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Chapter 70: EIN BRIEF
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About This Book

A series of brief, fragmentary pieces—essays, letters, aphorisms and vignettes—presents intimate impressions of urban life, artistic circles and personal relationships. The narrator alternates between melancholic observation and wry epigram, reflecting on friendship, creativity, illness, memory and the small incidents of cafés, theatres, bathing places and country retreats. Portrait sketches and short episodes mingle with poetic asides, postcards and aphoristic formulations to form a collage of moods that privileges momentary sensation over sustained narrative. Recurring concerns include aesthetic perception, social manners, solitude and the consolations and limits of recollection.

EIN BRIEF

    Lieber Stefan Großmann,

in meinen entsetzlichen Qualen habe ich heute soeben Ihren herrlichen Essay über und für Frau Tolstoi gelesen. Es ist großartig. Nur eines: Das männliche Genie geht eben in seinen langsamen Weltentwicklungen zuerst vom gewöhnlichen allgemeinen irdischen Leben aus, völlert, bekehrt sich sodann, gründet Familiensegen, sucht Frieden wie ein jeder gewöhnliche Sterbliche. Dann, im Alter aber erschaut es die idealeren Welten, ist jedoch von seinen vorherigen Entwicklungsstufen gebunden, ja geknebelt, kann und darf sie nicht los werden, und lebt doch bereits zugleich in Welten, die das bisherige althergebrachte irdische Sein überflügelt haben. — — — Wie wenn einem Heranwachsenden noch immer die getreueste Mutterbrust ihre Milch anböte, während er längst über diese Periode seiner irdischen schwächlichen Kleinlichkeit hinausgewachsen ist!?! Der Träumer, der Denker, der Prophet, der Vorherseher, der Menschen-Erhöher schwingt sich von selbst, ohne es zu wissen, in Regionen einer anderen künftigen Konstellation, während er historisch-atavistisch noch mit den ehernen Klammern alltäglicher und gewohnter Notdurften am bisherigen gebräuchlichen Dasein festverankert ist! Das ist seine Tragik! Daher seine organische Undankbarkeit gegen jene, die einem Stoffe in ihm dienen, den zu überwinden und immaterieller zu machen, er die ersten genialen Versuche unternimmt. — — — Man degradiert ihn also in allerbester Intention, zu einer bereits geistig überwundenen Entwicklungsstufe seiner selbst. Preisen wir seine adeligen Betreuerinnen, aber vergessen wir dabei zugleich nie, daß es in genialen Prophetengehirnen Entwicklungsembryos gibt, denen Frauen und Freunde ratlos, ja unbewußt feindselig, sich entgegenstemmen! Die Henne brütet ein Entlein aus, betreut es, sucht es vor allem vor der Gefahr »Bächlein« zu bewahren. Aber das Entlein strebt nach dem fließenden klaren Wasser, und die mütterliche Henne blickt in Todesangst den Schwimmkünsten des Entleins in seinem ihm organischen Elemente nach! Henne, bescheide dich, Entlein, schwimme, tauche! Genie, du bist zwar undankbar, aber es ist eine organische, von Gott gesegnete Undankbarkeit, die den kommenden Menschen zugute kommen muß. Die Frauen betreuen die Genies, aber die Genies betreuen die Menschheit! Beide gehen zugrunde in ihrem merkwürdigen unentrinnbaren Lebenswerke, das in der Weltentwicklung vorgesehen, vorbedacht und wohlerwogen wurde vom göttlichen, meist noch gänzlich unfaßbaren Willen!

Frau Tolstoi, du bist nicht minderwertig; Herr Tolstoi, du bist nicht mehrwertig; in allen lebt und webt die göttliche Seele, unerforschlich, und dennoch geahnt und gespürt von einigen wenigen — — —.

Ihr Peter Altenberg.