4. DAS GEBILDETE JUDENFRÄULEIN.
Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich honett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.
Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem Lächeln und vielsagendem Blick. Es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach Eau de Portugal!"
O gewiß, auch nach Fleur d'Orange und dergleichen. Wie nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?"
Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute, wohnen in die Chambres garnies, essen an die Tables d'hôte, jehen auf die Promenade schön ausstaffiert comme il faut, haben zwar gewöhnlich kein Jeld nicht, aber desto mehr Ansehen."
Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er wohl echt?"
Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von den jutem Ton, wie unsereine."
Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein
Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?"
Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lächelnd. Ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus."
Was lesen Sie, wenn man fragen darf?"
Nu, Bellettres, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abonniert bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der Weißen Schlange, und der verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher."
Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?"
Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin,—ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich vor—"
Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem
Gedanken eine erstaunliche Tiefe—ein Chaos von Möglichkeiten—"
Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas Herrliches!"
Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen Schriftsteller über alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet. Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im Grunde viele Hefen an, so 'brüsselt' er doch mit allerliebsten tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein."
O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte, jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. Und das Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm läßt es sich dabei einschlafen!"
Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen," rief lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns trat. Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag."
Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören. Wie werden sie in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab' ich es erraten?"
Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten werden! Muß einen großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die Rebeckchen."
Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen Beinchen heran? Was lächelte schon von weitem so freundlich nach der Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt.
Er schnaufte und ächzte, als er heran war, und doch konnte er auch in dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein liebliches süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: Habe die Ehre, vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!"
Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet nich! Herr Tiplomat, Eau de Cologne! Haben Sie keines bei sich in die Tasche?"
So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich keine Eau de Cologne bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater wußte bessern Rat: Da geht einer," rief er freudig, da geht ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der trägt beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!"
Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit schrecklichen Gebärden das Eau de Cologne= Fläschchen abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und lächelte. Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, für die gütigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast als hätte ich mehr Bier getrunken als dienlich."
Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas mißfällig betrachtend.
Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Rücken zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. Mitnichten, habe sonst eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer…."
Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer, wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit.
Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. Ich ein Unruhstifter oder Säufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weißen Schwan mit meinem Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: Das ist auch so ein S t e i n d e s A n s t o ß e s, auch so ein Mystiker." Herr Pfarrer," sagte ich, guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim." Sie wollen keiner sein?" antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückte. Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden= und anderen Höfen geschimpft über mich, daß ich ein gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?" Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgesprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen statt des Frühstücks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von mir ab."
Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. Halten denn die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apostel?"
In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, in Frankfurt ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekämpft; und so konnte es leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die Hände fiel.—Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem Garten, sie steigen aus?" Ah, sie hat mich bemerkt," rief das Kaninchen sehr freundlich, sie schaut schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß ich mich entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen Affären—"
Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen; denn ihr Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.
Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glück, Rebeckchen in den Wagen heben zu dürfen, und kam mit ganz verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die Hand gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.
* * * * *
5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN.
Ich könnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergötzliche und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben und Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen seinen Anhängern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen beiden Parteien, das heißt—nur mit schneidenden Zungen und stechenden Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren der geringste über Millionen gebietet.
Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir einen kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuß kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit einem ehrlichen Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es unbequem finden mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen.
Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend ist.
Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon macht ihn straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art, wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es ihm diesmal leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal ähnliches versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich also genieren? Der große Gewinn für mich liegt aber darin, daß die ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrüger zu werden, gewöhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir Geschäfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit Glück zu machen, und unglückliche Spekulanten, von denen die Sage geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft haben, hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und nicht ich war es, der sie verließ; sie hatten sich selbst verlassen.
Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermüden oder sogar abzuschrecken? Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten Leute verführen, die behaupten, es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen Memoiren, ich sei für einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich genug?
Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald man vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.
Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerückt zu werden schien und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r ä u m t und im S c h l a f e s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen, als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schönen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten Steigen der——auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, das neidische Gewölk", mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Hause umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede die zagenden Bundestruppen.
Der Seufzer war gänzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen Jüdin, wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen überschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flüsterte er ins Ohr, daß er sich wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln wäre.
Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen ihnen nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur noch auf die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem eleganten Wagen. Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur hinaus ins Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen." Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Großmutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch den dritten und vierten."
Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Straße, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier; die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Straßenlärm. Wo kümmt Er här? Wo will Er hin?" riefen sie. In Weißen Schwan," schrie er, ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weißen Schwan?" Der Herr is wohl ä Korrier?" Freilich, nur schnell," rief er und zog einen Brief mit großem Siegel aus der Tasche, das kömmt von Wien und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im Weißen Schwan." Da an der Ecke gehts rechts, dann die Straße links, dann kömmt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die Depesche aus Wien enthalten möchte. Der Kurier war aber niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen Postillons gekleidet.
* * * * *
6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BÖRSENHALLE.
Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis=Effendi dem Herrn v. Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe, annehmen werde.
Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v. R———-, dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so leicht konnte hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. Gott's Wunder!" sprach er, bedächtlich riechend, Gott's Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand hatte, und—sie waren richtig.
Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie der Löwe das Hündchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war, machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die er in Wien für solche Winke bezahle, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit auf die Börsenhalle.
B ö r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor, wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, Seitengängen, schönen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich aber und lächelt, wenn er in diese Börsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen, waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide häusliche Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen Truthahns, statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die hier ihren Salat wäscht—sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern, mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit kühngebogenen Nasen und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurückgedrückt, umher und fragen einander: Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar, daß du dich unter den Kindern Israels befindest; aber zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben deutlich zu lesen: Börsenhalle." Also in der Börsenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares Gemunkel und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend: Ae Korrier aus Wien?" Gott's Wunder!" Wer hat'n gekriecht?" Ae Fremder, der Zwerner von Dessau." Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron, nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?"
Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?"
Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus
Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!"
Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder hat er nicht? Wie werden se stehen?"
Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Wär' nur der Zwerner aus Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue Straße. Wirst sehen, 's wird geben ä grauße Operation! Der Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, daß er hat nicht angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?"
Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um
Vertelpurzent!"
Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie stehen se?"
Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, weiß heut keiner, wer is Koch oder Keller? Aß ich nicht kann riechen, wie se stehen, die Mettaliques!"
Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiten sich durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihren Platz zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch ist, wo nur die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich und gesetzt beisammen behalten mußte, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und einer schneeweißen Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so daß sein Volk gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich zugetragen haben.
Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach den Preisen. Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie fluchten ebräisch und syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles, selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die Börsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären! Das Ultimatum ist angenommen," scholl es durch den Hof, der Reis=Effendi hat zugesagt," hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nähere Umstände angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die österreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und ein halbes Prozent. Mehrere Häuser, die sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Börsen=) Hause zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen untergeschoben wurden.
Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der
Frankfurter Börsenhalle:
Metalliques 87 5/8.
Bethmännische 75 1/2.
Rothschildische Lose 132.
Preußische Staatsschuldscheine 84.
An den übrigen war nichts geändert worden.
* * * * *
7. DIE VERLOBUNG.
Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des Seufzers aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch die große Menge Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf den Gang bei Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten vollkommen bestätigt werden, da drängte sich alles um den hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können.
Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik, seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer Tapferkeit alle Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer Straße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht wurden.
Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen mußte; denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder verkaufte, glaubte er nie fehlen zu können.
Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte, ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung auf, daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen und in dem jöttlichen Frankfort" leben müsse.
Er ging darauf freudig ein und überließ mir dieses diplomatische Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. daß das ganze Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und erinnerte sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im Weißen Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe.
Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen, daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Glück und seinen noch blinderen Verstand trauend, unternahm, verlor er erst einmal fünfzig= oder hunderttausend und zog seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn schon auf Erden an.
Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst Gnädige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen sich häufen würden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder, wie Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergnügen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn nachläßt und damit zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muß in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp., wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, wie es nobel ist und groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!
Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da war ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel wurde geschächt", um köstliche Ragouts zu bereiten.
Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? Nämlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen und christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich, die sein zartes Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn aber dergestalt zugrunde, daß er endlich elendiglich zusammensank und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.
Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach
Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig; denn als er am
Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka
das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt:
Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für
gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeelöffelchen; kein
Dessertmesserchen oder Zuckerklämmerchen ist uns abhanden gekommen!
Gott's Wunder!"
* * * * *
DER FESTTAG IM FEGEFEUER. (Fortsetzung.)
Am Horizont in diesem Jahr
Ist es geblieben, wie es war.
M. Claudius.
1. DER JUNGE GARNMACHER FÄHRT FORT, SEINE GESCHICHTE ZU ERZÄHLEN.
Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen Schneider=Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach Berlin gehen und erzählt, was ihm unterwegs begegnete.
Meine Herren," fuhr der edle junge Mann fort, als ich mich umsah, stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich verstand so viel von der Welt, daß ich einsah, es sei weniger auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem älteren Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. Euer Onkel ist ja schon seit zwei Monaten tot!' erwiderte er. O du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!'
Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken, ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; nach und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten: Erinnerst du dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er. Ich sah ihn an, besann mich, verneinte. Ei, man hat mich doch in Dresden so viel, gesehen,' fuhr er fort; alle Alten und besonders die Jugend strömte zu mir und meinem jungen Griechen.'
Jetzt fiel mir mit einemmal bei, daß ich ihn schon gesehen hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und ließ den jungen Athener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Überschuß für einen Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglücklichen Knaben sehen zu können. Ich bezeugte dem Manne meine Verwunderung, daß er nicht mehr mit dem Griechen reise.
Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, daß ich ihm nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein Söhnchen, wenn du mein Grieche würdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber er gestand mir, daß der andere ein ehrlicher Münchner gewesen sei, den er abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die griechische Sucht hätten."
Wie?" unterbrach ihn der Engländer. Selbst in Deutschland nimmt man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen untergehen läßt."
Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland," antwortete Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn; was einmal in einem anderen Lande Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders. Wie nun vor kurzem die Pargioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit großen Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: Wohin?' so antworteten sie: In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nähere Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach Griechenland gegen die Türken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten, wenn er mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas einschlug: Der muß wenig taugen, daß er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muß.'"
Ist's möglich?" rief der Marquis. So teilnahmlos sprachen die
Deutschen von diesen Männern?"
Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl, einer unterdrückten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu erkämpfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man über einen Löffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landläufer."
Mylord," sagte der Franzose, es sind doch dumme Leute, diese
Deutschen!"
O ja," entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen das Licht hielt, zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen."
Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: Auf diese Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft muß ich mich wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan, für ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: Es war ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues machen wollen?' oder sie sagen: Gut, wir wollen erst einmal sehen, wie die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.' Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.'
Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe, eine Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier traktieren konnten.
Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war tot, ich hatte nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden, daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle Gegenstände auf neugriechisch nennen, bläute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich instruiert war, schwärzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein Gesicht gelblich, und—ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders das für vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar von Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld."
Aber, mein Gott," unterbrach ihn der Franzose, sagen Sie doch, in Deutschland soll es viele gelehrten Männer geben, die sogar Griechisch schreiben. Diese müssen es doch auch sprechen können; wie haben Sie sich vor diesen durchbringen können?"
Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, daß sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides hätten korrespondieren können, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mußten zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit:———Mein Herr, das ist nicht griechisch.' Mein Führer unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum ins Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, daß sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen.
So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf, der mir große Ähnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herr von Garnmacher tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten, ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle, wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine rührende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen Vater, den Marchand tailleur, erinnert sein wollte, die Wut meines Führers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst komisch vor.
Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, ließ mir Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich eine neue Katastrophe."
* * * * *
2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT.
Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins Reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, über welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht interessieren."
Nein, nein!" rief der Lord. Ich habe schon öfters von dieser kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. in Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden, höre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen."
Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare, aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht das, was leicht und gefällig, sondern was mit einem recht schwerfälligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und schön gilt, so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der Literatur. Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte—man glaubte darin zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus des Publikums einfällt."
Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?" unterbrach ihn der Lord. Ich finde das recht hübsch. Man braucht selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann dennoch in der Gesellschaft mitstimmen."
Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt irgend eine Partei und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in der Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz für einen Yaner gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partei an und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem oder jenem großen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden; oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen, es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen."
Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. Ich muß gestehen, in Frankreich würde man ein solches Wesen verachten."
Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Übrigens sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen, gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch dürfen sie sich gerade nicht schämen; denn sie rezensieren anonym, und nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten."
Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord lächelnd.
Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch—ein Totschläger, denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der höchste Trumpf, dieser Matador, und zählt für zehn, wenn er Pacat ultimo macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er Matador! Denn er, der Hauptkämpfer ist es, der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todesstoß gibt."
Gestehen Sie, Sie übertreiben;—Sie haben gewiß einmal den unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?"
Der junge Deutsche errötete. Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, daß es wäre rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und kenne diese Affären genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk, lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für sich gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge, schriftstellerische Damen."
Wie?" erwiderte der Lord. Haben Sie deren so viele, daß man eine eigene Klasse für sie macht?"
Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jüngere und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhändlers, der das Blatt bezahlt, oder die Parteimänner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist glücklich, daß die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kühl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr über das Genus ihrer Schrift und über ihre Tendenz als über sie selbst, und gibt sich Mühe, in recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefähr wie in den Salons, wenn man über politische Verhältnisse spricht und sich doch mit keinem Wort verraten will.
Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden, oder doch lächerlich machen. Die f ü n f t e Klasse ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Roß und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu gefährlich ist, als daß man öffentlich davon sprechen möchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfüllt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l ä g e r k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge= und Stampfmühle; denn der Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie."
Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen
Vertilgungssystem?" fragte Lasulot.
Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht, und—wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! Ein Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden an ihm beißen, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den Zirkus springt,
Und zieht den Degen,
Und fällt verwegen
Zur Seite den wütenden Ochsen an—
da freut sich das liebe Publikum, und von Bravo!' schallt die Gegend wider!"
Das ist köstlich!" rief der Engländer; doch war man ungewiß, ob sein
Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm.
Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?"
Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet; wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft traf es sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte. Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines, gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, daß es große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen so großen Holzstoß zu, als die sancta simplicitas in Konstanz dem Huß, und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rösten, bis er ganz schwarz war."
Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
Meinungen über e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!"
Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und ihm morgen der Herr von …. einige Sous mehr bietet, so hält er eine Schimpfrede gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt."
Aber dann geht er förmlich über," bemerkte der Marquis; aber Ihr
Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf
Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund."
Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann, so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. Ich will dir,' sagte er, die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Maß tun. Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr als kaltes Blut.'
So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren, so ließ er mir sagen: Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen tüchtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale."
Goddam! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?" rief der Lord mit wahrem Grauen. Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterlande jährlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?"
Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jährlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schöne und miserable Erzählungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreißig Almanache, fünfzig Bände lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert Übersetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=, Konfessionsbücher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung guten Champagners aus Obst, zur Verlängerung der Gesundheit, die Betrachtungen über die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben könne usw. sind nicht zu zählen; kurz, man kann in meinem Vaterlande annehmen, daß unter fünfzig Menschen immer einer Bücher schreibt; hat einer einmal im Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahre nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der Literatur, welches weite Feld für die Kritik!"
Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer Andacht gesprochen, die sogar mir höchst komisch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.
Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ," sagte der Marquis; aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte zu lachen. Ihr seid sublime Leute, das muß man euch lassen."
Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Lächeln. Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste ist, nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Ländchen. Der Weg war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: Was das Post= und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. Er schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?' Ei, behüte!' sagte er, Bücher, gelehrte Bücher.' Über das Postwesen?' fragten wir weiter. Nein,' meinte er; Verse macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang als mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in der Seele weh tat. Goddam!' sagte mein Begleiter.
Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage fördern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein großer Kritiker."
Ich weiß, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger Miene, und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. Übrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Lande möchte etwas dergleichen auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schöne romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen; wir üben das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben."
Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, ich würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!"
Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
Sixpencestück zuwarf, der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende
Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl
viele Bekannten aus der Stadt hier sind."
Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung. Sie wollen also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte fängt jetzt erst an, interessant zu werden."
Sie können recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem
Lächeln; aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht.
Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem
Vaterlande, die Sie uns zeigen können."
Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der
Marquis lachend; aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die
Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre
interessante Erzählung, möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir."
Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu scheinen. Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr angenehm; denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre, sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu können."
Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.
Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich—es ist möglich, daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in manchem hervorbringen; aber laßt nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen Leutchen nur e i n Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie in….
Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit über ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: Zu unserer Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater.
* * * * *