Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur.
Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer Seele in ihrem Körper aufpeitscht.
Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos. Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ...
Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten.
Oh ... oh ... oh ... oh ...
Oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... schreit die Pfeife.
Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß ihr der Strafe nicht verfallt!
In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, stürzen sie den Berg hinunter, den Fluß entlang, über die Brücke, an das große Tor ...
Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, nichts verpatzen, Geld verdienen!
* * * * *
Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt sie zwischen jede Runde. Ihre blauen Augen liegen tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre jungen Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. Sie ist krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei der Krankenkasse. Auch zu Hause muß sie sie verschweigen. Aus Angst vor Prügel und vor hartem Zanken.
Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas Ankunft Vaters Frau. Doch der Eltern eigene Verfehlung strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt die Piska, so ein Fratz, noch keine sechzehn. Und die Mutter selbst noch alle Jahre in der Hoffnung.
Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst macht er sich häufig in dem Spulmaschinenraum zu schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht, den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt die Stimme. Sie zieht ihn mit sich in den Seilgang.
Nur ein Wort.
Na also – was? Wie wenn er nicht schon wüßte. Also ja, wie oft soll er es sagen. Er wird sie nehmen. Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr verdienen. Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür dankt er. Sucht sich lieber eine andere, die nicht so ungeschickt ist. Na – nicht gleich. Sie braucht nicht so zu weinen.
Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, heftige Umarmung vereint die beiden, die Strafe und Entdeckung nicht bedenken.
* * * * *
Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die ungeschützten Scheiben. In schrägen Streifen tanzt der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska sieht weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den Knoten knüpfen sollen. Bei jeder Lohnauszahlung trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor droht mit der Entlassung.
Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.
»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.«
Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts in den Wald. Ein Tier, das in das Dickicht kriecht, dort zu verenden.
Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte ... was für Schmerzen. Sie schreit und jammert. Stromweise stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände krallen in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.
Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: Wenn man nur nicht gemerkt hat, daß ich eher weg bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.
*
Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen weckt sie auf. Sie möchte aufstehen, an die Spulbank eilen.
Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. Und in das Ausklingen der Pfeife mischt sich ein leiser Wehlaut. Das erste Wimmern ihres Kindes.
Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde und gibt der Arbeit einen neuen Sklaven.
Oh ... oh ... oh ... oh ...
Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...
Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit dieser Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, uns zu verachten. Nur ein grauhaariger Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und in die Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe gewickelt, schlug die Augen auf und sagte: »Ja, so seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. Ein Ausbeuter. Und ohne ein paarmal hunderttausend Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden Seiten nichts. Wer die Macht hat, übt Gewalt und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's nicht anders machen.« Er bewegte die Feder seines Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig eine frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine Weltanschauung an.
Die Erziehung zur Bosheit
Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man vier Pfötchen und ein Schwänzchen angebunden hat. Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor, mit einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen mit zwei blanken Augenpunkten, einem schwarzen Näschen und einer sammetweichen Schnauze. Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges ...
Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner in der Rocktasche vom Markte mit nach Hause brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, die schreien, wenn man sie etwas auf den Magen drückt. Nur daß man Bello dazu nicht zu drücken brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter, der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, als er sich bereits darein ergeben hatte, tags die leere, kalte Luft und nachts eine lieblose Filzdecke über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen Leibs, in dessen tierisch temperierter Wärme er mit den Geschwistern gekuschelt war), suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die stets bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, wenn noch niemand wach war, um ihm das gewohnte Dämmerfrühstück zu kredenzen.
Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur. Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten, glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten.
Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre, die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.
Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln, schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein zweites Vaterhaus nicht bot.
Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war, ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte.
Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie, daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt ein Individuum ergebe. Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen unnatürlich groß.
Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der Erde lagen.
Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin. Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider. Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen, sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden.
Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken.
Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen. Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte. Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle, vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden war.
Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen.
Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts zum erstenmal in der großen Hundehütte fest. Verlassen, frierend, von Furcht und Sehnsucht fast von Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch! Ich will ja brav sein! Kommt denn niemand? Laßt mich nicht allein!« Und unterbrach sein Winseln nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender und immer neu enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen, ob die Erlösung sich nicht nahe ... Und in der nächsten Nacht derselbe Jammer ...
In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam die Ahnung von dem Weltzusammenhang in ihm. Von der Macht des Starken. Daß der Schwache rechtlos sei und daß ihm nur eine Waffe zu Gebote stehe – die Bosheit. Er veränderte sein Wesen. Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke kehrten sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab ihm das Aussehen eines Fuchses.
Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren der Zeitungsträger schnappte.
Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach dem langentbehrten Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen vorgewagt. Es hielt das Knurren Bellos, dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in die Wohnung einzulassen, für eine der beliebten Narrenpossen seines Freundes, und überschritt die Schwelle. Da biß der Hund nach ihm ... über das magere Beinchen rieselte das Blut in Tropfen ...
Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und belohnte ihn mit einer halben Wurst.
Bellos Erziehung war vollendet.
Unweit von mir trocknete eine junge Dame im Verborgenen eine Träne ab. »Das war eine traurige Geschichte. Armer Bello.«
Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt.
»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über alle Maßen,« entschuldigte Isabellas Nachbarin.
»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen schämen sollte?« Isabellas Stimme, zuerst wie von Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.
Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer leiser wird mein Schlummer«-Lieds von Brahms.
»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie sind so hilflos wie die kleinen Kinder, sie sind so ganz auf unsere Güte angewiesen und haben zu uns so ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig und mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« Sie hob sich etwas aus dem weiten Mantel, in den sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern zu ertragen.« Sie hatte ihren Platz verlassen und stand sehr schlank in einem hochgegürteten Gewand von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen um die weiße Kehle. »Ach, was wißt ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe leiden können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«
Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich vergessen?
»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen unsere Brüste, wir hassen euch und möchten euch verwünschen. Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt von uns die Wahrheit nicht. Und nur durch die Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu ihr treten und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder Neugier zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos dem Zauber dieser Nacht verfallen, der die Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen zwang, schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer zog Isabella sich zurück. Wie auf einer Geigensaite sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.
Vision
Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die Leidenschaft in ihren Purpurschleier, noch einmal träumte er das holde Märchen vom Sichverlieren und in einer anderen wiederfinden. Doch sein Schlummer war nicht tief. Im Traume wußte er von seinen Träumen, und daß ein lauter Anruf ihn erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war nicht unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags drang durch seine Maschen. Das wußte er, und er zäumte Dunkelheit und Stille um sein letztes Glück.
Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des Weibes Lebenssonne auf. Kein Zweifel war in ihr. Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren. Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen Ewigkeiten. Ein Reichtum war in ihr, ein Jubeln und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, zu bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus den Verborgenheiten des Empfindens, um sie mit dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte ihren Anteil an jeder Regung seines Wesens.
Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, legte ihr die Finger auf die Lippen, zog sie in seine Arme, riß sie mit sich in das Meer der Seligkeiten. Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.
Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte sie, wie ihre Seele klagte: du schwelgst und läßt mich darben. Du glühst, und ich erfriere. Fühlst du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er dir gibt, ist nichts als sein Begehren.
Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren, gib mir dafür seine Freundschaft.
Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. Ein Mißton gellte durch ihr innerliches Jauchzen. In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs der Schmerz wie eine kranke Blume.
Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß er ihr Verstummen und schlürfte ihre wehe Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht, daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen brannten, in sich den Schrei erstickten: Schicksal, erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir dafür seine Freundschaft.
Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr Schweigen brachen. Wie ein lang zurückgedämmter Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen Anteil, du gibst mir nichts als deine Sinne.«
Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft in seine Arme, wiegte sie hin und her und sagte nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«
Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.
Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, dann in Erstarrung. Sie stand ganz nahe bei der Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete noch immer. Sie zündete kein Licht an. Ihr war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht näher.
Plötzlich streifte sie sein Atem. – Sie fuhr empor und sah ihn in der Tiefe eines Sessels lehnen.
Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte nicht: wer hat die Lampe angesteckt, die rot verschleiert aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag auf ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher – er hatte sie beim Kommen nicht geküßt.
Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber. Er erzählte von Erlebnissen und Plänen, forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt habe.
Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige Klang, der niemals jäh erstickt und im Geflüster abbricht?
Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es ihr und bot sich an, ihr daraus vorzulesen.
Sie wollte rufen: du – du – kommst du nicht zu mir?
Der Laut erstickte in der Kehle.
Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig, zuweilen wurde er sogar bedeutend.
Sie dachte: ist er es denn wirklich?
Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen, aus seinen Zügen war jede Heimlichkeit gelöscht. Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine angeregte Unterhaltung.
Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen. Etwas Unüberwindliches hielt sie zurück. Die kurzen Schritte, die sie von ihm trennten, waren nicht zu überschreiten.
Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab' ich meine Liebe nur geträumt, den Mann mir gegenüber kenn' ich nicht.
Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen. Sein Leben ist erstorben. Du aber lebst. Und keine Brücke führt vom Lebenden zum Toten.«
Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen. Aus schwerster Not stöhnte sie auf ...
Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen waren naß von Tränen. Und schnell, ehe die betäubte Seele sich von ihrer Angst befreien konnte, stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal, erhöre mich – nimm mir, wenn es sein muß, seine Freundschaft, aber laß, o laß mir sein Begehren.«
Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb des Fenstertritts gekauert, hätte die Wiederkehr in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen brauchen. Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des grauhaarigen Zigarettenrauchers entheiligte kein Männerwort den Nachhall der ausgeströmten Klage. Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem Hochmut, der ihr wohl helfen mußte, ihre Abneigung gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden, erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an. Mehr als den Geliebten suche die Frau jetzt in dem Manne den Vater ihrer Kinder, den gleichberechtigten Gefährten.
Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte. Am wenigsten hätte ich es dieser zugetraut. Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms erschienen. Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem mein Urteil stand. Entgegen den heutigen Gebräuchen war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre angepaßt. Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone. Es gelang mir, ihr früheres Ich bildhaft vor mir wiederherzustellen. Die feine Linie des jetzt zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der großen schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit verschattet, die Lockungen der Lippen, ehe die Zeit ihnen die Frische nahm.
Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten? Sie wendete sich nur an mich, als sie ruhig sagte, sie habe keine Vorstellung von einer Weltordnung, die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt ihrer Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe würden sie dann sein? Vom Fluch des Triebes befreit, von der Versklavung durch das Blut, das seine Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn es die Grenzen seiner Macht erreicht. Ruhigere sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie ihrer tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres Weibseins aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht, die Farbe ihrer Wangen kaum erhöht, erzählte sie; es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender ihrer Mitschwestern gewesen sein.
Herbst
Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! Liebe! Liebste! Dann bog der Wagen um die Ecke, allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.
Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie in die Herbstlandschaft hinaus.
Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls. Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten.
Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft.
Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen. Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen blühten.
Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen.
Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter Mädchenhaftigkeit.
Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden herabgeglitten war.
Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß wir gerade heute das Auto nicht benutzen können ...«
Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her.
Wie das lebendig vor ihr aufstand – den ganzen Tag über hatte es sie schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen: warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren, Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische Unberührtheit ihrer Jugend.
Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen, hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung »Du« zu sagen.
»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.«
Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte anvertrauen müssen.
Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er wäre vor ihr auf die Knie gesunken.
Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol.
Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe.
Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft. Und damit das eigene Geschick besiegelt.
Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich – das Signal der Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen.
»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«
Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.
Und nun wartete er draußen.
»Darf er herein?«
»Nein!«
»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich lasse nicht von ihm ...«
Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war. Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden sah.
Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte, den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren?
Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär' mir lieber.
Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt. Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein. Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns.
Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie mußte sich am Tischrand halten.
Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank, suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte, war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet. Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des Lagers streuen.
Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung und der Sehnsucht der gereiften Frau.
... Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen. Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses Zimmers übertreten ...
Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen, wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes. Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch die Spalte der angelehnten Tür.
Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint ...
Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie zu einer matronenhaften Flechte.
Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu besinnen.
»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig sein.«
Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte, als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter, bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen.
Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im selben Zug gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus ihren Wie's und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen.
»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«
Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. Einen Kriegsbeschädigten hatte sie zum Mann genommen, sie fingen einen kleinen Handel an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen Janhagel bedienen und für ein paar dubbeltje Trinkgeld »Dank je well« zu jedem Lümmel sagen. Sie stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat man da in die großen Hotels für ein Aasen mit die Guldens anschaun müssen und ein Schlingen und Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind die armen Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und Heringsschwänzen.«
Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen zu ergötzen. Man ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. Sie glich einer Künstlerin, die Beifall findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die Volkssitten an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken warf sie auf eine roh gezimmerte Palette. Ich habe sie vereint zum Bilde.
Altersfrieden
Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus für arme Fischer«.
In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen. In Sorgen hatten sie gelebt, waren in schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten sie nicht Not.
Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den müden Leib zu betten. Ein Raum für jedes. Hoch genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug, um, beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu streifen.
An der weißgetünchten Wand ein Binsenstuhl, ein kleiner Tisch. Ein halbes Dutzend Nägel ob der alten buntbemalten Truhe. Und wem das nicht genügte konnte Bretter in den Bettschrank nageln und seine Habe darin bergen.
Für ihren Magen war gesorgt.
Kaffee des Morgens, Kaffee vormittags, mittags, nachmittags und abends.
Und Sonntags Speck. Drei volle Pfunde. Wer seine Knochen noch bewegen konnte, dem stand es frei, sich seinen Tabak zu verdienen. Nur Branntwein war verpönt. Der schädigte den Körper und die Seele.
Zwölf waren sie. Verwaiste Eltern alle und keiner unter siebzig.
Der Tod war durch ihr Haus gegangen und hatte sie verschmäht. Wegmüde Wanderer. Entzweigte Bäume, kronenlos, ins Lebensmark getroffen.
Nicht alle waren Heringsfischer.
Gwij Louw hat Zwiebel und Kartoffel eingesetzt und ausgegraben Jahr um Jahr. Vom vielen Bücken war sein Rücken krummgebogen.
Joost Bluijs gab seine Kraft den Kähnen. Das Seil um seine Schultern ging er uferlängs mit schweren Schritten, zog die schwerbeladenen, flachen Kähne durch die Kanäle. Durch die stillen, grünumsäumten Wasserstraßen, der Landschaft Zierde und die Freude aller schönheitsfrohen Blicke.
Frucht und Gemüse hatte Arrie Paap durch das Land geschoben. Winter und Sommer. Durch Schneesturm und durch Sonnenglut, durch Schlamm und Flugsand. Dem Karren unter, zwischen Räderkreischen, die beiden Helfer. Kleine Hunde, zottig, mager, unter ihrer Bürde aus atemlosen Lefzen keuchend. An hundert Tiere mordete die Straße.
Huip van Spaart war Muschelsammler. Alltäglich, nach der Flut, war er ins Meer gegangen, das Netz vor sich, quer durch die Wellen. Neben ihm, bis an den Bauch im Wasser, zog das alte Pferd den hohen Wagen. »Ho–i,« schrie Huip. Das Pferd stand still, der Fang fiel prasselnd in die Wagenhöhlung. Und weiter ging's, quer durch die Wellen, Mann und Pferd bis an den Bauch im Wasser.
Huip lebte noch die Frau, wie auch dem Gwij. Joost Bluijs war Witwer. Erst seit kurzer Zeit. Nun durfte er das Doppelbett allein benutzen.
Da war noch Aagje Kruit, die Armenmutter vor Eef Waas gewesen war. Und Tietje Boon, die nicht ganz richtig war im Kopf.
Seit ihrer Jugend, meinten manche.
Andere sagten, seit jenem Tag, an dem sie Mann und Kind verloren hatte.
An einem Wintersonntag auf der Heimfahrt aus der Kirche.
Im Treibeis kenterte das Boot. Der Vater hielt das Kind, bis die erstarrten Hände Hilfe fanden. Dann sank er kraftlos. Tietje, am Bugspriet angeklammert, bewußtlos, halb ertrunken, blieb am Leben. Sie lag in hohem Fieber, als man das Kind begrub.
Sie saß meist und stierte in die Luft. Nur wenn das Essen kam und man ihr das Verlangte nicht gleich reichte, erwachte sie und heulte wie ein Tier, das Schmerzen hat.
* * * * *
Novemberabend.
Heulend rast der Sturm. Aus seinem Brüllen schreit der Tod.
Draußen – weit draußen – zwischen Gischt und Wirbel unter schwarzverhangenem Himmel. Bergehoch, tälertief wirft er das Fahrzeug, faßt es mit der Eisenfaust, zerbricht es – begräbt sein Leben in dem tollen Strudel. Jauchzend rennt er vorwärts, türmt die Wasser, rüttelt an den Dämmen.
Auf das Armenhaus wirft er sich wütend. Dreihundert Jahre schon berennt er es, kämpft er mit der buntbemalten Puppe, dem alten Fischer, die den Giebel krönt.
»Ich will dich zwingen, Popanz – heut' zertrümmere ich dich.«
Drinnen in der Halle hocken die Alten um den runden Tisch. Auf die weißen Köpfe fällt das bleiche Licht der Hängelampe.
Aber in den tiefen Ecken, wo die schwarzen Schränke stehen, ballen sich die Dunkelheiten, rücken drohend näher, fressen an dem blassen Lichtkreis. Lärmend tost der Wind.
Hui – ein Stoß – und wieder einer.
Die rote Balkendecke zittert, zuckend tanzt die Lampenflamme, und die Mauern schwanken. Klirrend reißt es an den Fenstern. Eisig pfeift es durch die Ritzen, fegt mit Ungestüm quer durch den Saal.
In den greisen Körpern friert das Leben. Zögernd schleicht das kalte Blut durch die welken Adern, und der Herzschlag stockt.
Sie fordern murrend »Mutters Zimmer« in der bösen Nacht. Es ist kleiner und die Mauern dicker, man kann Feuer machen im Kamin.
Mutter Eef hat nichts verstanden. Sie geht in dem blauen Wollkleid (Rock und Jacke, sommers, winters stets das gleiche), auf dem grauen Haar die weiße Haube, hin und wieder, räumt und ordnet. Noch ganz jung, kaum fünfzig Jahre.
Ihr nettes Stübchen. Heute hat sie erst die roten Ziegelsteine reingescheuert.
Nicht einmal die Katze, die ihr Liebstes ist, durfte auf die hohen Binsenstühle springen.
Diese Horde Schweine, die nach Schmutz und Branntwein stinken, Tabak qualmen und in alle Ecken spucken.
Nützen nichts, die tauben Ohren. Immer lauter wird das Murren.
Und jetzt humpelt Aagje Kruit aus ihrem Stübchen. Einundneunzig, eingeschrumpft und eingetrocknet, schon der Erde nahe, in die sie bald gesenkt wird.
»Hör', Eef, in solchem Wetter haben sie ein Recht, bei dir zu sitzen. Mach' das Feuer an in deiner Kammer.«
Mageres Feuer. Ein paar Stücke Torf, ein Korb voll Dünengras. Doch es flackert, mischt sein sanftes Lied ins Sturmesheulen.
Eng umdrängen es die Häusler. Dicht beisammen. Als ob Wärme aus den alten Körpern strömen könnte.
Schweigend rauchen sie, schon halb entschlafen. Manchmal weckt ein Windstoß das Gedenken an Gefahren, die sie einst bestanden haben.
Aagje Kruit fängt plötzlich an zu reden.
Sie war Hebamme. Tausenden von Kindern hat sie auf die Welt geholfen, tausende verderben sehen.
Sie erzählt von großen Kriegen. Von Napoleon. Von dem Brand in Moskau. Einer ihrer Brüder war dabei gewesen. Fahnenflüchtig war er heimgekommen, mit der Kunde von dem großen Brand und schwerem Elend.
Mutter Eef, die Augen scharf auf Joost, schreit plötzlich auf.
»Du Kerl, du Schwein, besoffenes Untier, hab' ich dir nicht streng verboten, auf die reine Diele auszuspucken? Siehst du nicht den Speinapf?«
Sie faßt mit ihrer starken Hand den Alten und stößt ihn in die dunkle Halle.
Alle anderen folgen, tappen in die Kojen, kriechen in die Kasten unter ihre Lumpen.
Gwij und Huip und ihre Frauen schmiegen sich zusammen.
Wieviel Nächte noch?
Joost zieht heimlich seine Branntweinflasche aus dem Polster, heizt den alten Leib.
Lautlos liegt das Haus, der Wind umheult es. Rüttelt an dem Giebel, an den Türen.
Ab und zu erwacht ein Schläfer.
War das nicht ein Schrei? Das Rufen eines Kindes, das vor vielen Jahren in solcher Sturmnacht auf der See ertrunken ist?
* * * * *
Schweineschlachten. Fest im Armenhaus. Im November kauft die Mutter das Ferkel ein, zieht es unter aller Augen auf. Aller Hände haben es betastet. Tag um Tag. Wie es zunimmt. Ob am Fett mehr, ob am Fleisch? Heut, im Februar, wird es geschlachtet. Dick van Keer, der alte Heringsfischer, der so oft den Todesschnitt geübt hat, darf es stechen.
Seine dürre Hand, die zögernd zittert, wird noch einmal fest. Er stößt mit scharfem Messer in das Herz des Tieres, dessen Blut hervorschießt. In den Bottich, den Joost Bluijs ihm vorhält.
Gwij und Arrie holen Pech herbei, bestreuen den Leichnam. Während Eef das Feuer auf dem Herd entzündet und den Kessel aufstellt.
Siedend wird das Wasser auf das Schwein gegossen, daß die Borsten, aufgeweicht, sich schaben lassen.
Alle Männer, ihre Kraft vereinend, ziehen und schleppen nun den schweren Körper in die Halle. Dort wird er gehängt und abgewogen.
Juchhei! Zweihundertundzwanzig Pfund. Fast um zwanzig mehr als im vergangenen Jahr.
Um das Tier geschart, besprechen sich die Alten, achten auf die Teilung, sehen den Frauen zu, die die Eingeweide waschen, umdrehen, salzen und zerkleinern, um sie in den langen Darm zu stopfen.
Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre Zungen lecken lüstern ihre Lippen. Ganz beseligt tasten sie die Seiten. Dieser Speck – so weiß und fest. Und die Schinken.
Nein, sie werden dieses Mal nicht dulden, daß Eef irgend etwas von dem Schwein verkauft. Sie verlangen ihren Anteil an den Würsten, an dem Räucherfleisch.
Es ist Geld genug im Armenfonds. Muß denn Zins auf Zins gelegt sein? Ihrer ist die Gegenwart, das Schwein. Was bekümmert sie die Zukunft? Ihre Tage sind gezählt.
Mutter Eef hält Wacht mit scharfen Augen, daß kein Frecher sich an ihrem Gut vergreift. Jetzt faucht sie wie eine Katze auf. Ihre Faust in Arries Tasche, zerrt sie wütend, zieht das Stück, das er vom Schweinemagen heimlich abgeschnitten hat, heraus.
»Halunke, Lump, gemeiner Dieb!«
Arrie schweigt. Er ist zufrieden, daß der Eindringling die Flasche nicht gefunden hat. Seine liebe Branntweinflasche.
In der Ecke, wie beleidigt, tut er einen tiefen Schluck daraus und reicht sie heimlich weiter.
»Prosit! Unser totes Schwein soll leben.«
Und sie lachen wie die Kinder, hundert Runzeln in den alten Zügen.
Aus der großen Halle schrillt ein Wehruf. Lautes Weinen, wilder Jammer. Es ist Tietje Boon.
Des Schweines Todeskampf, das blutig-rote Fleisch, der Blutgeruch haben sie erregt. Irgend etwas ringt sich dämmernd aus dem zerstörten Denken. Aus der Tiefe ihres Unbewußtseins tritt ein langvergessener Schmerz.
Sie liegt auf dem Boden, heult, schreit, rauft sich die Haare.
»Tietje Boon ist wieder mal nicht richtig,« sagt Gwij Louw zu Arrie. »Sicher ist es so.«
Und den Umstand nutzend, daß die Mutter in die Halle geht, Tietje auszuschelten, leert er seine Branntweinflasche bis zur Neige.
* * * * *
Konzert und Ball im Badhotel.
»Für die Armen, liebe Leute, es sind ihrer viel im Dorf.«
Mildtätigkeit rauscht aus den Seidenröcken, Mildtätigkeit blitzt aus den edeln Steinen.
Mildtätigkeit entblößt die Büsten, schmückt die künstlichen Frisuren mit Band und Blumen, läßt Champagnerpfropfen knallen.
Händedrücken – Augenschmachten – Hüftenwiegen. Die Verlockung wird zur Pflicht.
Zweimal schon, zu je zehn Gulden einen Kuß, hat der blonde Hauptmann Frau von Reuß die weißen Arme küssen dürfen.
Für die Armen, liebe Leute, muß man Opfer bringen.
Mutter Eef in ihrem blauen Kleid, stets das gleiche, auf dem grauen Haar die Spitzenhaube, deckt die Tafel, bringt die Teller, Gläser und Bestecke. Heute gibt es warmes Abendessen. Braten, süße Speisen, Wein und Bier und für jeden Mann ein Päckchen Tabak.
Eben treten schon die Spender in die Halle. Ihre Wohltat zu vollenden, wollen sie die Armen selbst bedienen.
Die Alten stehen sehr verlegen in den Türen ihrer Kojen.
In ihrem Herzen kämpft die Sehnsucht nach den feinen Speisen mit der Scheu vor diesen Herrenleuten.
Mynheer van der Werft, der reiche Reeder, tritt jetzt vor, hält eine Rede.
Von der Güte Gottes, »denn der Herr ist auf dem Grunde jedes Tuns und Lassens. Täglich müßt ihr ihn lobpreisen, daß er euch so schön geführt hat. In dies Haus, wo euer Lebensabend hinfließt wie ein Bächlein, still und rein und ohne Sorgen.«
Von der Menschengüte, die den alten Leuten dieses schöne Fest bereitet habe. Von der Pflicht der Dankbarkeit für diese Wohltat, von der Pflicht der Demut und Zufriedenheit.
»Ist er nicht bald fertig?« denken sich die Häusler. »Erdäpfel und Braten werden kalt.« Unter den gesenkten Lidern fliegen ihre Blicke nach der Tafel.
Endlich!
Um den runden Tisch sitzen jetzt die Alten. Das blasse Licht der Hängelampe fällt auf ihre weißen Köpfe. Anfangs zögernd, immer dreister greifen alle zu.
Schmatzend essen sie und trinken glucksend. Das Geräusch des Kauens und des Schluckens mischt sich mit dem Rauschen der Gewänder. Wenn die Damen, die zum Volk heruntersteigen, Schüsseln reichen, Gläser füllen. Da fällt ein Teller klirrend auf die Diele und zerbricht. Er ist Frau von Reuß entfallen.
Einer Ohnmacht nahe, starrt sie nach den Alten. Nach dem Lichtkreis über ihnen, den die Finsternisse, in den Ecken dicht geballt, umdrängen und ihn drohend fressen. Daß er matt und ungewiß die welken Körper und die dürren Glieder und die bleichen Wangen fahl beleuchtet.
Ihr ist plötzlich: lauter Leichen sitzen um die Tafel. Fleischlose Gerippe, deren Kiefern zahnlos malmen. In den Dunst von Wein und Speisen steigen ihre Verwesungsdüfte. Ihrer selbst nicht mächtig, stürzt sie durch die Tür ins Freie. Auch die anderen Herrenleute, schnell erkaltet in dem Eifer sich zu opfern, suchen einen Vorwand, sich zu flüchten.
Unbekümmert, ohne aufzusehen, füllen sich die Alten Schlund und Magen. Sie vertilgen bis zum Rest die Braten, und sie leeren Wein und Bier zur Neige.
Dann, des Übermaßes ungewohnt, sitzen sie betäubt. Ein Gefühl des Unbehagens überfällt sie, eine Lust zu streiten und zu raufen.
Arrie Paap fängt plötzlich an zu winseln: hätten sie ihn doch gefragt. Hätten sie ihm, statt des Nachtmahls, doch lieber seinen höchsten Wunsch erfüllt, den letzten seines Lebens. Einmal noch nach Amsterdam zur Kirmeß. Auf den Straßen singen hören, tanzen sehen, in den Waffelbuden sitzen und das Karussell besuchen. Einmal noch in diesen großen Kutschen fahren. In den wunderbaren weißen Kutschen, ganz vergoldet und mit goldenen Pferden, die sich nach dem Klang des großen Spielwerks langsam drehen.
An den Fingern zählt er sich die Kosten ab. Für Wein und Bier, und für den Braten, für die süße Speise. »Das hat mehr gekostet als die Fahrt zur Kirmeß, meint Ihr nicht auch, Mutter Eef.«
Das Gesindel, diese feinen Damen. Erst sind sie so freundlich, bieten ihre Dienste an, wollen helfen und bedienen. Und dann rennen sie davon, lassen ihr die Plackerei und Arbeit.
Keine einzige hat ihr etwas gegeben, keinen Cent, ihre Hand ist leer.
Gerade nur, daß sie sich die beiden Flaschen Wein hat beiseite bringen können, und die halbe Torte und die Wurst.
Arrie winselt immer noch in seiner Ecke. »Hätten sie mich doch nach meinem Wunsch gefragt.«
»Du bist ganz besoffen, Kerl, leg' dich schlafen,« sagte die Mutter.
Wütend schichtet sie die leeren Teller, packt sie auf den Arm und trägt sie weg. Auf dem Weg zur Küche murmelt sie verächtlich: »Diese reichen Leute.«
Katjes Erfolg war unbestritten; sie hatte der Frauen Mitleid angerührt, dem jungen Dichter eine neue Welt erschlossen, die geräuschvolle Zustimmung des tschechischen Genossen eingeheimst. So offensichtlich platzte nun auch Aloys aus allen Nöten vor Erzählerlust, daß ich lächeln mußte, wenn ich den Ton als höchst geschmacklos auch verdammte, als der grauhaarige Herr dem Südtiroler seine Zigarettendose reichte und ruhig sagte:
»Na, Herr Oberkellner, und was haben Sie gegen ihre frühere Kundschaft auf dem Herzen? Heraus damit. Es kitzelt Sie ja schon in der Kehle.«
Wie gekränkt in seiner Manneswürde hielt Aloys sich zuerst zurück. Dann siegte wohl die »Bitte sehr, bitte gleich«-Natur in ihm. Er verbeugte sich, und eingedenk vielleicht seiner Gewohnheit, die Zahl nach oben abzurunden, nahm er an Stelle eines Tabakstengels ihrer sechs aus dem Behälter.
»Na natürli,« sagte er begütigend, »es is halt alles unterschiedlich auf der Welt. Es hat ihrer unter die Herrschaften viel noblichte und anständige a. Aber sell muß wahr sein: a fremds Brot is a sauers Brot. Und die Armen und die Reichen, das paßt halt z'samm' als wie, mit Verlaub, an Schweinshaxel in an Judenmagen. Und um so mehr als wie sich Müh' geben, sich gemein mit unsereins zu machen, um so talketer stellens sich halt an. Auf d' letzt noch,« er rückte seinem Ziele näher, »acht Täg bevor i hab' weg müssen zu die Soldaten, is oben in unserm Alpenwirtshaus was passiert. Wenn die Herrschaften erlauben, werd' i so frei sein und's erzählen. Ein ganz a lustigs Stückl. Kurz is's a.«
Er erbat sich Feuer von dem grauhaarigen Herrn, setzte sich an Katjes Seite und begann.
Volksbeglückung
Es war die zweite Stunde eines heißen Julinachmittags. Um diese Zeit kam keine Kundschaft in die Schwemme des großen Alpengasthofes »Zum Latemar«, der auf einem Hochplateau erbaut war, von den Dolomiten wie von einem Kranz umgeben. Vefi Rifeser, die Kellnerin, konnte ungestört die Platte ihres Schenktisches seifen. Sie rieb und bürstete mit Eifer, wie jemand, dessen Gedanken nicht bei seiner Arbeit sind. Von Zeit zu Zeit fuhr sie mit der Schürze über die erhitzten Wangen und trocknete zugleich die nassen Augen.
Die Vefi war ein mittelgroßes, schlankes Mädchen, mit brauner Haut, feurigen Augen und starken schwarzen Haaren. Sie war im Grödnertal geboren, von welschen Eltern, ihr Sinn war ungestüm, und ihr Geblüt war heiß. An schwülen Tagen wie dem heutigen machte es ihr viel zu schaffen und begehrte heim zu allem, was sie, dem Broterwerb zuliebe, dort zurückgelassen hatte.
In solchen Augenblicken war es geraten, ihr aus dem Weg zu gehen, das Wort saß ihr dann lose auf der Zunge und die Hand lose im Handgelenk. Zwar, sie war auch sonst nicht maulfaul und verkniff sich keinen derben Ausdruck. Mit den Bauern war sie grob aus Hochmut, weil sie sich ihrer Armut halber nicht von ihnen ducken lassen wollte, und mit den Städtern aus Schlauheit. Sie merkte wohl, daß ihre Art die Herrenleute in die Schwemme lockte, die Männer reizte und die Frauen unterhielt, und daß die Trinkgelder mit ihrer Keckheit wuchsen. Sie sah und merkte überhaupt so manches und lachte heimlich über die verrückten Leute, die sich vom Wirt und den Kellnern das Geld aus den Taschen ziehen ließen. Die, anstatt bis Mittag im bequemen Bett zu schlafen, vor Sonnenaufgang aufstanden und in die Berge liefen. Die voreinander den ganzen Tag Komödie spielten und sich in einem fort verkleideten; in der Früh' als Tiroler, in geflickten Lodenjacken, Lederbuxen und Dirndlgwand'ln, zu Mittag wie die Kunstreiter in Sportanzug und in Radelröcken, und auf die Nacht wie die Affen; die Mannsbilder in schwarzen Schniepeln und glänzenden Stiefletten, die Weibsleute obenher halbnackt, daß man sich schämte sie anzuschauen, untenher mit langen Seiden- und Spitzenfahnen, die sie auf dem roten Bergsand schleifen ließen. Und die sich alle auf die Gebildeten und Feinen spielten und doch grad' so nixnutzig waren, so verlogen und verliebt wie die gemeinen Leute auch.
Vefi hatte Gelegenheit genug, das alles aus der Nähe zu beobachten; denn zum Verdruß des Landvolks und zum Ärger des feinen Oberkellners hielten sich viele Fremde lieber in der Schwemme auf als in der eleganten Halle des Hotels. Neugierig waren manche, konnten sich nicht genug tun mit Fragen nach bäuerlichen Sitten und Gebräuchen, als ob Tirol im Mond gelegen wäre. Andere kamen ihr mit Ratschlägen und Anerbietungen, mit unverschämten und auch gutgemeinten.
Da war besonders ein Fräulein aus Berlin, Klarisse Müller hieß es, und wohnte schon seit einem Monat im Hotel, das hatte die Grödnerin in ihr Herz geschlossen und war ganz erpicht darauf, sie zu unterrichten. Dafür verlangte sie nicht nur keine Bezahlung, sondern sie beschenkte ihre Schülerin noch, um sie anzueifern. Aus diesem Grund ließ sich's die Vefi auch gefallen; aber sie war doch herzlich froh, wie das Fräulein auf ein paar Tage fortmachte, auf eine Bergtour.
Heute namentlich, da ihr die Traurigkeit beinahe das Herz zersprengte, hätte sie sich lieber in ihrem Dorf um geringsten Taglohn schwer geplagt, als hier in der Fremde in ihrem Sonntagsstaat die Bauern zu bedienen und den Herrenleuten einen Hanswurst vorzumachen. Wie sie das grad' so bei sich dachte und ihr dabei die Tränen wieder in die Augen stiegen, tat sich die Tür auf, Fräulein Klarisse trat herein; sie trug ein Päckchen in der Hand.
»Grüß Gott, Vefi!« sagte sie mit norddeutscher Betonung.
»Grüß Gott, Freilen,« erwiderte die Kellnerin nicht eben freundlich.
Dabei bückte sie sich hinter die Kredenz, so daß sie die ausgestreckte Hand des Fräuleins nicht zu schütteln brauchte.
Fräulein Klarisse nahm ihr das nicht übel. Sie hatte feste Theorien in bezug auf den Verkehr mit Frauen unterer Stände. Die wollten ihrer Ansicht nach gewonnen und umworben werden, man mußte sie behandeln wie die Kinder, und ihnen wider ihren Willen helfen.
Vertraulich setzte sie sich an einen Holztisch und erbat sich ein Glas Milch.
»Nun, und wie ist es Ihnen denn ergangen, Vefi, während ich nicht hier war? Ist Ihnen bang' nach mir gewesen?« Sie erhob die Stimme, als könnte sie ihr Hochdeutsch dadurch besser verständlich machen. »Ich hab' an Sie gedacht, sehen Sie, ich hab' Ihnen was mitgebracht.«
Sie löste die Hülle des Paketchens und überreichte Vefi ein geschnitztes Kästchen, dessen Deckel ein buntbemaltes Bildchen zierte. Das Dorf St. Ulrich, überragt vom Langkofel und der Sellagruppe.
Vefi starrte auf das Geschenk. Sie wußte mit dem Kästchen nichts Rechtes anzufangen, aber die wohlbekannten Formen der Berge, die seit Jugend an ihren täglichen Horizont gebildet hatten, weckten eine wilde Sehnsucht in ihr auf.
»I dank Enk, Freilen.«
Sie war nicht dankbar. Wütend war sie, daß sie hier stehen und schwatzen mußte und nicht ihr Bündel nehmen und nach Hause laufen durfte.
»Denken Sie, ich hab' den Langkofel bestiegen,« plauderte indes das Fräulein weiter, »bis zur Hütte. Herrlich war es oben, diese wundervolle Aussicht. Na, Sie sind den Weg gewiß schon oft gegangen.«
Vefi wußte nicht, was Nerven sind, sie fühlte nur, daß sie an sich halten mußte, um den Gast nicht vor die Tür zu werfen.
»I,« erwiderte sie mürrisch, »baleib net, zu so was hab' i net Zeit.«
»Aber am Sonntag doch? Zieht es Sie denn da nicht hinaus in die schöne Natur?«
»Meinen S' die Berg? Die siech i akrat a so von unten. Und am Sunntig will i decht a mei Ruh' hab'n.«
»Wie doch die Dumpfheit des Geistes dem Volk die schönsten Freuden raubt,« dachte Klarisse und erzählte, nicht ohne erzieherische Absicht, daß einer von den Führern, ein furchtbar netter Kerl, womöglich noch begeisterter vom Sonnenaufgang war als die Städter. »Er war aus Ihrer Gegend, vielleicht ist er Ihnen bekannt, Peter Purtscheider war sein Name.«
Vefi lachte verächtlich auf. »Ui jegerl der Peter, sell is der recht', der lugt mit 'm Maul, bal er betet. Um a guat's Trinkgeld plauscht der die Frischleut' sakrisch an.«
Was hatte nur die Vefi? So üble Laune hatte sie noch nie gezeigt. Fräulein Müller lenkte daher das Gespräch in andere Bahnen.
»Haben Sie denn für mich gearbeitet, liebe Vefi?«
Das Mädchen brummte etwas Widerwilliges, doch ging sie an den Schenktisch und kramte in der Lade nach Tintenfaß und Schreibheft. Das Fräulein hatte es doch gut gemeint mit ihrem Kästchen, auch für die Milch wieder zehn Heller Trinkgeld hergegeben.
Klarisse sah das dünne blaue Heft mit dem zerrissenen beschmutzten Deckel kopfschüttelnd an.
»Aber Vefi, wie sieht das wieder aus. Und was haben Sie da obenan geschrieben?«
»'S is die Zech' vom Patscherjörgl, 's hat ihm gar so arg g'schleunt und i kunt koa Kreid'n finden.«
Das Fräulein überflog die Rechnung.
»Wie haben Sie das nur wieder buchstabiert? Wein mit eu und Rührei mit ai.«
Das Blut stieg Vefi in die Schläfen. Sie faßte nach dem Buch, um es an sich zu reißen!
Klarisse hielt es fest.
»Ich darf nicht die Geduld verlieren,« mahnte sie sich selber, sagte: »Lassen Sie mich nur erst Ihre Arbeit sehen!« und öffnete die Blätter.
Sie hatte ihrer Schülerin, der die großen Buchstaben nicht ganz geläufig waren, die Aufgabe gestellt, zu jedem Zeichen des Alphabets einen Rufnamen zu finden. Nun las sie, ohne zu verstehen, eine Anzahl Worte.
»Was soll denn das hier heißen, Durl, Hias, Lipp, Neas?«
Die Kellnerin lehnte, auf die Ellbogen gestützt, neben der Lesenden.
»So heißt mer bei mir dahoam die Dorothee, den Matthias, den Philipp und die Agnes,« erklärte sie.
»Ja, warum haben Sie denn dann die Namen nicht an die richtige Stelle gesetzt?« lächelte die Lehrerin. »Und ein paar Buchstaben haben Sie ganz ausgelassen, das G zum Beispiel.«
»Auf G hab' i koa einzig's Wörtl finden kunnt.«
»Aber Vefi! Ihr eigener Name – Genoveva!«
Vefi schlug sich vor die Stirn.
»I Dalk, i Tepp, daß i dadrauf net denkt hab'.«
Sie griff nach den Blättern, riß die beschriebene Seite aus und zerfetzte sie in viele Stücke.
»Lassen S' mi aus, Freilen,« rief sie, »i sag's Enk alm; von Hundsschweifeln g'winnts koa Unschlitt. I bring' dös Zeig nimmer in mei' dalketen Schädel eini.«
Das Fräulein suchte sie zu besänftigen.
»Wie können Sie so sprechen? Sie wollen nur nicht.«
Da warf die Kellnerin trotzig den Kopf zurück.
»Von z'wegen was a?«
»Um im Leben vorwärts zu kommen und auch um Ihrer selbst willen, Bildung macht die Menschen frei.«
»Ui jegerl,« kreischte die Vefi auf, »was sollet i mit a Büldung? Für mei' Arbeit bin i g'bild't gnua.«
»Sie könnten aber leichtere bekommen, hier ist sie doch oft recht schwer für Sie.«
»Sell is wahr,« bestätigte die Vefi.
»Und bringt wenig ein, und hört im Winter auf. Ein anstelliges, fleißiges Mädchen wie Sie könnte aber in der Stadt, in Bozen oder in München, einen guten Dienst finden für das ganze Jahr und viel mehr Geld verdienen.«
Geld verdienen, das war das erste, das der Vefi von allen Reden einleuchtete.
»Sell könnt' i scho brauchen.« Sie sah nachdenklich vor sich hin. Nach einer kleinen Weile schüttelte sie den Kopf.
»'s ganget decht net, i tät' mi decht zu arg nar mei' Heimoatl blangen.«
Diese sentimentale Regung überraschte die Berlinerin.
»Ich denke, Sie hängen gar nicht an den Bergen?«
»Hiaz z'wegen dene Berg.«
Das Gespräch hatte das Heimweh, das ihr am Herzen fraß, gesteigert, sie kämpfte mit dem Verlangen, jemandem ihr Leid zu klagen. Und da Klarisse in ihrem Beglückungseifer sie noch mehr bedrängte:
»Was hält Sie denn zu Hause fest? Ich weiß, Sie haben keine Eltern mehr,« kam es zögernd über ihre Lippen.
»Da is halt dös Haserl.«
Klarisse sah sie fragend an.
»Mei' Biabl.«
»Ein Kind?«
Vefi nickte.
Das Fräulein wurde rot, worüber sie sich ärgerte. Sie wußte doch, mit Prüderie kam man im Verkehr mit den niederen Ständen nicht weiter. Sie nahm sich sehr zusammen und sagte tapfer:
»Sie haben ein Kind? Aber Sie haben mir doch erzählt, Sie sind nicht verlobt.«
Die Vefi zupfte an ihrer Schürze; sie war etwas verlegen.
»Just versprochen bin i a net, mir hab'n si holt gern. Der Meine kunnt mi lei net heiraten, net ender manka*), aft sei Eltern g'storben sind.«
*) eher wenigstens.
»Und darauf wartet Ihr?« fragte Klarisse innerlich entrüstet.
»Ender kriegt er's Häusel net,« belehrte sie die Vefi eifrig, »und sei Vatter möcht' a, daß er a Reiche nehmet. Die Trafoierzenz, wo dreitausend Gulden mitkriegt, die ginget ihm glei zu.« Der Stolz auf ihres Liebsten Anwert sprach aus ihrer Stimme.
Zu solchen moralischen Verirrungen konnte das Fräulein Müller doch nicht schweigen.
»Aber Vefi, mit einem Menschen, der auf den Tod seiner Eltern wartet und inzwischen mit einer Reichen liebäugelt, haben Sie sich eingelassen? Ich fürchte, Sie rennen in Ihr Unglück.« Sie zögerte ein Weilchen, ehe sie sich entschloß, zu fragen: »Sehen Sie ihn denn noch immer?«
»Freili, im Winter wann i hoam kimm.« Vefis Augen glänzten bei dieser Vorstellung.
»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn man mit dem Volk in Berührung kommt,« dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind, dem Mann, gegenüber, ließ es ihr als Pflicht erscheinen, Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie legte ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ mit dem Öl der Menschenfreundlichkeit.
»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein Unrecht Sie begehen?«
In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf.
»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a a jed's Bußl as'n Sünd' anrait.«
»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.« Klarisse tat sich viel zugut auf ihr Verständnis der Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die Welt zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert ...«
»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi heftig; »a Klemmer is der meine net, er zahlt vierzig Gulden 's Jahr fürs Muckerle.«
Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig.
»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er nun eine andere nimmt und läßt Sie sitzen. Ich sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz hingerissen, »Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so ein Mensch ist nicht wert, daß Sie so an ihm hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie ihm, oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie –«
»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken, daß die Fremde des Burschen Aufenthalt nicht kannte, »daß mir mei' Schatz die Liab aufsagt.«
Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert.
»Das ist doch keine Liebe, das ist – das ist gehandelt wie das liebe Vieh.«
Da sprang die Vefi wütend auf sie zu.
»Sell geht Enk an Dreck an. Ös Drach'! Ös Bisgurn! Ös Bosnickl! Ös –« der Atem ging ihr aus, sie mußte sich verpusten. »Freili,« fuhr sie fort, und ihre Augen blitzten die Erschrockene ganz in der Nähe an, »Ös habts Enk leicht, habts a Geld, a kommods Leben, alle Tag' a Mehlspeis' und an Wein und a g'brat'nes Fleisch. Aber i bin an arm's Luder, muß mi von der Früh' bis auf d' Nacht rackern und schinden, hab' nie koa Gaudi net auf dera miserabligte Welt. Nix hab' i als dös bissel Liab von mei' Buabn, daß er mi auf 'n Sunntig mei' Bier zoahlt und an Tanz, und auf d' Nacht mit mi hoamgeht und mi halst und busselt, daß i siech, i bin decht a a Mensch. Wann er mi dann sagt: so viel gut bin i di, und nicht aufhört, mi zu bitten, soll i dann eppaer die G'spreizte spülln und sag'n: Tu erst beim Pfarrer die Schlüssel holen?« Sie zitterte vor Aufregung, die Tränen brannten ihr im Hals.