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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2 cover

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2

Chapter 2: ZWEITER TEIL.
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About This Book

An editor presents a framed collection of ironic memories allegedly written by the Devil, beginning with a preface that recounts a comical lawsuit over false attribution; the resulting trial and legal papers lampoon bureaucracy, judicial pomposity, and public credulity. Interwoven are fantastical anecdotes, dreamlike episodes, and reflective commentaries that expose human foibles, social manners, and literary pretensions through wit and parody. The work alternates courtroom satire, short narrative vignettes, and philosophical asides while maintaining a playful, skeptical voice.

The Project Gutenberg eBook of Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2

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Title: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan — Band 2

Author: Wilhelm Hauff

Release date: November 1, 2004 [eBook #6891]
Most recently updated: September 24, 2014

Language: German

Credits: Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed Proofreading Team

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN — BAND 2 ***

Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed

Proofreading Team.

WILHELM HAUFF

MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN

ZWEITER TEIL.

VORSPIEL.

Worin von Prozessen, Justizräten die Rede; nebst einer stillschweigenden Abhandlung: Was von Träumen zu halten sei?"

Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät. Angenehm ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich darüber geärgert haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan, die nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und Übersetzer erwünscht sein muß.

Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen Temperatur des letzten Spätsommers, noch in der strengen Kälte des Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß, in welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.

Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen begleitet worden, als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war eine

W a r n u n g v o r B e t r u g

Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als Schriftsteller berühmten Teufel, sondern gänzlich, falsch und unecht, was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird."

Ich gestehe, ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen, die von niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiß, hatte das Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Mühen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschläger über mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen und besagte Memoiren für unecht erklären?

Während ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, daß ich einer Namensfälschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und zwar—vom Teufel selbst, der gegenwärtig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebe. Er behauptete nämlich, ich habe seinen Namen Satan mißbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm benützt, um diesem schlechten Büchlein einen schnellen und einträglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, daß ich zur Strafe gezogen, sondern auch, daß ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden".

Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, daß mir früher schon den Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte; man kann sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein Kämmerlein, um über diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, daß es hier drei Fälle geben könne. Entweder hatte mir der Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Kläger recht zu ängstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein böser Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine Hände zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Kläger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein müßiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.

Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich keine Beweise beibringen könne, daß das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl von Büchern, die seit Justinians Corpus juris bis auf das neue birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben worden seien, einiges nachlesen.

Das juridische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang. Es wurde, wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist, so viel darüber geschrieben, daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war, wurde sogar auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer für diesen Prozeß eingeräumt; über der Türe stand mit großen Buchstaben: Acta in Sachen des persischen G. H. R. T e u f e l s gegen Dr. H——f, betreffend die Memoiren des Satan."

Ein sehr günstiger Umstand für mich war der, daß ich auf dem Titel nicht Memoiren des Teufels", sondern des Satan" gesagt hatte. Die Juristen waren mit sich ganz einig, daß der Name T e u f e l in Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens diesen nicht zur Fälschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein angenommener, willkürlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen zu führen. Ich fing an, aus diesem Umstand günstigere Hoffnungen zu schöpfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was es heiße, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des et cetera war nämlich dem berühmten Justizrat Wackerbart in die Hände gefallen, einem Manne, der schon bei Dämpfung einiger großen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, daß ein solcher berühmter Jurist meine Sache nur als eine cause célèbre ansehen und sie also handhaben werde, daß sie, gleichviel wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm einbrächte? Hierzu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, sich an höhere Zirkel anzuschließen; mußte ihm da ein so wichtiger Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich Armer?

Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mögliche Unsinn wurde auf mich gewälzt; ich wunderte mich, daß man mich nicht einige Wochen ins Gefängnis sperrte oder gar hängte. Man hatte hauptsächlich folgendes gegen mich in Anwendung gebracht:

E n t s c h e i d u n g s = G r ü n d e

zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember 1825 gefällten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den Dr. …..f w e g e n B e t r u g e s.

1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben, daß er keine Beweise beizubringen weiß, daß die von ihm herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwärtig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herrühren. Ferner hat der Angeschuldigte …..f zugegeben, daß die in öffentlichen Blättern darüber enthaltene Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei.

2. Die letztgedachte Ankündigung ist also abgefaßt, daß hieraus die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, daß die Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.

3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte …..f eines Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus impermissen Kommodum für sich oder Schaden anderer gerichteten unrechtlichen Täuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre dito nicht angibt—besteht; oder, um uns näher auszudrücken, da hier die Sprache v o n e i n e r W a r e u n d g e d r u c k t e m B u c h ist—einer F ä l s c h u n g schuldig gemacht; denn durch den Titel Memoiren des Satan" und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, daß das Buch ausdrücklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen Geheimen Hofrat Teufel verfaßt sei, was beim Verkauf des Werkes verursachte, daß es schneller und in größerer Quantität abging, als wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn …..f, so dem Publiko noch gar nicht bekannt ist, erschienen wäre, und wodurch die, so es kauften, in ihrer schönen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in Händen zu haben, schnöde betrogen wurden.

4. Wenn der Herr Dr. …..f, um sich zu entschuldigen, dagegen einwendet, daß der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewöhnlich nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr richtig, daß sich …..f auf den Gebrauch jenes angenommenen, übrigens bekanntermaßen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht beschränkt, sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt, namentlich in der Einleitung, daß der Verfasser derjenige Teufel oder Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch frühere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels et cetera rühmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel.

5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten, daß das in Frage stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muß das auch wohl eher für eine etwas geringe Nachäffung der Teufeleien als für—eine Satire auf dieselben erkennen. Wäre aber auch, was wir Juristen nicht einzusehen vermögen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus kein günstiger Umstand für …..f zu ziehen, weil derjenige Käufer, der etwas E c h t e s, vom Teufel Verfaßtes kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, daß er betrogen sei.

6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt, Leihbibliotheken et cetera, ist in der vorliegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder Firma mißbraucht worden, nämlich und spezialiter gegen den Geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als von wegen des Honorars seiner übrigen Schriften sehr dabei interessiert ist, daß nicht das Geschreibsel anderer als von ihm niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.

7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, daß er das Buch arglos herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierüber zu kennen, daß ihn auch bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen Absichten geleitet hätten, so ist uns dies gleichgültig und haben nicht darauf Rücksicht zu nehmen; denn Fälschung ist Fälschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Bücher schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkäufliche Ware und kann den Begriff des Vergehens nicht ändern, weil immer noch die Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert und zwar ebenfalls nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen Wert mit den übrigen Büchern des Teufels hätten (was wir Klein=Justheimer übrigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein tut.

Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.

(Gez.) Präsident und Räte des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim.

Hast du, geneigter Leser, nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem Männlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und probiert, ob es nicht schöner wäre, wenn er z. B. das Gesicht im Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue, oder ob es nicht vernünftiger wäre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht würden, daß er vor= und rückwärts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgültig, ob ihm die Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht, ob er den Rücken herabschaute oder vorwärts; er lächelte so dumm wie zuvor; denn er hatte ja kein Gefühl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz.

Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen Händen der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefällig, oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch, wie sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren konnten, was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen, nämlich, daß er das Gesicht im Nacken, die Füße einwärts, die Arme verschränkt et cetera trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.

Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als würde dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzkünstler und Eskamoteur getan, der Bänder verschluckte und sie herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenfälschung, Einschwärzen, Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man will! Und rechtswidrige Täuschung des Publikums? Wer hat denn darüber geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter geschrien, weil er gefunden, daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen selbst herrühre, daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese rechtswidrige Täuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch zurück hinter England und Frankreich, daß du nicht einmal einsehen kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und gehören durchaus nicht vor deine Schranken.

Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun für mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach über das Hohngelächter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes abgerissenes Stück, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken sitze, trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen allerart herabschaue und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide, die den großen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er seine andere Hälfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwünsche, um verbunden mit ihm schöne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt, als einem Invaliden, beinahe unmöglich war. Da wurde mir eines Morgens ein Brief überbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet. Ich riß ihn auf und las:

Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!

Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem großen Ärger die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet Euch nicht ein, daß sie von mir herrühren. Mit großem Vergnügen denke ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz, und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen Geschäften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach, versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben habt und daß das Publikum meine Bemühungen zu schätzen wisse. Der Prozeß, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil ich ein wenig über ihre Universitäten schimpfte und die ästhetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drücken. Lasset Euch dies nicht kümmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im Notfall könnet Ihr gegenwärtige Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne, so kenne ich um so besser die seinige.

Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden berühmten Prozeß, der ihnen in die Hände fällt, für g u t e P r i s e erklären, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden können, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt. Was war bei Euch von beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und Magister der brotlosen Künste, was seid Ihr gegen einen persischen Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natürlich zugegangen, und grämet Euch nicht darüber. Was den persischen Geheimen Hofrat betrifft, der meine Rolle übernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm sprechen.

Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner erinnern.

Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persönliche Bekanntschaft bald zu erneuern, bin ich

Euer wohlaffektionierter Freund, d e r S a t a n."

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache geführt hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklärte ihm, appellieren zu wollen an ein höheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.

Er zuckte die Achseln und sprach: Lieber, sie wohnen zusammen in e i n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe höher steigen wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen."

So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften; doch—was half es? Sie stimmten ab, erklärten den persischen für den echten, alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, und der Prozeß ging auch in der Beletage verloren.

Da faßte mich ein glühender Grimm; ich beschloß, und wenn es mich den
Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das
Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und——erwachte.

Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen, die Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Blütenzweige winkten herein, mich aufzumachen und den Morgen zu begrüßen.

Verschwunden war der böse Traum von Prozessen, Justizräten, Klein=Justheim und alles, was mir Gram und Ärger bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden.

Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so erschienen, als hätte ich selbst den Prozeß gehabt, als wäre ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer Schöppen.

Ich lächelte über mich selbst. Wie pries ich mich glücklich, in einem Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund für gute Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu würdigen weiß, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats, noch auf irgend dergleichen Rücksicht nimmt.

So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen
Prozeßtraum.

Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief verheißen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.

Doch ich konnte ja nicht anders, ich mußte seinen Wink befolgen und seinen Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.

Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Hütte von Malojaroßlawez zubrachte und wie von jenen Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte. vielleicht—weil er ihm nicht beikommen konnte, doch—vielleicht ist es möglich, dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem andern Orte mitzuteilen.

Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da wurde die Türe aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer.

Weißt du schon?" rief er. Er hat ihn verloren."

Wer? Was hat man verloren?"

Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozeß gegen Clauren meine ich, wegen des M a n n e s i m M o n d e!"

Wie? Ist es möglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. Unser
Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozeß?"

Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der
Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."

Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in
Klein=Justheim anhängig?"

Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er besorgt meine Hand ergriff. Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo gibt es denn einen solchen Ort?"

Ach," sagte ich beschämt, du hast recht; ich dachte an—meinen
Traum."

* * * * *

MEIN BESUCH IN FRANKFURT.

1. WEN DER SATAN AN DER TABLE D'HÔTE IM WEISSEN SCHWAN SAH.

Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf; denn sie fangen in Bornheim ihre heiligen Übungen schon am Samstag an, und der Bundestag hat sogar acht bis zehn.

Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten, das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: Ob man am Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W ä l d c h e n gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger als jene, die doch für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: Ob die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?"

Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen Tagen mehr Seelen für sich gewinnt als das ganze Judenquartier in einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten Belletristen verwöhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen, diene zur Nachricht, daß ich im Weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an der großen Table d'hôte in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste; den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner ausbitten.

Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte, und dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für die Schule nicht mächtig ist.

Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn, wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde?

Nun," antwortete er, das ist der stille Herr." Der stille Herr?
Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß. Wer ist er denn?"

Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier."

Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so kläglich winselt?"

Ja, das weiß ich nicht," erwiderte er, aber seit dem zweiten Tag, daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und ein Uhr in der neuen Judenstraße auf= und abgeht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er ganz stille und trinkt Kapwein."

Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, setzen Sie mich doch heute mittag in seine Nähe." Der Kellner versprach es, und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar. Den zwölften Mai," hörte ich ihn stöhnen, Metalliques 83 3/4, österreichische Staatsobligationen 87 3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132, preußische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo will das hinaus! 81! Die Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel?"

So ging es eine Zeitlang fort; bald hörte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols, die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.

Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal trat, auf einen Stuhl: Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin," flüsterte er, zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich täuschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft, etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der Ourika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit frischen, wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben Augen beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht paßte.

Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergeblich; er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf seinen Teller.

Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem
Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, eingeschnurrtes Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, der er haben mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete ein ruhiges, süßliches Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch seine sehr jugendliche und modische Kleidung.

Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süßen Lächeln, womit er seine Blicke begleitete, zu urteilen, mußte er mit allen in genauen Verhältnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und süßlich dazu lächelte, die größte Ähnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen, während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen war.

Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen maß, konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen, den Rücken auf künstliche Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen nach uns herüber zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: Noch immer so düster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf meine Wenigkeit?"

An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r wie gr auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: Eifersüchtig, Herr Graf?—Auf S i e in keinem Fall."

Graf Rebs—so hörte ich ihn später nennen—faltete sein Mäulchen zu einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes, knöchernes Kinn und kicherte:

Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?"

Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken."

Herr Oberkellner," lispelte der Graf, Sie haben die Trüffeln gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich hätte auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies—Kellner, ich trinke heute lieber roten Ingelheimer, ein Fläschchen—ja, wollte ich sagen— das ist mir nun während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht es, wenn man so viel zu denken hat."

Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als daß er nicht weiter geforscht hätte. Nun, auch Fräulein von Rothschild hat bemerkt, daß ich melancholisch hinaussah?" fragte er, indem er seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen suchte; freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette—".

Richtig, das war es," erwiderte Rebs, das war es; ja, als ich auf
Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug
sie mich mit ihrem Jocofächer auf die Hand und nannte mich einen
Schalk."

Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blicke an. Er hatte nie so große Ähnlichkeit mit einem angenehmen Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.

Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: Werter Monsieur Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jocofächer keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur eine façon de parler unter Leuten von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Späßchen. Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?"

Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend.

O, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie—wie mein Rock hier, einen Mund zum Küssen und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes, ich möchte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können, nein, es ist wirklich auffallend, in drei Tagen …"

Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen
Sie denn sagen?"

Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem Augenblicke anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die Äuglein zu, sein Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den Schulterblättern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knöcheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal mußte der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte: Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht übelnehmen; auch mir wollte es anfangs sonderbar bedünken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt."

Sie Glücklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. Wo Sie nur
hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese
Engländerin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide
Partie—"

Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, es ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen dürfen Sie ruhig sein; ich ziehe mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen—Sie verstehen mich schon— das wird sich bald geben; ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich geliebt hat."

Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem unglücklichen Seufzer.

* * * * *

2. TROST FÜR LIEBENDE.

Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. Findet er wirklich bei den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?"

Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. Ein alter Junggeselle von fünfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber. Eitel, töricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Äuglein anblinzelt, sei in ihn verliebt, drängt sich überall an und ein—"

Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?" Ja, wenn die Damen dächten, wie Sie, wertgeschätzter Herr! Aber so lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so— oh—Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht."

Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und den Verzweifelnden hineinschob, ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein Rebekka—setzen Sie sich doch gefälligst aufs Sofa—auf das Fräulein sollte er auch Eindruck gemacht haben, dieser Gliedermann?"

Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden; vielleicht, wenn sie eine Christin wäre, hätte sie einen solidern Geschmack."

Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?"

Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht."

Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespräch des
Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?"

Ja," erwiderte er ärgerlich, wenn nicht der Satan das Papierwesen erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube ich heute einen festen Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor Herrn Simon zu treten und sagen zu können: Herr, wir wollen ein kleines Geschäft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube ich nun so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel die Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente höher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken."

Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß S i e gewinnen?"

Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus."

Wie, sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld sehen?"

Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht," erwiderte er seufzend. Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, was sie wollen. Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines hat."

Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld; woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?"

Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, wir haben Geld, und so viel, um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht; werter Herr! Ist von einem angenehmen, liebenswürdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie steht er? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß."

Und Rebekka denkt auch so?"

Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen Judenstraße? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und sein Reis=Effendi, so bin ich um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht wehr würdig, um sie zu freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne, daß die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern; bald denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Effendi soviel Verstand als möglich. Ich Unglücklicher!"

Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?" fragte ich.

Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus seiner Brust. Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er. Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine kühn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe, etwas dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte man solches Geschöpf nicht lieben?"

Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?"

O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch. Sie sollten hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt: Ißßt es möglich?' oder: Es jinge wohl, aber es jeht nich.'"

Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren comme il faut, auf Kirchweihen oder sonstigen Plätzen sich amüsieren. Reisen sie hernach, so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der nächsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben, noch lange um den schönen, wohlgewachsenen jungen Mann weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehört, daß der Handelsstand gegenwärtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß einer von sich sagte: Kaufmann oder Bänderkrämer", sondern: Ich reise in Geschäften des Hauses Bäuerlein oder Zwierlein", und fragt man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden antworten zu hören: Knöpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie nun gar im Städtchen ihrer Heimat ein Schätzchen zurückgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante Geschichte erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen und unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen usw. ein Seidenpapier hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne der Geliebten enthält.

Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukömmt, mit eingelegter Lanze à la Don Quichotte eurer Jungfrauen Schönheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger Verwüstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid überdies meist euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.

Eine solche liebenswürdige Erziehung, aus Kontorspekulationen, Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H ö c h s t oder von L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n Nachrichten kommen zu

lassen, um seinem Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte es ein anderer nicht auch können, wenn sein Geld ebensogut ist als das des großen Makkabäers?

Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche
Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht nützen. Doch die
Nuancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht
ins Netz geht, und darum beschloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen.

Ich bin," sagte ich zu ihm, ich bin selbst einigermaßen Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde."

Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. Als ich in Dessau war, ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier, gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?"

Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der etwas wagen will, muß s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten."

Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, das kann ja jetzt niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von Metternich. Wie meinen Sie denn?"

Über Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil können Sie durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen?"

Gewiß, gewiß," seufzte er. Aber ich sehe nur noch nicht recht ein—"

Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht und dem g r o ß e n P o r t i e r ein Stück Geld in die Hand gedrückt hat, läßt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und fährt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche—wem?"

Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!"

Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen—"

Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von
Rußland sei plötzlich—"

Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute glauben! Unwahrscheinliches, Überraschendes muß auf der Börse wirken!"—

Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden, habe dem Islam geschworen?"

Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab."

Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, das wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben."

Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß,
und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob
Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten
Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe
Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe."

Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele Häuser können fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und das wäre dann meine Schuld!"

So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen Seele. So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im Weißen Schwanen wohnt und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?"

Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, ich weiß gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?"

Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir
Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine
Antwort. Übrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das
Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich
auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;—"

Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die meine—"

Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender Geist—"

Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er lächelnd meine Hand faßte und verstohlen nach dem Spiegel blickte. Es ist wahr, man hat mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den König von England gekommen, um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen."

Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen, so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge zu finden!"

Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel stiegen in mir auf, und—nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja—so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrücken und einen Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!"

* * * * *

3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM.

Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen, wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu berechnen wußte, der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand.

Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein, mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt alle Stämme Israels versammelt habe.

Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war jede Melancholie verschwunden, sein großer, runder Kopf steckte nicht mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte er sagen: Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der Börse, und, wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in der neuen Judenstraße!"

Aus dem Garten des Goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien, wie einst ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da saßen sie, die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus einer Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke verheißen hatte. Wie sich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld!

Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen mußten, wenn man ihnen zurief: Jude, sei artig, mach' dein Kompliment!" Dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen! Überladen mit Putz und köstlichen Steinen saßen die Frauen und Judenfräulein; die Männer, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Männer hatten sich sonntäglich und schön angetan, ließen schwere, goldene Ketten über die Brust und den Magen herabhängen, streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitärs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte Volk? Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders als uns?

Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am Arm; schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft zu separieren nach und nach."

Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht—"

Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir
bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und
Ratgeber?"

Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien," gab ich ihm zur
Antwort, reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz."

Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den Hut gegriffen hatte, Le—Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu machen. Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffären. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmäßiges in dero Visage."

Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen nützlich sein zu können."

Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, das neidische Gewölk", erhob sich, und nun ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel.—Sie hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.

Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. Haben da ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmälzlein," bemerkte er wohlgefällig lächelnd; habe immer eine Inklination für die Diplomatik gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand! Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für Geschäfte machen!"

Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen
Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im
Kopf umher."

Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. Zeviel?" sagte er. Ich für meinen Teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."

Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"

Gut, très bien, bon! Gut gegeben, hi! hi! hi! à propos, wissen Sie Neues aus daher?" Er rückte mir noch näher und wurde verfänglicher.

Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, Sie wissen, es gibt Fälle—"

Wie?" rief er erschrocken. Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!
Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des
Herrn gewesen? Waas?"

Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. Doch kein Unglück? Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?"

Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich holter nicht recht verstanden."

Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.

Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen
Bejriff von!" lispelte sie. Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen
Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden
und wären melancholisch jewesen?"

Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des
Seufzers wurden feuriger, er zog, als das Gewölke" ein wenig im
Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und
gestand ihr, wenn ich anders recht gehört habe, daß nächstens die
Metalliques und die …. um drei Prozente steigen würden.

Herr von Schmälzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren
Wein zu sich genommen hatte, Sie haben mir da einen Schreck in den
Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch
nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen—?"

Es gibt Affären," fuhr ich fort, wo der Diplomat schweigen muß. Über das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen—"

Der Gott meiner Väter tue mir dies und das," rief er feierlich, so ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner Tochter das Geringste—"

Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a n z zu allernächst. F ü r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen, doch Herr von Zwerner—"

V o n Zwerner?"

Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien bekommen."

Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar ich sagte immer, hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft. Ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"

Ja."

Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
Effendi? Hat er?"

Mein Herr Simon, ich bitte—"

O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus
Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"

Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei und hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten."

Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm machen ließe?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Das war der Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

* * * * *