WeRead Powered by ReaderPub
Neues Altes cover

Neues Altes

Chapter 60: BEKANNTSCHAFT
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A series of brief, fragmentary pieces—essays, letters, aphorisms and vignettes—presents intimate impressions of urban life, artistic circles and personal relationships. The narrator alternates between melancholic observation and wry epigram, reflecting on friendship, creativity, illness, memory and the small incidents of cafés, theatres, bathing places and country retreats. Portrait sketches and short episodes mingle with poetic asides, postcards and aphoristic formulations to form a collage of moods that privileges momentary sensation over sustained narrative. Recurring concerns include aesthetic perception, social manners, solitude and the consolations and limits of recollection.

BEKANNTSCHAFT

Er sah sie zum erstenmal. Sie sah aus wie eine riesig hohe, schlanke, aschblonde russische Studentin, nur sehr müde von ungekämpften Kämpfen. Ein Königgrätz ohne Schlachtendonner. Tief verwundet ohne Bleigeschoß. Das Sein an und für sich besiegte sie. Das bloße Sein des Tages und der Stunde. Was sich jeweilig ergab, ereignete, verletzte, kränkte sie. Sahst du Fische aus dem Gebirgswasser in Wasserbottichen?! In ihrem starren Gesichtsausdruck, wie eh und je, sucht man ihr Leiden zu erspähen, und findet nichts und findet dennoch alles! Er sagte: »Gehen Sie nicht in wohlgepflegte Gärten, gehen Sie in offene Felder, wo niemand etwas Besonderes findet; fern dem Getriebe. Gehen Sie spazieren, wo niemand spazieren geht, so zwischen brauner Erd’ und blauem Himmel!«

Und sie sagte: »Man verwehrt es mir!«

»Kaufen Sie sich einen getreuen schwarzen Pudel, dem Sie manches Opfer bringen können an Zeit und Güte — — —.«

»Man verwehrt es mir — — —.«

Er schwieg.

Und sie: »Weshalb raten Sie mir nicht, ich solle mich an einen Menschen klammern, anklammern?!«

»An einen Menschen! Ja. Aber ich kenne keinen! Die Tiefe der Natur, die Treue des Pudels, die kenne ich! Aber einen Menschen für Sie, den kenn’ ich nicht — — —.«

Und später sagte sie: »Sie haben sich geirrt! Denn ich fand einen, der mich einsam meine Wege wandern ließ, zwischen brauner Erd’ und blauem Himmel, und der mir einen schwarzen Pudel kaufte und getreulich stets beiseite stand — — —.«

Er blickte sie tief freundschaftlich an — — —.

Da sagte sie: »Vielleicht verdanke ich es Ihnen, daß ich mir einen suchte, der so war — — —!?«

Dann neigte sie sich tief zu seiner Hand und küßte sie — — —.

Und dann kam der edle Jüngling, den sie erwählt hatte, und küßte sie auf ihre melancholische Stirn —.

Und er sagte zu dem Dichter:

»Ich folgte nur Ihrem Rate, Ihrer Weisung, danke — — —. Es hat mir eine Seele gewonnen!«

Da wandte sich der Dichter entrüstet und tief verzweifelt ab.

Denn von Gott müssen solche Erkenntnisse direkt in unsere Herzen kommen, da die Wirkung sonst nicht von Dauer ist und unheilig — — —!