wenn ein eisiger Luftstrom durch plötzlich weit aufgerißne Fenster den im warmen Zimmer Sitzenden trifft, so schauert er zuerst frierend und angstvoll zusammen, um im nächsten Augenblick mit tiefen durstigen Zügen den reinen Quell einzusaugen, der ihm die dunstig-schwere Schwüle ringsum erst zum Bewußtsein bringt. Wie solch einem war mir zumute. Kämpfte ich nicht ständig, um mich dem Leben und dem Herkommen unterzuordnen? Versuchte ich nicht, mir einzureden, jeder Sieg über meine innersten Triebe sei ein Zeichen wachsender Tugend? Und hatte doch stets ein schlechtes Gewissen dabei!
Lustige Stimmen schlugen an mein Ohr:
»Auf Wiedersehen beim Konzert nachmittag ...«
»Gehst du zur Reunion heut abend? ...«
»Wir gehen ins Theater ...«
Halb abwesend starrte ich von einem zum andern.
»Alix hat Tagesträume,« hörte ich Großmama sagen; verwirrt schlug ich das Buch zu. Abends vor dem Schlafengehen trug ich den Satz aus dem Gedächtnis in mein Notizbuch ein — zwischen lauter Adressen, Gedichten und Rezepten. Mit Großmama wechselte ich kein Wort darüber; ich fürchtete mich; wie ein Dieb kam ich mir vor, der ängstlich den gestohlenen Brillanten hütet, und instinktiv fühlte ich, daß es keinen größeren Gegensatz geben könne, als den zwischen diesen Worten und der Lehre von der Nachfolge Christi, zu der Großmama sich bekannte. Ein Schleier war zwischen uns niedergefallen, der nicht trennt, aber die Klarheit der Züge verwischt.
Ende Mai machten wir unserem Arzt die Abschiedsvisite.
»Na also!« sagte er zufrieden, »da wären die roten Backen wieder! Aber nun gilts brav sein und gehorchen und das Herzchen festhalten! ...«
Nachdem er eine Reihe von Verordnungen gegeben hatte, hielt er zögernd inne. »Und nun das Schlimmste für so ein junges, hübsches Fräulein: für die nächsten sechs — acht Monate ist jede Art starker Bewegung verboten. Also kein Reiten — kein Tanzen —«
Er erwartete offenbar meinen heftigsten Widerspruch und sah mich auf mein freimütiges »Gewiß, Herr Doktor« mit unverhohlenem Erstaunen an.
»Du bist ein tapfres Kind!« sagte Großmama, als wir die Treppe hinuntergingen.
»Gar nicht, Großmama!« erwiderte ich. »Denn nur eins wünsch ich mir, Ruhe zum Lernen, zum Lesen und Arbeiten.«
Ein Besuch in Weimar, den wir vorhatten, und der dem langen Aufenthalt in Pirgallen vorausgehen sollte, erschien mir zunächst nur wie eine Störung. Aber je mehr wir uns der Stadt Goethes näherten, desto mehr freute ich mich darauf. Während Großmama versuchte, das Enkelkind mit dem, was ihrer an Menschen und Dingen dort wartete, vertraut zu machen, verlor sie sich in den Erinnerungen ihrer Jugend. Und ich sah sie vor mir, die Männer mit den feinen glatten Gesichtern über den hohen Vatermördern, die Frauen mit den kunstvoll frisierten Köpfchen und den schlichten Mullfähnchen, wie sie auf den Wiesen von Tiefurt Blindekuh spielten und zierlich-gravitätisch im Schloßsaal die Gavotte tanzten; ich hörte, wie sie mit Lamartine und mit Byron weinten und schwärmten, ich fühlte, wie ihre Gemüter sich tiefer Freundschaft erschlossen, wie ihre Herzen schlugen in Liebesglück und Leid. Zu Goethes Füßen sah ich die Großmutter sitzen, stumm, ehrfurchtsvoll — ein Lauschen, ein Empfangen. Zur ärmsten Zeit Deutschlands, — wie reich war sie gewesen! Und eine Heimat hatte sie gehabt, aus der die Wurzeln ihrer Seele noch heute Lebenskräfte sogen.
Ich saß am Kupeefenster im Abenddämmerlicht; Großmama schlummerte mir gegenüber, noch ein Lächeln der Erinnerung auf den Zügen. Wälder und Felder, Häuser und Gärten flogen an mir vorbei. So ist mein Leben, dachte ich. Alles entschwindet mir, kaum daß ichs betrachten konnte; nirgends wurzle ich. Dabei fielen mir Verse ein, die ich hastig in mein Notizbuch kritzelte: