O meine Augen, wisst:
Die Zeit vergeht, die Stunde kommt heran,
Wo trüber Tränen Born sich schliesst!
Gott halt' euch aufgetan,
So lange meiner Herrin Huldgestalt
Auf Erden wallt.
Schliesst sich der Himmel auf,
Und meine Erdensonne
Lenkt, euch entrückt, den Lauf
Hinan zu aller Sel'gen Wonne,
Was bleibt euch fürder noch zu schauen dann?
26.
Hans Grasberger.
An Vittoria Colonna.
Wenn Kunst, im Stein gestaltend,
Erschaffend und erhaltend,
Dir dauernd Leben gibt durch Menschenhände
Bis an der Zeiten Ende,
Wie könnte erst der Himmel dich verklären,
Der Himmel, göttlich waltend,
Der höh'rer Schönheit Spende
Als Menschenkunst verleiht, wollt' er dir Hehren
Auf Erden schon Unsterblichkeit gewähren!
Doch ach, dein Bild besteht, und du musst sterben?
Wer rächt hier dein Verderben?
Dich räche die Natur, denn sieh, es bleibet
Der Menschen Werk, indes ihr Werk zerstäubet.
27.
Sophie Hasenclever.
Auf Vittoria Colonnas Tod.
Als sie, um die viel Seufzer mich verzehren,
Der Erde, meinem Blick und sich entschwand,
Da blieb Natur, die ihrer wert uns fand,
Beschämt zurück, und, der sie sah, voll Zähren.
Heut wird man nicht den Tod sich rühmen hören,
Ob dieser Sonnen Sonne: ihm entwand
Die Liebe sie: hier lebend festgebannt,
Weilt sie dort oben unter Engelchören.
Wohl meinte dieser arge, böse Tod:
Verstummen müssten hier die Ruhmesklänge,
Darin man Tugend, Seelenschönheit ehrte.
Und dennoch spenden jetzt uns die Gesänge
Mehr Lebensglanz, als einst ihr Leben bot:
Der Himmel liess uns, was ihm nicht gehörte.
28.
Bettina Jacobson.
Auf Vittoria Colonnas Tod.
Dass nah dem Feuer mich die Glut verzehrte,
Was Wunder? Und, dass jetzt, wo es verglommen,
Ich mich bekümmert fühle und beklommen,
So dass ich nach und nach zu Asche werde?
Ich sah, wie Flammenschein den Ort verklärte,
Von dem mir all die schwere Pein gekommen,
Doch gab der Anblick schon mir Heil und Frommen,
Der Qual und Tod in Wonne mir verkehrte.
Jetzt, da der Himmel mir des Feuers Helle, —
Die mich entzündet, mich ernährte, — nimmt,
Glüh' ich als Kohle noch im Aschengrabe.
Schafft mir nicht Amor Feuerstoff zur Stelle,
Bleibt auch kein Fünklein mehr, das weiterglimmt,
Wenn ich zu Asche mich verwandelt habe.
29.
Bettina Jacobson.
Auf Vittoria Colonnas Tod.
Um so vollkommne Schönheit nicht von allen
Zurückzufordern, wenn der Tod erschien,
Ward einer sie verliehn:
Der Hohen, Reinen, unter zartem Schleier.
Hätt' allen Sterblichen es Gott gefallen,
Sie zu gewähren, war der Rückkauf teuer.
Ein Hauch ward zum Befreier,
Ein Augenblick, an Dauer kaum gemessen,
Genügte, dass sie Gott
Zurückgeholt: Kein Auge schaut sie wieder! —
Doch bleiben unvergessen,
Ob auch die Hülle tot,
Uns ihre schönen, heilgen, süssen Lieder.
Lieh Gott an schlimme Brüder
So viel wie ihr, wollt' es zurückerwerben,
Mitleid, gesteh's: Wir alle müssten sterben! —
30.
Bettina Jacobson.
Auf Vittoria Colonnas Tod.
Ward auch schon manches Menschenbild gesehn,
Das aus dem harten Stein mein Hammer bricht,
So steht er doch in Meisters Bann und Pflicht,
Durch den allein kann Schlag und Führung gehn.
Nur was da göttlich wohnt in Himmelshöhn,
Ist schön durch sich, versendet eignes Licht;
Doch wird ein Hammer ohne Hammer nicht,
Kann Leben auch aus Leben nur erstehn.
Weil nun der Schlag nur stärker niederfährt,
Je höher wir hinauf den Hammer schwingen,
Flog über mich der deine himmelan.
So, wenn Gott gnädig Hilfe nicht gewährt,
Kann des Unfert'gen Bildung nur misslingen,
Weil sie kein andrer hier vollbringen kann.
31.
Bettina Jacobson.
Nach Vittoria Colonnas Tod.
Versetz' in jene Zeit zurück mich heute,
Wo zaumlos toben mochte blinde Glut!
Gib mir das Antlitz wieder engelgut,
Dem alle Jugendkraft gewelkt zur Seite;
Die Schritte ohne Zahl in alle Weite,
Die schwer und müh'voll nur das Alter tut,
Dem Busen Feuer gib und Tränenflut,
Willst du noch einmal, Amor, mich zur Beute.
Denn lebst von Zähren wirklich du, vergossen
In Leid und Lust, was macht den Greis dir teuer,
Der fast am andern Ufer angekommen?
Schon wehrt der Geist mit himmlischen Geschossen
Sich gegen deinen Pfeil. Das stärkste Feuer,
Es zündet nicht im Holz, das schon verglommen.
32.
Sophie Hasenclever.
Ein frohes Herz verschönt, und hässlich macht
Ein traurig Herz; so werd' ich umgestaltet
Durch dich, die meins verwaltet.
— Nur eins begreif' ich nicht: du müsstest glühen,
Da du die Glut entfacht! —
Ein Auge klar und helle
Hat für das Schöne mir mein Stern verliehen,
Und willst du mir entziehen
Des Trostes letzte Strahlen,
Wirst du, seh' ich, dir schaden, denn ich meine,
In jedes Bildnis malen
Zugleich mit dem Modelle
Wir Künstler uns hinein; wie wird das deine,
Wenn ich so trostlos weine?
Beglücke mich, dann mal' ich ohne Tränen,
Und du wirst schön und wirst auch mich verschönen.
33.
Sophie Hasenclever.
Oft gleicht ein Bild dem Bildner mehr, o Jammer!
Als dem Modell; so bilde
Ich jetzt nur schmerzlich wilde
Entstellte Züge, klägliche Gestalten!
Dich formen will mein Hammer,
Und formt mich selbst, die Stirn voll Schmerzensfalten.
Was könnt' ich auch gestalten,
Da Liebe mich vernichtet,
Als diesen müden Leib voll Angst und Trauer?
Gleicht nicht dem Stein, dem kalten,
Aus dem ihr Bild errichtet,
Die strenge Herrin? Felsen sind nicht rauher.
Die Kunst allein gibt Dauer;
Drum, willst du, dass dein Reiz dich überlebe,
Beglücke mich, dass ich dir Schönheit gebe!
34.
Sophie Hasenclever.
Wohl muss ein reiner tücht'ger Sinn sich freuen
An von der Kunst geschaffenen Gestalten,
Die liebe Züg' und Formen aufbehalten
Und Menschen bilden in Wachs, Ton und Stein.
Wenn dann fühllose Zeiten sie entweihen,
Solch edles Werk zertrümmern und zerspalten,
So wird das Bild sich dennoch in der alten
Schönheit im Geist, der es erfasst, erneuen.
So ist es deiner Schönheit widerfahren:
Als Bild des Heiles, das den Himmel schmückt,
Hat sie der ew'ge Künstler ausgesendet.
Verringert sie nun gleich sich mit den Jahren,
Sieht meine Sehnsucht sie nur mehr vollendet,
Der Schönheit denkend, die kein Alter knickt.
35.
Carl Witte.
Herrin, wie mag's nur sein — und doch bewährt
Es die Erfahrung — dass weit längeres Leben
Dem Bildwerk als dem Bildner wird gegeben,
Des Meisterhand den rohen Stein verklärt?
Der Schöpfer schwindet, das Geschaffne währt,
Kurzlebig muss Natur vor Kunst erbeben,
Ich weiss es, der ich ganz der Kunst ergeben,
Klar sehe, wie die Zeit mit mir verfährt.
So könnt' ich langes Leben wohl uns beiden
Verleih'n, ob Stein, ob Farbe dir beliebt,
Liess ich ein Bild von uns ganz treu und wahr:
Dass man noch tausend Jahr nach unserm Scheiden
Säh', wie du schön warst, wie ich dich geliebt,
Und dass mein Lieben keine Torheit war.
36.
Friedrich Bodenstedt.
An Vittoria Colonna.
Nach vielen Jahren, vielem Suchen, Ringen,
Erreicht der Weise erst, nah seinem Ende,
Wie er durch Geist und Hände
Lebendig aus dem Stein ein Bildnis schafft.
Denn zu so hohen Dingen
Gelangt man spät, und bald erlischt die Kraft.
Dein Antlitz, götterhaft,
Hat, lange suchend und nach vielem Irren,
Natur, am Gipfel angelangt, gefunden;
Nun ist sie alt, und ihre Kraft verzehrt.
Darum ist Furchtverwirren
Mit Schönheit oft verbunden,
Das wundersam ein stark Verlangen nährt.
Wer ist's nun, der mich lehrt,
Was besser sei, nachdem ich dich gesehn:
Die höchste Lust? Der Erde Untergehn? —
37.
Bettina Jacobson.
An Tommaso Cavalieri.
Was ich in deinem Antlitz sah, beschreibe
Mit Worten nimmer ich; doch was es kündet
Hob oft den Geist, den noch der Körper bindet,
Zu Gott empor aus diesem Erdenleibe.
Dien' ich dem Spott des Pöbels auch zur Scheibe,
Zeiht er der Regung mich, die er empfindet,
So hoff' ich doch, dass Treue fest gegründet,
Dass keusche Glut so wert wie einst dir bleibe!
Die ird'sche Schönheit, für den Blick des Weisen
Gleicht sie dem Liebesquell, dem wir entstammen;
Vom Himmel hat die Welt nicht andre Proben,
Nicht andre Früchte kann die Erde weisen;
Sind treu und keusch nur meiner Liebe Flammen,
Ist süss der Tod und frei mein Flug nach oben.
38.
Sophie Hasenclever.
An Tommaso Cavalieri.
Ich sehe sanftes Licht mit deinen Blicken,
Mit meinen eignen Augen bin ich blind,
Mit dir im gleichen Schritte wandelnd, sind
Leicht mir die Lasten, die mich sonst erdrücken.
Von deinen Schwingen mit emporgetragen
Flieg' ich mit dir hinauf zum Himmel ewig;
Wie du es willst: kühn oder zitternd leb' ich,
Kalt in der Sonne, warm in Wintertagen.
In deinem Willen ruht allein der meine,
Dein Herz, wo die Gedanken mir entstehn,
Dem Geist, in dem der Worte Quell sich findet:
So kommt's, dass ich dem Monde gleich erscheine,
Den wir soweit am Himmel nur ersehn
Als ihn der Sonne Feuerstrahl entzündet.
39.
Hermann Grimm.
An Tommaso Cavalieri.
Wenn in zwei Liebenden des Schicksals Walten,
Wenn keusche Lieb' sich gleich und Frömmigkeit,
Wenn einer weinet bei des andern Leid,
Ein Will' und Geist in beiden Herzen schalten;
Wenn eine Seele lebt in zwei Gestalten,
Verklärt in beiden, sie zu gleicher Zeit
Mit einem Flügel trägt zur Seligkeit,
Ein goldner Pfeil zwei Busen hat gespalten;
Wenn beide füreinander liebend brennen,
Doch keiner selbst sich liebt, wenn jeder täglich
Zum höchsten Ziel den andern will begeistern,
Und wenn dies schwacher Abglanz nur zu nennen
Von uns'rer Liebe, sag mir, ist's dann möglich,
Dass Groll das Band löst zwischen solchen Geistern?
40.
Sophie Hasenclever.
Durch dich erst kenn' ich mich und aus der Ferne
Streb' ich dem Himmel zu, von dem wir kamen,
Und wie der Fisch geködert wird vom Hamen,
Reichst du mir Speise, und ich komme gerne.
Nur schwach kann ein geteiltes Herze schlagen,
Drum gab ich dir das meine ganz und gar:
Was von mir bleibt, du weisst es, der mich kennt!
Ans Beste nur soll sich die Seele wagen,
Drum muss ich heiss dich lieben, will ich leben!
Denn ich bin Holz nur, du bist Holz, das brennt.
41.
Bettina Jacobson.
An Tommaso Cavalieri.
Wohl darf mit meiner Liebe heissen Flammen
Gerechte Hoffnung sich zum Himmel schwingen,
Denn wollte unsre Wünsche Gott verdammen,
Warum hiess er die Welt aus Nichts entspringen?
Wie sollt' ich auch für Höh'res mich entflammen,
Als um der ew'gen Schönheit Ruhm zu bringen,
Von der die Reize, die dich zieren, stammen,
Die keusch und rein'gend jedes Herz durchdringen?
Trüg'risch ist nur die Hoffnung jener Lust,
Die mit der Schönheit stirbt und stets entflieht,
Weil sie der Züge Wechsel untertan.
Doch die ist unfehlbar in treuer Brust,
Die um der Hülle Wandlung nicht verglüht;
Durch sie wird uns der Himmel aufgetan.
42.
Carl Witte.
An Tommaso Cavalieri.
Wäre der Schönheit deiner Augensterne
Das Feuer gleich, das sie ringsum entzünden,
Dann flammte wohl die Welt aus Feuerschlünden,
Es schmölzen selbst des Poles eis'ge Kerne.
Doch hat der güt'ge Himmel, der sich gerne
Erbarmt des Schwachen, dass wir nicht erblinden,
Die Augen uns umflort, und wir empfinden
Den Glanz nur wie ein Licht in weiter Ferne.
Nie wird, wie's deinem Reiz gebührt, entbrennen
Der Liebe Glut; nur Stückwerk schau'n wir Toren
Des Ew'gen, lieben das nur, was wir sehen.
Mich auch bewahrt mein mangelhaft Erkennen,
Die Schwäche nur, dem Menschen angeboren,
Für dich im Flammentode zu vergehen.
43.
Sophie Hasenclever.
Ein schönes Antlitz spornt mich himmelan,
Nichts andres freut mich mehr, da schon im Leben
Ich darf empor zu sel'gen Geistern schweben —
Ein Glück, wie selten es ein Mensch gewann.
So sehr zum Schöpfer stimmt sein Werk: ich kann
durch Gottgedanken mich zu Gott erheben,
Vom Himmel wird mir Geist und Wort gegeben,
Seit ich erglüht in holdem Liebesbann.
Drum kann ich von zwei schönen Augen nimmer
Den Blick abzieh'n, als ob zum höchsten Glück,
Empor zu Gott ihr Licht den Weg mir wiese.
Und fühl' ich mich durchglüht von ihrem Schimmer,
Strahlt mir aus ihrer edlen Glut zurück
Das ew'ge Lächeln sel'ger Paradiese.
44.
Friedrich Bodenstedt.
An Tommaso Cavalieri.
Ein Schwefelherz in einem strohernen Leibe,
Mit Knochen wie geschnitzt aus dürren Asten,
Ein Flackergeist, der sich der ersten, besten
Hingibt, betört von jedem üpp'gen Weibe;
Ein Scheinmensch, blind für Höh'res, mürb wie Zunder,
Dergleichen viele auf der Glücksjagd rennen,
Mag lichterloh im Augenblick entbrennen
Gleich wie vom Blitz gerührt; es ist kein Wunder!
Mir konnte nur die höchste Schönheit taugen,
Zu ew'gen Werken heil'ge Glut zu schüren:
Ihr Glanz allein könnt' mich so hoch erheben.
Klein schien mein Grösstes mir in deinen Augen;
Ich floh das Volk, dich Einz'gen zu erküren;
Mein Werk gab meiner Liebe ew'ges Leben.
45.
Friedrich Bodenstedt.
Das Feuer darf der ems'ge Schmied nicht scheuen,
Sein Eisen neu und kunstvoll zu gestalten;
Mit Kraft des Feuers muss der Meister schalten,
Will er des lautern Goldes sich erfreuen.
Der einz'ge Phönix kann sich nicht erneuen,
Eh' er verbrennt. So auch in Glutgewalten
Hoff' ich zu sterben, mit den Lichtgestalten
Vereint, die Tod und Zeit nicht mehr bedräuen.
O süsses Sterben! Selig, wer so brennt!
Wenn ich zu Asche nach und nach verstoben,
Nicht unter Toten leben muss fortan.
Ja wenn sich von Natur dies Element
Zum Himmel hebt, steig' ich, mit ihm erhoben,
Grad' auf, feurig verwandelt, himmelan.
46.
Friedrich Bodenstedt.
An Tommaso Cavalieri.
Dein Geist stieg in des Leibes Kerkerzelle
Von dort herab, wohin er einst enteilt,
Dass sich ein Engel, der die Seelen heilt
Und Ruhm der Welt verleiht, uns zugeselle.
Dein Wesen, nicht die Schönheit sonnenhelle,
Entflammt mich, denn ein Herz, wo Tugend weilt,
Baut niemals seine Hoffnung übereilt
Auf das, was rasch entführt der Zeiten Welle.
Doch lebt solch' edler Geist in schöner Hülle,
Dann fasst ihn jeder, wie man an der Scheide
Die Klinge kennt, eh' eine Hand sie zückte.
Nichts in der Welt lehrt so wie Schönheitsfülle
Den Schöpfer lieben! Sieh, es streiten beide,
Natur und Himmel, wer zumeist dich schmückte.
47.
Sophie Hasenclever.
Nicht Glück, nicht Gnade wird dem Übeltäter,
So sagt das Volk, das auch für mich es sprach,
Denn seit am eig'nen Selbst ich war Verräter
Um dein zu sein, floh mich das Glück, und ach,
Die Zeit verbeut's, dass gleich dem Phönix später
Zu neuen Sonnen ich mich schwingen mag.
Eins ist mein Trost, dass mehr ich mir gehöre,
Wenn dein ich bin, als wenn nur mein ich wäre.
48.
Sophie Hasenclever.
Die Nacht.
Der aus dem Nichts, eh' noch die Welt bewohnt,
Die Zeit in Zwiegestalt hervorgebracht,
Er gab der einen hoher Sonne Pracht,
Der andern gab er dann den nahen Mond.
So wird im voraus jedermann gelohnt,
Glück, Zufall und Geschick ihm zugedacht.
Mir fiel die dunkle Seite zu, die Nacht;
Schon in der Wiege blieb ich nicht verschont.
Und wie bei dem, der eignem Glücke wehrt,
In tiefrer Nacht mehr Schatten sich verbreiten,
So sorg' und klag' ich, dass ich schlecht gehandelt.
Doch Trost gibt, dass es meiner Nacht beschert,
Der Sonne deines Tages vorzuschreiten,
Die von Geburt an über dir gewandelt.
49.
Bettina Jacobson.
Die Nacht.
Jedweder Raum, bedeckt und eingefügt, —
Was er im Innern auch umschliessen mag, —
Bewahrt die dunkle Nacht am hellen Tag,
Wo alles sich im Strahlenschimmer wiegt.
Doch wird sie von der Flamme Glut besiegt,
Verjagt die Sonne, was im Finstern lag,
So bleibt nichts Arges mehr im dunkeln Hag,
Ja, auch ein Glühwurm hätte schon genügt.
Was in der Sonne treibt an Lebenskraft,
An tausend Keimen, Pflanzen zu erkennen,
Wird durchgepflügt vom starken Ackerknechte.
Die Nacht hingegen ist's, die Menschen schafft,
Und weil wir ihn der Wesen bestes nennen,
Sind heil'ger als die Tage uns die Nächte.
50.
Bettina Jacobson.
An die Nacht.
O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit,
Die jeder Arbeit stilles Ende bringt,
Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt,
Und wer dich würd'gen kann, der weiss Bescheid.
Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit,
Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt;
Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt
Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit.
Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten,
Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein,
Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut.
Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten,
Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein,
Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.
51.
Bettina Jacobson.
Die Nacht.
Wenn Phöbus Arme sich nicht strahlend winden
Um dieses kalte, feuchte Erdenrund,
Heisst solche Stunden „Nacht“ der Leute Mund,
Weil sie die Sonne dann nicht mehr empfinden.
Doch ist sie arm und schwach: Schon das Entzünden
Der kleinsten Kerze raubt ihr Leben, und
Ein Zunder an der Flinte macht sie wund,
So dass wir sie gar schnell zerrissen finden.
Will man noch wirklich Wesenskraft ihr geben,
Muss Phöbus' Kind sie und der Erde sein:
Sie trägt den Schatten, jener gibt ihm Leben.
Doch, wie's auch sei: Wer lobt, der irrt. Voll Pein,
Verdüstert, muss die Witwe schon erbeben
Vor Eifersucht bei eines Glühwurms Schein.
52.
Bettina Jacobson.
Gesang der Toten.
Wer geboren wird, muss sterben
In der Zeiten Flucht; die Sonne
Duldet jegliches Verderben.
Schnell vergehen Leid und Wonne,
Geist und Wort sind bald verloren;
Alle, die nach uns geboren,
Schatten sind sie, leichter Rauch.
Menschen waren wir ja auch,
Froh und traurig so wie ihr,
Und ihr seht, nun sind wir hier,
Mussten schon zu Staub verderben;
Alle Wesen müssen sterben.
Unsre Augen konnten schauen,
Aus den Höhlen voll und hell;
Heute sind sie leer, voll Grauen,
Denn die Zeit entführte schnell.
— — — — — — — — — —
53.
Bettina Jacobson.
An Vittoria Colonna.
Die Schönheit ward als Vorbild mir auf Erden
Für meinen doppelten Beruf geschenket;
In beiden Künsten sollte sie mir strahlen,
Ein Spiegel, eine Leuchte mir zu werden;
Sie ist es, die zu jenem Ziel mich lenket,
Für das ich einzig meisseln mag und malen.
O törichter, vermessener Gedanke,
Die hohe Schönheit Sinnenlust zu schelten!
Gesundem Geiste zeigt sie Himmelspfade,
Am Staube aber klebt der Blick, der kranke;
Ein reines Auge nur sieht jene Welten,
Die einzig uns erschliesst der Strahl der Gnade.
54.
Sophie Hasenclever
An Vittoria Colonna.
Nicht schön zu sein, unmöglich ist's dir Schönen,
Nicht gut zu sein, dir Guten! Dein Erbarmen,
Verderblich ist's mir Armen,
Es schmilzt mein Herz in deiner Gnadensonnen
Auflösend sich in Wonnen!
Stirbt eh'r nicht deines Herzens Liebesfülle,
Als deine süsse Hülle,
So duld', ich fleh's mit Tränen,
Dass ich bei dir verweile
Bis du der Welt entronnen!
O dann entrückt mein Sehnen
Der Erde mich, ich eile
Empor zum ew'gen Heile;
Gibt uns der Schöpfer einst am jüngsten Tage,
Den Leib zurück, zu Wonne oder Plage,
Dann nimm mich auf, ob unschön ich geblieben,
Dort gilt ja mehr als Schönheit treues Lieben!
55.
Sophie Hasenclever.
An Tommaso Cavalieri.
Als mir dein Augenstern zuerst erglühte,
Da war's kein irdisch Licht, das mich getroffen,
Schon sah mein Geist entzückt den Himmel offen,
Ein ew'ger Friede zog in mein Gemüte;
Denn nimmer stillt mein Herz der Anmut Blüte,
Erzeugt aus dieser Erde niedren Stoffen;
Der Schönheit Ursprung ist sein Ziel und Hoffen;
Es fliegt der ew'gen Schönheit zu und Güte.
Nie hoffe denn ein weises Herz den Frieden
Von jener Blüte, die zu Staub verkehren
Die rauhe Zeit, und Tod, der uns beschieden;
Wohl mag der Sinne Glut den Greis versehren,
Die Liebe nicht, sie heiligt uns hienieden,
Doch erst der Himmel wird uns ganz verklären.
56.
Sophie Hasenclever.
Die Augen, stets der Schönheit zugetan,
Der Geist, ihr hold und auf sein Heil bedacht,
Sie dringen durch die Nacht
Nur an der Hand der Schönheit himmelan;
Denn aus der Sternenbahn
Strömt Glanz vom Firmament,
So klar, dass ihm zu nah'n,
Die Menschenseele brennt,
Und solch Empfinden nennt
Man Liebe hier; ein edles Herz beflügelt,
Entflammt der Blick nur, der den Himmel spiegelt.
57.
Sophie Hasenclever.
An Vittoria Colonna.
Im Herzen nicht ist meiner Liebe Leben;
Das Herz, das irdisch, sterblich ist, enthält
Die ew'ge Liebe nicht, sie lebt gesellt
Dem Wahn, der Sünde nicht, von Schuld umgeben.
Mir hat die Liebe klaren Blick gegeben,
Die Schönheit dir beim Eintritt in die Welt,
So dass ich selbst in dem, was einst zerfällt,
In deinem Reiz erkenn' der Gottheit Weben!
Vom ewig Schönen trennt in mir sich nimmer
Die Liebe, wie die Wärme nie vom Feuer;
Was ihm entstammt und gleicht, das möcht' ich schauen!
Du trägst in deiner Augen sel'gem Schimmer
Das Paradies, wo du zuerst mir teuer,
Und seine Pforten sind mir deine Brauen!
58.
Sophie Hasenclever.
Dante.
Als Mensch vom Himmel einst herabgestiegen,
Hat Hölle er und Läut'rungsglut gesehn,
Dann bracht' er lebend, aus des Himmels Höhn,
Uns wahres Licht, die wir im Dunkeln liegen.
Dass du bestrahlt die Stätte meiner Wiegen,
O lichter Stern, ist unverdient geschehn;
Die ganze arge Welt dir zugestehn,
Wär' kleiner Preis: Nur Gott kann dir genügen.
Von Dante red' ich, dessen Werk verkannt,
Missachtet ward vom Volk, dem undankbaren,
Das stets sich von Gerechten abgewandt.
Wär' ich wie er! Hätt' ich wie er den wahren,
Tatkräft'gen Geist, und wär' wie er verbannt:
Das schönste Glück der Erde liess' ich fahren.
59.
Bettina Jacobson.
So viel scheint gross und kostbar, und es blickt
Das Volk drauf hin bewundernd, aber einer
Steht abseits; ihm erscheint es um so kleiner
Und gallenbitter, was sie hoch entzückt.
Und das sogar: der eitlen unverständ'gen
Gedankenlosen Welt muss er sich fügen,
Muss reden, wie sie spricht und Freude lügen,
Und lächelnd die verborg'nen Tränen bänd'gen.
Mein Glück ist nur, dass ganz verborgen sei,
Was ich beweine und was heimlich trachtend
Des Herzens Wünsche wollen, die ich hege.
Blind ist die Welt und nur Verrätern treu,
Ich aber, Hass und Ehre gleich verachtend,
Geh still und einsam weiter meine Wege.
60.
Hermann Grimm.
Ich bin jetzt vor mir selbst an Wert gestiegen,
Bin lieber mir, seit dich mein Herze hegt;
So wird erst auf den Stein ein Wert gelegt,
Wenn ihn der Künstler formt mit edlen Zügen.
Und wie der Blick am Blatt sich mag vergnügen,
Mit Schrift und Bild geziert, nach dem nicht frägt,
Das leer und kahl, so kann erst, seit geprägt
In meinen Geist dein Bild, ich mir genügen.
Als wären Zauber, wären Waffen mein,
So zieh' ich, ohne dass Gefahr mich trifft,
Mit solchem Schutzbrief aus nach allen Winden;
Stark gegen Feu'r und Wasser werd' ich sein,
Mit meinem Speichel tilg' ich jedes Gift,
Und mache sehend durch dein Bild die Blinden.
61.
Sophie Hasenclever.
An Vittoria Colonna.
Wie sich im unbehau'nen, toten Stein,
Je mehr der Marmor unter'm Meissel schwindet,
Anwachsend immer voll'res Leben findet,
So mag es, edle Frau, mit mir auch sein.
Was Gutes in mir ist, es hüllt sich ein
Tief in mein eigen Fleisch, und so, umrindet
Vom rauhen, rohen Stoffe, der mich bindet,
Drängt sich zu mir umsonst das Leben ein.
Zu matt und kraftlos fühl' ich mich allein,
Das Ende naht und Tag auf Tag verschwindet:
Nimm fort, was sich um meine Seele windet!
Ich könnt' es nicht, doch du kannst mich befrei'n!
62.
Hermann Grimm.
An Vittoria Colonna.
Bald auf dem rechten Fuss, bald auf dem linken,
Bald steigend, bald ermüdet zum Versinken,
Hintaumelnd ratlos zwischen Gut und Böse,
Such' ich, wer meiner Seele Zweifel löse;
Denn wem Gewölk verhüllt des Himmels Weiten,
Wie können den des Himmels Sterne leiten?
Drum sei mein Herz das unbeschrieb'ne Blatt,
Und was das deine aus sich selbst gefunden,
O schreib' es nieder! was in allen Stunden
Die Richtschnur sei, nach der es Sehnsucht hat,
Damit im Irrsal dieser Lebenstage
Mir Antwort werde auf des Lebens Frage:
Ob die geringere Gnade einstmals finden,
Die demutvoll sich nah'n mit tausend Sünden,
Als die, die stolz auf das was sie getan,
Im Überfluss der guten Werke nah'n?
63.
Hermann Grimm.
An Vittoria Colonna.
Es spricht ein Mann, es spricht ein Gott mit Kraft
Aus eines Weibes Munde,
Und was sie sprach, die Kunde,
Hat mich mir selbst für alle Zeit entrafft.
Seit ich in ihrer Haft,
Mir selbst durch sie genommen,
Fühl' Mitleid ich mit mir, den sie betrauert.
Tief schweigt die Leidenschaft;
Ihr Reiz nur ausgenommen,
Dünkt hohl die Schönheit mich; in Rosen lauert
Der Tod, vor dem mich schauert.
Du, die durch Feu'r und Wasser führt zum Frieden,
O gib mich nie mir selbst zurück hienieden!
64.
Sophie Hasenclever.
An Vittoria Colonna.
Hat Antlitz, Glieder, eines Menschen Sein
Des Künstlers Geist erfasst, den Gott verliehn,
Dazu ein Tonmodell, mit leichtem Mühn
Bringt er dann Leben in den harten Stein.
So greift, nach roh entworfnen Zeichnerein,
Der klügste, erste unter allen kühn
Zum Pinsel, wählt, was ihm das beste schien,
Nach prüfenden Vergleichen mancher Reihn.
Auch ich kam als gering' Modell zur Welt,
Doch anders ward ich, besser erst geartet,
Durch Euch, o edle Frau, von hohem Mut.
Werd' ich gefeilter, höher noch gestellt,
Durch Eure Hand, — welch Strafgericht erwartet,
Nach solcher Zucht noch meine wilde Glut?
65.
Bettina Jacobson.
Die Augen kränkt so vieles, was sie schau'n,
Und alles hier muss, ach, mein Herz verletzen;
Wozu noch leben, wär' mit seinen Schätzen
Nicht mein das Herz der edelsten der Frauen?
Darf auf Verzeihung ich, auf Hilfe trauen,
Entflieh' ich der Gewohnheit Sündennetzen,
Dem bösen Beispiel, dieser Nacht Entsetzen?
Du kommst! Genug, nun darf auf Heil ich bauen.
— — — — — — — — — —
66.
Sophie Hasenclever.
Dem Tod entgegen steu'r ich will'ger nicht,
Als wer mit Widerstreben
Zum Richtplatz folgt dem strafenden Gericht
Und lassen muss sein Leben.
Wie dieser bin dem Tod ich nah' vielleicht,
Falls nicht mein Restchen minder schnell entweicht;
Und dennoch gönnt mir nicht die Minne,
Dass ich ein Stündchen Rast gewinne.
Ich wach' und schlafe zwischen zwei Gefahren:
Kaum dass ich leise Lebenshoffnung fühlt',
Ist tiefer Seelenkummer aufgewühlt,
Weil ich noch Gluten habe zu befahren,
Und weil die Lieb' um so viel minder frommt,
Als spät sie kommt.
67.
Hans Grasberger.
Ich sehe meine Zukunft wie im Spiegel,
Wenn bald vom Frost und bald von Glut getroffen,
Ich, dem das Grab schon offen,
Voll Scham vergangner Zeiten denken muss.
Gleich blieb sich Lieb' und Hoffen,
Doch weil mit schnellrem Flügel
Die Zeit jetzt flieht, und nah der Freude Schluss
Dem Greise ist, dünkt Schmerz fast der Genuss!
Entweicht denn beide, Lust so wie Beschwerde!
Der Glücklichste ist ja auf dieser Erde,
Wer, ach, auf ihr nur kurze Stunden weilet,
Denn Tod nur ist der Arzt, der alles heilet.
68.
Sophie Hasenclever.
Der frischen Jugend wird es nicht bewusst,
Wie so ganz anders, Herr, kurz vor dem Ende,
Gedanken, Hoffen, Lieb' und Wünsche werden.
Wächst unsere Seele, bringt's der Welt Verlust;
Die Kunst reimt mit dem Tod sich nicht zusammen,
Drum, was erwart' ich noch von mir auf Erden?
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69.
Bettina Jacobson.
Ich leb' der Sünde, leb', um mir zu sterben,
Mein Leben ist nicht mein, von Schuld umstrickt
Gehört's der Sünde. Gott, der gern beglückt,
Gab Segen nur, ich selbst gab mir Verderben.
Die Freiheit macht' ich, die wir alle erben,
Zur Sklavin, Staub zum Götzen, wahnberückt;
Zu welcher Schmach hab' ich das Licht erblickt!
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70.
Sophie Hasenclever.
Hier am äussersten Rande des Lebensmeeres
Lern' ich zu spät erkennen, o Welt, den Inhalt
Deiner Freuden, wie du den Frieden, den du
Nicht zu gewähren vermagst, versprichst und jene
Ruhe des Daseins, die schon vor der Geburt stirbt.
Angstvoll blick' ich zurück, nun da der Himmel
Meinen Tagen ein Ziel setzt: unaufhörlich
Hab' ich vor Augen den alten, süssen Irrtum,
Der dem, den er erfasst, die Seele vernichtet.
Nun beweis' ich es selber: den erwartet
Droben das glücklichste Los, der von der Geburt ab
Sich auf dem kürzesten Pfad zum Tode wandte.
71.
Hermann Grimm.
Mein Lebenslauf gelangt durch Sturm und Wogen
Auf schwankem Boot nun zu dem grossen Port,
Dahin wir alle steuern fort und fort,
Für alles Tun zur Rechenschaft gezogen.
Wohl merk' ich nun, wie sehr du mir gelogen,
O Phantasie, die du als Herrn und Hort
Die Kunst mir gabst, wie irrig Tat und Wort,
Und wie auch mich manch eitler Wunsch betrogen.
Was wird aus lang verflog'nem Liebesweben,
Wenn bald der Doppeltod mir nahen soll?
Nicht ahn' ich, was man bei dem zweiten leidet.
Mir kann nicht Stift noch Meissel Ruhe geben,
Nur Gottes Liebe noch, die mitleidvoll
Am Kreuz die Arme nach uns ausgebreitet.
72.
Bettina Jacobson.
73.
Mir raubten Eitelkeiten dieser Welt
Die mir verlieh'ne Zeit, in Gott zu leben,
Der Gunst vergass ich, die er mir gegeben,
Hab' mehr mit ihr, als ohne sie gefehlt.
Mich machte blind, was andre aufgehellt,
Zu spät erkannt' ich Tor mein irrig' Streben,
Verzagt fleh' ich dich an, den Bann zu heben,
Darin mich noch die Eigenliebe hält.
Den halben Weg, Herr, wolle mir erlassen,
Der aufwärts führt, doch ohne deine Hand
Fürcht' ich, dass ich auch diesen nicht vollende;
Lehr' mich, was diese Welt so hoch hielt, hassen,
Auch das, was ich verehrte, köstlich fand,
Dass ew'ges Heil mir sicher vor dem Ende.
74.
Bettina Jacobson.
Vom Alter und von Sündenlast beschwert,
Von festgewurzelt argem Trieb gehalten,
Droh'n mir des Todes zwiefache Gestalten,
Und oft hab' ich mein Herz mit Gift genährt.
Auch kann ich, da die Kraft mir nicht beschert,
Nicht Leben, Liebe, Schicksal umgestalten,
Wenn fürder dein erleuchtend göttlich Walten
Nicht leitend, zügelnd mich die Wege lehrt.
Doch nicht genug, o Herr, wenn es mich treibt,
Dass meine Seele wieder dorthin fahre,
Wo du sie einst geschaffen aus dem Leeren,
Gib, wenn an ihr nichts Irdisches mehr bleibt,
Dass Reue ihr den halben Weg erspare
Zu seligem und reinem Wiederkehren.
75.
Bettina Jacobson.
Was nicht ich will, o Herr, das möcht' ich wollen!
Vom heil'gen Brand trennt mich ein Schlei'r von Eis
Und löscht die Glut; nicht passt mein Tun zum Preis
Der Feder; Lügen sind ihr nur entquollen.
Dem Herrn kann mit der Zunge Lob ich zollen,
Nicht mit dem Herzen! Ach, dass ich nicht weiss,
Welch' Tor der Gnade auftun? Ihr Geheiss
Verjagt allein den Stolz, den ränkevollen.
Zerreiss', o Herr, den eisigkalten Schleier;
Die Mauer, hart und starr, wirf sie zusammen,
Sie, die dein Licht verbirgt, die Wehr der Sünde.
Gib deiner schönen Braut dein Himmelsfeuer,
Gib das verheiss'ne Licht, dass ich in Flammen,
Von Zweifeln frei nur einzig dich empfinde.