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Nachtgespräche

Chapter 11: Heimat
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About This Book

A night train breakdown strands a narrator and a group of strangers who, taking refuge in a small village house, agree to conceal identities and pass the hours by sharing personal stories. The framed tales range from a rural account of communal panic and economic anxiety to vivid portrayals of longing, dance, and fleeting freedom; other narratives sketch social tensions, private regrets, and moments of unexpected solidarity. Together the assembled voices form a mosaic of lives intersecting by chance, exploring how temporary intimacy and storytelling can expose inner yearnings and the moral complexities of ordinary existence.

Klarisse war aus ihrem Gleichgewicht geworfen. Sie fürchtete, der Lärm von Vefis Stimme könne auf die Straße dringen, und suchte nur nach dem rechten Wort zu einem würdevollen Abgang.

»Sie sind so leichtsinnig und unvernünftig, daß Sie mir leid tun. Wenn Sie sich's aber noch einmal überlegen sollten ...«

Die Bäuerin ließ sie nicht zu Ende kommen.

»Da kunnts warten bis af'n Nimmermehrstag.«

Und, da das Fräulein unentschlossen dastand:

»Hiaz will i endli mei' Ruh' hab'n.«

Sie rannte zur Tür, riß sie auf: »Schauts, daß aussikimmts!« Sie machte eine deutliche Bewegung.

Mit einem verächtlichen Achselzucken verließ Klarisse den Raum. Da flog ihr raschelnd etwas um den Kopf. Es war das blaue Schreibheft, das ihr die Vefi nachgeworfen hatte.

»Nehmt dös a mit!« schrie sie höhnisch.

Dann ging sie in die Wirtsstube zurück, ergriff die Bürste und begann den Schenktisch wütend zu bearbeiten.

Plötzlich ließ sie die Hände sinken, warf den Körper auf die feuchte Platte, barg das Gesicht in beide Arme und heulte laut vor Zorn, Heimweh und jäh erwachter Angst um ihre Zukunft.

›A lustigs Stückl‹ hatte der Aloys uns versprochen. Mich verfolgte, während ich ihm zuhörte, das Dichterwort: In jeder Trennung steckt ein Keim von Wahnsinn. Ungeweckte Seelen, dachte ich. Ihre Einfalt ist noch unzerspalten. Ja ist Ja und Nein ist Nein. Redlichkeit und Treue sind die Frucht ihrer Instinkte. Sie sind wie Pflanzen, die nur gedeihen im Mutterboden. Herausgerissen, in fremde Erdreiche geworfen, entarten sie. Sie welken. Ich gedachte Iwans Abenteuer auf dem Gut der ostpreußischen Freunde. Ich fragte: Darf ich? Man erteilte mir das Wort.

Wirkung in die Ferne

Gegen Abend fing es an zu schneien. Ganz langsam und bedächtig. Die großen Flocken schienen zuweilen stehenzubleiben in der regungslosen Luft, ehe sie sich niedersenkten und die Erde sanft berührten. Binnen kurzem war das Landschaftsbild verändert. Der Schnee warf auf die kahlen Wiesen und entblößten Wälder einen fleckenlosen weißen Mantel, unter dessen schimmernden Falten das Auf und Ab der Hügel sich verflachte, so daß die welligen Bewegungen des Bodens zu einer Ebene geglättet schienen, die sich geheimnisvoll in die Unendlichkeit verlor.

Iwan Michailow war auf die Landstraße getreten und starrte in die weiße helle Fläche. Im Sommer in Gefangenschaft geraten und dem ostpreußischen Besitzer als Landarbeiter zugewiesen, erlebte er den ersten Schneefall auf dem ermländischen Gut. Er dachte: Nun werden sie zu Hause auch schon Winter haben.

Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der Richtung zu, in der sich allmorgendlich die Sonne zeigte. Wer doch Flügel hätte!

Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch gemacht, zu Fuß die Grenze zu erreichen. Heilige Mutter Gottes, in was für einem Zustand hatte man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert, verprügelt und verhungert. Wie die Wölfe waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit hergefallen, sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt. Jammervoll, wie sie erkrankten.

Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in das kleine Haus zurück, in dem er mit seinen Kameraden wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen Decke tief herunterreichte, saßen neun Männer auf Holzbänken um einen schmalen Tisch beim Abendessen. Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite, in manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten Neige ausgelöffelt. Nicht daß die Leute übersatt gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein standhaftes Gedächtnis, er verschmähte immer noch die fremde Kost und malte ihnen, mit der Übertreibung eines Dichters, die Tafelfreuden der Vergangenheit. Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre Schwermut in die Klänge einer Ziehharmonika, der lange Jakow blies die Glut im Ofen an und fütterte sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders prasselten daheim die Scheiter in dem Bauch des Kachelofens, wie schmorte man, auf die Ofenbank gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen gingen ihnen über, seufzend streckten sie sich auf die Diele, unausgekleidet, in ihre Decke eingewickelt.

Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in das Herrenhaus zu tragen. Er war bevorzugt, dort zu der Hintertür ein- und auszugehen und Hilfedienste zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er hatte den entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige Perücken aufgesetzt und überpuderte auch Iwans Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge Gutsherr saß darin mit seiner hübschen jungen Frau unter der Hängelampe, die mit einem gelben Seidenschirm verschleiert war, sie hielten sich umschlungen und lasen aus demselben Buche.

Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift, das, genossen, die Eingeweide auseinanderschneidet. O Katinka! ein Tränenkloß erstickte ihm die Kehle, seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen Armen halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen mit dir anzufangen. Er hatte Mühe, nicht herauszuheulen.

In der Küche war noch Lärm und Bewegung. Die Köchin rührte irgend etwas auf der heißen Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum Sonntagskuchen, ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte den Vorrat der enthäuteten Kartoffeln, die sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten Kübel warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd scheuerte an Holzgefäßen; und über diesem Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich die schrille Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes mit einem Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den Anschein eines ausbrechenden Streites gab.

Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den Flur zurückgezogen. Sie packte Äpfel, die versendet werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes Stück wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden zu bewahren. Sie wehrte Iwan nicht, daß er sich einen Schemel hole, um ihr beizustehen.

Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung angetreten. Ihr, der Königsbergerin, des Polnischen unkundig, der einzigen, der Verständigung mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am liebsten zu. Er meinte, daß sie seiner Katja gleiche; nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so blond, dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund ... Iwan konnte ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack von Katjas Lippen auf den seinigen zu fühlen.

Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den Bräutigam gemahnt, der vor Ypern in die Hand der Engländer geraten war. Anton war wohl dunkler, untersetzter, auch viel selbstbewußter als der schlanke Bursche mit dem wehmütigen traurigen Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen beim Eintreten von Iwan glaubte, die Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung ihres beherrschenden Gedankens fanden, die Zahl der Worte, die sie tauschen konnten, war überhaupt eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre Lieder abgelauscht. Ob sie von Scheiden, Vergißnichtmein und kühler Mühle sang, ob er vom Ringlein und der Saronrose, stets fiel der andere mit der zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren denn die Melodien nicht alle auf der gleichen Unterlage aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten, zur Unerbittlichkeit der Liebe, zu den Stürmen der Geschlechtlichkeit?

Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger schafften. Es war schummrig in ihrem Arbeitswinkel, der nur aus der Küche Helligkeit empfing; das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft der Äpfel drang ihnen berauschend in die Nase, er mischte sich mit dem tierischen Geruch ihrer jungen Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska. In Iwan schrie es »Katinka«. Ihr Verlangen, das sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten, sonderte sie von den anderen ab wie eine Mauer.

Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan wurde ausgesperrt. Er machte wieder einen Umweg durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht. Iwan stöhnte auf; im Drang, irgend etwas zu umarmen, umklammerte er einen Baum und preßte sich an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein Klumpen Schnee hinunter. Iwan erschrak, er ergriff die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender schlug ihm in der Russenschlafstelle entgegen, auch war sein Platz am Fenster so geschmälert, daß er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen. Er zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan, im Pferdestall zu übernachten. Unter der braunen Stute kroch er in das Stroh, sie beschnupperte ihn zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren.

Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das Pferdeschnauben, links ein gedämpftes Grunzen aus den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen machte ihm die kalte Fremde um so qualvoller bewußt. Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen, verzweifelte er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung zu überleben; wie von einem Berg war sein Herz von Traurigkeit verschüttet, seine Sehnsucht flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen Kosenamen, bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte.

Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können. Der Vielbeschäftigten gebrach es meist an Muße, um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren seltene Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor und eine Unruhe zu ihrem Liebsten ihr das Blut verbrannte, eine Auflehnung gegen die Grausamkeit, ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten. Eine solche Stimmung hatte ihr heute die Müdigkeit verscheucht. Sie holte Antons Karten, die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an sie gelangten, doch an den kargen, eingezäumten Worten kühlte sich ihr Fieber nicht.

Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom Wirtschaftshof her zu ihr drang, brachte sie der Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas Liebling, hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen war ihr sofort weggenommen worden, weil es, laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter und rief das Menschenmitleid an. Franziska, der vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie schlüpfte in die Schuhe, warf den Mantel über und tappte bei der Führung der Laterne durch den Schnee. Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann sie sich nicht lange, die militärische Verordnung zu umgehen; sie hob das Neugeborene aus dem Verschlag, in dem es zitternd und klagend nach der Erfüllung der betrogenen Instinkte suchte, und legte es der Mutter an den vollen Euter. Als sie das Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es wieder auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen Aufenthalt verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes ein, zog ihren Finger in sein zartes Mäulchen und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit fortzusetzen, daran zu lutschen.

Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit, die Wärme, die aus seinem Körper in den ihren strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck seines kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge der Natur, rührten das Urgründigste in Franziskas Weibeswesen auf. Die Tränen, die das Fell des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen ihrer ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen ihrer Sinne, die zugleich ein Umweg zu ihrer Mutternotwendigkeit waren, stürzten in Gedanken zu dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten.

* * * * *

»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu seinem Mädchen, »ich muß weg von dir, es ist schon Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür aufgemacht.« Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig, ihre Nähe aufzugeben.

Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte Nacht hinausgetreten und hatte in den Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn Katinka, die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen und zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von der Finsternis kaum zu unterscheiden. Nur wenn ihr Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte, blitzte der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden Zöpfe auf und das Weiß des Hemdes, das ein wenig von der vollen Schulter rutschte. Wie oft hatte er sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen, ihren Nacken so ungestüm geküßt?

* * * * *

Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem Zauberwagen flog Iwan, über Hunderte von Meilen weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten lief sie auf Franziska zu.

Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel vollzog sich das Geheimnis der Verwandlung. In festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt.

»Weh' mir, weh' mir!«

Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf der Grödner-Vefi mit sonderbaren Ausrufen begleitet. Mir war es, während ich sprach, beunruhigend gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen hin und her bog wie in Schmerzen. Ich ging zu ihm, um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob den Kopf, ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände. Seine Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig floß, verschwammen oft, wenn er in äußerster Erregung in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus ihm schrie, wie aus den finstersten Verließen menschlicher Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm brach wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von Haß vergiftet, ewig am Leib der Menschheit schwärend, sich niemals schließen können.

Heimat

In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der grelle Schrei der Pfeife die Mittagspause an. Die Arbeiter entströmten den Gebäuden, verteilten sich in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich, um das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer Gewohnheit, am Waldesrand im Schatten aus. Der und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las vor, seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich nicht wie sonst eine aufgeregte Unterhaltung zwischen ihnen: es lag ein Dämpfer auf den Worten und Gebärden, und nur die ausgelassensten der Weberinnen waren zum Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt. Auch sie verstummten, als ein Zug vorbeimarschierte, Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf den Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie trugen Ränzel auf dem Rücken oder eine Schachtel in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten ihre Brust. Die Burschen johlten, die Familienväter aber, umkreist von ihrer tiefbetrübten Sippe, schritten schweigend und tauschten ernste Grüße mit den vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige waren darunter, die neben ihrem Häuschen ein Stückchen Feld besaßen und einen Streifen Wiese. Diese stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim noch einmal zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen hingelaufen; aber da sie es verließen, blühte es in ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg genährt gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten doch besessen, was innerhalb der engen Wände stand; und ein paar Rabatten Sommerblumen an der Hecke und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich nach dem Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs und Baumwollfasern verfilzte Lunge wieder ausgespült. Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel, Rüben; Gras geschnitten für die Ziege und ein paar Löcher in den vielen Mägen damit zugestopft.

So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen Hügel, das kleine Dorf, in dem man du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude. Wer weiß, ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden lüfteten die Mützen und sangen ihm das wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang den Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet euch auch bereit!

Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich in dem Benehmen einer Gruppe von Arbeitern aus, an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig abseits der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus vom Krieg bedrohten Grenzgebieten, den Tschechen durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes verbunden, doch durch alle Merkmale des Wesens von ihnen getrennt. Von einem Tag zum anderen waren sie aus ihrem Land verwiesen und der Gemeinde Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot des böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk der Vorsehung begrüßt; sie waren anstellig und fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch etwas nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung, etwas Aufgescheuchtes, als hätten sie den Atem noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie wohl befragen, da sie jetzt schweigend beieinander hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe, ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert euch so sehr?« Sie müßten sich vielleicht besinnen, um ihr Weh in seine Elemente aufzulösen. Da war die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust von schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben ihrer Nachbarn belassen. Und die Unrast in dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem Freunde schrie. Vor zwei Wochen noch ihr Liebster; heute galt er als ihr Feind; heute hob er die Waffen gegen ihre Brüder.

»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel würden sie wahrscheinlich ihre Stimmung fassen; und gedrängt, ihr tiefer nachzuforschen, vielleicht hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und stehen gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie hinein; aber auch der Sonnenschein, der blaue Himmel und der Duft der Blumen. Und wir halten uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr doch nur unsere Berge kenntet, wie schroff sie ragen; auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt ihnen, mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes Raubnest an, aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen liegt in Ewigkeit der Schnee; über andere laufen die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln kann man in das andere Tal hinunterspähen, der See blinkt wie ein Spiegel, an seinen Ufern, die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen sich die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen in ihren Schleiern von Rosen und Glyzinen.« Und ihrer Ständchen würden sie gedenken, des nächtlichen Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr. Die innige getragene Weise, mit der die Tschechen Abschied nehmen, fällt ihre Fassung; die Frauen weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend in die Brust.

Ihr Gebaren fällt den Tschechen auf; sie vermuten die Kenntnis ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten und beschließen eben, einen Dolmetsch an sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen Jungen an der Seite, kommt von der Höhe der Landstraße herab. Wie mit der Schere ausgeschnitten, steht er im Rahmen der betannten Forste, vor dem hellen Hintergrund der Luft. Seine hageren Glieder sind in die Röhre eines fettglänzenden Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten langen Haare, die sich mit enggerollten Schläfenlöckchen an den roten Bartwuchs schließen; des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die Tschechen lachen auch; mit der Grausamkeit des Kindes, das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, ganz mit sich beschäftigt, achten der Vorbeigehenden nicht. Der Jude aber läßt die sanften, schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. Er denkt: »So habt ihr freien Christen jetzt auch an euch erfahren, was es heißt, entrechtet und verjagt zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt seine Seele, sie zwingt ihn, sich in ein Gespräch mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten. »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des Kindes je vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt einander drückten: er und die Großmutter, der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er im Felde steht, noch nicht kennt? Mit Geratter und Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze näher zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die Frauen stöhnen, die Männer, in die Gebetriemen gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten und wälze sich heran? Ein verkneultes Brüllen, Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand trommelt an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen ziehen sich hierher zurück. Flieht, flieht, daß sie euch nicht finden und erschlagen!« Die Grenze von Galizien ist nicht weit; in drei Stunden kann ein Rüstiger die Strecke überwinden. Welche qualvoll lange Nacht vergeht der kraftlosen Familie, ehe sie ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling tragen müssen, als dessen Mutter niederbrach. Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, manchmal faßten seine Arme beide. Sie kommen eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind zu geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. »Was meinst du, Jakobleben,« fragt der russische Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und Unwetter gefahren, dann wieder ausgeladen und hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, den langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« Und doch, sie sagen es einander, sind sie Bevorzugte des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in jener Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten Wanderer gestoßen; da mochte mancher am Wege gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, doch vereint. Und das Reich, zu dem sie nicht gehörten, forschte nicht; sie waren eben mitgeschwommen in dem Meer von Elend, das sich von Osten her ergoß.

Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene Jude die verjagten Südtiroler an: »Beneidenswert seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg verleihe. Was aber sollen wir, wenn wir vor ihm im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns zurück in unser Vaterland, wo doch steht auf seiner Schwelle der Henker mit dem Messer, das uns sticht?«

Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, durch die tiefen Furchen seitlich der gekrümmten Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um sich vor seinem Sohn zu erklären, sagt er leise: »Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man hat sie lieb, man ist aus ihr geboren, in ihren Schoß will man sich niederlegen, wenn man müde ist. Kein Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher Erde. Uns hat sie ausgestoßen, wir haben keine Ruhestätte in der weiten Welt.«

So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht der Flügelschlag der Zeit noch nicht gestreift. Unsere eigenen kleinen Nöte hielten ein paar Sekunden lang den Atem an.

Unser aller?

Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts Merkwürdiges an ihm als die Augen, die wie Zangen nach uns faßten und unsere Erscheinung, so undeutlich sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen schienen. Er schalt mit uns. Da habe er nun stundenlang gesessen und unserer Unterhaltung zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, Heimweh, Nationalitätenstreitigkeiten. Immer habe er gelauert: brüllt denn nicht endlich einer auf: die größte Marter ist die Kunst.

»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, sie ist euch kein Bedürfnis. Ich bedauere euch. Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht zu retten. Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von der Idee verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, das uns hetzt. Wie ein Besessener ringt man mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das einen äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er schnippte mit dem Finger in die Luft. »Habt keine Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote. ›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß nieder und kreuzte seine langen Beine. »Also die Geschichte von Mark Crystoll und der Sonnenblume.« Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark Crystoll, das bin natürlich ich.« Als ob er sagen wollte: ich mach' euch keine Flausen vor. Aber es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von einem Dritten.

Die Sonnenblume

»Nun hab' ich's aber satt.« Hubert Bach schleuderte das Ei, das er in Händen hielt, so heftig auf den Frühstückstisch, daß seine Schale weithin splitterte, »vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier vor.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz? Und das sogenannte Rauchfleisch ist auch schon dürr wie Holz.«

Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten auf den Fußboden und zertrat sie.

»Staub werde, was aus Staub geboren ist.«

Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um die Fleischatome einzusammeln. Als er sah, daß sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher, bereits damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich in die Tasche.

»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.«

»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land ist anderswo auch schön, man muß nicht gerade im allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.«

Er stand auf und reckte sich.

»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim ›Löwen‹ den Magen wieder auskurieren. Ja, sieh mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen Motiven leben. Apropos Motiv, ich habe ein wundervolles Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh's dir heute mal mit mir an.«

Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund und ging.

Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich allein sah.

Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis der Arbeit preiszugeben, es zu pöbelhafter Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines anderen Augen gesehen haben, noch den geringsten Wert besitzen könnte. Er nahm sein Handwerkszeug und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden war.

Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer Zeit ein vereinzelt liegendes Häuschen aufgefallen, dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten ließ.

Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten, dessen Zaun an eine grünversumpfte Wasserstraße grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der Schweinekoben. Nichts lebte in der Einsamkeit als die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch aufgereckt, daß ihr Stern das schwarze Schindeldach erreichte.

Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen Farben fesselte des Malers Auge. Nach einer Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin des Häuschens daheim zu finden.

Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen Küche herumhantierte, hatte auf alle seine Worte nur ein steinernes »Nee, das tu' ich nicht«.

Er bat. Fünf Sitzungen – nur vier – nur drei, er verdoppelte die Zahlung.

Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu' ich nicht«.

Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie drängte, wies sie ihm die Tür.

»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst hol' ich die Polizei, Fie Verheest läßt nicht mit sich spaßen.«

Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das Verbot hatte das Verlangen aufgereizt. Was nur ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde.

Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die Alte war daheim, er hörte das Klappen ihrer Holzschuhe.

Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das morsche Holz. Und so ein altes Weib ist leicht überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief er davon.

Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen. Das Lärmen mit dem Hund, das Fluchen über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten Rosinenreis.

Als er abends heimkam und mit behaglicher Zufriedenheit seine Arbeit zeigte, einen Allerweltskanal, mit Allerweltsgeschicklichkeit breit hinuntergestrichen, fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen Freund.

Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet. Alle seine Skizzen hatte er hervorgeholt, sie in selbstquälerischer Stimmung mißlungen und geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt.

Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich in seine Seele. Die Sonnenblume, zu der ihn anfangs nur Form und Farbe lockte, war ihm ein Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude im grauen Einton der Alltäglichkeit.

Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts, das Wiegen ihres schlanken Stengels. Ihm war, als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im Herzen nie mehr etwas leisten.

Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn, während er mit Hubert den gewohnten Abendgang nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn, während er rauchend und schweigend zwischen den rauchenden, schweigenden Bauern saß. Und auf dem Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte es den Willen und trat als Klage auf die Lippen. Daß Mefrouw Verheests Eigensinn ihm die Arbeit töte.

»Fie Verheest, die verrückte Fie?«

»Du kennst sie?«

»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch Unglück menschenscheu geworden und furchtbar fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll ich mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange beim Malen zugesehen. Bei der Gelegenheit hab' ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind wir gute Freunde. Na, zerdrück' mir nur die Finger nicht.«

Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann kam die Botschaft.

»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr Gitter.«

»Und Hubert, höre – du besuchst mich nicht, nicht wahr?«

»Fällt mir nicht ein.«

So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls Glück noch manche Wolke.

Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei Stunden dürfe er nicht bleiben, dann müsse sie aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem Besitztum.

Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst wieder ungeschehen machen, war doppelt unausstehlich. Bei Tisch vergaß er sich so weit, das Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen.

»Daß ihm's nur kein Loch in den Magen reißt.«

Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser neuen Schmach für ihre Küche erfuhr, war keine Stunde Bleibens mehr für beide Künstler.

So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so hastig, als es ihm seine aufmerksame Art erlaubte. Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen, nun legte er die Farbe an.

Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des Vorwurfs. Den äußerlichen; was für Töne saßen in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren. Den lachenden Triumph des Lebens in dem schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle Sonne der erblühten Blume.

Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen haben über der Beschäftigung, ihr Haus zu säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie umhergehen, bürsten, plätschern und reiben.

Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, dem ein Hundebellen folgte und der Ton von Huberts Stimme.

Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott aus allen Zottelhaaren triefend, auf der reingeseiften hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen hinter ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu wehren.

»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber leid. Hier habt Ihr einen Gulden, kauft Euch Seife zu einer neuen Wäsche.«

Zu Crystoll sagte er:

»Das Tier hat gerade ein Bad genommen im Kanal und hat dich im Vorbeigehen aufgespürt.«

Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging er in den Garten, zitternd vor der Strafe, die ihn für Scotts Verbrechen treffen würde.

Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an, zu waschen und zu bürsten und sah nicht auf, als Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld auf ihre Lade legte.

Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei Freunden an dem arbeitslosen Sonntag. Zum erstenmal in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends mit zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen Fies Häuschen nahte, schlug ihm das Herz, als wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter.

Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß sogar vergnügter als gewöhnlich.

Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich die Augen. Er war wohl falsch gegangen. Das war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere Winkel.

Auf einmal wußte er's.

Er stürzte in die Stube.

»Wo ist die Sonnenblume?«

»Ich hab' sie abgeschnitten. Jetzt werden mir die fremden Hunde nicht mehr das Haus versauen.«

* * * * *

Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den Tisch für sich allein gedeckt.

»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat er einen Zettel hingelegt.«

Hubert las.

»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten oder unsere Freundschaft. Ich ließ den Hund am Leben.«

»Oh du!«

Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus. Er hatte, auch als das Zimmer wärmer wurde, nicht seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken, die er darunter birgt. »Oh du!« Er sprang Mark Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke. »Du Mittelmaß, du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den Kern der Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche krabbelst du herum. Du wirst noch lange vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine Rolle aus der Tasche. »Willst du den letzten Willen hören von einem, den sie zur Strecke gebracht haben, der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl bekomm's.« Er schleuderte die Blätter auf den Boden. Hinter ihm krachte die Tür ins Schloß. Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie umdrängten mich.

Die Anderen

Personen:
 Broß
 Kyll
 Broß
 Truck
 Ein Mädchen
 Ein Kellner.

Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte Raum eines Kaffees. Alle Tische verlassen. Der Kellner ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind ausgedreht. Nur an dem Tisch, an dem Kyll und Broß sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei Gläser, eine Aschenschale mit Zigarren- und Zigarettenstummeln gefüllt. Kyll, 26 Jahre, schmächtige Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr blaß. Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre schwarze Haare, nervös zuckende Lippen. Broß, 27 Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue Augen, Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen eines Commis voyageur.

Broß (legt die ausgebrannte Zigarre auf den Aschenbecher): Also gute Nacht, Herr ... (Er sucht den Namen.)

Kyll (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf): Sie wollen schon fort?

Broß: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin die einzigen.

Kyll: Gottlob – ich atme auf. Endlich sind sie weg – die Feinde.

Broß (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt, Sie kennen hier keinen einzigen.

Kyll (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das Gefühl, daß sie alle unsere Feinde sind, die anderen, die außer uns noch auf der Welt sind?

Broß (auflachend): Nein, wirklich. So was ist mir noch nie eingefallen.

Kyll (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in den Haaren wühlend, düster): Auf mir lastet der Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede Freude. Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los.

Broß (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit ganz ernst): Aber wieso denn? Was können Ihnen denn ganz wildfremde Leute tun?

Kyll (heftig): Daß sie da sind, daß man von ihnen weiß. Daß sie auf uns drücken mit ihrer Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.) Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was die anderen leiden. Auf der Straße sehe ich nichts als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt, jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.

Broß: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins gegen Verarmung und Bettelei?

Kyll (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): Die Vorstellung von allem Grausamen, was in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich. Ich höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen flehen, ich höre die Tiere winseln, die man peinigt. Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen Kranken und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum Selbstmord treibt. (Immer erregter.) Ich ahne alles Unglück, alles Elend, das in all den Tausenden von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie ohne Haut, alles verwundet mich. Das Mitleid bohrt sich mir wie mit Stacheln in das wehe Fleisch. Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht sprechen, ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um nicht in Schluchzen auszubrechen.)

Broß: Sie sind sehr nervös, Herr ... Sie sollten Brom nehmen.

Kyll (den Kopf in den Händen, leise vor sich hin): Dann kommen wieder Stunden – im Frühling – die Sonne scheint – verhalten, wie wenn die Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch den Wald – es riecht so untereinander – nach alten Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon nach frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine Lichtung, der See liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. Nur manchmal schüttelt er sich, wie im Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, breite die Arme auseinander – mir wird so weit, so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir auf – ich hab' es gefunden – endlich – das Erhabene, das noch niemals Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, ich brülle vor mich hin, Worte, Sätze, ganze Verse. Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, das von Maeterlink – von all den anderen, die vor mir gelebt und gedichtet haben – die verfluchten anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht auf die Hände.)

Broß (überlegen wie mit einem Kind): Wie wollen Sie das ändern? Es muß doch noch Menschen auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.

Kyll (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich muß es. Das ist notwendig wie – Schmerzen – Krankheit – wie das Leben selbst. Aber man könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn nicht Oasen wären. Das müßte sein – Oasen müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen haben, der kein anderer ist.

Broß (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?

Kyll (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich mich an Ihren Tisch gesetzt habe und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, und Sie, der Krämer.

Broß (verletzt): Erlauben Sie –

Kyll (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus dem Gesicht, daß Sie nichts im Sinn haben als Geschäftemachen – Geldverdienen.

Broß (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen!

Kyll (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen bin, sind Sie mir deshalb aufgefallen. Ich habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der nicht anders ist, als wie er scheint.

Broß (wieder mit mitleidiger Überlegenheit): Legen Sie darauf solchen Wert?

Kyll (ohne auf die Unterbrechung zu achten): Wie ich noch jung war, habe ich gemeint: einen Menschen, der eins mit mir ist, müßt' ich leicht für mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener geworden. Nur für Jahre habe ich mir's verlangt – nur für Monate – für Wochen – Stunden. Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich suche nach einem Menschen, der nicht doppelgesichtig ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such' – ich suche. –

Broß (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen mit Weibern gemacht, daß Sie so mißtrauisch geworden sind.

Kyll (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib, von diesem Trugbild unserer Phantasie.

Broß (ordinär): Da haben Sie recht. Was Frauenzimmer heißt, lügt und betrügt.

Kyll: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist nur sein tragisches Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt der Mannesillusionen ist. Immer wieder – immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an die Erfüllung seiner höchsten Sehnsucht, an das Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen. Und weiß doch – müßte es doch wissen – daß es in wenigen Sekunden für ihn ein anderes sein wird – ein fremdes, das ihn belästigt.

Broß (mit gemeinem Auflachen): Also – was das betrifft ...

Kyll (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch, mit Tränen in den Augen): Zwei Menschen, die füreinander keine anderen waren. Das war das Paradies. Die Schlange war die andere. Das erste Wort, das Eva mit ihr gesprochen hat, war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug und Heuchelei verdammt.

Broß: Einfälle haben Sie, Herr ... (Er sucht nach dem Namen.)

Kyll (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen fängt der Paradieseszustand wieder an. Mutter und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und lange noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das fürchterliche Anderssein dazwischen drängt.

Broß (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf der Welt.

Kyll (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte): Es ist ihr Fluch. Und es ist gegen die Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen, dieser Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt – wenn man an einen Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt hat und man sieht ihn plötzlich unter anderen, verwandelt, unecht, ein ganz anderer. (Verzweifelt.) Gott! Einen Menschen finden, den ich achten kann! Eine Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen dürfte, ohne eine Täuschung zu entschleiern.

Broß (steht auf und will nach seinem Paletot langen): Sie nehmen das zu tragisch, Herr ... (Er sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine Engel.

Kyll (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt): Meinetwegen Teufel, Tiere. Aber sie – sie selbst. Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie entgehen ihm nicht; warum verbergen sie ihn also?

Broß (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen, ablenkend): Die wenigsten Menschen denken so wie Sie.

Kyll (immer wilder): Warum? Warum? Alles verfault in ihnen, alles ist vergiftet. Selbst mit sich selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden, woran sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist. Sich selbst belügen sie.

Broß (über Kyll hinweg nach seinem Paletot langend, ungeduldig): Gott, Sie werden das nicht ändern.

Kyll (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber ich ertrag's nicht länger. Ich kann nicht länger unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich nach einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen heuchlerisches Lächeln sich zu Spott verzerren. Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt ganz hart an Broß heran, mit wild flackernden Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl auseinanderreißen, der mir gegenüber sitzt, das Herz möchte ich ihm zerfleischen, um zu wissen, was er denkt und fühlt.

(Broß macht erschreckt einen Schritt gegen das Büfett, hinter dem der Kellner schläft.)

Kyll (faßt ihn beim Arm): Wo wollen Sie hin?

Broß (mit einem Versuch, seine Angst zu verheimlichen): Ich wollte nur den Kellner – ich möchte noch einen Kognak.

Kyll (mit wildem Blick): Sie lügen – Sie fürchten sich vor mir.

Broß (gezwungen auflachend): Aber, lieber Herr ... (Er sucht den Namen.) Wie können Sie nur glauben – Sie sind so unterhaltend – ich könnte noch bis Tagesanbruch mit Ihnen zusammensitzen.

(Truck tritt ein mit einem Mädchen.)

Truck (zu Broß): Nu frag' ich einen Menschen. Broß, Menschenkind, trifft man Sie in nachtschlafender Zeit noch im Kaffee?

Broß (erlöst aufatmend, faßt Trucks Hand, leise): Sie schickt mir der Himmel. Ich bin da an einen Wahnsinnigen geraten.

Kyll (der angestrengt hinübergehorcht hat): Was haben Sie dem Mann von mir gesagt? (Zu Truck.) Eben hat er mir versichert, ich sei so unterhaltend, die ganze Nacht möchte er mit mir zusammensitzen. (Zieht einen Revolver aus der Tasche.) Warum hast du gelogen – Kerl!

Broß, Truck, das Mädchen: Zu Hilfe! Zu Hilfe!

Kyll (mit vor Erregung erstickter Stimme): Ihr Feiglinge! Ihr Lumpenpack! Ihr – anderen – (Er erschießt sich.)

Wir hatten alle den nämlichen Gedanken. Der grauhaarige Herr am Ofen hielt uns zurück.

»Wenn er Ernst gemacht hat, kommt ihr doch zu spät.«

Mark Crystoll sagte trübe: »Er hat seine Todesleidenschaft gestaltet. Das kühlt sie ab.«

»Der Unberatene. Meint, er kann ein Ende machen. Und kann doch nichts als zu einem Tor hinausgehen, um durch ein anderes wieder zu erscheinen.«

Wir waren sparsam mit den elektrischen Laternen umgegangen. Trotzdem hatten sie sich allmählich verzehrt, bis auf eine, die auch eben im Begriff war auszulöschen. Die unbekannte Stimme war mit der Dunkelheit verschmolzen. Es war nicht zu unterscheiden, wem sie angehörte.

»Auch ihr,« sprach es aus dem Unbekannten weiter. »Kurzsichtige. Mit eurem Klagen und Verneinen. ›Ja‹ müßt ihr zu eurem Leben sagen. Und ›So will ich dich‹. Denn ihr wißt, mit allem seinem Schmutz und Elend kommt es immer wieder zu euch zurück.« Dann wieder, mühsam, stockend, wie aus innerem Grauen aufgestiegen:

»Oder kennt ihr es noch nicht, das schreckhafte, das apokalyptische Geheimnis? Ach,« es ächzte wie aus einer Pein, die sich doch an ihrer Einzigkeit berauscht, »daß ich verurteilt sein muß, seine Siegel vor euch zu zerbrechen.«

Ich weiß nicht, wie es den übrigen erging. Mich steigerte die in Schleier eingehüllte Herkunft dieses feierlichen Anrufs in eine erwartungsvolle Stimmung. Es wäre mir Verletzung meines Feingefühls gewesen, hätte der Unsichtbare das Pathos, mit dem er, wie aus einem tiefen Schacht, letzte Dinge seines Fühlens aus der Seele holte, in hellem Lampenscheine vor uns ausgebreitet. Die Verkündigung der abgeklärten Buddhalehre, von Nietzsche unter Qualen umgewertet in Übermenschlichkeit.

Von ewiger Wiederkunft

Er liegt am Rande des sanft zum See gesenkten Ufers, von hochgewachsenen Farren überdacht. Zu seiner Rechten, auf dem Hügel, um den die Großstadtleute sich geschwätzig und geputzt ergehen, weiß er die Tafel mit den wie vom Schicksal in den Stein gegrabenen Zeichen:

»Die Welt ist tief
Und tiefer als der Tag gedacht
. . . . . . . . .
Weh spricht: Vergeh'!
Doch alle Lust will Ewigkeit –
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

Er glaubt, ein Echo dieser Worte in dem Murmeln der anschlagenden Wellen zu vernehmen. Wenn er die Augen schließt. Wenn er sie öffnet, ist der schwere Klang verweht, und er sieht in ein Meer von Glanz und Duft. Die Wasser jauchzen, und der See blüht. Wie ein Garten, wie ein Beet von blauen Enzianen, über die ein Heer von weißen Schmetterlingen fliegt. Die hinscheidende Sonne wirft aus dem Westen Purpurrosen auf die blaue Pracht, sie durchglutet die Segel, die sich wie große Möwenflügel spreizen, und das Gebäude, das vom jenseitigen Ufer grüßt, verklärt sich durch ihren goldenen Abendschein zum Märchenschloß.

Den Ruhenden unter dem Farrendickicht schmerzt diese Pracht und Fröhlichkeit. Die Augen zu. Dunkelheit um sich geschaffen. Und dem dumpfen Laut gelauscht, mit dem die Brandung zu den Kieseln spricht:

»O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Ich schlief, ich schlief ...«

Als er erwacht, findet er die Welt um sich vertauscht. Wie ein guter Hausverwalter, wenn der letzte Gast gegangen ist, die Lampen abdreht und Tücher auf die Seidenmöbel und die festlichen Geräte wirft, so hat der späte Nachmittag hinter den letzten Sonnenstrahlen alle Farben ausgeblasen und über Tanz und Spiel der Wellen einen mißtönigen Flor gebreitet. Fahl und flach liegt der weite Spiegel; vor dem Märchenschloß, das ihn begrenzt, ist ein grauer Vorhang zugezogen.

Der Ruhende springt auf. Ihn fröstelt. Und er schreitet kräftig aus, um den steif gewordenen Gliedern die Geschmeidigkeit zurückzugeben. Die Halbinsel gehört ihm nun allein. Die Spaziergänger sind vor der einbrechenden Dämmerung geflüchtet, und bereden den Alltag jetzt in aufgehellten Räumen.

Ihn, der gekommen ist, um in den Spuren eines Einsamen zu wandeln, graut vor der Gemeinschaft mit den Vielzuvielen. Er läßt die Wohnstätten der Menschen hinter sich und sucht sich den schmalen Weg, der, der Wagenstraße gegenüber, sich an die Windungen des Wassers schmiegt.

Immer dichter sind inzwischen die Dünste hochgestiegen, haben sich geballt und rechts und links zur Mauer aufgerichtet. Alle Wirklichkeit ist abgetrennt. Nichts gegenwärtig als das Angedenken dessen, der seine kränksten Nöte und seine lachendsten Genesungen hier auf und ab getragen haben mochte. In der großen Stille scheint der Boden wie entsühnt von der Berührung mit den Massen, die seitdem durch ihren Tritt die Fußspur eines Ungewöhnlichen entweihten. Und auf leisen Sohlen schleichen die Schatten der Vergangenheit herbei.

Vielleicht an dieser Stelle war vor dem Dichter das helle Mittagsstundenwunder aufgetaucht. Hier hatte er vielleicht gesessen, »ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da plötzlich, Freundin, wurde eins zu zwei und Zarathustra ging an mir vorbei«. Und hier vielleicht, ein andermal, in einer Finsternis wie dieser, wie im Urchaotischen gefangen, mochte er mit dem Doppelgänger Brust an Brust gerungen haben. Ihm die feindliche, die mörderische Waffe zu entreißen.

Der Wanderer stöhnt auf.

Wie er jetzt körperlich den Wegen des Verkünders folgt, so war er ihm auch geistig nachgegangen. Und war an der Schwelle einer letzten Ausgangspforte einem Gespenst begegnet. Qual und Marter, ihm ins Gesicht zu sehen! Glich es nur dem Meister? Trug es nicht die eigenen Züge? Hatte es nicht längst im eigenen Leben tückisch lauernd dagelegen, um in bangen Stunden den Gefolterten zu überfallen?

Ewige Wiederkunft? Kein Entrinnen aus dem Kreis des Ekels und des Überdrusses!

Mag sein Fuß die schmale Grenze überspringen, die das feste Land vom Wasser scheidet: es behält ihn nicht, es bringt ihn wieder.

Immer wieder auf das Rad geflochten ... »Krumm ist der Pfad der Ewigkeit.«

Nein! Seine Schultern tragen die Last dieses Gedankens nicht. Ihm fehlt die Kraft, den Kopf der Natter abzubeißen, um ihn lachend auszuspeien. »Ist das das Leben? Wohlan denn: noch einmal!« Er ist nicht brünstig nach dem hochzeitlichen Ring der Wiederkunft.

Ihm wird zumut, als wachten alle Peinen auf, die hier jahrelang versteinert im Gebüsch gelegen haben, und stürzten sich auf ihn, um ihn zu schrecken und zu würgen. Der Wahnsinn krallt sich in ihn ein, Verlassenheit, das verzerrte Abbild der königlichen Einsamkeit, greift nach ihm mit kalten Knochenarmen. Er läuft und läuft ... Er fühlt, was zu sehen ihm der Nebel wehrt, daß der Waldweg sich verbreitert, daß seine Sohlen Wiesenboden treten.

Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu ihm hin. Menschenstimmen. Er saugt sie gierig ein. Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis, wagt sich behutsam ein paar Stufen aufwärts. Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand, faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor geht auf ...

Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen leichte, aus Stroh geflochtene Möbel stehen. Dahinter der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung. Von der Decke, an metallenen Ketten, geschliffene Kristalle, in denen Glühkörper wie Blumen blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein ein Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen. Gespräch, Gelächter, das Rascheln weicher Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken, die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen, mächtige Frisuren, von Reihern bekrönt und mit diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht hervor und die einförmige Blankheit der steifgestärkten Hemdenbrüste.

Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen und Tönen ein grün-roter Farbenfleck, wie aus einer Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün besetzten Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr Konzert beginnen. Mit einem Ritornell zum Lobe Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem Enthusiasmus aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten Gebärden gemeinsam den Refrain heraus:

Dolce Napoli
O suol beato
Ove sorridere
Volle il creato.

Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den hellen Leichtsinn tritt, erfaßt ein Schwindel. Er flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung ein silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster sinken und winkt einem der Diener, die, im blauen Frack mit messinggelben Knöpfen, durch die Menge laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der wagt, im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten Haaren, in diese festliche Versammlung einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl, eine Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so gebieterisch, daß sich die Lakaienseele duckt.

Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen, der so rücksichtslos der hergebrachten Sitte trotzt. Man einigt sich: so kann nur ein Deutscher sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein bißchen unbeholfen. Nur seltsam, daß der junge Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt. Und was für ein Kontrast zwischen den breiten, festen Flächen des oberen Gesichts und dem zurückfliehenden Unterkiefer. Die Musternden sind geneigt, ihn für einen Skandinaven zu halten. Man gibt zu: gegen Stoff und Schnitt des beanstandeten Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und das Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von Vornehmheit. Manches Mädchen denkt: holt er mich heute wohl zum Tanz?

Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz erfüllt von dem beglückenden Bewußtsein: ich bin geborgen. Über die Schwelle dieser billigen Karawanserei wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht. Zweimal schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine wohltuende Wärme legt sich besänftigend auf seine Brust.

Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung seines Wohlbehagens. Was ist es, das an seinen Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie ein lästiges Insekt. Er hebt den Kopf und begegnet einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert in das seine bohrt. Den Augen eines Weibes.

Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume. Wie ein kostbares Geschmeide, in einer uralten Kultur entdeckt.

Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in schweren Wellen eng die schmalen Schläfen. Der vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch die gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit grünlichen Pupillen, stehen etwas schräg gegen die kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid, rosig angehaucht wie das Innere einer Muschel und in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt, steigt hoch hinauf bis zu den kleinen Ohren. Und sie ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem dünnen Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal. Sehr jung ist sie dabei; und so mädchenzart, daß man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren Vater halten könnte, wenn nicht die Besitzermiene, mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit zu Zeit ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist. Sie achtet weder seines Redens noch seines Verstummens. In dem Armstuhl, der für ihre schmale Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor, ein Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest an ihrem Gegenüber.

Er wendet sich beinahe ungezogen ab. Aber das Fluidum, das von ihr zu ihm hinüberströmt, dringt ihm in alle Poren. Sie zwingt ihn zu sich, wie durch Zauber. Er sieht das Blut in ihren Adern kochen, er sieht, wie die Wünsche in ihr auf und nieder steigen. Das Idiom der Zungen würde sie wahrscheinlich trennen. Ohne Worte verstehen sie einander gleich.

»Du,« sagt sie zu ihm; »du!«

Es trifft ihn wie ein Kuß.

Und ohne seine Antwort abzuwarten, fährt sie fort: »Mir ist, als kenne ich dich lange. Du gefällst mir. Sehr gefällst du mir.«

Von ihrer Liebkosung entzündet, wehrt er sich gegen ihre buhlerische Zärtlichkeit. »Was sprichst du so zu mir, dem Fremden, und sitzest doch an der Seite deines Ehemannes?«

Sie hebt verächtlich ihre Achseln. »Ehemann? Richtig; das ist wohl einer seiner Namen. Er hat noch andere. Phil und John und Will. Ich mußte ihm alle geben, als ich mich ihm verkaufte. Mich frei von Elend und von Schande kaufte, frei für Luxus, Glanz und Liebe.« Wie ein Schlänglein läuft ihre rote Zungenspitze über die weißen, spitzen Zähne. »O wie ich hungere nach Liebe!«

Die Musikanten stimmen nach kurzer Unterbrechung wieder ihre Instrumente. Über abgerissene Akkorde, die nur auf Tonika und Dominante stehen, hebt sich die sentimentalisch süße Melodie. Der Tenor, ein tiefbrauner Bursche von quecksilberner Beweglichkeit, beklagt die Launenhaftigkeit seiner Geliebten.

»Dimmi, dimmi nenella mia bella  
pechè staje affaciate? pechè?«

Er bettelt um ein gutes Wort:

»Quanno me dice che me vuó bene 
tutte le pene me faie scordà.«

Die Arme zu einer Huldigung gerundet, die allen Damen dieses Kreises gilt, lockt er sein Mädchen zum verliebten Stelldichein. Und seine ungeschulte aber weiche Stimme tremuliert heftig in der Übertreibung seines feurigen Gefühls.

»Si tu nenella mia viene comme
Uh! quanta cose t'aggio a di cantanno
Jo! quanta cose t'aggio a fai sapè.«

Ein Hauch von Lust fächelt die Gesellschaft, die, von der Höhenluft erregt, sich nach reichem Mahl zu müßiggängerischem Tändeln hier zusammenfindet. Schultern drängen sich näher aneinander, heiße Finger streifen sich, Fußspitzen begrüßen sich in heimlicher Begegnung.

Den Einsamen in seinem Winkel überkommt die weiche Stimmung, von der er sich doch sagt, daß sie eine Täuschung seiner müden Sinne ist; die Sehnsucht nach einem zweiten, dem er sein Ich verschmilzt, um es reiner und erhöhter wieder zu empfangen.

Von drüben fliegt der Spott wie scharfe Pfeile auf ihn zu. »Du Tor spekulierst und grübelst: und das heiße Leben rauscht an dir vorbei. Greif' zu! Genieße!«

»Und meine Seele?«

Rasch läuft das Schlänglein ihrer roten Zunge über den vorgewölbten Mund. »Sorgst du um deine Seele? Armer Narr! So hast du das Weib der großen Seligkeit noch nie besessen. Wie? Das Wunder, daß zwei Menschen miteinander in dem Nichts vergehen, aus dem sie einmal herausgekommen sind, wäre nichts als ein Gefühl der Haut? Und wo bliebe denn die Seele in dem rätselhaften Augenblick, in dem die Körper außer sich, über sich hinaus geraten? Ins Uferlose, Unbegrenzte, außer Zeit und Raum, ohne Anfang, ohne Ende, nur Wonne und geniale Ahnung, wie sie Gott durchschauert haben mögen, da er die Welt erschuf.«

Er, innerlich gefangen, wehrt sich in den Maschen ihres Netzes. »Schlange! Kluge! Listige! Was versuchst du mich zu lügender Erkenntnis?«

Um die rotgrüne Musikanteninsel kräuselt eine lärmende Bewegung. Kastagnetten begleiten den Klang von Geige, Cello, Tamburin und Mandoline. Und indem die Italiener ihre Instrumente streichen, schütteln, zupfen, singen sie zu gleicher Zeit und drehen sich in kecken Sprüngen. Eine wilde Tarantella, wie sie das Volk an seinen Festen tanzt.

»Jammo a bedere nterra a l'arena,
mento che spanfia la luna, li
pescatore de Merglina.«

Der Rhythmus der jagenden Triolen reißt das Blut der Hörer mit. Die Leiber und die Beine zucken, verlangend kehrt die Jugend sich zu der Tür des Tanzsaals, der eben aufgeschlossen wird. Und die Tarantella rast noch immer, und die Musikanten jubeln, schreien.

Durch den Wirbel der Atome geht der Strom magnetisch von dem Weib mit den rostbraunfarbigen Haaren zu dem Mann, der einsam in seinem Winkel sitzt. Er ist wie eingehüllt in die Glut ihres Begehrens. Er erschauert unter dem liebkosenden Getaste ihrer Finger, ihre weißen Zähne graben sich in seinen Hals, er fühlt die Knospen ihrer jungen Brüste an den seinen, ihre Flechten, aus ihrem Zwang gelöst und von ausspringenden Löckchen wie von kleinen Flämmchen überflattert, begraben seinen Atem unter ihrem schweren Duft. Sie gibt ihm die Wollust tausender im heißen Spiel der Liebe erträumter Nächte in einem kurzen Augenblick. Die ganze Weibheit hält er mit ihrem schlanken Leib in seinem Arm.

Betäubt, entfestet, ohnmächtig gegen die Naturgewalt zu kämpfen, gibt er sich ihr widerstandslos hin.

Erobererhochmut tritt in ihre Züge, da sie seine Unterjochung fühlt. Sie erhebt sich und entbietet ihm noch einmal ihren Willen, daß er ihn in die Gefolgschaft ihres Kleidersaumes zwingt.

Er zögert, beschwert von trauriger Ermattung. Der Kontakt ist unterbrochen. Der Funke sprüht nicht zwischen den konträren Polen auf.

In einer Sekunde des Besinnens richtet sich das unbegrabene Skelett des gespenstischen Gedankens vor ihm auf. Die ganze Weibheit hat er in ihrem schlanken Leib genossen. Tausende heißer Nächte haben sich ihm in einen kurzen Augenblick gepreßt. Weil sein Gedächtnis tausend zugefallene Pforten der Erinnerung aufgebrochen hat, um ihm vertausendfacht sein Ich zu zeigen, wie in einem Raum mit tausend Spiegelwänden.

Ja, er erkennt es wieder, sein ewiges Erlebnis. Stets das gleiche. Die Flucht aus der Wüste der Askese in die Üppigkeit der Lebensgier. Und Licht, Musik und Tanz. Und das Weib. Immer das gleiche. Der Brennpunkt aller Illusionen. Und wenn ihr Wesen, bis zur letzten Falte ausgespäht, keine Rätsel mehr zu bieten hat, ein Gewicht, das in die Niedrigkeit hinunterzieht, das mißachtete Gefäß eines schal gewordenen Trunkes.

... Wie berückend die Erscheinung in dem weißen, rosig überhauchten Sammetgewand, in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt. Eine einzige mitten in der Allgemeinheit. Ein künstlerisch vollendetes Gebilde der Sansara.

Wie mit Ketten reißt es ihn wieder zu ihr hin. Zwischen Verlangen und Verzicht ertrinken ihm die Sinne, nur an eine feste Vorstellung geklammert: Dies ist die Stunde der äußersten Entscheidung. Jetzt oder niemals durchbrichst du dein Geschick. Jetzt oder nie tritt das Göttliche in dir die erdenschwere, schuldbeladene Materie nieder.

Und es lichtet sich um ihn wie Morgenröte. Ihm ist, als klimme er auf einen Gipfel, tief unter sich die bunte Sinnenwelt.

Sieg! Triumph! Er hat den Ring der ewig gleichen Wiederkunft gesprengt. Er kann wunschlos eingehen in Nirwana.

Von dem inneren Kampf zerbrochen, geht er langsam zu der Ausgangstür und faßt die Klinke. Ein Blick noch, wie ihn der Abscheidende den Erdendingen zuwirft, bevor er sie verläßt ...

Das Bild hat sich verändert. Die Italiener sind in den Tanzsaal übersiedelt und locken mit dem wiegenden Dreivierteltakt eines schmeichlerischen Wiener Walzers. Und schon naht einer, der sich vor der Frau mit den rostbraunfarbigen Haaren tief verbeugt und dem sie die Gunst gewährt, sie minutenlang an sich zu drücken.

Der Mann, der bereit ist, sich von der Erbsünde zu lösen, macht eine hastige Gebärde zu den beiden hin. Noch einmal in den Fängen seiner Menschlichkeit. Und die Unruhe, die ihn durchrüttelt, entwurzelt in ihm einen schrecklichen Verdacht.

Wie, wenn ihn die Erkenntnis äffte? Wenn die Wahrheit, der den Schleier abzureißen er sich vermaß, sich ihm nur um so undurchdringlicher verhüllte? Und gerade dieses sein ewig wiederholtes Fatum bliebe: zu verdammen, was er heiß ersehnt? Kraftlos vor dem Entschluß zurückzuweichen und einem Kühneren das Glück zu überlassen, das in der Phantasie schon sein gewesen ist?