Dritter Aufzug
Moor. Nacht. Mond. Birkengebüsch.
Die Moorvettel, Kräuter suchend und Sprüche murmelnd.
Die Moorvettel
bereitet sich Großes im Leben vor.
Keine Ruh ist den Toten geschenkt,
solang noch ein Lebender an sie denkt.
Und brennt gar im Orte die Leidenschaft,
die sie um ihr zeitliches Dasein gebracht,
singen sie oft die ganze Nacht,
locken die Menschen in kühler Kraft
bis an die Ruhstätte, die sie trennt
vom hellen Tag, den die Sonne verbrennt.
Heute, als spät der Nachtkauz schlug,
sang schon die Irme vom Fahrenkrug,
lange und leise, in Nebel gehüllt,
im Moorweiher stand ihr Schattenbild,
der rasch ihr brennendes Herz gestillt.
Konnt’ einst nicht leben vor Lieb und Haß.
Was bedeutet das? Was bedeutet das?
Ein Moormännchen tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.
Das Moormännchen
Auf gute Bahn mein Lichtlein winkt.
Die Moorvettel
wirft ihren Stock nach ihm
dir deinen eigenen Schädel verbrennt!
Such dir Narren, die du erschreckst,
wo man dein närrisches Plappern nicht kennt.
Das Moormännchen
Mein Lichtlein tanzt ins Schilf hinein.
Die Moorvettel
Herbei! Bring mir den Stock zurück,
und merk dir die erteilte Regel,
sonst gilt es morgen dein Genick.
Das Moormännchen
Nimm deinen Knüppel, aber halt ihn fest.
Ich weiß, daß jeder dich in Ruhe läßt,
und jeder weiß, warum er so verfährt.
Die Moorvettel
spring nieder zum Weiher, zur Irme hin.
Frag sie: »Was singst du, was schläfst du nicht?
Welches Menschenkind liegt dir im Sinn?
Was soll geschehn, was will sich erfüllen,
wer sucht den Tod um Liebe willen?«
So fragst du. Leucht ihr ins Gesicht,
sei artig und vergiß die Antwort nicht.
Von Toten hört man zuweilen wohl,
was den Menschen geschehen soll.
Das Moormännchen
mag nicht ihr weißes Gesicht ansehn.
Nichts oben und unten auf der Welt
ist so von Trauer und Schmerz entstellt.
Die Moorvettel
hebt den Stock
Tote sind gut und ohne Betrug.
Erst lockst du sie selbst ins Moor hinein
und willst hinterher noch unhöflich sein.
Das Moormännchen
ich lockte sie nicht ins Moor hinein.
Die folgte dem Licht nicht, das ich ihr bot,
sah nur das Wasser, schwarz und tot.
Versteckt blieb ich am Weiher stehn,
ich sah sie stürzen und untergehn.
Als früh am Morgen mein Licht verglommen,
ist sie still, still emporgekommen,
langsam, weiß und wunderschön.
Die Augen auf, im kalten Gesicht,
starrten ins blaue Morgenlicht.
In die Seerosen floß ihr gelbes Haar.
Wie schön das war. Wie schön das war.
Ich hab sie sorgsam im Schilf versteckt,
damit kein Mensch sie wieder erschreckt.
Die Moorvettel
Das Moormännchen ab.
Die Moorvettel
Sie mochte nicht leben vor Liebe und Haß.
Was bedeutet das? Was bedeutet das?
Seit die Zeit uns den neuen Pfarrer gebracht,
wird’s schlimmer im Moorland Nacht für Nacht.
So ruhlos sah ich die nächtliche
Welt der fahrenden Geister noch nie.
Der Wandel der Menschen bekümmert sie,
ihre betörte, verächtliche
Weisheit, ihr Hochmut, ihr Glück.
Ein zweites Moormännchen tritt auf, ein Licht in der Hand.
Das Moormännchen
Die richtige Straße zeig ich dir.
Die Moorvettel
Leucht lieber, daß ich meine Kräuter find’.
Das Moormännchen
kommt Einer den Heideweg herauf.
Die Moorvettel
Man kann heut keinem Menschen mehr traun.
Sie verbirgt sich hinter den Birken.
Das Moormännchen
Die richtige Straße zeig ich dir.
Die Moorvettel
den Pfarrer von Norby täuschst du nicht,
der hat sich von seinen frühsten Tagen
mit andern Verführern herumgeschlagen.
Der Pfarrer von Norby tritt auf.
Arne
hab ich gekämpft und nie geruht.
Was hat mir aller Kampf gebracht
für mein vergeudet Lebensgut?
Die Liebste hat im Zorn mein Haus verschworen.
Nun weiß ich erst, wie sehr mein Herz begehrt
nach ihrer Liebe, die mein Stolz verloren.
Ist, was ich finde, einst der Opfer wert?
Ein Moormännchen
daß dir nach Lohn die Seele krankt?
So schwer trägst du an eignen Sachen,
und willst es Andern leichter machen?
Ein zweites Moormännchen
kuriert sich bald im kranken Sinn,
stellt, was das Schicksal ihm entzogen,
als selbstgewolltes Opfer hin.
Arne
die Menschen traun dem liebevollen Dunkel
und traun der Arbeit, die sie müde macht,
derweil in mir das herrische Gefunkel
der blauen Himmelsewigkeiten wacht.
Oh glücklich ihr, in ruhigem Verzichten.
Wer kennt die Fesseln, die das Blut uns schlägt,
um die in Gottes Licht erblühten Pflichten,
die seine Herrlichkeit uns auferlegt?
Und nie und nie wird die Natur vergehn!
Nun erst begreif ich ihren klaren Sinn,
da ich im Leid von ihr gemieden scheine.
Oh, Lenkerin aus stammelndem Beginn,
bis in die helle Freiheit, wo Erkennen
und unser Herz des Vaters Namen nennen,
durch dich befreit von allem falschen Scheine,
daß Gott in dir sich unserm Wesen eine.
Du bist nur Lenkerin, bist Mittel, Weg und Hort,
doch nie die Heimat, nie das eine Wort.
Die Moorvettel tritt auf.
Die Moorvettel
Wird ein Fräulein im Moor zu erwarten sein?
Arne
Die Moorvettel
Ich bitte um einen übrigen Segen,
wenns nah vor Mitternacht noch geht.
Arne
Daß du um einen Segen flennst,
scheint mir ein wenig witziger Betrug.
Halb Weltgewissen, halb Gespenst,
schaust du bald hundert Jahre weit
und wardst darüber nicht gescheit.
Die Moorvettel
Soll sie stehn lassen, wer sie nicht mag!
Und wenn die Guten den Schlaf nicht versäumen,
so müßte der Pfarrer erst recht schon träumen.
Statt dessen spaziert er im Sumpf herum
und nimmt einen frommen Segenswunsch krumm.
Arne
laß mir die Ruh, die ich hier such’.
Die Moorvettel
Was der Tag den Menschen an Herzleid bringt,
führt oft, statt unter das Kirchentor,
ins Wasser vom Moor.
Arne
bis sie dich in ihre Gesellschaft tun.
Dann können sie dir ihr Sprüchlein sagen.
Die Moorvettel
auch sprechen sie, ohne daß man sie fragt.
Arne
Ich gesteh dir, wenn auch in anderem Sinn,
daß ich doch ganz deiner Meinung bin.
Die Moorvettel
und haben vergessen, was sie sind.
Ihr Wohl, ihr Ungemach, ihr Wesen
ist überall auch hier zu lesen.
Ich seh ihr Lächeln, Klagen, Mühn
in Licht und Nacht hier draußen blühn.
Kein Unterschied, wohin man sieht,
immer das Gleiche, was geschieht.
Hier klein und nichtig,
kein Mensch schaut sich um,
dort nennt ihr es wichtig
und wißt nicht warum.
Arne
läßt mir das Wichtigste durch die Maschen.
Die Moorvettel
tut der Herr Pfarrer seine Pflicht.
Oder auch gar mit Moral und Vernunft?
Spricht von der Menschheit und meint seine Zunft.
Stehn Euch die Dogmen kurios zu Gesicht,
aber ich Alte glaub sie Euch nicht.
Sollt mir mit Euren geborgten Waffen
nicht meine Sinne Lügen strafen.
Vier Pfarrer sah ich hier, Jahr nach Jahr.
Der Erste von ihnen mein Liebster war,
der Zweite brachte mir Schmach und Skandal,
der Dritte gab mir das Abendmahl.
Doch statt daß es mich in den Himmel gebracht,
hat es mich wieder gesund gemacht.
Dann hat er den eigenen Tod gehört,
was war ihm da Kelch und Kanzel wert?
Er schickte nach mir und meinem Kraut.
Ich hab’s ihm nach meinem Willen gebraut;
fürs zeitliche Leben hat er’s genommen
und ist ins ewige Leben gekommen.
Da hatte die heilige Seele Ruh
und machte die lüsternen Äuglein zu.
Der Vierte wart Ihr. — Was wollt Ihr hier?
Die Anderen waren nicht »ja« und nicht »nein«,
so muß wohl ein brauchbarer Pfarrer sein.
Nur im »vielleicht« gedeiht seine Pflicht,
aber Ihr taugt zum Pfarrer nicht.
Arne
und gar mit dir die Meinung auszutauschen,
als läge mir nicht bess’rer Wert im Sinn.
Die Moorvettel
daß Euer Wert von besonderem Wert?
Arne
im Finstern wird der tiefste Glaube schlecht.
Die Moorvettel
Wer nichts als brav ist, findet sich zurecht.
Arne
Die Moorvettel
Habt Ihr vergessen das Fräulein blond,
das Ihr vor Jahren so liebreich geschont,
das Ihr zurück in ihr Elternhaus sandtet,
als Ihr sie nachts auf der Pfarrtreppe fandet?
Von Liebe wegen, um Euretwillen,
mußte ihr Schicksal sich einst erfüllen.
Glaubt mir, glaubt mir, ich rede wahr,
ihr nächtliches Klagen bringt Euch Gefahr.
Arne
Die Moorvettel
Hättet Ihr sie ans Herz genommen,
wäre sie nicht zu uns gekommen.
Aber nicht alle Verschmähten tun das ...
Manch Einer Lieb’ ward zu tödlichem Haß.
Arne
denn die Natur läßt sich nicht korrigieren.
Die Menschen können die arme Geduld
nur selten messen mit der ihren.
Die Moorvettel
bis Euch zum Sterben schwindlig wird.
Seit wann ist Euch der neue Wert
so klar im Herzen eingekehrt?
Arne
solange die Natur nicht irrt.
Drei Jahr lang lacht’ ich über dich,
jetzt steh ich hier und wundre mich,
wo hast du die närrische Weisheit her, sprich?
Die Moorvettel
da hab ich nicht närrische Weisheit gehört.
Und was man lernt, ist häufig dem,
was man schon ist, nur unbequem,
und wen die Bestimmung vom Leben entfernt,
der hat auch im Wachsen nicht leben gelernt.
Und wäre das Sterben nicht aller Pflicht,
ich glaube, er könnt auch das Sterben nicht.
Arne
ich möchte meine Worte nicht bereun,
denn auch der beste und schönste Gedank’
bleibt wertlos ohne Zusammenhang.
Die Moorvettel
nicht leicht bei einem vertrockneten Mädel,
aber ist sie noch drall und jung,
redet ihr mehr als bei Männern und Trunk.
Habt doch von allem, was ihr erreicht,
höchstens einmal ein Weib überzeugt.
Bleibt doch das Beste, was ihr gesagt,
immer noch, was ihr den Mädchen geklagt.
Und ich kenn das betroffene Greinen,
wenn ihr nach all eurem Geistesverrat
endlich so einen zappelnden Kleinen
still adoptiert als das Endresultat.
Arne
Der Menschen Schwächen zu erkennen,
ist leichter, als ihr Gutes nennen,
und Spott der Narren täglich Kleid.
Die Moorvettel
weiß schon alleine, wer ich bin.
Ich mochte nicht unter den Menschen sein,
trollte ins Moor und blieb allein,
merkte das Beste vom Wesentlichen,
und hab es in Muße mit allem verglichen.
Arne
kann jeder nur sich selbst erreichen.
Die Besten wurden im Vergleich bescheiden,
das Alter mag nur eigne Weisheit leiden.
Die Moorvettel
nennt ihr ihn schon besonders gut.
Wieviel mehr als ein Tröpflein Wein
wird nicht ein Fünklein Weisheit sein.
Seht nun, Herr Pfarrer, daraus ergibt sich,
daß man wohl doch nicht immer irrt,
wenn eine Weisheit im Kopf, an die siebzig
Jahre lang, aufgehoben wird.
Arne
findet sich oft noch ein kleiner Genuß. —
Du machst dir’s leicht, das Wirken der Natur
ins eigne Denken zu verlegen.
Das Wichtigste vergißt du nur,
das Böse wirkt in uns dagegen.
Die Moorvettel
und rasch entschlossen böse nennt,
hat draußen sich als gut bewährt,
genau so oft wie umgekehrt.
Denn zu des Durchschnitts Zeitbegriffen
und seiner armen Plänkelei,
hat Gott dem Satan oft gepfiffen,
auf Satans Pfiff kam Gott herbei.
Die Menschen aber, die das Gute gut
und die das Böse tief als böse fühlen,
sind die Gesellen, die in blinder Wut
nach Ewigkeit, an ihrem Grabe wühlen!
Sie können lieben und sie können hassen
und haben nichts mit Menschenglück zu tun.
Ihr wolltet Euch nicht warnen lassen,
ich geh und wünsche gut zu ruhn.
Ich kenn die Ruh, um die Ihr trauert,
und wünsche, daß sie nicht zu lange dauert.
Ab.
Arne
und Gut und Böse überwunden,
das gilt als stark in meiner Zeit.
Darüber bleibt Unschuld mit Ewigkeit
doch unzertrennbar verbunden.
Das Böse in Grimm und Flammen,
glüht sie nur fester zusammen.
Ab.
Ein Moormännchen tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.
Das Moormännchen
ruft Arne nach
Die richtige Straße zeig ich dir.
Ein zweites Moormännchen tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.
Das zweite Moormännchen
zum ersten
Leucht ich nicht hell?
Was ist das für ein Gesell,
der keine Irrlichter sieht?
Das erste Moormännchen
die Irme mir keine Antwort gab.
Auf meine Frage, was sie bewegt,
hat sie die Hand aufs Herz gelegt,
als täte es ihr noch immer weh.
Dann hob sie langsam den Arm in die Höh’
und zeigte, stumm und starr, weit über
das Moorland zum Pfarrhaus von Norby hinüber.
Ich sah sie an und fragte wieder ...
Kreuz Teufel, fuhr mir ein Schreck in die Glieder,
als ich ihr Gesicht im Mondlicht erblickt!
Daß man noch immer so kindisch erschrickt.
Mein Licht im Schilfgrund tanzen ging,
dies ist das dritte, das ich mir fing.
Das zweite Moormännchen
Verbirg dich rasch! Lösch aus dein Licht.
Über den Moorgrund ein Feuer springt,
siehst du sein Flattern im Wasser nicht?
Das Feuer der Menschen ist böse und rot,
bringt den Moorleuten Angst und Not.
Beide löschen ihre Lichter und flüchten.
Eine Schar Burschen tritt auf, bewaffnet und mit Fackeln.
Erster Bursche
Was wir beginnen, schien am Tag mir leichter.
Zweiter Bursche
als es am Tage selbst die Dümmsten fressen.
Dritter Bursche
Erster Bursche
Ich weiß nicht mehr, wie mir bei dieser Fehde
zu Mute ist und was mit mir geschehn.
Zu Anfang war es eine schöne Rede,
ein toller Scherz, ein Schwatz, ein Weib wie jede,
jetzt aber kann ich es mit Augen sehn.
Nun ist es Wirklichkeit und Tat geworden,
wir ziehen aus zu brennen und zu morden.
Zweiter Bursche
Seit lange war ich nicht so gern dabei.
Wir sind zu oft gegerbt, und andere nahmen
sich unseres Fells zu ihrem Nutzen an,
als daß ich nicht den Herren und den Damen
vergönnte, was ich selten haben kann:
den Anblick ihrer Schmach und das Vergnügen,
den Pfaffen einmal gründlich aufzuliegen.
Erster Bursche
Es wird auf diese Nacht ein Tag sich heben.
Ob wir ihn noch bei freier Kraft erleben?
Das frag ich mich, da denk ich dran.
Mir war, als büßte oft schon unsereins
den Irrtum dieser Herren, hochgeehrt.
Der Galgen steht zu tief für hohe Leute.
Das große und das kleine Einmaleins
macht nicht die Rechnung, sondern umgekehrt,
denn morgen weht der Wind von andrer Seite.
Zweiter Bursche
Uns wird er nur den Hut vom Kopfe nehmen.
Wer Angst verspürt, der möge sich bequemen,
ihn selbst zu ziehn. So hilft er sich geschwind.
Und ob die Herrschaft Pfaff, ob Oerlsund heißt,
am besten tut sich, wer auf beide scheißt.
Für heute, dünkt mich, bläst der Wind vom Meer.
Man soll nicht stören, wenn die Herrschaft streitet.
Zu alledem geb ich mich gerne her,
wenn man den Pfaffen ihre Brunst verleidet.
Vierter Bursche
Ihr kränkt euch. Großes soll an uns geschehn.
Zum Raufen bin ich wenig aufgelegt
und habe nichts als Kummer zu gestehn.
Ich möchte Schuld und Unschuld nicht verteilen,
bin wie ein Nachen zwischen Meer und Küste.
Dort fühl’ ich Grund, hier aber kann ich weilen,
dorthin zieht Gunst mich, hierher mein Gelüste.
Ihr seht mich unter euch und mit euch gehn,
und habt mir doch die rechte Lust verleidet.
Mich lockt die Glut, in der das Gold sich scheidet,
doch nicht der Wunsch, ihr möchtet sie bestehn.
Zweiter Bursche
läuft einer mit, der ihm die Hosen flickt,
der heute bebt, wenn Oerlsund nicht befiehlt,
und der sich morgen in die Kirche stiehlt.
Halt doch das Maul. Siehst du Naemi kommen,
tust du ja doch, was sie sich vorgenommen.
Vierter Bursche
sind mir die Fäuste lieber als das Wort.
Erster Bursche
Seid ihr von Sinnen, daß ihr hier mit Streit
beginnt? Seid ihr des Teufels? Kommt heran
und seht euch zeitig die Gestalten an,
die dort sich nahn. Die Stunde ist nicht weit,
da ihr für bessere Dinge einig seid.
Fünfter Bursche
Naemi.
Holger und Naemi treten auf.
Erster Bursche
Holger
noch geb’ ich Zeit für jeden umzukehren.
Daß keiner sich den bittern Ernst verhehlt,
in dem wir uns der Pfaffenränke wehren,
die Norbys Freiheit um ihr Licht gebracht.
Naemi
sie haben uns sicher durchs Moor gebracht,
nun laßt ihre rote Feuermacht
ruhn, bis der Pfarrer von Norby erwacht.
Er soll erwachen in ihrer Glut;
wird ahnen und wissen, wer das tut.
Rufen sollt ihr, Gesellen, schrein:
Das ist Naemis Feuerschein!
Er soll mich sehn. Er wird mich sehn.
Mitten im roten Sturm will ich stehn,
daß er im Feuer mich wiederkennt,
wenn ihm sein Herd, sein Haus verbrennt.
Und ihr sollt rufen, jubeln, schrein:
Das ist Naemis Feuerschein!
Zu Holger
den Arm um mich, herrisch und fest,
eh’ er in Schanden Norby verläßt,
so soll mein Bildnis mit ihm gehn.
Zu den Burschen
Euch hat doch niemand ein Leid getan.
Wer von euch wagt es, auch nur zu denken,
er wolle den Pfarrer von Norby kränken?
Gesindel, schert euch in euer Glück,
in eure sichre Behausung zurück!
Was hat euer schmutziges Henkertum
mit meinem brennenden Herzen zu tun?
Nie, nie habt ihr einen Mann gesehn,
wie ihn, so groß, so herrlich, so schön.
Daher kommt euer Pöbelhaß,
den ich verachte. Wißt ihr das?
Holger
zu Naemi
Wer wird dem Knecht die Fesseln zeigen.
Mag sie dein Zorn in ihr Verderben treiben,
den bittern Grund laß deine Sache bleiben.
Erster Bursche
und sind Herrn Holger Oerlsund zu willen.
Es gilt als Pflicht, den Ort von einem Mann
zu säubern, der Euch Unrecht getan.
Zweiter Bursche
Er schändete Kirche und Altar.
Dritter Bursche
ein Mädchen betrog und elend verstieß.
Geschieht uns Unrecht, und niemand greift ein,
wollen wir selber Richter sein.
Holger
zu den Burschen
wenn es die Rettung der Anderen galt?
Nun soll uns das Recht benommen sein,
uns selbst zu retten vor fremder Gewalt?
Der Pfarrer von Norby übte Verrat,
ewige Wahrheiten hat er geschmäht,
in schuldlose Herzen Zwiespalt gesät,
und was er mir und Naemi tat,
das wißt ihr, ihr Männer! Ich ruf euch nicht.
Ich handle für euch und ihr für mich.
Ich schwöre, im ersten Morgenschein
soll der Pfarrhof Trümmer und Asche sein.
Und wenn der Pfarrer den Ort nicht flieht,
so ist es die letzte Nacht, die er sieht.
Die Burschen
Holger
aus dessen Wirrnis nur die Tat errettet.
Es ist das Recht der Kraft verschüchtert Kind,
solang’ wir noch bedrückt, zum Kampf bereit,
nicht anders wie ein Schiff im Meer gebettet,
getragen zwischen Not und Hoffnung sind.
Ein stetig Recht, wer kann es fröhlich nennen?
Doch frohe Tat scheint mir ein sicheres Gut.
Und kommt Erfolg zu unserm festen Mut,
so wird ihn morgen jeder anerkennen.
Vierter Bursche
schreiend, abgewandt
Die tote Irme vom Fahrenkrug.
Die tote Irme. Hell, weiß, im Schilf.
Ich kenn sie genau. Herr Jesus, hilf!
Er bricht in die Knie. Atemlos und in Hast tritt der Großknecht Jörgen auf.
Jörgen
zu Holger
Vierter Bursche
fällt ihm entgegen, außer sich
Wer gab dir über die Toten Macht?
Jörgen
Der Bursche
Ich schwöre bei allem, was Jesus litt,
daß neben ihm her die Irme schritt.
Den Arm empor und größer als er,
zog sie ihn angstvoll neben sich her!
Holger
rüttelt ihn
Der Bursche
verstört
Laßt mich. Ich hab nichts zu schaffen mit euch.
Er stürmt fort.
Naemi
zu Jörgen
Ist einer hier, der die Irme kennt?
Sie ist gestorben? Er sah ihr Gespenst?
Sag mir, Holger, ob du sie kennst?
Holger
Zu den Burschen
was hier im Moorland vor sich geht?!
Rasch, holt ihn ein, bringt ihn zurück,
schlagt ihm die Fäuste ins Genick,
daß ihm bis morgen die Angst vergeht.
Ein Teil der Burschen ab.
Jörgen
zu Holger
mich führte Gottes barmherzige Macht,
ich such dich schon die halbe Nacht.
Sieh mich ermattet, von Sorgen verzehrt,
von Herzen dankbar, daß Gott mich erhört,
daß ich dich gefunden hab, eh’ es zu spät.
Naemi
zu Jörgen
Jörgen
Naemi
Nenn immer schändlich, was du nicht verstehst.
Für dich ist klüger, daß du gehst.
Jörgen
Hab ich dir je ein Unrecht getan?
Und wenn es dem Knechte zu schweigen gebührt,
oh, höre dem Freund deines Vaters zu:
Du bist in Irrtum und Schuld verführt,
ins ewige Verderben taumelst du.
Naemi
zu Holger
Er sucht sein Recht an dich und an dein Leben,
er braucht sein Wort zu seiner Ruh.
Was Knechten zukommt, soll man ihnen geben.
Was kann sein Rat wohl unsrer Sache tun?
Macht eines Greises Plappern sie zu Schanden,
so möge sie in Gottes Namen ruhn.
Mein Schicksal knüpft die blutgeglühten Banden
um andre Werte als um guten Rat.
Wer wollte das Notwendige verführen?
Laß ihn. Er wird die lieben Flammen schüren,
wie guter Wind noch stets dem Feuer tat.
Jörgen
zu Holger
Naemi sah, daß sie der Mann verschmähte,
dem sie mit Leib und Seele sich vertraut,
sah nicht den bittern Kampf, der ihn erhöhte,
in dem er nur sein fernes Ziel geschaut.
Mit seinem Tod wirst du ihr Klarheit bringen.
Er läßt sein Wesen nur mit seinem Leben.
Du kannst Naemi nie und nie erringen.
Du kannst sie nur dem Toten wiedergeben.
Holger
Vor müden Augen liegt die Erde grau.
Ich habe recht, weil ich in Flammen bin,
und weil ich ihrem heißen Sturm vertrau.
Wollt ich bedenken, was das Meer vermag,
ich ließe meinen Kahn bei Sturm am Strand.
Sahst du mich je in Zaudern abgewandt,
wenn uns ein Fahrzeug auf den Klippen lag?
Und heute glaubst du mich von Furcht erfüllt,
wo es mein Lebensschiff zu retten gilt?
Ich danke deinem Rat und glaube dir,
er war von Herzen gut und wohlgemeint.
Ich ehre den Berater und den Freund,
das Steuer aber läßt du heute mir.
Laß dir genug sein, daß dich mein Befehl
nicht zu den Helfern stellt, die ich mir wähl’!
Jörgen
Sieh meine Tränen, der du mich nicht siehst.
Zur Knechtschaft sinkt dein freies Herrentum.
Oh, dunkles Schicksal, dem du nicht entfliehst.
Das Steuer brennt in eines Weibes Hand,
du bist ihr Knecht, in ihren Haß gebannt —
Oh, wer ist wert, daß dies um ihn geschieht?
Holger
ich habe nur auf mein Gefühl zu achten.
Mein Herz ist fest und einzig schuld daran,
daß ich mich solcher Knechtschaft rühmen kann.
Will es mein Schicksal, mag ich denn vergehn.
Ich will es fordern, will es ganz bestehn.
Ich möchte wissen, wessen Welt
zu Norbys Ehre recht behält.
Jörgen
wenn junge Hoffnung tief im Irrtum glüht,
und wenn die Seele das erflehte Heil
als fernen Trost für ihre Schmerzen sieht.
Ach, daß den Besten das erreichte Ziel
so wertvoll würde wie die ersten Schmerzen.
Zu Naemi
bewußter Allmacht und betörter Herzen,
blind für die Kräfte, die dein Zorn zerstört,
und dennoch schuldlos in das eigne Wesen
und in sein wunderreiches Licht betört,
in dem wir alle stöhnen und genesen.
Stimmen und Gelächter aus der Nacht.
Naemi
zu Holger
Was ihn zu seinen Taten rief,
das wird ihn richten, nicht, was er erreicht.
Dasselbe Leben, das sein Haupt gebleicht,
verbrennt auch mich und wird sich offenbaren
in unsrer Glut, die, ewig unerfahren,
dennoch unfehlbar die Vollendung zeugt.
Ab mit den Burschen.
Holger
zu Jörgen
Dein Schmerz ist reicher als manch rasches Glück.
Ab.
Ende des dritten Aufzugs