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Chapter 95: GOTTESGNADENTUM
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About This Book

A series of brief, fragmentary pieces—essays, letters, aphorisms and vignettes—presents intimate impressions of urban life, artistic circles and personal relationships. The narrator alternates between melancholic observation and wry epigram, reflecting on friendship, creativity, illness, memory and the small incidents of cafés, theatres, bathing places and country retreats. Portrait sketches and short episodes mingle with poetic asides, postcards and aphoristic formulations to form a collage of moods that privileges momentary sensation over sustained narrative. Recurring concerns include aesthetic perception, social manners, solitude and the consolations and limits of recollection.

GOTTESGNADENTUM

Gott, der in der Natur geheimnisvoll thront, um Ideale abzuwarten, die sich endlich realisieren sollen, will für alle, alle, alle, leidenschaftlichst ihre Entwicklung zu ihrer Vollkommenheit, zur Glückseligkeit, zu ihrem eigenen inneren und äußeren Frieden! Er überträgt daher vorerst den Herrschern diese zarte und schwierige Mission, solange das Volk noch unmündig ist. Aber später fühlt es leider der Herrscher nicht, daß seine Milliarde von Schützlingen aus eigener Kraft Gottes Wege zu wandeln bereits erstarkt sind! Wie wenn ein Achtzigjähriger noch immer von seinem fünfzigjährigen Sprößling sagte: »Karlchen hat sich verkühlt — er muß einige Tage das Bettchen hüten — — —«. So behandeln die Monarchen ihr geliebtes Volk, haben keine Ahnung, daß es längst mündig geworden ist, sie selbst aber unterdessen greisenhaft.

Gottes Gnade kann einem einzelnen verliehen sein, der für alle zugleich sorgt; sie kann aber später allen verliehen sein, die einzeln für sich selbst sorgen! Vom einzelnen und von der Gesamtheit jedoch kann Gottes Gnadentum in gleicher Weise mißbraucht werden! Es kann einer für alle das Glück verschaffen oder verhindern; es können alle es für sich selbst ebenso!

Gottes Gnade strömt aus Gottes Geist, aus Gottes Herzen; und ein kleiner zarter Knabe kann sie ausüben, wenn er tausend Erwachsene vor einer Gefahr bewahrt, die sie selbst nicht ahnen in ihrer rastlosen Geschäftigkeit. Wenn der Herrscher die wirkliche Gnade Gottes repräsentiert in bezug auf ein ganzes Volk, so hat er das Recht, von seinem Gottesgnadentum zu sprechen!

In diesem Falle aber wird selbstverständlich das ganze Volk diese Repräsentation auch unbedingt bis in die innersten Nerven hinein spüren, und daher aufjubeln und Dankgebete für ihn verrichten! Wenn das aber nicht geschieht, sondern Murren und bange Verzweiflung in den Landen losbrechen, dann ist es an der Zeit, für die Weisen der Nation, Einkehr zu halten, Ausschau, und dem Bedenken ihre geistigen Tore weit zu öffnen!

Es gibt kein Zurück, nach Gottes Ratschluß! Es gibt nur ein Vorwärts, Vorwärts, Vorwärts, in jeglicher Sphäre menschlicher Betätigungen! Wer das unternimmt, ein einzelner oder alle, steht unter Gottes Gnadentum!