Der Garibaldi war auch da, ging aber bald wieder weg und hatte sein gleichmütiges Gesicht aufgesetzt, so als gehe die Geschichte ihn nichts an. Als er wegging und die vielen Leute immer noch neugierig herumstanden und die Mäuler offen hatten, lächelte er auf seine stille, verächtliche Art. Und der Penzler war sein einziger Freund gewesen.
Wahrscheinlich war er nachts dabei gewesen, als der andere ins Wasser fiel. Warum hatte er dann nicht sogleich Leute geholt?
— Oder war der Bayer vielleicht mit seinem Wissen und durch seine Schuld ertrunken? Hatten sie Streit gehabt, vielleicht bei der Teilung eines Schatzes?
Man hörte auf von dem Unglück zu reden. Garibaldi tat wie immer seine Arbeit in der Stadt herum und rastete bei gutem Wetter jeden Abend auf der Treppenstaffel über unserem Hof, wo die Kinder lärmten. Der dem Zauberwesen zum Opfer gefallene Mühlenbauer fand keinen Nachfolger. Garibaldis Gesicht wurde je älter desto undurchschaulicher und ich, der einen Teil seiner Geheimnisse kannte, sah hinter seiner gleichmütigen Stirn und hinter seinem ruhig überlegenen Blick eine Welt von dunklen Schicksalen träumen.
Im folgenden Herbst geschah es, daß ihm bei der Arbeit die hohe Leiter eines Gipsers auf die Schulter fiel und ihn beinah erschlagen hätte. Er lag vier Wochen krank im Spittel. Als er von dort wiederkam, war in seinem Wesen eine gewisse Veränderung wahrzunehmen. Er lebte wie sonst, tat seine Arbeit und sprach womöglich noch weniger als früher, aber er hatte jetzt die Gewohnheit, leise mit sich selber zu reden und zuweilen zu lachen, wie wenn ihm alte lustige Geschichten einfielen. An stillen Abenden, wenn die Kinder gerade anderswo tobten oder einem Kunstreiterwagen oder Kamelführer oder Orgelmann nachliefen, hörte man ihn im Höfchen ohne Unterlaß murmeln. Auch saß er nie mehr lange Zeit auf seinem Steine still, sondern ging öfters unruhig auf und ab, was zusammen mit dem Murmeln und Kichern etwas Unheimliches hatte.
Ich fühlte damals zum ersten Mal Mitleid mit dem alten Hexenmeister, ohne ihn aber deswegen weniger zu fürchten. Sein neuerliches Gebaren schien mir bald auf Gewissensbisse, bald auf neue schlimme Unternehmungen zu deuten.
„Der Garibaldi will auch anfangen altwerden,“ sagte einmal meine Mutter beim Nachtessen. Ich verstand das im Augenblick nicht, denn ich hatte ihn nie anders als grau und alt gesehen. Aber ich vergaß das Wörtlein nicht und merkte nach und nach selber, daß Garibaldi wirklich jetzt erst zu altern begann.
Noch einmal machte er von sich reden. Eines Abends war, nach langem Ausbleiben, seine Tochter Lene wieder einmal zu ihm gekommen. Sie waren in der Stube beieinander und ich glaube, die Lene wollte auswandern. Darüber kamen sie in Streit, bis das Weib mit der Faust auf den Tisch schlug und ihm Schimpfworte sagte. Da hub der alte Mann seine Tochter, so groß und stark sie war, jämmerlich zu hauen an und warf sie die Stiege hinunter, daß das Geländer krachte und das Weib nur mit Mühe und Schmerzen davonhinken konnte.
Von da an blieb Garibaldi ganz einsam und nun brach das Alter plötzlich vollends über ihn herein. Die Pfeife begann ihm im Munde zu wackeln und häufig auszugehen, die Selbstgespräche nahmen kein Ende, die Arbeit wurde ihm sauer. Schließlich gab er sie auf und war fast über Nacht zu einem gebückten und zittrigen Kerlchen geworden.
Für mich hörte er darum nicht auf wichtig und rätselhaft zu sein. Ich fürchtete ihn mehr als je und konnte es doch nicht lassen, ihm halbe Stunden lang vom sicheren Fenster aus zuzuschauen. Beim Rauchen stützte er jetzt den Ellenbogen aufs Knie und hielt die Pfeife mit der Hand fest, aber auch die war zittrig und hatte keine Kräfte mehr.
Die Tage waren noch kühl und im Walde lag noch ein wenig Schnee, da war eines Tages der Garibaldi gestorben.
Mein Vater bürstete seinen Schwarzen und ging zur Leiche. Ich durfte nicht im Zug gehen (wenn man das Dutzend Nachbarn einen Zug heißen will), aber ich stieg auf die Kirchhofmauer und hörte zu und erfuhr dabei zum ersten Mal, daß der Tote nicht Garibaldi, sondern Schorsch Großjohann geheißen hatte, was mich in lange Zweifel stürzte, denn fragen mochte ich niemand.
Nachher sagte mein Vater zur Mutter: „Unser Garibaldi war doch ein sonderbarer Mensch, fast unheimlich; weiß Gott, wie er so geworden ist.“
Darüber hätte ich nun mancherlei mitteilen können. Aber ich behielt alles für mich — das Wahrsagen, das Zaubern, die Nachtgänge flußabwärts und das, was ich über den Tod des bayerischen Mühlenbauers vermutete.
Walter Kömpff
Die Leute von Gerbersau, die da auf den Straßen laufen, unter ihren Ladentüren stehen, ihr Handwerk und Geschäft besorgen und fast alle so zufrieden sind, obwohl sie beständig über die schlechten Zeiten zu klagen haben, alle diese Leute haben den Walter Kömpff noch gut gekannt. Sie sind mit ihm in die Schule gegangen, sie sind mit ihm Soldat gewesen, sie haben Geschäfte mit ihm gehabt und früher oft abends ein Bier mit ihm getrunken. Und dann machte er plötzlich so viel von sich reden, eine Zeitlang!
Aber alle diese Leute sprechen nimmer von ihm und haben ihn vergessen. Es gab eine Zeit, da hätte man meinen sollen, sie würden von Walter Kömpff noch als weißhaarige Großväter zu reden haben und mit keinem auswärtigen Geschäftsfreund über den Marktplatz gehen können, ohne ihm das vormals Kömpffsche Haus zu zeigen und ihm nachher im Adler oder Hirschen die Geschichte dazu zu erzählen, der Länge und Breite nach.
Und wenn auch gar nichts zu verwundern und zu erzählen gewesen wäre, wie war es möglich, diesen Mann so ganz zu vergessen? Hätte noch vor zehn Jahren irgend ein Gerbersauer sich den Marktplatz vorstellen können ohne den Kömpffschen Laden und das Schild darüber und den mit seinem Namen bemalten grauen Pritschenwagen und ohne ihn selber, wie er unter der Tür stand oder über den Platz schritt oder auf dem grünen Feierabendbänklein saß? Oder hätte jemand sich einen Jahrmarkt denken können, ohne daß er in seiner Ladentüre stand und die vielen Dutzende von auswärtigen Bekannten begrüßte?
Beispielsweise gesprochen, stelle man sich jetzt einmal den jüngeren Giebenrath vor, den Tuchhändler! Nicht wahr, da läuft er gaßauf, gaßab, ruft hier „Guten Morgen!“ und dort „Grüß Gott!“, langt da an den Hut und macht dort ein Kompliment, und dann geht er in sein Haus, und man weiß, da ist er jetzt drin und verkauft Tuch, und überm Laden steht mit Gold auf Schwarz sein Name. Es ist niemand in der Stadt, der ihn nicht kennt und der nicht weiß, wie er spricht und wie er lacht und was er im Winter für einen Mantel hat und mit wem er verwandt ist und was er für Geschäfte macht und daß er zu den Demokraten gehört. Also, wieder beispielsweise, der jüngere Giebenrath stirbt jetzt — oder, um niemand weh zu tun, sagen wir, er geht weg, vielleicht nach Stuttgart oder nach Pforzheim.
Ja, wenn ich das nur sage, da lachen sie alle und winken mir mit dem ganzen Arm ab: „Wo denkst hin! Der bleibt, wo er ist! Der und wegziehen!“
Also gut, aber vielleicht zieht er doch weg, und niemand begreift’s, und man schüttelt den Kopf, und sein Firmenschild wird heruntergenommen und die Kinder sehen zu. Am Morgen vermißt ihn der Friseur und am Abend der Ankerwirt und untertags vermißt ihn da einer und dort einer in der Stadt, und seine Nachbarn mögen gar nimmer ans Fenster, weil er doch nimmer vorbeikommt und hereingrüßt und einen kleinen Spaß macht, oder wenn er’s eilig hatte, konnte man ihm nachsehen und sich besinnen, wohin’s ihm denn so eilig pressierte. Und ich würde dann sagen: Ihr Leute, sei’s um eine kleine Weile, so redet kein Mensch mehr vom jüngeren Giebenrath, außer er hätte Schulden. — Ja, da würde man wieder abwinken und lachen und den Kopf schütteln und mich heimschicken!
Und doch ist es mit dem Kömpff um kein Haar anders gewesen. Kaum daß man jetzt seinen Namen noch etwa einmal hört. Nun, ich erzähle, wie es mir damit gegangen ist.
Wie es die jungen Leute im Brauch haben, war ich auf der Wanderschaft, und wohin ich kam, schien mir’s kein schlechtes Leben in der Fremde; ich kam mir extra gescheit vor und wollte gar nicht begreifen, wieso man eigentlich gerade immer in Gerbersau leben müsse. Da war zum Beispiel Cannstatt, ein wohlhabender Ort, und dann Tübingen, auch nicht übel, und dann Basel und Zürich, und wiederum München, alles angenehme Plätze, wo auch Leute wohnen und wo man so gut seine Batzen verdienen und wieder verjucken kann wie irgendwo in der Welt. Also kam mir, aus der Ferne gesehen, die Stadt Gerbersau immer kleiner und unnötiger und sogar ziemlich lächerlich vor, und ich bin länger draußen geblieben, als es der Brauch ist. Zwischenein höre ich, der Kömpff am Marktplatz fange an, sonderbare Geschichten zu machen, das und jenes. Dann hör’ ich, er sei übergeschnappt, und nicht lang darauf von einem andern, er sei vortrefflich bei Verstand und überhaupt viel zu gut und edel für seinen Ort, und er werde auch wahrscheinlich fortgehen. Und so durcheinander, wenig Gutes und viel Böses, bis ich gar nichts mehr glaubte. Ich dachte: wenn ich zufällig einmal wieder besuchsweise heimkomme, will ich den und jenen darum fragen und etwas Sicheres zu erfahren suchen.
Die Zeit verging und ich war nachgerade nimmer ganz jung. Daheim dachten sie kaum mehr daran, daß ich am Ende auch wieder einmal heimkommen könnte, und ich selber dachte es am wenigsten.
Wie es gegangen ist, daß ich jetzt doch wieder in Gerbersau sitze, anfangs nicht ohne Unbehagen und Beschämung, und daß ich jetzt wieder hier so zu Hause bin wie nur je in den Bubenzeiten, das wäre eine lange Geschichte. Aber davon ist diesmal nicht die Rede. — Also ich komme wieder heim, lasse mich begrüßen und begutachten, anschielen und auslachen, finde die alten Gassen und Winkel und einige neue dazu, und kaum habe ich nach ein paar Tagen mir die alte Mundart wieder recht angewöhnt, so frage ich rechts und links nach dem Herrn Walter Kömpff. Ich meine, jeder müsse gleich vor lauter Geschichten und Erklärungen überlaufen und herzensfroh sein, daß er einen Neuen findet, der’s ihm abhört.
Aber wie ich den ersten frage: „Du, wie war’s denn eigentlich damit?“, da besinnt er sich ein bißchen, klopft die Zigarre ab, zieht, bläst eine Verlegenheitswolke hinaus, und schließlich meint er: „Ja, das sind Sachen, da schwätzt jetzt kein Mensch mehr davon. Frag einmal den Köberle.“ Also abends, wie ich ihn bei der Metzelsuppe im Rößle treffe, frage ich den Köberle. Er behält den Wein ein Weilchen im Mund, macht Telleraugen, schluckt dann und runzelt, so gut er kann, die glatte Stirn und sagt: „Ja, weißt du, das ist eigentlich schon recht lang her. Liebe Zeit, der Kömpff! Ja ja, ich kann mir’s noch gut denken. Na, wir sehen uns ja bald einmal wieder, da reden wir dann. Am Donnerstag schenkt der Kronenwirt den ersten Neuen aus, du kommst doch auch?“
So allmählich ist das Nötigste ja auch zusammengetröpfelt. Ich wollte nun einmal alles wissen, da redete und fragte und horchte ich’s so zusammen, das eine bei einem Voressen im Waldhorn, das andere bei einer Kindsleiche unterwegs zum Kirchhof, da etwas in einer Schusterwerkstatt und dort etwas im Kaufladen. Was eigentlich damals Merkwürdiges passiert sei, bekam ich denn auch allmählich heraus, aber keinerlei Schlüssel dazu, denn darum hatte sich niemand gekümmert.
Bis mir die Holderlies einfiel. Die war ja in alten Zeiten im Kömpffschen Haus Magd gewesen. Richtig lebte sie auch noch und wohnte droben in der allerobersten Vorstadt, wohin es ein schweißtreibendes Klettern ist und wo trotzdem fast lauter alte, gebrechliche Leute hausen. Wenn ich an meine Bubenzeit dachte, konnte ich mir die Lies wieder vorstellen, die schon damals nimmer auffallend jung war. Ich stieg denn in die Vorstadt hinauf, und so oft ich meinte, jetzt sei es erreicht, ging es noch ein Gäßlein und einen schmalen Gartensteig und eine böse Mauerstiege hinauf, bis ich ganz bei den letzten Häuschen war; da lag die Stadt senkrecht mit ineinander verwirrten Dächern so verschoben und seltsam unter mir, als sei sie betrunken oder ich. Dann ging es noch eine steinerne Gartentreppe, für die ich fast zu breit war, und zwei hölzerne stichdunkle Stiegen hinauf. Und dann klopfte ich und es tat eine Türe sich auf, und ich stand in einem lichten, stillen Altenstübchen und hätte nie geglaubt, daß es in unserm engen Bergtal so viel Luftraum gebe, wie ich hier über die Geranien weg vor den kleinen klaren Fenstern liegen sah.
Die Holderlies kannte mich natürlich nimmer, denn ich war in den zwanzig Jahren groß und breit geworden, und ich kannte auch sie nicht mehr, die unglaublich eingegangen und klein geworden war. Aber es gab sich schon, und wie ich nach dem langen Steigen erst wieder Atem hatte, fingen wir mit dem besten Humor von den alten Zeiten an, die für sie freilich noch lange nicht die wirklich alten waren.
Später kam ich wieder, fünfmal, zehnmal, und ich erfuhr alles, was die Alte von meinem Kömpff wußte und vermutete. Bald darauf starb sie, und ich ging bei dem sonderbaren Leichenzug durch die steilen Gärtchen und über alle die Steige und Treppchen mit. — Und nun will ich die Geschichte des Walter Kömpff erzählen, soweit sie mir klar geworden ist.
Über den alten Hugo Kömpff ist wenig zu sagen, als daß er in allem ein echter Gerbersauer von der guten Sorte war. Das alte, feste und große Haus am Marktplatz mit dem niedrigen und finsteren Kaufladen, der aber für eine Goldgrube galt, hatte er von Vater und Großvater überkommen und führte es im alten Sinne fort. Nur darin war er einen eignen Weg gegangen, daß er seine Braut von auswärts geholt hatte. Sie hieß Kornelie und war eine Pfarrerstochter vom oberen Schwarzwald, eine hübsche und ernste Dame ohne das geringste bare Vermögen. Das Erstaunen und Reden darüber dauerte seine Weile, und wenn man die Frau auch später noch ein wenig seltsam fand, gewöhnte man sich doch zur Not an sie oder ließ wenigstens den Mann darum ungeschoren. Der lebte auch in einer sehr stillen Ehe und bei guten Geschäftszeiten unauffällig nach der väterlichen Art dahin, war gutmütig und wohlangesehen, dabei ein vortrefflicher Kaufmann, so daß es ihm an nichts fehlte, was hierorts zum Glück und Wohlsein gehört. Zur rechten Zeit stellte sich ein Söhnlein ein und wurde Walter getauft; er hatte das Gesicht und den Gliederbau der Kömpffe, aber keine graublauen, sondern von der Mutter her braune Augen. Nun war ein Kömpff mit braunen Augen freilich noch nie gesehen worden, aber genau betrachtet schien das dem Vater kein großes Unglück, und der Bub ließ sich auch nicht an wie ein aus der Art Geschlagener. Es lief alles seinen leisen, gesunden Gang, das Geschäft ging vortrefflich, die Frau war zwar immer noch ein wenig anders, als man gewohnt war, aber das war kein Schade, und der Kleine wuchs und gedieh und kam in die Schule, wo er zu den Besten gehörte. Nun fehlte dem Kaufmann noch, daß er in den Gemeinderat kam, aber auch das konnte nimmer lang auf sich warten lassen, und dann wäre seine Höhe erreicht und alles wie beim Vater und Großvater gewesen.
Es kam aber nicht dazu. Ganz wider die Kömpffsche Tradition legte sich der Hausherr schon mit vierundvierzig Jahren zum Sterben nieder. Es nahm ihn ohne zu viel Schmerzen und doch langsam genug hinweg, daß er alles Notwendige noch in Ruhe bestimmen und ordnen konnte. Und so saß denn eines Tages die hübsche dunkle Frau an seinem Bette, und sie besprachen dies und jenes, was zu geschehen habe und was die Zukunft etwa bringen könnte. Vor allem war natürlich von dem Buben Walter die Rede, und in diesem Punkte waren sie, was sie beide nicht überraschte, keineswegs derselben Gesinnung und gerieten darüber in einen stillen, doch zähen Kampf. Freilich, wenn jemand an der Stubentüre gehorcht hätte, der hätte nichts von einem Streit gemerkt.
Die Frau hatte nämlich vom ersten Tag der Ehe an darauf gehalten, daß auch an unguten Tagen Höflichkeit und sanfte Rede herrsche. Mehr als einmal war der Mann, wenn er bei irgend welchem Vorschlag oder Entschlusse ihren stillen, aber festen Widerstand spürte, in Zorn geraten. Aber dann verstand sie ihn beim ersten scharfen Wort auf eine Art anzusehen, daß er schnell einzog und seinen Groll wenn nicht abtat, so doch in den Laden oder auf die Gasse trug und die Frau damit verschonte, deren Wille dann meistens ohne weitere Worte bestehen blieb und erfüllt wurde. So ging auch jetzt, da er schon nah am Tode war und seinem letzten und stärksten Wunsch ihr ruhiges Andersmeinen gegenüberstand, das Gespräch in Maß und Zucht seine Bahn. Doch sah das Gesicht des Kranken so aus, als wäre es mühsam gebändigt und könne von Augenblick zu Augenblick die Haltung verlieren und Zorn oder Verzweiflung zeigen.
„Ich bin an mancherlei gewöhnt, Kornelie,“ sagte er, „und du hast ja gewiß auch manchmal gegen mich recht gehabt, aber du siehst doch, daß es sich diesmal um eine andre Sache handelt. Was ich dir sage, ist mein fester Wunsch und Wille, der mir seit Jahren feststeht, und ich muß ihn jetzt deutlich und bestimmt aussprechen und darauf bestehen. Du weißt, daß es sich hier nicht um eine Laune handelt und daß ich den Tod vor Augen habe. Wovon ich sprach, das ist ein Stück von meinem Testament, und es wäre besser, du würdest es in Güte hinnehmen.“
„Es hilft nichts,“ erwiderte sie, „soviel drüber zu reden. Du hast mich um etwas gebeten, was ich nicht gewähren kann. Das tut mir leid, aber zu ändern ist nichts daran.“
„Kornelie, es ist die letzte Bitte eines Sterbenden. Denkst du daran nicht auch?“
„Ja, ich denke schon. Aber ich denke noch mehr daran, daß ich über das ganze Leben des Buben entscheiden soll, und das darf ich so wenig, wie du es darfst.“
„Warum nicht? Es ist etwas, was jeden Tag vorkommt. Wenn ich gesund geblieben wäre, hätte ich aus Walter doch auch gemacht, was mir recht geschienen hätte. Jetzt will ich wenigstens dafür sorgen, daß er auch ohne mich Weg und Ziel vor sich hat und zu seinem Besten kommt.“
„Du vergißt nur, daß er uns beiden gehört. Wenn du gesund geblieben wärest, hätten wir beide ihn angeleitet, und wir hätten es abgewartet, was sich als das Beste für ihn gezeigt hätte.“
Der kranke Herr verzog den Mund und schwieg. Er schloß die Augen und besann sich auf Wege, doch noch in Güte zum Ziel zu kommen. Allein er fand keine, und da er Schmerzen hatte und nicht sicher sein konnte, ob er morgen noch das Bewußtsein haben werde, entschloß er sich zum letzten.
„Sei so gut und bring ihn her,“ sagte er ruhig.
„Den Walter?“
„Ja, aber sogleich.“
Frau Kornelie ging langsam bis an die Tür. Dann kehrte sie um.
„Tu es lieber nicht!“ sagte sie bittend.
„Was denn?“
„Das, was du tun willst, Hugo. Es ist gewiß nicht das Rechte.“
Er hatte die Augen wieder zugemacht und sagte nur noch müde: „Bring ihn her!“
Da ging sie hinaus und in die große, helle Vorderstube hinüber, wo Walter über seinen Schulaufgaben saß. Er war zwischen zwölf und dreizehn, nicht sehr groß, aber gesund, ein ruhiger und gutwilliger Knabe. Im Augenblick war er freilich verscheucht und aus dem Gleichgewicht, denn man hatte für besser gehalten, ihm nicht zu verheimlichen, daß es mit dem Vater zu Ende gehe. So folgte er der Mutter verstört und mit einem inneren Widerstreben kämpfend in die Krankenstube, wo der Vater ihn einlud, neben ihm auf dem Bettrand zu sitzen.
Der kranke Mann streichelte die warme, kleine Hand des Knaben und sah ihn gütig an.
„Ich muß etwas Wichtiges mit dir sprechen, Walter. Du bist ja schon groß genug, also hör gut zu und versteh mich recht. In der Stube da ist mein Vater und mein Großvater gestorben, im gleichen Bett, aber sie sind viel älter geworden als ich, und jeder hat schon einen erwachsenen Sohn gehabt, dem er das Haus und den Laden und alles hat ruhig übergeben können. Das ist nämlich eine wichtige Sache, mußt du wissen. Stell dir vor, daß dein Urgroßvater und dann der Großvater und dann dein Vater jeder viele Jahre lang hier geschafft hat und Sorgen gehabt hat, damit das Geschäft auch in gutem Stand an den Sohn komme. Und jetzt soll ich sterben und weiß nicht einmal, was aus allem werden und wer nach mir der Herr im Hause sein soll. Überleg dir das einmal. Was meinst du dazu?“
Der Junge blickte verwirrt und traurig vor sich nieder; er konnte nichts sagen und konnte auch nicht nachdenken, der ganze Ernst und die feierliche Befangenheit dieser sonderbaren Stunde in dem dämmernden Zimmer umgab ihn wie eine schwere, dicke Luft. Er schluckte, weil ihm das Weinen nahe war, und blieb in Trauer und Verlegenheit still.
„Du verstehst mich schon,“ fuhr nun der Vater fort und streichelte wieder seine Hand. „Mir wär’ es sehr lieb, wenn ich nun ganz gewiß wissen könnte, daß du, wenn du einmal groß genug bist, unser altes Geschäft weiterführst. Wenn du mir also versprechen würdest, daß du Kaufmann werden und später da drunten alles übernehmen willst, dann wäre mir eine große Sorge abgenommen und ich könnte viel leichter und froher sterben. Die Mutter meint —“
„Ja, Walter,“ fiel die Frau Kornelie ein, „du hast gehört, was der Vater gesagt hat, nicht wahr? Es kommt jetzt ganz auf dich an, was du sagen willst. Du mußt es dir nur gut überlegen. Wenn du denkst, es wäre vielleicht besser, daß du kein Kaufmann wirst, so sag es nur ruhig; es will dich niemand zwingen.“
Eine kleine Weile schwiegen alle drei.
„Wenn du willst, kannst du hinübergehen und es noch bedenken, dann ruf’ ich dich nachher,“ sagte die Mutter. Der Vater heftete die Blicke fest und fragend auf Walter, der Knabe war aufgestanden und wußte nichts zu sagen. Er fühlte, daß die Mutter nicht dasselbe wolle wie der Vater, dessen Bitte ihm nicht gar so groß und wichtig schien. Eben wollte er sich abwenden, um hinauszugehen, da griff der Leidende noch einmal nach seiner Hand, konnte sie aber nicht erreichen. Walter sah es und wandte sich ihm zu, da sah er in des Kranken Blick die Frage und die Bitte und fast eine Angst, und er fühlte plötzlich mit Mitleid und Schrecken, daß er es in der Hand habe, seinem sterbenden Vater weh oder wohl zu tun. Dies Gefühl von ungewohnter Verantwortung drückte ihn wie ein Schuldbewußtsein, er zögerte, und in einer plötzlichen Regung gab er dem Vater die Hand und sagte leise unter hervorbrechenden Tränen: „Ja, ich verspreche es ganz gewiß.“
Dann führte ihn die Mutter still ins große Zimmer zurück, wo es nun auch zu dunkeln begann; sie zündete die Lampe an, gab dem Knaben einen Kuß auf die Stirn und suchte ihn zu beruhigen. Darauf ging sie zu dem Kranken zurück, der nun erschöpft tief in den Kissen lag und in einen leichten Schlummer sank. Die großgewachsene, schöne Frau setzte sich in einen Armstuhl am Fenster und suchte mit müden Augen in die Dämmerung hinaus, über den Hof und die unregelmäßigen, spitzigen Dächer der Hinterhäuser hinweg an den bleichen Himmel blickend. Sie war noch in guten Jahren und war noch eine Schönheit, nur daß an den Schläfen die blasse Haut gleichsam ermüdet war. Und nun, da sie den Kopf mit halbgeschlossenen Augen senkte und ruhend saß, erschien sie älter, als sie war.
Sie hätte wohl auch einen Schlummer nötig gehabt, doch schlief sie nicht ein, obwohl alles an ihr ruhte. Sie dachte nach. Es war ihr eigen, daß sie entscheidende, wichtige Zeiten ungeteilt bis auf die Neige durchleben mußte, sie mochte wollen oder nicht. So hielt es sie auch jetzt, der Ermattung zum Trotz, mitten in dem unheimlich stillerregten, überreizten Lebendigsein dieser Stunden fest, in denen alles wichtig und ernst und unabsehbar war. Sie mußte an den Knaben denken und ihn in Gedanken trösten, und sie mußte auf das Atmen ihres Mannes horchen, der dort lag und schlummerte und noch da war und doch eigentlich schon nicht mehr hierher gehörte. Am meisten aber mußte sie an diese vergangene Stunde denken.
Das war nun ihr letzter Kampf mit dem Mann gewesen, und sie hatte ihn wieder verloren, obwohl sie im Recht war und es besser wußte. Alle diese Jahre hatte sie den Gatten überschaut und ihm ins Herz gesehen in Liebe und in Streit, und hatte es durchgeführt, daß es ein stilles und reinliches Miteinanderleben war. Sie hatte ihn lieb, heute noch wie immer, und doch war sie immer allein geblieben. Sie hatte es verstanden, in seiner Seele zu lesen, aber er hatte die ihre nicht verstehen können, auch in Liebe nicht, und war seine gewohnten Wege hingegangen, bald dankbar und bald grollend und schnell wieder versöhnt. Er war immer an der Oberfläche geblieben mit dem Verstand wie mit der Seele, und wenn es Dinge gab, in denen es ihr nicht erlaubt und möglich war, sich ihm zu fügen, hatte er nachgegeben und gelächelt, aber ohne sie zu verstehen.
Und nun war das Schlimmste doch geschehen. Sie hatte über das Kind mit ihm nie ernstlich reden können, und was hätte sie ihm auch sagen sollen? Er sah ja nicht ins Wesen hinein. Er war überzeugt, der Kleine habe von der Mutter die braunen Augen und alles andere von ihm. Und sie wußte seit Jahren jeden Tag, daß das Kind die Seele von ihr habe, und daß in dieser Seele etwas lebe, was dem väterlichen Geist und Wesen widersprach, unbewußt und mit unverstandenem Schmerze widersprach. Gewiß, er hatte viel vom Vater, er war ihm fast in allem ähnlich. Aber den innersten Nerv, dasjenige, was eines Menschen wahres Wesen ausmacht und geheimnisvoll seine Geschicke schafft, diesen feinen, schönen Lebensfunken hatte das Kind von ihr, und wer in den innersten Spiegel seines Herzens hätte sehen können, in die leise wogende, zarte Quelle des Persönlichsten und Eigensten, hätte dort die Seele der Mutter gespiegelt gefunden.
Behutsam stand Frau Kömpff auf und trat ans Bett, sie bückte sich zu dem Schlafenden und sah ihn an mit halbem Bewußtsein, daß sein Gesicht zum letzten Mal unentstellt das alte sei, das sie so lang gekannt hatte. Sie hatte es lieb, wenn es auch nicht schön war. Sie wünschte sich noch einen Tag, noch ein paar gute Stunden für ihn, um ihn noch einmal recht zu sehen. Er hatte sie nie ganz verstanden, aber ohne seine Schuld, und eben die Beschränktheit seiner kräftigen und klaren Natur, die auch ohne inneres Verstehen sich ihr so oft gefügt hatte, erschien ihr liebenswert und ritterlich. Überschaut hatte sie ihn schon in der Brautzeit, damals nicht ohne einen feinen Schmerz. Aber er war ihr in herzlicher und mannhafter Liebe entgegengekommen, und so fein und überlegen sie war, hatte sie nicht gezögert, mit ihm zu gehen. Es hatte ihr besser geschienen, sich einem echten und treuen Liebhaber anzuvertrauen, als auf den Auserlesenen, Unwahrscheinlichen zu warten, dem sie auch ihr Innerstes hätte zeigen und hingeben können; und sie hatte recht gehabt.
Später war der Mann in seinen Geschäften und unter seinen Kameraden freilich um ein weniges derber, gewöhnlicher und spießbürgerlich beschränkter geworden, als ihr lieb war, aber der Grund seiner ehrenhaft festen Natur war doch geblieben, und sie hatten ein gutes und tüchtiges Leben miteinander geführt, an dem nichts zu bereuen war. Nur hatte sie gedacht, den Knaben unmerklich seine Wege gehen zu lassen und es so zu leiten, daß er frei bleibe und seiner eingeborenen Art unbehindert folgen könne. Und jetzt ging ihr vielleicht mit dem Vater auch das Kind verloren.
Der Kranke konnte bis spät in die Nacht hinein schlafen. Dann erwachte er mit Schmerzen, und gegen den Morgen hin war es deutlich zu sehen, daß er abnahm und die letzten Kräfte rasch verlor. Doch gab es dazwischen noch einen Augenblick, wo er ruhig und klar zu reden vermochte. Die Nachtlampe brannte schwach und rot hinter der Bettstatt, vor den Fenstern war es noch nächtig und im Hause alles still. Die Frau ruhte angekleidet im niederen Liegesessel und war durch ihren leisen Schlummer hindurch beständig gegenwärtig und aufmerksam. Dann begann er zu reden.
„Du,“ sagte er. „Du hast doch gehört, daß er es mir versprochen hat?“
„Ja, freilich. Er hat es versprochen.“
„Dann kann ich darüber ganz ruhig sein?“
„Ja, das kannst du.“
„Das ist gut. — Du, Kornelie, bist du mir böse?“
„Warum?“
„Wegen Walter.“
„Nein, du, gar nicht.“
„Wirklich?“
„Ganz gewiß. Und du mir auch nicht, nicht wahr?“
„Nein, nein. O du! Ich dank’ dir auch.“
Sie war aufgestanden und hielt seine Hand. Die Schmerzen kamen und er stöhnte leise, eine Stunde um die andere, bis er am Morgen erschöpft und still mit halb offenen Augen lag.
Er starb erst zwanzig Stunden später.
Die schöne Frau trug nun schwarze Kleider und der Knabe ein schwarzes Florband um den Arm. Sie blieben im Hause wohnen, der Laden aber wurde verpachtet. Der Pächter hieß Herr Leipolt und war ein kleines, geschmeidiges Männlein von einer etwas aufdringlichen Höflichkeit. Zu Walters Vormund war ein gutmütiger Kamerad seines Vaters bestimmt, der sich selten im Hause zeigte und vor der strengen und scharfblickenden Witwe einige Angst hatte, die er unter unsicher vorgebrachten Witzen zu verbergen bestrebt war. Übrigens galt er für einen vorzüglichen Geschäftsmann. So war fürs erste alles nach Möglichkeit wohlbestellt, und das Leben im Hause Kömpff ging ohne Störungen weiter, nur etwas stiller als zu Lebzeiten des Herrn.
Nur mit den Mägden, mit denen schon zuvor eine ewige Not gewesen war, haperte es wieder mehr als je, und die feine schöne Witwe mußte zwischenhinein sogar einmal drei Wochen lang selber kochen und das Haus besorgen. Zwar gab sie nicht weniger Lohn als andere Leute, sparte auch am Essen der Dienstboten und an Geschenken zu Neujahr keineswegs, dennoch hatte sie selten eine Magd lang im Hause. Denn während sie in vielem fast zu freundlich war und namentlich nie ein grobes Wort hören ließ, zeigte sie in manchen Kleinigkeiten eine kaum begreifliche Strenge. Vor kurzem hatte sie ein fleißiges, anstelliges Mädchen, an der sie sehr froh gewesen war, wegen einer winzigen Notlüge entlassen. Das Mädchen bat und weinte, doch war alles umsonst. Der Frau Kömpff war die allergeringste Ausrede oder Unoffenheit unerträglicher als zwanzig zerbrochene Teller oder verbrannte Suppen.
Da fügte es sich, daß die Holderlies nach Gerbersau heimkehrte. Die war längere Jahre auswärts in Diensten gewesen, brachte ein ansehnliches Erspartes mit und war hauptsächlich gekommen, um sich nach einem stattlichen Vorarbeiter aus der Deckenfabrik umzusehen, mit dem sie vorzeiten ein ehrenhaftes Verhältnis gehabt und der seit langem nicht mehr geschrieben hatte. Leider kam sie zu spät und fand den Ungetreuen frisch verheiratet, was ihr so nahe ging, daß sie sogleich wieder abreisen wollte. Da fiel sie durch Zufall der Frau Kömpff in die Hände, ließ sich trösten und zum Dableiben überreden und ist von da an volle dreißig Jahre im Hause geblieben.
Ihr Verhältnis zu Frau Kornelie war etwas Merkwürdiges. Einige Monate war sie als fleißige und stille Magd in Stube und Küche tätig. Ihr Gehorsam ließ nichts zu wünschen übrig, doch scheute sie sich auch gelegentlich nicht, einen Rat unbefolgt zu lassen oder einen erhaltenen Auftrag sanft zu tadeln. Da sie es in verständiger und gebührlicher Weise und immer mit voller Offenheit tat, ließ die Frau sich darauf ein, rechtfertigte sich und ließ sich belehren, und so kam es allmählich, daß unter Wahrung der herrschaftlichen Autorität die Magd zu einer Mitsorgerin und Mitarbeiterin herangedieh. Dabei blieb es jedoch nicht. Sondern eines Abends, nach einer besonders lebhaften und versöhnlich abgeschlossenen Aussprache über Küchenangelegenheiten, kam es wie von selber, daß die Lies ihrer Herrin am Tisch bei der Lampe und feierabendlichen Handarbeit ihre ganze sehr ehrbare, aber nicht sehr fröhliche Vergangenheit erzählte, worauf Frau Kömpff eine solche Achtung und Teilnahme für das ältliche Mädchen faßte, daß sie ihre Offenherzigkeit erwiderte und ihr selber manche von ihren streng behüteten Erinnerungen mitteilte. Und bald war es beiden zur Gewohnheit geworden, miteinander über ihre Gedanken und Ansichten zu reden, und die einsame Frau sprach schließlich mit der Holderlies ohne Scheu sogar über manche Dinge, auf die einst zwischen ihr und ihrem Manne nie die Rede gekommen war.
Dabei geschah es, daß unvermerkt vieles von der Denkart der Frau auf die Magd überging. Namentlich in religiösen Dingen nahm sie viele Ansichten von ihr an, nicht durch Bekehrung, sondern unbewußt, aus Gewohnheit und Freundschaft. Frau Kömpff war zwar eine Pfarrerstochter, aber keine ganz orthodoxe, wenigstens galt ihr die Bibel und ihr angeborenes Gefühl weit mehr als die Norm der Kirche. Sie wäre möglicherweise längst eine eifrige Pietistin geworden, wäre sie nicht so ungesellig und scheu gewesen. Auch waren ihr Bibelauslegung und Gebet kein sehr starkes Bedürfnis. Desto peinlicher achtete sie darauf, ihr tägliches Tun und Leben stets im Einklang mit ihrer Ehrfurcht vor Gott und den ihr gefühlsmäßig innewohnenden Gesetzen zu halten. Dabei sparte sie aber das Grübeln und auch das Reden und entzog sich den natürlichen Ergebnissen und Forderungen des Tages nicht, nur bewahrte sie sich ein stilles Gebiet im Innern, wohin Begebnisse und Worte nicht reichen durften und wo sie in sich selbst ausruhen oder in unsicheren Lagen Festigung und Gleichgewicht suchen konnte.
Es konnte nicht ausbleiben, daß von den beiden Frauen und der Art ihres Zusammenhausens auch der kleine Walter hier und dort beeinflußt wurde. Doch nahm ihn fürs erste die Schule zu sehr in Anspruch, als daß er viel für sonstige Gespräche und Belehrungen übrig gehabt hätte. Auch ließ ihn die Mutter gern in Ruhe, und je sicherer sie seines innersten Wesens war, desto unbefangener und froher beobachtete sie, wie viele Eigenschaften und Eigentümlichkeiten des Vaters nach und nach in dem Kinde zum Vorschein kamen. Namentlich in der äußeren Gestalt wurde er ihm immer ähnlicher.
Aber wenn auch keine Mißstände zutage traten und niemand etwas Besonderes an ihm fand, war der Knabe doch von ungewöhnlicher und vielleicht allzu zwiespältiger Natur. So wenig die braunen Augen in sein Kömpffsches Familiengesicht paßten, so unverschmelzbar schienen in seinem Gemüt väterliches und mütterliches Erbteil nebeneinander zu liegen, so daß es schien, er werde Mühe haben, es zu einem gefestigten eignen Wesen zu bringen.
Einstweilen spürte selbst die Mutter nur selten etwas davon. Doch war Walter nun schon in die späteren Knabenjahre getreten, in welchen allerlei Gärungen und seltsame Rösselsprünge vorkommen und wo die jungen Leute sich beständig zwischen empfindlicher Schamhaftigkeit und derberem Wildtun possierlich hin und wieder bewegen. Da war es immerhin gelegentlich auffallend, wie schnell oft seine Erregungen wechselten und wie leicht seine Gemütsart umschlagen konnte. Ganz wie sein Vater fühlte er nämlich das Bedürfnis, sich dem Durchschnitt und herrschenden Ton anzupassen, war also ein guter Klassenkamerad und Mitschüler, dabei auch von den Lehrern gern gesehen. Herzensfreunde hatte er nicht, stand aber fast mit allen vertraulich. Und doch schienen daneben andre Bedürfnisse in ihm mächtig zu sein. Wenigstens war es manchmal, als besänne er sich auf sich selbst und lege eine Maske ab, wenn er sich von einem tobenden Spiel beiseite schlich und sich entweder einsam in seine Dachbodenkammer setzte oder mit ungewohnter, stummer Zärtlichkeit zur Mutter kam. Gab sie ihm dann gütig nach und erwiderte sein Liebkosen, so war er unknabenhaft gerührt und weinte sogar zuweilen. Auch hatte er einst an einer kleinen Rachehandlung der Klasse gegen den Lehrer teilgenommen und fühlte sich, nachdem er sich zuvor laut des Streiches gerühmt hatte, nachher plötzlich so zerknirscht, daß er aus eignem Antrieb hinging und um Verzeihung bat.
Das alles war erklärlich und sah recht harmlos aus. Es zeigte sich dabei zwar eine gewisse Schwäche, aber auch das gute Herz Walters, und niemand hatte Schaden davon. So verlief die Zeit bis zu seinem fünfzehnten Jahr in Stille und Zufriedenheit für Mutter, Magd und Sohn. Auch Herr Leipolt gab sich um Walter Mühe, suchte wenigstens seine Freundschaft durch öfteres Überreichen von kleinen, für Knaben erfreulichen Ladenartikeln zu erwerben. Dennoch und obwohl Walter die Sachen annahm, liebte er den allzu höflichen Ladenmann gar nicht und wich ihm nach Kräften aus.
Am Ende des letzten Schuljahrs hatte die Mutter eine Unterredung mit dem Söhnlein, wobei sie zu erkunden suchte, ob er auch wirklich entschlossen und ohne Widerstreben damit einverstanden sei, nun Kaufmann zu werden. Sie traute ihm eher Neigung zu weiteren Schul- und Studienjahren zu. Aber der Jüngling hatte gar nichts einzuwenden und nahm es für recht und selbstverständlich hin, daß er jetzt ein Ladenlehrling werde. So sehr sie im Grunde darüber erfreut sein mußte und auch war, kam es ihr doch fast wie eine Art von Enttäuschung vor. Doch überwog das Gefühl der Beruhigung in ihr und sie sah Walters weiterer Zukunft ohne große Sorgen entgegen. Zwar gab es noch einen ganz unerwarteten Widerstand und ziemlich herben Streit, indem der Junge sich hartnäckig weigerte, seine Lehrzeit im eignen Hause unter Herrn Leipolt abzudienen, was das einfachste und für ihn auch weitaus das leichteste gewesen wäre und bei Mutter und Vormund längst für selbstverständlich gegolten hatte. Doch war das nur eine leichte Trübung. Die Mutter fühlte nicht ungern in diesem festen Widerstand etwas von ihrer eignen Art, sie gab am Ende nach und es wurde in einem andern Kaufhaus eine Lehrstelle für den Knaben gefunden.
Walter begann seine neue Tätigkeit mit dem üblichen Stolz und Eifer, wußte täglich viel davon zu erzählen und gewöhnte sich schon in der ersten Zeit einige bei den Gerbersauer Geschäftsleuten übliche Redensarten und Gesten an, die ihm vom Vater her im Blut lagen und zu denen die Mutter freundlich lächelte. Allein dieser fröhliche Anfang dauerte nicht sehr lange.
Schon nach kurzer Zeit wurde der Lehrling, der anfangs nur geringe Handlangerdienste tun oder zusehen durfte, zum Bedienen und Verkaufen am Ladentisch herangezogen, was ihn zunächst sehr froh und stolz machte, bald aber in einen schweren Konflikt führte. Kaum hatte er nämlich ein paarmal selbständig einige Kunden bedient, so deutete sein Lehrherr ihm an, er möge vorsichtiger mit der Wage umgehen. Walter war sich keines Versäumnisses bewußt und bat um eine genauere Anweisung.
„Ja, weißt du denn das nicht schon von deinem Vater her?“ fragte der Kaufmann.
„Was denn? Nein, ich weiß nichts,“ sagte Walter verwundert.
Nun zeigte ihm der Prinzipal, wie man beim Zuwägen von Salz, Kaffee, Zucker und dergleichen durch ein nachdrückliches letztes Zuschütten die Wage scheinbar zugunsten des Käufers niederdrücken müsse, indessen tatsächlich noch etwas am Gewicht fehle. Das sei schon deshalb notwendig, da man zum Beispiel am Zucker ohnehin fast nichts verdiene. Auch merke es ja niemand.
Walter war ganz bestürzt.
„Aber das ist ja unrecht,“ sagte er schüchtern.
Der Kaufmann belehrte ihn eindringlich, aber er hörte kaum zu, so überwältigend war ihm die Sache gekommen. Und plötzlich fiel ihm die vorige Frage des Prinzipals wieder ein. Mit rotem Kopf unterbrach er zornig dessen Rede und rief: „Und mein Vater hat das nie getan, ganz gewiß nicht.“
Der Herr war unangenehm erstaunt, unterdrückte aber klüglich eine heftige Zurechtweisung und sagte mit Achselzucken: „Das weiß ich besser, du Naseweis. Es gibt keinen vernünftigen Laden, wo man das nicht tut.“
Der Junge war aber schon an der Tür und hörte nicht mehr auf den Mann, der ihn scheltend und drohend zurückrief, sondern ging im hellen Zorn und Schmerz nach Hause, wo er durch sein Erlebnis und seine Klagen die Mutter in nicht geringe Bestürzung und Verlegenheit brachte. Sie wußte, mit welcher gewissenhaften Ehrerbietung er seinen Lehrherrn betrachtet hatte und wie sehr es seiner Art widerstrebte, Auffallendes zu tun und Szenen zu machen. Aber sie verstand Walter diesmal sehr gut und freute sich trotz aller augenblicklichen Sorge, daß sein empfindliches Gewissen stärker als Gewohnheit und Rücksicht gewesen war. Sie suchte nun zunächst selbst den Kaufmann auf und sprach beruhigend mit ihm, obwohl es ihr sauer wurde; dann mußte der Vormund zu Rate gezogen werden, dem nun wieder Walters Auflehnung und Entrüstung unbegreiflich war und der durchaus nicht verstand, daß ihm die Mutter auch noch recht gebe. Auch er ging zum Prinzipal und sprach mit ihm. Dann schlug er der Mutter vor, den Jungen ein paar Tage in Ruhe zu lassen, was auch geschah. Doch war dieser auch nach drei und nach vier und nach acht Tagen nicht zu bewegen, wieder in jenen Laden zu gehen. Und wenn wirklich jeder Kaufmann es nötig habe, zu betrügen, sagte er, so wolle er auch keiner werden.
Nun hatte der Vormund in einem etwas weiter talaufwärts gelegenen Städtchen einen Bekannten, der ein kleines Ladengeschäft betrieb und für einen Frömmler und Stundenbruder galt, als welchen auch er ihn gering geschätzt hatte. Diesem schrieb er in seiner Ratlosigkeit, und der Mann antwortete in Bälde, er halte zwar sonst keinen Lehrling, sei aber bereit, Walter einmal versuchsweise bei sich aufzunehmen. So ungern die Mutter den Jungen jetzt schon von Hause weggab, konnte sie doch nichts Ernstliches einwenden, und so wurde Walter nach Deltingen gebracht und jenem Kaufmann übergeben.
Der hieß Leckle und wurde in der Stadt „der Schlotzer“ geheißen, weil er in nachdenklichen Augenblicken seine Gedanken und Entschlüsse aus dem linken Daumen zu saugen pflegte. Davon abgesehen, war er zwar wirklich sehr fromm und Mitglied einer kleinen Sekte, aber darum kein schlechterer Kaufmann. Er machte sogar in seinem Lädchen vorzügliche Geschäfte und stand trotz seinem stets schäbigen Äußeren im Geruch eines sehr wohlhabenden Mannes. Er nahm Walter ganz zu sich ins Haus, und dieser fuhr dabei nicht übel; denn war der Schlotzer etwas knapp und krittlig, so war Frau Leckle eine sanfte Seele voll unnötigen Mitleids und suchte, soweit es in der Stille geschehen konnte, den Lehrling durch Trostworte und Tätscheln und gute Bissen nach Kräften zu verwöhnen. Vielleicht hätte er das lieber abgewiesen, aber dazu war er zu jung, auch machte ihn in der ersten Zeit das Heimweh schmiegsam und dankbar für ihre Zärtlichkeiten.
Im Leckleschen Laden ging es zwar genau und sparsam zu, aber nicht auf Kosten der Kunden, denen Zucker und Kaffee gut und vollwichtig zugewogen wurden. Walter Kömpff begann daran zu glauben, daß man auch als Kaufmann ehrlich sein und bleiben könne, und da es ihm an Geschick zu seinem Beruf nicht fehlte, kam er rasch vorwärts und war selten einem Verweis seines strengen Lehrpatrons ausgesetzt. Doch war die Kaufmannschaft nicht das einzige, was er in Deltingen zu lernen bekam. Der Schlotzer nahm ihn fleißig in die „Stunden“ mit, die manchmal sogar in seinem Hause stattfanden. Da saßen Bauern, Schneider, Bäcker, Schuster beisammen, bald mit, bald ohne Weiber, und suchten den Hunger ihres Geistes und ihrer Gemüter an Gebet, Laienpredigt und gemeinschaftlicher Bibelauslegung zu stillen. Zu diesem Treiben steckt im schwarzwälderischen Volk ein starker Zug, und es sind meistens die besseren und höher angelegten Naturen, die sich ihm anschließen. Außer gelegentlichen harmlosen Unfreundlichkeiten gegen Kirche und Pfarrer ist dabei auch noch selten etwas Schlimmes herausgekommen, und das mit den Fabriken um sich greifende moderne Übel der Verflachung und Seelenlosigkeit hat am Pietismus einen kräftigen und ehrenwerten Feind. Gerade in den Fabriken gibt es manche solche Fromme, die unter Spott und Mißachtung fest bleiben und täglich zu Helden und Märtyrern werden, wovor die aufgeklärten Großmäuler und Schwindelidealisten billig Respekt haben dürften.
Daß es unter diesen wacker strebenden Hungrigen des Geistes nicht an seltsamen und auch närrischen Brüdern fehlt, ist natürlich und schadet der Sache nichts. Immerhin gewann der junge Walter an einigen solchen Käuzen einen zweifelhaften Eindruck. Im ganzen war er, ob ihm auch das Bibelerklären manchmal zu viel wurde, diesem Wesen von Natur nicht abgeneigt und brachte es öfters zu wirklicher Andacht. Aber er war nicht nur sehr jung, sondern auch ein Gerbersauer Kömpff; als ihm daher nach und nach auch einiges Lächerliche an der Sache aufstieß und als er immer öfter Gelegenheit hatte, andre junge Leute sich über sie lustig machen zu hören, da wurde er mißtrauisch und hielt sich möglichst zurück. Wenn es auffällig und gar lächerlich war, zu den Stundenbrüdern zu gehören, so war das nichts für ihn, dem trotz allen widerstrebenden Regungen das Verharren im Üblichen und bürgerlich Hergebrachten ein unbewußtes, aber desto tieferes Bedürfnis war. Immerhin blieb von dem Stundenwesen und vom Geist des Leckleschen Hauses genug an ihm hängen.
Er hatte sich schließlich sogar so eingewöhnt, daß er nach Abschluß seiner Lehrzeit sich scheute, fortzugehen und trotz allen Mahnungen des Vormundes noch zwei volle Jahre bei dem Schlotzer blieb. Viel trug es auch zu seinem dortigen Wohlsein bei, daß er von Deltingen aus mindestens einmal im Monat für einen Sonntag heimfahren und bei der Mutter sein konnte.
Endlich nach zwei Jahren gelang es dem Vormund, ihn zu überzeugen, daß er notwendig noch ein Stück Welt und Handelschaft kennen lernen müsse, um später einmal sein eigenes Geschäft führen zu können. So ging denn Walter am Ende in die Fremde, ungern und zweifelnd, nachdem er zuvor seine Militärzeit abgedient hatte. Ohne diese rauhe Vorschule hätte er es vermutlich nicht lange im fremden Leben draußen ausgehalten. Auch so ging es ihm noch kunterbunt genug und fiel es ihm nicht leicht, sich durchzubringen. An sogenannten guten Stellen fehlte es ihm freilich nicht, da er überall mit guten Empfehlungen ankam. Aber innerlich hatte er viel zu schlucken und zu flicken, um sich oben zu halten und nicht davonzulaufen. Zwar mutete ihm niemand mehr zu, beim Wägen zu mogeln, denn er war nun meist in den Kontors großer Geschäfte tätig, aber wenn auch keine beweisbaren Unredlichkeiten geschahen, kam ihm doch der ganze Umtrieb und Wettbewerb ums Geld oft unleidlich roh und grausam und nüchtern vor, besonders da er nun keinen Umgang mehr mit Leuten von des Schlotzers Art hatte und nicht wußte, wo er die unklaren Bedürfnisse seiner Phantasie befriedigen sollte.
Trotzdem biß er sich durch, arbeitete treulich und lernte viel, und fand sich allmählich mit müde gewordener Ergebung darein, daß es nun einmal so sein müsse, daß auch sein Vater es nicht besser gehabt habe und daß alles mit Gottes Willen geschehe. Die geheime, sich selber nicht verstehende Sehnsucht nach der Freiheit eines klaren, in sich begründeten und befriedigten Lebens starb allerdings niemals ganz in ihm ab, nur wurde sie stiller und glich ganz jenem seinen, stetigen Schmerze, mit dem jeder tiefer veranlagte Mensch am Ende der Jünglingsjahre sich in die Ungenüge des Lebens findet und in dem die reifende Manneswürde oft ihre tiefsten Wurzeln stecken hat.
Seltsam war es nun, daß es wieder die größte Mühe kostete, ihn nach Gerbersau zurückzubringen. Anfänglich hatte ihn zwar in Köln, wo er damals lebte, eine Verliebtheit festgehalten. Allein das Mädchen, um das er sich Mühe gab, wollte nichts von ihm wissen und hätte wohl auch schlecht zu ihm gepaßt. Sie verlobte sich mit einem Einheimischen, und Kömpff hätte allen Grund gehabt, sich jetzt zur Mutter und in die Heimat zu flüchten, da es um seine innere Festigkeit und Lebensfreude übel bestellt war. Dennoch und obwohl er einsah, daß es sein Schade sei, das heimische Geschäft länger als nötig in fremder Pacht zu lassen, wollte er durchaus nicht heimkommen. Es war nämlich, je näher diese Notwendigkeit ihm rückte, eine wachsende und zuletzt fast verzweifelte Angst in ihn gefahren. Wenn er erst einmal im eignen Haus und Laden saß, sagte er sich, dann gab es vollends kein Entrinnen mehr. Es graute ihm davor, nun auf eigne Rechnung Geschäfte zu treiben, da er zu wissen glaubte, daß das die Leute schlecht mache. Wohl kannte er manche große und kleine Handelsleute, die durch Rechtlichkeit und edle Gesinnung ihrem Stand Ehre machten und ihm verehrte Vorbilder waren; aber das waren sämtlich kräftige, scharfe Persönlichkeiten, denen Achtung und Erfolg von selbst entgegenzukommen schienen, und soweit kannte sich Kömpff, daß er wußte, diese Kraft und Einheitlichkeit gehe ihm völlig ab.
Fast ein Jahr lang zog er die Sache hin. Dann mußte er wohl oder übel kommen, denn Leipolts schon einmal verlängerte Pachtzeit war nächstens wieder abgelaufen, und dieser Termin konnte ohne erheblichen Verlust nicht versäumt werden.
Er gehörte schon nicht mehr ganz zu den Jungen, als er gegen Wintersanfang mit seinem Koffer in der Heimat anlangte und das Haus seiner Väter in Besitz nahm. Äußerlich glich er nun fast ganz seinem Vater, wie derselbe zur Zeit seiner Verheiratung ausgesehen hatte. In Gerbersau wußte auch außer seiner Mutter niemand, wie es nun bei ihm aussah, und so nahm man ihn überall mit der ihm zukommenden freundlichen Achtung als den heimkehrenden Erben und Herrn eines respektabeln Hauses und Vermögens auf, und Kömpff fand sich leichter, als er gedacht hatte, in die Rolle eines wohlgeschätzten und ehrenwerten Jungbürgers. Die Freunde seines Vaters gönnten ihm wohlwollende Grüße und hielten darauf, daß er sich ihren Söhnen anschließe. Die ehemaligen Schulkameraden schüttelten ihm die Hand, wünschten ihm Glück und führten ihn an die Stammtische im Hirschen und im Anker ein. Überall fand er durch das Vorbild und Gedächtnis seines Vaters nicht nur einen Platz offen, sondern auch einen unausweichlichen Weg vorgezeichnet und wunderte sich nur zuweilen, daß ihm ganz dieselbe Wertschätzung wie einst dem Vater zufiel, während er fest überzeugt war, daß jener ein ganz andrer Kerl gewesen sei und sich seiner vielleicht jetzt schämen würde.
Da Herrn Leipolts Pachtzeit schon in sechs Wochen abgelaufen war, hatte Kömpff in dieser ersten Zeit vollauf zu tun, sich mit den Büchern und dem Inventar bekannt zu machen, mit Leipolt abzurechnen und sich bei Lieferanten und Kunden einzuführen. Er konnte nachrechnen, daß der Pächter sich in all den Jahren ein kleines Vermögen erworben habe, das er ihm aber gönnte denn er fand das Geschäft in guter Ordnung und leidlicher Blüte. Er saß oft nachts noch über den Büchern und war im stillen froh, gleich so viel Arbeit angetroffen zu haben, denn er vergaß darüber zunächst die tiefersitzenden Sorgen und konnte sich, ohne daß es auffiel, noch eine Zeitlang den Fragen der Mutter entziehen. Er fühlte wohl, daß für ihn wie für sie ein gründliches Aussprechen notwendig sei, und das schob er gern noch hinaus. Im übrigen begegnete er ihr mit einer ehrlichen, etwas verlegenen Zärtlichkeit, denn es war ihm plötzlich wieder klar geworden, daß sie doch der einzige Mensch in der Welt sei, der zu ihm passe und ihn verstehe und in der rechten Weise liebhabe.
Als endlich alles im Gange und der Pächter abgezogen war, als Walter die meisten Abende und auch den Tag über manche halbe Stunde bei der Mutter saß, erzählte und sich erzählen ließ, da kam ganz ungesucht und ungerufen auch die Stunde, in der Frau Kornelie sich das Herz ihres Sohnes erschloß und wieder wie zu seinen Knabenzeiten seine etwas scheue und unstete Seele offen vor sich sah. Mit wunderlichen Empfindungen fand sie ihre alte Ahnung bestätigt: ihr Sohn war, allem Anschein zum Trotz, im Herzen kein Kömpff und kein Kaufmann geworden, er stak nur, innerlich ein Kind geblieben, in der aufgenötigten Rolle und ließ sich verwundert treiben, ohne daß er lebendig mit dabei war. Er konnte rechnen, buchführen, einkaufen und verkaufen wie ein andrer, aber es war eine erlernte, unwesentliche Fertigkeit. Und nun hatte er die doppelte Angst, entweder seine Rolle schlecht zu spielen und dem väterlichen Namen Unehre zu machen, oder am Ende in ihr zu versinken und schlecht zu werden und seine Seele ans Geld zu verlieren.
Es kam nun eine lange Reihe von stillen Jahren. Herr Kömpff merkte allmählich, daß die ehrenvolle Aufnahme, die er in der Heimatstadt gefunden hatte, zu einem Teil auch seinem ledigen Stande galt. Daß er trotz vielen Verlockungen älter und älter wurde, ohne zu heiraten, war — wie er selbst mit schlechtem Gewissen fühlte — ein entschiedener Abfall von den hergebrachten Regeln der Stadt und des Hauses. Doch vermochte er nichts dawider zu tun. Auch nachdem der Schmerz um jene frühere Liebe still geworden und eingeschlafen war, ging es nicht besser. Denn nun ergriff ihn mehr und mehr eine peinliche Scheu vor allen wichtigen Entschlüssen. Er mußte fast lachen, wenn er bedachte, daß er eigentlich nun heiraten sollte. Er hatte zu sorgen genug, wie sollte er auch noch ein Familienherr und Vater werden mögen! Wie hätte er seine Frau und gar die Kinder behandeln sollen, er, der sich selber oft wie ein Knabe vorkam mit seiner Herzensunruhe und seinem mangelnden Zutrauen zu sich selber? Manchmal, wenn er am Stammtisch in der Honoratiorenstube seine Altersgenossen sah, wie sie auftraten und sich selber und einer den andern ernst nahmen, wollte es ihn wundern, ob diese wirklich alle in ihrem Innern sich so sicher und männlich gefestigt vorkamen, wie es den Anschein hatte. Und wenn das war, warum nahmen sie ihn dann ernst und warum merkten sie nicht, daß es mit ihm ganz anders stand?
Solche Fragen kamen ihm zuweilen. Aber es dachte kein Mensch daran, ihn etwa nicht für voll zu nehmen und seinem bürgerlich biederen Aussehen und Auftreten irgend zu mißtrauen. Und doch war er in vielem geradezu ein Kind. Obwohl vielleicht in sechs, acht Jahren man ihn gewiß in den Gemeinderat wählen würde, schien ihm das doch unmöglich und lächerlich und kam ihm diese Ehre immer ebenso seltsam, großartig und entlegen vor wie damals, als er noch in die Schule ging und mit Ehrerbietung und Erstaunen davon reden hörte, sein Vater käme vielleicht das nächste Jahr in den Gemeinderat — lieber Gott! Sie hätten ihn ebensogut zum Papst machen können. Es schien ihm, als spielten alle Leute Komödie.
So hätte er das seltsame Schauspiel eines geachteten, wohlhabenden Bürgers gewährt, dem auf der Welt nichts mangelt als die Hauptsache, nämlich das Zutrauen zu sich selber. Doch sah das niemand, kein Kunde im Laden und kein Kollege und Kamerad auf dem Markt oder beim Schoppen, außer der Mutter. Diese mußte ihn freilich genau kennen, denn bei ihr saß das große Kind immer wieder, klagend, Rat haltend und fragend, und sie beruhigte ihn und beherrschte ihn, ohne es zu wollen. Die Holderlies aber nahm bescheiden daran teil. Die drei merkwürdigen Leute, wenn sie abends beisammen waren, sprachen ungewöhnliche Dinge miteinander. Sein immerfort unruhiges Gewissen trieb den Kaufmann auf neue und wieder neue Fragen und Gedanken, über die man zu Rate saß und aus der Erfahrung und aus der Bibel Aufschlüsse suchte und Anmerkungen machte. Der Mittelpunkt aller Fragen war der Übelstand, daß Herr Kömpff nicht glücklich war und es gern gewesen wäre.
Ja, wenn er eben geheiratet hätte, meinte die Lies seufzend. O nein, bewies aber der Herr, wenn er geheiratet hätte, wäre es eher noch schlimmer; er wußte viele Gründe dafür. Aber wenn er etwa studiert hätte, oder er wäre Schreiber oder ein Handwerker geworden. Da wäre es so und so gegangen. Und der Herr bewies, daß er dann wahrscheinlich erst recht im Pech wäre. Man probierte es mit dem Schreiner, Schullehrer, Pfarrer, Arzt, aber es kam auch nichts dabei heraus.
„Und wenn es auch vielleicht ganz gut gewesen wäre,“ schloß er traurig, „es ist ja doch alles anders und ich bin Kaufmann wie der Vater.“
Zuweilen erzählte Frau Kornelie vom Vater. Davon hörte er immer gern. ‚Ja, wenn ich ein Mann wäre, wie der einer gewesen ist!‘ dachte er dabei und sagte es auch bisweilen. Darauf lasen sie ein Bibelkapitel oder auch irgend eine Geschichte, die man aus der Bürgervereinsbibliothek da hatte. Und die Mutter zog Schlüsse aus dem Gelesenen und sagte: „Man sieht, die wenigsten Leute treffen es im Leben gerade so, wie es gut für sie wäre. Es muß jeder genug durchmachen und leiden, auch wenn man’s ihm nicht ansieht. Der liebe Gott wird es schon wissen, zu was es gut ist, und einstweilen muß man es eben auf sich nehmen und Geduld haben.“
Dazwischen trieb Walter Kömpff seinen Handel, rechnete und schrieb Briefe, erschien als ruhiger Gast an den regelmäßigen Wochenabenden, machte da und dort einen Besuch und ging in die Kirche, alles pünktlich und ordentlich, wie es das Herkommen erforderte. Im Lauf der Jahre schläferte ihn das auch ein wenig ein, doch niemals ganz; in seinem Gesicht stand immer etwas, das einem verwunderten und bekümmerten Sichbesinnen ähnlich sah.
Seiner Mutter war anfangs dies Wesen ein wenig beängstigend. Sie hatte gedacht, er würde vielleicht noch weniger zufrieden, aber mannhafter und entschiedener werden. Dafür rührte sie wieder die gläubige Zuversicht, mit der er an ihr hing und nicht müde wurde, alles mit ihr zu teilen und gemeinsam zu haben. Und wie die Zeiten dahinliefen und alles im Gleichen blieb, gewöhnte sie sich völlig daran und fand nicht viel Besonderes und Beunruhigendes mehr an seinem bekümmerten und ziellosen Wesen.
So stand es und so blieb es. Walter Kömpff war nun nahe an vierzig und hatte nicht geheiratet und sich wenig verändert. In der Stadt ließ man sein etwas zurückgezogenes Leben als eine Junggesellenschrulle hingehen und wußte glücklicherweise nicht, wie eigentümlich es in der großen Vorderstube seines Hauses an den stillen Abenden aussah, an denen er mit den beiden alten Frauen seine ernsten Beratungen hielt und auf die Mutter hörte wie ein Zehnjähriger. Daß in dies resignierte Leben noch eine Änderung kommen könnte, hatte er nie gedacht.
Sie kam aber plötzlich, indem Frau Kornelie, deren langsames Altern man kaum bemerkt hatte, auf einem kurzen Krankenlager vollends ganz weiß wurde, sich wieder aufraffte und wieder erkrankte, um nun schnell und still zu sterben. Am Totenbette, von dem der Herr Stadtpfarrer eben weggegangen war, standen der Sohn und die alte Magd.
„Lies, geh hinaus,“ sagte Herr Kömpff.
„Ach, aber lieber Herr —!“
„Geh hinaus, sei so gut!“
Sie ging hinaus und saß ratlos in der Küche. Nach einer Stunde klopfte sie, bekam keine Antwort und ging wieder. Und wieder kam sie nach einer Stunde und klopfte vergebens. Sie klopfte noch einmal.
„Herr Kömpff! O Herr!“
„Sei still, Lies!“ rief es von drinnen.
„Sei still, Lies. Iß du nur!“
„Und Sie nicht?“
„Ich nicht. Laß jetzt gut sein! Gute Nacht!“
„Ja, darf ich denn gar nimmer hinein?“
„Morgen dann, Lies.“
Sie mußte davon abstehen. Aber nach einer schlaflosen Kummernacht stand sie morgens schon um fünf Uhr wieder da.
„Herr Kömpff!“
„Ja, was ist?“
„Soll ich gleich Kaffee machen?“
„Wie du meinst.“
„Und dann, darf ich dann hinein?“
„Ja, Lies.“
Sie kochte ihr Wasser und nahm die zwei Löffel gemahlenen Kaffee und Zichorie, ließ das Wasser durchlaufen, trug Tassen auf und schenkte ein. Dann kam sie wieder.
Er schloß auf und ließ sie hereinkommen. Sie kniete ans Bett und sah die Tote an und rückte ihr die Tücher zurecht. Dann stand sie auf und sah nach dem Herrn und besann sich, wie sie ihn anreden solle. Aber wie sie ihn ansah, kannte sie ihn kaum wieder. Er war blaß und hatte ein schmales Gesicht und machte große merkwürdige Augen, als wollte er einen durch und durch schauen, was sonst gar nicht in seiner Art war.
„Sie sind gewiß nicht wohl, Herr —“
„Ich bin ganz wohl. Wir können ja jetzt Kaffee trinken.“
Das taten sie, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Aber der Lies schien es durchaus nötig, daß das große Unglück auch beredet werde, schon weil es ihr mißfiel und gefährlich vorkam, daß ihr Herr seinen ganzen Schmerz und Schrecken in sich verschloß. Also fing sie nach einigem Warten wieder an:
„Unsere liebe, arme Frau! Ja, Herr Kömpff, das ist ein schwerer Schlag für uns.“
Sie sagte erst seit gestern „Herr Kömpff“ zu ihm, bisher hatte er für sie „Herr Walter“ geheißen.
Er gab keine Antwort.
„Lieber Gott,“ fing sie nochmals an, „und so schnell ist es gegangen, kein Mensch hat daran gedacht. Es ist ja gut für sie. Wenn sie auch noch lang hätte leiden müssen! Aber für uns ist es doch schrecklich traurig.“
„Ja, Lies.“
„Nicht wahr? Und sie war auch noch gar nicht so besonders alt. Du liebe Zeit, vierundsechzig! Das ist doch noch lang kein hohes Alter, Herr Kömpff.“
Er blickte sie mit seinen großen, veränderten Augen an.
„Jesus, was fehlt Ihnen?“ rief sie bestürzt.
„Nichts, Lies. Aber du gehst jetzt hinaus und läßt mich in Ruhe.“
Den ganzen Tag, während die Leichenfrau da war und die Tote besorgte, saß er allein in der Stube. Es kamen ein paar Trauerbesuche, die er sehr ruhig empfing und sehr bald und kühl wieder verabschiedete, ohne daß er jemand die Tote sehen ließ. Nachts wollte er wieder bei ihr wachen, schlief aber auf dem Stuhle ein und wachte erst gegen Morgen auf. Erst jetzt fiel es ihm ein, daß er sich schwarz anziehen müsse. Er holte selber den Gehrock aus dem Kasten. Abends war die Beerdigung, wobei er nicht weinte und sich sehr ruhig benahm. Desto aufgeregter war die Holderlies, die in ihrem weiten Staatskleid und mit rotgeweintem Gesicht den Zug der Weiber anführte. Über das nasse Sacktuch weg äugte sie fortwährend, vor Tränen blinzelnd, nach ihrem Herrlein hinüber, um das sie Angst hatte. Sie fühlte gut, daß dieses kalte und ruhige Gebaren nicht aus seinem inneren Wesen kam und daß die trotzige Verschlossenheit und Einsiedlerei ihn verzehren müsse.
Doch gab sie sich vergebens Mühe, ihn seiner Erstarrung zu entreißen. Er saß daheim am Fenster oder lief ruhelos durch die Zimmer. An der Ladentür verkündete ein Zettel, daß das Geschäft für drei Tage geschlossen sei. Es blieb aber auch am vierten und fünften Tag zu, bis einige Bekannte ihn dringend mahnten.
Kömpff stand nun wieder hinter dem Ladentisch, wog, rechnete und nahm Geld ein, aber er tat es, ohne dabei zu sein. An den Abenden der Bürgergesellschaft und der Hirschengäste erschien er nicht mehr und man ließ ihn gewähren, da er ja in Trauer war. In seiner Seele war es leer und still. In der ersten Verzweiflung nach dem Tod der Mutter hatte es ihn stark gelüstet, sich in einer dunkeln Bodenkammer aufzuhängen. Denn wie sollte er nun leben? Eine tödliche Ratlosigkeit hielt ihn wie ein Krampf bestrickt, er konnte nicht stehen noch fallen, sondern fühlte sich ohne Boden im Leeren schweben. Daß er die Kammer mied und den Strick unberührt ließ, geschah ohne Überlegung aus einer verborgen fortwirkenden Gewissenhaftigkeit, über die er nicht Herr war.
Nach einiger Zeit begann es ihn unruhig zu treiben; er fühlte, daß irgend etwas geschehen müsse, nicht von außen her, sondern aus ihm selbst heraus, um ihn zu befreien. Damals fingen nun auch die Leute an, etwas zu merken, und die Zeit begann, in der Walter Kömpff zum bekanntesten und meistbesprochenen Mann in Gerbersau wurde.
Wie es scheint, hatte der sonderbare Kaufmann in diesen Zeiten, da er sein Leben erobern wollte und sein Schicksal der Reife nahe fühlte, ein starkes Bedürfnis nach Einsamkeit und ein Mißtrauen gegen sich selbst, das ihm gebot, sich von gewohnten Einflüssen zu befreien und sich gewissermaßen eine eigne, abschließende Atmosphäre zu schaffen. Wenigstens fing er nun an, die beiden Wirtshausabende zu meiden; anfänglich entschuldigte er sich noch bei seinen Herren Freunden, dann hörte auch dieses auf, und man begann ihn für einen unfeinen Bruder zu halten. Schlimmer war, daß er um dieselbe Zeit die treue Holderlies zu entfernen suchte.
„Vielleicht kann ich dann die selige Mutter eher vergessen,“ sagte er und bot der Lies ein beträchtliches Geschenk an, daß sie in Frieden abgehe. Die alte Dienerin lachte jedoch nur und erklärte, sie gehöre nun einmal ins Haus und werde auch bleiben. Sie wußte gut, daß ihm nicht daran gelegen war, seine Mutter zu vergessen, daß er vielmehr ihrem Andenken stündlich nachhing und keinen geringsten Gegenstand vermissen mochte, der ihn an sie erinnerte. Und vielleicht verstand die Holderlies ihres Herrn Gemütszustände ahnungsweise schon damals; jedenfalls verließ sie ihn nicht, sondern sorgte mütterlich für sein verwaistes Hauswesen und half ihm auch das Gedächtnis der Hingegangenen redlich pflegen.
Es muß nicht leicht für sie gewesen sein, in jenen Tagen bei dem Sonderling auszuharren. Walter Kömpff begann damals zu fühlen, daß er zu lange das Kind seiner Mutter geblieben war. Stürme, die ihn nun bedrängten, waren schon jahrelang in ihm gewesen, und er hatte sie dankbar von der Mutterhand beschwören und besänftigen lassen. Jetzt schien ihm aber, es wäre besser gewesen, beizeiten zu scheitern und neu zu beginnen, statt erst jetzt, da er nicht mehr bei Jugendkräften und durch jahrelange Gewohnheit hundertfach gefesselt und gelähmt war. Seine Seele verlangte so leidenschaftlich wie jemals nach Freiheit und Gleichgewicht, aber sein Kopf war der eines Kaufmanns und sein ganzes Leben lief eine feste, glatte Bahn abwärts und er wußte keinen Weg, aus diesem sicheren Gleiten sich auf neue, bergan führende Pfade zu retten.
Und während er mit zärtlicher Trauer jede Erinnerung an die gestorbene Mutter wach erhielt und innig am Herzen hegte, schämte er sich dieser Treue und hielt sich täglich vor, wie notwendig es ihm sei, von heute an ein eignes Leben zu führen und keine Stimme mehr zu lieben und zu hören als das Schreien seines vereinsamten Herzens nach Rast und Erlösung.
In seiner Not besuchte er mehrmals die abendlichen Versammlungen der Pietisten. Eine Ahnung des Trostes und der Erbauung wachte dort zwar in ihm auf, doch mißtraute er heimlich der inneren Wahrhaftigkeit dieser Männer, die oft ganze Abende mit unendlich kleinlichen Versuchen einer untheologischen Bibelauslegung verbrachten, viel verbissenen Autodidaktenstolz an den Tag legten und selten recht einig untereinander waren. Es mußte eine Quelle des Vertrauens und der Gottesfreude geben, eine Möglichkeit der Heimkehr zur Kindeseinfalt und in Gottes Arme; aber hier, meinte er, war sie nicht. Die Redner und Gäste dieser Versammlungen waren alle ehrenwerte, redliche Menschen, aber sie hatten doch alle, schien ihm, irgend einmal einen Kompromiß geschlossen und hielten in ihrem Leben eine irgend einmal angenommene Grenze zwischen Geistlichem und Weltlichem inne. Eben das hatte Kömpff selber sein Leben lang getan, und eben das hatte ihn müde und traurig gemacht und ohne Trost gelassen.
Das Leben, das er sich dachte, müßte in allen kleinsten Regungen Gott hingegeben und von herzlichem Vertrauen erleuchtet sein. Er wollte keine noch so geringe Tätigkeit mehr verrichten, ohne dabei mit sich und mit Gott einig zu sein. Und er wußte genau, daß dies süße und heilige Gefühl ihm bei Rechnungsbuch und Ladenkasse niemals zuteil werden könne. In seinem Sonntagsblättlein las er zuweilen von großen Laienpredigern und gewaltigen Erweckungen in Amerika, in Schweden oder Schottland, von Versammlungen, in denen Dutzende und Hunderte, vom Blitz der Erkenntnis getroffen, sich gelobten, fortan ein neues Leben im Geist und in der Wahrheit zu führen. Bei solchen Berichten, die er mit Sehnsucht verschlang, hatte Kömpff ein Gefühl, als steige Gott selber zuzeiten auf die Erde herab und wandle unter den Menschen, da oder dort, in manchen Ländern, aber niemals hier, aber niemals in seiner Nähe.
Die Holderlies erzählte, er habe damals jämmerlich ausgesehen. Sein gutes, ein wenig kindliches Gesicht wurde mager und scharf, die Falten tiefer und härter. Auch ließ er, der bisher das Gesicht glatt getragen hatte, jetzt den Bart ohne Pflege stehen, einen dünnen, farblos blonden Bart, um den ihn die Buben auslachten. Nicht weniger vernachlässigte er seine Kleidung, und ohne die zähe Fürsorge der bekümmerten Magd wäre er schnell vollends zum Kindergespött geworden. Den ölfleckigen alten Ladenrock trug er meistens auch bei Tisch und auch abends, wenn er auf seine langen Spaziergänge ausging, von denen er oft erst gegen Mitternacht heimkam.
Nur den Laden ließ er nicht verkommen. Das war das letzte, was ihn mit der früheren Zeit und mit dem Althergebrachten verband, und er führte seine Bücher peinlich weiter, stand selber den ganzen Tag im Geschäft und bediente. Freude hatte er nicht daran, obwohl die Geschäfte erfreulich gingen. Aber er mußte eine Arbeit haben, er mußte sein Gewissen und seine Kraft an eine feste, immerwährende Pflicht binden, sonst hätte ihn das planlose Suchen und Sehnsuchtleiden verzehrt. Auch wußte er genau, daß mit dem Aufgeben seiner gewohnten Tätigkeit ihm die letzte Stütze entgleiten und er rettungslos den Mächten verfallen würde, die er nicht weniger fürchtete als verehrte.