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Moriz: ein kleiner Roman cover

Moriz: ein kleiner Roman

Chapter 72: Drittes Kapitel. Er sieht sie.
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About This Book

A young boy grows up amid a small household whose routines, affectionate caretaking, and secretive conversations shape his sense of self. He overhears adults questioning his parentage, experiences both tender intimacy and awkward exposure, and reacts with childish bewilderment and impulsive flight. The narrative moves in episodic scenes that combine close interior observation, playful episodes, and vivid character sketches of his guardian and the housekeeper, tracing emotional development through domestic detail, moral ambiguities, and moments of escape and discovery.

Fünftes Kapitel.
Funken unter der Asche.

Nach einer Stunde sah ich mich glücklich im Freyen. Ich erkundigte mich bey dem ersten Bauer, der mir begegnete, nach dem Wege, der nach W* führte. Ich erfuhr, daß ich die Landstraße nur verfolgen dürfe, um gerade auf die Stadt zu stoßen. Aber es war meine Absicht, um sie herum und nicht hinein zu reiten.

Mein Entschluß war nun gefaßt: ich wollte gerade nach B* und mich dort zu K* Diensten anwerben lassen. Es war mir gleich, wozu man mich machen wollte, zum Kavalleristen oder Infanteristen, zum Kaporal oder zum Gemeinen – wenn ich nur meinen Bekannten und Freunden verborgen blieb.

Gegen Abend befand ich mich nicht weit von D*. Ich war fast in einem Zuge fortgeritten, und hatte mir kaum Zeit genommen, des Mittags mein Pferd füttern zu lassen und selbst einige Bissen zu mir zu nehmen. Ich war Willens, noch diese Nacht wenigstens bis zur B* Gränze zu reiten, aber ein unwiderstehlicher Schlaf überfiel mich, während ich in einer Dorfschenke am Tische saß und meinen Gedanken nachhing. Als ich am andern Morgen erwachte, fand ich mich noch in eben der Stellung, in welcher ich den Abend vorher eingeschlafen war. Es herrschte eine Stille in meiner Seele, die mich überzeugte, ich sey ganz ruhig und habe von den gewaltsamen Empfindungen, die mich bisher Tag und Nacht umhertrieben, nun nichts mehr zu fürchten.

Ich setzte meine Reise fort, und in einer halben Stunde hatte ich D* vor mir. Auf lauter Abwegen, über Sand und Wiesen und Aecker, ritt' ich um diese Stadt, und ließ mich an eben der Stelle, und vielleicht noch auf eben derselben Fähre über die Elbe setzen, die mich als Knabe überfuhr, nachdem ich dem Bedienten meines Vaters aus dem Wirthshause unter den Händen entlaufen war.

Binnen drey Stunden war ich an der B* Gränze. Jetzt fiel es mir erst ein, daß ich in meinem Anzuge wohl nicht in B* hineingelassen werden dürfte. Unter meinem grünen Oberrocke trug ich die ganze S* Uniform, an meinem Degen das S* Porte-Epee und um meinen Hut S* Kordons. Alles mußte ich ablegen, weil ich mich durch keinen Paß verwahren konnte.

Ich ritt in den Wald, der vor mir lag, und stieg in einem dicken Gebüsche vom Pferde. Zuerst schnitt ich die Kordons von meinem Hute, sodann zog ich meine Uniform aus und legte endlich meinen Degen ab. Mein Herz war unbeschreiblich beklemmt, und wenn ich die vor mir liegenden Kleidungsstücke ansah, stiegen mir unwillkürlich die Thränen in die Augen. Ich trug endlich das Ganze zu einer Fuchshöhle, die in der Nähe war, steckt' es hinein und vergrub es unter Reisern, Sand und Steinen. Mit gefalteten Händen, den nassen Blick auf die Stelle geheftet, wo ich meinen vorigen Stand begraben hatte, stand ich da, und brach endlich schluchzend in die Worte aus: so ist denn alle Hoffnung zur Rückkehr verschwunden? –

Ich erschrak vor mir selbst. Ich weinte, daß ich nicht mehr zurückkehren konnte, und schnitt mir selbst alle Hoffnung zur Rückkehr ab. Ich war Tag und Nacht geritten, um ihrem Bilde zu entfliehen, und nie war es mir näher, als jetzt. Ich verabscheuete sie, als ich sie sah, und liebte sie, als ich dreyßig Meilen von ihr war!

O Liebe, du bist der Phönix, der sich selbst verbrennt, um auf neuen Fittigen emporzuschweben. Du bist der Vogel, von dem man sagt, daß er seine Jungen mit eignem Blute nähre. Du bist das Bild der Natur, die ewig sich selbst entblättert und ewig neue Knospen treibt. Dein Schmerz ist Wollust, deine Wollust ist Schmerz. Du siehest mit verschloßnen Augen, und mit offnen bist du blind. Du bist nur selten Du selbst; unter tausend Gestalten quälst oder beglückest du das Herz, in welchem du wohnest; du bist Hoffnung und Verzweiflung; du bist Honig und Wermuth, Ruhe und Unruhe, Leben und Tod; du bist das alles auf einmal, und vereinigest das alles, sobald du willst, in einem Blick, in einem Seufzer, oder in einer Thräne.

Sechstes Kapitel.
Moriz wird Jäger.

Alle die gewaltsamen Empfindungen, die von dem Augenblick an, wo ich Malchen in eines Andern Armen gesehen hatte, in meiner Seele stürmten, bekamen jetzt neue Nahrung, und durchliefen, wie damals, alle die Grade von Eifersucht, Wuth, Unwillen und Schmerz, bis sie endlich, wie damals und durch eben dieselben Gegengründe verdrängt, in den festen Entschluß zusammen flossen: die Treulose nie wieder zu sehen, und deßhalb nie in jene Gegenden zurückzukehren.

Ich sprang auf mein Pferd und ritt weiter, aber doch langsamer als ich seit zwey Tagen zu reiten gewohnt war.

»Reiten wir Einen Weg?« hörte ich eine Stimme hinter mir.

Ich sah mich um, und erblickte einen Herrn auf einem stolzen Engländer. Ihm folgte ein Reitknecht zu Pferde, dem zwey Büchsen über der Schulter hingen.

Vielleicht! erwiederte ich: Ich reite nach B*.

»Der Herr ist schon d'rin!« sagte er lächelnd. Ich muß über und über roth geworden seyn.

»Der Herr ist ein Jäger?«

Ja, sagte ich in aller Eil, um seinen Fragen auszuweichen.

»Und sucht Dienste?« fuhr er fort.

Ja! sagte ich noch einmal eben so eilig, und der Gedanke, mich für einen Jäger auszugeben, gefiel mir. Mein grüner Oberrock hatte ihn wohl zunächst auf diese Frage gebracht.

»Aber wie kömmt der Herr hieher?«

Ich weiß nicht genau, was ich ihm in der ersten Angst erzählte, aber das weiß ich, daß kein Zug aus meiner wahren Geschichte darin war. Ich machte mich zu einem Land-Jägers Sohn aus dem P*. Ich wäre ausgetreten, sagte ich, um der Muskete zu entgehen, womit man mir gedrohet habe. Da meine Flucht heimlich geschehen, hätte ich mich weder mit Pässen noch mit Attestaten zu meinem künftigen Fortkommen versehen können, also würde mir doch wohl am Ende nichts übrig bleiben, als die Muskete.

Die Angst ist eine vortrefliche Lügnerin. Zu jeder andern Zeit hätte ich stundenlang auf einen solchen Roman sinnen können, und doch wohl nicht soviel Wahrscheinlichkeit hineingebracht. Mir ward es ganz leicht ums Herz, als ich ihn glücklich verwickelt und entwickelt hatte.

Der Herr nahm mich einigemal scharf aufs Korn. Mein Gesicht und überhaupt mein ganzes Aeussere schien ihm zu gefallen. Er ritt eine Weile stillschweigend neben mir und sagte endlich: Mein Sohn, es wäre schade um dich, wenn du wider Willen Soldat werden solltest. Willst du bey mir als Jäger bleiben?

»Aber ich bin erst zwey Jahre bey der Jägerey gewesen!« sagte ich mit derjenigen bewundernswürdigen Geistesgegenwart, die ich nun schon seit fünf Minuten an mir gewohnt war.

Daran liegt nichts, erwiederte er, mein alter Tobias wird dir alles sagen und zeigen, was du noch nicht weißt. Versprichst du treu und fleißig zu seyn?

Ja, sagte ich und reichte ihm meine Hand. Er lächelte, und ich fühlte mein Gesicht glühen, darüber, daß ich meine Rolle vergessen hatte. Ich, ein angenommener Jäger, reiche meinem Gebieter die Hand! Ich glühete noch stärker, als er zu mir sagte: Nun, so reite hinter mir, und glühete am allerstärksten, als mich der Reitknecht, mit dem Titel: Herr Kamerad, beehrte, und mir die Hand reichte.

Ein Glück für mich, daß mein Herr in diesen Augenblicken weiter keine Fragen, meine Geschichte betreffend, an mich that, ich würde sonst alles schlecht gemacht haben, was ich vorhin gut gemacht hatte. In weniger als einer Stunde kamen wir auf dem Schlosse des Grafen an. Daß er ein Graf sey, sagte mir mein – Kamerad.

Siebentes Kapitel.
Morizens Lage.

Ich war einsam, in mir selbst verschlossen und stumm. Der Graf fragte mich täglich, ob ich von Natur so wäre, und ich bejahete es. Die übrige männliche und weibliche Dienerschaft sah mich mit großen Augen an und steckte den Kopf über mich zusammen. Alle ihre Blicke waren unaufhörlich beschäftigt, um den Wunderjäger zu ergründen, der bey höchstens achtzehn Jahren nicht spielte, nicht trank, fast gar nicht sprach, sich weder auf dem Schlosse noch in dem nahgelegenen Dorfe ein Mädchen suchte; von dem der alte Tobias (des gnädigen Herrn rechte Hand) sagte: er sey ein braver Pursch; den der Graf immer als Muster der Treue und des Fleißes den Uebrigen vorstellte; an dem die gnädige Frau eine feine Haut und edle Miene bemerkt haben wollte; von dem die Gouvernante gesagt hatte, er schiene sogar »monde« zu besitzen; von dem endlich die Vertraute der gnädigen Frau, ihre Kammerjungfer, die noch keine Mannsperson hatte leiden können, sich nicht undeutlich verlauten ließ, daß er ihr nicht übel gefiele, und daß sie, wenn sie sich je entschließen könnte, zu heyrathen, allenfalls seine Frau zu heißen sich nicht schämen würde.

Dieses gab mir eine Ueberlegenheit im Hause, die mir bey meinem Hange zur Einsamkeit lästig ward. Alles drängte sich zu mir, um mich zu unterhalten, und mich, wie man sagte, aufzuheitern; alles fragte mich bey seinen kleinen Angelegenheiten um Rath; die Gouvernante selbst ließ sich herab, mit mir Französisch zu sprechen, als ich es bey einer gewissen Gelegenheit verrathen hatte, daß ich diese Sprache verstände; und die Kammerjungfer sogar, wirbelte sich, wenn sie ein neues Kleidungsstück angezogen hatte, so lange vor meinen Augen herum, bis sie geradezu oder durch Umschweife von mir herausgebracht hatte, daß sie gut und mit Geschmack gewählt habe. Alle diese Erscheinungen stiegen dem alten Jäger Tobias, der ein großer Denker war, zu Kopfe, und er pflegte immer zu mir zu sagen: Wilhelm, wenn du nicht ein Jägerssohn bist, so mußt du wenigstens ein Fürstenkind seyn.

Ich lächelte zu solchen Aeußerungen und schwieg.

Achtes Kapitel.
Der Graf und sein Haus.

Der Graf war ein Mann von ungefähr funfzig Jahren: ein wilder Jäger, was er aus einem wilden Soldaten geworden war; hitzig, aber immer bereit, was er in der Hitze gethan hatte, wieder gut zu machen; ohne modische Bildung und Lektüre, aber reich an praktischen Regeln des Lebens, wie er sie für die individuelle Lage seiner physischen und moralischen Umstände brauchte; rechthaberisch bis zur Unziemlichkeit in Sachen, die er zu verstehen sich einbildete, und fast auf eine kindische Art gelehrig, wenn man ihm etwas vortrug, daß er noch nicht wußte, und was er brauchen zu können glaubte; im eigentlichsten Verstande Herr in seinem Hause, und bis zur unleidlichsten Hartnäckigkeit eigensinnig in dem System der häuslichen Angelegenheiten. Seine Gemahlin hatte er geheyrathet, um den Familienstamm aufrecht zu halten, und weiter bekümmerte er sich nicht um ihre Beschäftigungen und ihren Zeitvertreib.

Die Gräfin war noch sehr jung, und, als ich in das Haus kam, erst zwey Monate mit dem Grafen verheyrathet. Dieses ungleiche Alter, noch mehr aber die Art des Grafen, mußten nothwendig eine seltsame Gattung von Ehe hervorbringen. Er schwärmte ganze Tage auf Feldern und in Wäldern umher; sie saß ganze Tage in ihrem Zimmer, und vertrieb sich die Zeit, so gut sie konnte, mit weiblichen Arbeiten, mit Büchern, und mit zwey Fräulein aus der Verwandschaft des Grafen. Zuweilen, aber doch nur höchstens einmal die Woche, hatte sie Besuche von Frauenzimmern, die sich aber immer entfernten, so bald der Graf in seine Mauern einzog. Selten machte sie Gegenbesuche, weil es der Graf nicht gerne sah, daß sie abwesend war. »Aber wie kann solch eine junge Dame das einförmige Leben aushalten?« fragte ich einmal den alten Tobias – – »Das macht,« erwiederte er, »weil sie der Herr aus einer Pension zu L* geradezu weggeheyrathet und sie zur Gräfin gemacht hat, weil er ihr giebt, was sie wünscht, weil er kein anderes Frauenzimmer ansieht, und weil er regelmäßig alle Abende mit ihr zu Bette geht.«

Der alte Tobias war, wie man sieht, ein alter Schalk.

Die beyden erwähnten Fräulein waren noch jung, und standen unter dem Scepter einer Gouvernante, die in ihren besten Jahren war, und wiederum von einem Piaristen geleitet und geführt wurde. Dieser unterrichtete die beyden Fräulein im Christenthum und die Gouvernante in der deutschen Sprache. Der alte Tobias nahm vor dem Mönch den Hut nicht ab, und räusperte sich immer, wenn er die Gouvernante sahe. Ich fragte ihn nach der Ursach dieses Betragens, und er gab mir zu verstehen, daß er einmal in der großen Laube dazu gekommen wäre, als der Pater der Gouvernante – keine Kollegia über die deutsche Sprache gelesen hätte. Es wäre gerade in der Brunstzeit gewesen – setzte er in aller Unschuld hinzu.

Er wüßte wohl noch mehr von diesen beyden Leuten, fuhr er fort, aber er wartete nur auf eine Gelegenheit, wo er ihnen noch näher auf die Fährte kommen könnte. Sodann sollte der Herr alles erfahren.

Uebrigens zerfiel das ganze gräfliche Haus in zwey Hauptparteyen. An der Spitze der einen stand der Graf mit der ganzen männlichen, und an der Spitze der andern, die Gräfin mit der ganzen weiblichen Dienerschaft. Der Mönch wußte es mit beyden sehr geschickt zu halten.

Neuntes Kapitel.
Rückfälle.

Als ich ungefähr vierzehn Tage in dem Hause des Grafen gewesen war, kam der Briefbote aus der nächsten Stadt mit einem Brief an die Gräfin. Da er meiner zuerst ansichtig ward, so überreicht' er ihn mir, daß ich ihn der Gräfin aushändigen sollte.

Ich blickte von ungefähr auf die Adresse – und o! wie ward mir! Ich glaubte Malchens Hand in derselben zu erkennen. Wie ein Wirbelwind plötzlich einen stillen See empört, und seine Gewässer zu hohen schäumenden Wellen aufregt – so drang diese Vorstellung in mein Herz, das ich seit einigen Tagen, vielleicht aus bloßer Eigenliebe, für ganz beruhigt gehalten. Der Funke, der tief im Innersten versteckt gelegen hatte, schlug in helle Flammen auf.

Ich zitterte, und ließ den Brief dreymal fallen, und hob ihn eben so oft wieder auf. Ich las die Aufschrift, und las sie immer wieder, zergliederte jeden Strich, jeden Buchstaben, jeden Federzug, und zermarterte meine Augen so lange, bis der ganze Brief in eine schwärzlichgraue Masse zusammenfloß, die mich keinen Buchstaben mehr erkennen ließ.

Der Briefbote, der vermuthlich nicht ohne Befremdung mein seltsames Betragen angesehen haben mochte, brachte mich dadurch ein wenig zu mir selbst, daß er in mich drang, den Brief abzugeben, er habe nicht Zeit zu warten.

Ich erinnerte mich, daß ich die Gräfin vor einigen Minuten im Garten gesehen hatte. Wie ausser mir lief ich hinein, fand sie, überreichte ihr den Brief und sagte: Hier ist ein Brief von Ma–

Ich erschrack tödtlich, während ich noch im Begriff war, die andere Hälfte des Wortes Malchen auszusprechen.

Von wem? sagte die Gräfin. Sie sah mich zum Glück nicht an, sondern las die Aufschrift.

Von der nächsten Stadt! stammelte ich, und drehete mich eilig um. Als ich einige Schritte von ihr war, rief sie mich zurück. Ich stand zitternd von der Seite.

»Wilhelm,« sagte sie: »ich muß Sie schon sonst irgendwo gesehn haben, eh' Sie in unser Haus gekommen sind.«

Mir lief es kalt über den Rücken.

»Ich wüßte nicht wo!« stotterte ich, und wollte fort.

Etwa in L*? sagte sie.

»Nein, nein,« rief ich, »nein, nein!« und lief beynah im Sprunge davon, indem ich die Bewegung mit der linken Hand machte, die man zu machen pflegt, wenn man etwas verneint, das man bejahen sollte. Ich glaubte ihr dadurch recht geschickt bewiesen zu haben, daß ich nie in L* gewesen wäre.

Alles vereinigte sich, um mich in die tödtlichste Unruhe zu setzen. Zwey volle Stunden hatte ich zu kämpfen, eh' ich mich bereden konnte, meine Phantasie habe mir mit der Adresse einen Streich gespielt, und die Gräfin müsse irgend einen andern für mich angesehn haben. Aber, daß sie mich gerade in L* gesehn haben wollte! Diesen Einwurf widerlegte ich damit, daß ich mich nicht erinnerte, sie in L* gesehn zu haben. Man bewundere die unumstößliche Beweiskraft dieses Arguments. Daß der Brief nicht von Malchen gewesen, bewies ich mir damit, daß ich ihr Wappen sogleich müßte gekannt haben. Ich hatte es längst vergessen, daß ich während der Hitze und Anstrengung, womit ich die Buchstaben der Aufschrift untersuchte, gar nicht daran gedacht, das Siegel zu untersuchen.

Am Abende dieses Tages saß ich mit dem alten Tobias auf dem Schloßhofe unter der Linde. Er sprach nicht viel, und ich noch weniger. Eh' ich mirs versah, stand das Kammermädchen der Gräfin vor uns, und suchte uns Rede anzugewinnen. Der alte Tobias duldete sie, weil sie ein kluges Mädchen war, weil sie ihm immer den grauen Bart krauete, und weil er sahe, daß ich mir ihr Geschwätz zuweilen hatte gefallen lassen. Sie brüstete sich nicht wenig, wenn sie bey mir saß, weil sie die einzige vom weiblichen Gesinde war, die ich nicht zurückschreckte. Alle ihre Gespräche liefen am Ende auf Liebe und Heyrathen hinaus, und zwar blos darum, weil sie sich, nach ihrem Geständniß, weder zum Lieben noch zum Heyrathen versucht fühlte.

Diesen Abend unterhielt sie mich über das Kapitel der Untreue und der Unerklärbarkeit der Männer, und führte ein Beyspiel davon an, welches das Maaß meiner Unruhe voll machte.

»Die Gräfin hätte heute einen Brief bekommen,« sagte sie: »von einer Freundin, mit welcher sie zu L* in Pension gewesen wäre.« –

Bey diesen Worten regten sich alle meine Haare auf der Scheitel.

»Die Gräfin hätte ihr zwar den Brief von Anfang bis zu Ende lesen lassen,« fuhr sie fort, »aber er wäre so lang gewesen, daß sie nicht alles hätte behalten können. Genug, ihre Freundin habe einen Herrn sehr lange und von ganzem Herzen geliebt, und habe geglaubt, auch von ihm geliebt zu seyn; aber ein paar Tage vorher, da die Hochzeit hätte vor sich gehen sollen, wär' er gekommen, habe sie unversehens überfallen, und ihre Schwester mit dem Degen gestochen, doch ohne ihr Schaden zu thun, wäre sodann davon geritten und niemand wisse, wohin!«

Ich bekam wieder Athem bey den Worten »ihre Schwester gestochen« denn ich wußte sehr genau, daß ich eine Mannsperson gestochen hatte; aber ruhig machte mich dieser Gedanke nicht, weil die übrigen Umstände gar zuviel Aehnliches mit meiner Geschichte hatten. Die Freundin der Gräfin war zu L* in Pension gewesen – das paßte auf Malchen – ihr Liebhaber hatte sie kurz vor der Hochzeit überfallen – das paßte auf mich – war davon geritten und niemand wüßte wohin – ich war auch davon geritten, und vermuthlich wußte niemand, wohin. Ich that noch hundert schüchterne Fragen nach dem Namen der Freundin, nach dem Orte, wo die Begebenheit vorgefallen, und wie der Liebhaber geheißen habe; aber sie wußte keine zu beantworten, und gestand endlich, vermuthlich weil sie sich vergaß, daß sie den Brief nicht selbst gelesen, sondern nur dazu gekommen wäre, als die Gräfin den Inhalt desselben der Gouvernante erzählt habe. Wenn mir aber daran gelegen wäre, so wollte sie die Gräfin befragen und ich sollte alles erfahren.

Was für Ursachen sich heute eine auf die andre häuften, um mich in die schrecklichste Unruhe zu versetzen! Bald war mir der erwähnte Brief so gewiß von Malchen, daß ich aufsprang, und noch diesen Abend davon wollte; bald dünkte es mich so unwahrscheinlich, daß ich laut über meine Aengstlichkeit lachte. So ward ich die ganze Nacht hindurch zwischen Ja und Nein hin und her geworfen, bis ich endlich, aber nicht eher, als da die Sonne aufging, mit festem Muth auf dem Nein beharrete. So lange es Nacht blieb, und ich nur mit den Augen der Phantasie sehen konnte, war es mir nicht möglich gewesen, mich von dem ängstlichen Ja loszuwinden.

Zehntes Kapitel.
Der Graf verreiset.

Es geschah, daß der Graf in Familienangelegenheiten nach W* ging. Die Gräfin hätte diese Reise, wie ich hörte, gerne mit ihm gethan, aber er fürchtete, daß sie ihm in W* auf mancherley Art zur Last fallen möchte. Besuche geben und nehmen, sich anziehen, sich zur Schau stellen, war seine Sache nicht; und das wäre unvermeidlich gewesen, wenn er seine junge Gemahlin der Familie hätte aufführen wollen. Er ließ sie also zurück. Mich hätte er gerne mitgenommen, wenn es möglich gewesen wäre, den eisgrauen Schildknappen Tobias von seiner Seite zu entfernen.

Um mit Glanz in W* zu erscheinen, nahm er alle männliche Bediente mit, und niemand blieb im Hause, als die Gräfin, ihre Kammerjungfer, die Gouvernante, die beyden Fräulein und ich. Der Piarist blieb jetzt halbe Tage hindurch auf dem Schlosse, um, wie er sagte, den Frauenzimmern die Zeit zu vertreiben; und er war auch wirklich sehr wohl bey ihnen gelitten, denn er konnte – krähen wie ein Hahn, bellen wie ein Hund, und miauen wie eine Katze.

Der alte Tobias sagte mir, als er mit dem Grafen abreiste, ich sollte ein wachsames Auge auf den Pfaffen und auf die Französin haben, er trauete beyden nur so weit als er sie sähe.

Sie selbst mochten es auch wohl wissen, daß sie an dem alten Tobias einen unbestechlichen Argus hatten. Beyde waren um so höflicher und gefälliger gegen ihn, je mehr sie sich vor ihm fürchteten. Sobald er also den Rücken gewandt hatte, glaubten sie freyes Feld zu haben. Sie gingen stundenlang im Garten spazieren, und waren immerfort in sehr geheimnißvollen und ernsthaften Gesprächen begriffen.

Drey Tage nach der Abreise des Grafen befand ich mich im Garten und verpflanzte unter der Aufsicht des Gärtners einige junge Bäume. Der Piarist erschien mit der Gouvernante und den beyden Fräulein, doch mußten letztere immer eine Strecke voraus gehen. Als sie nicht weit mehr von uns entfernt waren, zog der Piarist in der Hitze des Gesprächs das Schnupftuch heraus, und mit demselben etwas Glänzendes, das ich für einen Schlüssel hielt. Ich sprang hin und hob es auf, aber es war kein Schlüssel, sondern ein Dietrich. Ich lief ihm nach und reichte ihm das verdächtige Werkzeug. Die Gouvernante ward todtenblaß und sah den Pater an. »Er gehört nicht mir!« sagte er, und gab mir den Dietrich mit der gleichgültigsten Miene von der Welt zurück. »Ich hab' ihn aber mit dem Schnupftuche herausziehn sehen!« sagte ich. – »Sie sind nicht gescheut, Wilhelm!« sagte die Gouvernante mit zuckenden Lippen, und zog den Piaristen fort. Ich dachte sehr lebhaft an den alten Tobias, und steckte den Dietrich ein.

Eilftes Kapitel.
Moriz ist unruhig.

Während der Abwesenheit des Grafen suchte ich mich so gut zu beschäftigen und zu zerstreuen als ich konnte. Ich war zuweilen ganze Tage hindurch auf der Jagd; legte mich, wenn ich meine Pflicht als Jäger gethan hatte, auf die Oekonomie; fischte, und half unserm Gärtner bey seinen Arbeiten; las auch zuweilen französische Bücher, die mir die Gouvernante aus der kleinen Bibliothek der Gräfin verschaffte, nicht etwa verstohlnerweise, sondern mit der völligen Bewilligung der Gräfin, die oft gesagt hatte, mein Fleiß, mein Eifer, und meine stille Aufführung verdienten, daß man mich von dem übrigen Gesinde unterschiede; auch hätte ich so etwas in meinem Aeussern, wodurch es ihr unmöglich gemacht würde, mich, wie die übrigen Bedienten, mit Er oder Ihr anzureden.

Ueberhaupt schien die Gräfin nicht weniger als die Uebrigen neugierig zu seyn, was es wohl eigentlich für eine Bewandniß mit mir haben möchte. So oft sie mich sah, nahm sie mich scharf aufs Korn, und sagte entweder zu mir, oder zu jedem andern, der gerade bey ihr war: Es ist gewiß, daß ich den Jäger Wilhelm schon sonst irgendwo gesehen habe. Sie verließ mich dann jedesmal mit einer nachdenklichen Miene.

Man kann leicht glauben, daß ich bey solchen Aeußerungen nicht ruhig blieb. Mehr als einmal war ich fest entschlossen, die Dienste des Grafen zu verlassen. Aber heimlich wollt' ich es nicht, und öffentlich konnte ichs nicht, weil ich keinen Grund dazu anzugeben wußte.

O, ich hatte noch eine Ursache, warum ichs nicht that. Man wird sie errathen, und über mich lachen. Eben die Ursache, die mich in der einen Minute forttrieb, hielt mich in der andern. Ich zitterte, wenn mich die Gräfin so aufmerksam ansah, und glaubte doch, es müßte nicht wenig interessant seyn, von ihr erkannt zu werden. Ich suchte mich auf die schicklichste Art zu entfernen, wenn sie in den Garten kam, und mir und dem Gärtner zusah; und brannte vor Begierde, im Garten zu seyn, wenn ich wußte, daß sie darin war. Ich erschrak vor dem Gedanken, sie möchte mit Malchen in Briefwechsel stehen, und hätte dem feind werden können, der mich völlig überzeugt hätte, sie stände gewiß nicht mit ihr in Briefwechsel. Ich Thor, ich unbegreiflicher Thor! – Aber, werfe den ersten Stein auf mich, wer da will. Vor dem, der geliebt hat, und dem, der das menschliche Herz kennt, bin ich sehr sicher!

Zwölftes Kapitel.
Hülfe! Hülfe! Hülfe!

Am Abend des zehnten Tages nach der Abreise des Grafen, ließ mich meine Phantasie, die durch ein neues Examen von Seiten der Gräfin aufgeregt worden war, nicht einschlafen. Es war ein unfreundliches Wetter draussen. Sturm, Regen und Schlossen brausten und rasselten auf Dächern und an den Fenstern. Der Wetterhahn auf dem Schloßthurm schwirrte, und die Hunde heulten in ihren Zwingern. Ich verhüllte mich fest in meine Küssen, und wartete ängstlich auf den Schlaf, aber meine Einbildungskraft, die sich mit dem Brausen des Windes vereinigte, entfernte ihn immer weiter und weiter von mir.

Voll Ungeduld richtete ich mich endlich im Bette auf. Im Nu kam es mir vor, als ob ein Lichtstrahl plötzlich in meine Kammer fiele, und eben so plötzlich wieder verschwände. Meine Kammer war unten im Hause, gerade der Treppe gegenüber, die in den ersten Stock zur Wohnung der Herrschaft führte. Hinter mir war die Thüre, durch die man auf einigen Stufen in den Garten hinab kommen konnte. Diese Thür mußte offen seyn, denn ich glaubte deutlich zu hören, wie sie vom Winde hin und her geworfen wurde, und doch wußte ich sehr genau, daß ich sie, eh' ich mich niederlegte, fest zugemacht hatte.

Ich stand auf, um sie zuzumachen. Während ich meinen Oberrock umwarf, fiel abermals ein Lichtstrahl durch das Fenster, welches in meiner Kammerthür angebracht war. Ich sah hindurch und sah nichts. Voll Befremden darüber, doch ohne mir etwas Besonderes dabey zu denken, suche ich nach dem Drücker, finde ihn, drücke und drücke – meine Thüre war und blieb fest zu. Ich erinnerte mich zwar nicht, sie abgeschlossen zu haben, nahm aber doch den Schlüssel um aufzuschließen. – Meine Thür war nicht zugeschlossen gewesen, ging aber auch nicht auf.

Indem ich mich noch zermarterte, um sie zu öffnen, hörte ich auf einmal ein durchdringendes Jesus Maria! – Weinend vor Ungeduld, lehnte ich mich mit meiner ganzen vereinigten Kraft gegen die Thür, und krach! sprang sie aus den Angeln und stürzte mit großem Geräusch auf den Boden, der mit Steinen gepflastert war. Ich stürmte die Treppe hinan, und hörte die Stimme des Kammermädchens, die Hülfe! Hülfe! Hülfe! schrie. Ich eilte in das Zimmer der Gräfin, welches weit offen stand, und sah Lichtstrahlen aus ihrem Schlafzimmer in dieses größere fallen. Ein dumpfes Stöhnen kam mir aus jenem entgegen.

Ich sprang hinein, und erblickte eine Weibsperson, die sich über das Bette der Gräfin geworfen hatte und mit beyden Händen beschäftigt war, sie unter Küssen zu begraben; eine Mannsperson, die vor einem geöffneten Seitenschranke stand und mit beyden Händen im Gelde wühlte; auf dem Seitentisch eine kleine brennende Diebslaterne.

Ich ergriff die Weibsperson, um sie wegzuschleudern, sie schrie, und in dem Augenblick fühlte ich einen Stich durch die rechte Seite. Meine Arme erschlafften, und ich sank ohne Bewußtseyn zu Boden.

Moriz.
Sechstes Buch.

Erstes Kapitel.
Neue Wunden.

Als ich zu mir selbst kam, sah ich mich noch im Schlafzimmer der Gräfin auf einem Kanape, das ihrem Bette gegenüber stand. Mir zur Seiten erblickte ich die beyden jungen Fräulein, welche Todesangst auf dem Gesichte trugen. Die eine hatte ein Wachslicht in der Hand, die andre ein Glas voll Wasser, womit sie mir das Gesicht besprengte. – »Er lebt noch!« rief die letztre, als ich die Augen öffnete. Die Gräfin richtete sich im Bette auf.

Guter Wilhelm! rief sie mit schwacher Stimme, und streckte die rechte Hand nach mir aus. – Ich wollte aufspringen, um sie zu ergreifen, und sank kraftlos zurück.

Ihr schönes Auge, welches fest an mir haftete, schwamm in Thränen. »O, kommen sie noch nicht?« rief sie, voll Angst und Ungeduld, als sie einen Blick auf das Blut warf, womit das Kanape über und über bedeckt war. – »Geh, lauf,« fuhr sie zum ältesten Fräulein fort: »sieh, ob sie kommen!«

Das Fräulein sah sie mit der allerhöchsten Angst im Blicke an, und wagte es nicht, den Fuß aus dem Zimmer zu setzen. »So geht beyde!« fuhr die Gräfin fort. Sie schlossen sich fest an einander, und gingen langsam in das Vorzimmer. Die eine zog Muth aus der Furchtsamkeit der andern. Sie nahmen das Licht mit, und das Schlafzimmer wurde nur noch von dem matten Schein der Nachtlampe, die nahe bey dem Bette der Gräfin stand, dürftig erleuchtet.

Immer noch war ihr Auge mit dem Ausdrucke des innigsten Mitleids auf mich gerichtet. Ihr Haupt hatte sie auf die linke Hand gestemmt, und die rechte, in welcher sie ein Schnupftuch hielt, ruhte auf dem Deckbette. Ihr blondes Haar floß in reizender Unordnung über Schultern und Brust herab, und überwebte gleichsam stellenweise den Umriß des vollen Busens, der, durch Schrecken, Todesfurcht und Nothwehr aus seinen Schranken gedrängt, langsam stieg und sank.

Verloren in dem Anschauen der Schönheit, die sich hier meinem Blicke so überraschend entschleyerte, fühlte ich keinen Schmerz, wußte ich von keiner Wunde, von keiner Entkräftung mehr. Meine ganze Seele lebte in meinem Auge, und in dem ihrigen flimmerten die hellen Perlen, in welche sich das Mitleid auflöst, wenn die Zunge dem gerührten Herzen nicht folgen kann. Immerfort begegneten sich unsre Blicke, und immerfort sanken sie zu Boden, als wenn wir wechselsweise vor einander erschräken.

»O, wenn sie mir doch noch einmal die Hand reichte!« Dieser Wunsch ward nach einigen Augenblicken der herrschende in meiner Seele. Ich hütete alle ihre Bewegungen, und als sie einmal die rechte Hand aufhob, glaubte ich ihn erfüllt, sprang auf und that einen raschen Schritt nach dem Bette. Sie fuhr erschrocken zusammen, zog den Arm unter die Decke, und hüllte sich völlig ein. Ich taumelte nach dem Kanape zurück, warf den Blick seitwärts, und – dachte an meine Wunde, und fühlte meinen Schmerz und meine Entkräftung von neuem.

Die beyden Fräulein kamen zurück und brachten die Nachricht, daß sie eine Laterne von weitem gesehen hätten: es würde wohl der Gärtner mit der Jungfer und dem Chirurgus seyn. »Dem Himmel sey gedankt!« rief die Gräfin freudig: »Nun, wird sich der arme Wilhelm nicht verbluten!«

Mein ganzes Herz bewegte sich bey diesen Worten. Für jedes hätte ich willig einen neuen Stich erdulden wollen. Ich bestrebte mich, ihr zu sagen, wie sehr mich ihre Theilnehmung rührte, aber die Zunge versagte mir ihren Dienst; ich sprach mit Blicken, und sie schien mich zu verstehen.

Bald nachher kamen der Gärtner, der Chirurgus und das Kammermädchen. Man führte mich in meine Kammer, untersuchte meine Wunde und verband sie. Der Chirurgus fand sie nicht gefährlich und nannte sie eine Kleinigkeit, was nicht alle Wundärzte in ähnlichen Fällen zu thun pflegen.

Zweytes Kapitel.
Moriz in letzten Zügen.

Ich wollte den Gärtner, dem es von der Gräfin ausdrücklich aufgetragen war, bey mir zu wachen, mehr als einmal fortschicken, aber er ging nicht. Wie lästig war mir seine Sorgfalt und Theilnehmung! Ich fühlte ja keinen Schmerz, ich wußte ja von keiner Wunde, mir war so leicht und wohl, wie mir nie gewesen war! – O, ich hatte aus den Augen der Gräfin eine Stärkung gesogen, welche die feinsten meiner Fibern innig durchdrang, und wie der Balsam der Unsterblichkeit, mein ganzes Wesen zu einem neuen Leben stärkte und auffrischte.

Immer noch saß ich ihrem Bette gegenüber auf dem Kanape; immer noch lispelte ihre melodische Stimme: Armer Wilhelm! vor meinem Ohre; immer noch sah ich die runde Hand, auf die sich ihr Haupt, wie auf eine Säule von Elfenbein gesenkt hatte; immer noch die sanften Wogen des blühenden Busens, der, hie und da vom seidenen Haar überflossen, bey der schwachen Dämmerung des Nachtlichts, den Schneehügeln Nordens sich verglich, um deren Häupter feine, monderhellte Silberwölkchen leise weben und schimmern.

Und wenn mir auch Malchen getreu geblieben wäre, so hätte ich doch in diesen Augenblicken nicht an sie gedacht.

Je tiefer ich mich in meine Küssen verhüllte, desto lebhafter wurden jene Bilder, desto fruchtbarer ward meine Phantasie (denn mein Verstand feyerte) an abentheuerlichen Entwürfen, wodurch ich mir das Glück verschaffen wollte, der Gräfin – noch einmal so gegenüber zu sitzen. Es ist sonderbar, aber sehr natürlich, daß die kühnsten meiner Wünsche gerade nur auf diesen Umstand sich einschränkten, der ihnen die Entstehung gegeben hatte.

Am andern Morgen erschien die Kammerjungfer der Gräfin, und erkundigte sich im Namen ihrer Gebieterin nach meinem Befinden. Ich stellte mich Wunder wie stark, und sagte mit einer Stimme, die nichts weniger als einen kränklichen Ton hatte: mir ist wohl, mir fehlt nichts, ich werde sogleich aufstehen! Ich zitterte bey dem Gedanken, daß sie an meinem Wohlbefinden zweifeln möchte.

»Aber die Gräfin ist herzlich krank,« sagte sie, »und wird wohl unter drey Tagen das Bette nicht verlassen dürfen!«

Drey Tage? Drey Tage? rief ich erschrocken, denn ich hatte Rechnung darauf gemacht, sie heute noch zu sehen; und deßhalb befand ich mich vorhin so wohl, deßhalb fehlte mir nichts, und deßhalb wollte ich sogleich aufstehen! Jetzt glaubte ich mich weit übler zu befinden, als zwey volle Minuten vorher, und ich sagte zu der Kammerjungfer, daß es auch bey mir leicht drey Tage dauern könnte, eh' ich meine Kräfte wieder erlangte.

»Und die Gräfin glaubt,« unterbrach sie mich mit nassen Augen: »daß Sie in drey Tagen nicht mehr leben werden.«

Was? rief ich, indem ich mich schnell im Bette aufrichtete – Was? – Nicht mehr leben? Bin ich nicht frisch und gesund?

Ich wollte aus dem Bette springen, aber der Gärtner hielt mich zurück.

»Ach,« fuhr sie fort, »wenn die Kranken nicht wissen, wie krank sie sind, so ist es ein Zeichen, daß sie in den letzten Zügen liegen!«

Sie weinte und schluchzte ganz erbärmlich, und ich – ich hätte verzweifeln mögen über ihre Albernheit!

In dem Augenblicke trat der Wundarzt herein. Er untersuchte meinen Puls, prophezeiete, daß ein Wundfieber unterwegs sey, und rieth mir, mich aller Gemüthsbewegungen zu enthalten. Darauf ging er mit der Kammerjungfer zur Gräfin. Ich flüsterte ihm ins Ohr: er sollte der Gräfin sagen, ich wäre gesund wie ein Fisch, und bat ihn zugleich noch heimlicher und leiser, mir Nachricht zu bringen, was sie dazu gesagt hätte.

Drittes Kapitel.
Er sieht sie.

Mit dem dritten Tage fand ich mich völlig gesund. Der Arzt mochte sagen, was er wollte, ich blieb nicht im Bette. Das Wetter ward gegen Mittag so schön, daß er mir erlauben mußte, einen Spatziergang im Garten zu machen. Es hieß, die Gräfin werde heute auch das erstemal wieder ihr Zimmer verlassen, und in den Garten kommen. In eben dem Augenblicke, wo ich diese Nachricht erhielt, griff mir der Arzt von ungefähr an den Puls, und versicherte, mein Blut wäre sehr in Wallung. Ich fühlte es wohl, versicherte ihm aber das Gegentheil.

Ich ging mit ihm in den Garten, und in weniger als zehn Minuten sahen wir die Gräfin mit der Kammerjungfer die große Allee herabkommen, uns entgegen. »Es schickt sich wohl nicht,« sagte mein ängstlicher Führer: »daß wir in eben der Allee spatzieren gehen, wo die gnädige Herrschaft geht, wir wollen umkehren.«

Er wälzte mir durch diesen Vorschlag einen Stein vom Herzen. Mir war gerade so zu Muthe, als damals, wo ich auf meinem großen Ritterzuge nach L** Malchen mit verschlossenen Augen am Fenster zu sehen glaubte. Wir kehrten um, gingen aber sehr langsam, woran jedoch mein Begleiter nicht schuld war.

In wenig Augenblicken hörte ich die Stimme der Gräfin nahe hinter mir. Sie sprach stärker, als gewöhnlich – »Vermuthlich,« dachte ich bey mir selbst: »damit ichs hören soll!« – Aber ich hatte nicht den Muth, mich umzusehen.

»Warum laufen Sie vor mir, mein lieber Doktor?« rief sie meinem Begleiter zu, und es that mir weh, daß sie nicht mir zurief.

Wir standen still, und sie trat näher.

»Was macht Ihr Patient?«

Er antwortete, ich schwieg unzufrieden.

»Wird ihm die Bewegung nicht schaden?«

Ich hoffe nicht! sagte er.

Auch nicht eines Blickes würdigt sie mich! sagte ich bey mir selbst, und meine Unzufriedenheit stieg –

»Sehn Ihr' Gnaden wohl, wie blaß der arme Wilhelm aussieht?« sagte die Kammerjungfer.

Ich glühete über und über bey dieser Bemerkung, und die Gräfin, die mich nur mit einem halben Blicke von der Seite ansah, glühete wo möglich noch stärker.

»Ja,« sagte sie, »recht blaß, recht sehr blaß!« Sie drehete sich um, und that, als ob ihr ein Staubkörnchen ins Auge gefahren wäre.

»Hast du es ihm schon erzählt?« fuhr sie nach einer Pause zur Kammerjungfer fort.

Ich? sagte diese: Nein! Ihr' Gnaden wollten es ihm ja selbst erzählen.

Die Gräfin ward von neuem roth, wandte das Gesicht weg, und sagte stammelnd: es kann ein andermal geschehen! Ich habe jetzt – er wird jetzt – er darf wohl nicht lange in der freyen Luft seyn, Herr Doktor?

»So lange die gnädige Gräfin befehlen« – rief ich eilig, weil ich glaubte, der Arzt würde mir mit einem bedenklichen Achselzucken zuvorkommen. Ich war nicht wenig mit mir zufrieden, daß ich diese Worte glücklich herausgebracht hatte.

»Also kurz,« nahm die Gräfin das Wort: »man hat die Gouvernante und den Pater Benedikt auf der Gränze ertappt, und beyde nach P** geliefert. Ich erwarte in einigen Tagen nähere Nachricht. Gewiß ist es, daß sie ihrer Strafe nun nicht entgehen werden. – Aber,« fuhr sie mit weggewandtem Gesichte fort: »dadurch werden die Schmerzen des armen Wilhelms nicht gelindert!«

»Ich habe keine Schmerzen!« rief ich mit aufwallender Freude.

»Weinen möchte ich über solche Großmuth!« sagte sie zur Kammerjungfer, und legte die rechte Hand vor die Augen: »Gute Besserung, mein lieber Wilhelm,« rief sie nach einer Pause, indem sie den linken Fuß fortsetzte, und mit der rechten Hand auf mich winkte.

Ich sprang wie ausser mir hin, und ergriff diese Hand, und legte sie an mein Herz, und drückte sie, und küßte sie, und – o, ich weiß nicht mehr, was ich in diesen Augenblicken alles that!

Auf ihren Wangen brannte Bestürzung und holde Schaam. Sie riß sich mit Mühe von mir los, und verschwand in eine Seitenallee. Ich sah ihr mit starren Blicken nach, und als ich sie aus den Augen verloren hatte, sagte ich zu meinem Begleiter, der mich seinerseits auch starr ansah: mir ist nicht wohl! – Das glaub' ich gern! erwiederte er, und führte mich aus dem Garten.

Viertes Kapitel.
Mißverständnisse.

Die Gräfin ließ sich fast stündlich nach meinem Befinden erkundigen, und das Kammermädchen versicherte mir, daß sie trostlos sey, wenn sie an die Schmerzen dächte, die ich ihrentwegen erdulden müßte; daß sie ihren ganzen Verstand beschäftigte, um eine Belohnung zu ersinnen, die dem Dienst entspräche, den ich ihr geleistet; daß ich selbst verlangen möchte, was ich nur wollte, so sollt' ich es haben, und wär' es ihr auch das liebste und theuerste auf der Welt: dieses ließ sie mir durch ihre Vertraute versichern, und wenn ich sie denn selbst sah, und eben dies von ihr selbst wiederholt zu hören vermuthete: so war eine kalte Frage nach meinem Befinden, die sie noch dazu nur immer mit weggewandtem Gesichte an mich that, das einzige, was sie meinem dürstenden Herzen darzubieten pflegte.

»Ich wüßte wohl, was ich mir von ihr zur Belohnung ausbitten wollte,« sagte das Kammermädchen bey einer Gelegenheit zu mir –

Ich verlange nichts! sagte ich.

»Einen Kuß, mein lieber Wilhelm, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!« – Sie sah mich dabey mit einem bedeutenden Lächeln an, welches mir mein ganzes Blut ins Gesicht trieb. – »Errathen?« fuhr sie fort, indem sie zur Thür hinaus ging: »Sie bekommen ihn gewiß, wenn Sie ihn verlangen!«

Ich muß ein höchst albernes Gesicht gemacht haben, denn es kam in diesen Augenblicken auf nichts Geringeres an, als die höchste Verlegenheit, die höchste Freude und die süßeste Hoffnung unter einer gleichgültigen Miene zu verbergen.

Was soll ich es läugnen! Meine Eigenliebe wollte, trotz dem kalten Betragen der Gräfin, irgend etwas in ihren Blicken gelesen haben, das nichts weniger als Kaltsinn wäre. Alle die kleinen Züge, Winke und Bewegungen; das ganze Spiel ihrer Augen, ihrer Lippen und selbst ihrer Finger; den Ton ihrer Stimme, bis auf den unmerklichsten Accent, den sie auf das kleinste ihrer Worte legte – musterte und erklärte mir diese Zauberin, die das ganze menschliche Geschlecht mit sichtbaren oder unsichtbaren Fäden umspinnt, und es tanzen läßt, wie der Puppenspieler seine Puppen.

Ich glaubte also im Grunde meines Herzens, daß mir die Gräfin durch jene Aeußerung ihrer Vertrauten einen Wink hätte geben wollen, in Zukunft nicht mehr so übertrieben scheu und furchtsam zu seyn; aber ich hatte doch nicht Muth genug, diese Ueberzeugung durch mein Betragen kundbar werden zu lassen. Indessen war ich fest entschlossen, bey der ersten Gelegenheit, wo die Gräfin von Belohnung sprechen würde, Herz zu fassen, und statt alles übrigen, einen Kuß von ihr zu verlangen. Wie selig mich dieser Vorsatz machte, den ich im Geiste schon ausgeführt sah, kann man sich ohne Mühe denken.

Gegen Abend bat mich die Kammerjungfer, ein wenig mit ihr auf ihr Zimmer zu kommen. Ich that es gern und willig, ob ich gleich sonst alle Einladungen dieser Art mit Hartnäckigkeit von mir gewiesen hatte. Aber was für eine Aussicht öffnete sich mir, wenn ich es diesmal ihr nicht abschlug! Das Zimmer der Gräfin stieß an das ihrige – wie leicht konnte sie ihr nicht irgend einen Auftrag zu machen haben – sie mußte mich sehen, und gewiß mit mir sprechen – ich hätte dann Gelegenheit, das von ihr zu fodern, was sie mir durch ihre Vertraute hatte – anbieten lassen – und vielleicht geschah diese Einladung wiederum auf ihr ausdrückliches Verlangen.

Diese Gedanken jagten mich gleichsam zu dem Zimmer der Kammerjungfer. Es mußte der Bübin sehr leicht werden, diese ungewöhnliche Bereitwilligkeit auszudeuten.

Kaum fünf Minuten vorbey, so ging die Thür auf, und in derselben stand die Gräfin. Ich sprang auf.

»Laßt euch nicht stören, Kinder!« sagte sie mit einer überaus gnädigen Miene: »Ihr seyd überdies so still, daß man euch kaum hört! – Wilhelmen ist heute wieder wohl?« fuhr sie zu mir fort.

Recht wohl! erwiederte ich, und in diesen Augenblicken fühlte ich mich auch wirklich recht wohl.

»O, es ist ihm ja nie weh gewesen!« schnatterte die Kammerjungfer dazwischen. Die Gräfin schien flüchtig zu erröthen, aber ich brannte über und über.

»Er verlangt auch nicht einmal ein kleines Schmerzengeld!« fuhr sie fort.

Ich war wie mit heissem Wasser begossen, und zitterte an Händen und Füßen.

»Ich habe ihm eins in Vorschlag gebracht,« fuhr sie fort und hustete auf eine schelmische Art, indem sie mich scharf ins Auge faßte und mich bey der Hand nahm –

»Soll ichs sagen, Wilhelm?«

Vorher dürstete ich nach einer Gelegenheit, der Gräfin mein Anliegen vorzutragen, und jetzt, als ich sie in Händen hatte, war ich halbtodt!

»Er will weiter nichts, als« – sie führte mich zur Gräfin, und deutete mit dem Zeigefinger der linken Hand auf ihre Lippen und auf die meinigen –

»O,« rief die Gräfin wie aufgebracht: »meine Einwilligung habt ihr! Wenn der Herr zurückkömmt, will ich es ihm vortragen. Wenn das alles ist, was Wilhelm verlangt, das soll ihm gewährt werden« –

Ich fuhr nach ihrer Hand, denn ich bildete mir ein, sie hätte die Pantomime der Kammerjungfer gerade so verstanden, wie ich –

»Ja, ja,« rief sie noch hitziger als vorher, und zog die Hand zurück: »ja, ja! Ihr sollt – Mann und Frau werden, auf mein Ehrenwort.« – Sie schlüpfte in ihr Zimmer, und ich wußte nicht, ob ich im Himmel oder auf Erden war. Die Kammerjungfer wollte sich halbtodt lachen.

»Mann und Frau!« rief ich, wie aus einem Traum erwachend: »Wir beyde Mann und Frau?«

Nicht anders, mein lieber Wilhelm! sagte sie lachend, und wollte mich bey der Hand nehmen. Ich schleuderte sie unsanft von mir.

»Ich bin nicht in Sie verliebt,« rief ich so laut, daß mich die Gräfin wohl hören konnte: »ich bin nicht in Sie verliebt! Ich mag Sie nicht heyrathen! Ich mag keine Frau! Das ist ein Mißverstand« –

Unter diesen Worten lief ich lärmend aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Aber kaum war ich unten, so fuhr mir der Irrthum der Gräfin von neuem wilder als vorher durch den Kopf; ich stürmte die Treppe hinan, rannte, schier ohne Bewußtseyn, durch das Zimmer der Kammerjungfer, machte das Zimmer der Gräfin weit auf, und rief hinein: Nein, gnädige Gräfin, ich bin nicht in Lisetten verliebt! schlug die Thür zu, und stürzte wie vorher die Treppe hinunter.

Wie bitter war ich getäuscht! Ich glaubte eines Kusses von ihren Rosenlippen schon so gewiß zu seyn, und statt desselben soll ich bekommen – eine Frau?

Fünftes Kapitel.
Welch eine Heldenthat!

Was wollte ich nicht alles thun, um der Gräfin zu beweisen, daß es mir nie eingefallen wäre, mich in ihr Kammermädchen zu verlieben, vielweniger sie von ihr zur Frau zu begehren. Halbverrückt machte mich dieses Mißverständniß. Aber ich bekam auch dadurch Muth, alles zu wagen. Meine Liebe und meine Ehre wirkten hier vereint, und diese ersteigen den Himmel, wenn sie wollen.

Am Abende dieses Tages, dem schönsten in der Natur, saß ich, trübsinnig und in Gedanken verloren, in dem kleinen Lustgehölze, das an den Garten stieß, unter Bäumen, deren Zweige, vom leisen Abendwinde bewegt, sanft über meinem Haupte zitterten. Vor mir wallte ein großer Teich, den der aufgehende Mond in fließendes Silber verwandelte, und neben mir rauschte ein kleiner Bach in gekräuselten Wellen dem Wasserbehälter zu. Bald sah ich mit starren Blicken in den spiegelhellen Teich, und beschäftigte mich mit den kleinen Wölkchen, die dem Monde vorüberschwebten; bald blickte ich in das Gewimmel der kleinen Krystallwellen, die sich rauschend in tausend Brillanten zerschlugen, über einander hüpften, von neuem sich sammleten, und von neuem auseinander rauschten.

Ich sah das alles, sah es aber nur. Eine süße Wehmuth bemächtigte sich meines Herzens, und meine Phantasie hing an dem Bilde der Gräfin, das sich mir immer noch in eben dem Lichte zeigte, worin es den ersten gewaltigen Eindruck auf mich gemacht hatte.

Was würde ich ihr nicht alles sagen, wenn ich sie jetzt sehen sollte! rief ich, und in dem Augenblick hörte ich ein kleines Geräusch hinter mir. Ich sah mich um, und vor mir stand – die Gräfin. Fort war mein Muth, meine schönen Phantasien mit ihm!

Sie setzte den Fuß erschrocken zurück. Mit Zittern erwartete ich ihr erstes Wort. Ihre Verwirrung schien der meinigen nichts nachzugeben.

Ist Lisette hier? sagte sie endlich mit zitternder Stimme.

Was sollte die hier? versetzte ich hastig.

Ich dachte! fuhr sie gleichgültig fort.

Jetzt Muth gefaßt, sagte ich bey mir selbst, oder nimmer.

»Die gnädige Gräfin glauben wohl immer noch, daß ich in Lisetten verliebt sey?«

Sie lächelte bey diesen Worten, die ich mit Mühe hervorbrachte.

»Nein,« sagte sie, »nach Ihrer heutigen lauten Erklärung glaub' ichs nicht mehr. Sie dachten gewiß, man wollte Sie zwingen. Sie waren außer sich!«

Kein Wunder, sagte ich, solch ein Mißverstand!

»Lisette hat mir aus dem Traum geholfen!« erwiederte sie. Sie wollte lachen, aber es schien ihr sauer zu werden. Auch kam es mir vor, als ob sie immer noch eben so sehr verlegen wäre, als ich selbst.

»Lisette hat alles gesagt?« rief ich, und trat näher, und ergriff sie, als sie den Fuß fortsetzen wollte, bey der Hand. Sie wandte ihr Gesicht sorgsam auf die Seite, gleichsam als ob ich schon im Begriff wäre, mir das bewußte Schmerzengeld von ihren Lippen auszahlen zu lassen. Dies sehen, sie umfassen, und ihr den feurigsten Kuß mit Heftigkeit auf die Wange drücken, war das Werk eines Augenblicks, während dessen ich drey Himmel vor mir aufgethan zu sehen glaubte.

Sie entriß sich, der schönsten Verwirrung voll, meinen Armen, und rief mir, indem sie sich eilig entfernte, die Worte zu: ein Glück für Sie, daß Sie mir das Leben gerettet haben!

Welch eine Heldenthat! Triumphirend ging ich in meine Kammer, aber ich schlief diese Nacht nicht weniger unruhig, als die vorhergehenden.

Sechstes Kapitel.
Der Graf kömmt zurück.

Ich konnte es nicht gewiß wissen, ob die Gräfin bey allen diesen Auftritten mit ihrer Vertrauten aus Einer Karte spielte oder nicht. Bey der vorletzten Scene, als die Gräfin mich so schmerzlich mißverstand, schien Lisette uns beyde zum Besten zu haben, aber die Begebenheit des vorigen Abends konnte ich nicht für bloßen Zufall halten: denn die Gräfin ging sonst, selbst bey hellem Tage, nicht allein im Garten spatzieren, noch weniger des Abends. Auch glaubt' ich aus gewissen kleinen geheimnißvollen Aeußerungen der Kammerjungfer schließen zu können, daß sie von meiner heldenmüthigen Unternehmung auf die Lippen der Gräfin etwas müsse gewußt haben. Auf jedem Fall benahmen sich beyde sehr meisterhaft: die Gräfin als eine Frau von Erziehung und Gefühl für Ehre und weibliche Würde; und ihre Vertraute, als ein Mädchen voll Schlauigkeit und Erfahrung, verbunden mit einer unumschränkten Ergebenheit für ihre Gebieterin.

Man glaube nicht, daß ich diese Bemerkung auf der Stelle habe machen können. Kopf und Herz standen mir ja damals in lichten Flammen.

Nach jedem Kampfe wuchs meine Liebe mächtiger heran. Ich suchte die Gräfin, und floh sie, wenn ich sie gefunden hatte; ich zitterte, wenn ich mit ihr sprechen sollte, und zitterte, wenn ich schweigen sollte. O, die Erfüllung des ersten Wunsches war die Mutter von Millionen andern geworden! Seit jenem Kuß brannte ein Feuer in meinen Adern, das meine ganze Lebenskraft aufzulösen und auszutrocknen drohete.

In diesem Zustande war ich, als der Graf zurückkam. Er trug mich fast auf den Händen, und bot mir Belohnungen an, deren Größe und Umfang mich beschämten. Aber was konnte er mir anbieten, das nicht schon tausendfach von der Belohnung überwogen ward, die ich mir selbst genommen hatte? Der alte Tobias sagte: ich könnte wenigstens den Titel eines Leibjägers dafür verlangen.

Die Zurückkunft des Grafen machte, daß ich die Gräfin nicht mehr so oft sehen und sprechen konnte, als vorher. Sie war durch ihren Gemahl gebunden, und ich durch den alten Tobias. Wenn auch beyde oft ganze Tage auf der Jagd waren, so blieben doch immer die übrigen Bedienten im Hause. Meine Wunde ward auch zusehends besser, und meine Jägerspflicht wartete auf mich.

Aber das war noch nicht alles. Lisette sagte mir, daß eine Busenfreundin der Gräfin unterwegs sey, die den ganzen Sommer, und auch wohl – je nachdem es wäre – setzte sie geheimnißvoll hinzu – den Herbst bey ihr zubringen würde. Da sie sich sehr lange und immer als die besten Freundinnen in L* gekannt hätten, so würden sie wohl unzertrennlich seyn. Es hätte eine besondere Bewandniß mit dieser Dame – fuhr sie erröthend fort – die sie mir aber nicht sagen könnte. – Es würde auch zu R** (der nächsten Stadt) ein Zimmer für sie gemiethet, weil es dort (sie that die Hand vor die Augen) einen geschickten – Geburtshelfer gebe.

Ich hörte wenig auf alles, was sie mir sagte, weil ich mehr mit dem Hinderniß meiner Liebe selbst, als mit den Umständen beschäftigt war, die es veranlaßten. Von allen Seiten war also meine Leidenschaft eingeengt, und sie ward gewaltiger dadurch. Sie drohete Durchbruch, wie ein verhaltner Strom.

Seit drey Tagen, so lange der Graf zurück war, hatte ich sie nicht gesprochen. Was für Plane machte ich nicht während dieser drey Tage! Ich ging täglich hundertmal in den Garten, und machte mir, mit dem Grabscheit oder Gärtnermesser, unter ihrem Fenster etwas zu schaffen. Aber dadurch erhielt ich nichts, als daß ich sie zuweilen am Fenster sah. – »Ehedem, als ich ihr noch nicht das Leben gerettet hatte,« sagte ich oft, in gewissen Anwandlungen von Unwillen, bey mir selbst: »sprach sie zuweilen aus dem Fenster zu mir, und jetzt kehrt sie mir den Rücken zu, wenn sie mich erblickt!« –

Ich glaube, daß ich damals diesen Umstand ganz falsch deutete.

Am Morgen des vierten Tages, als der Herr auf der Jagd war, und der alte Tobias den Vogelsteller machte, sah ich, daß Lisette das Frühstück der Gräfin in den Garten trug. Ich flugs hinterdrein, band einen Strauß von Blumen, um einen Vorwand zu haben, und erwartete sodann die Gräfin.

Sie erschien bald, und ich näherte mich der Laube, wo das Frühstück auf sie wartete. Lisette hüpfte mir entgegen, und sagte, sie wolle hinaus, dem alten Tobias entgegen, welcher der Gräfin eine Amsel zu bringen versprochen hätte.

Ich zeigte ihr den Strauß, und fragte sie, ob sie ihn der Gräfin einhändigen wollte. »Ich sollte es selbst thun!« sagte sie und flog davon. Ich wäre auch in Verzweiflung gewesen, wenn sie sich dazu erboten hätte.

Mit schwankenden Knieen trat ich in die Laube, die rund herum dicht überwachsen war. Sie saß im Hintergrunde derselben. Ich trat hinzu und überreichte ihr die Blumen, ohne einen Laut hervorbringen zu können.

Für mich, mein lieber Wilhelm? sagte sie.

»Für Sie, gnädigste Gräfin! Ich habe sie selbst gezogen!«

Sie müssen das ganze Beet geplündert haben, so viel sind es!

»Auch nicht eine einzige, die schön war, ist stehen geblieben!«

Es folgte eine Pause. Ich weiß nicht, wer von uns beyden in der größten Verlegenheit war. Um die ihrige zu verbergen, zog sie den Duft meiner Blumen ohne Aufhören in sich. Ich bestrebte mich zu sprechen, und über diesem Bestreben ward ich stummer und stummer.

»Sie pflegen immer viel, sehr viel zu geben, Wilhelm!« hub sie endlich, in Bezug meiner letzten Worte, wieder an.

O, immer zu wenig, rief ich, immer zu wenig! –

»Auch Todesgefahr nennen Sie wenig?«

Sie lächelte mit nassen Blicken auf mich her.

Auch Todesgefahr, rief ich, auch Todesgefahr, wenn ich ein Leben dadurch retten kann, das mehr werth ist, als Millionen andre!

»Guter, guter Wilhelm!« rief sie, und ich – stürzte ihr zu Füßen. Mein Auge suchte das ihrige und fand es, meine Seele folgte meinen Blicken, und ich sog aus den ihrigen ihre Seele. Dies war der Augenblick, wo Herz und Herz einander entgegen flogen, wo innig und innig verschwistert und verschlungen, beyde dem Körper sich entschwangen; wo Auge und Lippe, wo Finger und Arm, wo jeder Nerve, jede Fiber und jeder Pulsschlag: ich liebe dich! ich liebe dich! zu sagen sich bestrebte, und nur die Zunge allein schwieg. – O Sprache, arme Sprache, woher nimmst du Worte für diesen Augenblick? der uns in ein Elysium hinüber zauberte, in welchem tausend neue Elysien mit ihren Freuden vor unserm verklärten Auge in himmlischer Schönheit sich entwickelten!

Plötzlich hörte ich einen lauten Seufzer, und in eben dem Nu flatterte ein Vogel zur Laube herein, der mit seinen Flügeln die Decke derselben rauschend schlug. Ich sprang auf, und sah den alten Tobias vor mir. Die Gräfin sank ohnmächtig zurück.