„Aus – der – Stadt,“ lallte Friede.
„Bei dem Wetter? Bist du verrückt?“ schrie der Waldhüter. „Bist du etwa hin und zurück gegangen?“
„Ja,“ murmelte der Bube schlaftrunken, „die Tropfen, – Muhme Lenelies braucht sie doch!“
„So eine unvernünftige Kreatur,“ schalt Leberecht Sperling, „läuft in die Stadt bei dem Wetter! Verwichsen müßte man so einen Buben! Na, ich sag's ja, nichts als Dummheiten machen die Buben, dumm, dumm, ausnehmend dumm!“
Von diesem Schimpfen hörte Friede nichts mehr, er lag auf des Waldhüters Arm, und der trug den Buben so sorgsam, als wäre er dessen Mutter, durch den Schnee. Die bösen Worte meinte Leberecht Sperling nicht böse, je weicher es ihm ums Herz war, desto mehr schalt er, das war so seine Art, und wenn er alle Oberheudorfer Kinder für ausnehmend ungezogen erklärte, so hatte er sie im Grunde doch eigentlich alle lieb – freilich sie merkten das nur selten.
Als es dunkel wurde und Friede immer noch nicht kam, begann Muhme Lenelies sich zu ängstigen. Schnurpsel mochte noch so schnurren und Mimi noch so viel im Zimmer herumhüpfen, der alten Frau erschien es heute doch bedrückend einsam. Sie atmete auf, als endlich draußen Schritte erklangen. Es war Heine Peterles Mutter, die kam, und nach einem Weilchen erschien auch die Frau Lehrerin. Von den beiden nun erfuhr Muhme Lenelies, daß Friede an dem Tage gar nicht in der Schule gewesen war. „Ich denke mir, der Bube ist zum Schulzen nach Niederheudorf gegangen,“ sagte Heine Peterles Mutter, „dort sind zwei Mägde krank, und weil doch nächstens Hochzeit ist, haben sie alle Hände voll zu tun.“
Muhme Lenelies schüttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht, darum hätte Friede nicht die Schule versäumt. Ihr wurde es auf einmal so bang zumute, und angstvoll rief sie: „Meinem Buben ist etwas passiert, ein Unglück ist geschehen!“
Die Frauen suchten sie zu beruhigen, aber ihnen kam die Sache jetzt selbst seltsam vor. „Ja, wenn's mein Heine Peterle gewesen wäre,“ murmelte dessen Mutter, „der brächte es schon fertig, mal hinter die Schule zu gehen.“
Da erklangen draußen schwere Tritte und eine laute Stimme, Leberecht Sperling riß die Türe auf und setzte Friede mit einem Ruck mitten ins Zimmer. „Da ist er,“ rief der Waldhüter. „So ein dummer Purzel läuft bei dem Wetter in die Stadt!“ Friede riß krampfhaft seine Augen auf, sah sich verdutzt in dem hellen Zimmer um und murmelte halb im Traum: „Die Tropfen – ich darf nicht ausruhen – mein Versprechen! Ich –“
„Bube, mein Bube,“ rief Muhme Lenelies, „du warst in der Stadt?“
„Ja, da war er,“ sagte Leberecht Sperling, „und jetzt geht er ins Bett. Der schläft ja schon wie ein Hase mit offenen Augen!“ Er nahm dem Buben seinen Korb ab, zog ihm ritsch, ratsch die Stiefel aus, die Frauen halfen Jacke und Höslein herunterziehen, und weil der ganze kleine Kerl kalt wie ein Eiszapfen war, wickelten sie ihn in eine wollene Decke, dann legten sie ihn ins Bett. Schon halb schlafend trank Friede noch den heißen Kaffee, den die Frau Lehrerin ihm reichte; von allem dem, was um ihn herum gesprochen wurde, hörte er aber gar nichts mehr. Er hörte nicht, daß Muhme Lenelies unter Tränen rief: „Gott sei Dank, daß mein Goldjunge wieder da ist,“ und daß Leberecht Sperling schalt und die beiden Frauen ihn lobten, er schlief und träumte wundervolle Dinge. Er ging im Traum an der weißen Hand der Schneekönigin, die führte ihn in einen glitzernden, funkelnden Palast, und lächelnd nahm sie einen köstlichen Pelz und legte ihn über seine Knie: „Damit du nicht frierst.“ Wie weich und warm der Pelz war! Friede strich ihn sacht und wußte nicht, daß Schnurpsel, der Kater, der sich auf seine Füße gelegt hatte, der köstliche Pelz der Schneekönigin war.
Um Mitternacht legte sich der Wind, es hörte auf zu schneien, und am nächsten Morgen schien hell die Sonne auf Oberheudorf herab. Sie schien dem Traumfriede so lange auf die Nase, bis der Bube erwachte.
Muhme Lenelies stand vor seinem Bett. Sie hatte eine große Kaffeekanne in der Hand und sah aus, als hätte sie sich ein bißchen mit Sonnenschein gewaschen. „Muhme,“ stammelte Friede verwirrt, „bist du denn gesund?“
„Na, so ziemlich,“ rief die alte Frau. „Die Tropfen haben mir gut getan, mein Goldjunge. Paß auf, nun reißt das Kranksein aus!“
So wurde es auch, das Kranksein riß wirklich aus. Als nach einiger Zeit, als der Schnee nicht mehr haushoch lag und die Wege versperrte, Doktor Treumann nach Oberheudorf kam, da fand er Muhme Lenelies recht munter und vergnügt. „Ei, da scheint ja mal wieder der Arzt überflüssig zu sein,“ sagte er lachend.
Muhme Lenelies nickte: „Ihre Tropfen waren gut, aber ich glaube, Herr Doktor, daß mein Friede den schweren Weg für mich gemacht hat, das hat mir noch mehr geholfen. Freude ist allemal gesund!“
„Ja, Freude ist gesund,“ sagte auch der Arzt, „und Euer Friede, Muhme Lenelies, das ist ein Staatsjunge. Paßt auf, der sorgt noch oft für Freude in Euerm Leben!“
Im Dorfe sagte dies noch mancher Bauer und manche Bäuerin, und Friede bekam jetzt jeden Tag so viele freundliche Blicke und Worte wie früher, als er noch beim Kohlbauern gewesen war, im ganzen Jahr nicht. Über nichts aber freute er sich mehr als über Muhme Lenelies' Genesung und über den Herrn Lehrer, denn der hatte gar nicht über den versäumten Schultag gescholten, kein Wort hatte er gesagt, nur den Traumfriede sehr, sehr gütig angeschaut.
Das Hünengrab.
In dem Kuhberger Walde, der Oberheudorfs Felder nach Süden und Westen abgrenzte, lag tief innen auf einer Wiese ein mächtiger Steinhaufen. Es war ein seltsam schöner Platz da mitten im Walde, immer lag es wie eine stille Feierlichkeit darüber; eigentlich war es so recht ein Erdenwinkelchen für Leute, die einmal ein bißchen träumen und ausruhen wollen. Mitunter kam der Lehrer von Oberheudorf hierher und saß dann wohl auf dem Steinhaufen und beobachtete still das Leben der Vögel und Insekten. Es kam auch vor, daß er Traumfriede hier sitzen fand, denn auch der Knabe hatte eine besondere Vorliebe für die einsame Waldwiese. Dann erzählte der Lehrer dem Buben wohl allerlei von den Tieren und Blumen des Waldes, und Traumfriede hörte versonnen zu. Er selbst erzählte freilich nie, warum er just so gern hier saß, denn er war, so munter er auch mit seinen Kameraden umging, seit er Muhme Lenelies' Pflegesohn geworden war, doch ein etwas schüchterner Junge. Und der Lehrer bedrängte ihn nie mit Fragen, er dachte immer: „Er wird schon zutraulich werden.“ Der Bube mit den schönen, blauen Träumeraugen war ihm lieb, und des Lehrers Gedanken beschäftigten sich mehr mit Friede, als der und seine Pflegemutter ahnten.
Muhme Lenelies ließ ihren Buben gern seinen Lieblingsplatz aufsuchen, sie wußte ja, nach solchen Freistunden war er dann doppelt fleißig. So verbrachte Friede manchen schulfreien Nachmittag auf der kleinen Wiese. Hier fand er dann auch immer allerlei besonders schöne Dinge: die größten Erdbeeren wuchsen zwischen den Steinen des Hügels, so saftig und würzig, daß Muhme Lenelies, wenn ihr Pflegesohn die Beeren heimbrachte, allemal sagte: „Das reine Festessen!“ Auch ein Stachelbeerbusch, der gelbe, süße Beeren trug, hatte sich hier angesiedelt; niemand wußte, woher er gekommen war, er wuchs und trug Früchte, als stünde er mitten in einem wohlgepflegten Garten. Ihn umdrängten noch Himbeeren und Brombeeren, dazwischen blühten bunte, leuchtende Blumen, und in all dem Wirrwarr hausten auch noch ein paar kleine, lustige Vogelfamilien.
An einem warmen Sommertag saß Traumfriede wieder hier auf seinem Lieblingsplatz. Die Stille wurde manchmal durch ein Lachen, einen fröhlichen Schrei unterbrochen, denn die Oberheudorfer Kinder suchten wieder einmal Erdbeeren im Kuhberger Walde. Friede hatte fleißig gesucht, nicht so viel in den Schnabel, und nun stand sein Töpfchen schon voll neben ihm. Er wartete hier auf seine Gefährten und träumte noch ein wenig in den schönen Sonnentag hinein. Mitten in seinem Träumen und Sinnen störte ihn Schulzens Jakob, der herbeikam. Sein Töpfchen war noch ziemlich leer, aber dafür trug er im Gesicht deutliche Spuren davon, daß ihm die Beeren gut geschmeckt hatten.
„Weißt du,“ sagte er und blieb vor dem Steinhaufen stehen, auf dem Friede saß, „das ist ein Hühnergrab.“
„Was,“ rief Friede verdutzt, „ein Hühnergrab? Ja wer hat hier denn Hühner vergraben?“
„Das weiß ich nicht,“ brummte Jakob, „aber mein Vater hat einen Brief bekommen, in dem steht, es wollten Leute aus der Stadt kommen und das Hühnergrab aufmachen. Und Vater sagt, das hier wär's!“
„Quatsch!“ sagte Friede ärgerlich, doch da wurde Jakob wild. Quatsch ließ er seine, des Schulzensohns, Weisheit nicht nennen. Er stellte geschwind sein Beerentöpfchen auf den Boden und rüstete sich zu einer regelrechten Balgerei. Es wäre wohl auch dazu gekommen, wenn nicht auf einmal Heine Peterle, Schnipfelbauers Fritz, der blaue Friede, Annchen Amsee und Jakobs Schwester Röse herbeigekommen wären. Unter großem Geschrei erzählten sie, daß sie soeben drei Rehe im Walde gesehen hätten. Darüber vergaß Jakob ein Weilchen seine Wut, nachher aber kam sie wieder, und er erzählte aufgebracht die Geschichte von dem Hühnergrab.
„Ein Hühnergrab ist das?“ riefen die Kinder alle verdutzt, und Annchen Amsee fragte ganz hausfraulich weise: „Was sind's denn für Hühner, die hier liegen, gewöhnliche oder etwa Perlhühner?“ Auf diese Frage wußte Jakob keine Antwort zu geben, es tröstete ihn aber sehr, daß die andern seine Weisheit anerkannten, und sein Zorn legte sich allmählich.
Friede, der den Kameraden nicht hatte kränken wollen, sagte nun auch einlenkend: „Wenn es dein Vater sagt, wird es schon stimmen, aber warum sind nur hier gerade Hühner begraben?“
Das war wirklich eine schwere Frage, die sehr, sehr viel Nachdenken erforderte. Weil die Oberheudorfer Kinder mitunter recht viel Geschrei beim Nachdenken machten, so traten sie ziemlich lebhaft und aufgeregt ihren Heimweg an, und die vierfüßigen und gefiederten Waldbewohner verkrochen sich ängstlich in ihren Höhlen, Moosbettlein und Nestern ob dieses Geschreies.
Am nächsten Tage gab es in der Schule eine sogenannte Plauderstunde, etwas, das alle Kinder wundervoll fanden. Verstanden die Kinder etwas nicht, wollten sie etwas wissen, dann durften sie nämlich den Herrn Lehrer vor Schulanfang fragen. Fand der Lehrer, daß die Frage vernünftig sei und sich darüber allerlei sagen ließ, so schloß er die Schule ein wenig früher und hielt dann noch die Plauderstunde ab. In dieser gab er Antwort, die Kinder durften Gegenfragen stellen, und meist fanden die Kinder die Plauderstunde viel zu kurz, und sie lernten darin manchmal mehr als vorher aus den Büchern.
An diesem Morgen hatten neun Buben und Mädel gefragt, ob der Steinhaufen im Walde wirklich ein Hühnergrab wäre. Da erzählte ihnen denn in der Plauderstunde der Lehrer, daß es Hünengrab heiße und nicht Hühnergrab, und daß es solche uralte Gräber noch in manchen Gegenden gebe. In Deutschland, aber auch in Dänemark, England, selbst in Palästina finde man solche riesenhafte Grabdenkmäler. Viele habe man geöffnet und darin alte Urnen, Steinhämmer, auch wohl Schwerter, Armringe, Pfeile und dergleichen gefunden.
„Aber unseres ist doch gar nicht so groß,“ rief Schulzens Jakob erstaunt dazwischen.
„Nein,“ erwiderte der Lehrer, „das ist es auch nicht, und darum ist man auch noch im Zweifel, ob es wirklich ein Hünengrab ist. Vielleicht ist es nur ein großer Steinhaufen, der von Hirten zusammengetragen wurde. Es mögen auch die Überreste menschlicher Wohnungen sein, denn der Sage nach soll dort früher ein Dorf gestanden haben. Etwas Genaueres läßt sich darüber allerdings nicht ermitteln.“
Die Kinder lauschten gespannt den Erklärungen; jetzt fanden sie es sehr dumm, daß sie zuerst gedacht hatten, Hühner lägen unter den großen Steinen begraben. Schulzens Jakob tat wichtig und tuschelte seinen Nachbarn zu: „Wie konntet ihr nur so dumm sein und denken, Hühner liegen da!“
„Na, du hast es doch zuerst gesagt,“ rief Heine Peterle halblaut. Ein Weilchen gab es ein erregtes Tuscheln und Wispern, und der Lehrer ließ die Kinder gewähren; er lächelte über ihren Eifer und sah dabei Traumfriede an, der still und versonnen dasaß. Der Bube fühlte den Blick des Lehrers, er hob seine schönen Augen zu ihm auf und fragte leise, traurig: „Wird nun der Steinberg abgetragen werden?“
Der Lehrer nickte. „Ja, Friede, es geht an unsern Lieblingsplatz, er wird wohl etwas zerstört werden.“ Der Bube wurde rot. Daß der Lehrer gesagt hatte, ‚unsern Lieblingsplatz‘, das gab ihm eine heimliche Freude, aber dann wurde er wieder traurig, und während die andern Kinder nach Schluß der Schule laut und lustig auf die Dorfstraße eilten, ging er still seinen Weg. Die Buben und Mädel redeten daheim gewaltig klug von dem Hünengrab. Annchen Amsee meinte, vielleicht könnte ein Topf voll Gold darin gefunden werden. „Oder eine Krone und ein goldenes Schwert,“ rief Heine Peterle, und zuletzt redeten alle nur noch von den goldenen Schätzen des Hünengrabes.
Ganz ärgerlich aber war Muhme Lenelies. Sie schalt aufgebracht darüber, daß auf der schönen, friedlichen Waldwiese gegraben werden sollte. „Wirklich,“ brummte sie, „die Stadtleute müssen ihre Nase auch in alles stecken. Es ist jammerschade um unsern hübschen Platz.“ Sie ließ ihren Friede darum auch gleich am Nachmittag dahinlaufen; wer weiß, wie lange der Bub seinen Lieblingsplatz noch haben würde, mochte er ihn also noch genießen, soviel er konnte. So saß denn Traumfriede am Nachmittag wieder still auf einem der beiden Steinhügel dicht neben dem Stachelbeerbusch. Um ihn herum war ein Schwirren und Summen der Bienen und Käfer, bunte Schmetterlinge flogen über die blühende Waldwiese, und dicht neben ihm saßen auf einer Blumendolde vier Perlmutterfalter, ihre Flügel glänzten und flimmerten märchenhaft im Sonnenlicht. Während der Knabe so still in der warmen Sommerschönheit saß, war es ihm, als löste sich plötzlich Stein um Stein von dem alten Grab und riesenhafte Männer traten aus dunklen Höhlen hervor. Sie klirrten mit Schild und Schwert, goldene Kronen funkelten auf ihren Häuptern, ihnen folgten schöne Jungfrauen in schimmernden Gewändern, und plötzlich verschwand der Wald, ein hohes Schloß mit Türmen und Zinnen wuchs empor, auf der Brücke stand ein Torwächter und blies in sein Horn.
„Mähmäh mäh,“ meckerte es plötzlich neben Traumfriede, und verdutzt schaute sich der Bube um. Alle Märchenherrlichkeit war verschwunden, er saß wieder neben dem Stachelbeerbusch, und vor ihm stand Friederike, Muhme Lenelies' höchst kluge und gebildete Ziege. Sie war Friede nachgelaufen und schien sehr ungnädig, daß sie so wenig beachtet wurde. Der Bube schämte sich ein bißchen, ihm war es immer, als könnte Friederike in seinem Herzen lesen, und gewiß lachte sie heimlich über all die Geschichten, die er immer zusammenträumte. Aber Friederike lachte nicht, sondern beschnupperte ein paar feine Blättchen und geruhte sie zu fressen. „Komm heim, Friederike,“ rief Friede, „du darfst hier nicht fressen! Wenn es Leberecht Sperling sieht, schreibt er uns auf.“
Leberecht Sperling, der gefürchtete Waldhüter, der jedes Kind, das er im Walde traf, mißtrauisch ansah, ob es nicht eine Dummheit gemacht hatte oder vielleicht eine machen wollte, schien auch Friederike zu erschrecken. Sie trabte geduldig neben Friede her, und bald lag der Wald mit aller Märchenherrlichkeit hinter den beiden.
Es vergingen viele, viele Tage, und die Herren aus der Stadt, die das Hünengrab erforschen wollten, kamen nicht. Die Kinder vergaßen die Geschichte beinahe, nur Traumfriede nicht, der saß, so oft er konnte, auf dem Steinhaufen, aber auch seine Angst, die Zerstörer würden kommen, legte sich nach und nach.
Und dann waren die Herren auf einmal da. Als die Kinder an einem Mittwoch aus der Schule kamen, sahen sie vor dem Wirtshaus „Zur himmelblauen Ente“ einen Wagen stehen. Natürlich liefen sie nun nicht heim, sondern rannten alle vor das Wirtshaus, und Heine Peterle, dessen Oheim der Wirt war, lief hinein und brachte die Nachricht: „Es sind die da, die zu dem Hünengrab wollen.“
„Wir gehen auch hin,“ sagten gleich zwei, drei Stimmen, und ein paar andere antworteten: „Na ob! Natürlich!“
Die drei Herren, die inzwischen in der Wirtsstube saßen und auf das bestellte Mittagbrot warteten, konnten gar nicht begreifen, warum der Wirt auf einmal sagte: „'s ist schade, daß Mittwoch ist!“ – „Warum denn?“ fragte der älteste der drei Herren erstaunt, es war ein stattlicher Mann, mit weißgrauem Vollbart und klugen Augen, „das Wetter ist doch so gut?“
„Na ja,“ brummte Kaspar auf dem Berge und lief hinaus, um nach dem Mittagessen zu sehen. Draußen schüttelte er mit dem Kopfe und sagte: „Nä, das weiß man doch, daß am Mittwoch die Kinder immer bei allem dabei sind und einem in die Quere kommen!“
Davon schienen nun die gelehrten Herren aus der Stadt keine Ahnung zu haben. Sie verzehrten ihr Mittagbrot, auf das sie noch recht lange warten mußten, dann sprachen sie noch mit dem Herrn Lehrer und dem Schulzen. Der Herr Pfarrer war an diesem Tage nicht daheim, und der Herr Lehrer erwartete einen Kollegen, er versprach nachzukommen. Nur der Schulze konnte die Herren begleiten, auch der Wirt kam mit, ein paar Knechte folgten mit Hacken und Grabscheiten, und so zogen alle miteinander in den Kuhberger Wald. Als sie auf der Waldwiese anlangten, blieben die Herren verblüfft stehen; auf dem Steinhügel saßen sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel, saßen da, als müßte es so sein, als wäre dies der einzige Fleck, auf dem sie just diesen Nachmittag sitzen konnten.
„Ach so,“ sagte der Herr mit dem weißen Vollbart, den seine Begleiter immer Herr Geheimrat nannten, „darum bedauerte der Wirt, daß wir an einem Mittwoch gekommen sind. Nun verstehe ich, warum!“
„Ja, das Kindervolk,“ brummte der Schulze, „immer ist es dabei, immer will es zusehen. Na, und wenn unsere Mädel und Buben nicht dabei sind, ist es auch nicht recht.“ Nach dieser Erklärung zog er seine Stirn in finstere Falten und schrie: „Nun marsch runter von da oben!“ Die Kinder gehorchten, nicht sehr geschwind und nicht sehr vergnügt, aber sie taten es doch; dann freilich blieben sie dicht an dem Steinhügel stehen. Sie wurden zwar immer wieder ermahnt, weiter zu gehen, einmal schalt der Herr Geheimrat, ein anderes Mal der Schulze, dann flogen die Buben und Mädel auseinander wie eine Spatzenschar, in die jemand mit einem Blasrohr hineingepustet hat. Fünf Minuten, ach nein, drei, nein, zwei Minuten später standen alle schon wieder dicht am Steinhügel, und bei jedem Stein, der aufgehoben wurde, schrieen sie „Oh!“ und „Ah!“ als sei das etwas ganz Wunderbares.
Leberecht Sperling kam herbei und Hans Rumps. Die beiden schalten auch über das neugierige Kindervolk, aber Heine Peterle sagte patzig: „Wir tun doch nichts, und ein Nachtwächter hat jetzt überhaupt nichts zu sagen, es ist doch Tag!“
Die andern Buben und Mädel gaben ihrem Beifall so laut Ausdruck, daß der Herr Geheimrat und die beiden andern Herren ordentlich erschraken. „Sagt mal, Kinder,“ fragte der Geheimrat, „eßt ihr gern Schokolade, und hat der Krämer welche?“
„Ja,“ schrieen sämtliche Buben und Mädel und lachten, als erwarteten sie, daß die Schokolade gleich vom Himmel herunterpurzeln sollte.
„Na, dann paßt mal auf,“ sagte der Geheimrat, zog sein Portemonnaie hervor und suchte alles Kleingeld zusammen. Seine Begleiter taten es ihm nach, und jedes Kind erhielt einen Groschen. „Dafür dürft ihr gehen und euch Schokolade kaufen.“
„Geht nach Niederheudorf, da gibt es bessere,“ riet der Schulze. Er dachte, Niederheudorf ist weiter, da sind sie nicht so rasch zurück. Die Kinder nickten, und eins, zwei, drei waren sie vom Steinhaufen weg und im Walde verschwunden. Zwei Minuten später aber waren sie alle wieder da.
„Na nu, holt ihr denn keine Schokolade?“ riefen die Herren verdutzt.
„Krämers Trude ist gegangen, sie bringt uns alles, wir erzählen ihr nachher, was los ist,“ riefen Buben und Mädel wie aus einem Munde und kamen geschwind so dicht heran, als müßten sie durchaus mit ihren Nasen dabei sein.
„Mir scheint, es hilft uns nichts, wir müssen uns mit den Kindern abfinden,“ sagte der Geheimrat halb lachend, halb ärgerlich, „na, vielleicht wird ihnen die Sache bald langweilig!“
Diese Hoffnung sollte sich auch erfüllen, den Kindern wurde das Zusehen wirklich langweilig. Sie hatten gedacht, es würde ganz geschwind gehen, und die goldenen Schätze würden aus der Erde gehoben werden wie die Kartoffeln im Herbst, statt dessen mahnte der Geheimrat immer zur Vorsicht, und nur langsam wurde ein Stein nach dem andern abgetragen. So kam es, daß die Kinder gar nicht dabei waren, als am nächsten Tage gegen Abend endlich das Grab geöffnet wurde. Es fanden sich wirklich allerlei Urnen und Bronzegeräte darin, ein Schwert, Armringe und dergleichen. Die Sachen wurden in das Wirtshaus gebracht und dort aufgestellt. Kaspar auf dem Berge hatte heilig und teuer gelobt, er wollte alles sorgsam behüten, während draußen im Walde die drei Herren das geöffnete Grab noch weiter untersuchten.
Ganz Oberheudorf war über das Hünengrab in Aufregung. Freilich waren die meisten etwas enttäuscht; sie hatten wie die Kinder erwartet, in dem Grab würden kostbare Schmucksachen liegen, Gold und Edelsteine; die paar unansehnlichen Dinge wollten ihnen gar nicht recht gefallen. Sie konnten nicht begreifen, warum die gelehrten Herren so froh darüber waren und taten, als hätten sie Wunder was für Kostbarkeiten gefunden.
„Wenn sie wenigstens ordentlich blank wären,“ sagte Annchen Amsee und deutete verächtlich auf einen fast schwarzen Armring. Etliche Buben und Mädel standen nämlich wieder einmal vor den ausgegrabenen Sachen. Es war Sonnabend nachmittag, aber obgleich schulfrei war, waren die Kinder nicht in den Wald gelaufen, wo die Herren das Grab wieder zuschütten ließen, nur ein paar ganz neugierige Buben waren mitgerannt, den andern war es eben zu langweilig. Morgen wollten die drei Herren abreisen, und der Wirt sagte wichtig zu den Kindern: „Seht euch nur alles noch einmal gründlich an, die Sachen kommen nachher in ein Mu – se – um, ja, so hat der Herr Geheimrat gesagt!“
„Was ist denn das für ein Ding, Oheim?“ fragte Heine Peterle.
„Hm ja,“ Kaspar legte den Finger an die Nase, „das ist, nun das ist eben eine große Truhe.“
„Aber so schmutzig, wie alles ist,“ rief Waldbauers Mariandel, die ein kleines, sauberes Mädel war und himmelgern putzte und wischte. „Wir wollen es blank putzen,“ schrieen Annchen Amsee und Schulzens Röse begeistert, „gelt ja, wir dürfen?“ fragten sie den Wirt. „Der Herr Geheimrat wird sich sicher arg freuen.“
„Na ja, hm, ich weiß nicht recht, gut wär's freilich schon, wenn der Schmutz runter käme,“ sagte Kaspar nachdenklich.
Die Mädel bettelten und baten, die Buben halfen ihnen, und endlich erlaubte es der Wirt; er dachte auch, die Gäste würden sich schon freuen.
Flink holten nun Annchen Amsee und Mariandel Sand, Seife, Scheuerbürsten und Lappen herbei, die Buben standen mit den Händen in den Hosentaschen da und sahen zu, und Heine Peterle befahl, als sei er mindestens ein General: „Zuerst den Säbel!“ Damit meinte er das Schwert, aber das wollten die Mädel nicht anfassen, davor graulten sie sich. „Vielleicht ist mal jemand damit totgestochen worden, brr, nä,“ rief Annchen Amsee und schüttelte sich, als sei sie ein Apfelbaum, von dem alle Äpfel herunterfallen sollten. Mariandel ergriff einen Armring und sagte: „Wir wollen erst mal sehen, ob es geht. Pfui, ist das Ding schmierig!“ Das kleine, handfeste Mädel rieb tapfer mit Seife, Sand und der Scheuerbürste an dem uralten Reif. „Na, das geht aber schwer,“ stöhnte sie, rieb und rieb und siehe da, der Schmutz ging wirklich etwas ab.
„Macht nur nichts entzwei,“ warnte der Wirt die Eifrigen.
„Bewahre,“ riefen die Buben, als wären sie es, die putzten, „wir passen schon auf!“
„Na, euch brauchen wir gar nicht,“ erwiderte Annchen Amsee schnippisch, „ihr steht uns ja nur im Wege.“
Schulzens Jakob wollte gerade seine Entrüstung über diese Frechheit aussprechen, als sich die Türe öffnete und der Herr Geheimrat eintrat. „Zum Donnerwetter, was macht ihr denn da?“ schrie er so laut und so wütend, daß Mariandel vor Schreck gleich mit ihrer Scheuerbürste hintenüber purzelte.
„Wir putzen,“ stammelten Annchen Amsee und Krämers Trude, „wir...“ Weiter kamen sie nicht, der Geheimrat riß ihnen die Reifen aus den Händen, und dabei schalt und wetterte er so, daß es den Buben und Mädeln himmelangst wurde und der Wirt mit puterrotem Gesicht erschrocken zur Türe hereinsah. „Was gibt's denn, was gibt's denn?“ rief er.
„Die dummen Dinger hier,“ schrie ihn der gelehrte Herr an, „putzen an den Sachen herum. Nennen Sie das aufpassen, Herr Wirt?“
„Hm ja,“ murmelte Kaspar ganz verdattert, „schmutzig genug ist doch das Zeug, und die Mädel wollten dem Herrn Geheimrat doch eine Freude machen!“
„Eine Freude!“ Der Geheimrat schaute drein, als wüßte er nicht, ob er lachen oder vielleicht jemand eine Ohrfeige geben sollte, und die Mädel brachen vor Angst in ein so furchtbares Jammergeschrei aus, daß der Geheimrat sie entsetzt anstarrte. Sein Zorn legte sich ein wenig, da er sah, daß der angerichtete Schaden noch nicht groß war, und er sagte etwas freundlicher: „Aber Kinder, weint doch nicht so!“
Wenn die Oberheudorfer Mädel aber einmal heulten, dann besorgten sie das gleich gründlich. Mit drei Tränlein vielleicht war bei ihnen die Sache nicht abgetan, Taschentuch und Schürze mußten zum Ausringen naß sein, und an Geschrei durfte es auch nicht fehlen. Zum Überfluß stand noch Mine an der Türe und heulte mit, Kastor, der Haushund, bellte dazu, die Buben schnitten grimmige Gesichter, und draußen auf der Dorfstraße schnatterten die Gänse, bellten die Hunde, und Schuster Pechdraht schaute zu dem offenen Fenster hinein und fragte: „Was haben denn die Mädel, was fehlt ihnen denn?“
Der Geheimrat sah sich ratlos um: der Lärm war ja gräßlich, die Ohren hätte man sich zuhalten mögen bei diesem Geschrei. Ihm riß schließlich die Geduld, und er schrie empört: „Hinaus, macht, daß ihr alle hinauskommt!“
„Er haut!“ schrie Anton Friedlich erschrocken, und hops! war er an der Tür. Er rannte Mine und Kastor beinahe um, und wie die wilde Jagd folgten ihm die andern. Ein Scheuereimer wurde umgeworfen, ein Stück Seife flog in eine Ecke, eine Scheuerbürste fiel dem Geheimrat vor die Füße, und der alte Herr fing da plötzlich an zu lachen, laut und herzlich. „Er ist übergeschnappt,“ jammerte Mine und flüchtete in die Küche. Dem Geheimrat aber kam die Geschichte nun doch sehr komisch vor, er lachte noch, als seine beiden Gefährten zurückkamen. Er zeigte ihnen die Putzversuche und sagte: „So etwas ist mir auch noch nicht vorgekommen, nein, so dumme Mädel!“
Im Dorf sagten ihm später dies Wort nur etliche Leute nach, die meisten fanden, die Mädel wären doch aber sehr brav gewesen, und dem schmutzigen, alten Kram wäre das Putzen schon recht gewesen; viel dümmer sei es, ihn schmutzig zu lassen!
„Nä, schmutzig müssen die in der Stadt aber sein,“ sagte Heine Peterle verächtlich und wischte sich mit seinem Jackenärmel seine kleine Stupsnase ab. „Pfui, nicht mal putzen lassen die die alten Sachen!“
„Pfui!“ riefen auch die Mädel verächtlich, die noch immer tief beleidigt waren.
Die drei gelehrten Herren aber packten ihre ausgegrabenen Sachen geschwind sorgsam ein; sie hatten Angst, es könnte sie noch jemand mit Sand und Seife abscheuern wollen. Am nächsten Morgen, der sonntäglich hell und schön war, ging der Geheimrat noch einmal nach dem Hünengrab hinaus, das wieder sorgfältig zugeschüttet worden war. Als er hinaus kam, fand er Friede draußen. Der Bube saß auf den Steinen, er hatte den Stachelbeerstrauch, den man achtlos beiseite geworfen hatte, neben sich liegen und weinte bitterlich.
„Warum weinst du denn?“ fragte der alte Herr den Knaben mitleidig.
Der hob seine blauen Augen zu dem gelehrten Herrn empor und sagte leise, zaghaft: „Der Busch hier ist ausgerissen worden und alles zerstört. Und – es war doch so schön!“ Dann sprang er rasch auf, nahm den Stachelbeerbusch und lief davon.
Kopfschüttelnd sah der Geheimrat ihm nach: „Eine wunderliche Gesellschaft, diese Oberheudorfer Kinder, höchst merkwürdig! Ein Bube, der weint, weil man ein paar Büsche ausgerissen hat, ist wirklich sehr merkwürdig; ich glaube beinahe, in dem steckt ein Dichter. Na, ich werde den Kindern eine große Zuckertüte schenken!“ Das tat der Geheimrat auch, und seitdem finden ihn alle Oberheudorfer Buben und Mädel sehr nett. Annchen Amsee aber sagte: „Er hat sich halt doch über unsere Putzerei gefreut.“
In Muhme Lenelies' winzigem Garten fand der Stachelbeerbusch von dem Hünengrab noch ein Plätzchen, und Friede pflegte ihn, als sei er der kostbarste Strauch der Welt.
Nachtwächter sein ist manchmal schwer.
In Oberheudorf sagten die Leute wohl manchmal von einem, der recht, recht gut schläft: Er schläft so fest wie Hans Rumps. Darüber war dann allemal Hans Rumps, der Nachtwächter, sehr ärgerlich; er wollte das nicht gern hören, weil doch eigentlich ein Nachtwächter wachen und nicht schlafen soll. Aber freilich, viel zu wachen gab es in Oberheudorf nicht, es passierte selten ein Unheil. Wenn es wirklich einmal brannte, dann war das Feuer meist so freundlich, am Tage auszubrechen, oder andere Leute merkten es und schrieen gleich so gewaltig, daß selbst Hans Rumps aufwachte und dann immer noch Zeit hatte, in sein Horn zu blasen. Spitzbuben und anderes lichtscheues Gesindel ließ sich kaum in Oberheudorf sehen. Hans Rumps meinte, weil sie alle Angst vor ihm hätten, die Dorfbewohner aber dachten, wohl weil ihr Dorf abseits von der großen Landstraße liegt und selbst Spitzbuben manchmal zu faul sind, erst Umwege zu machen. Mitunter hatten der Schulze und andere Bauern schon gesagt, eigentlich brauchten sie gar keinen Nachtwächter mehr, einen Nachtwächter zu haben, sei überhaupt gar nicht mehr Mode.
Potztausend, dann schimpfte aber Hans Rumps, wenn er so etwas hörte. Er meinte, ein Nachtwächter sei etwas ungeheuer Notwendiges und Wichtiges; wenn die Leute in den Städten so dumm wären und statt Nachtwächter Polizisten hätten, na gut, das mochten sie, aber ein Nachtwächter sei eben doch am besten, und Oberheudorf ohne Nachtwächter sei gar nicht auszudenken. Im Ernst dachte schließlich auch niemand daran, Hans Rumps seinen Posten zu nehmen. Von seiner Wichtigkeit waren freilich nur wenige überzeugt, aber das schadete nichts, er selbst war es desto mehr.
Weil nun Hans Rumps schließlich doch nicht Tag und Nacht schlafen konnte, spazierte er in der Zeit, in der er wachte, gern auf der Dorfstraße herum und tat, als hätte er tausend notwendige Dinge zu tun. Passierte irgend etwas im Dorf, und der Nachtwächter erfuhr es, dann konnte man sicher sein, daß es eine halbe Stunde später alle andern Leute auch wußten.
Mit den Kindern war Hans Rumps meist gut freund, die erzählten ihm gern alle ihre Schulgeschichten, und wenn der Nachtwächter langsam und feierlich durch das Dorf ging, dann hopsten meist ein paar Buben und Mädel neben ihm herum und schwätzten mit ihm.
Muhme Lenelies sagte manchmal: „Es hat halt jeder Mensch mitunter seinen Linksaufstehtag, an dem er nicht weiß, ob er mit der Sonne Streit anfangen oder dem Wind das Blasen verbieten soll.“ So einen Linksaufstehtag hatte nun Hans Rumps auch mitunter, und dann war mit ihm nicht gut Kirschen essen, dann brummte und schalt er über alles, dann schrie er die Gänse an, sie sollten das Schnattern lassen, die Hühner sollten mehr Eier legen, und die Kinder hätte er dann am liebsten den ganzen Tag in der Schule nachsitzen lassen.
An einem solchen Tage nun fand der Nachtwächter einmal mitten auf der Dorfstraße ein paar Holzpantoffel. Heine Peterle hatte sie stehen lassen, weil es ihm einfiel, daß das Barfußlaufen an einem heißen Tage behaglicher sei. Die Pantoffel erst nach Hause zu tragen, das war ihm zu anstrengend gewesen, er hatte sie einfach auf der Straße stehen lassen und gedacht: Wenn ich zurückkomme, nehme ich sie mit. Schulzens Jakob, Anton Friedlich und noch einige andere Buben hatten ihn nämlich zum Indianerspielen aufgefordert, und dazu war es ihm gerade nicht zu heiß.
Hans Rumps sah auch die Holzpantoffel an, schüttelte mit dem Kopf, zog die Stirn in Falten, bückte sich endlich, hob die Pantoffel auf und trug sie finster bis an den Dorfteich und – warf sie hinein. „Es muß Ordnung auf der Dorfstraße sein,“ murrte er, „mit dem Kindervolk ist's auch nicht mehr auszukommen.“
Annchen Amsee und Bäckermeisters Mariele, die am andern Ufer sehr eifrig mit ihren kleinen Geschwistern Puppenwäsche abhielten, sahen die Untat; sie schrieen laut auf vor Empörung, und Annchen Amsee wäre beinahe vor Schreck in das Wasser gefallen. Hans Rumps ärgerte sich über das Geschrei, hob drohend die Hand empor und sagte scheltend: „Ich werde euch in das Spritzenhaus sperren, wenn ihr so schreit!“
Das war doch arg! Die Mädel sahen sich ganz entsetzt an ob dieser Grobheit, dann nahmen sie eins, zwei, drei Wäsche, Puppen und kleine Geschwister und zogen heim. Unterwegs trafen sie die Buben, die gerade in voller Indianeraufregung ankamen. Ihnen erzählten die Mädel empört, was geschehen war, und nicht lange nachher standen sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel um den Teich herum, auf dem Heine Peterles Pantoffel schwammen, und lärmten, als zöge der Feind mit hundert Kanonen auf Oberheudorf los.
Hans Rumps aber war in seiner schlechten Laune erst zum Schulzen und dann zum Herrn Lehrer gegangen und hatte die Kinder verklagt; sie wären ausbündig ungezogen. Der Schulze war gerade arbeitsmüde vom Felde heimgekommen und hatte ein großes Amtsschreiben vorgefunden, das er beantworten sollte. Nun kam auch noch der Nachtwächter mit seiner Klage. Das war ihm zu toll. Er lief hinaus und hielt den Buben und Mädeln eine solche Strafrede, daß es denen zumute war, als prasselten Hagelkörner auf ihre Köpfe hernieder. Sie waren anfangs so verdutzt, daß sie überhaupt nichts sagen konnten, als aber der Herr Lehrer auch noch dazukam, gefolgt von Hans Rumps, und auch noch schelten wollte, da erhoben Mädel und Buben ein furchtbares Jammergeheul. Sie schrieen und klagten: „Wir haben ja nichts getan!“
Heine Peterles Holzpantoffel, die eigentlich das ganze Unheil angerichtet hatten, schwammen inzwischen ganz vergnügt auf dem Teich herum. Ein leichter Wind hatte sich erhoben und bewegte ein wenig das Wasser. Schnipfelbauers Fritz, dem das Schelten und Klagen etwas langweilig geworden war, hatte eine Bohnenstange am Teichrand gefunden. Damit bemühte er sich in allem Wirrwarr, die Pantoffel an das Land zu ziehen, und gerade als Hans Rumps seine Anklage vorbringen wollte, platschte es, das Wasser spritzte hoch auf, und – zwei Bubenbeine ragten einige Sekunden zappelnd in die Luft.
Entsetzt sprangen der Schulze und der Lehrer herbei, und so schnell als er hineingefallen war, so schnell kam Schnipfelbauers Fritz auch wieder aus dem Wasser heraus. Er schluckte, pustete, spuckte und schrie, der Schulze aber fuhr ihn an: „Mach, daß du nach Hause kommst, dummer Bengel du! Und ihr andern schert euch auch fort, sonst fallen noch ein paar von euch ins Wasser. Nun marsch, kehrt, drückt euch!“
Damit endete die Geschichte. Hinterher fand der Schulze, daß eigentlich nur Heine Peterle einen Rüffel verdient hätte, denn Holzpantoffel dürfen eben nicht auf der Dorfstraße stehen. „So ein Gezeter um ein Paar Holzpantoffel,“ brummte er Hans Rumps an, „was soll denn das heißen? Haben die Dinger vielleicht gebissen?“
Der Nachtwächter zog beschämt von dannen, ging heim und legte sich schlafen, um sich für den Nachtdienst zu stärken.
Die Kinder aber waren empört, sie waren alle miteinander bitterböse auf Hans Rumps. Am ärgerlichsten war Heine Peterle. Der Bube bekam daheim noch einmal Schelte, und das wäre alles nicht gewesen, wenn der Nachtwächter die Pantoffel nicht in den Teich geworfen hätte. „Hans Rumps nimm dich in acht!“ murmelten die Buben in den nächsten Tagen, und die Mädel flüsterten und tuschelten einander zu: „Sie spielen ihm einen Streich.“
Dem Nachtwächter selbst war es gar nicht behaglich zumute. Als sein Linksaufstehtag zu Ende war, sah er ein, daß er den Kindern doch eigentlich unrecht getan hatte; er ärgerte sich darüber und war darum noch dreimal schlechterer Laune als vorher. Er schnitt ein Gesicht, als sollten alle Nachtwächter der Welt auf eine wüste, einsame Insel verbannt werden, und jeder, der in diesen Tagen Hans Rumps traf, erschrak vor dessen bitterböser Miene.
Etliche Tage vergingen, und der Freitag kam heran. An diesem Tage butterten alle Oberheudorfer Bauernfrauen, zählten ihre Eier zusammen, pflückten Obst und Gemüse ab, denn am Sonnabend fuhren immer etliche in aller Morgenfrühe in die nächste Stadt, um dort auf dem Markt ihre Sachen zu verkaufen. Meist fuhren drei bis vier Frauen, und die andern gaben ihnen ihre Waren mit. Die Bäuerinnen wechselten meist mit dem Fahren ab, sie sparten auf diese Art viel Zeit.
Hans Rumps konnte den Sonnabend gar nicht leiden, der begann immer viel früher als andere Tage, und meist wurde er gerade im schönsten Morgenschlummer gestört, was er nicht gut vertragen konnte. Er wollte aber auch dabei sein, wenn die Bäuerinnen abfuhren, er hielt das für seine Pflicht. Die Bäuerinnen sagten zwar, es sei Neugier, und neugierig war nun Hans Rumps wirklich sehr. Der Freitagabend war sehr schön und warm, ja man konnte schon sagen heiß. Hans Rumps, der sich sonst gern in eine Scheune legte, wenn er die zehnte Stunde abgeblasen hatte, legte sich an diesem Abend auf die Bank unter der Linde, die gerade vor dem Wirtshaus „Zur himmelblauen Ente“ stand. Hier pflegten sich am Morgen alle Bauernfrauen zu versammeln, hierher kamen sie mit ihren Wagen, und die andern, die daheim blieben, brachten ihre Waren. Der Nachtwächter war also gleich dabei, und verschlafen konnte er es nicht; die Frauen sprachen meist lebhaft miteinander, da wurde er schon munter.
Es war ein heller Sommerabend. Der Mond stand rund und voll am Himmel und guckte recht behaglich auf Oberheudorf hinab. Das war so ein kleines Nest, an dem der Mond immer seine besondere Freude hatte; er schaute darum auch stets ordentlich liebevoll in alle Ecken und Winkel hinein. Jedes Haus, jeder kleine Schuppen, jeder Baum, ja selbst jeder Strauch im Gartenwinkel bekam ein Scheinchen Himmelsglanz. Und in manches Mädchenstübchen und Bubenkämmerlein lugte der Mond hinein, sah sich die Schlafenden an und dachte wohl: „Wenn sie so friedlich schlafen, sieht man es ihnen gar nicht an, was für wilde, unnütze Buben und Mädel es eigentlich sind.“ An diesem Sommerabend nun machte der Mond so ein verwundertes Gesicht, daß ein berühmter Professor, der das liebe Himmelslicht gerade durch ein Fernrohr betrachtete, erstaunt ausrief: „Alle Wetter, ja, was fällt denn dem Mond ein? Bei dem scheint etwas nicht in Ordnung zu sein.“
An des Mondes verändertem Aussehen war aber niemand weiter schuld als Heine Peterle, Schulzens Jakob, der dicke und der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz. Die fünf Buben kamen barfuß und nur mit Hemd und Höschen bekleidet sacht aus den Häusern heraus. Vor Anton Friedlichs Vaterhaus blieben sie ein Weilchen stehen und warteten, aber drinnen rührte und regte sich nichts, nur der Hofhund begann zu bellen, und da wurde es den Buben unheimlich, und sie zogen ab. Drinnen im Hause aber saß Anton auf der obersten Treppenstufe und traute sich nicht hinabzugehen, weil die Treppe so knarrte, daß er meinte, alle im Hause müßten davon aufwachen. Ach, und er wäre so gern dabeigewesen bei dem dummen Streich, den seine Kameraden jetzt leise im Mondschein unter heimlichem Wispern und Kichern ausführten.
Die Geschichte kam allen fünf Buben unendlich komisch vor. Heine Peterle steckte einmal beide Hände in den Mund, um nicht herauszuplatzen, und der dicke Friede führte die wunderlichsten Sprünge aus vor Vergnügen, Schnipfelbauers Fritz gar legte sich platt auf die Erde, versteckte sein Gesicht im Gras und strampelte mit den Beinen, so mußte er lachen. Hans Rumps aber schlief tief und fest, schlief einen rechten, guten Nachtwächterschlaf und merkte gar nichts von allem dem, was um ihn herum vorging. Er träumte sogar allerlei höchst angenehme Dinge, von einem riesengroßen Kalbsbraten und einer Leberwurst, und im Traume hörte er jemand sagen: „Hans Rumps soll nächstens Nachtwächter in Berlin werden, der Kaiser hat es gewünscht!“ Aber dann wollte ihm jemand die Leberwurst wegnehmen, und irgend etwas kitzelte ihn an der Nase, heizih! nieste er und schlief dann weiter.
„Er hat nichts gemerkt,“ wisperte und tuschelte das neben ihm, und dann krachte es oben in den Zweigen der Linde, huschte hierhin und dahin, und der Mond wurde immer runder vor Erstaunen. Was war nur heute in Oberheudorf los?
Sehr früh am Morgen, die Sonne träumte noch hinter lichtroten Wolkenschleiern, wurde es auf dem Dorfplatz lebendig. Die Bäuerinnen kamen, um die Wagen zur Marktfahrt zu rüsten. Die Schulzin war zuerst zur Stelle, gleich nach ihr kam die Schnipfelbäuerin, die ein braunes Pferdchen am Zügel führte. „Schnipfelbäuerin, kommt nur und seht,“ rief die Schulzenfrau, und der Waldbäuerin, die hinterdrein kam, rief sie es auch zu. Und nun kamen die andern Frauen auch, eine nach der andern, und alle stellten sich um die Bank herum, auf der Hans Rumps noch immer im tiefen Schlaf lag, und lachten, lachten so laut und herzhaft, daß der Nachtwächter erschrocken aufsprang. „Es brennt,“ rief er, „es brennt!“ Er griff nach seinem Horn und wollte blasen. „Potztausend,“ schrie er verdutzt, „was ist denn das?“ Statt des Hornes hielt er einen alten hölzernen Hampelmann im Arm.