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Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

Chapter 8: Fünftes Kapitel
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About This Book

A first-person narrator traces her formative years in a conservative, landowning family and the private rituals—especially a lifelong diary habit—that shape her self-examination. Recollections of childhood landscapes, strained romantic choices and family expectations are paired with candid reflections on conscience, social obligation and maternal feeling. The account moves from intimate domestic scenes to broader moral and political questioning, showing how personal disappointments and ethical inquiry converge in a gradual adoption of social critique and a reorientation of life priorities toward collective concerns.

»›Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden.‹

Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht, daß er in sechs Tagen die Welt geschaffen hat, daß er ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich glaube der Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerzählern des Alten Testaments.

›Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geiste, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden ist von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.‹

Ich glaube nicht an diesen Christus, denn ich halte es für heidnisch, an eine Menschwerdung Gottes zu glauben. Ich glaube weder an seine wunderbare Geburt, noch an seine Höllen-, noch an seine Himmelfahrt, noch an seine Wunder.

›Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.‹

Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist, ich glaube nicht an eine heilige, christliche Kirche, die mordet, brennt, verfolgt, steinigt, die Seelen martert, die Wahrheit leugnet. Ich glaube nicht an Vergebung der Sünden, weil Sünde sich nur durch bessere Taten vergibt. Ich glaube nicht an Auferstehung des Fleisches, denn das ist wissenschaftlich unmöglich.

Ich glaube an eine höhere Gewalt, die wir Gott nennen, die der Ursprung des ersten Lebens ist, die die Kraft des Werdens in das erste Atom gelegt hat. Mein Geist ist ein Teil dieses Gottesgeistes.

Ich glaube an Jesus, als an einen edlen Menschen, der zuerst das Gebot der Menschenliebe predigte und danach lebte. Ich glaube, daß er in Niedrigkeit geboren wurde, damit wir daran erkennen sollen, daß die Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit und eigenes Streben. Christi Gebot der Menschenliebe wird die nach ihm benannte Kirche richten.

Ich glaube an den Geist Gottes, der sich in allem Schönen und Großen offenbart, der nach dem Tode des Körpers in andern fortlebt, sei es auf oder über der Erde. Die Kirche und ihre Dogmen halte ich für menschliche Einrichtungen, denen ein freier Geist sich nicht zu beugen braucht.

Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion die wahre sein, so hoffe ich das mit der Zeit zu erkennen. Wenn es ein Verbrechen ist, daß ich mich jetzt von ihr lossage, so scheint es mir ein noch größeres Verbrechen zu sein, mich zu ihr zu bekennen, wo mein Herz nichts davon weiß.«

Pfarrer Eberhard war zuerst keines Wortes mächtig. Dann aber entlud sich sein Zorn schrankenlos über mir. Jede Selbstbeherrschung vergessend, schlug er mit Anklagen, Vorwürfen, Drohungen auf mich ein, — es war wie eine Bastonnade! Aber ich ergab mich nicht. Durch Wochen und Monate setzte der Kampf zwischen uns sich fort, von dem niemand wußte als wir beide. War es Rücksicht, oder war es die Sorge, seine Niederlage einzugestehen, — er weihte diesmal auch meine Eltern nicht ein. Zwischen jeder Zusammenkunft sammelte ich mein Rüstzeug aus meinem verborgenen Bücherschatz, der um vieles gewachsen war, und grübelte zu gleicher Zeit über die Ausführung abenteuerlicher Pläne. Gab der Pfarrer nicht nach, so war ich entschlossen, zu fliehen. Um mir das nötige Geld zu verschaffen, schickte ich Gedichte und Aufsätze an die verschiedensten Zeitschriften — natürlich vergebens! — und verkaufte in obskuren Läden ein Schmuckstück nach dem anderen. Als ich gerade im Begriffe stand, das Kostbarste, — eine alte Brillantbrosche, die meine Großmutter mir einmal geschenkt hatte, — fortzutragen, hörte ich im Vorübergehen einen heftigen Wortwechsel zwischen meinen Eltern. Aufhorchend blieb ich stehen: es handelte sich wieder einmal um eine unbezahlte Rechnung. Mama schluchzte; Papa rief aufgeregt: »Ich brauche mir deine Vorwürfe nicht gefallen zu lassen. Ich saufe nicht, ich rauche nicht, ich rühre keine Karte an, ich habe keine Weibergeschichten — was willst du eigentlich von mir?!« — »Du hast immer zwei Pferde zu viel im Stall —« antwortete Mama heftig, »und Alix Privaterziehung, die Tausende verschlingt, war auch überflüssig —.« »Laß mir das Kind in Frieden!« brauste Papa auf — »die einzige Freude, die ich habe, laß ich mir nicht vergällen — —.«

Jedes Wort traf mich ins Herz; mir hatten sie so große Opfer gebracht — mir, die ich das Schwerste über sie heraufbeschwor; — ich war meines Vaters einzige Freude — ich, die ihm das Herz brechen wollte! — Ich lief davon, verkaufte mein Schmuckstück und kam hochrot und atemlos nach Hause zurück, nur von dem Gedanken getrieben, den armen Eltern eine Last abzunehmen. Sie saßen versöhnt nebeneinander und sahen mich verwundert an, als ich Mama hastig ein paar Goldstücke in die Hand drückte. »Was soll denn das?« frug sie, und »Woher hast du das Geld?« mein Vater. Ich erschrak; ich hatte in meinem Eifer an die Möglichkeit dieser Frage nicht gedacht. Sollte ich die Wahrheit sagen? Das hieße auch meine übrigen Verkäufe verraten und meine Flucht von vornherein unmöglich machen. Mein Blick fiel auf das »Daheim« mit dem Anfang einer neuen Erzählung an der Spitze. »Es ist — es ist — das Honorar für — diese Geschichte,« kam es mühsam und stockend von meinen Lippen. Nun war ich im Netz meiner eigenen Lüge gefangen, und die Furcht vor den Folgen hinderte mich, es zu zerreißen. Die Eltern glaubten mir; mein Vater umarmte mich voll Rührung, und wenn er auch meine flehentliche Bitte, das Geheimnis meiner Autorschaft zu wahren, zu erfüllen versprach, so war er doch viel zu stolz auf den Erfolg seiner Tochter, als daß er nicht wenigstens den nächsten Freunden und Verwandten davon Mitteilung gemacht hätte. Die Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. Eine Kusine meines Vaters war mit der Verfasserin des Romans, den ich vorgab, geschrieben zu haben, befreundet und frug ihn brieflich nicht wenig erstaunt nach dem Zusammenhang dieser seltsamen Historie. Es kam zu einem furchtbaren Auftritt. Mein Vater kannte sich selbst nicht mehr. »Mein guter Name! Mein guter Name!« stöhnte er immer wieder und lief wie wahnsinnig im Zimmer hin und her. »Ich muß mich erschießen! Ich überlebe die Schande nicht!« schrie er dazwischen, während Mama still vor sich hin weinte. Stumm und regungslos stand ich mitten im Zimmer und rührte mich auch dann nicht, als Papa mit funkelnden, rot unterlaufenen Augen vor mir stehen blieb und die hoch erhobene Faust klatschend auf meine Wange niedersausen ließ.

Stumpfsinnig vor mich hinbrütend, lag ich ein paar Tage im Bett. Niemand kümmerte sich um mich als die Anna, die mir auch mitleidig in die Kleider half, als Pfarrer Eberhards Besuch mir gemeldet wurde. Mit gefalteten Händen und tief bekümmerter Miene trat er ein. Daß sie keinem echten Gefühle Ausdruck gab, sah ich an den Lichtern leisen Triumphs, die in seinen Augen glänzten: Endlich war der Sieg sein — endlich! Er hielt mir eine wohlvorbereitete Rede, die ich mit keiner Silbe unterbrach. Das furchtbare Ereignis habe hoffentlich, so sagte er, meinen Hochmut gebrochen und mich belehrt, daß Gott seiner nicht spotten ließe. Noch sei es Zeit für mich, umzukehren vom Wege der Sünde, und demütig dem zu folgen, der allein Wahrheit, Licht und Leben wäre. »Nach all dem Kummer, den du deinen Eltern bereitet hast, wirst du ihnen die Schande nicht antun, vom Altar des Herrn fern bleiben zu wollen.« Ich schwieg auch jetzt, trotz der beziehungsreichen Pause, die er eintreten ließ. »Du wirst die Zeit bis dahin zur Einkehr, zur Buße, zum Gebet verwenden.« Wieder eine Pause. »Und wie Gott im Himmel seine Hand nicht von dir abziehen, und Jesu Christi Blut auch dich rein waschen wird von deinen Sünden, so werden deine lieben Eltern dir verzeihn. Ich werde mit Gottes Hilfe die Schwergeprüften aufrichten und dich ihnen wieder zuführen.« Ich schwieg noch immer. »Wirst du tun, was ich, der Diener deines Herrn und Heilandes, von dir fordere?« Ein mechanisches »Ja« war meine Antwort.

Während der Wochen bis zu meiner Einsegnung lebte ich wie ein Automat; ich fühlte weder Reue noch Kummer, und die Gedanken waren wie ausgelöscht. Nur als ich zum erstenmal das lange weiße Konfirmandenkleid anprobierte, zuckte mir ein krampfhafter Schmerz durch den Körper. Den Mund kaum zu einem Lächeln verziehend, begrüßte ich die vielen Verwandten, die zu dem feierlichen Tage nach Posen kamen: Onkel Walter aus Pirgallen mit seiner jungen Frau, die eben auf der Hochzeitsreise waren, Onkel Kleve aus Bayern, Tante Klotilde aus Augsburg, die befriedigt die »würdige Stimmung« ihrer Nichte anerkannte. Als aber am Sonnabend vor Pfingsten, einem herrlichen lachenden Maientag, vor dem ich mich verschüchtert in mein dämmriges Zimmer verkrochen hatte, die Türe aufging und wie getragen von einem breiten Strom von Licht, meine Großmutter in ihrem Rahmen erschien, war mir plötzlich, als fiele ein schwerer, eiserner Panzer von mir ab, der mich eingezwängt und aufrecht erhalten hatte. »Großmama, liebe Großmama,« rief ich und brach aufschluchzend vor ihr zusammen. Ach, warum war ich nicht zu ihr geflüchtet, warum kam sie erst jetzt, — jetzt, da es zu spät war?! Tief erschüttert schloß sie mich in ihre Arme, und ich weinte mich aus. Aber dann kam Mama, und der Abend im Kreise der Familie, und die Nacht ...

Widerstandslos ließ ich mich am nächsten Morgen schmücken, nahm den Strauß weißer Rosen in die Hand und stieg mit den Eltern in den Wagen. Die ganze Straße stand voll Menschen, — wie bei einem Begräbnis, dachte ich. Auch vor der Kirche sammelten sich die Neugierigen in ihren bunten fröhlichen Festtagskleidern. Durch die Fenster flutete die Sonne, so daß ich geblendet die vom Weinen heißen Augen schloß, als ich zwischen Vater und Mutter auf rotem Teppich durch die weite, weiße Säulenhalle schritt. Die Glocken läuteten, brausend setzte die Orgel ein, laut dröhnten über mir die kräftigen Stimmen des Soldatenchors. Jeder Ton schnitt mir messerscharf in die Seele. Es blitzte und funkelte ringsum von Uniformen und Orden und raschelte von seidenen Kleidern. Ich sah nicht auf. Da schlug ein ganz leiser, weher Laut, wie »Alix« an mein Ohr. Ich hob den Kopf. Es war mein Lehrer, der mich mit einem Blick ansah, — einem Blick, der mir rätselhaft schien. Und dann standen wir vor dem Altar. Er war ringsum mit einem Wald von Palmen umgeben, ohne eine einzige Blume dazwischen. »Wie beim Begräbnis,« dachte ich noch einmal. Ich hörte nicht, was der Pfarrer sprach; mir war plötzlich, als stünde ich dicht vor dem Felsentor des Höllentals, und der brausende Bach drohte, mich zu verschlingen. Mein Strauß entfiel mir; der ihn aufhob, war mein Lehrer; ich begegnete seinen Augen dabei, — seltsam, wie er mich ansah! Verwirrt blickte ich um mich; meine Mitschülerinnen sprachen schon das Apostolikum, und ein strenger Blick des Pfarrers mahnte mich an meine Pflicht. Einem aufgezogenen Uhrwerk gleich, sagte ich, ohne zu stocken, die drei Artikel auf. Und währenddessen fühlte ich die vielen hundert Augen auf mich gerichtet, — gespannt, höhnend, triumphierend. Darnach war es einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von jeder einzelnen das persönliche Bekenntnis zu den gesprochenen Worten abnahm und den Segen erteilte. Ich war die letzte. Er erhob die Stimme bedeutungsvoll, als er sich mir zuwandte. Sage nein — sage nein — klang es in mir. Angstvoll, hilfesuchend sah ich um mich: auf das gütige, verzeihende Lächeln meines Vaters fiel mein Blick, auf den leisen liebevollen Gruß meiner Mutter — — —

»Bekennst du dich von ganzem Herzen zu unserm allerheiligsten Glauben, so antworte: Ja.« — — —

Irgendwo fiel ein Schirm — ein Säbel rasselte — jemand schluchzte auf, — und die vielen, vielen Augen durchstachen mich.

»Ja!« klang es laut und rauh durch die Kirche. War das wirklich meine Stimme gewesen?! Mechanisch kniete ich nieder, wie die andern. Ob wohl die Schleppe richtig lag, dachte ich stumpfsinnig, und etwas wie Neugierde nach dem Spruch, den der Pfarrer mir geben würde, regte sich in mir.

»Darinnen freuet euch nicht, daß euch die Geister untertan sind, sondern daß eure Namen geschrieben sind im Himmel.«

Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder. Mein Name — und im Himmel geschrieben!! Hatte ich nicht eben vor Gottes Altar einen Meineid geschworen?! — —

Unter Tränen und Glückwünschen und Schmeichelworten umdrängte mich alles. Zu Hause empfing mich ein Aufbau von kostbaren Geschenken, von duftenden Blumen; Militärmusik spielte unter den Fenstern, und um die geschmückte Tafel versammelte sich eine glänzende Gesellschaft. Mir galten die Reden und Toaste, und immer aufs neue perlte der Sekt in meinem Glase. In halber Betäubung kam ich abends in mein Zimmer; die rote Ampel brannte über dem Bett; seltsam bedrückend war nach all den wirren Geräuschen des Tages die Stille. Mein Blick fiel auf ein kleines Paket, durch dessen Schnüre ein paar gelbe Rosen gezogen waren. Verwundert öffnete ich das Geschenk, das nicht auf dem Tisch der allgemeinen Gaben gelegen hatte. Es enthielt ein schmales Buch in blauem Einband — »Deutsche Liebe« von Max Müller, und einen Brief:

»Gnädiges Fräulein!

Da ich gezwungen bin, schon morgen Posen zu verlassen, und vor Ihrer Abreise nicht zurück sein kann, gestatten Sie mir, Ihnen schriftlich Lebewohl zu sagen und beifolgendes Buch als Andenken zu überreichen. Seien Sie recht, recht glücklich!

In aufrichtiger Freundschaft
Ihr
Hugo Meyer.«

Ich strich mir über die Stirn, — träumte ich denn? Aber nein, das Buch, das ich las, bestätigte mir, was mich plötzlich seinen Blick in der Kirche hatte verstehen lassen. Und ich — ich war blind neben ihm hergegangen, hatte nicht nach seiner Hand gegriffen, die mir aus dem Abgrund herausgeholfen hätte, in den ich versank! Schwarz, unergründlich, unüberbrückbar sah ich ihn vor mir: Ich hatte heute einen Meineid geschworen, — und mein Freund, mein einziger Freund hatte mich verlassen!


Fünftes Kapitel

Wenn der Sommer im Samland Einzug hält, dann kommt er nicht als ein züchtig Werbender, der sich die Erde in zäher Treue allmählich erobert; er kommt vielmehr, ein stürmischer junger Held, der dem Freiwerber Frühling gar nicht Zeit läßt, ihm den Weg zu bereiten. Die Sonne, die eben noch umsonst mit den Winternebelwolken kämpfte, schießt, wenn er naht, plötzlich mit glühenden Pfeilen vom blauen Himmel herab, und auf einmal erwacht Wald und Feld und Wiese und gibt sich schrankenlos dem ungestümen Liebhaber hin. Die Blumen, die das Jahr, als ein karger Weiser, sonst über viele Monde verteilt, blühen hier zu gleicher Zeit in verschwenderischer Fülle; das Schneeglöckchen begrüßt noch das Veilchen und die gelbe Butterblume; üppig und grade im prangenden Schmuck ihrer leuchtenden Farben stehen Malven und Georginen im Garten, während weiße und gelbe und rote Rosen ihnen den Preis der Schönheit streitig machen. Mit dem herben Duft des Hollunders eint sich der süße, zarte der Linden, der schmeichelnde der blauen Fliederdolden und der berauschende, liebeskranke des Jasmins.

Weit, weit hinab, bis zu den graublauen Fluten des Kurischen Haffs dehnen sich saftgrüne Wiesen und gelbe Kornfelder; wenn der Wind darüber streicht, ist es wie ein einziges wogendes Meer, aus dem nur hie und da die Strohdächer dürftiger Häuser hervorlugen. Aber auch ihr Elend hat der Sommer, als könnte er nichts Trauriges sehen, mit rasch wucherndem Schlingkraut verschleiert, so daß ihre trüben Scheiben wie verschlafene Augen verwundert darunter hervorsehen. Es ist so ruhig hier wie im Dornröschenzauber; nur hie und da unterbricht das klägliche Weinen eines verlassenen Säuglings die tiefe Stille. Was Füße und Arme regen kann, ist hinaus mit Harke oder Sense, Spaten oder Beil, Ruder oder Fischnetz. Der heiße Sommer weckte jung und alt aus dem langen, dumpfen Winterschlaf, und von früh bis spät gilt es schaffen, um seiner Gaben Reichtum rasch, wie er sie brachte, zu bergen. Wie sie alle lebendig geworden sind, diese schwerblütigen Menschen: sie gehen nicht — sie springen —, sie lachen nicht — sie kreischen, und der Haffwind, des Samlandsommers treuer Knecht, peitscht ihre strohgelben Haare, daß sie rings von den breiten Schädeln abstehen, wie Blätter der Sonnenblume um den Kelch, und bläht die roten Röcke der Weiber, daß die nackten Beine bei jeder Bewegung darunter hervorleuchten. Sie sind mit der Natur noch eins, diese Männer und Frauen: sie schlafen auch den Winterschlaf mit ihr; denn nach der langen Tagesarbeit klingts und singts noch durch die helle warme Sommernacht; es kichert und raschelt zwischen den Garben, es atmet heiß und schwer in den Geißblattlauben. Vom Dorfkrug aber lärmt und tobt es herüber: da sitzen sie hinter schwälender Lampe, vertrinken und verspielen ihre Habe, und wenn sie glühend vom Branntwein heimkehren, mischt sich wohl auch wilder Wehlaut aus Weiberkehlen in all die vielen wirren Töne der Nacht.

In solch eines Sommers heißes Leben kam das blasse Stadtkind mit den trüben Augen und dem matten Lächeln. Das Turmzimmer von Pirgallen nahm es wieder auf, wo es zuerst das von der alten Linde vor dem Fenster grün verschleierte Licht des Tages erblickt hatte. »Hier soll mein Alixchen wieder rund und rosig werden,« sagte die Großmama bei der Begrüßung, das Enkelkind bekümmert musternd. »Und all die Gelehrsamkeit soll sie vergessen,« fügte Onkel Walter lachend hinzu. »Und trinken und tanzen soll sie, bis sie schwindlig wird,« rief Tante Emmy, seine Frau, während in ihren lustigen braunen Augen alle Kobolde des Frohsinns ein Feuerwerk entzündeten. Seit sie vor kaum einem halben Jahr hier Einzug gehalten hatte, mochte das alte Schloß sich selbst kaum wieder erkennen: Die Gäste kamen und gingen, helle Kleider raschelten durch die sonst so einsamen Gänge, die Mauern hallten wider von Lachen und Scherzen.

Wenn morgens der Rasenteppich, der hinter dem Schloß bis zum Wasser herunterführt, unter Tauperlen und Sonnenstrahlen glänzte und glitzerte wie ein Riesensmaragd, dann gingen die Gäste von der breiten Terrasse die hohe Steintreppe hinab und verteilten sich in Park und Wald; die einen träumten still in der Hängematte, die andern lockte das Haff, dessen weiße Schaumköpfchen vom Horizont herüberglänzten, zum Bad und zur Segelfahrt; die Ruhigen liebten es, am Strande Muscheln zu suchen; die Waghalsigen wollten, mit Kutschern und Reitknechten um die Wette, junge Pferde hinter Zaum und Zügel zwingen. Freiheit der Bewegung war Gesetz für alle. Nur wenn laut der Gong durch Schloß und Hof und Garten gellte, fanden sie sich allmählich wieder zusammen.

Allabendlich füllte sich der dunkle Speisesaal, in dem so lange nur Mutter und Sohn einander schweigsam gegenübergesessen hatten, mit lebenslustiger Jugend, und die kulinarischen Genüsse, die der französische Koch zu bereiten verstand, steigerten mit dem perlenden Sekt, den der alte Haushofmeister unermüdlich in die Gläser schenkte, die lebendige Stimmung. Wenn dann hinter den Flügeltüren die zärtlich-lockende Weise des Donauwalzers klang, gab es ein heftiges Stühlerücken, und gleich darauf flogen die Paare durch den hohen weißen Saal. Viele schmale Spiegel, von Goldleisten eingefaßt und von musizierenden Amoretten bekrönt, warfen das Bild immer wilder tobender Tänzer zurück, während so manche durch das Alter blind gewordene Scheiben heimlich die Erinnerung an graziös und feierlich im Menuett sich schlängelnde und wiegende Rokokopaare zu bewahren schienen. Mit leisem Klirren schlugen die Kristallprismen des Kronleuchters aneinander, und die Lichter flackerten im Takt, als hätte die Tanzweise auch ihnen Leben verliehen; sie bewegten sich noch lange hin und her, wenn die duftende Schwüle der Sommernacht die Tanzenden durch weit offene Türen in den dämmernden Park gelockt hatte. Da gab es verschnittene Laubengänge und weiße Bänke im Jasmingesträuch, und auf stillen Weihern kleine Kähne. Spät erst, wenn feuchte Nebel vom Haff herüber die nackten Schultern der Frauen unter den Spitzengeweben zittern ließen, gingen Pirgallens Bewohner zur Ruhe.

Unaufhaltsam riß mich das Leben in seinen Strudel. Geistig müde und stumpf, getrieben von dem Wunsch, nur nicht zu mir selbst kommen zu können, war es mir zuerst der Rausch, der Vergessen bringt. Aber dann siegte Jugend und Lebenslust, und der Genuß wurde zum Selbstzweck. Niemand dachte angesichts des großen reifen Mädchens an ihre vierzehn Jahre; ich galt allen als erwachsene junge Dame, als Tochter des Hauses überdies, und was an männlicher Jugend ins Schloß kam, das teilte seine Huldigungen zwischen der lustigen Hausfrau und ihrer Nichte. Zuweilen, das merkte ich wohl, war ich der Tante, die gewohnt war, der Mittelpunkt der Gesellschaft zu sein, ein Dorn im Auge. Dann begann jener stille Frauenkampf um den ersten Platz, der, mit allen Waffen der Koketterie geführt, nicht minder aufregend ist als der der Männer im Fechtsaal oder beim Hasard. Triumphierte meine Jugend über ihre Grazie und ihren Witz, so behandelte sie mich plötzlich als das Kind, das zur Strafe nicht mitgenommen wird, wenn die Großen sich amüsieren; doch »das Kind« durchkreuzte nur zu rasch ihre pädagogischen Einfälle. So wurde ich einmal von einer Segelpartie ausgeschlossen — aus Mangel an Platz, sagte sie —; im Augenblick aber, als die Jacht den Hafen verließ, erschien ich hoch zu Roß in Begleitung des feschesten Kürassierleutnants, den meine Tante — ich wußte es genau! — von allen Gästen am meisten entbehrte. Und ein andermal, als ihre neuste Pariser Toilette mich ausstechen sollte, zog ich durch einen rasch zusammengestellten phantastischen Schmuck von Vogelbeeren auf meinem weißen Kleid und in meinen schwarzen Haaren alle Blicke zuerst auf mich. Es war gerade von der großen Dampferfahrt die Rede, die der konservative Verein des Kreises mit seinen Damen durch den Friedrichskanal zum Moorbruch unternehmen wollte. Wir freuten uns alle darauf, ein Stück altlitauer Landes und Lebens kennen zu lernen.

»Schade, daß Alix zu Hause bleiben muß,« hörte ich plötzlich die hohe scharfe Stimme der Tante sagen; »nur persönlich Geladene haben Zutritt.« Mir stiegen Tränen der Enttäuschung und des Zorns in die Augen. Onkel Walter, der den Zusammenhang nicht begriff, sah mich an und rief über den Tisch hinüber: »Beruhige dich, Alix, das ist eine bloße Formalität, die ich rasch erledigen werde.«

Tante Emmys gereizte Stimmung verriet mir am nächsten Morgen, daß es zwischen dem Ehepaar noch eine Szene gegeben hatte und der Sieg nicht auf ihrer Seite gewesen war. Die offizielle Einladung wurde mir mit einer gewissen Absichtlichkeit überreicht, und ich konnte das leise Lächeln nicht unterdrücken, mit dem ich die Tante dabei ansah.

Am frühen Morgen des großen Tages fuhren wir in zwei Vierspännern gen Labiau, die Kreisstadt. Als die Wagen über das holprige Pflaster rollten, flogen links und rechts die Fenster auf, und neugierige Gesichter starrten den berühmten Gespannen Pirgallens nach. Auf der Straße blieben die Leute stehen, zogen die Mützen oder knixten respektvoll; und am Anlegeplatz, wo der Dampfer schon fauchte und prustete, wartete die Menge der Geladenen auf den vornehmsten Mann, den größten Besitzer und den eben zum Reichstagskandidaten des Kreises aufgestellten Freiherrn. Er und seine Frau wurden umringt, ich stand abseits und musterte mit heimlichem Naserümpfen die Gesellschaft: Die Frauen, fast alle groß und hager, in seidene Staatskleider gezwängt, über den kantigen Gesichtern und den glatten Scheiteln kleine Kapotthütchen, mit allen Zeichen jener nicht zu überwindenden Verlegenheit, die ungewohnte, mit Wetter und Tagesstunde unvereinbare Kleidung hervorruft; die Mädchen, hochrot vor Erregung, in steifgestärkten Kattunfähnchen, Zwirnhandschuhe über den Händen, klirrende Armbänder über den breiten Gelenken, in einem dichten Haufen ängstlich zusammengeschart, als gelte es, sich gegenseitig vor den Angriffen der Männer zu schützen. Die hatten sich schwarz und dicht gegenüber postiert, nur hier und da von einer Reserveleutnantsuniform irgend eines hundertsten Infanterieregiments unterbrochen. Sonst lauter Bratenröcke und Zylinder. Mich grauste es; ganz anders hatte ich mir die Sache gedacht, und beinahe wäre ich rasch wieder in unseren Wagen gesprungen, als Onkel Walter sich nach mir umdrehte: »Erlaube, daß ich dir einige der Herren vorstelle: Herr v. Trebbin, v. Wanselow, v. Warren-Laukischken.« So alte Namen und solche Bauern! dachte ich, während mein Blick auf ihren roten Händen sekundenlang haften blieb.

»Ah, da sind Sie ja auch, mein lieber Rapp,« hörte ich meinen Onkel lachend sagen, »trauen Sie sich wirklich einmal in Damengesellschaft?!« Ich wandte mich rasch nach dem Angeredeten um: das also war der Frauenfeind, von dem Tante Emmy im Wagen gesagt hatte, er sei der einzige, der sie interessiere. Sie hatte zweifellos vor, den wunderlichen Einsiedler zu bekehren und freund-nachbarliche Beziehungen anzuknüpfen. Ich dachte nicht mehr daran, davon zu fahren, sondern folgte dem Menschenstrom, der über den Schiffssteg zum Dampfer flutete. Die Labiauer Stadtkapelle konzertierte, als hätten alle verstimmten Flöten und Trompeten sich hier ein Stelldichein gegeben, und zwischen den Eichenlaubgewinden knisterten die grellbunten Papierblumen. Das kleine Schiff schien die Geladenen kaum fassen zu können. Nur die Honoratioren, darunter auch meine Verwandten, wurden an einen gedeckten Tisch genötigt, auf dem ein kreisrunder Strauß in weißer Papiermanschette prangte. Alle anderen suchten sich eilig einen Platz; wie aufgescheuchte Vögel liefen die Mädchen umher, bis sie glücklich wieder eng gedrängt in einer Ecke beieinander saßen. Ich blieb ruhig stehen; Laufen und Hasten war mir immer antipathisch, und aufs Geradewohl mich irgendwo einklemmen, vollends. Das Schiff setzte sich schon in Bewegung, als ich Herrn von Rapp in meiner Nähe sah, sichtlich unschlüssig, in welchen Winkel er sich mit seiner Menschenfeindschaft flüchten sollte. »Wir sind Leidensgefährten,« sprach ich ihn an, »ich glaube, in der Kajüte sind Sessel, wollen Sie so gut sein, mir einen bringen?« Mit zweien kam er zurück, — ich wußte, als höflicher Mann konnte er mich nicht allein lassen. Wir unterhielten uns, zuerst gequält und konventionell, dann immer lebhafter. Der kleine Mann mit dem frühzeitig kahlen Schädel hatte seine Landeinsamkeit ausgenutzt: er war belesen, und — was in dieser Umgebung noch erstaunlicher schien — er hatte selbständig über Welt und Menschen nachgedacht. Was ich geplant hatte, um die Tante zu ärgern und mir die Zeit zu vertreiben, war rasch vergessen, — so sehr fesselte mich unser Gespräch. Inzwischen fuhren wir im leuchtenden Sonnenschein den Friedrichskanal entlang, durch das dunkelgrüne Moosbruch, an niedrigen Häuschen vorbei, um die verkrüppelte Obstbäumchen blühten, vorüber an Agilla und Juwendt, uralten litauer Ansiedlungen, wo die Strohdächer fast zur Erde reichten und die kleinen struppigen Pferdchen, denen des Litauers zärtlichste Sorgfalt gilt, lustig zwischen den Scharen schmutziger Blondköpfchen umhersprangen. Mein Nachbar kannte Land und Leute gut; er wußte von den hartnäckigen Kämpfen gegen die Ordensritter zu erzählen, die mit einer — was die Religion betrifft, freilich nur scheinbaren — Unterwerfung der Litauer erst dann endeten, als die Zahl ihrer Männer auf das äußerste dezimiert war, und kannte all ihre seltsamen Gebräuche, die sich noch aus der Zeit des Heidentums erhalten hatten.

Ein heftiger Stoß, der unseren Dampfer erzittern ließ, unterbrach seine Schilderungen: wir saßen fest, vergebens arbeitete die Maschine, der Kapitän, der gestand, hier noch nie gefahren zu sein, war ratlos, und alles Geschrei vermochte niemanden ans Ufer zu locken als die Kinder.

»Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hinüber,« damit wandte sich mein Onkel an den Kapitän. Unter dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht verständigen zu können, lehnte er es ab. »Begleiten wir ihn!« sagte ich, entzückt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise zu Rapp, der mir eben klangvolle Strophen litauischer Dainos zitiert hatte. Rasch entschlossen verständigte er sich mit dem Kapitän, und ebenso rasch folgte ich den Männern in den Kahn, begleitet von dem erstaunt-unwilligen Gemurmel der Zurückbleibenden. Am Ufer angelangt, traten wir in eines der ersten Häuser und stießen die Türe auf, als uns auf unser Klopfen niemand antwortete.

Der Raum war fast dunkel, und beißender Rauch hinderte uns überdies, die Augen zu öffnen; ein paar Hühner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen tönte uns aus dem äußersten Winkel entgegen, auf dem Herd, dessen Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf beiseite gerückt, dann näherten sich uns schlurfende Schritte. Ein Weib, dem weiße lange Haare wirr und tief über die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte die Arme über das grobe Hemd, das mit einem dicken gelben Wollrock ihre einzige Bekleidung bildete, und küßte mit einer Gebärde demütiger Unterwürfigkeit den Saum meines Kleides. Rapp erklärte ihr rasch die Situation. War sie es, oder war es der Klang der eigenen Sprache, der ihr ein Lächeln in das Antlitz trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern und wies auf die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine Pferdedecke gehüllt, schnarchend lag.

»Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und wenn er nicht stiehlt, dann schläft er,« sagt das Sprichwort. Rapp wurde ungeduldig und sprach lauter. Inzwischen hatten sich die Kinder aus der Türe hereingeschlichen und umringten die Mutter; in all den vielen Augen — graublau wie das Haff — spielten feindselige Lichter; und je heftiger Rapp wurde, desto straffer richtete sich das Weib aus ihrer gebeugten Stellung auf, bis ihre Stirn den niedrigen Balken der Hütte fast streifte. »Wie eine verwunschene Schicksalsgöttin,« dachte ich und wich scheu vor ihr zurück. Rapp aber war an ihr vorbei an den Herd getreten und hatte den Kessel aus Licht gerückt. »Rehbraten!« rief er. »Dacht' ichs mir doch! Also ein Wilddieb.« Schon lag die Frau ihm jammernd zu Füßen, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem Lärm vom Lager gesprungen. Es bedurfte nur noch einer kurzen Unterhandlung, um sie gefügig zu machen. Kaum zum Dampfer zurückgekehrt, entwickelte sich ein merkwürdiges Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale Kähne umringten ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht, mit dem Ruder kräftig stoßend, ein Weib. Eine sah aus wie die andere: groß, schlank, helläugig, mit buntem Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei aufwies, ein grelles Tuch um die weißblonden Haare geschlungen. Sie wußten so genau Bescheid in ihren heimatlichen Gewässern wie der beste Lotse, und bald waren wir wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser den voranrudernden Frauen nach. Allmählich wurde ihre Zahl immer kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsgöttin blieb übrig, um uns den Weg zu der Mittagsstation, wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu zeigen. Schließlich verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte, nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne hörten wir noch das Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende von den Gefährtinnen empfangen wurde. Aber zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht — für die entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich gerächt! Unser Schiff enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den Durst als an den Hunger der Passagiere gedacht; und da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige Gesprächsstoffe wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und Viehzucht schließlich erschöpft waren, so blieb den biederen Vereinsgenossen nichts übrig, als zu trinken und Skat zu spielen. Um dem Sehbereich ihrer teuren Ehehälften zu entgehen, zogen sie sich, soweit es der Raum erlaubte, in die Kajüten zurück. Zigarrendampf, knallende Pfropfen, ein immer brüllenderes Gelächter, hier und da aus der Tiefe auftauchende blaurote Köpfe kündigten an, wie es dort unten aussah. Die Frauen, bei denen die drei berühmten Gesprächsthemen — Klatsch, Küche und Kleider — zwar etwas länger vorhielten, waren bald übel daran. Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine Häkelarbeit aus der Tasche, die jungen Mädchen, zu denen ein paar unternehmende Jünglinge sich gesellt hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den Grad ihres Amüsements bezeichnen sollte; viele schliefen mit Mäntelpolstern unter den Köpfen.

Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Plätschern durch die traumhafte Stille endloser gleichmäßig grüner Einsamkeit.

Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genießen können, wie der Begriff der Unterhaltung sich bei den meisten mit Schwatzen deckt und ein Unbeschäftigtsein der Zunge oder der Hände ihnen gleichbedeutend ist mit Langerweile. Ich saß stundenlang still und sah in die Ferne, wo das Grün der Wiesen mit dem Blau des Himmels zusammenstieß und sich in schimmerndem Silberglanz aufzulösen schien. Ich träumte von andern Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur ihrer Zeit verkörpern, Menschen, denen Natur, Kunst und Wissenschaft unendlicher Gegenstand ihres Genießens, ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist. Herrn von Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück. Ich lächelte: der kleine Mann mit dem glatten Schädel war gewiß unter diesen der beste, aber er sah aus wie ein Bauer, und zu meinem Begriff der Menschenkultur gehörte das Aussehen eines Märchenprinzen.

Es fing an zu dämmern als der Nemonien uns aufnahm, ein breiter Strom, dessen Wellen so weich und melodisch fließen wie sein Name. Wir erreichten das Haff, von einem Lotsen geführt. Groß und rot versank der Sonnenball langsam hinter dem schmalen gelben Streifen der Nehrung, eine lange goldene Straße auf dem Wasser malend. »Der Weg zum Himmel!« sagte Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick ergriffen wie ich. »Zwei Fischerkinder von Nemonien sind einmal des Abends auf dieser Straße davongerudert. Sie bekamen daheim nur Schläge und böse Worte und wollten zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder — ob sie ihn wohl gefunden haben?!« Wie er mich ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die alten Wunden aufriß! — »Ich glaube es nicht,« antwortete ich mit zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder. Die Nacht brach an, die Sterne glänzten vom hellen Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen auf das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren wir nicht vorbereitet gewesen. Herr von Rapp hüllte mich sorglich in seinen Mantel und brachte mir Tee und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte ich, daß die Menschen uns so rücksichtsvoll allein lassen. Ich hatte mich ja freilich auch nicht um sie gekümmert.

Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von Labiau. Ich war sehr müde und fühlte nur noch den Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte. Schweigsam fuhren wir nach Hause.

Am nächsten Morgen neckte mich Onkel Walter mit meiner »Eroberung«, während Tante Emmy behauptete, ich hätte mich kompromittiert. Nachmittags fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit einem Rosenstrauß bewaffnet, entstieg. Er war noch verlegener als ich, und sah in diesem Kreise, wie ich fand, recht plebejisch aus. Während der ganzen folgenden Woche kam er täglich. Ich lief oft davon, aber auch auf einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fuß, wußte er mich einzuholen, und schließlich ließ ich mir seine Nähe mit einer gewissen Herablassung gefallen. Als ich eines Morgens auf die Terrasse zum Frühstück kam, fand ich Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr von Rapp hatte um mich angehalten. Soll ich leugnen, daß meine erste Empfindung die geschmeichelter Eitelkeit gewesen ist?! Der erste Antrag — und kaum fünfzehn Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerblütigen Mann, der sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit herausgerissen hatte, um eine so bittere Erfahrung zu machen. Die Vorwürfe meiner Mutter verschärften meinen Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der ganzen Sache. Ich war sehr unglücklich und malte mir des armen Abgewiesenen Zustand in so düsteren Farben aus, daß ich mich verpflichtet fühlte, ihn zu »retten«, — ich wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich verloben, ihm ewige Treue schwören.

In aller Herrgottsfrühe ließ ich mir die »weiße Dame« satteln und ritt durch einen feuchtkalten Septembermorgen zu ihm hinüber. Vor der Stalltür sprang ich vom Pferde und warf dem ersten erstaunt herbeieilenden Knecht die Zügel zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich die Glocke an dem einstöckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft kam ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich brachte! Eine dicke Wirtschafterin trat mir entgegen. Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit offnem Munde starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor mir. In äußerster Verlegenheit vermochte ich nur das eine Wort »Verzeihung« zu murmeln. »O gnädiges Fräulein hatten einen Ohnmachtsanfall!« rief er so laut, daß die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die nächste Türe steckte, es hören konnte, »ich werde sofort für eine Erfrischung sorgen.« Er holte ein Glas Wein und flüsterte mir, während ich trank, mit scharfer Stimme zu: »Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube zurückzukehren. Spielen Sie vorläufig mit Puppen, statt mit Menschen!« Langsam und müde ritt ich nach Pirgallen zurück.

Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben nicht unbekannt, sogar Papa erfuhr davon, als er auf Urlaub nach Pirgallen kam. »Hast du denn gar keine Scham im Leibe?« schrie er mich wütend an. Großmama suchte mich zu schützen, aber ihre dauernde stille Sorge um mich empfand ich so sehr als einen Vorwurf, fürchtete so sehr, daß sie, die fromme Christin, mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen und Erinnerungen heraufbeschwören könnte, die ich so tief als möglich vergrub, daß ich jetzt auch jedem Alleinsein mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige Blick, mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.

Ich atmete auf, als wir Pirgallen verließen und der alte Turm, um den die gelben Blätter im Herbstwind tanzten, meinen Blicken entschwand. Und ohne ein anderes Gefühl als das der Erleichterung schied ich kurze Zeit darauf auch von meinen Eltern. Papas Schwester in Augsburg erwartete mich; sie hatte schon längst mit den Eltern abgemacht, daß ich ihr zum letzten »Erziehungsschliff« anvertraut werden sollte. Mir war es ganz gleichgültig, wohin ich ging.


Sechstes Kapitel

Ein Oktoberabend war es wieder, wie vor neun Jahren, als ich in Augsburg ankam. Aber diesmal empfing mich die Tante selbst am Bahnhof. Silbergraue Seide schmiegte sich eng um ihre hohe, volle Gestalt; unter dem großen gleichfarbigen Federhut quollen die roten Locken üppig hervor, stahlblau glänzten ihre Augen in dem weißen Gesicht. Noch nie war ich mir der Schönheit dieser reifen Frau so bewußt geworden. Als unser Wagen den Königsplatz erreichte, den ich einst als öde Sandwüste gesehen hatte, spielten die letzten Goldstrahlen der Herbstsonne mit dem bunten Laub seiner Bäume und den fallenden Tropfen seiner Springbrunnen. Und nicht in die enge Gasse, zu dem alten düsteren Hause ging es, — vor einem Park, dessen Blumenpracht dem Herbst zu spotten schien, öffneten sich vielmehr die breiten Flügel des Torwegs, und zwischen den alten Linden lugten die hellen Mauern eines Gebäudes hervor, das in seiner lichten Vornehmheit an altitalienische Villen erinnerte. Ich hatte es noch nicht gesehen, aber genug davon gehört, denn mein Vater war gar nicht damit einverstanden gewesen, daß seine Schwester das alte Stadthaus verkauft und diesen Landsitz, der wie viele seiner Art vor den Stadttoren ein Sommeraufenthalt augsburger Patrizier gewesen war, mit großen Kosten ausgebaut hatte. Mich umfing die Atmosphäre von Schönheit und Reichtum gleich beim ersten Eintritt wie ein weicher, wohliger Mantel. Das strahlend erleuchtete Treppenhaus glich mit seiner Fülle von exotischen Pflanzen einem Palmengarten, und der süße Duft, der die vielen Räume durchzog, legte sich mir wie ein berauschender Traum auf die Stirne. Ich wurde in den zweiten Stock in meine Zimmer geführt: auch hier Blumen und viel Licht und fröhliche Farben. Viel weiter noch als von der Warthe bis zum Lech fühlte ich mich fern von all den Sorgen des Elternhauses und all den Herzens- und Gewissensschmerzen, die mich niedergedrückt hatten. Zufrieden und dankbar, in der Erwartung lauter schöner Dinge, schmiegte ich mich abends in die weichen Kissen meines Betts.

Es dämmerte, als ich geweckt wurde. »Frau Baronin wünschen, daß das gnädige Fräulein früh aufsteht,« sagte die Jungfer. Nicht wenig erstaunt, erhob ich mich und fing an auszupacken. Der knurrende Magen trieb mich schließlich herunter; ich holte mir ein Brötchen aus der Küche, da ich noch eine Stunde bis zum Frühstück zu warten hatte. Endlich kam der Diener mit dem Teewasser, und das Klappern hoher Absätze und Rauschen seidener Röcke kündigte die Tante an. Statt eines Morgengrußes lachte sie mir hell ins Gesicht: »Ja wie schaust du denn aus?! So ein Fratz, und fagotiert sich wie eine junge Frau auf der Hochzeitsreise.« Tief gekränkt biß ich mir auf die Lippen; ich war so stolz auf den weichen schleppenden Morgenrock, den mir mein Vater geschenkt hatte! »Daß du mir diese Theatertoilette nicht mehr anziehst!« sagte die Tante stirnrunzelnd, während sie sich setzte und die Spitzenflut ihres Kleides sich um ihren Stuhl ausbreitete.

»Hast du deine Zimmer gemacht?« mit dieser verblüffenden Frage begann sie aufs neue ein Gespräch, in das ich noch mit keinem Wort eingegriffen hatte. »Meine Zimmer?!« Ich glaubte mich verhört zu haben. In diesem eleganten Haushalt, angesichts einer zahlreichen Dienerschaft männlichen und weiblichen Geschlechts sollte ich die Zimmer machen?! »Es ist doch selbstverständlich, daß ich für dich keine Kammerjungfer halten werde. Außer der groben Arbeit hast du selbst Ordnung zu halten. Und zwar muß vor dem Frühstück alles fix und fertig sein.« Die Bissen blieben mir im Halse stecken, — so etwas hätte ich mir niemals träumen lassen! Aber es kam noch besser: aus Schränken und Schubladen wurden meine Sachen herausgezogen; kaum ein Hut oder ein Kleid fand Gnade vor den Augen der Tante; und meine Art, die Dinge einzuräumen, erklärte sie für skandalös. Dann forderte sie den Schlüssel zum Schreibtisch — »ein Kind hat nichts zu verschließen« — und geriet in helle Empörung über meine poetischen Manuskripte, die sie durchstöberte, und meine Lieblingsbücher, von denen ich mich nicht hatte trennen wollen.

»Eine nette Erziehung!« rief sie, »und ich kann meine Zeit und meine Kräfte opfern, um so ein von Grund aus verdorbenes Geschöpf wie dich zu einem anständigen Menschen zu machen!« Ich zitterte vor Aufregung, aber kein Wort kam über meine Lippen, — das einzige, was ich durch die Erziehung meiner Mutter bis zur Vollendung gelernt hatte, war die Selbstbeherrschung. Erst abends im Bett, nach einem Tag, an dem ich nicht einen Augenblick mir selbst gehört hatte, kam die Verzweiflung über mich und fassungslos schluchzte ich in die Kissen. Aber auch die Möglichkeit, mich auszuweinen, sollte mir genommen werden. Sah ich morgens verweint aus, oder zeigten sich dunkle Ränder um meine Augen, so erregte das den heftigsten Zorn der Tante, — »ein junges Ding hat frisch und rosig auszusehen«, erklärte sie; und da der bloße Befehl nichts helfen wollte, kam sie abends, wenn ich zu Bett war, wiederholt in mein Zimmer, um zu kontrollieren, ob ich schlief. So gewöhnte ich mich rasch an die große Kunst, nach innen zu weinen. Grund genug hatte ich dazu. Es verging kein Tag, ohne daß ich gescholten worden wäre: wenn an ihrem behandschuhten Finger, mit dem sie über jede Leiste in meinem Zimmer fuhr, Staub haften blieb; wenn meine Krawatte nicht richtig gebunden war, meine Handschuhe nicht sorgfältig ausgereckt in der Schublade lagen, wenn ihre scharfen Augen einen Fleck auf dem Kleide entdeckten, oder wenn ich gar zu einer Zeit las oder schrieb, wo ich Strümpfe stopfen sollte! Briefe, die nicht die Handschrift der Eltern aufwiesen, wurden von ihr zuerst geöffnet und gelesen. Dadurch erfuhr sie, daß ich meiner Kusine Mathilde mein Leid geklagt hatte. »Es ist sehr traurig, daß Deine geistigen Bedürfnisse so wenig berücksichtigt werden und Deine Begabung keine Anerkennung findet,« hatte sie mir daraufhin geschrieben; höhnend las die Tante mir die Stelle vor und erklärte dann: »Ich verbiete dir jede Korrespondenz, außer der mit deinen Angehörigen. Das fehlte mir noch, daß dein dummer Hochmut heimlich unterstützt wird, statt daß du endlich einsiehst, wie viel dir noch fehlt, um nur den guten Durchschnitt zu erreichen.« Sie unterließ nichts, um mir zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, und beleuchtete möglichst grell alle schwachen Seiten meiner Ausbildung: die musikalische, die fremdsprachliche, die praktische. Stundenlang quälte ich mich täglich am Klavier; englische und französische Konversationsstunden wechselten daneben mit Koch- und Nähunterricht ab. Ein paar Musterexemplare vollendeter junger Damen wurden mir des guten Beispiels wegen zum Verkehr zugewiesen. Sie konnten alles in der Perfektion, was ich nicht konnte, sie sangen und spielten, stickten und schneiderten, und immer war ihre Toilette tadellos. Natürlich fand ich sie gräßlich und träumte mich immer mehr in die tragische Rolle einer verwunschenen Prinzessin.

Ich war klug genug, um bald einzusehen, welches die Triebkraft der Handlungsweise meiner Tante mir gegenüber war: eine grenzenlose, von allen Menschen, die sich ihr näherten, sorgfältig genährte Eitelkeit. Wie ihr Haus und ihr Park die schönsten, ihre Equipage und ihre Toiletten die elegantesten Augsburgs waren, so sollte ihre Nichte — am Maßstab Augsburgs gemessen — die vollendetste junge Dame sein. Es gehörte eine intensive geistige und körperliche Umwandlung hierzu, um dieses Ziel zu erreichen.

Wurde die gute Gesellschaft in Norddeutschland durch den alten ritterbürtigen Adel repräsentiert mit seiner Auffassung von Ebenbürtigkeit, mit seinen kirchlich-orthodoxen und politisch-konservativen Gesinnungen, seiner damals noch ausgesprochenen Geringschätzung jeden Berufs, der außerhalb der Laufbahn des Gutsbesitzers, des Offiziers oder des höheren Staats- und Hofbeamten lag, so setzte sie sich hier, getreu den Traditionen, aus dem alten und dem neuen Patriziertum zusammen, das mit wenigen Ausnahmen nach wie vor bürgerlichen Berufssphären angehörte. Zur Zeit, da die Ahnherren der preußischen Junker wider Heiden und Türken kämpften, handelte der Stammvater der Fugger mit Leinwand, segelten die Kauffahrteischiffe der Welfer nach Westindien, saßen die ersten Stettens in der Goldschmiedzunft. Ihre Nachkommen betrachteten die Fröhlich und Forster und Schätzler — Industriebarone des neunzehnten Jahrhunderts — als zu sich gehörig, während der Offizier als solcher ebensowenig eine gesellschaftliche Stellung besaß wie der Landsknecht des Mittelalters.

So groß wie der Gegensatz der Herkunft war der der wirtschaftlichen Interessen, die in meinem bisherigen Lebenskreise wesentlich agrarische gewesen waren und hier ausschließlich großindustrielle. Die verschiedenartige politische Stellung folgte daraus: die gute Gesellschaft Augsburgs war nationalliberal, und lehnte mit der politischen auch die kirchliche Orthodoxie ab. Ein lebhafteres Interesse für Kunst und Wissenschaft ging damit Hand in Hand, und wurde von der Allgemeinen Zeitung und den Männern, die durch sie nach Augsburg kamen, stets rege erhalten. Unterhielt man sich in den Schlössern Ostpreußens von Literatur und Theater, so geschah es nur unter dem Gesichtswinkel des größeren oder geringeren Amüsements; in Augsburg gehörte es zum guten Ton, Neues zu kennen und vom künstlerischen Standpunkt aus darüber zu urteilen.

Die breite Mittelstraße, auf der sich von rechts und links immer die Leute zusammenfinden, die den Mut nicht aufbringen, vom Wege ihrer alten Anschauung die entgegengesetzte Grenze zu überschreiten, und die zu ihrer eigenen Beruhigung jene Straße die »goldene« tauften, war das Symbol des ganzen geistigen Lebens. In Preußen vermied man es, über ernstere Fragen zu sprechen, weil dabei die Ansichten aufeinanderplatzen könnten und das nicht zum guten Ton gehört, hier war man soweit, alles zum Gegenstand bloßer Konversation zu machen.

Wurde es mir sehr schwer, bürgerliche Hausfrauentugenden zu lernen, und noch schwerer, jenen tief gewurzelten Hochmut nieder zu drücken, der sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, einen Fabrikanten oder einen Bankier als gleichgestellt anzusehen, so war die politische und religiöse Richtung der Umgebung im Einklang mit meiner Entwicklung. Und von dieser Seite aus eroberte mich Augsburg und machte mich schließlich zum gefügigen Zögling meiner Tante.

Kaum hatte sie mich äußerlich ausreichend umgemodelt — eine kunstvolle Frisur und ein Pariser Korsett waren ebenso das Attribut süddeutscher Vornehmheit, wie der glatte Scheitel und das deutsche Mieder das der norddeutschen waren —, als ich in den Kreis ihrer Verwandten und Freunde eingeführt wurde. Was mich zunächst in Erstaunen setzte, war, bei anerkanntem Reichtum, die große Einfachheit des äußeren Lebens. In dem alten hochgiebeligen Stettenhaus am Obstmarkt gab es noch gescheuerte Dielen und servierende Dienstmädchen. In der Zeit der Renaissancemöbel und verdunkelnden Gobelinvorhänge behauptete hier die weiße Mullgardine neben dem leichten Biedermeierstuhl ihren Platz. Im Hause der Schätzler, dessen herrlicher Rokokosaal jedem Königsschloß zur Ehre gereichen würde, buk die Hausfrau selbst den Weihnachtskuchen und machte das Obst ein. Ich verlernte allmählich, über dergleichen die Nase zu rümpfen; die Vereinigung von Fleiß, Einfachheit und Reichtum hatte etwas imponierendes, und die Erkenntnis, daß es außerhalb der Welt meiner bisherigen Umgebung noch Menschen gab, mit denen »man« verkehren konnte, war epochemachend für mich. Aber noch überraschender war der Eindruck, den das geistige Leben auf mich machte. Zu den Intimsten im Hause meiner Tante gehörte der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung, Dr. Otto Braun, der Oberbürgermeister von Augsburg, Ludwig Fischer, und der Pfarrer von St. Anna, Julius Haberland. Mit einem kleinen Kreis anderer Gäste — aus dem die männliche Jugend streng ausgeschlossen war — kamen sie regelmäßig einmal in der Woche bei uns zusammen. Der Musiksaal, der mit seinen Goldornamenten und rotseidenen Möbeln dem brutalen Prachtgeschmack des bayrischen Königs zu huldigen schien, war dem Wagner-Kultus geweiht. Im grünen Rokokoboudoir trafen sich die Plaudernden; in der ernsten dunkeln Bibliothek unter der zimmerhohen Fächerpalme pflegte Otto Braun vorzulesen.

Er war ein außerordentlich lebhafter untersetzter, kleiner Mann, dessen Interessen wesentlich literarische waren, und dessen jugendliche Begeisterung für seine Lieblingsdichter ansteckend wirken mußte. Trotz des Gegengewichts der Tante, die meine Lektüre auf das notwendigste und kindlichste beschränken wollte, verstand er es, meine zerfahrenen Neigungen in feste Bahnen zu lenken, und erschloß mir Gebiete der Literatur, die mir, und damals wohl auch der Mehrzahl des lesenden Publikums, noch vollkommen fremd geblieben waren. Hatte ich bisher die Bücher der Modedichter, eines Heyse, Dahn oder Ebers, andächtig verschlungen, so wurden mir jetzt die von Gottfried Keller, von Conrad Ferdinand Meyer und Marie von Ebner-Eschenbach zu künstlerischen Offenbarungen. Daß Braun den Allerjüngsten verständnislos gegenüberstand, sich gegen radikale Ausländer, wie Zola, Ibsen und manche der großen Russen ablehnend verhielt, vermochte auf mich um so weniger nachteilig zu wirken, als der Eintritt in seine Interessensphäre schon einen großen Schritt vorwärts bedeutete.

Für das Gebiet der Politik und der Religion galt dasselbe wie für das der Literatur. Wenn Ludwig Fischer, der als einflußreiches Mitglied der nationalliberalen Partei auf der Höhe seines parlamentarischen Ruhmes stand, seine Ansichten entwickelte, so erschienen sie mir, der die konservative Politik stets als die eines anständigen Menschen allein würdige dargestellt worden war, beinahe als revolutionär. Die Erinnerung an den revolutionären Liberalismus von 1848, der mich in der Geschichtsstunde einmal begeistert hatte, verstärkte diesen Eindruck; von Freihandel und Schutzzoll verstand ich nichts, hatte also von dem Umfall der Mehrzahl der Liberalen in jener Schutzzollperiode Bismarcks keinen Begriff, sondern empfand, was ich hörte, wie eine innere Befreiung: es gab Menschen, es gab eine große Partei, die die Ideale der Freiheit und der Menschenrechte hochhielten, ich konnte mich zu ihnen bekennen, ohne, wie sonst immer, bei den Meinigen auf heftigen Widerstand zu stoßen. »Konservativ kann ich nicht sein,« schrieb ich im Frühjahr 1881 an meine Kusine, mit der ich, seitdem die Tante befriedigt die guten Resultate ihrer Erziehung konstatierte, wieder korrespondieren durfte, »das wäre dasselbe, als wenn ich für die Prügelstrafe und die Unterdrückung jedes wissenschaftlichen Fortschritts eintreten wollte. Der Nationalliberalismus, der nicht eine Kaste und ihre veralteten Privilegien, sondern die Interessen des ganzen Volkes vertritt, der die wissenschaftliche Erkenntnis stets zu fördern bereit ist, und daher auch der religiösen Orthodoxie energisch gegenüber steht, entspricht meinen Ansichten.«

Der kirchliche Liberalismus, den kennen zu lernen mir noch interessanter war, und der in Augsburg allgemein vorherrschte, wurde im Kreise meiner Tante durch den Pfarrer ihrer Gemeinde auf das eindrucksvollste vertreten. Der sonntägliche Kirchgang — hier ebenso eine selbstverständliche Pflicht wie zu Hause — hatte darum nichts abschreckendes mehr für mich. Wenn Julius Haberlands schöne Apostelgestalt auf der Kanzel erschien und seine sonore Stimme die Kirche mit Wohlklang erfüllte, war ich vom ersten Augenblick an gefesselt: hier fehlte jede dogmatische Schroffheit; Verständnis und Milde fand ich hier für menschliche Fehler und Irrtümer, wo mir in Posen nichts als Verurteilung und Härte begegnet war.

Alle Wunden öffneten sich wieder, die die religiösen Kämpfe mir geschlagen hatten; sie waren nur mühselig überklebt, aber nicht geheilt worden, und ich sehnte mich mehr denn je nach der Heilung. Auf meinen dringenden Wunsch bat meine Tante den Pfarrer, mir privaten Religionsunterricht zu erteilen; er war bereit dazu, und so ging ich denn allwöchentlich ein paarmal in das stille Haus an der Fuggerstraße. In seiner sonnigen Studierstube saß ich dem gleichmäßig gütigen Mann mit den seinen, von blondem Vollbart umrahmten Zügen und den weißen, schmalen, gepflegten Händen viele Stunden gegenüber, und ganz, ganz langsam gelang es ihm, aus meinem ängstlich verschlossenen Inneren all meine Zweifel und Verzweiflungen herauszulocken. Sein Christentum, das den religiösen Glauben weit mehr im Sinne des Vertrauens, statt in dem des Für-wahr-haltens, auffaßte, wirkte zunächst auf mich, wie der Eintritt in die freie Natur auf einen Menschen wirkt, der zwischen den Mauern enger Gassen lange zu leben gewohnt war.

Mein Glaubensbekenntnis konnte zu Recht bestehen, und ich war doch ein Christ. Ich brauchte nicht an die göttliche Inspiration der Bibel, an die Wunder des Alten Testaments, an die Jungfräulichkeit der Mutter des Heilands zu glauben und war doch keine aus der Kirche Ausgestoßene. Als heiliges Symbol konnte aufgefaßt werden, was ich wörtlich für wahr zu halten verpflichtet worden war, — demnach hatte ich vor dem Altar keinen Meineid geschworen! Mein Verstand beruhigte sich dabei. Ich hatte auch hier die »goldene« Mittelstraße erreicht, auf der so viele, selbst alte Leute gehen, die keine Heuchler zu sein brauchen, die aber, beherrscht von jener gefährlichsten Eigenschaft unserer Denkkraft — der Bequemlichkeit — da einen Punkt machen, wo die eigentliche Arbeit erst anfangen sollte.

Aber die Befriedigung des Verstandes konnte auf die Dauer über den Hunger des Gemüts nicht hinwegtäuschen. Es blieb leer in mir, viel leerer als zu der Zeit, wo der alte strenge Gott der orthodoxen Kirche sich noch nicht in einen so milden, hinter fernen Nebeln fast verschwindenden väterlichen Greis verwandelt hatte. In kalte Schauer des Entsetzens hüllte mich diese trostlose Öde, je länger ich in dem glänzenden Blumenhaus am Königsplatz wohnte, je mehr ich mich unter den rastlos formenden Händen der Tante der Idealgestalt, die ihr vorschwebte, näherte. Nie ließ sie mir Zeit für mich selbst; mein Tag war, was das Arbeitpensum und die Art der Erholung betrifft, so genau eingeteilt, daß für meine persönlichen Neigungen kein Platz übrig blieb. Wenn mich aber einmal in den langen Stunden, die ich bei irgend einer Handarbeit saß, die Gestalten meiner Träume überwältigten und ich mich ihrer nicht anders zu erwehren vermochte, als daß ich heimlich nachts darauf zu Feder und Tinte griff, um mit klopfenden Pulsen in Worte und Reime zu fassen, was mich erfüllte, so konnte ich sicher sein, daß die Tante oder die Jungfer mein streng verbotenes Tun entdeckten. »Unnütze Phantasien« hatte ich zu beherrschen; mußte durchaus gedichtet werden, so boten Familienfeste Gelegenheit genug dazu.

Einmal, im Frühjahr wars, als die Tante zu einer ärztlichen Konsultation nach München hatte fahren müssen. Da benutzte ich die Erlaubnis eines Besuchs bei einer Freundin, um allein nach Herzenslust in der Stadt umherzustreifen. Einem tiefen inneren Bedürfnis folgend, das sich aus künstlerischen und religiösen Motiven merkwürdig zusammensetzte, war es mir schon zur Gewohnheit geworden, bei jedem Ausgang in irgend eine der alten Kirchen einzutreten, wo ich im weihrauchduftenden Dämmer wenigstens zu Augenblicken stiller Sammlung kam. Heute durfte ich mir ein paar Stunden gönnen, nachdem ich den Besuch möglichst abgekürzt hatte. Das Portal des Doms stand offen, als ich näher trat, und Scharen kleiner Kinder trugen lange Girlanden bunter Frühlingsblumen hinein, um die vielhundertjährigen Säulen und Altäre zu den Maiandachten der heiligen Jungfrau zu schmücken. Königlich und liebreich zugleich schien sie vom Pfeiler des großen Tores auf all die jungen Gläubigen herabzulächeln. Innen, in den weiten Hallen, die so wunderbar deutlich, und eindringlicher als irgend ein gelehrtes Buch, von der Entwicklung deutscher Kunst erzählen, verklangen die vielen trippelnden Füßchen, und es war ganz still. Die helle Nachmittagssonne glänzte durch die alten gemalten Fenster, so daß Daniel und Jonas, Moses und David von neuem Leben durchglüht erschienen. Im Gegensatz zu diesem Licht waren die schwarzen Schatten des dunkeln Querschiffs um so tiefer, und wie hinter grauen Florschleiern schimmerten die Grabsteine in den Seitenschiffen. Dumpfkalte Winterluft schwebte noch um die Mauern. Dem hellen Chorgang schritt ich daher zu, aus dem die Kinder mir gerade entgegenströmten; sie hatten ihm schon sein frisches Festkleid angetan, und es trieb mich, zu sehen, wie sie der Mutter Gottes als heidnischer Frühlingsgöttin die Erstlinge des Lenzes geopfert hatten. Da stockte mein Fuß vor einem steinernen Grabmal: ein Totenschädel mit breitem Mund und leeren Augen grinste mich an, lang gestreckt dehnte sich der ausgedörrte Leib auf dem Sarkophag, von Kröten und Schlangen ringsum gräßlich benagt. Entsetzt floh ich hinaus; aber in der Erinnerung verstärkte sich nur noch der Eindruck: die steinerne Maria am Portal, die blumentragenden Kinder aus Fleisch und Blut, und der tote Peter von Schaumburg, der lebenslustige Kardinal, der sich selbst, da er noch im Golde wühlte und Augsburgs schönsten Töchtern die Beichte abnahm, dieses furchtbare Denkmal gesetzt hatte, gingen neben mir her, traten mir in den Weg, oder folgten mit leisen Sohlen meinen Schritten. Oben in meinem Zimmer angekommen, warf ich hastig Hut und Mantel von mir, setzte mich an den Schreibtisch und schrieb — schrieb — schrieb, ohne die wiederholte Mahnung zum Abendessen zu berücksichtigen, eine phantastische Geschichte, in der der Kirchenfürst zu der holdseligsten Jungfrau der Stadt in sündiger Liebe entbrannte und die sittsame Maid auf ihr Gebet zum Steinbild auf dem Pfeiler verwandelt wurde, während er in ihrer Nähe sich bußfertig dieses dauernde memento mori schuf. Ich achtete nicht der Stunde, ich hörte nicht die Schritte der Tante hinter mir, erst als sie sich über mich beugte und ihr warmer Atem meine Stirne streifte, fuhr ich erschrocken aus meinem wachen Traum.

»Also nur den Rücken zu kehren brauche ich, und die alte Geschichte fängt von neuem an,« rief sie empört und nahm die beschriebenen Blätter vom Schreibtisch. »Statt deinen englischen Aufsatz zu machen, treibst du Narrenspossen.« Damit zerriß sie meine Kardinalsnovelle in tausend Stücke. Ich fühlte, wie alles Blut mir aus den Wangen wich; mit der Selbstbeherrschung war es vorbei. »Du willst mich umbringen — langsam zu Tode martern« — stieß ich hervor; »tue ich nicht alles, was du willst, lasse mich sogar einsperren und kontrollieren, wie einen Verbrecher? Gönne mir doch mein bischen eigenes Leben — schenk mir ein paar Stunden am Tag —. Gefällt Dir nicht, was ich schreibe, so laß es mir wenigstens. Ich werde ja niemanden damit quälen. —« »Das wäre auch noch schöner, wenn du mich mit dem eiteln Herumzeigen solchen Geschreibsels blamieren wolltest!« entgegnete sie. »Ich kann tintenklexende Frauenzimmer bei mir nicht dulden. Und du willst, ich soll dir noch extra Freistunden dafür ansetzen! Eine Frau hat überhaupt nicht für sich zu leben, sondern für andere.« Gequält lachte ich auf — ich dachte daran, wie die Tante »für andere« lebte! »Ich halte es aber nicht aus, ich muß los werden, was mich gepackt hat. Andere denken auch nicht wie du. Großmama ist immer dafür gewesen, daß ich dem inneren Zwang gehorche.«

»Deine Großmama!« — höhnisch schürzte die Tante die vollen Lippen; »ich will ja gewiß der alten Dame nicht zu nahe treten, aber du solltest doch besseres tun, als sie zum Kronzeugen anzurufen!«

Empört fuhr ich auf: »Großmama ist die beste Frau, die ich kenne, der einzige Mensch, der mich lieb hat und mich versteht!«

»Mag sein, daß sie dich versteht!« rief die Tante. »Sie ist gerade so überspannt wie du. Kein Wunder — bei der problematischen Herkunft!« Ich ballte unwillkürlich die Fäuste, daß mir die Nägel ins Fleisch drangen und warf hochmütig den Kopf zurück: »Mit deinen Augsburgern Krämern kann sie sich freilich nicht messen!« Kochender Zorn verzerrte die Züge der Tante. »Wirst du sofort wegen dieser unerhörten Frechheit um Verzeihung bitten?!« schrie sie mich an. Mit einem kurzen »Nein« wandte ich mich ab und ging in mein Schlafzimmer.

Ich warf mich aufs Bett und biß die Zähne zusammen, um nicht laut auf zu schreien: krampfhafte Schmerzen in der Seite ließen mich die seelischen Leiden momentan vergessen. Andeutungen davon hatte ich schon in Pirgallen beim Reiten gespürt; jetzt, in Augsburg waren sie immer stärker geworden, und steigerten sich nach jeder großen Erregung zu einem heftigen Anfall. Schließlich hatte ich mich entschlossen gehabt, der Tante davon zu sprechen; sie hatte es zum Anlaß genommen, mir zu erklären, daß ein gut erzogenes junges Mädchen nicht krank zu sein hätte, und ihr Hausarzt hatte mir dann, nach einem kurzen Blick auf mein blasses Gesicht »Beefsteak und Rotwein« empfohlen. Daraufhin sagte ich nichts mehr, auch wenn ich mich vor Schmerzen krümmte. So wie diese Nacht war es freilich noch nie gewesen. Ich tat kein Auge zu.

Am nächsten Morgen wurde mir mitgeteilt, daß ich oben zu bleiben hätte. Auch vor den Dienstboten sollte ich gedemütigt und so zur Abbitte gezwungen werden. Als auch der zweite Tag verstrich, ohne daß ich dazu Miene machte, kam Pfarrer Haberland zu mir. Er sprach mir viel von Tantens Liebe zu mir, ihrer Sorge um mich, den Opfern an persönlichem Behagen, die sie mir ständig brächte, ihrem Alter und meiner zur Unterordnung verpflichteten Jugend. »Zeigen Sie, daß Sie jetzt wirklich eine Christin sind!« sagte er. »Demütigen Sie sich, auch wenn Ihnen wirklich Unrecht geschehen wäre! Bringen Sie freudig das Opfer Ihrer selbst — Sie werden reichen Lohn davon haben!« »Vielleicht hat er wirklich recht«, dachte ich; und in dem stolzen Bewußtsein, einen Sieg über mein böses Ich errungen zu haben, ging ich mit ihm herunter, und es gab eine rührende Versöhnungsszene mit viel Tränen, Küssen und Segenswünschen. Ich hatte mich wieder einmal unterworfen. Als eine Art Selbstkasteiung sah ich es an, wenn ich nunmehr mit Feuereifer alle mir unangenehmen Arbeiten übernahm: ich stickte »altdeutsche« Deckchen, als ob ich es bezahlt bekäme, kämpfte stundenlang am Klavier mit meiner Talentlosigkeit, strickte unentwegt Strümpfe für die Negerkinder, während die Tante nach dem Abendbrot spielte und sang. Aber die Leere im Innern blieb, und wenn abends die Nachtigallen vor meinen Fenstern flöteten und der Duft der weißen Akaziendolden hereinströmte, dann erfaßte mich eine Sehnsucht, eine tiefe, heiße — wonach, ach wonach?!

Im Sommer fuhren wir nach Grainau. Ich freute mich kindisch darauf, aber durch die strenge Abgeschlossenheit des Lebens wurde mir der Aufenthalt sehr verbittert. Ich durfte nicht einmal mit dem Sepp auf die Hochalm, und als Hellmut Besuch machte, der inzwischen ein flotter Gardeleutnant geworden war, und seinen Urlaub in Partenkirchen bei der Mutter verlebte, nahm ihn die Tante allein an; sie mußte ihm wohl bedeutet haben, daß sie den Verkehr mit »dem Kinde« nicht wünsche, denn er kam nicht wieder.

Wir fuhren täglich spazieren, — wie ich von meinem Wagen aus die Touristen beneidete, die mit dem Rucksack auf dem Buckel frisch und fröhlich in die Welt hineinmarschierten!

Nach Augsburg zurückgekehrt — ich war inzwischen sechzehn Jahre alt geworden — eröffnete mir die Tante, daß ich mich nunmehr, nachdem sie einen Rückfall nicht wieder beobachtet habe, freier bewegen dürfe. Da ich aber weder einen Schreibtisch-, noch einen Stubenschlüssel bekam, beschränkte sich die »Freiheit« nur auf ein geringeres Maß von Kontrolle, auf den Besuch von Gesellschaften, die nicht ausschließlich aus Damen und alten Herren bestanden, und auf den des Theaters, wo zwei Logenplätze uns jeden Abend zur Verfügung standen. Die Konferenz und Energie meiner Tante, ihre unablässigen, in den verschiedensten Formen sich wiederholenden, und neuerdings durchaus freundschaftlich gehaltenen Auseinandersetzungen über die Pflichten eines jungen Mädchens von vornehmer Geburt, hatten überdies allmählich auf mich gewirkt wie ein Opiat, das die Seele stumpf macht. Wachte irgend etwas wieder auf in mir, so hielt ich es selbst schon für ein Unrecht, und beeilte mich, es wieder einzuschläfern. An meine Kusine schrieb ich damals: »Du fragst, ob ich irgend etwas schreibe? Es lebt vieles in meinem Kopf und Herzen, aber ich finde keine Zeit dazu, es zu gestalten. Das ist ein wunder Punkt in meinem Leben. In mir kocht und glüht es, und ich glaube wohl, daß ich Talent habe, und daß es hinausstürmen will. Da muß ich denn doppelt hohe Barrieren bauen. Ich muß soviel Prosaisches tun, — und wenn ich erst zu Hause bin, wo ich Mama viel abnehmen muß, wird meine Zeit vollends ganz ausgefüllt sein. Es mag Menschen geben, die für die Prosa des Lebens geboren sind; ihnen werden die gewöhnlichen Pflichten nicht schwer; mir werden sie schrecklich schwer ... Mein armer Pegasus hat zuerst daran glauben und am Altar der Pflicht verbluten müssen! ... Es ist am Ende das Beste so. Was soll ein armes Mädel mit ihm anfangen? Die Phantasie war das Unglück meines Lebens; sie aus mir herauszuschneiden war eine gräßlich schmerzhafte Operation. Nun, da sie gelungen ist, will ich das, was blieb, nur benutzen, um Haus und Leben damit zu schmücken, meinen Eltern und einmal meinem Mann zu dienen.«

Ich war wirklich eine »junge Dame« geworden; ich fühlte nicht einmal mehr, daß die hoffnungsvollen Triebe meines Lebensbodens niedergetrampelt waren. »Man beurteilt ein junges Mädchen nach seinem Aussehen, weniger nach seinem Wissen«, schrieb ich, mir die Ansichten der Tante zu eigen machend, »sie wird mit Recht für arrogant gehalten, wenn sie schon eine eigne Meinung haben will«. Mein Tagebuch, das ich seit dem Augsburger Aufenthalt nicht berührt hatte, weil ich es nicht durfte, blieb auch jetzt unausgefüllt, obwohl mich niemand mehr daran hinderte. Großmama frug einmal brieflich danach, und ich antwortete mit schnippischem Selbstbewußtsein: »Ich schreibe keins, weil ich finde, daß man sich in meinem Alter darin Dinge vorlügt, die man nicht denkt, und aus Ereignissen wichtige macht, die man besser vergißt. Mein Leben brauche ich nicht aufzuschreiben, denn die Nachwelt wird es nicht kümmern. Auch Verse mache ich nicht mehr, denn mein Streben ist darauf gerichtet, mein eignes Ich und die Welt um mich so poetisch wie möglich zu gestalten« — durch bemalte Teller und Schachteln, bestickte Deckchen und ein mißhandeltes Klavier! — »damit ich einmal meinem Mann eine hübsche Häuslichkeit schaffen kann.«

Mein Mann! — Die Tante sorgte dafür, daß meine Träume sich mehr und mehr um ihn drehten und meine Phantasie, die wir so tief eingesargt wähnten, nach dieser Richtung üppigste Blüten trieb. War nicht das Ziel all ihrer Erziehungskünste der Mann? War es nicht wie ein glattes Rechenexempel, wenn sie mir auseinandersetzte, warum und wann und wen ich heiraten sollte? »Da ich kinderlos bin, wird für dich reichlich gesorgt sein,« sagte sie, als wir einmal im Siebentischwald spazieren gingen und ihr Arm schwer und schmerzhaft wie stets auf dem meinen ruhte, »aber natürlich erst nach meinem Tode. Jetzt bist du arm und bei der schlechten Wirtschaft deiner Eltern kannst du kaum auf eine Zulage rechnen. Mach also keine Dummheiten. Sorgen treiben gewöhnlich die Liebe zum Hause hinaus. Und wenn ich versucht habe, dich aus deinem Wolkenkuckucksheim in die nüchterne Alltäglichkeit zurückzuführen, so doch nur, damit du dich nicht mit irgend einer konfusen Leidenschaft verplemperst. Du kannst jetzt die größten Ansprüche machen — verscherze dir das nicht!« Ich hörte ruhig zu, ich war so gut erzogen, daß mir das alles selbstverständlich klang.

Nur einmal wars, als zerrisse ein dunkler Vorhang vor meinen Augen, und ich sah plötzlich, wie eine Vision, die tiefe, dunkle, kalte Leere meines Herzens. Ich suchte spät Abends im Park nach einem Tuch, das ich irgend wo liegen gelassen hatte, als ich vor mir, eng aneinandergeschmiegt, zwei Menschen gehen sah: unsre Lina, das Stubenmädchen, und Johann, den Kutscher. Von Zeit zu Zeit blieben sie stehen und küßten sich — endlos verzehrend. »Maria und Josef«, schrie die Lina als sie mich sah, »das gnä Fräuln!« Mit Wangen, die glühten und Augen, die glänzten, mehr vor Glück als vor Scham, streckte sie die Hände nach mir aus: »Gnä Fräuln werdens nit der Frau Baronin sagen, gel ja?« bat sie schmeichelnd, »de Liab is ja koan Unrecht nöt. Wers freili so noblich haben kann wie das gnä Fräuln, der ka ruhig aufn Prinzen warten, der glei mitn Trauring kimmt und gradaus in die Kirch eini führt. Aber mir —« sie lächelte den verlegen daneben stehenden Johann zärtlich an, »mir haben nix als das bissel Liab — und dös — dös müssen wir haben ... So red doch auch was, Hannsl!« Sie stieß ihn aufmunternd in die Seite. »Recht hast!« stotterte er, »a Freud muß der Mensch haben, so a rechte herzklopfete Freud!« Es dunkelte mir vor den Augen, laut aufgeschluchzt hätte ich am liebsten. Wie arm, wie schrecklich arm war ich! Aber ich war ja so gut erzogen! So versicherte ich denn das Paar meiner Verschwiegenheit und kehrte in meine »nobliche« Gefangenschaft zurück.

Während der folgenden Monate in Augsburg wurde meiner Erziehung durch die Einführung in die Wohltätigkeitsbestrebungen der guten Gesellschaft der letzte Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied der verschiedensten Vereine und galt allgemein für äußerst hilfsbereit. Mir waren darüber schon oft Zweifel aufgestoßen, wenn arme Leute, deren Unglück sichtlich rasche Hilfe verlangte, von der Schwelle des glänzenden Hauses abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus irgend eines Vereins überwiesen wurde. Aber meine Tante wußte so viel von der Großartigkeit der augsburger Armenfürsorge — sowohl der kommunalen, als der privaten — zu erzählen, daß ich meine Bedenken zurückhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die glänzendsten Vorstellungen machte. Schon meine erste Teilnahme an der Sitzung eines Krippenvereins ließ mir die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da saßen lauter reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den Tisch; keine einzige unter ihnen hatte keine Loge im Theater, keine Equipage vor der Türe, — und doch berieten sie stundenlang, auf welche Weise die zur Erweiterung der Anstalt notwendigen paar hundert Mark aufgebracht werden könnten. Ein Bazar wurde beschlossen. Schon auf der Heimfahrt jammerte meine Tante über all die damit verbundenen Mühen und Scherereien, über ein neues Kleid, das ich — als Verkäuferin — notwendig dafür haben müßte, über einen neuen Hut, den sie nur in München bekommen könnte, — kurz, ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob nicht die Kosten erheblich geringer sein würden, wenn jede der Damen durch Zahlung von fünfzig Mark die ganze Sache rasch und glatt erledigt hätte. Aber da kam ich schön an. »Du hast doch gar keinen Begriff von Geld und Geldeswert« sagte sie, »wenn du meinst, wir könnten alle Augenblicke solche Summen einfach hergeben. Was wir für uns tun und unsere Toilette, ist unsere Sache, für die Bedürftigen aber muß die ganze Bevölkerung herangezogen werden.«

Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte sie hie und da selbst machen. So kam ich einmal zu einer armen Witwe in die Wertach-Vorstadt, die sich und ihre vier Kinder mit Wäschenähen zu ernähren bemühte und um Unterstützung nachgesucht hatte. Durch einen engen, dunkeln Hof mußte ich gehen, in dessen dumpfer Kellerluft eine Schar blasser, kleiner Buben und Mädeln sich herumtrieb. Sie scharten sich alle mit offnen Mäulchen um mich, als ich nach Frau Hard frug. »Über drei Stiegen links wohnt Mutta,« sagte ein blasser Junge mit einem ernsthaften Altmännergesicht, und die Schwester, deren Züge auch vom Lachen so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein, führte mich hinauf.

Mit jenem angstvoll nervösen Ausdruck gehetzter Tiere, der sich den Gesichtern all der Menschen einprägt, die den Kampf ums tägliche Brot jeden Morgen in gleicher Schärfe aufs neue beginnen müssen, sah die arme Frau mir entgegen. Während sie Heftfäden aus all den vielen weißen Wäschestücken zog, die fast das ganze winzige Zimmer füllten, und dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem brodelnden Topf in der dunkeln Küche nebenan zu sehen, von dem ein widerlicher Geruch nach schlechtem Fett sich allmählich überallhin ausbreitete, erzählte sie mir ihre Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei Jahren an der Schwindsucht gestorben, — »ka Wunder nöt bei dera Fabrik am Stadtbach draußen« —, die Direktion hatte ihr eine einmalige Unterstützung von hundert Mark zugewiesen. »Gott vergelts ihna viel tausendmal« fügte sie tief gerührt hinzu, als sie davon sprach; trotz allem Fleiß konnte sie aber doch nicht das Nötigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder herein und drängten sich halb neugierig halb eingeschüchtert in einer Zimmerecke zusammen. »Mit die Kinder is halt a Kreuz,« sagte die Mutter seufzend, »eins — das ginge noch an, aber vier, da weiß man nicht aus noch ein vor Sorg und Kummer.« Der Kleinste stolperte in diesem Augenblick über seine eignen dünnen rachitischen Beinchen und fiel auf einen der Leinwandhaufen. Die Mutter patschte ihm erregt auf die Händchen, zankte gleich alle Vieren, daß sie »so arg im Wege« stünden und stieß sie unsanft in die Küche, mit der Mahnung, dort ganz still zu sitzen. Mir krampfte sich das Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen Geschöpfen, die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren mußten. Fast war ich schon fertig mit meinem Urteil über die Hartherzigkeit der armen Näherin, als sie mir weinend erzählte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein Jahr lang in die Fabrik gegangen wäre, da sei aber ihr Jüngstes aus dem Fenster gestürzt, während sie abwesend war, und seitdem könne sie die Kinder nicht allein lassen. Aus lauter Angst um sie nähme sie alle Vier sogar mit, wenn sie liefern ginge. »Glei spräng i nach, wenn noch eins da nunter fiele!«