Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von den Tiefen der Kindesseele, ich aber weiß, daß keines gläubigen Christen Frömmigkeit inniger sein konnte als die, die mich erfüllte, wenn ich vor dem selbstgeschaffnen Heiligtum in die Knie sank.
Meiner Mutter erzählte ich herzklopfend, daß ich den Apollo »zerbrochen« hätte, und bat sie, wie alle Hausbewohner, die mit einem dunkeln Tuch sorgfältig verhüllte Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der »Weihnachtsüberraschungen« wegen, die ich dort verwahrt hätte. Als aber Weihnachten vorüber war, machte ich keinerlei Anstalten, meinen geheimnisvollen Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schmücken, und eine kleine ewige Lampe, an deren Brennen und Erlöschen sich allmählich allerlei abergläubische Vorstellungen knüpften, und Räucherkerzchen, die allabendlich den Gott auf dem Altar in bläuliche Wolken hüllten. Schon oft hatte Mama mich gemahnt, das »unnütze Zeug« fort zu räumen; schließlich, als ich eines Morgens von der Klavierstunde kam, trat sie mir mit hochrotem Gesicht entgegen. »Wirst du dir denn nie das Lügen abgewöhnen?!« rief sie und zog mich in mein Zimmer. Mein Tempel war verschwunden, in wirrem Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter und Räucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das Lämpchen neben Baldur-Apoll. »Weißt du, wie man das nennt, wenn man sich fremdes Eigentum aneignet?!« Vor diesen Worten wich die Erstarrung des ersten Entsetzens von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett in die Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz klopfte, als wollte es mir die Brust zersprengen. Meine Mutter hielt diesen Ausbruch der Verzweiflung offenbar für Reue. »Na, beruhige dich, Alixchen,« sagte sie, mir die Hand auf den Kopf legend, eine Berührung, die mich zwang, ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben, »ich will die ganze Geschichte noch einmal als bloße Kinderei betrachten. Belügst du mich aber noch ein einziges Mal, so muß ich andre Saiten aufziehen.«
Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein äußeres Leben war das einer korrekten Schülerin und wohlerzogenen Tochter. In der schwülen Treibhausluft meines Innern aber wucherten die Wunderblumen meiner Träume, und berauschend umwehte mich ihr Duft, wenn ich allein war und zu mir selber kam. Oft hielt ich mich krampfhaft wach, bis alle schliefen, um dann bei der trübe flackernden Kerze noch lange am Schreibtisch zu sitzen, wo ich mit glühendem Kopf und frostbebendem Körper Verse zu Papier brachte, die nach Freiheit schrieen und nach Liebe.
Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend auf die Stürme meines Innern und lenkte mein Interesse in andere Bahnen. Die Literaturgeschichte besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie bestand nicht nur aus den Namen der Dichter, den Titeln ihrer Werke und fix und fertigen Urteilen über sie, mit denen ausgerüstet unsere Jugend Bildung zu heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es meiner geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis der Werke selbst. In kleinen gelben Heftchen brachte sie mir mein Lehrer, der nicht die Mittel hatte, kostbarere Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die ältere deutsche Literatur, die griechischen und römischen Klassiker lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektüre wuchs mein Verlangen nach immer neuen Büchern, und statt des Weihrauchs und der Blumen für meinen Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern. Nachdem ich erst den Katalog in Händen hatte, ließ es mir keine Ruhe mehr: ich mußte lesen, lesen — alles lesen. Was mir der Lehrer empfahl, genügte meinen von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten Wünschen längst nicht mehr, noch weniger, was mir die Eltern gaben und erlaubten. In acht Tagen pflegte ich meine Weihnachts- und Geburtstagsbücher auszulesen, und wenn ich mich auch immer aufs neue in Grubes »Charakterbilder« — meine Fundgrube, wie Papa sagte — und in Gustav Freytags »Bilder aus der deutschen Vergangenheit« vertiefte, so füllte das alles die freie Zeit doch nicht aus.
Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen und mein Kochherd wurden nur dann der Vergessenheit entrissen, wenn ich Besuch hatte, was ich darum zumeist nur als unangenehme Störung empfand. Was hatte ich gemeinsames mit den »dummen Schulgöhren«? Ihren Schulklatsch verstand ich nicht, und ließ ich mich hinreißen, ihnen meine Interessen zu verraten, so lachten sie mich aus. Mama hielt es für ihre Pflicht, mir Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand ihn nur als eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung stets das Gegenteil des Vergnügens war. Mit in die Höhe gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern, vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt um mich versank, — diesem Genuß glich kein andrer! Nur die ständige Angst, entdeckt zu werden, beeinträchtigte ihn. Denn, was ich las, — dessen war ich sicher —, gehörte nicht zu der erlaubten »Mädchenlektüre«, und doch fühlte ich instinktiv, daß es tausendmal wertvoller war als die zuckersüßen Backfischgeschichten von Clementine Helm, für die sich meine Freundinnen damals begeisterten.
In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich eine Naht aufgetrennt; hörte ich Schritte draußen, so verschwand mein gelbes Heft in dies sichere Versteck, und ich beugte mich rasch andachtsvoll über Webers Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach und nach wurde das gute verschwiegene Möbel meine Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich beisammen, deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen Tänzen durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano, die Hauff und Zschokke, die Scott und Bulwer, die Gogol und Turgenjeff. Sie ließen mich nachts oft nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten sie mich bis in meine Träume.
Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen. Meine Eltern waren nicht zu Haus; ich konnte unbemerkt zum nächsten Buchhändler laufen, um zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E. T. A. Hoffmann hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen — »das ist noch nichts für dich« war mir geantwortet worden, als ich, in der Meinung, es handle sich um Kindermärchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und dies »das ist nichts für dich« war mir längst zum Empfehlungsbrief der Bücher geworden. Mit »Klein-Zaches« und dem »Goldnen Topf« in der Tasche kam ich zurück. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot, das man mir brachte, blieb unberührt, die Mahnung der Jungfer, schlafen zu gehen, unbeachtet. — Saß ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah die grüne Schlange, und hörte die klingenden Glöcklein? Grinste mir nicht von der Tür her das Bronzegesicht der zauberhaften Äpfelfrau entgegen? — Da öffnete sich die Tür. »Wie, du bist noch nicht im Bett?!« tönte mir die Stimme meines Vaters entgegen. »Ich muß wohl eingeschlafen sein,« stotterte ich und versteckte hastig mein Buch. »So zieh dich rasch aus — ich werde Mama nichts sagen — gute Nacht.« Damit schloß er die Türe wieder. Ich löschte die Lampe und kroch mit den Kleidern ins Bett; als Mama leise eintrat, glaubte sie mich schlafend. Und dann las ich weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren, von der Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume und dem Goldkäfer. Es ließ mich nicht los, bis ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der Welt Hoffmanns, so daß mir jede Berührung der Wirklichkeit weh tat, wie ein Nadelstich. Schwerer als je wurde mir jetzt der Unterricht, der mir schon immer qualvoll gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik; durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; — schon als kleines Kind konnte ich stundenlang still zuhören, wenn jemand sang oder spielte, — meine eigne Klimperei, bei der ich nie über den Kampf mit der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen von der Musik nichts hörte, wurde mir immer unerträglicher. Vergebens bat ich Mama, mich meiner offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien — Klavierspielen gehörte zur guten Erziehung, also bliebs dabei. Ich suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur Lehrerin, ging ich spazieren, oder ich entschuldigte mich mit »Kopfweh«. Um niemanden von den Meinen zu begegnen, mußt ich dann freilich abgelegene Wege suchen.
In einem regenreichen Frühjahr des Jahres 1877 war der polnische Stadtteil Posens, wo die Ärmsten wohnten — die Walischei — durch die aus den Ufern tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt worden. Krankheit und Not nahmen überhand, so daß auch in den Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem üblichen Wege der Wohltätigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen werden sollte. Ich wirkte nicht mit, wie früher in Karlsruhe, — mit dem langen, dünnen, blassen Mädchen war wohl kein Staat zu machen —, aber den Proben und Aufführungen wohnte ich bei, weil meine Mutter zu den Hauptdarstellern gehörte. Da erfuhr ich denn mancherlei von den Unglücklichen, denen der Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte. Armut — was wußte ich von ihr? Sie hatte mich bis zu Tränen erschüttert, als sie mir in den hungernden Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot schreienden Weibern von Paris zu Beginn der großen Revolution, in den Jammergestalten der schlesischen Weber in den Elendsjahren Preußens entgegengetreten war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers — jetzt gab es doch keine Armut mehr! Daß uns gegenüber in der polnischen Kneipe Tag für Tag Betrunkene vor der Türe saßen, daß selbst Weiber im Rausch in den Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht mein Mitleid. Ihr Laster wars ja und nicht ihr Elend, dem sie verfallen waren. Ich beschloß, die Armut, die ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die mich angesichts des Abenteuers zittern ließ, erhöhte noch die Romantik meines Unternehmens. All die phantastischen Irrwege der Helden Hoffmannscher Erzählungen standen mir lockend vor Augen.
Es war ein naßkalter Märzmorgen, als ich, mit der Musikmappe am Arm, über den Wilhelmsplatz zum Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht trieb mich in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch entgegenschlug. Die Tapsen vieler schmutziger Füße hatten den Boden mit einer schwarzen klebrigen Schicht überzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen flackerte das Licht bläulich in den Raum, und die Züge des Priesters, der mit heiserem Krächzen in der Stimme die Messe zelebrierte, erschienen fahl, wie die eines Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich der nächsten Türe zu; kurz vorher aber glitt ich aus und fiel auf die Fliesen. Der zähe Schmutz blieb an Händen und Knien kleben, mühsam nur, unter aufsteigender Übelkeit, rieb ich ihn ab. Ein böser Anfang! dachte ich, als ich durch immer engere und dunklere Straßen meinem Ziele zustrebte. Schon sah ich hie und da, wie das Wasser aus den Kellern gepumpt und mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die Häuser immer kleiner, so daß die Dächer fast mit den Händen zu fassen waren, und über immer breitere Wasserrinnen vermittelten primitive Brücken den Übergang. In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser so hoch, daß Flöße aus Brettern die Passanten hin und her führten. Auf den schwarzgelben Fluten schwammen Küchenabfälle, zerbrochene Töpfe, übelriechende Kehrichthaufen, in denen dürftig gekleidete Kinder, oft bis zu den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern nach Spielzeug suchten. Mir wars, als stiege eine Kälte an mir empor, mich umwindend wie eine graue, feuchte Schlange. Der gellende Ton eines Glöckchens ließ mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es, dem der Geistliche folgte. Vor der Tür des grellgelben Häuschens, hinter der sie verschwanden, drängten sich Weiber und Kinder, barfüßig, schmutzig, zerlumpt; nur ein paar faltige rote Röcke und bunte Kopftücher zeugten von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen wurde allmählich zum Gekreisch, ihre Gebärden machten, je lebhafter sie wurden, den Eindruck konvulsivischer Zuckungen; aus allen Häusern der Straße strömten sie zusammen, — wie war es nur möglich, daß ihrer so viele darinnen wohnen konnten?! Angstvoll hatte ich mich in einen Torweg verkrochen, als sich neben mir eine Tür knarrend öffnete: rückwärts torkelnd, fluchend und schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als Waffe gegen seine Verfolger schwingend. Da klang der gellende Ton des Glöckchens wieder, und jeder andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber, die betrunkenen Männer und die johlenden Kinder sanken in die Kniee, wo irgend ein Stein oder eine Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen vorüber schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und schwer breitete sich sein Talar hinter ihm auf den Fluten aus.
Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und gebückt alle beide; in wirren Strähnen hingen strohgelbe Haare ihr in das von Weinen aufgedunsene Gesicht; ihre grauen knochigen Finger umklammerten den Griff des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam trugen; ein Myrtenkränzlein aus Papier, mit dem Bilde der schwarzen Madonna war sein einziger Schmuck. Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, — ein langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere Flasche zwischen den gefalteten Händen, schwankend beschloß. Kein Laut war mehr hörbar, als das Plätschern des Wassers zwischen den vielen, vielen Füßen der langsam Schreitenden.
Wie aus bösem Traum erwachend, fuhr ich zusammen. An der weit offnen Tür des Hauses, aus dem der Sarg getragen worden war, mußt ich vorüber. Es war ganz dunkel darin, und doch sah ich, daß etwas am Boden hockte und mich anstarrte mit großen, leeren Augen, — die Armut. — So rasch meine zitternden Beine mich tragen konnten, entfloh ich. Frostgeschüttelt warf ich mich zu Hause auf mein Bett. Am nächsten Morgen erkannte ich niemanden mehr.
Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. Noch Jahre darnach konnte ich mich nicht ohne Entsetzen der wilden Fieberträume erinnern, die mich damals gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester am Altar war ein Gerippe, und in den unergründlich tiefen schwarzen Schlamm des Bodens zogen mich lauter schmutzige Knochenhände; — durch gelbe Fluten lief ich atemlos, hinter mir endlose Scharen von Männern und Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus den rot unterlaufenen Augen glühte. Dazwischen tanzte Klein-Zaches auf der Bettdecke und bohrte mir seinen winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den großen blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.
»Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien?« hörte ich dazwischen meine Mutter sagen, die in aufopfernder Pflichterfüllung nicht von meinem Lager wich.
»Wie ists nur möglich, daß die Malaria sie packen konnte?« sagte wohl auch der Arzt, der dem mörderischen Sumpffieber nur unten bei den Überschwemmten begegnet war.
Ich schwieg, viel zu müde, viel zu apathisch zum Sprechen; denn einer großen Schwäche machte das Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen baldigen Tod, wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter gleichmäßig-freundliches Lächeln, das so beruhigend auf einen Kranken wirken konnte, wollte ich mich nicht täuschen lassen. Die Angst, die sich in meines Vaters Zügen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir mehr der Wahrheit zu entsprechen.
Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam kam mit der wachsenden Kraft die Freude am Leben wieder. Als ob er mir Dank schuldig wäre, weil ich lebte, so überschüttete mich mein Vater nun mit Geschenken: erwartungsvoll sah ich schon nach der Tür, wenn ich mittags den Schritt des Heimkehrenden hörte; Bücher, Blumen, Obst, Bonbons, — irgend etwas brachte er mir täglich. Wie gut waren überhaupt die Menschen, sie kümmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte mein Lehrer den Arzt vor dem Hause erwartet, um direkte Nachricht zu haben, und jetzt schickte er mir seine schönsten Bücher; kein Regiment in der Stadt gab es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein Ständchen gebracht hätte, und der gute alte General Kirchbach kam selbst in mein Krankenzimmer, um mir eine — Puppe auf die Kissen zu legen.
»Mit der Puppe, Mama, soll mal mein Töchterchen spielen!« sagte ich lächelnd, als er weg war, — denn mit dem Spielen war es für mich endgültig vorbei.
Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich grade erheben wollte und, von heftigem Schwindel gepackt, nach dem Bettpfosten griff, sah ich Blut auf dem Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein. Aber schon hatte der Arzt mich umfaßt und sanft in die Kissen zurückgedrückt. Er lachte: »Also so stehts mit dem kleinen Fräulein! Die Kinderschuhe hat es richtig ausgetreten.« Verständnislos sah ich die Mutter an, der das Blut in die Schläfen gestiegen war. »Alles Nötige werden Sie Ihrer Tochter erklären,« damit wandte er sich zum Gehen. »Sie ist erst zwölf Jahre, Herr Doktor —« entgegnete sie zögernd. »Tut nichts — tut nichts — so schwere Krankheiten bedeuten immer eine große Umwälzung«; er drückte mir nochmals die Hand: »Nun stehen wir hübsch ein paar Tage später auf.«
»Du brauchst dich nicht zu ängstigen, Alixchen,« damit wandte Mama sich mir wieder zu, als er fort war, und erklärte mir mit wenig Worten meinen Zustand. Ein Gefühl des Stolzes erfüllte mich: nun war ich also wirklich kein Kind mehr, — und meine Träume suchten die Zukunft: so kam denn endlich das Leben, das lockende, zauberreiche!
Während meiner Krankheit hatte ich mich so sehr gestreckt, daß kein Kleid mir mehr paßte. In den Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa verlebte, trug ich meiner Mutter schleppende Schlafröcke, was mir sehr gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so lange gleichgültig gewesen war, suchte ich wieder; und so blaß und so schlank ich auch war, es gefiel mir nicht übel: die großen dunkeln Augen, die schwarzen Locken über der weißen Stirn, die schmalen Hände mit den rosigen Fingerspitzen, — wer weiß, ob nicht doch noch etwas aus mir werden konnte!
Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren, von wo der Zug uns wieder gen Süden tragen sollte, hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit durchzuschmuggeln versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen, denn leben — leben und genießen — wollte ich!
Viertes Kapitel
Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen kehrten wir heim. Der Wind, der um den weißen Schaum der Gießbäche und über das blauschimmernde Firneis fegt, bringt soviel frische Kühle zu Tal, daß krankhafte Fieberhitze ihm nimmer stand hält; und der friedliche Klang der Herdenglocken und das nächtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den ruhigen Schlaf zurück, auch wenn er noch so lange untreu war. Ein überraschtes »Aber, Alixchen!« von einem strahlenden Lächeln begleitet, war alles, was mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen wieder in Empfang nahm. Am nächsten Tage besuchten uns Verwandte, die dorthin versetzt worden waren; meine Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines unansehnliches Geschöpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend zu mir empor und sagte: »Du bist ja ein Fräulein!« Bald darauf kam mein Lehrer. Wortlos blieb er einen Augenblick an der Türe stehen. »Wie — wie geht es — Ihnen?« kam es dann zögernd über seine Lippen. Noch nie hatte er mich bis dahin »Sie« genannt! Der Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich in diesem Sommer nur mit Mühe dazu gebracht hatte, bei dem gewohnten »Du« zu bleiben, und der Hans Guntersberg, der wieder in Garmisch gewesen war, und dessen huldigende Gedichte mir nur darum keinen Eindruck machten, weil ich die unreine Haut und die Schweißhände ihres Verfassers nicht vergessen konnte.
Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend packte ich all mein Spielzeug in einen großen Korb und ließ ihn auf den Boden schaffen.
Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, der das ganze Räderwerk der Maschine auf einmal in Bewegung setzt: mit Feuereifer stürzte ich mich über meine Studien; dabei galt mir jeder Tag für verloren, an dem ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend einem meiner Dramenentwürfe gearbeitet hätte, zugleich aber schmückte ich mich mit Vergnügen für die Tanzstunde, und genoß die Erlaubnis, an der Geselligkeit im Hause der Eltern teilzunehmen, mit vollen Zügen...
Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und verblaßter Schrift, die alten Aufsatzhefte jener Tage, in denen ich vom Lehrer gestellte oder selbstgewählte Themen behandelte: kindischer Unsinn und frühreife Weisheit in buntem Gemisch. Daß meine Ansichten denen des Lehrers oft widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; trotzdem findet sich meist ein »Gut« oder »Recht gut« darunter, — als ein Zeugnis für seine Objektivität mehr als für die Richtigkeit meiner Auffassungen. Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, allem, was ich hörte, zunächst einmal meinen Widerspruch entgegenzusetzen, zeigt sich fast in jeder dieser Arbeiten. Während mein Lehrer z. B. Schiller über alles liebte, pries ich Goethe; so heißt es in einem Aufsatz über die Balladen der beiden Dichter: »Goethe ist ein Naturdichter, das heißt ein Dichter von Gottes Gnaden. Daß das Werk, welches er schafft, ein Kunstwerk sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen ist von andrer Art, denn ihm ist das Werk nur ein Mittel zum Moralpredigen,« — hier steh ein »Oh!!« des Lehrers daneben — »das sieht man an allen seinen Balladen, denen alle möglichen Lehren zugrunde liegen: Der Gang nach dem Eisenhammer lehrt, daß Gott die Unschuld beschützt; der Kampf mit dem Drachen, daß der Sieg über sich selbst größer ist als der über das Ungeheuer; die Bürgschaft und Ritter Toggenburg zeigen den Wert der Treue, und die Glocke ist fast ganz ein Lehrgedicht. Vergleichen wir damit Goethes Erlkönig, der nicht einen reflektierenden Gedanken enthält, aber den Hergang so plastisch malt, daß wir ihn mit erleben, oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, woraus uns der vernichtende Gegensatz des Heidentums gegenüber dem Christentum deutlich entgegentritt,« hier steht ein Fragezeichen, »so sehen wir ein, daß Goethe mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist.« — An einer andren Stelle sage ich über den Meistersang, den mein Lehrer sehr schätzte: »Er war trocken und langweilig und zeigte deutlich den Gegensatz des braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenüber der ritterlichen Bildung der Minnesänger«; und über Luther, für den mein Lehrer mich trotz aller Mühe nicht erwärmen konnte, heißt es: »Er hat das große Verdienst, die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber seine Roheit, sein Unverständnis für die Kunst hat seiner Kirche den Charakter des Gewöhnlichen und Nüchtern-Häßlichen aufgeprägt«, — daneben steht: »Der Kölner Dom?« »Dürer?« »Bach?« — In den zahlreichen historischen Aufsätzen schwelgte ich förmlich im »Tyrannenhaß«. In einer Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, die die politischen Umwälzungen in Europa vom Dreißigjährigen Krieg bis zur französischen Revolution zum Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, »wohin ungerechte Regierung, Volksbedrückung, Verachtung alles Göttlichen führt ... Schlechte, nur auf ihr Vergnügen bedachte Fürsten, eine verdorbene Aristokratie, ein armes, durch übertriebene Aufklärungsschriften irregeleitetes Volk standen sich gegenüber. Alles bereitete eine Zeit vor, die schrecklich, aber notwendig war.« Unter den Fürsten der Neuzeit beehrte ich Friedrich Wilhelm III. mit meinem ganz besondern Zorn, den »die Taten seiner Untertanen berühmt gemacht haben, und der sich dadurch bei ihnen bedankte, daß er sein Versprechen brach ...« Stein feierte ich als den »Retter des Vaterlandes, der in Frieden erreichen wollte, was der Zweck der französischen Revolution gewesen war.«
Häufig pflegte mein Vater meine Aufsätze einer Kritik zu unterwerfen, die fast immer dem Stil, sehr selten nur der Gesinnung galt. Nach rückwärts radikal zu sein, wie sein Töchterchen, sich für vergangene Völkerfreiheitskämpfe zu begeistern, sich über die Schandtaten der Fürsten, die lange schon moderten, zu entrüsten, widersprach im allgemeinen nicht den Ansichten der Offizierskreise, in denen wir lebten. Sie befanden sich damals, besonders in der Provinz, in einem scharfen Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an unsern Fürstenhöfen herrschten. Der Luxus galt als verächtlich, die Ehrbarkeit eines einfachen Familienlebens als größtes Gut. Das persönliche Verhältnis, in dem der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten stand, war die Brücke des Verständnisses für viele Wünsche und Bedürfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit hörte ich oft darüber reden, daß es »oben« an der nötigen Sorge für vorhandene Not fehle, daß das »Hofgeschmeiß« vor lauter Lustbarkeit die preußische Tradition der Pflichterfüllung immer mehr vergesse. Als mein Vater einmal von irgendeiner Meldung aus Berlin zurückkam, vermochte kein warnendes »Aber Hans!« meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen Seitenblicke auf mich seine Empörung zu besänftigen, die sich in drastischen Erzählungen über das, was er gehört und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende Einfluß der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde durch ihre Intimität mit »Theaterprinzessinnen« und ihre Verschwägerung mit »Börsenjobbern«, der unpreußische Prunk der Hoffeste, die Vetternwirtschaft, wo es sich um Avancements handelte, — das alles wurde immer wieder besprochen, und ein »Da wird noch was Gutes dabei herauskommen« blieb der Refrain. Aber Hand in Hand mit dieser abfälligen Kritik derer »oben«, ging eine schroffe Verurteilung jeder Auflehnungsversuche derer, die »unten« sind. Das patriarchalische Verhältnis war das Ideal, was dagegen verstieß, ein Verbrechen. So war mein Vater ein grimmiger Feind des großindustriellen Unternehmertums, — Worte wie »Ausbeuter« und »Blutsauger« hörte ich oft von ihm —, mit derselben Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und Ausgesogenen, die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide standen nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt materiellen Lebensgenusses; nur daß die einen ihn besaßen, ihn bis zum letzten Tropfen auskosten wollten, die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz kämpften. Inhalt und Ziel des Lebens war für beide gleich; — so schien es auch mir nach allem, was ich hörte und las, darum habe ich bei all meiner Begeisterung für die Freiheitshelden der Geschichte, die Sozialdemokraten nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser Wilhelm, der für uns alle das geweihte Symbol der Einheit und Größe Deutschlands war, von Hödel bedroht und von Nobiling verwundet wurde.
Oben auf dem Fort Winiary, wo ein großer schattiger Kasinogarten die Posener Offizierskreise im Sommer zu vereinigen pflegte und ich, die verwöhnte Tochter des allmächtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen Krocket und Boccia spielt, saßen wir gerade fröhlich um den Kaffeetisch, als ein blutjunger Leutnant atemlos auf uns zugestürzt kam. »Herr Oberst, Herr Oberst —« mehr brachte er nicht heraus, die dicken Tränen liefen ihm über die Wangen. »Zum Donnerwetter, was gibts denn?« herrschte mein Vater ihn an. »Seine Majestät unser allergnädigster Kaiser —« er versuchte stramm zu stehen wie zur Meldung, aber die Knien zitterten ihm — »ist — ist erschossen.« Mit einem wilden Aufschluchzen brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. »Das ist nicht wahr,« schrie er. Stumm reichte ihm der Unglücksbote ein halb zerknülltes Papier, — das Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen die Menschen zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, Männer und Frauen, jung und alt. Alle weinten. Mein Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen, nur das stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm aussah. Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung getrieben, die uns angesichts erschütternder Ereignisse stets beherrscht: daß etwas geschehen müsse — irgend etwas, das die gräßliche Spannung löst —, eilten wir alle dem Ausgang zu. Als wir uns der Stadt näherten, — aus den Fenstern der ersten Häuser wehten vereinzelt schon schwarze Tücher, vom Turm der Garnisonkirche läuteten die Glocken —, und wir die weite Sandfläche des in der Sonne glühenden Kanonenplatzes betraten, kam uns ein Mann mit einem Stelzbein entgegen, auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich in aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. »Der Kaiser lebt, der Kaiser lebt,« rief er, eine neue Depesche hochhaltend. Wir hatten das Neue, Überraschende noch kaum gefaßt, als er seinen schäbigen Hut zwischen die harten Fäuste preßte: »Lieber Vater im Himmel«, — alle Mützen flogen von den Köpfen, alle Hände falteten sich —, »schütze unsern guten Kaiser!«
Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher Aufregung; mitten im Gespräch oder bei der Lektüre konnte er auffahren und zähneknirschend murmeln: »Aufhängen soll man die Kerle — einen neben den andern!« Ich aber verkroch mich in mein Zimmer und versuchte die große Erschütterung dadurch zu bemeistern, daß ich sie in Worte faßte. In Versen und in Prosa brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines Morgens legte ich meinem Vater das Niedergeschriebene auf den Schreibtisch. Seine Freude war so groß, daß er es kopieren ließ und Bekannten und Freunden zeigte; auch mein Lehrer, der entzückt schien, verbreitete es. Wenn auf einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte Empfindungen die Massen beherrschen, so wird von ihnen stets begrüßt, was diesen Gefühlen Ausdruck verleiht. So kommts, daß oft künstlerisch Wertloses in aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl auch, daß meine Verse mich über den engern Kreis der Freunde hinaus bekannt machten. Begegnete man mir schon anders als sonst dreizehnjährigen Mädchen, weil ich erwachsen aussah und hübsch und meines Vaters Tochter war, so umgab man mich jetzt mit einer Treibhausluft, in der Eitelkeit und Hochmut wie Tropenpflanzen wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte, nahm ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht nur meiner frischen Jugend galten, sondern auch den literarischen Leistungen, die, wie ich erfuhr, in Gestalt meiner Aufsätze durch meinen Lehrer in der Klasse bekannt wurden. In den häuslichen Gesellschaften und auf dem Fort Winiary suchten die jungen Offiziere die Unterhaltung des »interessanten« Backfischs, und meine einzige Freundin Mathilde — jenes blasse Kusinchen, das mich bei der Heimkehr begrüßt hatte, — war eine Bewunderung für mich. Meine Mutter war die einzige, die ernüchternd wirken wollte. Da sie aber meine Interessen in Bausch und Bogen als »dummes Zeug« bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer sarkastischen Kritik zu begießen, so erreichte sie das Gegenteil von dem, was sie bezweckte, und entfremdete mich ihr dadurch vollkommen. So allein wurde es möglich, daß sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die schwersten körperlichen und geistigen Kämpfe mich zu vernichten drohten.
Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, die sich von Jahr zu Jahr steigerten. Blutwallungen, die mir den Kopf zu sprengen drohten und den Herzschlag bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon in Grainau gequält. Instinktiv war ich dann auf die Berge gelaufen, oder war beim ersten Morgengrauen heimlich im eisigen Wasser des Rosensees untergetaucht. In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen Spaziergänge, das in Rücksicht auf meinen stets empfindlichen Hals nur bei Sonnenschein und Windstille gestattete Schlittschuhlaufen halfen mir natürlich nichts; turnen durfte ich nicht, weil das — wie Mama sagte — die Hände breit macht; und die Tanzstunde mit der guten Bowle, an der es nie fehlte, steigerte nur das Quälende meines Zustands. Etwas Heißes, Dunkles beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich schlafen wollte, flogen Glutwellen über meinen Körper. Meine tobenden Freiheitsgesänge machten Liebesliedern Platz, die ich aus Scham und Furcht zu tiefst in meinem Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war zuerst ein Phantasiegebilde, ein erlösender Lohengrin, wie in meiner frühen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von Fleisch und Blut. Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde wählte ich sie, sondern aus dem Bekanntenkreise meiner Eltern. Die Schönheit gab dabei allein den Ausschlag, mit allem übrigen — dem Glanz der Geburt, dem überragenden Geist und der Güte des Herzens — schmückte sie meine Phantasie verschwenderisch. Ganze Romane erlebte ich in wachen Träumen; alle Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und Wiedersehen, Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; und mit fieberheißen Händen füllte ich Bücher um Bücher mit meinem erträumten Glück und Leid.
Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums mit ihren bunten geschmacklosen Einbänden: Asche, die von verpufftem Feuerwerk stammt. Der Schmerz bildet überall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, zu sterben, steigert sich oft zu brennendem Verlangen nach dem Tod:
Rose, du prächtige, süße,
Sandtest zum Himmel blau und klar
Duftend-berauschende Grüße.
Mich mit Wonnen und Schmerzen,
Und es strahlte des Lenzes Pracht
Wider in meinem Herzen.
Herbstlich umbraust mich das Wetter;
Eines nur blieb, das den Sturm besteht:
Dornen und dürre Blätter.
Zur schönen Frühlingszeit
Hast du mich heiß geküßt
Voll Liebesseligkeit.
Fielen die Blätter ab,
Als ich zum Abschied dir
Weinend die Hände gab.
Ich möchte, der Meersturm umbrauste mich,
Ich möchte jauchzen und schluchzend klagen,
Zu deinen Füßen, ach, stürbe ich!
Den Lippen fluchen, die ich dir bot.
Ich möchte noch einmal ans Herz dich pressen,
Und dann umarmen den Bräut'gam Tod.
In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefühlen stellte ich zu gleicher Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und nahm für mein »hübsches Talent« die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches: Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntäglich zu mir kam, und zu der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung nach, und ich hätte sie nicht beachtet, wenn sie mir nicht in einem Moment begegnet wäre, wo ich einen Menschen brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er sich ergießen kann. Ich hatte kein andres Interesse für sie als das, daß sie mich aufnahm. Abends in der Dämmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich zu Bett lag, halb verhüllt von den weißen Vorhängen, während das rote Licht der Ampel über mir strahlte, mußte sie bei mir sitzen. Dann erzählte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr verirrte ich mich in den Irrgängen meiner Einbildungen.
Um jene Zeit war es, daß meine Mutter eine neue Kammerjungfer engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen und zu frisieren hatte. Sie war ein hübsches, blondes Ding mit einem unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe, die durch Zimmervermieten ihre große Familie erhielt und ihre Kinder in strenger Zucht und Frömmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz besonders empfohlen worden war. Anna — so hieß unsre neue Hausgenossin — fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir täglich, wie hübsch ich sei, wobei sie es nicht unterließ, jeden einzelnen meiner Vorzüge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strümpfe irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schülerin, und freudeheiß stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht müde wurde, mir zu versichern, daß der und jener mich bewundernd ansähe, daß ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmählich nahm sie die Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hände die Nadel führten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hübsches, kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzählen. Aber sie kannte nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte. Von der unnahbaren Höhe ihrer Tugend herab war ihre Entrüstung über das, was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum versteckter Lüsternheit in ihren Schilderungen. Und so riß sie nach und nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz meiner heimlichen Lektüre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind hatte sie durchs Schlüsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet, hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, — das erzählte sie voll Stolz —, war niemals den Verführungskünsten der Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mädels sich an Liebe und Alkohol berauschten. Freilich — nachher mußten sie ihre Dummheit büßen; denn sobald das Kind da war, ließen die Herren sie laufen. — Das Kind! — Noch fühle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die Glieder lähmte, als mir, der Dreizehnjährigen, dies Wort aus Annas Mund feuerrot entgegensprang. — Das Kind! — An den Storch glaubte ich längst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von überirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer Heiligenschein.
Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich zögernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven blauen Frageaugen mich aufklärte! — — Sie war so vertieft in alle Details der Beschreibung, daß sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen mich schüttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das fröhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude an ihrem Gegenstand, so daß sie schließlich ratlos und kopfschüttelnd vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. »Am Ende« — so mochte sie denken — »fürchtet sie jetzt schon den Moment des Gebärens, dessen Analen ich beschrieb?!« Und mit noch größrer Zungenfertigkeit erzählte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen Konsequenzen zu hüten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr gar nicht kommen und von den Männern darum am meisten begehrt werden.
Ich hörte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut orientiert! War sie doch oft genug zu Botengängen benutzt worden und zur intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer bezahlen ließen. »Bezahlen?!« — ich kämpfte schon wieder mit den Tränen. »Liebe bezahlen?!« Anna kicherte: »Liebe! —« und sie verfiel wieder in Detailschilderungen. »Pfui! — Pfui!« schrie ich auf und preßte die Hände um den Kopf; mir war, als brächen dröhnend die Mauern über mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und stieß mit der Faust gegen das Mädchen, so daß es aufheulend vom Stuhle fiel.
Mama erkundigte sich am nächsten Morgen teilnehmend um ihr geschwollenes Gesicht; sie sprach von »Zahnschmerzen«, ich schwieg. Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, hätte ich zu sagen vermocht. Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glühender Mantel, der meinen ganzen Körper dicht umschloß. Ich wurde die Bilder nicht los, während der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das — das war Liebe — Liebe, von der ich geträumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzündeten, die alle Dichter als das Schönste und Höchste priesen! — Ich wollte nicht mehr daran denken, — ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten Ideale. An wen hätte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die Scham am leichtesten überwunden war? »Nur die ganz schlechten, ganz gemeinen Männer, nur die Verbrecher sind — so?« Welch eine Erlösung wäre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erläuterte das »Nein« doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, — sie waren selten genug —, triumphierte mein Idealismus, und die alte Schöpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.
Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir keine Ruhe ließen, so verfolgten mich unablässig die gräßlichsten Träume. Verzweifelt kämpfte ich dagegen an, — wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter Gewalt wieder. Am Tage war ich totmüde, dunkle Ringe umschatteten meine Augen, und die Überzeugung meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte mich scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine Mutter abends an mein Bett trat und, dunkelrot im Gesicht, mit drohender Stimme sagte: »Hüte dich vor der geheimen Sünde!« so verstand ich sie zwar gar nicht, senkte aber doch schuldbewußt die Augen.
Mehr als je war ich damals mir selbst überlassen, aber nur ein Zufall ließ mich erfahren, warum. Das Flüstern um mich her, das vielsagende Lächeln, all die weißen Linnenhaufen, die genäht und sorgfältig vor mir versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht. Daß Mama vielfach leidend war, jeder Frage danach aber auswich und tief errötete, wenn sie dennoch antworten mußte, erschien mir auch seltsam genug. Ein Satz in einem Brief der Großmutter, den man mir achtlos zu lesen gegeben hatte, klärte mich auf: Mama war guter Hoffnung. »Guter Hoffnung«, — beinahe komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete: ihre zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepreßten Lippen, die sich kaum mehr zu einem Lächeln öffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die Hoffnung war für sie keine gute. Es schien fast, als schäme sie sich ihrer, da sie sie sorgfältig verbarg. Und in Gedanken an Annas Erzählungen errötete auch ich, wenn ich in Gegenwart der Eltern daran dachte. Sie sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und erst als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde mir das Ereignis vom Vater angekündigt. Seine rührende Freude wirkte ansteckend auf mich, und es gab Stunden, wo der Gedanke an das hülflose kleine Wesen in der Wiege wie eine Erlösung über mich kam: hier war eine Aufgabe für mich, die mich mir selbst entreißen konnte. Und hielt ich es in den Armen, das süße weiße Körperchen, so gingen mir die Augen über vor zärtlicher Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich will ich behüten vor all der Qual, die ich erlitt. Aber die polnische Amme, ein leidenschaftliches Geschöpf, das mit der angstvollen eifersüchtigen Liebe wilder Tiere an dem Säugling hing, als wäre er ihr eignes Kind, tat, was sie konnte, um mich fernzuhalten; auch meine Mutter schien mich in der Kinderstube ungern zu sehen, und so ging ich bald wieder meine einsamen äußeren und inneren Wege.
Eines Tages, als ich verspätet wie immer an den Frühstückstisch trat, — ich pflegte erst gegen Morgen tief und ruhig zu schlafen —, belehrte mich ein Blick auf die Eltern, daß sie eine heftige Auseinandersetzung gehabt hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn Mama sah neuerdings häufig verweint aus, und Papa wurde beim kleinsten Anlaß heftiger denn je, — an der kurzen Begrüßung merkte ich aber, daß ich die Ursache ihres Streits gewesen sein mußte.
»Da lies!« sagte mein Vater und reichte mir ein längeres Schreiben mit der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers. Es lautete:
Posen, den 6. Januar 1879
Hochverehrter Herr Oberst!
Sie werden es mir nicht verübeln können, wenn ich als Seelsorger unsrer Gemeinde, dem das ewige Heil aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im Interesse Ihrer Tochter diese Zeilen an Sie richte.
Schon seit längerer Zeit habe ich beobachtet, und aus vielen mir zugegangenen Berichten wohlwollender Männer und Frauen schließen können, welch ernster Gefahr Alix entgegen geht. Das vielleicht durch eine größere geistige Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener echten jungfräulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck jeder christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge Seele dem Teufel des Hochmuts zu überliefern schon begonnen. Ich hätte mich aber trotzdem in Ihre Entschlüsse und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin noch nicht einzumischen gewagt, wenn mir nicht kürzlich eine Mitteilung gemacht worden wäre, deren Richtigkeit ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat Ihre Tochter einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegenüber erklärt, daß der Opfertod unsers Herrn und Heilandes ihr nicht anbetungswürdig erscheine; jeder Mensch würde freudig zu sterben bereit sein, wenn er wüßte, daß er dadurch die Menschheit erlösen könne. Für einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewiß sei, wäre dies also keine bewundernswürdige Tat. Sie fügte noch hinzu, daß Unzählige aus weit geringeren Ursachen ruhig in den Tod gegangen wären.
Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn gnädiger Hilfe gelungen, den jungen in seiner christlichen Überzeugung durch Ihre Tochter erschütterten Mann auf den Weg des Glaubens zurückzuführen; nunmehr aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr Oberst, inständig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem Einfluß eines Seelsorgers anzuvertrauen, der diese Menschenblume in das Licht des Gotteswortes rückt, und sie von all dem bösen Ungeziefer befreit, das an ihr nagt.
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich in persönlicher Unterredung meinen Rat zu einer Tat werden lassen könnte.
Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung,
mit der ich verbleibe
Ihr ganz ergebener
Eberhard
Pfarrer
»Nun, was sagst du dazu?« fragte mein Vater, der immer ungeduldiger mit den Fingern auf dem Tisch trommelte, so daß Gläser und Tassen klirrten.
»Gemein!« war das einzige, was ich zunächst hervorbringen konnte.
»Genau dasselbe habe ich gesagt!« polterte Papa. »Ein netter unverdorbener Jüngling, der mit frommen Augenverdrehen hingeht und meine Tochter beim Herrn Oberbonzen verpetzt. Ich hätte Lust, dem Kerl die Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen Flecke als einzige Antwort zu zeigen!«
»Du solltest aber doch erst hören, lieber Hans, wie weit Alix schuldig ist,« warf Mama erregt ein.
»Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es ihm ins Gesicht zu sagen!« rief ich und warf trotzig den Kopf zurück.
Mama preßte die Lippen zusammen, was ihrem schönen Gesicht etwas Grausames gab. »Da hörst du es,« sagte sie; »das sind die Früchte der religionslosen Erziehung. Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe um des lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich genug, übergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich antworten.«
Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang wütend auf. Mich packte die Angst: nur keine neue Szene! Und all die Sünden fielen mir ein, deren ich mich tatsächlich schuldig fühlte. Ich trat Papa in den Weg. »Sei nicht böse, bitte, bitte nicht,« bat ich schmeichelnd, »es ist vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden bekomme. Ich bin ja doch bald vierzehn Jahre alt. Und schaden werden sie mir gewiß nichts!« Mein Vater, der mit ein wenig Zärtlichkeit gelenkt werden konnte wie ein Kind, zog mich gerührt in die Arme, als ich, um meiner Bitte Nachdruck zu geben, meine Wange auf seine Hand preßte. »Und der Bengel, das schwatzhafte alte Weib?« brummte er noch. »Den strafe ich mit Verachtung,« lachte ich.
Meine Mutter trat wieder ein. »Hier ist meine Antwort,« sagte sie: »Sehr geehrter Herr Pfarrer! Sie sind unsern Wünschen zuvorgekommen. Die rasche Entwicklung unsrer Tochter macht eine frühere Einsegnung nötig, als es sonst üblich ist. Wir haben sie daher auf das nächste Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns mitzuteilen, wann der Vorbereitungsunterricht beginnt, zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen wollen. Auf die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht unsern elterlichen Empfindungen ...
»Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren guten Ruf in Schutz genommen,« fügte sie rasch, zu mir gewendet hinzu.
Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt, von einer neuen frohen Hoffnung erfüllt, kam ich aus der ersten Stunde nach Hause. »Meine Türe und mein Herz stehen Euch jederzeit offen,« hatte der Pfarrer gesagt, »Ihr könnt mit allem, was Euch bedrückt, mit Euren Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde mich immer bemühen, Euch zu verstehen und Euch zu helfen.« Die harmlosen Kindergesichter meiner Mitschülerinnen — Offizierstöchter wie ich, die natürlich von den übrigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet wurden — legten mir unwillkürlich während unseres Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so häufiger wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich das erste Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen, die gewiß nur ein guter und gütiger Physiologe hätte verstehen können, sprach ich ihm von den bösen Gedanken und häßlichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben versuchte. Ein »hm, hm,« und »so, so« und ein erstauntes Kopfschütteln war zunächst die einzige Antwort. In sichtlicher Verlegenheit, die Handflächen nervös aneinanderreibend ging er im Zimmer auf und ab, blieb abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem Stahlstich des Gekreuzigten über seinem Schreibpult und der Sammlung von Familienphotographien auf dem Bücherbrett stehen, die er eingehend zu betrachten schien, um sich endlich, wie unter dem Einfluß eines raschen erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. Über den Tisch hinweg streckte er mir beide Hände entgegen, fleischige, weiche Hände, die sich anfühlten, als hätten sie weder Knochen noch Muskeln. Eine physische Abneigung ließ mich zögern, die meinen hineinzulegen. »Nun, mein Kind,« sagte er und hob sie auffordernd, »habe Vertrauen zu Deinem Seelsorger! Wie ich jetzt Deine Hände fasse,« — seine runden Finger legten sich um die meinen, als wären es lauter nackte, klebrige Schnecken, — »so wird Gott die flehend zu ihm erhobenen Hände deiner Seele ergreifen und dich aufrichten vom Staube! Das sind Versuchungen des Bösen, denen du ausgesetzt bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je inniger du zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn überwinden.« — Ich zog leise meine Hände aus den seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich an meinem Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und Heiland in kindlich-vertrauendem Verhältnis stünde, ob ich fleißig die Bibel läse. Nach kurzem Kampfe gegen ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich ihm, wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm gekommen, beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erlöst zu werden von meinen Qualen, getrieben von der Sehnsucht, mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu können, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten vermöchte! Er runzelte die Stirn, »das ist ja sehr, sehr traurig und unerhört für eine christliche Familie!« rief er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu verteidigen: »O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen eine Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden Sonntag!« — »Um so unbegreiflicher, daß ein so junges Kind, wie du, der Verführung des Bösen erliegen konnte.« Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu gehen, scharf sah er zu mir hinüber; »Was liest du denn?« frug er. Ich erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis meiner schönsten Stunden verraten?! Ein tiefes, schmerzliches Aufatmen — es mußte sein — mußte sein, um meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen, mir aus Papas Bücherschrank Goethes Werke zu holen, — einen Band nach dem anderen. Wenn ich mich darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir selbst: wie hatte ich mich für Iphigenie begeistert, um Gretchen geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft, um sie immer in der Tasche tragen zu können. Ich pflegte sie heraus zu ziehen, wie der katholische Priester sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen schützen will.
»Das ist ja unerhört, unerhört!« unterbrach der Pfarrer meine Beichte, und seine Stimme überschlug sich, wie in der Kirche, sobald er von der Fleischeslust sprach. »Da es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu bessern,« sagte er dann so laut, als hätte er die Rekruten der ganzen Garnison vor sich, »so wirst du tun, was ich von dir verlangen muß: du rührst diese verwerflichen Bücher während der Zeit des Konfirmandenunterrichts nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe. Du kommst jedesmal eine Viertelstunde früher zur Stunde zu mir als die andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld nicht gefährdet werden. Versprichst du mir das?« Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten sich seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen. Wie zerschlagen schlich ich nach Hause. Aber ich war fest entschlossen, zu tun, was er verlangt hatte.
Am nächsten Morgen gab es zu Haus eine böse Szene: Pfarrer Eberhard hatte meinen Eltern über meinen Besuch Bericht erstattet und sie aufgefordert, sein »schweres Rettungswerk« zu unterstützen. Ich sah wohl, daß meines Vaters Zorn sich mehr gegen den Pfarrer, als gegen mich richtete, aber wie immer, wenn Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat, überließ er ihr das Feld, mir nur unter heftigem Händedruck ein »verdammte Pfaffen« zuflüsternd. Alle meine Schubfächer wurden untersucht, alle Bücher konfisziert, die in die Rubrik: Lehrbücher und Backfischliteratur nicht hineinpaßten; der Schlüssel vom Bücherschrank wurde abgezogen, — nur die verborgenen Schätze im Sofa blieben unentdeckt. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Aufregung: Der erste Mensch, an den ich mich hilfesuchend gewandt, vor dem ich mein Inneres enthüllt hatte, wie vor keinem bisher, vertraute mir so wenig, daß er mich überwachen ließ wie einen Verbrecher! Auch mit meinem Lehrer hatte Mama an demselben Tage eine längere Unterredung, von der er sehr rot und verschüchtert zu mir kam. Er umging von da an noch vorsichtiger als sonst jede Berührung religiöser Fragen. Er wurde überhaupt immer scheuer vor mir und war seltsam zerstreut.
Eine unüberwindbare Bitterkeit ließ diese erste Erfahrung mit dem Pfarrer in mir zurück; das persönliche Vertrauen war ein für allemal vernichtet, aber ich hoffte trotzdem, daß das, was er lehrte, mir Befreiung bringen würde. Und ich klammerte mich an diese Hoffnung. Ich las in den Büchern, die er mir gab, und in der Bibel, ich klagte mich vor mir selber an, wenn ich eine rechte Andachtsstimmung nicht festhalten konnte und immer wieder an den Widersprüchen und Unwahrscheinlichkeiten, die mir aufstießen, Anstoß nahm.
War die Bibel von Gott inspiriert, so mußte die Schöpfungsgeschichte wahr sein; und war sie es, warum lehrte man uns dann die naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der Gelehrten kennen? Bei allen Wundern, an die ich glauben sollte, stießen mir dieselben Bedenken auf; und ebensowenig kam ich über die Lehre hinweg, daß der Gott der Liebe, der Vater im Himmel mit dem grausamen, rachsüchtigen Jehova des Alten Testaments identisch sein sollte. Furchtbarer aber als alles bedrückte mich der Zweifel an der Erlösung der Menschheit durch Christi Leiden und Sterben. Weder die Sünden noch die Sorgen der Menschheit waren seit seinem Tode aus der Welt verschwunden, und jeder büßte, — wie schmerzvoll empfand ich es selbst —, nach wie vor seine eigene Schuld. Ich sprach meine Zweifel und Bedenken offen aus — wir waren ja ausdrücklich dazu aufgefordert worden! — und erwartete sehnsüchtig, widerlegt, in unanfechtbarer Weise eines Besseren belehrt zu werden. Pfarrer Eberhard wurde immer nervöser, sobald ich den Mund auftat, und die andern starrten mich an, und stießen sich kichernd mit den Ellbogen, wenn ich eine Frage stellte. Schließlich wurde mir ein für allemal verboten, in ihrer Gegenwart meine Gedanken laut werden zu lassen; ich benutzte zunächst die Viertelstunde des Alleinseins dazu, für die der Pfarrer immer seltener Zeit zu haben vorgab, und besuchte ihn schließlich außerhalb der Stunde, wenn meine Zweifel mir gar keine Ruhe mehr ließen. Er wurde von einem Mal zum anderen ungeduldiger, und warf mir meinen »geistigen Hochmut«, der mich verführe, mit den unzulänglichen Mitteln menschlichen Verstandes an göttliche Geheimnisse zu rühren, in immer heftigerer Weise vor. Auf all mein Warum? war seine Antwort: darüber darf man nicht nachdenken, denn der Glaube allein versetzt Berge, der Glaube allein macht selig, und so wir nicht werden wie die Kinder, werden wir das Reich Gottes nicht schauen. — Danach muß geistiges Streben, Forschungstrieb, Wissenschaft ein Werk des Teufels sein, — folgerte ich. Unsere Unterhaltungen — das sah ich endlich ein — waren zwecklos. Ich gab sie auf. In dem Bedürfnis, mich auszusprechen, machte ich meine Kusine, die ich schon mit meinen Herzensgeschichten aus allem Gleichgewicht gebracht haben mochte, zur Vertrauten meiner religiösen Kämpfe. Es waren Monologe, die ich vor ihr führte, und ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, daß ich gar nicht bemerkte, wie das arme Ding unter mir litt: wie eine Blume war sie, die in der Knospe welkt, wenn sie zu früh dem Schutz des Schattens und der Kühle entrissen wird.
Zuweilen frug mein Vater mich nach meinen Stunden; er, der menschlicher, feiner dachte, und der mich so lieb hatte wie niemand sonst, hätte mir vielleicht helfen können, wenn nicht eine tiefe, innere Entfremdung zwischen uns eingetreten wäre. Hatte seine aufbrausende Heftigkeit, die zwar weniger im Verkehr mit mir, als der Dienerschaft und den Untergebenen gegenüber hervortrat, ein inniges Verhältnis zwischen uns schon nicht aufkommen lassen — jedes laute Wort ließ mich erzittern —, so machte meine allmähliche Erkenntnis unserer pekuniären Lage, als deren Ursache ich ihn allein ansah, mich hart und unnahbar. Ich sah, wie oft meine Mutter weinte, wenn unerwartete Rechnungen kamen; ich las in den Briefen meiner Großmutter an Mama, die mir zuweilen gegeben wurden, zwischen den Zeilen, wie die Geldsorgen auf der ganzen Familie lasteten. Ich fing an zu begreifen, warum Mama sich über Geschenke ihres Mannes nicht freute, was mir früher so herzlos erschienen war. Es kam vor, daß ich ihr darin schon nachahmte, und erst ein Blick auf Papas trauriges Gesicht, auf seine vor Enttäuschung zuckenden Lippen, löste meine natürliche Freude über hübsche Dinge aus. Mitleid aber ist kein Mittel des Vertrauens, besonders nicht bei einem Kinde und einem Weibe; Mitleid erhebt über den Bemitleideten; das Kind, wie das Weib, muß emporsehen können zu dem Menschen, dem sein ganzes Vertrauen gehören soll. So blieb ich allein, auch in diesem, dem schwersten Kampf meiner Kindheit. Niemand half mir, selbst Gott nicht, so oft und so verzweifelt ich ihn auch anrief.
Um diese Zeit war es, daß meine englische Lehrerin mir von Shelley erzählte, der mit sechzehn Jahren schon seiner antichristlichen Ansichten wegen von der Schule entfernt worden war, später aus denselben Gründen England verlassen mußte und, kaum dreißig Jahre alt, in den Wellen des Adriatischen Meeres seinen Tod fand. Sein Schicksal ergriff mich tief. Der Überzeugung Stellung, Wohlleben, Familie und Heimat opfern, — das erschien mir stets als ruhmwürdigste Tat.
Mit der Versicherung, daß ich sie doch nicht verstehen würde, gab mir die lange, blonde Miß, die für mich bis dahin nur die Verkörperung der Grammatik gewesen war, auf mein dringendes Bitten Shelleys Werke.
»Queen Mab« war das erste, was ich aufschlug. In einer Nacht las ich es zweimal. Mir war, als wäre ich selbst Janthe, der Geist, dem die Feenkönigin des Weltalls wundervolle Pracht, die Schauer der Vergangenheit, das Elend der Gegenwart und das verklärte Bild der Erdenzukunft zeigte: Ich sah die Reichen schwelgen, die Armen hungern; die Toten sah ich auf den Schlachtfeldern, hingemordet um der Ländergier der Könige willen, und sah, wie die Menschen einander zerfleischten wie wilde Tiere, im Namen ihrer Götter! Und dann verklangen in weiter Ferne all die Laute der Qual, das Weinen der Verlassenen, das Stöhnen der Hungernden, Verzweiflungsschreie und Todesröcheln. »Die Wirklichkeit des Himmels, die selige Erde« zeigte sich, die Welt der Zukunft, wo niemand vergebens mehr nach Brot verlangen, niemand nach Erkenntnis verdursten, wo die Menschheit sich selbst erlöst haben wird aus der Hölle irdischer Verdammnis. »Spirit, behold thy glorious destiny!«, — rief Mab, die Königin, es mir nicht zu? Galt nicht mir ihre Mahnung: Fürchte dich nicht! Führe den Krieg gegen Herrschsucht und Falschheit und Not, schlag durch die Wildnis den Pfad hinüber in die Welt, die da kommen soll!
Ich empfand Shelleys Atheismus nicht, ich fühlte nur, daß er den Gott verleugnete, an den auch ich nicht zu glauben vermochte, und wie eine Offenbarung wirkte auf mich sein lebensstarker, hoffnungsreicher Idealismus, sein Vertrauen in der Menschen eigene Kraft, sein feuriger Appell an die Macht des Willens.
In langen Nächten voll innerer Kämpfe suchte ich mir klar zu werden über den Weg, den ich zu gehen hatte, und baute mir langsam, Stein um Stein mühselig zusammentragend, die Kirche meiner Religion auf. Ein heißes Glücksgefühl erfüllte mich, als ich mein Werk vollendet sah und der Entschluß in mir fest stand, mich zu keinem andern Glaubensbekenntnis als zu meinem eigenen zwingen zu lassen, — koste es, was es wolle.
Um die Weihnachtszeit 1879 besuchte ich Pfarrer Eberhard und erklärte ihm, daß ich außerstande sei, das Apostolikum vor dem Altar zu beschwören, daß er mich daher von der Einsegnung dispensieren möge. Zugleich legte ich ihm eine schriftliche Zusammenfassung meiner religiösen Ansichten vor, — ein persönliches Glaubensbekenntnis, das jeder der Konfirmanden niederzuschreiben verpflichtet war. Es lautet: