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Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen cover

Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf: Fünfzehn heitere Erzählungen

Chapter 7: Ein kleiner Held.
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About This Book

A set of fifteen light, anecdotal stories centered on life in a small rural village, showing children and neighbors through seasonal festivals, household scenes and everyday mishaps. Episodes range from carnival pranks and petty thefts to spooky encounters, amateur theatricals and a few folktale-like interludes. Recurring community figures — an affectionate elderly woman, a schoolteacher, and spirited youngsters — bring out moments of humor, embarrassment, generosity and small moral lessons. Plain domestic detail and occasional touches of the fantastic combine to sketch a warm, humorous portrait of childhood and village customs.

Geschwind nahmen die Buben jeder einen mittelgroßen, länglichen Kürbis und verschwanden damit im äußersten Winkel des Gartens, in einer kleinen Bretterbude, die zur Aufnahme von allerlei Gerät diente.

Am nächsten Tage sagte Heine Peterles Mutter beim Mittagessen ärgerlich: „Es fehlen zwei Kürbisse im Garten, gerade zwei, die ich morgen zu Mus verkochen wollte.“

„Na nun,“ sagte der Bauer erstaunt, „wer sollte denn in unserm Garten Kürbisse stehlen!“

In diesem Augenblick steckte Heine Peterle ein solches Riesenstück heiße Bratwurst in den Mund, daß er krebsrot wurde, so mußte er an dem Bissen würgen und schlucken.

„Schäme dich doch, so gierig zu sein!“ schalt die Mutter. „Man muß dich wirklich mal in die Stadt schicken, damit du dich anständig benehmen lernst.“

Heine Peterle wäre gewiß noch röter geworden, wenn das nur gegangen wäre, er fiel mit seiner Nase beinahe auf den Teller, und Heinrich, der ihn beobachtet hatte, dachte bei sich: „Na, da stimmt doch etwas nicht. Von der Bratwurst ist der Bube doch nicht so verlegen geworden.“

Am Nachmittag des nächsten Tages kam die Schulzenfrau sehr aufgeregt zu Heine Peterles Mutter und erzählte ihr, zwei von ihren guten, weißen Bettüchern seien vom Trockenplatz fortgeflogen. Oder sollten sie gar gestohlen worden sein?

Es gab eine große Aufregung im Dorfe. Die Schulzenfrau suchte nach ihren Bettüchern, Heine Peterles Mutter erzählte von den verschwundenen Kürbissen, und kein Mensch konnte sich die Sache zusammenreimen.

„Wenn nur nicht eine Dummheit von ein paar Kindern dahinter steckt,“ sagte Muhme Lenelies, als sie die Sache erfuhr. Sie fragte daheim ihren Friede aus, aber der sah sie mit seinen schönen, blauen Augen treuherzig erstaunt an, – nein, der wußte von nichts.

An diesem Nachmittag war Heinrich nach seinem Heimatdorf gegangen und kehrte erst spät am Abend wieder heim. Es war ein dunkler, stürmischer Herbsttag. In dem Dorfe waren schon alle Leute zu Bett gegangen; am besten schlief vielleicht Hans Rumps, der Nachtwächter, in einem Leiterwagen des Schnipfelbauern. Heinrich ging immer, wenn er aus seinem Dorfe heimkehrte, einen ganz schmalen Weg entlang, der zwischen des Schulzen und seines Bauern Garten hindurchführte, er brauchte dann nicht erst die breite Dorfstraße hinab zu gehen. An diesem Herbstabend war es sehr dunkel, der Mond war nicht verpflichtet zu scheinen, und die Sterne hatten keine Lust dazu. Doch Heinrich kannte den Weg gut, und so schritt er fröhlich dahin. Plötzlich sah er in einem ungewissen Lichte etwas Weißes flattern und schweben, und als er näher kam, tauchten aus dem Dunkel der Nacht zwei Paar glühende, funkelnde Augen auf. Da standen rechts und links am Wege zwei weiße, hohe Gestalten, deren Gewänder im Winde hin und her wehten; gespensterhaft und unheimlich genug sah es aus.

„Potzwetter,“ rief Heinrich im ersten Augenblick erschrocken, aber gleich darauf sagte er laut: „Ei, die verflixten Buben! Na wartet, euch zahl' ich's heim!“ Er ging beherzt auf die weißen unheimlichen Gesellen zu, und bald darauf sah der Hofhund des Schulzenhauses einen Mann über die Gartenmauer klettern, eine Leiter an das Haus anlehnen und oben vor einem Kammerfenster eine weiße Gestalt befestigen. Den braven Sultan ärgerte die Geschichte sehr, er begann wütend zu bellen. Aber das störte den Mann auf der Leiter gar nicht; er schlug mit der Faust einige Male so kräftig an das Fensterchen, daß die Scheiben nur so klirrten und dröhnten, und dann stieg er geschwind von der Leiter herab und kletterte wieder zurück über die Gartenmauer. Der arme Sultan bellte sich ganz heiser, und zuletzt erwachte der Schulze von dem Gebell, aber just in diesem Augenblick tönte ein so gellendes Geschrei durch das Haus, daß alle Hausbewohner munter wurden.

„Der Jakob schreit,“ rief die Bäuerin und lief nach oben, ihr folgte ihr Mann und die Magd, die im Hause schlief, und alle stürzten sie in Jakobs Kammer. Da saß der Bube in seinem Bett und brüllte jämmerlich, und nebenan klang Röses und der kleinen Geschwister Schreien. „Na Jakob, was... du meine Güte!“ Die Mutter starrte entsetzt nach dem Fenster, – in das Kämmerlein hinein schauten ein paar glühende Augen, und das schwebte und flatterte weiß vor dem Fenster auf und nieder.

„Zum Kuckuck, was ist denn das?“ schrie der Schulze, sprang hin, riß das Fenster auf und holte das Gespenst herein.

Die Magd schrie noch lauter als Jakob und wollte unter das Bett kriechen, wozu sie freilich zu dick war; sie mußte es aufgeben und kauerte sich nur in einer Ecke zusammen. „Mein Bettuch,“ rief die Bäuerin verdutzt, „und ein Kürbiskopf, ja, und Jakob – ist das nicht deine Laterne?“

Jakob war ganz jäh unter das rotkarierte Federbett gekrochen, aus der Tiefe heraus tönte dumpf und unheimlich sein Geheul.

„Ih, du unnützer Bengel du,“ sagte der Schulze, „mir scheint, du weißt etwas von der Sache. Komm einmal hervor, aber rasch, sonst...“

Jakob hielt es für geratener, dem väterlichen Befehl zu folgen. Schluchzend, jammernd, noch an allen Gliedern vor Schreck zitternd, beichtete er, daß er und Heine Peterle für Heinrich Gespenster aufgestellt hätten, und da Gespenster entschieden weiße Gewänder brauchen und Köpfe haben müssen und Augen, die unheimlich leuchten, da –

„Unnützes Gesindel ihr!“ schalt der Schulze. Für Jakob sah die Sache in diesem Augenblick höchst bedenklich aus, und er blickte sich gerade ängstlich um, vielleicht gelang ihm das Untersbettkriechen besser als der Magd. In diesem Augenblick trat die Großmutter ein. Auch sie war von dem Lärm erwacht, und ihr gutes, altes Frauengesicht trug einen ängstlichen Ausdruck. „Was gibt es denn?“ fragte sie. Als sie die Jammergeschichte erfahren hatte, da lachte sie lieb und herzlich und sagte schelmisch: „O du dummer Bube, nun hast du dich ja vor deinem eigenen Gespenst gefürchtet!“

Jakob nickte, und dicke, dicke Tränen rollten über seine Pausbacken. Das Lachen der Großmutter aber fand Widerhall: des Schulzen Gesicht klärte sich auf, seine Frau lachte, die Magd kam aus ihrer Ecke heraus und lachte, und an der Tür, die zur Nebenkammer führte, stand Röse mit den zwei kleinen Geschwistern, und die drei Hemdenmätzchen lachten, daß sie ordentlich wackelten, und Hansele, der kleinste Bub, schrie keck mit krähendem Stimmlein: „Oh, is unse Jakob dumm, bitzdumm!“

Das war nun sehr beschämend für Jakob, und da er nicht unter das Bett kriechen konnte, kroch er tief hinein, zog sich das Deckbett über die Ohren und schluchzte und stöhnte jammervoll. Der Vater meinte nun auch, der Bube sei durch die ausgestandene Angst schon genug bestraft, er zog ihn nur ein wenig an dem dicken schwarzen Schopf, der unter dem Deckbett hervorsah, und sagte anscheinend streng, während doch ein heimliches Lachen in seinen Augen lag: „Die Gespenstergeschichten läßt du mir aber jetzt, Bube, wenn ich noch einmal von dem Unsinn höre, dann...“

Weiter sagte der Vater nichts, Jakob verstand ihn aber auch so, und er war herzlich froh, als er endlich wieder allein in seiner Kammer war und es still im Hause wurde. Mit Nachdenken hielt er sich nicht weiter auf, er drehte sich um und schlief geschwind wieder ein, schlief galopp, denn er mußte doch die versäumte Stunde nachholen.

Um die gleiche Zeit lag Heine Peterle in seinem Bett und stöhnte vor Angst. Er war von einem schweren, dumpfen Poltern an seiner Kammertür erwacht, und aufschauend hatte er etwas ganz Schreckliches erblickt. An der Türe stand eine weiße Gestalt, und zwei glühende Augen funkelten ihn an. Gräßlich sah das aus, ein Gespenst war es, nichts anderes. Heine Peterle kroch unter sein Deckbett, und es wurde ihm glühend heiß darunter. Er pustete und ächzte, und es war ihm, als käme leise, leise etwas auf ihn zu.

Zu schreien wagte er gar nicht, er atmete nur schwer. Er meinte allerlei seltsame Geräusche zu hören, Tappen und Schreiten, das näher kam. Ach, sicher hatte irgend ein Gespenst es übel genommen, daß Jakob und er Gespenster hatten nachahmen wollen, und kam nun, ihn zu bestrafen.

Ein Weilchen lag er so da, endlich wagte er wieder unter seinem Bett hervorzuschauen. O Himmel, da stand das Gespenst ja immer noch!

Nein – es kam doch näher! Es schwankte – neigte sich und – plumps! fiel es polternd, klirrend zu Boden.

Rutsch! war Heine Peterle wieder in seinem Bett verschwunden, immer heißer wurde es ihm vor Angst. Nun würde das Gespenst ihn anpacken, ihm den Hals umdrehen oder sonst etwas Schreckliches tun. Fürchterliche Dinge fielen dem Buben ein. Er meinte schon eine kalte, harte Hand zu fühlen, – aber es blieb alles still.

Nichts rührte und regte sich in der Kammer, und endlich wagte der Bub doch wieder unter dem Deckbett hervorzusehen. Da sah er zu seinem maßlosen Erstaunen das Gespenst auf der Erde liegen. Es rappelte sich kein bißchen, und die glühenden Augen waren erloschen.

Das war doch ein seltsames Gespenst. Heine Peterle kroch wieder unter sein Deckbett, pustete und ächzte wieder ein Weilchen und schaute dann wieder zum Bett heraus.

Das Gespenst lag noch immer am Boden, muckstill lag es da. Da legte sich des Buben Angst etwas, da er aber kein Licht hatte, konnte er sich das weiße Ding nicht näher ansehen. Eine Ahnung jedoch stieg in ihm auf, daß Heinrich vielleicht nicht so ganz unschuldig an dieser Gespenstererscheinung sein möchte.

Zur Sicherheit freilich kroch Heine Peterle aber doch wieder unter sein Deckbett, – man konnte nicht wissen! Zwei-, dreimal noch steckte er den Kopf aus dem warmen Nest heraus, immer lag das weiße Ding still am Boden. Da gab der Bub das Nachsehen auf und schlief wieder ein.

Am nächsten Tage beim Mittagessen – bis dahin hatte sich Heine Peterle ihm ferngehalten – fragte Heinrich so recht verschmitzt: „Na, Heine Peterle, hast du gut geschlafen?“

Der Bube wurde so rot, daß die Eltern, Muhme Rese und die Mägde ihn ganz erstaunt ansahen, und nun erzählte Heinrich, der böse Heinrich, die ganze Gespenstergeschichte. Dabei gab es Klöße mit Backobst, und Heine Peterle konnte vor Verlegenheit von dem guten Gericht gar nicht so viel essen als sonst, beinahe hungrig stand er vom Tisch auf. Es ist wirklich nicht schön, ausgelacht zu werden.

Zum Überfluß kam nachher noch die Schulzenfrau und erzählte, wie es bei ihnen gespukt hätte, und daß auch ihr zweites Bettuch früh auf einmal auf dem Zaun gehangen hätte.

Und Heine Peterle mußte Abbitte im Schulzenhaus tun, und Schulzens Jakob kam zu Heine Peterles Mutter abbitten, – es war sehr peinlich.

Seitdem wollen die Buben nichts mehr von Gespenstern wissen, die sind doch ein zu dummes Gesindel, und um Heinrich machten die Buben noch lange, lange einen weiten Bogen herum.

Es hat in der Zeitung gestanden.

„Es ist doch wirklich toll, was alles auf der Welt passiert!“ brummte der Oberheudorfer Schulze an einem Sonntagnachmittag und schaute über seine Zeitung weg seine Frau an. „Nä, so was aber auch!“

„Was gibt's denn?“ fragte die Bäuerin und hielt im Nähen inne. Der Oberknecht, der gerade seinen Sonntagsstritzel verzehrt hatte, und Jakob, der noch mit vollen Backen kaute, sahen auch beide gespannt auf den Bauern; wenn der die Zeitung las, wußte er nachher immer etwas zu erzählen. Der Schulze knurrte, lachte und rief kopfschüttelnd: „Potzwetter nochmal, so dumm! Nur gut, daß sie noch Wagen und Pferd gefunden haben!“

„Was für einen Wagen? Was für ein Pferd?“ fragte die Bäuerin ein wenig ungeduldig.

Ihr Mann aber zog erst noch einmal kräftig an seiner Pfeife, blies Jakob eine dicke Rauchwolke ins Gesicht, rückte sich dann die Brille zurecht und las endlich langsam und feierlich vor: „Bei dem letzten Pferdemarkt in N.....burg ist der Lederhändler Matthias Haberland auf eigenartige Weise bestohlen worden. Er stand dicht neben seinem Wagen mit einigen Bekannten zusammen und merkte nicht, daß sich ein Fremder auf den Wagen setzte und einfach davonfuhr. Bekannten des Händlers, denen der Dieb unterwegs begegnete, rief der zu: „Wir haben schon alles Leder verkauft.“ Pferd und Wagen fand man später auf der Landstraße, alles Leder aber war spurlos verschwunden.“

„Nä, so'n Döskopp,“ rief der Oberknecht lachend, „steht neben seinem Wagen und merkt nicht, daß der davongefahren wird!“ Er redete mit dem Bauern und der Bäuerin noch hin und her über die sonderbare Sache, während Jakob geschwind hinauslief. Draußen erzählte er seinen Kameraden auf der Dorfstraße sehr wichtig die Geschichte.

„So dumm,“ rief Heine Peterle, „den Dieb davonfahren zu lassen! Ich hätt's nicht getan.“

„Ich auch nicht, nä, bestimmt nicht,“ riefen drei, vier Stimmen, und alle Buben waren gleich miteinander einig, daß eben nur in der Stadt solche Dummheiten passieren könnten.

„'s ist nischt los mit der Stadt,“ brummte Heine Peterle verächtlich und schoß mitten auf der Dorfstraße, trotz Sonntagshosen und Sonntagskittel, einen so wundervollen Purzelbaum, daß seine Kameraden ihn darum ordentlich anstaunten.

Etliche Tage später marschierten Schulzens Jakob und Röse, der dicke Friede und Schnipfelbauers Fritz im Frühlingssturm heimwärts. Sie kamen alle vier von Berenbach, einem Dorf, das etwa eine Stunde übern Berg von Oberheudorf entfernt lag. Die Berenbacher Kinder kamen nach Oberheudorf in die Schule, und darum sagten die Oberheudorfer Buben und Mädel gern: „Pah, die Berenbacher, das sind die Rechten, nicht einmal eine Schule haben sie!“ Im ganzen aber konnten die Oberheudorfer Kinder die von Berenbach gut leiden, besser als die Niederheudorfer Buben und Mädel, denn die waren in ihren Augen eben dort schrecklich eingebildet auf die drei Kramläden im Dorf und auf sonst noch allerlei. Die vier Wanderer waren mit ihren Gedanken noch in Berenbach; sie waren dort bei des dicken Friede Muhme gewesen, die sie mit Kaffee und Kuchen gut aufgenommen hatte. Davon sprachen sie und von den beiden weißen Ziegenböcken im Stall der Muhme, und daß die Berenbacher Kinder es doch eigentlich recht gut hätten, daß die Schule nicht im Dorf wäre. Wenn zum Beispiel einmal Hochwasser war oder im Winter haushoher Schnee lag, dann brauchten sie gar nicht in die Schule zu gehen. Nun lag an diesem Tage weder haushoher Schnee noch zeigte der Bach Lust, ein Hochwasser zu verursachen. Doch daß der Frühling gekommen war, sah man schon überall. Büsche und Bäume trugen feine Blättchen und dicke Knospen, und auf dem Boden des Waldes, durch den die Kinder gingen, blühten Anemonen, Himmelsschlüssel, Küchenschellen und noch manch feines, zierliches Blümchen. Der Kuckuck ließ trotz des brausenden Sturmes seinen lockenden Ruf ertönen, einmal rief er da, einmal dort, als wollte er die Kinder auffordern, ihm zu folgen.

Schulzens Jakob wollte an diesen Frühlingswahrsager gerade allerlei Zukunftsfragen stellen, als Schnipfelbauers Fritz auf einmal rief: „Guckt nur, da steht ein Wagen ganz allein!“

Im Nu waren alle vier am Wagen, standen und staunten, als hätten sie in ihrem Leben noch keinen solchen Wagen gesehen. Dabei war es ein ganz einfacher Planwagen, wie ihn die Leute in der Gegend nahmen, wenn sie zum Markt fuhren. Darauf saß niemand, darin lag niemand, er hätte gerade zwischen dem Stroh liegen müssen, das bis an den Kutschersitz heranreichte. Das braune Pferdchen, das vor den Wagen gespannt war, stand still und ergeben da und machte ein Gesicht, als wollte es sagen: „Na, wißt ihr, unterhaltsam ist die Sache nun gerade nicht.“

Den vier Kindern freilich war die Begebenheit sehr unterhaltsam. Ein bißchen neugierig, ein wenig Hans Dampf in allen Gassen waren die Oberheudorfer Buben und Mädel fast alle, und so guckten, wisperten und tuschelten denn jetzt auch die vier sehr eifrig miteinander; alle Tage findet man ja selbst in Oberheudorf nicht einen Wagen ohne Fuhrmann auf der Landstraße.

„Der Wagen sieht wie der unsrige aus,“ meinte Schnipfelbauers Fritz.

„Wir haben auch so einen,“ sagte Röse eifrig, „ganz genau so!“

„Das ist so, wie es neulich in der Zeitung stand,“ rief der dicke Friede nach einem Weilchen. „Ganz genau so ist's! Der Wagen ist sicher gestohlen worden.“

„Huh, ist das graulich!“ rief Röse. „Ich reiße aus!“

„Furchttrine,“ sagte ihr Bruder, „wir – wir nehmen den Wagen einfach mit.“

„Ja,“ schrieen Schnipfelbauers Fritz und Friede begeistert. Beide begannen geschwind auf den Bock zu klettern, Jakob folgte und Röse auch; sie hatte Angst, die drei Kameraden würden sie allein im Walde lassen. Auf dem Bock war es zwar etwas eng, und jedes saß beinahe auf des andern Schoß, aber das störte die vier weiter nicht, sie waren sehr befriedigt und fanden das Abenteuer wundervoll. Schulzens Jakob ergriff keck die Zügel, alle miteinander riefen „hühhott!“ und weil das Pferd nicht gleich laufen wollte, nahm Fritz die Peitsche und knallte damit.

In diesem Augenblick schrie jemand hinter dem Wagen laut auf. Die Kinder sahen sich entsetzt an. „Der Dieb!“ jammerte Röse, aber schon hatte Fritz die Peitsche dem armen Pferdchen um die Ohren geschlagen, und das nahm dies gewaltig übel. Hühhott brauchte nun keiner mehr zu schreien, das Pferd raste wie besessen davon, und ein lautes Schreien tönte ihm nach.

„Der Dieb, der Dieb!“ tuschelten die Kinder, das Pferdchen rannte, und da der Weg bergab ging, wurde es eine tolle Fahrt. Jakob merkte bald, daß das Pferd lief, wie es wollte, nicht, wie er wollte. Jakob fuchtelte mit der Peitsche verzweifelt in der Luft herum, und die beiden andern stöhnten und klagten immer abwechselnd.

Das Pferd kümmerte sich nicht im geringsten darum, es raste immer wilder bergab. Einmal flog der Wagen rechts herum, einmal links herum, einmal hopste er wie ein Frosch, der einen Tümpel sieht. Und innen im Wagen begann es seltsam zu klirren und zu poltern. Den Kindern wurde es himmelangst; zuletzt verlor Fritz die Peitsche, Jakob ließ die Zügel sinken, und alle brüllten miteinander, so laut sie nur konnten.

„Jetzt fallen wir alle in den Graben,“ dachte Friede verzweifelt, als Oberheudorf auftauchte und es kurz vor dem Dorf ziemlich steil bergab ging. Sie fielen aber nicht, es gab auf einmal einen Ruck. Friede Hopserling stand neben dem Wagen, hielt das Pferd am Zügel, und laut rufend und jammernd öffneten sich die Haustüren, und alle, die daheim waren in Oberheudorf, kamen angelaufen; die meisten Männer waren freilich draußen auf dem Felde. Etliche Frauen kamen an, Mädel und Buben, Hunde, Gänse, zwei Ziegen, Hühner, und wer sonst noch den Lärm gehört hatte.

Die vier Kinder auf dem Bock waren ganz verdattert und konnten zuerst auf alle Fragen gar keine Antwort geben. Endlich, nachdem der Vater des dicken Friede seinen Buben ein wenig hin und her geschüttelt und seine Mutter ihm versprochen hatte: „Nachher bekommst du ein Honigbrot,“ konnte der Bube die wunderbare Begebenheit erzählen.

„Tut, tut!“ blies Hans Rumps rasch in sein Horn, denn die Sache schien ihm so ungeheuer wichtig, daß er sie beblasen mußte.

„Seid doch still!“ murrte der Bauer ärgerlich. „Was soll denn die dämliche Blaserei dabei?“

Hans Rumps schwieg gekränkt, seiner Meinung nach gab das Blasen der Geschichte erst die nötige Feierlichkeit. „Der Schulze muß her,“ sagten ein paar Stimmen, „man muß doch wissen, wem Pferd und Wagen gehören.“

„Ich meine, es sieht so – so bekannt aus,“ brummte Friede Hopserling und ging um den Wagen herum, das Schild zu lesen, das jeder Wagen haben mußte. Es war keins da, und Schulzens Jakob, der sich jetzt auch darauf besonnen hatte, daß er einen Mund besaß und sprechen konnte, sagte wichtig: „Das hat der Dieb abgemacht.“

Die Leute sahen sich an. Ja, so war es wohl, und Hans Rumps blies wieder in sein Horn. „Tut, tut, tut, tut, der Schulze muß herbei.“ Der kam gerade mit etlichen Bauern und Knechten vom Feld, und als die Männer beim ersten Haus vom Dorf das Blasen hörten, kamen sie sehr eilig angelaufen. Wenn Hans Rumps blies, da war etwas nicht in Ordnung, und der Schulze dachte: „Na, was wird das wieder für eine Dummheit sein!“

Die Bauern kamen von der einen Seite angerannt, von der andern kam die Schnipfelbäuerin. Der hatte Mine, die Wirtsmagd, zugerufen: „Bäuerin, Fritz hat beinahe ein Dieb mitgenommen. Außerdem ist er halbtot gefahren!“

Die arme Frau rannte in ihrer Angst alles um, was ihr in den Weg kam. Sie hätte so auch beinahe den Schulzen umgerannt, doch der hielt sie fest und fragte, was los sei. „Mein Fritz, mein Fritz!“ jammerte die Frau. Mine, die voran lief, drehte sich um und rief: „Schulze, der Jakob ist auch dabei.“

„Donnerwetter,“ rief der Schulze, „na, ich dachte es doch! Sicher ist es eine Dummheit!“ Er lief auch dahin, wo der Wagen stand, er sah seine Kinder, Jakob erzählte, Röse heulte, die Schnipfelbäuerin hielt ihren Fritz im Arm, und ein paar Stimmen riefen dem Schulzen entgegen, was geschehen war. Verstehen konnte der zuerst in allem Geschrei und Gelärm nichts, endlich aber erzählte Jakob stolz und leidlich vernünftig, was sich eigentlich zugetragen hatte.

Der Schnipfelbauer kam auch vom Feld, auch er hörte den Lärm, und natürlich kam er so geschwind herbei, als er laufen konnte. „Na nu,“ schrie er, „was ist denn mit meinem Wagen passiert?“

„Mit Eurem Wagen?“ fragte der Schulze, und etliche Stimmen wiederholten: „Mit Eurem Wagen?“

„Mit unserm Wagen?“ rief die Schnipfelbäuerin, die bis dahin nur ihren Buben und nicht den Wagen angeschaut hatte.

„Na freilich mit unserm Wagen, mit dem die Kathrine nach Hohenstein zum Markt gefahren ist. Ich werde doch unsern Wagen kennen, wenn auch das Schild fehlt!“

„Und die Kathrine fehlt auch,“ rief die Bäuerin entsetzt.

„Ach wo, die ist hier,“ schrie just da eine Stimme. Keuchend, prustend, puterrot und fuchsteufelswild kam die Magd angetrabt, unter dem einen Arm ein Wagenschild, unter dem andern eine Peitsche. „So eine freche Bande! Nä, die Buben, und unser Fritz immer voran! Haue müssen sie haben, daß es nur so klappt. So was, aber so was auch, mir armen Person solchen Schrecken einzujagen! Immer ungezogener werden sie, die heillosen Buben. Na, wenn ich der Herr Lehrer wäre, ich brächte ihnen die Flötentöne bei, ich....“ Schwapp hatte Fritz einen Katzenkopf rechts, Schulzens Jakob einen links, und hätte die Kathrine vier Hände gehabt, dann hätten Friede und Röse auch noch ihr Teil bekommen.

„Aber Kathrine, Kathrine,“ riefen Bauer und Bäuerin, „was ist denn geschehen? Die Buben sagen doch, der Wagen hätte allein auf der Straße gehalten.“

„Nu freilich,“ murrte die Magd, „dicht dabei hab' ich ein paar Kräuter gepflückt, 's war noch so früh am Tage, und unsere arme Liese sollte sich ein Weilchen ausruhen. Ich sehe die drei Buben und Schulzens Röse kommen, die bleiben am Wagen stehen; na, ich denk' mir nichts dabei und geh' ein paar Schritte tiefer in den Wald. Nä, und auf einmal – ich denk', ein Mäuschen beißt mich – höre ich die Peitsche knallen und sehe den Wagen haste nicht gesehen davonfahren. Ich schrei, aber ach, da hätte ja wohl eher so eine alte dicke Tanne guten Tag gesagt, ehe die dreimal unnützen Buben gehört hätten. Sie rasten davon, ich hinterher, ich merkte doch, daß unsere Liese durchgeht. Unterwegs habe ich dann die Tafel gefunden und die Peitsche, und wenn's gerecht zuging, dann kriegten jetzt alle vier mit der Peitsche tüchtige Haue.“

Die vier Missetäter entschuldigten sich: „Wir dachten doch, er wäre gestohlen, huhuhu, es hat doch so was in der Zeitung gestanden!“

„Ach du meine Güte, nu denk' ich erst an unsere Töpfe,“ jammerte Kathrine in das Kindergeschrei hinein. „Wenn die entzwei gegangen sind bei dem Gefahre!“ Sie sprang auf den Wagen, kauerte im Stroh und warf plötzlich klagend etliche Scherben heraus; drei von den neuen Töpfen waren wirklich entzweigegangen, kurz und klein zerschlagen bei der tollen Fahrt.

Anton Friedlich stieß Heine Peterle an, denn natürlich standen die beiden auch dabei und sahen zu, und tuschelte: „Ausreißen wäre am besten!“

Heine Peterle nickte, er teilte des Kameraden Meinung vollständig, und die vier Missetäter wären sicher auch himmelgern ausgerissen, wenn sie nur gekonnt hätten; sie standen aber so mitten drin im Gewühl, daß sie sich gar nicht rühren konnten. Der braunen Liese nun schien das Ausreißen an diesem Tage besonders zu gefallen, vielleicht war ihr auch das Geschrei zu groß, kurz, sie zog ganz plötzlich an und rannte heidi davon. Kathrine, die auf dem Wagen stand, fiel vor Schreck zwischen die neuen Töpfe, und alle andern rannten hinter der wilden Liese drein. Doch die kannte ihren Weg; sie bog rechts um und stand wenige Minuten später auf dem Hofe des Schnipfelbauern. Sie hatte wohl an diesem Tage genug von aller Lauferei und wollte in ihren Stall zurück.

In diesem Wirrwarr flüsterte Röse ihrem Bruder zu: „Wir wollen zu Muhme Lenelies gehen, sie muß doch die Geschichte wissen!“ Schnipfelbauers Fritz und Friede riefen gleich: „Wir gehen mit!“ und trapp, trapp rannten alle vier links herum und langten bald atemlos bei Muhme Lenelies an. Die Muhme war daheim, sie freute sich auch und lachte auch sehr über die Geschichte und fand es äußerst nett, daß die Kinder gleich zu ihr gekommen waren. Sie wunderte sich kein bißchen darüber; es kam öfters vor, daß sich Oberheudorfer Buben und Mädel, wenn sie eine Dummheit gemacht hatten, erst etwas bei Muhme Lenelies erholten. Das Häuschen der Muhme lag so schön abseits wie eine Burg, in der man sicher und wohlbehütet sitzt, kam es den Kindern zu Zeiten vor, obgleich das windschiefe kleine Haus sonst gar keine Ähnlichkeit mit einer Burg hatte.

Sehr spät verließen die vier an diesem Tage ihre Burg, und in der Zeit, die verronnen war, hatte sich Kathrines Zorn etwas gelegt, ihr lautes Schelten hatte sich in leises Brummen verwandelt. Fritz kam also noch so leidlich bei der Sache fort. Der Schulze aber sagte: „'s ist nur gut, daß wir keine Zeitung in Oberheudorf haben, sonst käme die Geschichte noch hinein, denn Dummheiten lesen die Leute allemal gern, und eine Dummheit war's doch von den Kindern, potzwetter ja!“

Als die Berenbacher Kinder aber die Geschichte am nächsten Tage erfuhren, da fanden sie sie nicht dumm, sondern wundervoll, und sagten zu den Oberheudorfern: „Das nächste Mal bringen wir euch heim, vielleicht passiert wieder was!“

Ein kleiner Held.

Muhme Lenelies war allzeit eine flinke, fleißige Frau, immer wohlgemut und guter Dinge, und sie pflegte mitunter lachend zu sagen: „Das Kranksein lasse ich gar nicht erst zur Türe hinein!“ Aber einmal, Traumfriede war noch nicht allzu lange ihr Pflegesohn, kam doch das Kranksein unversehens zur Türe hineingerutscht, und die arme Muhme Lenelies bekam einen bösen Husten, der sie arg quälte. Weil die Muhme nun aber die besondere Gabe hatte, alle Dinge, auch die schweren und trüben, durch eine rosenrote Brille anzuschauen, so fand sie, auch das Kranksein habe seine freundlichen Lichtseiten. Sie sagte oft: „Es ist doch behaglich, daß ich bei dem bösen Sturm nicht hinausbrauche, aber am schönsten ist es doch, daß man in Krankheitstagen sieht, wie gut doch eigentlich viele Menschen sind.“

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, Muhme,“ erwiderte ihr darauf einmal die Frau Lehrerin. „Wäret Ihr nicht allzeit so hilfsbereit, dann kümmerte sich just wohl niemand um Euch.“ Das mochte schon wahr sein, aber wenn es auch ehrlich verdiente Liebe und Teilnahme war, wohl tat sie der alten Frau sehr, denn obgleich sie die rosenrote Brille hatte, eine schwere Zeit war die der Krankheit doch für sie. Über nichts aber freute sie sich in diesen Tagen so sehr wie über ihres Pflegesohnes Liebe. Traumfriede tat der Muhme alles Gute an, was er ihr nur an den Augen absehen konnte; er arbeitete von früh bis abends, hielt das Häuschen schmuck und sauber, ja er suchte noch da und dort ein paar Pfennige zu verdienen, damit nicht alle mühsam erworbenen Spargroschen daraufgingen. „Wie eine Königin hab' ich's,“ sagte die Muhme mitunter zu Friede. „Ich habe einen Diener, das bist du, einen Koch, das bist du, eine Kammerzofe, das bist du, eine Magd, das bist du auch, und Hofmarschall und Mundschenk dazu, – soll einer sich so viele dienstbare Geister suchen.“ –

Der Winter war in diesem Jahre gleich mit viel Schnee und Kälte eingezogen und blieb auch ein strenger Gast. Als der Februar herankam, da lag noch so viel Schnee in Oberheudorf, als hätte der Winter erst angefangen. Acht Tage schneite es ununterbrochen. Alle Gräben und Wege verschneiten, die Berenbacher Kinder konnten nicht mehr in die Schule kommen, und eines Sonnabends mußten es die Oberheudorfer Bauernfrauen aufgeben, zum Markt zu fahren. „Man kommt nicht mehr durch,“ sagten sie.

Traumfriede erzählte dies am Freitag nachmittag seiner Pflegemutter, und Muhme Lenelies, die in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß, seufzte ein wenig: „Ich dacht's mir balde! Na, da muß man auch zufrieden sein.“

„Muhme,“ rief Traumfriede erschrocken, „deine Tropfen sind doch alle, und wenn morgen niemand in die Stadt fährt, mußt du ja so lange noch warten?“

„Freilich, mein Junge,“ sagte die alte Frau gelassen, „die Tropfen werden mir schon fehlen, aber vielleicht geht der Husten auch ohne Tropfen weg. Schneide nicht so ein betrübtes Gesicht, man muß froh sein, wenn man eine warme Stube hat. Horch nur, wie draußen der Wind heult.“

Friede nickte stumm. Es tat ihm unendlich leid, daß die Pflegemutter keine Tropfen mehr hatte. Sicher wurde der Husten noch schlimmer. Der Doktor hatte, als er vor acht Tagen dagewesen war, ihn sehr ermahnt, an die Tropfen zu denken, und gesagt, die Krankheit könnte leicht schlimmer werden, wenn die Kranke die Tropfen nicht pünktlich einnähme.

In dieser Nacht heulte der Sturm so um das winzige Häuschen herum, als wollte er es nehmen und wie eine Spielzeugschachtel forttragen. Dazu peinigte die arme Muhme Lenelies der Husten heftig, und erst lange nach Mitternacht schlief sie ermattet ein. Als sie am Morgen erwachte, brannte die Lampe, im Ofen war Feuer, und das Stübchen war ganz behaglich warm. „Ei, der Friede, der Tausendsassa, hat sich aber dazugehalten,“ dachte sie und richtete sich etwas auf. Wo war denn der Bub? Sie klopfte an die Wand der Kammer, in der Friede schlief, aber alles blieb still. Sie richtete sich etwas auf, da sah sie, wie schon die Kaffeekanne auf dem Ofen stand, und auf dem Tisch an ihrem Bett stand die Tasse und ein Wecken lag daneben. „Du meine Güte,“ murmelte die Muhme, „da habe ich es richtig verschlafen, und der Bub ist schon in die Schule gegangen. Wie dunkel es aber noch ist!“

Es war in den Tagen ihrer Krankheit schon manchmal vorgekommen, daß Friede bereits in die Schule gegangen war, wenn sie aufwachte. Der Bube besorgte immer alles so leise wie ein Heinzelmännchen, und die Pflegemutter schlief oft erst gegen Morgen ein. Muhme Lenelies holte sich also ihren Kaffee herbei, trank ihn und blieb dann still in ihrem Bett liegen, denn die Brust tat ihr weh von dem Husten.

Der Sturm heulte draußen immer noch, und sehr langsam nur wurde es hell. Die Muhme, die sonst nicht ungeduldig war, dachte an diesem Tage manchmal: „Heute will es auch gar nicht Mittag werden!“ Endlich hörte sie draußen Schritte, jemand kam. Sie lauschte, – Friede war es nicht, also wohl eine Nachbarin, die nach ihr sehen kam. Gleich darauf trat auch, auf das Wetter scheltend, die Schnipfelbäuerin ein. Sie wohnte ganz nahe und hatte der Muhme schon öfters in den Tagen der Krankheit eine gute Suppe gebracht. Auch heute kam sie mit einem Topf Essen an. Sie stellte es der Kranken an das Bett, holte einen Teller herbei und sagte: „Nun eßt nur, der Friede hat mich gestern abend noch himmelhoch gebeten, Euch ja nicht zu vergessen, weil er doch heute nicht daheim ist.“

„Ei,“ rief Muhme Lenelies und vergaß vor Erstaunen fast das Dankeschön, „wo ist denn mein Friede? Kein Sterbenswörtchen hat er mir vom Fortgehen gesagt.“

„Na sehe einer den Buben an,“ sagte die Bäuerin, „ganz heimlich geht er auf Arbeit. Wo er ist, hat er mir auch nicht gesagt, aber am Samstag gibt es halt überall Arbeit, und der Friede läßt sich schon gebrauchen. 's ist recht von ihm, daß er darauf sieht, ein paar Groschen zu verdienen. Ich wollte, mein Fritz wäre nur halb so fleißig und anstellig, aber das ist ein richtiger Faulpelz. Nur wenn es gilt, dumme Streiche zu machen, da ist er dabei. Mein Mann sagt immer, ihm käme die Nichtsnutzigkeit noch mal zur Nasenspitze und zur kleinen Zehe heraus. Ja, ja, 's ist schlimm!“

Die Bäuerin seufzte tief, aber Muhme Lenelies tröstete: „Ein gutes Herz hat er aber doch, und das ist die Hauptsache. Paßt auf, er wird noch ein braver, verständiger Bube werden!“

Die Schnipfelbäuerin nickte zufrieden, sie hörte es wie alle Mütter gern, wenn jemand ihrem Buben etwas Gutes nachsagte, und daß der Fritz bei aller Naseweisheit und Frechheit, bei aller Faulheit und Dummenstreichelust eben doch ein gutes Herz hatte, das tröstete sie immer wieder. Ganz vergnügt nahm sie Abschied, versprach noch, mit der Magd einen Topf Kaffee zu schicken, und ging dann heim. Gerade vor der Haustür traf sie ihren Buben, der rief ihr gleich entgegen, da er sie aus Muhme Lenelies' Häuschen kommen sah: „Warum ist denn Traumfriede nicht in der Schule gewesen?“

„Nicht in der Schule gewesen?“ wiederholte die Schnipfelbäuerin erstaunt. „Ja in aller Welt, was macht denn der Bube? Wer nimmt denn einen Schuljungen den ganzen Tag zur Arbeit?“

„Der Herr Lehrer hat sich auch gewundert,“ sagte Fritz, der ordentlich froh war, daß sich der Lehrer einmal über etwas anderes als über seine Faulheit zu wundern hatte.

„Na, der Friede wird schon kommen, und so arg böse wird der Herr Lehrer nicht auf ihn sein,“ meinte die Bäuerin und ging in das Haus, und da es Mittagszeit war, folgte Fritz ungerufen. Er hatte in der Rechenstunde von sechs Exempeln sechs falsch gerechnet und in der Schreibstunde drei Kleckse und dreiundzwanzig Fehler in zwanzig Wörtern gemacht, davon bekommt einer schon Hunger.

Während alle Oberheudorfer Buben und Mädel vergnügt ihr Mittagbrot verzehrten und Muhme Lenelies still in ihrem Stübchen lag und mit Mimi, ihrer Amsel, und Schnurpsel, dem Kater, zusah, wie draußen die weißen Flocken in der Luft herumwirbelten, war Traumfriede weit, weit von Oberheudorf entfernt. Lange vor Tagesanbruch war er mit seinem Laternchen ausgezogen. Trotz haushoher Schneewälle, trotz Sturm und Kälte wollte er doch nach der Stadt wandern, um für seine Pflegemutter die Hustentropfen zu holen. Heimlich war er gegangen; er wußte, Muhme Lenelies würde sich um ihn sorgen, und die Sorge wollte er ihr ersparen. Es bedrückte ihn freilich schwer, daß er nicht in der Schule sein konnte, aber er dachte: „Wenn ich nachher den Herrn Lehrer bitte, wird er es mir schon verzeihen; ich mußte doch gehen.“ Tapfer schritt er aus. Es war, als er fortging, noch so dunkel, daß er kaum den Weg erkennen konnte. Dazu lag der Schnee so hoch, daß er oft bis an den Hals einsank. Bis Niederheudorf ging es noch, da war am Tage vorher der Weg gebahnt worden, als Friede aber nachher in den Wald einbog, wurde das Vorwärtskommen immer schwerer, und er blieb manchmal fast verzagt stehen. Aber der Gedanke, Muhme Lenelies würde vielleicht kränker werden, wenn er die Tropfen nicht brächte, trieb ihn immer wieder vorwärts. Nach und nach dämmerte der Tag herauf, und als er aus dem Walde wieder heraustrat, da lag das weite Land im blassen Morgenschein still und weiß vor ihm. Es sah so schön aus, daß er darüber beinahe alle Beschwerden des Weges vergaß. Er blies hurtig sein Laternlein aus und stapfte unverzagt weiter. Nach vielstündiger Wanderung erreichte er endlich die kleine Stadt, in der die Apotheke war. Er fand sie bald, trat ein und verlangte die Hustentropfen für Muhme Lenelies. Dabei wunderte er sich selbst über seinen Mut; ganz vergnügt dachte er: „Na, Heine Peterle sollte sehen, wie ich mich zurecht finde.“ Heine Peterle konnte die Stadt nicht leiden, warum, ist schon in einem andern Buche erzählt worden, aber auch die übrigen Oberheudorfer Buben und Mädel wollten nicht viel von der Stadt wissen. Sie kannten sie nämlich gar nicht; wenn mal eins mitgenommen wurde, das war dann immer eine besondere Sache. Zum Vergnügen fuhren die Oberheudorfer nicht in die Stadt, nur zum Kauf und Verkauf. Meist waren da, wenn sie von Oberheudorf abfuhren, die Wagen voll und für Kindervolk kein Platz mehr. Auch Friede war noch nie mit in der Stadt gewesen, es gefiel ihm aber ganz gut darin, und die Leute, die er nach der Apotheke fragte, gaben ihm auch freundlich Auskunft. Der Apotheker freilich war nicht nett, der verlangte ein Rezept, und als Friede verlegen sagte, er hätte keins, wollte er ihm die Tropfen nicht geben. Der Bube, der müde und hungrig war, stand ganz verdattert da. Ein alter Herr neben ihm sah es und fragte mitleidig, für wen er die Tropfen wollte. Friede gab Auskunft, treuherzig erzählte er alles, und der alte Herr riet ihm, er sollte doch zu Doktor Treumann gehen, der wohne ganz in der Nähe und würde ihm sicher die Tropfen noch einmal verschreiben. Das tat denn Friede auch. Der Doktor, der just fortgehen wollte, war sehr erstaunt, den Buben zu sehen. Der freundliche Arzt kam nicht allzu oft nach Oberheudorf, denn viel Kranke gab es nicht im Dorf, er kannte trotzdem alle Leute dort, und die alte Muhme Lenelies mochte er besonders gern leiden. Er wußte aber auch, wie weit es bis Oberheudorf war, und wie schwer es sich bei solchem Schneewetter ging. „Junge,“ rief er ganz erstaunt, „bist du denn zu Fuß gekommen?“

„Ja,“ sagte Friede treuherzig, „die Pferde kommen doch nicht mehr durch, sonst hätte die Schnipfelbäuerin die Tropfen mitgebracht.“

„Na, das ist gut,“ rief Doktor Treumann, „die Pferde können nicht mehr durchkommen, und so ein Dreikäsehoch läuft den Weg, noch dazu in der Dunkelheit. Aber Junge, Junge, wie konnte deine Pflegemutter nur so unvernünftig sein und dich gehen lassen!“

Verlegen bekannte Friede, daß er heimlich davongelaufen sei, weil die Muhme ihn sonst nicht hätte gehen lassen. „Und sie muß doch ihre Tropfen haben,“ flüsterte er.

Der Arzt strich ihm sacht über den Kopf. „Du bist ein braver Bursche,“ sagte er ernst, „aber ich habe Angst um dich, du wirst nicht heim kommen. Bergauf brauchst du noch mehr Zeit, das ist noch schwerer; ich fürchte, das wird zu viel für deine Kräfte sein.“

„Ach nä,“ rief Friede vergnügt und mutig, „es geht schon, ich bin gar nicht müde!“

Der Arzt überdachte die Sache. Er selbst mußte eilig fort zu einem Schwerkranken, er hatte kaum Zeit, etwas für den Buben zu sorgen. Kam der nun heute nicht heim, dann ängstigte sich Muhme Lenelies vielleicht so, daß sie noch kränker wurde. Die Tropfen brauchte sie, ein Bote, der den Weg machte, würde sich schwer finden, also mußte Friede schon wieder zurückwandern. Er ließ dem Buben heißen Kaffee geben, dazu Butterschnitten, und dann ermahnte er ihn: „Du darfst dich aber nicht ausruhen wollen unterwegs, und wenn du noch so müde bist, sonst schläfst du ein und erfrierst. Gib mir die Hand darauf, Junge, daß du dich nicht hinsetzt!“

Friede gab dem gütigen Mann die Hand, und der mahnte noch einmal: „Denk an dein Versprechen! Sein Wort muß man halten; ein Feigling, wer es nicht tut.“ –

Nach einer Stunde trabte Friede gut ausgeruht und satt, die Tropfen in der Tasche und noch ein Paketchen vom Arzt, das er dem Lehrer abgeben sollte, wieder der Heimat zu. Anfangs ging es leicht, bald aber merkte er, daß Doktor Treumann recht gehabt hatte damit, daß der Heimweg schwerer sein würde. An manchen Stellen mußte er durch den Schnee krabbeln wie eine Maus durch einen vollen Mehlsack. Mitunter stand er minutenlang still und meinte vor Müdigkeit umsinken zu müssen, dann trieb ihn aber immer wieder der Gedanke an sein Versprechen vorwärts. Er hatte sein Wort gegeben, das mußte er halten, und Muhme Lenelies mußte ihre Tropfen haben, sonst wurde sie kränker.

Immer wieder raffte er sich auf und trabte weiter. Einmal versank er so im Schnee, daß er sich nur an dem tief herniederhängenden Ast einer Tanne wieder emporziehen konnte. Dazu brauste der Wind und trieb ihm die Flocken in das Gesicht; das stach wie mit Nadeln, und mitunter konnte er gar nichts sehen.

Als er endlich den Wald erreicht hatte, überfiel ihn eine solche Mattigkeit, daß er stehen blieb und sich an eine Tanne lehnte; so müde war er, ach so müde. Da war es ihm plötzlich, als rufe jemand laut neben ihm: „Sein Wort muß man halten; ein Feigling wer es nicht tut!“ Da raffte er sich wieder auf, um mit zitternden Händen sein Laternchen anzuzünden, denn schon war es dunkel geworden. Der Wind blies es ihm immer wieder aus, von den sorgsam mitgenommenen Streichhölzern verlöschte eins nach dem andern, endlich das vorletzte zündete das Lichtlein an. Friede nahm das letzte Stück Brot, das er noch in der Tasche hatte, aß es auf und wurde nun wieder etwas munter.

Er stapfte weiter. Immer dichter fiel der Schnee. Der Sturm hatte sich ganz gelegt, und es war eine tiefe, tiefe Stille ringsum. Friedes Laternchen schwankte hin und her. Der Bube war so matt, daß ihm jeder Schritt eine schwere Arbeit schien. Immer wieder blieb er stehen, immer wieder meinte er vor Müdigkeit fast umsinken zu müssen, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke an Muhme Lenelies und an sein gegebenes Wort empor.

Endlich, endlich sah er Lichter durch die Dunkelheit schimmern. „Niederheudorf,“ dachte er wie erlöst, „da kann ich mich ausruhen, jemand nimmt mich schon auf.“ Aber wie endlos sich der Weg noch dehnte! Noch immer kein Haus, noch immer kein Mensch zu sehen! Weiter mußte er wandern, immer weiter!

Und wieder lehnte sich Friede an einen Baum. Er fühlte, wie seine letzte Kraft schwand, aber die Tropfen, sein Wort! Taumelnd tat er einen Schritt vorwärts, da packte ihn plötzlich eine kräftige Hand, und eine laute, schnarrende Stimme rief: „Zum Donnerwetter noch einmal, wer treibt sich denn hier herum?“

„Muhme Lenelies muß ihre Tropfen haben,“ stammelte Friede halb bewußtlos vor Mattigkeit. „Ihre Tropfen – ihre Tropfen – ich mein Wort – – weiter – weiter!“

„Na das ist ja eine nette Bescherung!“ brummte Leberecht Sperling, der Waldhüter, er war der Sprecher, und hob den Knaben auf. „Sieh mal einer an, der Traumfriede ist's. Du, Bube,“ schrie er, „wo kommst du denn her?“