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Norby: Eine dramatische Dichtung cover

Norby: Eine dramatische Dichtung

Chapter 5: Dritter Aufzug
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About This Book

Das Drama spielt in einer küstennahen Gemeinde und entfaltet sich um den sterbenden Lotsen Bernd Oerlsund, seinen Sohn Holger und die junge Naemi. Holgers tiefe, fast besitzergreifende Zuneigung zu Naemi kollidiert mit ihrem Abschied und ihrer Verbindung zum Pfarrer, was in Eifersucht, Scham und sozialer Anfechtung mündet. Sturm und Seenot bringen zusätzliches Leid und fordern Rettungsaktionen der Dorfbewohner. Die Handlung verwebt persönliche Schuld, Pflichtgefühl und religiöse Moral mit der rauen Natur des Meeres und zeigt, wie Liebe, Stolz und gesellschaftliche Konventionen Entscheidungen und Schicksale bestimmen.

Dritter Aufzug

Moor. Nacht. Mond. Birkengebüsch.

Die Moorvettel, Kräuter suchend und Sprüche murmelnd.

Die Moorvettel

Steigen im Nebel die Toten im Moor,
bereitet sich Großes im Leben vor.
Keine Ruh ist den Toten geschenkt,
solang noch ein Lebender an sie denkt.
Und brennt gar im Orte die Leidenschaft,
die sie um ihr zeitliches Dasein gebracht,
singen sie oft die ganze Nacht,
locken die Menschen in kühler Kraft
bis an die Ruhstätte, die sie trennt
vom hellen Tag, den die Sonne verbrennt.
Heute, als spät der Nachtkauz schlug,
sang schon die Irme vom Fahrenkrug,
lange und leise, in Nebel gehüllt,
im Moorweiher stand ihr Schattenbild,
der rasch ihr brennendes Herz gestillt.
Konnt’ einst nicht leben vor Lieb und Haß.
Was bedeutet das? Was bedeutet das?

Ein Moormännchen tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

Das Moormännchen

Komm hier, komm hier, dein Weg versinkt.
Auf gute Bahn mein Lichtlein winkt.

Die Moorvettel

wirft ihren Stock nach ihm

Daß die Lichtfunze, die du reckst,
dir deinen eigenen Schädel verbrennt!
Such dir Narren, die du erschreckst,
wo man dein närrisches Plappern nicht kennt.

Das Moormännchen

Kreuz Teufel, Hexe verflucht, halt ein!
Mein Lichtlein tanzt ins Schilf hinein.

Die Moorvettel

Laß dein Geschrei, versumpfter Flegel.
Herbei! Bring mir den Stock zurück,
und merk dir die erteilte Regel,
sonst gilt es morgen dein Genick.

Das Moormännchen

Ich hab dich nicht erkannt, Hexe verehrt.
Nimm deinen Knüppel, aber halt ihn fest.
Ich weiß, daß jeder dich in Ruhe läßt,
und jeder weiß, warum er so verfährt.

Die Moorvettel

Merk auf! Fang dir ein neues Licht,
spring nieder zum Weiher, zur Irme hin.
Frag sie: »Was singst du, was schläfst du nicht?
Welches Menschenkind liegt dir im Sinn?
Was soll geschehn, was will sich erfüllen,
wer sucht den Tod um Liebe willen?«
So fragst du. Leucht ihr ins Gesicht,
sei artig und vergiß die Antwort nicht.
Von Toten hört man zuweilen wohl,
was den Menschen geschehen soll.

Das Moormännchen

Mein Licht ist hin. Ich mag nicht gehn,
mag nicht ihr weißes Gesicht ansehn.
Nichts oben und unten auf der Welt
ist so von Trauer und Schmerz entstellt.

Die Moorvettel

hebt den Stock

Fang dir ein Licht! Durchs Schilf huscht genug.
Tote sind gut und ohne Betrug.
Erst lockst du sie selbst ins Moor hinein
und willst hinterher noch unhöflich sein.

Das Moormännchen

Die Irme vom Fahrenkrug kam allein,
ich lockte sie nicht ins Moor hinein.
Die folgte dem Licht nicht, das ich ihr bot,
sah nur das Wasser, schwarz und tot.
Versteckt blieb ich am Weiher stehn,
ich sah sie stürzen und untergehn.
Als früh am Morgen mein Licht verglommen,
ist sie still, still emporgekommen,
langsam, weiß und wunderschön.
Die Augen auf, im kalten Gesicht,
starrten ins blaue Morgenlicht.
In die Seerosen floß ihr gelbes Haar.
Wie schön das war. Wie schön das war.
Ich hab sie sorgsam im Schilf versteckt,
damit kein Mensch sie wieder erschreckt.

Die Moorvettel

Scher dich und tu, was ich gesagt.

Das Moormännchen ab.

Die Moorvettel

Die Irme vom Fahrenkrug singt und klagt.
Sie mochte nicht leben vor Liebe und Haß.
Was bedeutet das? Was bedeutet das?
Seit die Zeit uns den neuen Pfarrer gebracht,
wird’s schlimmer im Moorland Nacht für Nacht.
So ruhlos sah ich die nächtliche
Welt der fahrenden Geister noch nie.
Der Wandel der Menschen bekümmert sie,
ihre betörte, verächtliche
Weisheit, ihr Hochmut, ihr Glück.

Ein zweites Moormännchen tritt auf, ein Licht in der Hand.

Das Moormännchen

Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.
Die richtige Straße zeig ich dir.

Die Moorvettel

Ist das Gesindel heute taub und blind?
Leucht lieber, daß ich meine Kräuter find’.

Das Moormännchen

Dich ruf ich nicht, reg dich nicht auf;
kommt Einer den Heideweg herauf.

Die Moorvettel

Da ist es besser, erst hinzuschaun.
Man kann heut keinem Menschen mehr traun.

Sie verbirgt sich hinter den Birken.

Das Moormännchen

Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.
Die richtige Straße zeig ich dir.

Die Moorvettel

Laß sein, spring fort. Verbirg dein Licht,
den Pfarrer von Norby täuschst du nicht,
der hat sich von seinen frühsten Tagen
mit andern Verführern herumgeschlagen.

Der Pfarrer von Norby tritt auf.

Arne

In Gottes Licht und Satans Nacht
hab ich gekämpft und nie geruht.
Was hat mir aller Kampf gebracht
für mein vergeudet Lebensgut?
Die Liebste hat im Zorn mein Haus verschworen.
Nun weiß ich erst, wie sehr mein Herz begehrt
nach ihrer Liebe, die mein Stolz verloren.
Ist, was ich finde, einst der Opfer wert?

Ein Moormännchen

Bist du dir nicht genug bedankt,
daß dir nach Lohn die Seele krankt?
So schwer trägst du an eignen Sachen,
und willst es Andern leichter machen?

Ein zweites Moormännchen

Wer sich um eigenes Glück betrogen,
kuriert sich bald im kranken Sinn,
stellt, was das Schicksal ihm entzogen,
als selbstgewolltes Opfer hin.

Arne

Fern durch den Nebel glühn die letzten Lichter,
die Menschen traun dem liebevollen Dunkel
und traun der Arbeit, die sie müde macht,
derweil in mir das herrische Gefunkel
der blauen Himmelsewigkeiten wacht.
Oh glücklich ihr, in ruhigem Verzichten.
Wer kennt die Fesseln, die das Blut uns schlägt,
um die in Gottes Licht erblühten Pflichten,
die seine Herrlichkeit uns auferlegt?
Und nie und nie wird die Natur vergehn!
Nun erst begreif ich ihren klaren Sinn,
da ich im Leid von ihr gemieden scheine.
Oh, Lenkerin aus stammelndem Beginn,
bis in die helle Freiheit, wo Erkennen
und unser Herz des Vaters Namen nennen,
durch dich befreit von allem falschen Scheine,
daß Gott in dir sich unserm Wesen eine.
Du bist nur Lenkerin, bist Mittel, Weg und Hort,
doch nie die Heimat, nie das eine Wort.

Die Moorvettel tritt auf.

Die Moorvettel

Ich seh den hochwürdigen Pfarrer allein.
Wird ein Fräulein im Moor zu erwarten sein?

Arne

Eine menschliche Stimme hier noch so spät?

Die Moorvettel

Wir sehn uns nie auf den täglichen Wegen.
Ich bitte um einen übrigen Segen,
wenns nah vor Mitternacht noch geht.

Arne

Es ist der Tag den Guten lang genug.
Daß du um einen Segen flennst,
scheint mir ein wenig witziger Betrug.
Halb Weltgewissen, halb Gespenst,
schaust du bald hundert Jahre weit
und wardst darüber nicht gescheit.

Die Moorvettel

Nicht alle Kräuter blühn bei Tag.
Soll sie stehn lassen, wer sie nicht mag!
Und wenn die Guten den Schlaf nicht versäumen,
so müßte der Pfarrer erst recht schon träumen.
Statt dessen spaziert er im Sumpf herum
und nimmt einen frommen Segenswunsch krumm.

Arne

Dich heilt kein Segen, stört kein Fluch,
laß mir die Ruh, die ich hier such’.

Die Moorvettel

Das Moor ist lebendig, das Moorland klingt.
Was der Tag den Menschen an Herzleid bringt,
führt oft, statt unter das Kirchentor,
ins Wasser vom Moor.

Arne

Laß die Toten ruhn,
bis sie dich in ihre Gesellschaft tun.
Dann können sie dir ihr Sprüchlein sagen.

Die Moorvettel

Sie lassen sich vorher auch befragen,
auch sprechen sie, ohne daß man sie fragt.

Arne

Da hast du recht, Gott sei’s geklagt.
Ich gesteh dir, wenn auch in anderem Sinn,
daß ich doch ganz deiner Meinung bin.

Die Moorvettel

Die Menschen sind töricht, taub und blind
und haben vergessen, was sie sind.
Ihr Wohl, ihr Ungemach, ihr Wesen
ist überall auch hier zu lesen.
Ich seh ihr Lächeln, Klagen, Mühn
in Licht und Nacht hier draußen blühn.
Kein Unterschied, wohin man sieht,
immer das Gleiche, was geschieht.
Hier klein und nichtig,
kein Mensch schaut sich um,
dort nennt ihr es wichtig
und wißt nicht warum.

Arne

Alte, die Weisheit ist ungewaschen,
läßt mir das Wichtigste durch die Maschen.

Die Moorvettel

Kommt der Herr Pfarrer mit Gott und Gericht,
tut der Herr Pfarrer seine Pflicht.
Oder auch gar mit Moral und Vernunft?
Spricht von der Menschheit und meint seine Zunft.
Stehn Euch die Dogmen kurios zu Gesicht,
aber ich Alte glaub sie Euch nicht.
Sollt mir mit Euren geborgten Waffen
nicht meine Sinne Lügen strafen.
Vier Pfarrer sah ich hier, Jahr nach Jahr.
Der Erste von ihnen mein Liebster war,
der Zweite brachte mir Schmach und Skandal,
der Dritte gab mir das Abendmahl.
Doch statt daß es mich in den Himmel gebracht,
hat es mich wieder gesund gemacht.
Dann hat er den eigenen Tod gehört,
was war ihm da Kelch und Kanzel wert?
Er schickte nach mir und meinem Kraut.
Ich hab’s ihm nach meinem Willen gebraut;
fürs zeitliche Leben hat er’s genommen
und ist ins ewige Leben gekommen.
Da hatte die heilige Seele Ruh
und machte die lüsternen Äuglein zu.
Der Vierte wart Ihr. — Was wollt Ihr hier?
Die Anderen waren nicht »ja« und nicht »nein«,
so muß wohl ein brauchbarer Pfarrer sein.
Nur im »vielleicht« gedeiht seine Pflicht,
aber Ihr taugt zum Pfarrer nicht.

Arne

Narrt mich ein Spuk? Was zwingt mich dir zu lauschen
und gar mit dir die Meinung auszutauschen,
als läge mir nicht bess’rer Wert im Sinn.

Die Moorvettel

Immerhin, immerhin ... Wer hat Euch erklärt,
daß Euer Wert von besonderem Wert?

Arne

Du bist zu Lob und Urteil nicht geschickt,
im Finstern wird der tiefste Glaube schlecht.

Die Moorvettel

Doch in den Besten wird er zum Konflikt.
Wer nichts als brav ist, findet sich zurecht.

Arne

Mir liegt eine singende Stimme im Ohr.

Die Moorvettel

Die Irme vom Fahrenkrug singt im Moor.
Habt Ihr vergessen das Fräulein blond,
das Ihr vor Jahren so liebreich geschont,
das Ihr zurück in ihr Elternhaus sandtet,
als Ihr sie nachts auf der Pfarrtreppe fandet?
Von Liebe wegen, um Euretwillen,
mußte ihr Schicksal sich einst erfüllen.
Glaubt mir, glaubt mir, ich rede wahr,
ihr nächtliches Klagen bringt Euch Gefahr.

Arne

Ich hatte nie mit diesem Weib zu schaffen.

Die Moorvettel

Ich weiß, Herr Pfarrer, deshalb ging sie schlafen.
Hättet Ihr sie ans Herz genommen,
wäre sie nicht zu uns gekommen.
Aber nicht alle Verschmähten tun das ...
Manch Einer Lieb’ ward zu tödlichem Haß.

Arne

Des Einen Tugend macht des Andern Schuld,
denn die Natur läßt sich nicht korrigieren.
Die Menschen können die arme Geduld
nur selten messen mit der ihren.

Die Moorvettel

Ihr pilgert um Euch selbst spazieren,
bis Euch zum Sterben schwindlig wird.
Seit wann ist Euch der neue Wert
so klar im Herzen eingekehrt?

Arne

Die wahrhaft Reichen können nicht verlieren,
solange die Natur nicht irrt.
Drei Jahr lang lacht’ ich über dich,
jetzt steh ich hier und wundre mich,
wo hast du die närrische Weisheit her, sprich?

Die Moorvettel

Mein toter Liebster war hochgelehrt,
da hab ich nicht närrische Weisheit gehört.
Und was man lernt, ist häufig dem,
was man schon ist, nur unbequem,
und wen die Bestimmung vom Leben entfernt,
der hat auch im Wachsen nicht leben gelernt.
Und wäre das Sterben nicht aller Pflicht,
ich glaube, er könnt auch das Sterben nicht.

Arne

Dir Antwort geben, hieße sich zerstreun,
ich möchte meine Worte nicht bereun,
denn auch der beste und schönste Gedank’
bleibt wertlos ohne Zusammenhang.

Die Moorvettel

Schon gut, euch leuchtet der eifrige Schädel
nicht leicht bei einem vertrockneten Mädel,
aber ist sie noch drall und jung,
redet ihr mehr als bei Männern und Trunk.
Habt doch von allem, was ihr erreicht,
höchstens einmal ein Weib überzeugt.
Bleibt doch das Beste, was ihr gesagt,
immer noch, was ihr den Mädchen geklagt.
Und ich kenn das betroffene Greinen,
wenn ihr nach all eurem Geistesverrat
endlich so einen zappelnden Kleinen
still adoptiert als das Endresultat.

Arne

Dein Hohn tut meinem Herzen leid.
Der Menschen Schwächen zu erkennen,
ist leichter, als ihr Gutes nennen,
und Spott der Narren täglich Kleid.

Die Moorvettel

Nennt Ihr mich närrisch immerhin,
weiß schon alleine, wer ich bin.
Ich mochte nicht unter den Menschen sein,
trollte ins Moor und blieb allein,
merkte das Beste vom Wesentlichen,
und hab es in Muße mit allem verglichen.

Arne

Was nützt dir Muße und Vergleichen,
kann jeder nur sich selbst erreichen.
Die Besten wurden im Vergleich bescheiden,
das Alter mag nur eigne Weisheit leiden.

Die Moorvettel

Wenn euer Wein nur zehn Jahr’ ruht,
nennt ihr ihn schon besonders gut.
Wieviel mehr als ein Tröpflein Wein
wird nicht ein Fünklein Weisheit sein.
Seht nun, Herr Pfarrer, daraus ergibt sich,
daß man wohl doch nicht immer irrt,
wenn eine Weisheit im Kopf, an die siebzig
Jahre lang, aufgehoben wird.

Arne

Zwischen Verachtung und Verdruß
findet sich oft noch ein kleiner Genuß. —
Du machst dir’s leicht, das Wirken der Natur
ins eigne Denken zu verlegen.
Das Wichtigste vergißt du nur,
das Böse wirkt in uns dagegen.

Die Moorvettel

Was ihr im eignen Haushalt kennt,
und rasch entschlossen böse nennt,
hat draußen sich als gut bewährt,
genau so oft wie umgekehrt.
Denn zu des Durchschnitts Zeitbegriffen
und seiner armen Plänkelei,
hat Gott dem Satan oft gepfiffen,
auf Satans Pfiff kam Gott herbei.
Die Menschen aber, die das Gute gut
und die das Böse tief als böse fühlen,
sind die Gesellen, die in blinder Wut
nach Ewigkeit, an ihrem Grabe wühlen!
Sie können lieben und sie können hassen
und haben nichts mit Menschenglück zu tun.
Ihr wolltet Euch nicht warnen lassen,
ich geh und wünsche gut zu ruhn.
Ich kenn die Ruh, um die Ihr trauert,
und wünsche, daß sie nicht zu lange dauert.

Ab.

Arne

Die hat sich leicht zurechtgefunden
und Gut und Böse überwunden,
das gilt als stark in meiner Zeit.
Darüber bleibt Unschuld mit Ewigkeit
doch unzertrennbar verbunden.
Das Böse in Grimm und Flammen,
glüht sie nur fester zusammen.

Ab.

Ein Moormännchen tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

Das Moormännchen

ruft Arne nach

Komm hier, komm hier! Dein Weg geht irr!
Die richtige Straße zeig ich dir.

Ein zweites Moormännchen tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

Das zweite Moormännchen

zum ersten

Wie hab ich mich bemüht!
Leucht ich nicht hell?
Was ist das für ein Gesell,
der keine Irrlichter sieht?

Das erste Moormännchen

Mich schickte die Vettel zur Irme hinab,
die Irme mir keine Antwort gab.
Auf meine Frage, was sie bewegt,
hat sie die Hand aufs Herz gelegt,
als täte es ihr noch immer weh.
Dann hob sie langsam den Arm in die Höh’
und zeigte, stumm und starr, weit über
das Moorland zum Pfarrhaus von Norby hinüber.
Ich sah sie an und fragte wieder ...
Kreuz Teufel, fuhr mir ein Schreck in die Glieder,
als ich ihr Gesicht im Mondlicht erblickt!
Daß man noch immer so kindisch erschrickt.
Mein Licht im Schilfgrund tanzen ging,
dies ist das dritte, das ich mir fing.

Das zweite Moormännchen

Horch! Horch! Wer kommt? Der Boden klingt.
Verbirg dich rasch! Lösch aus dein Licht.
Über den Moorgrund ein Feuer springt,
siehst du sein Flattern im Wasser nicht?
Das Feuer der Menschen ist böse und rot,
bringt den Moorleuten Angst und Not.

Beide löschen ihre Lichter und flüchten.

Eine Schar Burschen tritt auf, bewaffnet und mit Fackeln.

Erster Bursche

Die Nacht ist wie von Hexenvolk besessen.
Was wir beginnen, schien am Tag mir leichter.

Zweiter Bursche

Und was du schwatzt, scheint mir zur Nacht noch seichter,
als es am Tage selbst die Dümmsten fressen.

Dritter Bursche

Ist dies der Ort, der uns befohlen?

Erster Bursche

Was Ort und Pfaff! Der Teufel soll sie holen.
Ich weiß nicht mehr, wie mir bei dieser Fehde
zu Mute ist und was mit mir geschehn.
Zu Anfang war es eine schöne Rede,
ein toller Scherz, ein Schwatz, ein Weib wie jede,
jetzt aber kann ich es mit Augen sehn.
Nun ist es Wirklichkeit und Tat geworden,
wir ziehen aus zu brennen und zu morden.

Zweiter Bursche

Wo Oerlsund kocht, da frißt er auch den Brei.
Seit lange war ich nicht so gern dabei.
Wir sind zu oft gegerbt, und andere nahmen
sich unseres Fells zu ihrem Nutzen an,
als daß ich nicht den Herren und den Damen
vergönnte, was ich selten haben kann:
den Anblick ihrer Schmach und das Vergnügen,
den Pfaffen einmal gründlich aufzuliegen.

Erster Bursche

Was mich bestimmte, sah ich anders an. —
Es wird auf diese Nacht ein Tag sich heben.
Ob wir ihn noch bei freier Kraft erleben?
Das frag ich mich, da denk ich dran.
Mir war, als büßte oft schon unsereins
den Irrtum dieser Herren, hochgeehrt.
Der Galgen steht zu tief für hohe Leute.
Das große und das kleine Einmaleins
macht nicht die Rechnung, sondern umgekehrt,
denn morgen weht der Wind von andrer Seite.

Zweiter Bursche

Geehrte Rechnung, hochgeschätzter Wind!
Uns wird er nur den Hut vom Kopfe nehmen.
Wer Angst verspürt, der möge sich bequemen,
ihn selbst zu ziehn. So hilft er sich geschwind.
Und ob die Herrschaft Pfaff, ob Oerlsund heißt,
am besten tut sich, wer auf beide scheißt.
Für heute, dünkt mich, bläst der Wind vom Meer.
Man soll nicht stören, wenn die Herrschaft streitet.
Zu alledem geb ich mich gerne her,
wenn man den Pfaffen ihre Brunst verleidet.

Vierter Bursche

Was streitet ihr? Mir ist das Herz bewegt.
Ihr kränkt euch. Großes soll an uns geschehn.
Zum Raufen bin ich wenig aufgelegt
und habe nichts als Kummer zu gestehn.
Ich möchte Schuld und Unschuld nicht verteilen,
bin wie ein Nachen zwischen Meer und Küste.
Dort fühl’ ich Grund, hier aber kann ich weilen,
dorthin zieht Gunst mich, hierher mein Gelüste.
Ihr seht mich unter euch und mit euch gehn,
und habt mir doch die rechte Lust verleidet.
Mich lockt die Glut, in der das Gold sich scheidet,
doch nicht der Wunsch, ihr möchtet sie bestehn.

Zweiter Bursche

In jedem Troß, der sich zur Tat geschickt,
läuft einer mit, der ihm die Hosen flickt,
der heute bebt, wenn Oerlsund nicht befiehlt,
und der sich morgen in die Kirche stiehlt.
Halt doch das Maul. Siehst du Naemi kommen,
tust du ja doch, was sie sich vorgenommen.

Vierter Bursche

Und mehr vielleicht als du. Am rechten Ort
sind mir die Fäuste lieber als das Wort.

Erster Bursche

Ihr seid zu früh mit euren Taten dran.
Seid ihr von Sinnen, daß ihr hier mit Streit
beginnt? Seid ihr des Teufels? Kommt heran
und seht euch zeitig die Gestalten an,
die dort sich nahn. Die Stunde ist nicht weit,
da ihr für bessere Dinge einig seid.

Fünfter Bursche

Oerlsund! Er ist es. Ihm zur Seite,
Naemi.

Holger und Naemi treten auf.

Erster Bursche

Herr! Nicht einer fehlt.

Holger

Es soll mir keiner fehlen! Leute,
noch geb’ ich Zeit für jeden umzukehren.
Daß keiner sich den bittern Ernst verhehlt,
in dem wir uns der Pfaffenränke wehren,
die Norbys Freiheit um ihr Licht gebracht.

Naemi

Löscht aus die Fackeln! Hell ist die Nacht,
sie haben uns sicher durchs Moor gebracht,
nun laßt ihre rote Feuermacht
ruhn, bis der Pfarrer von Norby erwacht.
Er soll erwachen in ihrer Glut;
wird ahnen und wissen, wer das tut.
Rufen sollt ihr, Gesellen, schrein:
Das ist Naemis Feuerschein!
Er soll mich sehn. Er wird mich sehn.
Mitten im roten Sturm will ich stehn,
daß er im Feuer mich wiederkennt,
wenn ihm sein Herd, sein Haus verbrennt.
Und ihr sollt rufen, jubeln, schrein:
Das ist Naemis Feuerschein!

Zu Holger

Dich soll er an meiner Seite sehn,
den Arm um mich, herrisch und fest,
eh’ er in Schanden Norby verläßt,
so soll mein Bildnis mit ihm gehn.

Zu den Burschen

Was steht ihr da, horcht und starrt mich an?
Euch hat doch niemand ein Leid getan.
Wer von euch wagt es, auch nur zu denken,
er wolle den Pfarrer von Norby kränken?
Gesindel, schert euch in euer Glück,
in eure sichre Behausung zurück!
Was hat euer schmutziges Henkertum
mit meinem brennenden Herzen zu tun?
Nie, nie habt ihr einen Mann gesehn,
wie ihn, so groß, so herrlich, so schön.
Daher kommt euer Pöbelhaß,
den ich verachte. Wißt ihr das?

Holger

zu Naemi

Still! Ich beschwöre dich zu schweigen.
Wer wird dem Knecht die Fesseln zeigen.
Mag sie dein Zorn in ihr Verderben treiben,
den bittern Grund laß deine Sache bleiben.

Erster Bursche

Wir wünschen sehr, Euren Schmerz zu stillen,
und sind Herrn Holger Oerlsund zu willen.
Es gilt als Pflicht, den Ort von einem Mann
zu säubern, der Euch Unrecht getan.

Zweiter Bursche

Seine falsche Lehre vom Teufel war.
Er schändete Kirche und Altar.

Dritter Bursche

Wer wüßte nicht, daß er überdies
ein Mädchen betrog und elend verstieß.
Geschieht uns Unrecht, und niemand greift ein,
wollen wir selber Richter sein.

Holger

zu den Burschen

Wer unter uns setzte sein Leben nicht ein,
wenn es die Rettung der Anderen galt?
Nun soll uns das Recht benommen sein,
uns selbst zu retten vor fremder Gewalt?
Der Pfarrer von Norby übte Verrat,
ewige Wahrheiten hat er geschmäht,
in schuldlose Herzen Zwiespalt gesät,
und was er mir und Naemi tat,
das wißt ihr, ihr Männer! Ich ruf euch nicht.
Ich handle für euch und ihr für mich.
Ich schwöre, im ersten Morgenschein
soll der Pfarrhof Trümmer und Asche sein.
Und wenn der Pfarrer den Ort nicht flieht,
so ist es die letzte Nacht, die er sieht.

Die Burschen

Ein Schuft, der sich nicht zu Euch stellt.

Holger

Verlacht in euch den rätselhaften Streit,
aus dessen Wirrnis nur die Tat errettet.
Es ist das Recht der Kraft verschüchtert Kind,
solang’ wir noch bedrückt, zum Kampf bereit,
nicht anders wie ein Schiff im Meer gebettet,
getragen zwischen Not und Hoffnung sind.
Ein stetig Recht, wer kann es fröhlich nennen?
Doch frohe Tat scheint mir ein sicheres Gut.
Und kommt Erfolg zu unserm festen Mut,
so wird ihn morgen jeder anerkennen.

Vierter Bursche

schreiend, abgewandt

Wer naht sich, ein Geist, ein Höllenbetrug!
Die tote Irme vom Fahrenkrug.
Die tote Irme. Hell, weiß, im Schilf.
Ich kenn sie genau. Herr Jesus, hilf!

Er bricht in die Knie. Atemlos und in Hast tritt der Großknecht Jörgen auf.

Jörgen

zu Holger

Find ich dich endlich, lieber Herr.

Vierter Bursche

fällt ihm entgegen, außer sich

Wer bist du? Wer hat dich hergebracht?
Wer gab dir über die Toten Macht?

Jörgen

Was ist dir, Bursche, ich kam allein.

Der Bursche

Du lügst! Du ließt dich mit Geistern ein.
Ich schwöre bei allem, was Jesus litt,
daß neben ihm her die Irme schritt.
Den Arm empor und größer als er,
zog sie ihn angstvoll neben sich her!

Holger

rüttelt ihn

Hast du den Verstand verloren, Gesell?

Der Bursche

verstört

Den Arm empor... Weiß und hell...
Laßt mich. Ich hab nichts zu schaffen mit euch.

Er stürmt fort.

Naemi

zu Jörgen

Laß ihn, und wenn er zum Teufel rennt.
Ist einer hier, der die Irme kennt?
Sie ist gestorben? Er sah ihr Gespenst?
Sag mir, Holger, ob du sie kennst?

Holger

Laß mich. Der Bursche war schrecklich entstellt.

Zu den Burschen

Wollt ihr, daß er in Norby bestellt,
was hier im Moorland vor sich geht?!
Rasch, holt ihn ein, bringt ihn zurück,
schlagt ihm die Fäuste ins Genick,
daß ihm bis morgen die Angst vergeht.

Ein Teil der Burschen ab.

Jörgen

zu Holger

Mich hat kein Spuk der Hölle gebracht,
mich führte Gottes barmherzige Macht,
ich such dich schon die halbe Nacht.
Sieh mich ermattet, von Sorgen verzehrt,
von Herzen dankbar, daß Gott mich erhört,
daß ich dich gefunden hab, eh’ es zu spät.

Naemi

zu Jörgen

Für was denn, glaubst du, sei es noch Zeit?

Jörgen

Wie schändlich bist du deines Werks gewiß!

Naemi

In dir seh ich kein Hindernis.
Nenn immer schändlich, was du nicht verstehst.
Für dich ist klüger, daß du gehst.

Jörgen

Holger, lieber Herr, schau mich an!
Hab ich dir je ein Unrecht getan?
Und wenn es dem Knechte zu schweigen gebührt,
oh, höre dem Freund deines Vaters zu:
Du bist in Irrtum und Schuld verführt,
ins ewige Verderben taumelst du.

Naemi

zu Holger

Wend dich nicht ab, was fürchtest du?
Er sucht sein Recht an dich und an dein Leben,
er braucht sein Wort zu seiner Ruh.
Was Knechten zukommt, soll man ihnen geben.
Was kann sein Rat wohl unsrer Sache tun?
Macht eines Greises Plappern sie zu Schanden,
so möge sie in Gottes Namen ruhn.
Mein Schicksal knüpft die blutgeglühten Banden
um andre Werte als um guten Rat.
Wer wollte das Notwendige verführen?
Laß ihn. Er wird die lieben Flammen schüren,
wie guter Wind noch stets dem Feuer tat.

Jörgen

zu Holger

Wend dich nicht von mir, oh versteh mich recht.
Naemi sah, daß sie der Mann verschmähte,
dem sie mit Leib und Seele sich vertraut,
sah nicht den bittern Kampf, der ihn erhöhte,
in dem er nur sein fernes Ziel geschaut.
Mit seinem Tod wirst du ihr Klarheit bringen.
Er läßt sein Wesen nur mit seinem Leben.
Du kannst Naemi nie und nie erringen.
Du kannst sie nur dem Toten wiedergeben.

Holger

Schweig still. Verwirr mir nicht Herz und Sinn.
Vor müden Augen liegt die Erde grau.
Ich habe recht, weil ich in Flammen bin,
und weil ich ihrem heißen Sturm vertrau.
Wollt ich bedenken, was das Meer vermag,
ich ließe meinen Kahn bei Sturm am Strand.
Sahst du mich je in Zaudern abgewandt,
wenn uns ein Fahrzeug auf den Klippen lag?
Und heute glaubst du mich von Furcht erfüllt,
wo es mein Lebensschiff zu retten gilt?
Ich danke deinem Rat und glaube dir,
er war von Herzen gut und wohlgemeint.
Ich ehre den Berater und den Freund,
das Steuer aber läßt du heute mir.
Laß dir genug sein, daß dich mein Befehl
nicht zu den Helfern stellt, die ich mir wähl’!

Jörgen

Herr, Herr, dein Stolz. Oh, Oerlsunds alter Ruhm!
Sieh meine Tränen, der du mich nicht siehst.
Zur Knechtschaft sinkt dein freies Herrentum.
Oh, dunkles Schicksal, dem du nicht entfliehst.
Das Steuer brennt in eines Weibes Hand,
du bist ihr Knecht, in ihren Haß gebannt —
Oh, wer ist wert, daß dies um ihn geschieht?

Holger

Und wenn die Besten meiner Schwäche lachten,
ich habe nur auf mein Gefühl zu achten.
Mein Herz ist fest und einzig schuld daran,
daß ich mich solcher Knechtschaft rühmen kann.
Will es mein Schicksal, mag ich denn vergehn.
Ich will es fordern, will es ganz bestehn.
Ich möchte wissen, wessen Welt
zu Norbys Ehre recht behält.

Jörgen

Wie leicht verrät ein Herz sein bestes Teil,
wenn junge Hoffnung tief im Irrtum glüht,
und wenn die Seele das erflehte Heil
als fernen Trost für ihre Schmerzen sieht.
Ach, daß den Besten das erreichte Ziel
so wertvoll würde wie die ersten Schmerzen.

Zu Naemi

Da stehst du, Siegerin im bittern Spiel
bewußter Allmacht und betörter Herzen,
blind für die Kräfte, die dein Zorn zerstört,
und dennoch schuldlos in das eigne Wesen
und in sein wunderreiches Licht betört,
in dem wir alle stöhnen und genesen.

Stimmen und Gelächter aus der Nacht.

Naemi

zu Holger

Dort kommt die Schar. Laß ihn, der Mond steht tief.
Was ihn zu seinen Taten rief,
das wird ihn richten, nicht, was er erreicht.
Dasselbe Leben, das sein Haupt gebleicht,
verbrennt auch mich und wird sich offenbaren
in unsrer Glut, die, ewig unerfahren,
dennoch unfehlbar die Vollendung zeugt.

Ab mit den Burschen.

Holger

zu Jörgen

Gehab dich wohl. Denk gern an mich zurück.
Dein Schmerz ist reicher als manch rasches Glück.

Ab.

Ende des dritten Aufzugs