Vierter Aufzug
Die Dorfkirche von Norby. Im Hintergrund der Altar. Morgengrauen. Von draußen Feuerschein. Lärm. Der Amtmann und der Küster treten auf.
Der Amtmann
Gelobt sei Gott! Ist auch die Tür verschlossen?
Der Küster
führt noch ein Pförtchen, das die Mordgenossen
des Satans, draußen, hoffe ich, nicht kennen.
Sie werden noch den ganzen Ort verbrennen.
Der Amtmann
Da hilft nicht Rechtsgewalt, da hilft kein Drohn.
Doch später soll der Pöbel mir erfahren,
wer Amtmann ist. Bernd Oerlsunds Sohn
gebärdet sich, als sei er Herr im Ort.
Mir liefen meine eignen Knechte fort
und höhnten noch, als ich sie halten wollte:
Ob man das Amthaus auch verbrennen sollte.
Der Küster
Das ist das schlimmste Unheil, das ich sah.
Um unsern schönen Pfarrhof ist’s geschehn.
Wer wird den Pfarrer lebend wiedersehn?
Der Amtmann
und schrie, daß mir noch jetzt die Kehle brennt:
Um Jesu willen und der Kirche wegen,
zurück ein jeder, der den Amtmann kennt!
Ein langer Flegel, den ich nicht erkannte,
hob eine Stange, dick, wie Ihr hier seht,
die er mir meuchlings in den Körper rannte.
Ich wäre tot, hätt ich mich nicht gedreht. —
Gelobt sei Gott, der uns die Kirche gab.
Ach, merkt doch gut, was ich gerufen hab’,
daß die Regierung später recht erfährt,
daß ich dem Aufruhr nach Gebühr gewehrt.
Der Küster
Mein Gott, was ändert das am Tatbestand?
Naemi hat die Burschen aufgewiegelt.
Wer gab die Macht in ihre schwache Hand?
Wo führt das hin? Der Satan soll uns schonen.
Wer hätte das von einem Weib geglaubt?
Wir haben sie dem Meere einst geraubt,
nun rächt es sich. Das Meer gebiert Dämonen.
Der Amtmann
es würde leichtes Spiel gewesen sein.
Sie hätten uns den Pfarrer bald vertrieben.
Nun aber plötzlich bilden sich Partein.
Schon kracht die Tür, der Dachfirst loht,
da plötzlich sieht sich Freund von Freund bedroht,
und unterm Tor, im rauchenden Gedränge,
entwickelt sich ein blutig Handgemenge.
Der Küster
warf sich dem jungen Oerlsund blind entgegen,
ganz ohne Waffen, schweigend, totverwegen.
Wo Oerlsund zupackt, schließt das letzte Loch.
Er sank ihm wie ein Toter von der Brust.
Der Oerlsund hat den rechten Griff gewußt.
Herr Gott, wenn ich mir denke, diese Faust
säß’ mir am Halse ... Heiland, wie mir graust!
Der Amtmann
Mir schwankt das Herz in Zorn und tiefem Leid.
Und wo der Himmel, wo die Hölle walten,
erkennt kein Sterblicher mit Sicherheit.
Gewiß ist nur, der Pfarrer wollte leiden,
was trieb sein Herz in Kämpfe und Gefahr?
Ich möchte nicht mit Sicherheit entscheiden,
von welchem Geiste dieser Fremde war.
Der Küster
er säte Zwiespalt, brachte Ärgernis.
Der Amtmann
ist man in Zweifel, darf man Euch nicht fragen.
Doch still! Horcht hin! Die Tür der Sakristei!
Sie haben uns entdeckt. Es ist vorbei!
Der Küster
Die wollen Schutz hier unter unserm Dach.
Das sind nicht Feinde, hört sie draußen heulen.
Wir werden sehn, dort decken uns die Säulen.
Beide ab. Der Pfarrer von Norby und Naemi treten auf, hinter dem Altar hervor, der Pfarrer auf Naemi gestützt.
Arne
sinkt auf den Stufen des Altars nieder
Naemi
Erkennst du mich? Ich bin es, die dich führt,
und was geschah, hab ich, nur ich getan.
Du darfst nicht sterben!
Arne
geschieht mir. Laß nun dein Bemühn,
das du als gut und böse nicht erkannt.
Es ist zu spät, mein Leben floß dahin.
Naemi
auf deine Wunde pressen. — Hilf mir doch!
Du grausam Unerbittlicher am Kreuz!
Arne
Dein Schmerz verdunkelt mir den letzten Traum.
Ich weiß, daß sich mein Dasein nun beschließt.
Hab Dank, daß du mich nicht verließt.
Gerechtigkeit, oh Mutter du im Leid!
Du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,
du ihre Stillung, segne nun mein Teil
am Gut des Guten, das ich unbereit
und ohne Kraft, im nie befleckten Kleid,
empfing und nahm, nach aller Menschen Weise.
Gerechtigkeit, du Ziel der irdischen Reise,
du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,
du ihre Stillung, nun der liebste Teil
der weiten, weiten Hoffnung meiner Seele.
Naemi
und dies gekonnt, erbarmt euch meiner Qual!
Die ich durch dich dies Schreckliche gesollt,
erlös mich, Liebster, noch dies letzte Mal.
Sprich gut zu mir! Mach alles wieder gut,
wie du so oft mein rasches Blut geheilt.
Oh sieh mein Dasein, martervoll zerteilt,
wie es zerstört in deinen Händen ruht.
— Ich war ein Kind, als ich die Augen hob
zu deiner Kraft und deinem großen Wesen.
In deiner Andacht und in deinem Lob
bin ich zu jener Freiheit erst genesen,
der ich vertraute, ohne Recht und Glück,
weil deine Seele sie in mir erschuf.
Nun schlug die Glut auf ihren Gott zurück,
die nicht bestand aus eigenem Beruf.
Oh, sei barmherzig, sieh, mein blinder Haß
war dir zur Ehre, wie einst jede Lust.
Wie meine Liebe, die ohn’ Unterlaß
nur dich und nur von dir gewußt.
Arne
verblichnen Ruhms und überwundner Stärke.
In meinem Herzen war der lichte Glanz
der neuen Zukunft zweiflerisch am Werke.
Nun ist mir so, als ob ein groß und schwer
Vermächtnis an die Menschheit mich bedrückte,
als ob ein Licht von weit, weit her
meine zerbrechenden Kräfte schmückte.
Als müßt ich aufspringen, die Arme empor,
und endlich, endlich alles verkünden.
Und weiß doch nur: Ich wollte finden,
und brach in die Kniee am Tor.
Naemi
Sieh nicht sein Tun, sieh seine Wunden an.
Oh Übermaß, oh tugendlose Glut,
mein höchstes Heil und Elend, du mein Blut,
dich klag ich an, du Strom, der nie geruht!
Der seligsten Gewißheit freies Weinen,
der helle Stolz, von hohem Wert entfacht,
erlischt zerbrochen, klagend, unter deinem,
in meines Schmerzes wilder Übermacht.
Verflucht sei Anspruch, Glut und jene Treue,
die mich erhob im Abglanz meines Rechts.
Verflucht sei meines törichten Geschlechts
Beruf, die ich den eignen Wert bereue.
Arne
Beschwörerin des Todes du in Flammen.
Sein kühles Kleid schließt uns erst ganz zusammen,
erst mit dem Tode führt der Weg hinan.
Der reichen Herzen oft beweintes Glück
bleibt irdisch doch in Schuld und Weh verwoben.
Natur, unwandelbare, dich zu loben,
erleichtert mich, beständiges Geschick!
Du hast den Geist zum Licht emporgehoben.
Wer aber faßt dich, unverführten Sinns,
wer will Gott nennen, noch in dir betrübt?
Wir rühmen traurig, was wir heiß geliebt,
und preisen es als Krone des Gewinns.
Oh Traum der Welt, so lieblich du, so eitel,
wie sank dein Glanz, wenn ich im Geiste lebte.
Da lag des Vaters Hand auf meinem Scheitel,
da war mein Glück so rein, daß ich erbebte.
Erkenntnis du, oh aller Sehnsucht Herz,
du reines Glück, du Liebe ohne Schmerz!
Naemi
Oh, laß mich sterben. Ich bin schuld daran.
Arne
Wo ist dein Sohn, daß du mir ganz vergibst?
Wo ist dein Sohn, daß du mich ewig liebst,
wie eines edlen Weibes Sehnsucht meint.
Oh Heil, oh Gram in deinem Leib und Wesen.
Du Pfad, du blühender, der Wiederkunft.
Berufen du, in Leiden zu genesen,
als Gottes Mutter selige Vernunft!
Triumph im Leid, du Sieg auch über mich!
Du blühst im Licht, oh liebliche Gestalt.
Ach, daß mein Blut dem frohen Sinn entwich,
aus dessen Glanz, mit zwingender Gewalt,
das neue Angesicht des Gottes taut,
der noch so schmerzreich auf uns niederschaut.
Naemi
Du bist in Sicherheit. Oh, sieh auch mich!
Arne
War ich ihr Kind noch, daß sie mich empfängt?
Oh, welche Macht hat mich hierher gelenkt,
die mich zuletzt in diesen Frieden drängt,
als sei er noch mein Erbteil und mein Dank.
Hast du dein Kind zurückgerettet,
du trüber Geist, den ich mit Inbrunst haßte,
daß nun dein Sinken spät noch die erblaßte
und kalte Stirn in seinen Schatten bettet?
Daß mir im Licht der neuen Lebensmacht
der Wert der alten mütterlich erglänze,
daß so die Zukunft die verwehten Kränze
des alten Ruhms dem neuen würdig macht?
Denn nur aus alter Wahrheit blüht die neue!
Erlöser, gib, daß ich sie sterbend schau,
und daß im Scheiden die verirrte Treue
sehend dem neuen Licht vertrau.
Naemi
Wem gilt das Leuchten deines Angesichts?
Arne
zu Christus empor
und haßte, die dein Erbe frech entweihten,
der du, geneigt, den reinen Sinn der Welt
geläutert hast im Licht der Ewigkeiten.
Gekreuzigter, wer krönte dein Erblassen?
Was sah dein Auge, als es einsam brach?
Was litt dein Herz, als deine Lippe sprach:
Warum dich Gottes Herrlichkeit verlassen?
Sei mir geneigt, du, dessen Kraft besteht,
in dessen Wahrheit endlich doch vergeht,
was unsre Armut deinem Wert genommen.
Wenn auch mein armes Lebenswerk verweht,
ist doch dein Reich in mir gekommen.
Du weißt, es gibt kein andres Gericht
in der Welt als das Licht.
Zusammensinkend
da ich es leiblich nicht mehr schau.
Stimmen, Lärm und stürmisches Pochen gegen die Tür der Kirche.
Naemi
Sie stürmen die Kirche, wir sind entdeckt.
Ach, könntest du mich einmal noch erkennen,
daß mich ein letzter guter Blick versteht.
Dein Auge bricht, und deine Lippen brennen,
derweil dein Leib vor Durst vergeht.
Das Kirchentor kracht unter dem Ansturm der Burschen.
Oh, sprich ein Wort. Beweg die Hand!
Sie entdeckt auf dem Altar den Kelch, hebt ihn herunter und setzt ihn dem Sterbenden an die Lippen.
Die Stimme Holgers
von draußen
die nicht mit ganzem Willen schändet!
Stoß zu! Solang der Satan nicht verendet,
hält keiner unserm Ansturm stand.
Eine schreiende Frauenstimme
Eine zweite
Eine dritte
Eine Männerstimme
dazwischen
Hol ihn der Teufel, wenn dein Sohn verreckt!
Die Kirchentür kracht zusammen. Holger tritt auf, gefolgt von den Burschen.
Holger
im Ansturm
Er prallt entsetzt zurück, als er Naemi erblickt, den Kelch in ihrer Hand und den sterbenden Pfarrer am Altar im Licht der Morgensonne, das durch die zerschlagene Tür fällt. Hinter ihm sammeln sich, gehemmt durch ihn, die verwilderten und blutenden Gestalten der Burschen. Männer und Frauen drängen nach. Lärm und Rufe verstummen.
Arne
aufgerichtet
auf fernes Blühn der Berge tun
und über mein Gesicht ...
Herr Christ, laß dein lebendig Blut
auch über mein vergänglich Gut
hinfließen. Laß mich ruhn.
Er stirbt.
Holger
langsam vordringend, zu Naemi, die sich schützend vor die Leiche des Pfarrers stellt
Ist das der Lohn, um den ich redlich stritt?
So sei durch mich der Frevelmut gesühnt,
zu dem dein Schmerz der Liebe sich erkühnt.
War ich ein Tier, ein Narr, ein Ungeweihter,
daß du mein Glühn mit dieser Schmach bedankst?
So freß die Glut, an der du Dirne krankst,
in alle Ewigkeiten an dir weiter!
Holger ersticht Naemi.
Naemi
Laßt mich an seinem Herzen ruhn.
Sie sinkt über die Leiche Arnes und stirbt. Der Amtmann, der Küster treten auf, hinter den Säulen hervor.
Der Amtmann
zu den Burschen, auf Holger weisend
Im Namen des Gesetzes bindet ihn.
Der Küster
Der Amtmann
Gerecht und ernsthaft fügte das Geschick
zu grausem Zeichen, euch, den arg Betörten,
ein rasches Ende. Ungeweihtes Glück
und Schmach der Sünde fällten die Zerstörten.
Holger
vor diesem Schauspiel unerhörter Leiden.
Vernichte mich, den Mörder dieser Beiden,
nach nützlicher Gerechtigkeit der Welt.
Doch schweigen, schweigen soll das arme Recht
der Lebenden, vor solcher Pflicht zum Sterben.
Nur das Erbarmen reicht an ihren Thron.
Erbarm auch meiner dich, o Gottes Sohn,
laß meine arme Seele nicht verderben.
Der Amtmann
Die Burschen dringen auf Holger ein.
Holger
Ende
Anmerkungen zur Transkription
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