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Neues Altes

Chapter 115: NOTIZ
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About This Book

A series of brief, fragmentary pieces—essays, letters, aphorisms and vignettes—presents intimate impressions of urban life, artistic circles and personal relationships. The narrator alternates between melancholic observation and wry epigram, reflecting on friendship, creativity, illness, memory and the small incidents of cafés, theatres, bathing places and country retreats. Portrait sketches and short episodes mingle with poetic asides, postcards and aphoristic formulations to form a collage of moods that privileges momentary sensation over sustained narrative. Recurring concerns include aesthetic perception, social manners, solitude and the consolations and limits of recollection.

NOTIZ

Die Polizei hat die Vorführung einer Reihe von Filmen in den Kinematographentheatern, diesen modernsten, theoretisch wenigstens einzig möglichen Bildungsstätten für das Volk, verboten, weil sie Tiermißhandlungen (Ausreißen der Straußenfedern auf Farmen, Stopfen, Mästen der Gänse in Pistyan usw. usw.) selbstverständlich in derselben schamlos krassen Art zur Darstellung gebracht haben, in der sie aber tatsächlich ausgeübt werden. Die Entrüstungsrufe des Publikums sollen zu dieser polizeilichen Verordnung den Anstoß gegeben haben. Die Menschen sollen es also nicht erfahren, welche Schändlichkeiten aus Erwerbszwecken begangen werden. Das erinnert allzu sehr an die alte Anekdote, in der ein Millionär seinen Kammerdienern befahl: »Werft’s mir diesen alten unglücklichen Hausierer hinaus, er zerbrecht mir das Herz!«

Nur ein unerbittlicher Einblick in das Unglück, das so viele Wesen schuldlos trifft, kann die stumpfen, trägen Herzen der Menschen aufrütteln, zu Verbesserungen und wahrhaftiger Menschlichkeit! Ich füge ein Erlebnis hinzu, das zwar nicht daher paßt, aber immerhin einen Einblick gewährt in die in Vertiertheiten schlummernde Seele der heutigen Menschen. Einer meiner Bekannten, ein fanatisches Mitglied des Tierschutzvereines, stellte einmal einen brutalen Kutscher zur Rede, und als dies nur nachteilige Folgen für die armen Pferde hatte, machte er die Anzeige gegen den Kutscher. Vor der Verhandlung sagte der edle Rechtsanwalt Dr. Kr. meines Bekannten zu ihm: »Sagen Sie nicht allzu schroff ungünstig gegen den Kutscher aus, und verlangen Sie besonders nicht seine Bestrafung, weil er drohend gegen Sie den Peitschenstiel erhob. Es geht nur an den armen Pferden aus! ›Wart’s, Ludern, dös sollt’s mir büßen‹ — — —!«

In Deutschland ist das künstliche Stopfen, Mästen von Geflügel strengstens bei hoher Strafe verboten. »Friß, so lang’ du fressen kannst und magst!« ist ein humaneres Prinzip als: »Friß, ob du magst oder nicht — — —!«

Ein bisserl Anständigkeit, meine Herrschaften, man verlangt ja eh nicht viel! Die Gansleber wird auch schmackhaft nach sechs Monaten, laßt’s doch dem armen Vieh Zeit, seine Leber dem niederträchtigen, wollüstig-feigen Gaumen der Menschen zuliebe maßlos zu vergrößern! Man muß ja nicht mit den verbrecherischen Fingern und Federkielen nachhelfen; Tiere wie Menschen fressen sich ja eh zu Tode, wenn man sie nur laßt!