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Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen cover

Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen

Chapter 13: Wir wollen die Bahn!
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About This Book

A set of fifteen light, anecdotal stories centered on life in a small rural village, showing children and neighbors through seasonal festivals, household scenes and everyday mishaps. Episodes range from carnival pranks and petty thefts to spooky encounters, amateur theatricals and a few folktale-like interludes. Recurring community figures — an affectionate elderly woman, a schoolteacher, and spirited youngsters — bring out moments of humor, embarrassment, generosity and small moral lessons. Plain domestic detail and occasional touches of the fantastic combine to sketch a warm, humorous portrait of childhood and village customs.

Das zornmütige Annchen.

„Was ist immer munter, geht bei Tag und Nacht und wird von allen gern gelitten?“ Dieses Rätsel gab einmal Schuster Pechdraht etlichen Buben und Mädeln auf, und selbst die, die eigentlich keine guten Rater waren, riefen gleich: „Unser Dorfbrunnen.“ Schulzens Jakob fügte ganz hochmütig hinzu: „Solche leichte Rätsel sollte man gar nicht aufgeben.“

Schuster Pechdraht konnte, so oft er wollte, sagen, er hätte die Turmuhr gemeint, die Kinder glaubten es ihm doch nicht. Das Brünnlein auf dem Dorfplatz, das Tag und Nacht leise plätscherte, war ihnen allen viel, viel lieber als die Turmuhr, die dummerweise immer anzeigte, wann Schulzeit war. Was hatten die Buben und Mädel schon für lustige Sachen am Brunnen erlebt! Welch ein prächtiger Rettungshafen war der bei Ritter- und Räuberspielen! Am Brunnen konnte man spritzen, da wagte sich die feindliche Partei nicht so leicht heran. Wollten sich ein paar Mädel oder Buben treffen, immer hieß es: „Am Brunnen.“ Da war schon mancher dumme Streich erdacht worden, und wie oft war schon ein Bube oder Mädel, ein Schulbuch, eine Wasserkanne, ein Puppenkind oder eine Schürze, eine Bubenmütze oder gar ein Vesperbrot in den großen Steintrog des Brunnens gefallen. Ja, der Brunnen konnte etwas erzählen. Lustige und ernsthafte, kurze und lange Geschichten wußte er, viel dumme, aber herzlich wenig kluge. Hans Rumps hatte ordentlich Mitleid mit dem vielgeplagten Brunnen; er hatte oft gesagt, es sei unausstehlich, daß die Kinder fortwährend am Brunnen herumspielten. An einem Linksaufstehtag hatte er einmal den Schulzen so lange gebeten, bis der wirklich das Spielen am Brunnen verbot. Hans Rumps selbst hatte stöhnend und seufzend ein Plakat geschrieben, auf dem stand: „Es is ferbohden hiher zu schpieln un Uhnsinn un Lerm magen. Wär das nich duht wirtt beschtrafft. Di Ohrdsbollezeih.

Mit der Rechtschreibung standen die Oberheudorfer Kinder nun zwar selbst manchmal auf dem Kriegsfuß, Hans Rumps' Plakat erregte aber doch ihr allergrößtes Vergnügen. Sogar Heine Peterle, der es meist unter zehn Fehlern im Diktat nicht tat, sagte: „Na, wenn das der Herr Lehrer sieht!“

Der bekam es aber nie zu sehen, denn als Hans Rumps diese schöne Verordnung eben am Brunnen befestigen wollte und dazu auf den Rand des Troges trat, verlor er plötzlich das Gleichgewicht und plumpste mit seinem Plakat ins Wasser. Er kam wieder heraus und wurde auch wieder trocken, seine schöne Verordnung aber war aufgeweicht, die Schrift ineinander gelaufen und alles unbrauchbar geworden. Hans Rumps schrieb kein zweites Plakat, der Schulze dachte: „Ach, mögen sie doch spielen!“ und so blieb der Brunnen den Kindern unverboten.

Etliche Tage, nachdem Muhme Lenelies die Geschichte von der schönen Liebelinde erzählt hatte, saß Annchen Amsee am Brunnen und nähte. Es war wieder schönes Wetter geworden. Ein bißchen kalt war es zwar, aber das kümmerte Annchen nicht weiter, sie nähte mit vielem Eifer an ihrem Röckchen und war rot und heiß dabei geworden. Annchen Amsee war ganz fleißig in der Schule, war flink mit den Beinchen und noch flinker mit dem Zünglein, aber Nähen, Stricken, Sticken und Stopfen wollte und wollte ihr nicht gelingen. In der Handarbeitsstunde war sie die schlechteste Schülerin, und es gab Ermahnungen und Strafen ohne Ende. Seit Muhme Lenelies aber von der geschickten Flickerin erzählte hatte, war in Annchen der Wunsch erwacht, auch so fleißig und geschickt zu werden, um dann vielleicht einen Prinzen zum Mann zu bekommen. So saß sie denn am Freitag nachmittag und stopfte. Natürlich hatte sie gerade ein Loch im Kleid, sie hatte sich auch geschwind etliche Haare ausgerissen und versuchte damit ihr Heil. Es ging aber nicht so einfach, immer wieder rissen die Haare, und das Loch war wie ein großes hungriges Maul, das sich nicht schließen will, selbst beim größten Butterbrot nicht. Neben der Kleinen standen zwei Mägde, Mine aus der „Himmelblauen Ente“, die gekommen war, Wasser zu holen, und Amsees Laura, die wusch Eier am Brunnen ab. Morgen sollte zum Markt gefahren werden, und Laura meinte, den Städtern müsse man die Eier schön sauber bringen. Ihre Bäuerin fand zwar immer, dies sei eine überflüssige Arbeit, Laura aber ließ nicht gerne davon ab, Oberheudorfs Sauberkeit sollte in der Stadt gerühmt werden. Krämers Trude hatte sich auch eingefunden, und die großen und kleinen Mädel schwatzten gerade eifrig miteinander, als fünf Buben die Dorfstraße entlang kamen. Natürlich blieben sie stehen, und natürlich sahen sie zu, was die Mädel taten. Schnipfelbauers Fritz war es, der zuerst rief: „Annchen stopft, seht doch nur! Nä, sie will wohl 'nen Prinzen heiraten?“

Annchen Amsee wurde rot. Sie neckte sonst gern und ließ sich necken, aber nur nicht mit ihren Nähkünsten. Sie sagte darum sehr schnippisch: „Was geht's euch an? So dumme Buben, wie ihr seid, will ich freilich nicht heiraten.“

„Sie stopft, sie will 'nen Prinzen,“ riefen nun auch die andern Buben höhnend.

„Sie kriegt gar keinen, sie muß auch hundert Jahre lernen!“ schrie Heine Peterle.

„Seid doch still, ihr,“ schalt Mine, die gerade fortgehen wollte, und spritzte die Buben. „Haltet den Mund!“ gebot Laura, und auch Trude schalt und fing an zu spritzen; nur Annchen tat, als bemerkte sie die Buben nicht mehr, eifrig stopfte sie weiter.

„Sie nimmt ihre Haare, nä, seht doch!“ rief Schulzens Jakob, der sich gar nicht um das Spritzen kümmerte. Die fünf Buben brachen in ein lautes, höhnisches Gelächter aus, und soviel auch Laura und Trude schalten, sie neckten das arme Annchen immer weiter. Die dachte tapfer: „Sie werden es schon satt kriegen,“ dabei kamen ihr aber doch die Tränen in die Augen, und immer riß der Faden. Darüber wollten sich nun die Buben ausschütten vor Lachen. Bei jedem Stich, den Annchen tat, schrieen sie: „Es reißt, es reißt! Aufgepaßt, der Prinz rennt fort!“

„Nun hört aber endlich auf,“ sagte Laura und schwang drohend einen nassen Lappen, „sonst bekommt ihr den an den Kopf!“

„Erst treffen!“ rief Heine Peterle schnippisch und stellte sich breit und keck vor den Brunnen hin.

Ritsch! riß Annchens Haar entzwei und damit auch ihre Geduld. Sie besann sich einen Augenblick, sollte sie spritzen oder ihr Röckchen den Buben an die Köpfe werfen. Da fiel ihr Blick auf Lauras Eierkorb. Hastig griff sie hinein und – platsch! flog ein Ei Heine Peterle gerade mitten auf seine kleine, dicke Stupsnase. Das halbe Gesicht wurde gelb, es sah aus, als hinge dem Buben ein Eierkuchen an der Nase. Ehe sich die andern noch besannen, ergriff das zornmütige Annchen zwei andere Eier. Platsch! flog das eine dem dicken Friede in den offenen Mund, der Bube schluckte und pustete, und da hatte Schulzens Jakob schon ein Ei gerade vorn auf seinem Bäuchlein, als hätte er eine große Sonnenblume vorgesteckt.

„Bist du denn närrisch, Mädel?“ schrie Laura erbost und rettete jammernd ihren Eierkorb. „Nä, zum Kuckuck, was fällt denn dir ein? Das ist ja wohl eine neue Mode, mit Eiern Fangball zu spielen? Warte, ich werde dir zeigen, was es heißt, Eier aus Vergnügen andern an die Köpfe zu werfen!“ Ehe Laura aber noch ausgeredet und die Buben sich von ihrem Schreck erholt hatten, war Annchen Amsee schon auf und davon. Wie gejagt eilte sie nach Hause, Trude rannte schluchzend hinterdrein. Annchen raste, Trude raste, und so kamen sie unbemerkt in Amsees Holzstall hinein. Dort kauerten sich beide Mädel in den dunkelsten Winkel und heulten erst ein Weilchen um die Wette. Hörte Annchen einmal auf, so schluchzte Trude „Huhuhu!“ und hörte Trude auf, dann jammerte Annchen „Achachachach!“ Eigentlich hatte es Krämers Trude doch gar nicht nötig zu weinen, sie war jedoch eine viel zu gute Freundin, um Annchen in ihrem Kummer allein zu lassen.

Auf einmal flüsterte aber Trude ängstlich: „Es kommt jemand!“ Ganz geschwind krochen beide hinter einen Reisigberg. Trude schob noch rasch ein paar Bündel vor, und so saßen sie wie in einer kleinen Kammer. Aber da lugten auch schon etliche bitterböse Bubengesichter in den Holzstall hinein, und tuschelnde Stimmen wurden laut: „Ob sie hier sind?“ – „Nä, die sind sicher ins Haus gelaufen, die Bangbüxen,“ sagte Heine Peterle verächtlich. Eine Weile standen die Buben beratend an der Türe. Einer sagte: „Wir müßten sie doch sehen!“ Der dicke Friede meinte: „Vielleicht sind sie hinters Holz gekrochen, ich gehe rein und suche!“ Die Mädel zitterten wie Espenlaub in ihrem Versteck, und beinahe hätten sie beide losgeschrieen, als plötzlich eine barsche Stimme rief: „Was macht ihr denn da?“ Ein Knecht kam über den Hof, und ein wenig verlegen brummelten die Buben, daß sie Annchen und Trude suchten. „Die sind nicht hier,“ rief der Knecht, kam in den Holzstall hinein und rief: „Mädel, seid ihr da?“

Alles blieb still, die beiden wagten in ihrem Reisigkämmerlein kaum zu atmen, sie fürchteten sich schrecklich, und Annchen hatte das Gefühl, eine furchtbare Tat begangen zu haben. „Na seht ihr, sie sind nicht drin,“ sagte der Knecht, „also marsch hinaus!“ Er trieb die Buben aus dem Holzstall, schloß die Türe und schob den Riegel vor.

Die beiden Mädel hörten, wie die Buben fortgingen, und nach einem Weilchen flüsterte Annchen: „Wir wollen jetzt ins Haus gehen, da sind wir sicherer.“ Sie versuchten die Türe zu öffnen, aber o weh, sie war verschlossen. Betroffen schauten die beiden einander an. „Wir sind – eingesperrt!“ Einen Augenblick standen sie beide ratlos an der Tür; sie wußten erst nicht recht, sollten sie lachen oder weinen. Weil nun das Tränenbrünnlein aber schon einmal aufgezogen war, fingen sie ein jämmerliches Weinen an. Sie hockten beide im dämmerigen Holzstall und schluchzten wieder abwechselnd „Huhuhuhu!“ und „Achachachach!“, schluchzten, bis Krämers Trude auf einmal an ihr Vesperbrot dachte, das sie in der Tasche hatte. „A – a – annchen,“ heulte sie, „i – i – ich haabe was zu essen!“

Dies Wort wirkte sehr beruhigend auf Annchen, denn ihr fiel ein, daß sie eigentlich Hunger und kein Vesperbrot hatte. Sie trocknete daher ihre Tränen, und beide Mädel begannen Trudes Schnitten zu verzehren. Sie wurden leidlich satt zusammen und waren nun imstande, etwas ruhiger über ihre Lage nachzudenken. Zu schreien wagten sie nicht, sicher trieben sich die Buben in der Nähe herum. „Nachher holt unsere Laura noch Holz, sie tut das immer gegen Abend,“ sagte Annchen, „dann können wir raus. Sie ist schon nicht mehr böse, die brummt nie lange!“

„Wenn – wenn nur keine Ratten hier sind,“ flüsterte Trude bänglich.

„Hu hu,“ quiekte Annchen und hopste so hoch, als säße ihr schon eine auf dem Schoß, „Ratten, pfui!“

„Ich glaube, da krabbelt was,“ tuschelte Trude und kletterte geschwind auf einen Stoß Reisigbündel hinauf. „Komm hierher, hier kommen sie vielleicht nicht hinauf.“ Annchen folgte dem Rat. Oben saß es sich ganz behaglich, nur etwas stachlig, aber wie sie beide gerade recht überlegten, wie sie sich setzen wollten, geriet der Reisighaufen ins Rutschen, und die beiden Mädel kamen sehr fix wieder unten an. „Ich habe mir mein Kleid zerrissen,“ stöhnte Trude, und Annchen barmte: „Ich habe mich gekratzt.“

Selbst in einem Holzstall läßt sich allerlei erleben, dies merkten Annchen und Trude an diesem Nachmittag. Die Rattenfurcht veranlaßte sie immer wieder zu neuen Klettereien; waren sie oben, so purzelten sie wieder herab. So ging es hin und her, und sie vergaßen beinahe, daß sie eingesperrt waren. Es wurde dunkler und dunkler, und als die Mädel nun genugsam heruntergefallen waren, gaben sie es auf, vor den Ratten zu flüchten; sie kauerten sich in eine Ecke und begannen, sich leise allerlei Geschichten zu erzählen.

Die fünf Buben waren unterdessen im ganzen Dorfe herumgezogen und hatten die Mädel gesucht. Dreimal hatten sie beim Krämer und bei Amsees gefragt, ob Trude oder Annchen da wären, aber niemand wußte etwas von ihnen. Inzwischen war Annchens Tat auch im Dorfe bekannt geworden. Ihre Mutter hatte sie ebenfalls erfahren, und alle dachten: „Die Mädel haben sich versteckt.“

Es wurde dunkel, die Hausfrauen rüsteten das Abendbrot, und Hans Rumps stand seufzend aus seinem Bette auf und überlegte, wo er in dieser Nacht wohl am besten schlafen könnte. Jetzt begannen Annchens Mutter und die Krämerin doch ängstlich nach ihren Mädeln auszuschauen. Es wurde im Dorfe herumgeschickt, aber niemand wußte etwas von den beiden. Die Turmuhr schlug sieben. Das war die Zeit, in der in jedem Oberheudorfer Haus das Abendessen auf dem Tische stand, aber kein Annchen, keine Trude ließen sich sehen. Amsees Laura kam zum Schulzen, fragte nach Annchen und sagte zürnend zu Jakob: „Daran seid nur ihr Buben schuld. Wer weiß, was den Mädeln passiert ist!“ Und die Krämerin jammerte in Heine Peterles Elternhaus: „Wo nur mein Mädel ist!“

Da ließen alle Buben, auch die, die gar nicht dabei gewesen waren, ihr Abendbrot im Stich und rannten hinaus, die vermißten Mädel zu suchen. Sie vergaßen allen Zorn und suchten sehr eifrig und aufgeregt, denn sie hatten wirklich Angst, den Mädeln könnte etwas passiert sein. Nach und nach geriet das ganze Dorf in Aufregung, die Erwachsenen schalten und klagten, die Kinder schrieen, und Hans Rumps tutete etliche Male in sein Horn. Bei Amsees hatten sie das Haus schon dreimal abgesucht, nun kamen wieder etliche Buben und sagten: „Vielleicht sind sie hier doch wo!“

„Wir wollen noch einmal in den Holzstall gehen,“ meinte Laura. „Friedrich behauptet zwar, sie wären nicht dort, aber je ja, der bringt es fertig, zu Himmelfahrt nach dem Ostersonntag zu suchen!“

„So ein dummes Gewäsch,“ schrie Friedrich erbost, ging mit schweren Schritten voran nach dem Holzstall, riß die Türe auf und rief: „Na seht her, nischt ist da!“

„Du meine Güte, nä, da liegen ja alle beide und schlafen wie'n paar Ratten!“ rief Laura, und die Buben brüllten los: „Sie sind da, sie sind da!“

Mit diesem Jubelruf rannten die Buben hinaus und erfüllten die Dorfstraße mit ihrem Geschrei. Laura aber sagte kurz entschlossen zu Friedrich, der ganz verdutzt dastand und sich immerfort wunderte, daß die Mädel im Holzstall waren: „Nimm du Krämers Trude und trag sie rasch heim, ich nehme unser Annchen, sonst kommen die Buben zurück, und es gibt ein großes Getratsch!“

Friedrich tat ganz stillschweigend, wie es Laura anordnete, und als wirklich nach einigen Minuten eine ganze Schar Buben ankam, die nun alle die beiden Mädel sehen wollten, da lagen diese bereits in ihren Betten, und die Buben mußten abziehen. Sie waren sehr entrüstet darüber, sie hätten zu gern gewußt, wie die Mädel eigentlich in den Holzstall hineingekommen waren, denn Heine Peterle und Schulzens Jakob behaupteten noch immer, sie wären bestimmt nicht darin gewesen.

Am nächsten Morgen gingen Annchen und Trude mit etwas schwerem Herzen zur Schule. Trude hatte ja eigentlich keinen Grund dazu, aber aus lauter Freundschaft war sie mit verlegen und schaute mit ängstlich nach den Buben aus. Vor dem Brunnen trafen sie wieder alle fünf Kameraden, die gestern dabeigewesen waren. Einige Augenblicke standen Mädel und Buben stumm einander gegenüber, die Mädel verlegen, die Buben nicht wissend, ob sie gut oder böse sein sollten. Auf einmal platzte Schulzens Jakob heraus: „Wie seid ihr denn reingekommen?“

Annchen und Trude waren heilfroh, daß sie sprechen konnten und ihre wunderbaren Abenteuer im Holzstall erzählen durften. Sie taten es sehr eifrig, erzählten von ihrem Versteck, von den Ratten, die vielleicht dagewesen wären, und von der Purzelei, und die Buben lauschten, lachten, fanden die Holzstallgeschichte sehr vergnüglich und bedauerten eigentlich, daß sie nicht mit dringewesen waren. Plötzlich rief Krämers Trude kichernd: „Ach, Heine Peterle, dir saß das Ei gerade auf der Nase!“

Wie ein Zauberwort wirkte dies. Sie brachen alle in ein lautes Lachen aus, Schulzens Jakob und der dicke Friede schrieen ordentlich stolz: „Mir saß es hier!“ – „Mir saß es hier!“ Trude hopste vor Vergnügen hin und her, Annchen kicherte in ihre Schürze hinein, und Schnipfelbauers Fritz und Heine Peterle führten einen reinen Indianertanz auf. Die Schulranzen gerieten in Gefahr, in den Brunnen zu fliegen, und die Bücher und Federkasten polterten wie wild in den Ranzen herum. Die Kinder hatten allen Zorn, alles Beleidigtsein vergessen und hätten wohl bis Mittag am Brunnen gestanden und gelacht, wenn nicht plötzlich mahnend die Schulglocke getönt hätte. Da liefen sie eilig alle Hand in Hand der Schule zu; sie waren wieder gute Freunde, wie sie es bisher gewesen waren, und waren vergnügt, daß sie den Berenbachern eine so furchtbar komische Geschichte erzählen konnten.

Das Brünnlein aber rann und gluckste, tropf, tropf, tropf, tropf! Es freute sich auch, daß es wieder etwas gesehen und gehört hatte.

Wir wollen die Bahn!

Wer in Oberheudorf eine Reise tun wollte, der mußte erst zwei oder drei Stunden laufen, je nachdem er lange oder kurze, flinke oder müde Beine hatte, um die Bahnstation zu erreichen. Die Erwachsenen fanden das beschwerlich, aber die Kinder entrüsteten sich darüber, als wäre ihnen das Eisenbahnfahren so notwendig wie das liebe Brot. Da hieß es nun auf einmal: Die Eisenbahn kommt! Ganz dicht an Oberheudorf sollte sie vorbeifahren, ja Oberheudorf sollte sogar Bahnstation werden. So sagten sie in Oberheudorf, in Niederheudorf sagten sie wieder, sie bekämen die Station. Um diese Zeit war es, daß einmal etliche Oberheudorfer Buben und Mädel mit ein paar Niederheudorfer Kindern beim Erdbeerpflücken im Kuhberger Walde zusammentrafen. „Wir kriegen die Bahn!“ schrie ein langer Niederheudorfer Bube, als er kaum die Oberheudorfer erblickt hatte, und seine Genossen stimmten ihm zu: „Ja, wir kriegen die Bahn!“

„Nä, wir kriegen sie,“ schrie Schulzens Jakob patzig; er als Schulzensohn mußte es doch wissen.

„Ja, drei Meilen am Mund vorbei,“ höhnten die Niederheudorfer, und die Oberheudorfer gaben keck zurück: „Wir sind Ober, ihr seid Nieder, und Ober kommt allemal zuerst.“

„Pah, ihr! So 'n kleines Dorf! Nicht mal 'n richtiges Vogelschießen habt ihr,“ trumpften die Niederheudorfer auf, und die von Oberheudorf spotteten: „Wir haben Grafens und ihr nicht, und wir haben 'n Theater gehabt und ihr nicht, etsch!“

Der Streit wäre wohl noch eine Weile hin und her gegangen, und wer weiß, ob es nicht zu einer Prügelei gekommen wäre, aber Leberecht Sperling, der Waldhüter, erschien in der Ferne, da liefen die Oberheudorfer geschwind links, die Niederheudorfer rechts, und nur von weitem noch brüllten sie sich gegenseitig zu: „Wir kriegen sie!“ – „Nä, wir!“

Daheim erzählten dann die Oberheudorfer Buben und Mädel, wie frech die Niederheudorfer gewesen wären, und diese erzählten das gleiche von den Oberheudorfern. Die Erwachsenen nahmen Partei: jedes Dorf wollte gern die Bahn, jedes Dorf hielt sich für berechtigt, jedes meinte, besonders gut zur Bahnstation zu passen, und es dauerte nicht lange, da standen sich die beiden Dörfer wie Hund und Katze gegenüber. „Kriegen wir die Bahn?“ das war die Frage, die in dieser Zeit die Alten und die Jungen, die Großen und die Kleinen beschäftigte. Standen zwei auf der Dorfstraße zusammen, dann redeten sie über die Bahn, die Kinder sprachen sogar davon in der Schule, und der Herr Lehrer sagte mitunter seufzend zu seiner Frau: „Ich wollte, die Bahn führe schon am Dorf vorbei und nicht immer meinen Schulkindern im Kopf herum.“

Sämtliche Buben und Mädel hatten schon die wunderbarsten Reisegedanken, und die Sparbüchsen hatten es in dieser Zeit gut, sie durften so tüchtig Pfennige schlucken, daß sie ganz fett wurden. Es war Mode unter den Buben und Mädeln, Reisegeld zu sammeln, und wer einen Pfennig oder gar einen Fünfer in seine Sparbüchse tun konnte, der krähte wie ein Hähnlein bei Sonnenaufgang. Auch bei den Erwachsenen fing beinahe jedes Gespräch mit den Worten an: „Wenn wir erst die Bahn haben!“

„Nun wird's Ernst,“ sagte in dieser Zeit einmal der Oberheudorfer Schulze, „die Bahnlinie soll jetzt vermessen werden.“

Die gleichen Worte sagte an diesem Tage der Niederheudorfer Schulze, und mehr noch als sonst wurde nun in den Dörfern vom Bahnbau gesprochen. Als ein reisender Handwerksbursche durch Oberheudorf kam, dachten sogar etliche Buben und Mädel, der Mann könnte vielleicht etwas mit dem Bahnbau zu tun haben, und dem armen Handwerksburschen wurde himmelangst, weil ihm auf Schritt und Tritt eine Anzahl Buben und Mädel nachliefen. In Niederheudorf ging es zur gleichen Zeit einem Handelsmann nicht besser, aber der war ein Schelm und erzählte den Kindern: „Ja freilich, ihr kriegt schon die Bahn, paßt nur ordentlich auf! Wenn einer von der Bahn kommt, dann müßt ihr ihm nur gut zureden.“ Eine Stunde später sagte der Handelsmann dies auch zu den Oberheudorfern, und seitdem warteten sämtliche Buben und Mädel in Ober- und Niederheudorf auf den Mann, dem sie gut zureden konnten.

In diesen Sommertagen wurde es einem Studentlein in einer großen Stadt zu schwül. Er packte seinen Rucksack und zog hinaus ins weite Land, ging über die Berge und durch Wälder, um sich einen recht stillen Erdenwinkel auszusuchen, wo er in aller Ruhe arbeiten konnte. Das arme Studentlein mußte im Herbst sein Examen machen, und nun zuguterletzt fiel ihm ein, daß er recht, recht oft das Studieren vergessen hatte. Es galt nun, das Versäumte nachzuholen, und weil ihn in der Stadt allerlei von der Arbeit abgezogen hatte, wanderte er mit sehr ernsthaften Fleißgedanken auf das Land hinaus. Er wanderte etliche Tage hin und her und gelangte an einem besonders warmen Nachmittag an eine Wassermühle, die ein wenig abseits von einem freundlichen, schmucken Dorf im Tale lag. Wie ein silbernes Band, das irgend eine Riesenjungfrau verloren hatte, floß das Bächlein durch den grünen Wiesengrund, die Mühle klapperte, das Wasser rauschte, und im blühenden Gärtchen neben der Mühle saß eine freundliche Frau und nähte. Sie grüßte den Studenten mit einem so guten Lächeln, daß er stehen blieb und rasch fragte, wie der Ort heiße. „Oberheudorf,“ sagte die Frau. Ob er hier wohl etliche Wochen wohnen könnte, forschte der Fremde weiter. „Wir sind kein Gasthaus,“ sagte die Frau freundlich, „was will denn der Herr?“

„Arbeiten,“ sagte das Studentlein, „studieren. Das ist eine sehr wichtige Sache, und Ruhe muß ich dazu haben.“

„Freilich schon, das stimmt, Ruhe muß eins zur Arbeit haben,“ gab die Frau zu.

„Und ruhig ist's hier, noch nicht einmal die Bahn fährt,“ sagte das Studentlein und lachte.

„Der ist von der Bahn,“ dachte die Müllerin, „dem muß ich schon ein Quartier geben, sonst läuft er noch nach Niederheudorf.“ Sie erklärte sich also bereit, den Studenten aufzunehmen, räumte ihm eine geräumige Stube im Oberstock ein und sorgte für den Gast, als sei das ein lieber heimgekehrter Sohn. Dem Studenten gefiel es sehr in der Mühle. Er packte seinen Rucksack aus, schrieb in die Stadt, man sollte ihm Bücher nachschicken, und dachte: „Na, das habe ich mal gut getroffen!“

Am Abend wußten es schon alle Leute in Ober- und Niederheudorf, daß der Herr von der Bahn in der Wassermühle wohnte. „Allweil 'n bißchen jung sieht er aus,“ sagte der Schulze, dem einfiel, wie man einmal einen Maler für den Schulrat in Oberheudorf gehalten hatte. „Man muß sehen, ob's stimmt,“ meinten auch die andern Bauern.

Am Abend sagte der Müller zu seinem Mieter: „Hm, 's wär schon recht, wenn wir die Bahn kriegten, nicht die Niederheudorfer!“

„Freilich,“ erwiderte der Student, der recht höflich sein wollte. Als er am andern Tage erst den Schulzen, dann den Schnipfelbauern, den Kaspar auf dem Berge, den Waldbauern und zuletzt Hans Rumps hintereinander traf und jeder sagte: „Hm, 's wär schon gut, wenn wir die Bahn kriegten und nicht die Niederheudorfer,“ erwiderte er allemal sehr freundlich: „Natürlich, Oberheudorf muß die Bahn haben.“ Er meinte das auch wirklich so, Niederheudorf kannte er gar nicht, und da die Oberheudorfer sich so sehr eine Bahn zu wünschen schienen, wünschte er sie ihnen auch.

Die Niederheudorfer waren wütend, denn natürlich erzählten es ihnen die Oberheudorfer gleich: „Wir bekommen die Bahn!“ Am zweiten Tage lief darum der Niederheudorfer Schulze so lange im Walde herum, bis er den Studenten traf. Der sammelte gerade Blumen, denn er war Botaniker, und das Blumensuchen gehörte zu seiner Arbeit. „Hm,“ brummte der Niederheudorfer Schulze grimmig, „die Bahn soll wohl hierher kommen?“

„Bewahre, die kommt doch nach Oberheudorf,“ erwiderte der Student und ließ den Schulzen stehen, seine Pflanzen gefielen ihm besser als der dicke Schulze. Der lief wütend heim, und die Niederheudorfer beschlossen, eine Eingabe an die Regierung zu machen, die Bahn solle über ihr Dorf gehen.

Am nächsten Morgen trafen zufällig etliche Oberheudorfer Buben und Mädel mit einigen aus Niederheudorf zusammen, und die Oberheudorfer taten sich so gewaltig mit der Bahn, daß es den Niederheudorfern zu viel wurde; sie behaupteten, es sei noch gar nicht sicher, gingen wie die Kampfhähne auf die andern los, und mit lautem Geschrei prügelten sie sich alle lustig untereinander.

Der Student geriet bei seiner Heimkehr aus dem Walde gerade unter die Streitenden. Er rief: „Aber Kinder, aber Kinder, was tut ihr denn? Schämt euch doch!“

„Da ist er!“ schrieen die Oberheudorfer, und die Niederheudorfer riefen ebenfalls: „Da ist er!“ Ihnen allen fiel die Mahnung ein, daß sie gut zureden sollten, und sie dachten, jetzt sei die Gelegenheit günstig, und auf einmal begannen die Niederheudorfer zu bitten: „Wir möchten die Bahn, ach bitte, bitte, wir möchten sie!“

Wütend schrieen die Oberheudorfer: „Gelle, wir kriegen sie, uns ist sie versprochen!“

Der Student schüttelte erstaunt den Kopf. Die Leute schienen hier sonst so nett zu sein, wenn sie nur nicht die unglückliche Bahn im Kopf gehabt hätten; er konnte mit niemand reden, ohne daß gleich von der Bahn gesprochen wurde. Und dabei war es doch gerade so schön still. Gut, daß es noch keine Bahn gab! Das wilde Geschrei der Kinder ärgerte ihn, und nun begannen noch die unnützen Buben und Mädel an ihm herumzuzerren und baten immer lauter: „Wir wollen die Bahn, gelle, wir kriegen die Bahn!“

„Niemand kriegt sie,“ rief der Student ärgerlich und versuchte, die Kinder von sich abzuwehren. Aber die dachten an das Wort des Handelsmannes, sie sollten nur zureden, und so baten sie immer stürmischer: „Wir wollen die Bahn, nein, wir, wir, gelle, wir kriegen sie?“

Dem Studenten wurde die Sache zu bunt, er schüttelte sich wie ein ins Wasser gefallener Pudelhund und schalt fürchterlich. Aber alles half ihm nichts, am Rockzipfel hingen ihm zwei, an der Botanisiertrommel eins, rechts und links an jedem Arm gleich immer drei, und alle bettelten und baten: „Wir wollen die Bahn, bitte, bitte, uns!“

„Niemand kriegt sie, niemand,“ brüllte der Student, da riß der Riemen seiner Botanisiertrommel, und pardauz flogen Pflanzen, Notizbuch, Frühstücksbrot, alles in einem weiten Bogen herum, und ritsch, riß dem Studenten auch noch ein Ärmel aus. „Wenn ihr mich jetzt nicht los laßt, dann – dann dürft ihr nie mit der Bahn fahren,“ rief der Geplagte wütend. Da bekam er endlich etwas Luft, raffte seine Sachen zusammen und rannte, was er konnte, der Mühle zu.

Die Kinder ihm nach, heidi, wie der Wind, sie sahen aber nur gerade noch des Fremden Rockzipfel in der Mühle verschwinden, als sie ankamen, und hinein wurden sie nicht gelassen. Sie zogen also jammernd nach Hause, und dort erzählten sie klagend, was geschehen sei. Darüber gab es eine mächtige Aufregung in beiden Dörfern. Zuerst bekamen alle Buben und Mädel, die dabeigewesen waren, so heftige Schelte, daß sie die Nase bis auf die Erde hingen und sich nur wunderten, daß an diesem Tage nicht auch draußen Blitze und Donner herniedergingen. „Wenn wir die Bahn nicht kriegen, seid ihr schuld daran,“ sagten sie in Ober- und Niederheudorf.

„Es wäre schon am besten, einmal zu dem Herrn hinzugehen,“ sagte am nächsten Morgen seufzend der Schulze von Oberheudorf, und der von Niederheudorf dachte das auch. „Aber freilich, es muß noch jemand mitgehen,“ sagte der Oberheudorfer Schulze, und der von Niederheudorf forderte gleich zwei reiche Bauern auf. Die Niederheudorfer hatten sich etwas schneller besonnen, und so kam es, daß die Bauern alle miteinander an der Wassermühle zusammentrafen. Sie schauten sich ein bißchen verlegen an, es wußte gleich jeder vom andern, warum er gekommen war. Die Müllerin kam den Gästen mit betrübter Miene entgegen und klagte: „Er ist fort! Gestern ist er fuchswild heimgekommen, und heute in aller Morgenfrühe hat er seine Sachen gepackt und ist abgezogen. Er hat gesagt, hier wär's sonst schon recht, und die Mühle gefiele ihm besonders gut, aber daß die Leute alle den Bahnrappel hätten, das wäre schlimm.“ Die Müllerin trocknete sich die Augen mit der Schürze ab, die Sache ging ihr nahe; daß das Studentlein fort war, tat ihr bitter leid, sie hätte dem blassen Stadtherrn doch himmelgern rote Backen angepflegt. „Wie er schon ein Stückchen weg gegangen war,“ fuhr sie klagend fort, „hat er sich noch umgedreht und gerufen: ‚Besser wär's, wenn gar keine Bahn herkäme!‘“

Die Bauern sahen sich betroffen an. Na, das wäre ja eine schöne Geschichte! Über diesen Schreck vergaßen sie allen gegenseitigen Zorn und redeten ganz vernünftig zusammen. Nachher zogen sie sehr verstimmt, sehr geärgert heimwärts. Die Müllerin sagte zwar, sie glaube, der Herr habe gar nichts mit der Bahn zu tun gehabt, aber trau' einer den Stadtleuten. Nach drei Tagen bekamen der Ober- und Niederheudorfer Schulze je einen Brief, in dem stand, daß die Bahn über Langenrode gehen würde, das lag etwa eine Stunde von jedem Dorf landeinwärts. „Schockschwerenot, da haben wir's! An der ganzen Geschichte sind nur die Kinder schuld, das unnütze Gesindel,“ rief der Niederheudorfer Schulze, und der von Oberheudorf schalt nicht minder, nur sagte er: „Hagelwetter!“

Die Buben und Mädel, die dabeigewesen waren, hatten keine guten Tage. Immer hieß es: „Da seid ihr daran schuld!“ Ach, und sie hatten es doch so gut gemeint und hatten sich selbst so sehr auf die Bahn gefreut.

Wieder nach einigen Tagen erfuhren es die Leute in beiden Dörfern, daß das Studentlein ganz unschuldig an der Sache war. Da atmeten die Kinder auf: nun konnten sie doch nichts dafür, daß es keine Bahn gab. Sie sagten auch gleich sehr keck: „Na, auszureißen brauchte der Herr auch nicht gleich, wir waren doch so nett mit ihm!“ Und flugs waren sie wieder lustig und unnütz wie vorher. Die Müllerin meinte auch, nun könnte ihr Stadtherr eigentlich wiederkommen. Aber der kam nicht, der hatte genug von der Oberheudorfer Ruhe.

Ein Wundervogel.

Wieder einmal war die Zeit der großen Sommerferien gekommen. An einem Sonnabend saßen alle Buben und Mädel, die fleißigen und die faulen, sehr vergnügt und feierlich zum letzten Male in der Klasse. Drei Wochen Ferien lagen vor ihnen, eine lange, wundervolle Zeit! Sämtliche Buben- und Mädelfüße zappelten an diesem Tage unter den Tischen hin und her wie Mäuslein, wenn sie in eine Falle gegangen sind, sie konnten das Hinauslaufen gar nicht mehr erwarten. Und das tuschelte und wisperte in den Reihen, und die Augen blitzten und blinkerten wie frisch geputzte Fensterscheiben im Sonnenglanz. Mädelzöpfe wippten auf und ab, und bald kicherte es hier, bald dort, ein Federhalter, der zu Boden fiel, brachte die ganze Schar zum Lachen, und Anton Friedlich tunkte beinahe mit seiner Nase in das Tintenfaß vor Vergnügen. Die Spatzen, die auf dem Fenstersims saßen und Frühstückbrotreste verspeisten, dachten sicher: „Na, das sollen nun brave, gesittete Schulkinder sein! Potztausend, ja, anders geht es in unserer Spatzenschule auch nicht zu!“

„Ob wir viel Ferienarbeiten kriegen?“ flüsterte auf der Mädelseite Annchen Amsee ihrer Nachbarin Mariandel zu, und drüben auf der Bubenseite seufzten Heine Peterle, Anton Friedlich und noch einige andere: „Hoffentlich gibt's nichts auf!“

In diese Fragen hinein sagte der Herr Lehrer plötzlich: „Ferienarbeiten will ich nicht viel geben, nur einen Aufsatz sollen die Großen schreiben, von irgend etwas erzählen, was ihr erlebt habt, oder etwas beschreiben, was euch sehr gefällt; die Kleinen mögen...“

Was die Kleinen sollten, darauf hörten die Großen gar nicht mehr, sie waren nur heilfroh, daß sie selbst nicht viel aufbekommen hatten. Ein Aufsatz! Pah, die Arbeit war nicht groß, die störte nicht die Ferienfreude, und so stürmten denn die Kinder mit lautem Jubelgeschrei nach Schluß der Schule auf die Dorfgasse hinaus.

„Bewahr' mich!“ sagte Muhme Rese, die mit ihrem Strickstrumpf vor der Haustüre saß, „heute schreien aber die Kinder wie die Hottentotten!“ Muhme Rese hatte zwar in ihrem ganzen Leben noch keinen Hottentotten gesehen, und wo die eigentlich lebten, wußte sie auch nicht, aber „Hottentottengeschrei“ galt ihr als etwas Fürchterliches.

„Nä, der Lärm! Wozu es auch nur Ferien geben muß!“ murrte Schuster Pechdraht.

Nun, wenn es der Schuster auch nicht wußte, die Buben und Mädel wußten es ganz genau, wozu Ferien da sind; sie hatten so viele lustige Ferienpläne, wußten so viele Spiele, die sie spielen wollten, daß sie auch mit sechs Wochen Ferien fertig geworden wären.

Als Traumfriede heimkam und seine Bücher in den Schrank legte, kam Muhme Lenelies rasch aus dem Gärtchen heraus und sagte: „Du, Friede, die Wassermüllerin war vorhin da, sie läßt fragen, ob du die Ferien über Hirt bei ihr sein willst; ihr Peter soll bei der Ernte helfen. Magst du?“

Die gute Muhme fragte ein bißchen mitleidig, sie hätte ihrem Pflegesohn gern die Ferienfreiheit gegönnt.

Friede aber machte gar kein betrübtes Gesicht, sondern sah sehr vergnügt drein. Des Wassermüllers Kühe austreiben und den lieben langen Tag draußen sein zu dürfen, erschien ihm ein köstliches Ferienvergnügen.

Er sagte darum hell und froh: „Ei gewiß, Muhme, ich tu's gern!“

Am Montag in aller Morgenfrühe zog der Bube mit seiner kleinen Herde nach dem Buchberg, einem nicht allzu hohen Berg, der gutes Weideland hatte. Alle andern Oberheudorfer Buben und Mädel lagen noch in ihren Betten und genossen Ferienruhe, aber Friede beneidete sie nicht, es dünkte ihm wundervoll, so an einem taufrischen Sommermorgen auszuziehen, einen langen, sonnigen Tag vor sich. In seinem Rucksäckchen hatte er Brot und ein Buch, das ihm der Lehrer geborgt hatte, damit kam er sich reich und glücklich wie ein Prinz vor. –

Ferien sind eigentlich kuriose Dinger, sie haben so lange Beine, daß sie weglaufen, ehe Buben oder Mädel noch recht wissen, daß sie da sind. Hui, wupp! sind sie um die Ecke herum, und das arme Schulkind steht da und hat das Nachsehen. Den Oberheudorfer Kindern erging es gerade so. Erst hatten sie gemeint, die Ferienwochen wären endlos lang, und auf einmal war schon die dritte Woche da, sie wußten nicht wie. „Es sind gar keine richtigen Ferien,“ schalt Heine Peterle am Montag dieser letzten Ferienwoche; er hatte nämlich dreimal auf dem Felde helfen müssen, und nun stöhnte der kleine Faulpelz über die viele Arbeit. An diesem Montagmorgen nun hatte er so viel zu tun, daß er, die Hände in den Hosentaschen, vor der Haustür stand und – gähnte. Er wußte nicht, was er zuerst anfangen sollte. Die Mutter hatte gesagt: „Fange heute einmal deinen Aufsatz an, es wird Zeit!“ Muhme Rese hatte geraten: „Hilf mir heute etwas im Garten, das ist gesund,“ und der Vater hatte den Vorschlag gemacht: „Erst schreibe etwas, dann komm und hilf beim Einfahren, das muß ein künftiger Bauer lernen.“

Heine Peterle fand nun alle diese Pläne nicht sonderlich verlockend, viel vergnüglicher fand er Schulzens Jakobs Vorschlag, mit nach dem Buchberg zu gehen und Traumfriede zu besuchen. Wenn nur der Aufsatz nicht gewesen wäre, die Gartenarbeit und das Einfahren, dann – –

„Heine Peterle,“ rief just in diesem Augenblick seine Mutter, „du könntest heute erst einmal nach Niederheudorf laufen und dort beim Krämer Schnelle Stärke holen, unserer hat keine mehr!“

So, das war nun eine Arbeit, die Heine Peterle gut gefiel, zu der fanden sich auch Genossen, und schon nach etlichen Minuten trabte eine vergnügte Schar auf Niederheudorf zu. Dicht hinter dem Dorfe trafen die Kinder einen Boten des Grafen Dachhausen, der hielt sie an und erzählte ihnen, der Papagei der Gräfin sei ausgerissen; sie möchten unterwegs aufpassen, wer ihn wiederbrächte, sollte eine Belohnung erhalten. Der Vogel habe eine feine goldene Kette am Fuß, an der sei er vielleicht zu fangen. Dies war eine aufregende Sache. „Wir suchen ihn,“ sagten die Kinder gleich sehr eifrig. Schulzens Jakob meinte sogar ganz kaltblütig: „Heine Peterle kann ja allein nach Niederheudorf gehen, wir laufen in den Wald und suchen den Vogel.“

Heine Peterle war sprachlos über diese Treulosigkeit, Annchen Amsee aber rief fix: „Nein, das tue ich nicht, der Vogel kann ja ebenso gut an der Straße auf einem Baum sitzen. Ich hab's Heine Peterle versprochen mitzugehen und gehe mit!“

Schulzens Jakob schwieg, er schämte sich ein bißchen, die andern Kinder aber sagten alle: „Annchen hat recht.“ Sie zogen also miteinander nach Niederheudorf, liefen sehr still und eilig ins Dorf hinein, kauften Stärke ein und rannten wieder hinaus, sie wollten nicht erst von den Niederheudorfer Kindern gesehen werden. Auf dem Wege nach Niederheudorf hatten sie keinen blaugrünen Papagei gesehen, soviel sie auch geguckt hatten, und auf dem Rückwege durch den Wald war auch kein fremder Vogel zu erblicken.

Nahe am Buchberg, wo Traumfriede seine Herde hütete, kam Hans Rumps den Kindern entgegen. „Wißt ihr schon,“ rief er bereits von großer Weite, „daß – –“

„Ja,“ schrieen die Kinder alle, „wir wollen ihn suchen!“

„Suchen, warum denn suchen?“ fragte Hans Rumps verdutzt.

„Ist er denn schon da?“ riefen die Kinder enttäuscht.

„Na freilich ist er da, ist immer dagewesen. Warum sollte er auch nicht da sein? Er hat es doch gesehen, wie der Wagen umfiel,“ erklärte der Nachtwächter.

„Ist denn der Papagei in einem Wagen gefahren?“ Die Kinder sahen Hans Rumps verwundert an, und Hans Rumps sah die Kinder verwundert an und brummte: „Was redet ihr denn da von einem Papagei? Was ist das überhaupt für ein närrisches Ding?“

„Ein Vogel ist das,“ riefen die Kinder und redeten dann alle durcheinander: „Davongeflogen ist er. Manchmal kann ein Papagei auch sprechen, sagt der Herr Lehrer.“ – „Der Frau Gräfin gehört er.“ – „Wenn wir ihn finden, sollen wir was kriegen. Helft uns doch suchen.“

„Na, ich sag's doch,“ rief Hans Rumps höchlichst erstaunt, „bei uns passiert immer mehr, als ein Mensch vertragen kann. Dem Schulzen ist sein Erntewagen umgefallen, pardauz! da lag er, und nun fliegt auch noch ein Papagei im Walde herum. Du meine Güte, was soll das nur werden, wenn es so fortgeht!“

„Schafskopp, Schafskopp, halt den Schnabel,“ kreischte neben Hans Rumps plötzlich eine Stimme, und der brave Nachtwächter erschrak so, daß er sich rittlings in das Moos setzte. „Was ist denn das, was schreit hier denn so?“ jammerte er ängstlich. „Kinder, erbarmt euch, hier ist ja wohl am hellichten Tage ein Gespenst!“

„Mach die Tür' zu, mach die Tür' zu,“ kreischte es wieder, und nun sahen die Kinder einen blaugrünen Vogel, der über ihnen auf einer Buche saß und sich Nachtwächter und Kinder ganz vergnügt von oben herab ansah.

„Es ist der Papagei, der Frau Gräfin ihr Papagei! Er kann sprechen, ach, er kann sprechen! Wir kriegen was,“ schrieen die Kinder aufgeregt und sprangen an dem Baum hoch, um die feine goldene Kette zu fassen, die an dem Fuß des Wundervogels hing. „Hans Rumps, sieh doch, da ist er, da sitzt er!“

„Wo denn?“ murmelte Hans Rumps und sah immer an einer Tanne hinauf. Er zitterte ordentlich, so war ihm der Schreck in die Glieder gefahren.

„Schafskopp, Schafskopp, mach die Tür' zu,“ kreischte der Papagei wieder. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Hans Rumps sprang wütend auf. Ein Vogel sollte das sein, der da sprach und ihn, den Nachtwächter von Oberheudorf, einen Schafskopf nannte, – das war ihm doch zu toll. „Was fällt dir denn ein, du dummes Vieh du?“ brüllte er und sprang auf. „Was hast du denn zu sprechen? So eine Frechheit, mich Schafskopf zu nennen! Nä, nu sag' noch ein Wort, dann sollst du...“

„Mach die Tür' zu, geschwind, geschwind!“ schnarrte der Papagei und hopste wild von Ast zu Ast. Unten sprangen die Kinder ebenso wild nach der Kette, um den Vogel zu fangen, der Nachtwächter aber sagte beleidigt: „Das ist ein unverschämtes Tier, nä, das ist gar kein richtiger Vogel. Ich geh' nach Hause, schimpfen lasse ich mich nicht.“ Er warf dem Papagei einen verächtlichen Blick zu, bückte sich, hob seine Mütze auf, die zu Boden gefallen war, und schickte sich an heimzugehen.

„Hahahahaha, willst du ein Küßchen?“ kreischte der Vogel.