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Chapter 31: Siebentes Kapitel.
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About This Book

A collection of compact novellas and anecdotes portrays provincial life and ecclesiastical circles through vivid characterization, ironic observation, and moral seriousness. Narratives pivot on small incidents—a contentious complaint about a clergyman's festive dancing, neighborhood quarrels, and personal misfortunes—that reveal larger social habits, institutional hypocrisies, and human compassion. The prose alternates satirical sketches with sympathetic portraits, balancing humor, sharp psychological insight, and keen attention to local customs and speech. Readers encounter recurring concerns with justice, dignity, and the private struggles of ordinary people, presented in lively, often folkloric storytelling that foregrounds moral ambiguity rather than didactic judgement.

Man sah ihn nicht, doch hörte man sein unregelmäßiges heftiges schweres Atmen, das Klappern seiner Zähne; ihn selbst sah man nicht; es schien, als wenn ihn die Erde verschlungen hätte; er zittert, klappert, atmet unter dem Boden, wie der Schatten Hamlets.

Fünftes Kapitel.

Einige Minuten später entdeckte ich ihn; er saß zusammengekauert auf dem Boden unter meinem Tisch; klammerte sich fest mit den Händen an den Fuß desselben und zwischen den Zähnen hielt er den Rand des roten Tuches, mit welchem derselbe bedeckt war, fest.

Er fühlte sich jedenfalls so sicher hier, wie im Schoße Abrahams.

Er war entschlossen unter allen Umständen hier zu bleiben, und er hätte sich gewiß lieber seine halberfrorenen Finger abhauen lassen, ehe er den Tischfuß, den dieselben umklammerten, freigegeben hätte.

Der Soldat mühte sich ab ihn unter dem Tische wegzuziehen, umsonst: der große schwere Tisch zitterte und wurde gehoben, aber der Jude ließ nicht nach und war nicht wegzubringen, wobei er ohne Unterlaß schrie und klagte.

Mir war dieses alles höchst widerwärtig und ich befahl schließlich den Juden in Ruhe zu lassen, schickte jedoch nach einem Arzte, dessen Hilfe sich indes als unnötig erwies.

Sowie Ruhe eingetreten und ich mich mit ihm allein im Zimmer befand, wurde der Jude still, fing an sich zu rühren und seine Taschen durchzusuchen; eine Minute später schlich er sich langsam, wie ein Wolf im Käfig, zu meinem Tische und legte auf denselben einen Stoß von Papieren, eingewickelt in starkes weiches Umschlagpapier, das von einer, abscheulich nach Nelken riechenden eiterartigen Flüssigkeit durchtränkt war.

Ich muß zu meinem Leidwesen eingestehen, daß ich mich ekelte, diese Papiere in die Hand zu nehmen und sie aufzumachen.

Dieselben enthielten, wie es sich später ergab, nichts anderes als Verträge, welche der Introligator für Rechnung seines Sohnes gemacht hat.

Sohin blieb kein Zweifel übrig, daß dieser Mann Niemand anderer sei, als jener Jude, dessen Bittschrift noch einige Stunden vorher ein so großes Interesse bei mir erregte, daß ich sogar entschlossen war, für denselben einzutreten.

Wir waren uns also bereits näher bekannt.

Ich schickte den Juden nicht weg, sondern ließ ihn ruhig in der Stube sitzen in einer Lage, die ihm die bequemste schien und die er sich selbst gewählt hatte; mit gewohntem Blick überlas ich schnell die übelriechenden Papiere und fand, daß sie alle formgemäß in Ordnung seien, so daß der gemietete Ersatzmann, ein zweiundzwanzig Jahre alter Jude, an Stelle seines Sohnes ohne Anstand zur Stellung zugelassen werden kann, um so eher, als der bedungene Betrag von ein hundert Rubel demselben bereits voll und ganz zugezählt worden war.

Alle Dokumente waren in Ordnung; worin bestand dann das Unglück dieses Menschen? weswegen diese fürchterliche, qualvolle Aufregung, Angst und Verzweiflung, welche ihn fast zum Wahnsinn brachte?

Doch die Not war da, sie war fürchterlich, nicht abwehrbar; der Introligator begriff sie in ihrer ganzen verhängnisvollen Bedeutung.

Der vom Introligator angeworbene Ersatzmann war ein junger, noch nicht großjähriger Jude — gesetzmäßig konnten nur großjährige angeworben werden — aber ein sehr großer Spitzbube.

Er führte mit dem armen Stammesgenossen eine ganz niederträchtig listige, jedoch den Introligator zu Grunde richtende Geschichte auf, so genau berechnet und auf den Buchstaben des Gesetzes aufgebaut, daß gegen dieselbe in formeller Hinsicht nichts gemacht werden konnte.

Weder mir noch dem Introligator kam es in den Sinn eine Persönlichkeit für diese Angelegenheit zu interessieren, welche in der Lage gewesen wäre, durch einen Machtspruch den gordischen Knoten dieser Geschichte durchzuhauen.

Auch ist es mir nicht eingefallen, mich an jene wahrhaft fromme, herzensgute Persönlichkeit zu wenden, welche einen Rechtsspruch fällen konnte, „nicht von dieser Welt“ — eine Entscheidung, nach welcher den weltlichen Richtern nichts anderes übrig blieb, als nur das Urteil des barmherzigen Richters in Ausführung zu bringen, welches derselbe fällte behufs Beseitigung jener jüdischen ränkevollen Ungerechtigkeit, die sanktioniert werden sollte durch den Übertritt zum katholischen Glauben.

Sechstes Kapitel.

Nach dem Gesetze konnte ein stellungspflichtiger Jude nur wieder durch einen Juden ersetzt werden; Christen waren in diesen Fällen völlig ausgeschlossen.

Dadurch erklärt es sich, daß es außerordentlich schwierig war einen Juden als Ersatzmann zu finden, ja es war fast ausgeschlossen, daß sich überhaupt ein Jude zu diesem Zwecke selbst angeboten hätte.

Liebten die Rechtgläubigen den Soldatenstand nicht und trachteten sie, den Dienst nicht ableisten zu müssen, so lief überhaupt der Jude demselben aus dem Wege und durch gute Worte oder einfaches Mieten lockte man ihn schon überhaupt gar nicht.

Im übrigen waren die Vorteile, welche der angeworbene Jude für die ihm angebotene Summe von drei bis vier hundert Rubel gewann, gar zu unbedeutend, da jedes Jüdchen, wenn es von Natur aus nicht gar zu stiefmütterlich behandelt ist, einen solchen Betrag leicht und ohne jede Gefahr und große Mühe auf leichtere Art erwerben kann.

Und die von der Natur stiefmütterlich behandelten eigneten sich überhaupt zum Militärdienst nicht.

Derjenige, welcher einen Ersatzmann suchte, konnte denselben nur in jenen Sphären finden, und unter Leuten, welche heimatlos waren, einen liederlichen Lebenswandel führten und durch ihre Aufnahme beim Militär einer schweren Strafe entgehen wollten.

Derartige Leute fanden sich unter den Juden äußerst selten, sie waren geradezu — weiße Raben.

Dem Introligator gelang es jedoch — zu seinem Glück, oder besser sei es gesagt, Unglück — einen solchen „weißen Raben“, eine Seltenheit zu finden.

Was war das für ein Mensch?

Es war dies in seiner Art ein großer traditioneller jüdischer Geschäftsmacher, welcher im Mietsvertrage die Angelegenheit so zu drehen verstand, daß er nicht nur seinen Nächsten — die ihn mietenden Juden — vollständig zu Grunde richtete, sondern auch den Glauben profanierte und dem Gesetze selbst eine Nase drehte.

Und was die Angelegenheit noch interessanter machte war, daß er dieses alles unter den Augen und Mithilfe einer hochstehenden Persönlichkeit durchführen und eine neue, bis dahin nicht bekannte, aber außerordentlich günstige Art, sich über den katholischen Glauben und das Gesetz lustig zu machen, einführen wollte.

Dieser Lump war ein Damenschneider-Gehilfe des Meisters Davidek, welcher zu jener Zeit für Kiev das war, was Worth für Paris, ein Schneider für die „elegante Welt“.

Wegen Ungehörigkeiten jagte Davidek den Gesellen davon und die Polizei wies ihn aus.

Ohne Beschäftigung strolchte und bettelte der Geselle aus einer Stadt der „goldenen Ukraina“ in die andere, fiel schließlich in die Hände des Introligators zu jener Zeit, als dieser den heftigsten Kampf um sein geraubtes Kind kämpfte; der Vertrag wurde beschlossen, nicht aber einfach geschlossen, wie dies bei getauften Leuten der Fall zu sein pflegt, sondern mit in voraus berechneter böser Absicht, mit Hintergedanken, welche jedoch der Schneider solange für sich geheim hielt, bis sich ihm Gelegenheit bot offen zu handeln.

Das Nichteinhalten derartiger Verträge, war nichts seltenes, da diese gewöhnlich ohne Mitwirkung der Gerichte errichtet, deshalb meistenteils Formfehler besaßen, die im vorkommenden Falle das Dokument ungültig machten — derartige Umgehung der Gesetze lag im Blute der Juden, welche ohne sie nicht leben konnten.

Der Introligator, welcher sich in höchster Aufregung befand, um so mehr als die Angelegenheit keinen Aufschub erlaubte, sondern ein rasches Handeln forderte, mußte in alle Forderungen seines Mietlings einwilligen.

Er verkaufte sofort um zwei hundert Rubel sein Häuschen mit allem Zubehör und für drei hundert Rubel verpflichtete er sich bei einem reichen Juden jahrelang zu arbeiten.

Mit einem Wort, er war gebunden an Händen und Füßen, nach allen Seiten hin, während der angeworbene Schneider drei hundert Rubel in die Hand ausgezahlt erhielt, ohne einen Gegendienst geleistet zu haben.

In aller Eile wurden die nötigen Dokumente aufgeschrieben und der Introligator schickte mittels Post jenes Bittgesuch ab, dessen ich bereits früher erwähnte; er selbst folgte mit dem angeworbenen Manne und den übrigen Dokumenten nach.

Nun aber brach erst das Unglück über den Mieter herein.

Nur bis zur Unterschrift und Annahme des Geldes konnte es der Angeworbene kommen lassen, weiter gehen konnte und durfte er nicht, wenn er seine Freiheit bewahren wollte; er durfte deshalb seine Karten nicht aufdecken.

In der unmittelbarsten Nähe von Kiev verschwand er plötzlich aus der jüdischen Herberge.

Als der Jude bis zu dieser Stelle in seiner Erzählung kam, da heulte er auf und verlor fast völlig die Sprache, so daß er nur mit schwerer Anstrengung das Ende der Geschichte erzählen konnte.

Während der Zeit, als der Introligator über den Ankauf von Lebensmitteln handelte, was überhaupt nur wenige Minuten in Anspruch nahm, verlor er den angeworbenen Ersatzmann aus dem Gesichte, während dem lief der Schneider zu dem gegenüber der Herberge wohnenden Balagul,[5] mietete, ohne zu handeln, einen Viererzug junger, leichter Pferde und und fuhr mit aller Geschwindigkeit nach Kiev um — sich taufen zu lassen.

Ein fürchterlicherer Schlag konnte den Introligator nicht treffen, als das Verschwinden des angeworbenen Schneiders, denn durch dessen Flucht wurden nicht allein seine Hoffnung, sondern auch seine Pläne zerstört; er war bestohlen, betrogen, und wie man zu sagen pflegt, ihm wurde die Gurgel ohne Messer durchgeschnitten.

Sein Kind ging ihm verloren, ebenso wie ihm sein geringes Hab und Gut verloren gegangen, denn schon die Äußerung des Wunsches sich taufen zu lassen, hob alle mit dem Introligator abgeschlossenen Verträge auf; der Schneider wurde seiner übernommenen Verpflichtung, sich an Stelle des Knaben anwerben zu lassen los und ledig; der Wunsch sich taufen zu lassen, setzte jeden Juden, so auch den Schneider, unter den besonderen Schutz orthodoxer Gesetze.

Es war mir klar, daß in dieser Angelegenheit jeder Versuch einer Einmischung vollständig aussichtslos ist; ich konnte sehr leicht den grenzlosen Schmerz und die Qualen des Erzählers dieser traurigen Geschichte begreifen, aber ich sah auch weiter ein, daß hier, wer es auch sein mag, keine Hilfe bringen und keine Änderung zu Gunsten des Juden hervorzurufen vermag.

In dieser Angelegenheit gab es noch andere Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden und zu entfernen, welche nur jener begreifen konnte, der den höheren gesellschaftlichen Kreisen nicht ganz ferne stand.

Der Introligator teilte mir weinend mit — wobei er seinen Lapserdack[6] zerriß — daß er den Schneider lange in „Weißkirchen“ gesucht habe.

In Begleitung von verschiedenen Mischurisamen eine jüdische Herberge nach der anderen nach seinem Flüchtling absuchend, wobei ihm absichtlich falsche Angaben gemacht wurden, verlor er unnütz in dieser Weise einen ganzen Tag.

Erst als der Introligator Kiev erreichte, verfiel er auf die mit dem Fuchsschwanze weggefegte Wolfspur des Chabar, welcher gemütlich hinter den Klostermauern saß und sich zur Taufe vorbereitete.

Es lag klar zu Tage, der Spitzbube hatte die Absicht seinen Kontrahenten ungestraft zu betrügen und zu Grunde zu richten, das Mittel zur Erreichung des Zweckes sollte die Taufe sein.

Um dem Schneider gegenüber den Beweis zu führen, daß durch den Übertritt zum Katholizismus der Taufakt der Kirche nur mißbraucht und profaniert werde, dafür hatte man keine Beweise an der Hand.

Außerdem war Recht und Gesetz an der Seite dieses „Katechumen“, der noch weiter unterstützt wurde durch mächtige Personen, welche zu jener Zeit mehr galten als das Gesetz selbst.

Der schlaue Jude, welcher ein Jahr lang bei dem Kiever Wirt arbeitete, eignete sich einige Kenntnisse über den Einfluß und die Schwächen einiger hochgestellten Personen in Kiev an, welche in Folge ihrer amtlichen oder gesellschaftlichen Stellung große Macht besaßen.

Eine solche mächtige und einflußreiche Persönlichkeit war die Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürsten Hilarion Hilarionovič Vasilčikov, Fürstin Katharina Aleksejevna (geborene Fürstin Ščerbakov), derer ich bereits früher erwähnte.

Sie war zu jener Zeit für die Ausbreitung des Christentums so sehr eingenommen daß sie sich viele Mühe gab, dasselbe durch den Übertritt Andersgläubiger zu mehren.

Wie es aber in der Mehrzahl derartiger Fälle, Vorsätze und Einrichtungen vorzukommen pflegt, namentlich wenn sie von Damen der hohen Aristokratie und sonstigen Damen der eleganten Welt begonnen und poussiert werden, ist das Resultat ein außerordentlich klägliches; es fehlt an dem nötigen Ernst, praktischer Erfahrung, andauernder Tätigkeit, ohne welche alle derartigen Unternehmungen stets mehr Schaden als Nutzen bringen.

Es ist dies etwas Verhängnisvolles, eine Art Ironie des Schicksals!

Die Religiosität der Fürstin äußerte sich in anderer Weise als bei den jetzt lebenden Damen der höheren Gesellschaftskreise, welche den inneren Glauben nach außen sichtbar machen wollen ohne viel Opfer, Einschränkung und sonstige Änderungen ihrer Gewohnheiten bringen zu müssen; die Religiosität der Fürstin Katharina Aleksejevna war anderer Art, sie war kennbar an ihren Taten, so daß eigentlich der Verfasser des sehr lehrreichen und interessanten Buches „Versuch über Einkommen und Eigentum unserer Klöster“ jedenfalls verpflichtet gewesen wäre, der Fürstin, als Förderin des Wohlstandes der Klöster und ihrer Vermehrung, die erste Stelle anzuweisen.

Es ist Tatsache, daß die Fürstin Vasilčikov mehr Klöster errichtet und gegründet hat als die Fürstin Anna Aleksejevna Orlov und andere adelige Damen.

So gründete sie unter anderen ein sehr bekanntes Kloster in der Nähe von Kiev, welches, Dank der Freigebigkeit und Sorge der Fürstin, über sechsunddreißig Werst Land außer sonstigen Renten verfügt, worüber jedoch in dem Buche von Rostislav, dessen ich vorerwähnte, nichts zu finden ist.

Aber schon früher, vor der Zeit, ehe sich die Fürstin mit der Errichtung neuer Klöster zu beschäftigen anfing, namentlich noch vor der Rekonstruierung des Klosters des „alten Jonii“, machte sie sich in Kiev als große Philanthropin bekannt.

Unter ihrem Protektorate wurden Wohltätigkeits-Bälle, Soiréen, Theater, Maskeraden, Concerte u. dgl. mehr oder minder angenehme Unternehmungen veranstaltet; nach dieser Richtung hin entwickelte sie einen außergewöhnlichen Eifer, dem man jetziger Zeit nicht solche Bedeutung mehr zuschreibt als dies ehemals der Fall war.

Gleichzeitig mit dem Streben, Sorge, Not und Elend aus den Einkünften der verschiedenen Lustbarkeiten und Unterhaltungen zu lindern, bemühte sich auch die Frau Fürstin um Sittenverbesserung und Verbreitung des Christentums.

Im letzteren Falle war die Fürstin, wie ich anzunehmen guten Grund habe, origineller und kühner, unternehmender, als der übrige gesamte hohe Adel in Petersburg, weil sie in Folge der Stellung ihres Gemahls, als General-Gouverneur, schon an und für sich ein gewisses Ansehen und Macht besaß, vor welchem sich sehr viele beugten, ja sogar sich fürchteten, die meisten aber verfolgten das Gebaren „ihrer Fürstin“ sehr aufmerksam, hatten aber oft Ursache über das Treiben derselben und ihres Anhanges den Kopf zu schütteln.

Nach dem Coelibat, welches zur Zeit des Bibikov’schen Regimentes im General-Gouvernements Hause herrschte, war der Einfluß einer Frau, welche sich nach keiner Richtung hin etwas zu versagen brauchte, ein ganz bedeutender, namentlich unterwarfen sich demselben fast alle Damen der höheren Stände.

In der ersten Zeit besaß alles einen Anschein und Anstrich von Frische und Lebhaftigkeit, es schien, daß dadurch wirklich etwas nutzbringendes erzielt wird, doch diese Ansicht dauerte nicht lange, und man fing alles dieses von anderer Seite zu betrachten an und darüber sich zu äußern.

Die Fürstin selbst aber war so sehr von der Nützlichkeit und Wohltätigkeit ihrer Mission überzeugt, daß sie sogar, um die Leute sittlich zu bessern, die Bewohnerinnen der „Zufluchtstätte der heiligen Maria Magdalena zur Bekehrung gefallener Mädchen“ an Soldaten — verheiratete.

Dadurch sollte diesen Frauenzimmern die Rückkehr zum unmoralischen Lebenswandel abgeschnitten werden.

Die Fürstin nahm tätigen Anteil an dem Zustandekommen derartiger Ehen und interessierte sich sehr für dieselben; die Bräute wurden von ihr so reichlich ausgestattet, daß eine solche Heirat auf Soldaten eine besonders große Anziehungskraft besaß, und sie sich beeilten eine „Magdalenerin“ zu ehelichen.

Ein solches Mädchen erhielt nicht nur für ihre Verhältnisse reichlich Kleider und Wäsche, sondern auch ein hundert Rubeln, welches letztere für den Soldaten mehr Wert hatte, als die Rückkehr auf die Bahnen der Tugend seiner Braut und nachmaligen Frau.

Hatten die Neuvermählten die Fürstin durch ihre Hochzeit erfreut, teilten sie sich gewöhnlich um das erhaltene Heiratsgut, dann schieden sie in Frieden und Einigkeit von einander und jeder ging danach seines eigenen Weges.

Darüber kursierten in Kiev verschiedene höchst pikante Anekdoten.

Die „Hunde“ suchten ihre früheren Hütten auf, die Sittenlosigkeit und Liederlichkeit wurde jedoch nicht mehr aus eigenem freien Willen ausgeübt, sondern im Einverständnis und mit Bewilligung des ehelichen Gemahles.

Es sind Fälle vorgekommen, daß der Soldat sofort nach der Trauung, noch vor dem Hochzeitsmahle, seine junge Frau dem Brautführer verkaufte.

Als Brautführer figurierten nicht selten „hochgeborene Herren“ und zwar aus dem Grunde, um von der Fürstin „gesehen“ zu werden.

Man konnte eigentlich dem in dieser Art und Weise verheirateten Soldaten es nicht übel nehmen, daß er seiner angetrauten Gattin los und ledig zu werden trachtete.

Was sollte dem Soldaten eine Frau, welche zu arbeiten nicht verstand und zu hungern nicht gewohnt war?

Gewöhnlich heiratete der Soldat eine „Magdalenerin“ geradezu auf Befehl seiner Vorgesetzten, namentlich dann, wenn es der Frau Fürstin beliebte, wieder einmal eine „Magdalenen-Hochzeit“ in Szene zu setzen; der dazu bestimmte Soldat unterwarf sich ohne Murren, stillschweigend und in sein Schicksal ergeben diesem Wunsche.

Man konnte es deshalb nicht dem Soldaten verargen, wenn er sich sofort von einem Weibe lossagte, welches gewohnt war auf den Knien eines reichen Offiziers sitzend, „Butterbrot zu essen und süßen Wein zu trinken“, diese aber wählte wiederum einen Weg, welcher ihr am besten gefiel, ein Leben, welches sie früher schon führte und wo sie am leichtesten und raschesten jene Summe Geldes verdienen konnte, welche sie vertragsmäßig ihrem Manne zu entrichten hatte dafür, daß er ihr die Bewilligung gab, so und dort zu leben, wo sie wollte.

Das waren die Resultate der Sittenverbesserungs-Spielerei; schließlich fand man auch dieses langweilig und abgeschmackt und bekümmerte sich nicht weiter um dieselbe.

Etwas länger dauerte die Proselytenmacherei behufs Bekehrung der Juden zum Christentum, obzwar auch hier verschiedene Seltsamkeiten unterliefen.

Den Eifer der Fürstin nutzte am meisten der Auswurf der jüdischen Gesellschaft aus, charakterlose, böse und bösartige, nach jeder Richtung hin verdorbene, verderbte Leute, Diebe und ähnliches Gesindel, welches sich taufen ließ, um manche Missetat, von ihnen angestellt, dadurch zu decken und in Vergessenheit zu bringen.

Leute, welche unter ihren eigenen Stammesgenossen keinen Schutz mehr fanden, waren so demoralisiert, daß sie eine Religion wechselten, wie man einen Rock zu wechseln pflegt.

Zu diesen Leuten gehörte auch der von dem Introligator angeworbene Ersatzmann, der sich ebenfalls die von anderen angewendete Praxis zu eigen machte, die Fürstin dadurch auszubeuten, daß er sich zur Taufe meldete; einmal getauft, konnte ihm Niemand mehr etwas anhaben, selbst dann nicht, wenn er früher schon — als Jude — in irgendeiner Weise das Gesetz überschritten und verletzt hätte.

Diese Ansicht hatte ihre volle Berechtigung.

Man war zu jener Zeit allgemein (und nicht allein unter den Juden, sondern unter den Rechtgläubigen und der „hohen“ Gesellschaft in Kiev) davon überzeugt, daß nicht das geschieht, was der Fürst befiehlt, sondern das, was die Fürstin wünscht.


[5] Besitzer von Mietswagen.

[6] Lapserdack ist ein kurzer Rock mit einer genau bestimmten Anzahl von Bändchen und Fransen benäht. Die Talmudisten tragen diese „jüdische Montur“ unter dem oberen langen Rock.

Siebentes Kapitel.

Der jüdische Schneidergeselle, welcher sich anwerben ließ, um Soldat zu werden, war ziemlich gut über die in Kiev herrschenden Verhältnisse unterrichtet.

Diese Kenntnis wollte er nicht nur für seine eigenen Zwecke ausnützen, sondern auch dabei gleichzeitig den Introligator ungestraft zu Grunde richten.

Sein Plan war vorzüglich ausgedacht.

Während der Introligator die bekannte Bittschrift verfasste, in welcher er bat, mit der Einstellung seines Sohnes solange warten zu wollen, bis er mit dem Ersatzmanne ankomme, schrieb der Schneider einen herzbrechenden Klagebrief an die in Kiev allgemein bekannte Baronesse B., welche — nach außen hin — eine außergewöhnliche Frömmigkeit zur Schau trug.

Der listige Jude schilderte in lebhaften Farben, wie er von seinen Stammesgenossen verfolgt werde, was er leiden müsse, daß seine Geduld bereits erschöpft sei und er sich entschloß unter die Soldaten zu gehen; wie er aber plötzlich erleuchtet wurde, wie ihm jene Wohltaten, welche nur hochgeborene Christen auszuüben pflegen, namentlich jenen, die sich entschlossen haben, den wahren Weg des Christentums zu wandeln in Erinnerung gekommen seien; er habe deshalb beschlossen, sich — taufen zu lassen.

Er rechnete weiter, daß, wenn es ihm gelingt dem Introligator noch vor seiner Ankunft in Kiev zu entlaufen, er bei seiner Ankunft dort Gönner finden wird, die ihn vor dem Verfolger schützen werden dadurch, daß sie ihm einen Aufenthalt in irgend einem Kloster vermitteln, so lange, bis er die heilige Taufe empfangen habe.

Sollte ihm sein Fluchtplan nicht gelingen, so hatte er schon auch nach dieser Richtung hin Vorkehrungen getroffen, indem er in dem Briefe die Baronesse bat, ihn schützen zu wollen, und dahin ihm behilflich zu sein, daß er so rasch wie tunlich getauft werde und so Aufnahme finde in der christlichen Gemeinschaft, nach welcher er sich so sehr sehne.

Der Jude bat weiter die Frau Fürstin Katharina Aleksejevna mit seinem Wunsche bekannt zu machen, auf deren religiösen Eifer er alle seine Hoffnungen baue.

Dieser Brief gab der Baronin Vorwand bei vielen gewichtigen und einflußreichen Persönlichkeiten vorzusprechen, wobei sie Gelegenheit fand ihre Religiosität und ihren Eifer für die Ausbreitung des Christentums ins hellste Licht bringen zu können und leuchten zu lassen; namentlich fand sie bei der Fürstin sofort die tatkräftigste Unterstützung und die Erlaubnis in diesem Falle im Namen der Fürstin bei allen jenen Personen dasjenige zu erwirken, was sich als nötig erweist.

Dieser Auftrag bezog sich hauptsächlich auf jene, denen die Fürstin keine Befehle erteilen konnte; diejenigen, welchen sie befehlen konnte, kamen gar nicht in Betracht.

Mit einem Wort, ehe der Tag zu Ende ging, hatte die Baronin alles, was ihr zum Schutze des Juden nötig erschien, vorbereitet, so daß derselbe nach seiner Ankunft in Kiev es nur nötig fand, bei dieser oder jener Person, welche von dessen Ankunft und Plänen unterrichtet war, vorzusprechen, um — geschützt und gerettet zu sein.

Besseres konnte sich der Jude auch gar nicht wünschen; außerdem haben auch andere Umstände zu seinen Gunsten gewirkt, daß er nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Teil seines Programmes in Ausführung bringen konnte, d. h. es gelang ihm, seinem Kontrahenten entlaufen zu können, während dieser einen Tag durch nutzloses Suchen und Nachfragen in den berüchtigten jüdischen Herbergen Weißkirchens verlor, in diesem nach Berdičev größten, von Juden bevölkerten Orte mit seinen zahlreichen berüchtigten und gefürchteten Jüdenschenken.

Ehe der durch furchtbare Schicksalsschläge zerschmetterte und fast sinnlos gewordene Introligator in Kiev ankommen konnte, in einer Stadt, wo er zu seinem Unglück überhaupt niemanden kannte und auch nicht wußte, an wen er sich wenden sollte und könnte, saß sein Flüchtling, geschützt von hochgestellten Persönlichkeiten, hinter Klostermauern, ließ sich schmackhaft zubereiteten Fisch schmecken und ruhte in der warmen Zelle eines Mönches von der während seiner Flucht erlebten Aufregung aus.

Dieser Mönch war beauftragt, den Juden in so kurzer Zeit als möglich zur Taufe vorzubereiten.

Der Introligator, welcher mir unter Weinen und Wehklagen diese ganz eigentümliche Geschichte erzählte, teilte mir auch mit, wie er es erfuhr, wo sich der Lump gegenwärtig aufhalte.

Er erzählte, wie viele Groschen und wo er sowohl an geistliche wie weltliche Personen gezahlt habe, wie er in einer aufgelassenen Lehmgrube bald ertrunken und in einer Ziegelei fast verbrannt wäre, wie er auf eine unerklärbare Art und Weise in eine Klosterbäckerei geriet; er erzählte dies alles lebhaft, plastisch und doch bei allem dem gleichzeitig außerordentlich rührend und gleichzeitig lächerlich; man war sich überhaupt darüber nicht klar, sollte man über seine Erzählung lachen oder weinen.

Während dieser Zeit, als der Introligator, vor meinem Tische stehend, seine Geschichte erzählte, dabei weinte, ächzte, seinen zerlumpten Rock zerriß, fühlte weder ich noch irgend einer von meinen Beamten Lust über den Juden zu lachen oder sich über denselben lustig zu machen.

Wir alle — bei unserer unglückseligen Angewohnheit und Abhärtung gegen ähnliche Ausbrüche von Gram, Klage und Marter — waren, wie es schien, völlig niedergeschmettert durch den Ausbruch des grenzenlosen Leidens und Schmerzes des Juden, welcher tatsächlich blutigen Schweiß bei diesem Armen hervorrief.

Ja, diese schlechtriechende Flüssigkeit, mit welcher die vor mir liegenden Papiere durchfeuchtet waren, war nichts anderes als der „blutige Schweiß“, welchen ich in meinem Leben nur ein einzigesmal, und zwar nur in diesem Falle mit eigenen Augen zu sehen Gelegenheit hatte.

In dem Maße, als dieser lebend nicht erfrorene und lebend nicht verbrannte Jude in der Stubenwärme auftaute, schien seine Stirne mit den an diese angefrorenen Haaren, seine krampfhaft zusammengeballten Hände, seine unter dem Lapserdack offen liegende Brust — wie mit feinen Wunden bedeckt, aus welchen eine rote Feuchtigkeit austrat, wie jene ersten Tropfen der Flüssigkeit von roten Beeren, welche man beim Auspressen aus den Poren eines Leinwandstückchens heraustreten sieht.

Doch die feinen rosigen Tropfen auf der Menschenhaut zu sehen, war fürchterlich!

Wer niemals Gelegenheit gehabt „blutigen Schweiß“ zu sehen und derer dürfte es gewiß außergewöhnlich viel geben, um so mehr, als die Möglichkeit des Vorkommens eines solchen Schweißes geleugnet und in Abrede gestellt wird — diesen allen kann ich sagen, daß ich selbst, mit eigenen Augen solchen blutigen Schweiß tatsächlich gesehen, und daß dieser Anblick unbeschreiblich fürchterlich ist.

Diese rötlichen, moosbeerensaftfarbigen Tröpfchen und Flecke an der Brust dieses Juden stehen noch heutigen Tages unverwischbar, deutlich und klar vor meinen Augen, und mir kommt es vor, als wenn ich durch dieselben das offene Herz dieses zermarterten Mannes gesehen hätte — das Herz eines Vaters, welches für sein eigenes Blut, seinen Sohn, die größten Qualen und Marter aushält, nur um diesen, seinen Sohn, retten zu können.

Ich behaupte nochmals, das, was ich gesehen, war fürchterlich!

Die üppigen blonden Haare der letzten Königin Schottlands, gebleicht in der kurzen Spanne Zeit, in welcher die „Gentlemen“ die letzte Toilette derselben machten und sie an den Richtblock banden, diese Minuten der Angst der unglücklichen Königin konnten für diese nicht schrecklicher sein, als jene Stunden eines Vaters, der seinen Sohn retten kann und dabei blutigen Schweiß schwitzte.

Unwillkürlich erinnerte ich mich des blutigen Schweißes jenes großen Lehrers, welcher für die Sünden unserer Väter und für unsere eigenen sein Blut auf dem Kreuze vergoß und mein eigenes Blut flutete in vollem aufgeregtem Strome vom Herzen durch die sämtlichen Gefäße meines Körpers, es rief in meinen Ohren ein so heftiges Sausen und Brausen hervor, wie ich solches weder vor noch nach je empfunden habe.

Alle meine Gedanken, all’ mein Fühlen erlitt geradezu etwas ungewöhnliches, eigenartiges, noch nie dagewesenes, neben dem traurigen, schmerzlichen, drückenden gab es zu gleicher Zeit etwas angenehmes, liebliches.

Es schien mir, als wenn ich keinen gewöhnlichen Menschen, sondern ein blutiges historisches Symbol vor mir sehen würde.

Aufrichtig gestanden, ich war zu jener Zeit nicht ganz fremd einem gewissen Mystizismus, den ich auch jetzt nicht in Abrede stelle, da ich mir (die Herren Theologen um Verzeihung bittend) den Glauben ohne Mystizismus nicht vorstellen kann.

Unter dem Eindrucke des eben Erlebten und auch geradezu unter Einwirkung des sich stärker fühlbar machenden Mystizismus fing sich etwas eigenartiges, etwas geheimnisvolles, unbegreifliches in meinem Kopf und Herzen zu regen, etwas, was mit meiner gegenwärtigen Beschäftigung sich gar nicht in Einklang bringen ließ.

Die Geschichte, in welcher sich das Böse mit dem Guten, das Tragische der väterlichen Liebe und Sorge um seinen Sohn, sein liebes Kind und religiöse Fragen durch- und zwischeneinander mischten; die rohe Einrichtung in dem großen, halb dunklen, schlecht beleuchteten Saale, dessen Wände Meere von Tränen über für immer verloren gegangene Kinder gesehen haben; diese zwei Kerzen, welche das durch seelische Qualen, Angst und Sorge schmerzlich und krampfhaft verzerrte Gesicht des altbiblischen semitischen Individuums beleuchteten; dieser Ruf nach: „Jeschu! Jeschu Hanozri!“ — nach seinem Sohne — „oh! gibt ihn mir, meinen Sohn, zurück“ — „gebet ihn mir!“ — ...: alles dieses erschütterte tief meine Seele und entriß mich geradezu der Gegenwart und der Wirklichkeit!

Ich empfand ein ganz unbestimmtes, eigentümliches Gefühl, eigenartige Gedanken durchschwirrten meinen Kopf, in gleicher Weise, wie solche Bischof Theofan mit großer Meisterschaft in seinen Briefen über „das geistige Leben“ beschrieben hat.

Von jetzt ab hat das Herz Übergewicht gefunden über den Verstand.

Er tat es mir an, dieser verzweifelnde Vater, mit dem blutigen Schweiße und dem offenen Herzen — ein Mensch aus jenem Stamme, der auf sich nahm das Blut jenes großen Erlösers, dessen Namen „Jeschu!“ er in seiner Angst anrief und den er um Rettung aus dieser schweren Lage bat! ... wer kann es erklären, welche geheimnisvolle Kraft ihn dazu trieb den „Hanozri“ um Hilfe in der Not zu bitten?

Meine überspannten Nerven arbeiteten so, daß es mir schien, in diesen dem Staate gehörenden Räumen gehe etwas vor, was gegen den Staat gerichtet ist.

Hörte vielleicht Er die Klagerufe eines Vaters nach seinem Sohne und des Sohnes nach dem Vater? — Sah’ Er bereits das zerrissene Herz des aufgeregten Juden? — geht Er ihm bereits schon mit ausgebreiteten Händen entgegen, um ihn in diese zu schließen und ihm Hoffnung, Trost und Erlösung zu bringen? —

Darüber vergaß ich dem armen Juden den einzigen zum gewünschten Ziele führenden Rat zu geben, sich und seinen Sohn — taufen zu lassen!

Und in der Tat! wer und was hinderte ihn dieses zu tun, um so mehr, als er, der Vater „Jeschu Hanozri“ zur Hilfe rief, in diesem Augenblicke auch dem Erlöser näher stand, als jener Aussätzige, jener Lump, welcher sich vornahm über die Religion durch die Taufe sich lustig zu machen, sie zu profanieren und solche in den Augen seiner Stammesgenossen lächerlich zu machen.

Was würde daraus entstanden sein, wenn der Jude meine Gedanken erkannt und in Ausführung gebracht hätte?

Ein ungewöhnlicher, noch nie dagewesener Fall in der administrativen Gerichtspraxis, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach den Anstoß zur gründlichen Revision des bestehenden Gesetzes Anlaß gegeben hätte.

Einen anderen Ausweg zu seiner und seines Sohnes Rettung sah ich nicht ...

Aber ich vergaß Den, ohne dessen Willen kein Haar fällt vom Kopfe eines Menschen, ich vergaß Jenen, dessen Macht größer ist und herrlicher als jene sämtlicher Herrscher der Welt, die sich vor Ihm beugen müssen.

Mir ist gar nicht eingefallen, daran zu denken, daß dieser Jude, welcher den Namen „Hanozri“ so angstvoll und aus voller Seele anrief, diesen Namen beschimpfen und das Geheimnisvolle des heiligen Taufaktes lächerlich finden könnte, wie sich sein Ersatzmann zu tun vornahm.

Alles dieses und vieles andere durchschwirrte mein Kopf, um aufzutreten und auch sofort zu verschwinden.

Es wurde mir im Kopfe so schwer, es drückte wie Blei auf mein Gehirn; meine Gedanken wollten nicht in Weite fliegen, sondern sie trachteten, ähnlich einem naßgewordenen Vogel, sich unter dichtes Gebüsch und tiefen Schatten zu verbergen — ich sprach kein Wort — und tat wohl daran!

Möglicherweise wäre mein Rat nicht an die richtige Stelle zur richtigen Zeit gerichtet gewesen und ich wäre dadurch der Möglichkeit beraubt worden, einen Vorfall sehen und miterleben zu können, welcher die Machtlosigkeit der Menschen und die Erscheinung der göttlichen Vorsehung zu deutlicher, sichtbaren Äußerung brachte.

Achtes Kapitel.

Nicht mein Herz, aber mein Verstand riet mir zu schweigen und nicht selbst tätig einzugreifen in eine Sache, welche nur der Herr des Lebens regeln und zum glücklichen Ausgang führen konnte.

Ebenso war es nicht meine Sache zum Leben rufen zu wollen einen Stamm, den das Schicksal niedergeschmettert hatte.

Wie das Glied dieses Stammes zum neuen Leben erweckt wurde ... das geschah später ... viel später, und unter Verhältnissen, die niemand vorhersehen konnte zu jener Zeit, von welcher ich jetzt erzählen werde.

Instinktiv fühlte ich, daß das, worüber wir uns so sehr aufregten, ein gutes Ende nehmen werde.

Mein Verstand lispelte mir zu nur ruhig zu sein, sich nicht aufzuregen über etwas, dessen Ausgang im voraus bestimmt ist; denn was geschehen soll und werde, sei voraus bereits bestimmt, weshalb ich nichts unternehmen soll, damit das Bestimmte nicht gestört werde und erfolge.

Vor allem sei Ruhe! — Ruhe! — nötig!

Um diese Ruhe zu erzielen, welche durch fortgesetztes Weinen, Seufzen, Wehklagen, Heulen des Juden gestört wurde, zu finden, stand ich, ohne ein Wort zu sprechen, auf, ging in den Vorsaal, zog meinen Pelz an und fuhr nach Hause, ohne mich um den Juden weiter zu kümmern.

Dieser mein Entschluß dürfte manchem ganz unbegreiflich vorkommen — möglicherweise wollte ich dem Schauspiele entgehen, das sich meine Beamten früher oder später mit dem Juden erlauben werden — doch dem war nicht so.

Warum ich in dieser Art vorging, ist mir selbst unbegreiflich und kann ich es mir auch heutigen Tages nicht erklären, aber mein Herz und auch mein Verstand sagten, daß dieses das beste sei, was ich tun könne.

Wie heute sehe ich noch in meinem Gedächtnisse jene klare frostige Mitternacht mit dem hoch am Himmel das schöne Kiev beleuchtenden Vollmond.

Zu jener Zeit war Kiev eine patriarchalische Stadt, denn „Chateau des Fleurs“ und andere Lokale ähnlichen Genres tauchten erst zu jener Zeit auf, als Anenkov das Palais des General-Gouvernements bewohnte.

Zu der Zeit, als ich vom Amte nach Hause fuhr, war bereits Ruhe und Stille eingetreten in Kiev; sie schliefen bereits, die Einwohner dieser großen historisch merkwürdigen Stadt; von hohem Turme des Klosters vernahm man die in langen Zwischenräumen zum Frühgottesdienste einladenden Glockenlaute.

Mein kleines, durch langes Stehen in dieser frostigen Nacht hart mitgenommenes Pferdchen, lief so rasch, daß der kleine Kutscher Mathias, Leibeigener von meinem Gute im Orlover Gouvernement, dasselbe kaum zu zügeln vermochte.

An der Straßenbiegung beim „Kaisergarten“ huschte auf einmal etwas an uns vorüber — ein Mensch und doch kein Mensch, Hund und doch kein Hund oder ein ähnliches Tier — worüber mein etwas scheues Pferdchen erschrak und auf die Seite sprang, daß sowohl ich wie mein Kutscher nahe daran waren, aus dem Schlitten herausgeschleudert zu werden.

Dieses etwas verfolgte uns den ganzen Weg, bald huschte es vor, bald hinter dem Schlitten, bald verschwand es im Schatten oder sprang und lief vollbeleuchtet vom Monde neben uns; plötzlich läuft es bei einer Biegung über die im vollen Mondeslichte hell erleuchtete Straße, so nahe an dem Pferde vorüber, daß dieses wiederum scheute und uns bald aus dem Schlitten geworfen hätte.

Ich konnte mir nicht erklären wer? oder was? dieses etwas sei, nur sah ich, daß dasselbe auch hier sei, als das Pferdchen vor meiner Wohnung stehen blieb ...

Was war dieses etwas?

Das war wieder er, mein Introligator, mit denselben krampfhaft verzerrten Gesichtszügen, demselben deutlich sichtbaren blutigen Schweiß auf der offenen Brust ... ihn fror es nicht, das Herz brannte und wärmte ihn!

Er weinte und jammerte nicht; aber er verließ mich auch keinen Augenblick, gleich meinem Schatten hing er sich an meine Fersen; er lief nicht weniger rasch als mein Pferdchen.

Wohin mit ihm? ...

Wegjagen? ... das wäre zu grausam; ihn in die Wohnung lassen? ... wohin soll das führen? ... was soll daraus werden? ...

Ich sagte schon früher, daß ich für ihn nichts tun konnte; er wurde mir bloß lästig ... und dabei — zu meiner Schande sei es gesagt — ich ekelte mich vor ihm ... er roch so höchst widerlich nach diesem blutigen Schweiße!

Ich konnte mich weder zu dem einen noch zu dem anderen entschließen ... und er — mir immer nach, gleich dem eigenen Schatten ... immer nach ... ging ich ins andere Zimmer, er hinter mir ...

Jedenfalls war ihm von der Vorsehung der Weg vorgeschrieben, und ich beschloß, um diese Kreise nicht zu stören, ihn mit Tee warm zu machen und dann in der Küche schlafen zu lassen.

Ehe ich jedoch meinem Diener die nötigen Befehle geben konnte, meldete mir derselbe, daß Andrej Ivanovič Drukart da gewesen sei und einen Brief zurückgelassen habe.

Drukart war Beamter für besondere Aufträge, dem Fürsten Vasilčikov zugeteilt; eine allgemein beliebte und hochgeschätzte, sehr tätige und beim General-Gouverneur sehr einflußreiche Persönlichkeit.

Außerhalb seiner Tätigkeit als Beamter, war Drukart ein vorzüglicher Vorleser und ein großer dramatischer Künstler.

Ich habe nie Jemanden gesehen und gehört, der so meisterhaft Hamlet oder den Polizeimeister in Gogols Revisor gelesen oder gespielt hätte wie Drukart, nicht einmal der zu jener Zeit in diesen Rollen so sehr berühmte Sosnickij konnte sich mit Drukart messen.

Dank seinem Talente führte der nun verstorbene Drukart nicht nur die Aufträge des Fürsten, sondern nicht selten auch jene der Fürstin aus.

Gerade zu jener Zeit brauchte die Fürstin Geld zu irgend einem wohltätigen Zwecke und beauftragte deshalb den Drukart eine Wohltätigkeits-Vorstellung im Stadttheater zu arrangieren.

Auch ich war, wie es alle sagten, kein schlechter Vorleser und Schauspieler, weshalb ich bei allen derartigen Fällen mit in Rechnung gezogen wurde.

Drukart schrieb, daß, da ich sowie der zu jener Zeit in Kiev lebende Rechtsanwalt Jurov ziemlich gleich groß und uns auch sonst äußerlich ähnlich seien, wir beide in dem zur Aufführung kommenden „Revisor“ die Rollen des Dobčinskij und Bobčinskij übernehmen müßten.

Bei meiner damaligen geistigen und körperlichen Abgespanntheit und Müdigkeit, sowie sonstiger Nervosität, bedeutete diese Mitteilung geradezu einen Überfall.

Ich warf mißmutig das Schreiben meines Freundes auf den Tisch und beschloß anderen Tages so zeitlich wie möglich Drukart aufzusuchen und ihm klar zu machen, daß ich durchaus nicht entschlossen sei, seinem Wunsche zu entsprechen.

Während ich nun über diese Angelegenheit nachdachte und Tee trank, erinnerte ich mich plötzlich an den unglücklichen Juden, und war sehr erstaunt, ihn nicht zu sehen.

Und er, der Arme, schlief zusammengekauert wie ein Igel auf einem zwischen der Türe und einem Kasten liegenden Ziegenfelle, welches als Schlafstelle meinem Jagdhunde diente.

Sie lagen friedlich nebeneinander, der Mensch und der Hund, etwas bösartiger Natur, der überhaupt Juden nicht leiden konnte, so friedlich, als ob der Hund instinktmäßig begriffen hätte, daß er in diesem Augenblicke eine Ausnahme machen müsse, denn der, welcher neben ihm liegt, sucht Zuflucht und trage das größte Herzleid, welches nur ein Menschenherz zu ertragen im Stande ist, weshalb es nicht angeht, ihn zu verjagen oder zu stören in lange nicht gehabter und ihm doch so sehr nötiger Ruhe.

Ich war zufrieden mit dem Juden und dem Hund und ließ beide ungestört das Lager teilen; ich selbst suchte mein Bett auf, abgespannt von den Eindrücken der letzten Stunden, deren es unbarmherzig viele gab: Ich sah im Traume den gemieteten Ersatzmann, die Judenschenke in Weißkirchen, das Kloster, den Metropoliten, ich hörte das Jammern und Klagen des Juden, den Namen „Jeschu“, sah den ruhigen, bedächtigen Fürsten und die eigenwillige Fürstin mit ihrer allzu gewaltigen Bedeutung; meinen Zwillingsbruder Jurov, Bobčinskij, Dobčinskij Drukart; die Unmöglichkeit diesem allem zu entlaufen; dann auf einmal ... stilles traumhaftes Erinnern an meine alte Kindsfrau, die Bulgarin Marina, welche von allen — ich weiß nicht warum — nur die Türkin genannt wurde — alles dieses jagte sich in mehr oder minder deutlichen Szenen in meinem Kopfe und Schlafe herum.

Ich sah — im Traume — meine alte liebe Marina über mein Bett geneigt, sie richtete ihr altes rotes Kopftuch und leise höre ich sie mein Lieblingslied: „Schlaf, Kindchen, schlaf ... Christus tritt heran und stellt die Hüter bei“ ... singen.

Und stellt euch vor, alles dieses kam zur gelegenen Zeit!

Dieser bunte verworrene Haufe, im Traume anscheinend unzusammenhängend und doch im Zusammenhange stehend — in allem diesen Chaos fanden sich alle unumgänglich nötigen Elemente um einen feierlichen Zufall gruppiert, aus welchem unerwartet und ungeahnt, kaum glaubwürdig etwas erwuchs, was mit dem Namen „Wunder“ bezeichnet zu werden verdient.

Ich und der Introligator schliefen uns aus wie Soldaten vor einer ungleichen und gefährlichen Schlacht, vor welcher sich jeder berechnende und abwägende Mensch zurückgezogen hätte, da der Sieg mehr wie aussichtslos erschien.

Neuntes Kapitel.

Der andere Morgen, welcher weiser sein sollte als der gestrige Abend, ist zur gewohnten Zeit, wie von der Natur vorgeschrieben, eingetroffen, licht und hell, würdig eines großen, merkwürdigen Vorfalles.

Es war dies einer jener prachtvollen Morgen, wie man sie nur in der Ukraina findet; an solchen Tagen äußert die Sonne mit wunderbarer, im Norden völlig unbekannter Kraft ihre Macht über den Frost, mag derselbe noch so heftig sein.

In der Nacht friert es; gegen Früh nimmt die Kälte noch zu; der Tag droht rauh zu werden; mit einemmale nimmt die aufsteigende Sonne ihre Rechte in Anspruch: der Himmel glüht in rosigen Tönen; die Luft wird weich; der Schnee auf den Dächern und den von der Sonne beleuchteten Stellen der Plätze und Gassen schmilzt unter der Gewalt der wärmenden Sonnenstrahlen.

Das Ganze erinnert an einen im Anblick wechselnden Stoff, gewebt aus einem hellen und einem dunklen Faden.

Zu derselben Zeit, als die Schattenseite der Gassen und Gäßchen mit Eis und Schnee bedeckt ist, taut die von der Sonne beschienene Seite auf, die Dächer glänzen und dampfen von der entweichenden Feuchtigkeit; hell klingen die von den Dächern fallenden Tropfen auf die Erde, wo sie wiederum sofort fest werden und gefrieren.

Und die Spatzen, diese Vagabunden der Vogelwelt, hurtig, lebhaft, gewandt, leidenschaftlich, stets bereit und aufgelegt zum Streit und Hader, wie zum ausgelassensten Spiele und zur Ausführung allerlei Unsinnes und Schabernacks, erscheinen plötzlich in solcher Menge auf den von der Sonne beschienenen Stellen, daß man darüber staunt und nicht zu enträtseln vermag, von wo dieselben gekommen sein mögen.

Noch gestern waren sie nicht da, waren nicht bemerkbar und heute beleben sie die warme Luft wie ein Mückenschwarm.

Sie erfüllen die Luft mit ihrem lustigen, durchdringenden Gezwitscher, sie fliegen hin und her, jagen einander von den Ästen der bereiften Bäume und überschütten die unterhalb gehenden Menschen mit silberglänzendem, schimmernden winterlichen Putz.

Wo nur ein schneefreies, von der Sonne beschienenes Plätzchen sichtbar wird, ist auch er da, der Haufe der kleinen, schreienden, lärmenden Vagabunden, aber die größte Menge derselben ist stets dort, wo es eine besonders von der Sonne beleuchtete und deshalb warme Stelle gibt, hoch oben auf den Kirchentürmen oder den Dächern der höchsten Häuser, denn dort glänzt und glitzert alles vom Sonnenstrahl.

An solchen Stellen findet man eine ganze internationale Gesellschaft aller Art von Vögeln; auf den Karnisen machen sich die Tauben im süßen far niente breit und putzen ihr Federkleid; hin und her gehen die schwatzhaften Staare und zwischen ihnen die hin und her springenden und fliegenden Spatzen.

Mit einem Wort, überall, in der ganzen Natur lebt jetzt alles auf; Mensch und Tier werden lebendiger, lebenslustiger, freudiger, beweglicher unter dem Einflusse der wärmenden Sonnenstrahlen; alles atmet leichter auf und freut sich des Augenblickes und des Lebens.

Josef Hall sagt ganz richtig: die Welt ist ein wunderbares Ding, eine Sache, der menschlichen Seele nahestehend; in ihr nimmt alles neues Leben an und wir selbst verändern uns in ihr selbst zum Besseren.

Die warmen Sonnenstrahlen beleuchten und erwärmen die Körper, als wenn sie die Rauhheiten der Seele wegschmelzen wollten, sie geben dem Geiste eine größere Klarheit und jene Wärme dem Herzen, welche die Menschen zur Ausübung des Guten tauglicher und bereitwilliger macht.

Der Geist des Menschen wird erleuchtet, er fürchtet sich nicht mehr vor der Dunkelheit, der Finsternis, der Kälte des Herzens, er selbst ist bereitwillig zu erwärmen, zu erleuchten, den noch im kühlen, dämmerigen Schatten wandelnden Bruder ...

Solche bezaubernd schöne, warme Tage, welche ungeahnt die winterliche Kälte verjagen, habe ich außer in der Ukraina und namentlich in Kiev, nirgends gefunden.

Nördlicher, an der Oka, und in dem schwarzerdigen Keile des russischen Reiches pflegt das Frühjahr erst um jene Zeit einzutreten, zu welcher die russische Kirche das Fest Mariä Verkündigung feiert, — aber dieses Frühjahr ist doch etwas anderes, als das Frühjahr der Ukraina.

Es ist diese Erscheinung geradezu gesagt eine Kaprice der Natur, ein mutwilliges Spiel, ein atmosphärischer Scherz mit der Erde, etwas Phänomenales — und die Erde freut sich, lächelt zu alle dem, denn unter deren Bewohnern herrscht dann bloß Frieden und Freundschaft! — —

Aufgestanden an einem solchen prachtvollen Morgen, hatte ich mich vor allem bei meinem Diener nach dem Juden erkundigt und erfuhr zu meinem größten Erstaunen, daß derselbe bereits meine Wohnung verlassen habe.

Er sei, als es noch ziemlich dunkel war, aufgestanden, habe sich leise nach der Küche, wo mein Diener den Samovar herrichtete, getappt, dort ein Glas heißes Wasser getrunken und dazu ein Stückchen Zucker, den er in seiner Tasche fand, gegessen; dann sei er weggelaufen ... Wohin? ... darüber konnte mir der Diener keine Auskunft geben, und auf meine weitere Frage, in welcher Stimmung sich der Jude befand, erhielt ich zur Antwort:

„Ruhiger, doch hatte er immer etwas leise vor sich gebrummt und gesummt wie eine Drohne.“

Nach dem Frühstück fuhr ich, um keine Zeit zu verlieren, zu Drukart, welcher zu jener Zeit in dem niedrigen Entresol wohnte, das über dem Tore der Kanzlei des General-Gouverneurs liegt.

Ich nahm mir vor, dem Drukart von der Angelegenheit des Introligators nichts mitzuteilen, da ich der Ansicht war, daß alles, was in dieser Sache vorgenommen wird, zu nichts führen werde, um so mehr, als ich überzeugt war, daß Andreas Ivanovič, trotz seiner großen Herzensgüte, aber außerordentlicher Vorsichtigkeit in allem seinen Tun und Lassen, sich kaum entschließen dürfte, in dieser ihm völlig fremden Angelegenheit etwas zu unternehmen.

Zu meiner Schande sei es gesagt, ich habe überhaupt gänzlich des Juden vergessen, als ich vom Hause wegfuhr und dachte nur an mich selbst.

Doch das Geschick hat es übernommen, diese meine egoistische Zerstreutheit und Vergeßlichkeit richtig zu stellen und dasjenige in Ausführung zu bringen, woran ich vor allem anderen hätte denken und dessen ich mich vorzugsweise hätte annehmen sollen.

Zehntes Kapitel.

Ich mußte durch jene Gasse Kievs fahren, welche von dem Stadt- oder sogenannten Kaisergarten zum Hause des General-Gouverneurs führt.

An einer Stelle stand ein altes, stark verfallenes Haus, welches einem Grafen Branicki gehörte.

Das Haus war niedrig, sehr lang, glich mehr einem großen Fabriksgebäude als einem Palais, und so an den Straßenabhang gebaut, daß die eine Seite des Hauses fast die Erde berührte, während die andere, weil in der Horizontalen gelegen, sehr hoch war und das Ansehen eines Walles hatte mit einem, etwa einem Karnis ähnlichen Aufputze.

Diese genaue Beschreibung ist unbedingt nötig, um das folgende verstehen zu können.

Graf Branicki wohnte in dem Hause nicht, auch Niemand von seinen Angehörigen oder Verwandten.

Es kann möglich sein, daß ein Teil des Hauses eingerichtet war um bei Bedarf benützt werden zu können, aber bekannt war, daß in einem Flügel der Bevollmächtige des Grafen Branicki wohne, ein Pole, selbstverständlich ein „Herr“, welchem ein außergewöhnlich großer Hund gehörte.

Dieser Hund besaß ein eigenartig getigertes Fell und liebte es an warmen Tagen sich an jenem Teile des Hauses zu sonnen, welcher an dem steilen Abhange lag; möglicherweise, war es die tatsächlich prachtvolle Aussicht auf die Umgebung, welche man von hier genoß, die ihn zu diesem veranlasste.

Die meisten Stadtbewohner kannten diesen Beobachter und hüteten sich ihn in seinen Betrachtungen zu stören; sie wichen ihm vorsichtig aus und zogen es vor, die gegenüber liegende Seite der Gasse aufzusuchen; ein Fremder jedoch, der mit der Lage und Bauart des Hauses nicht bekannt war, der ging gewöhnlich nichts böses ahnend ruhig seinen Weg an dem Hause vorüber, bis er zu seinem großen Schrecken und Überraschung erkannte, daß gerade über seinem Kopf ein groß mächtiger Hund liege; mehr oder weniger freundliche Worte an die Adresse des Eigentümers des Hundes waren das Endresultat dieser nichts weniger als erwünschten Begegnung. — —

An jenem von mir bereits beschriebenen Tage sonnte sich der Hund wieder an seiner Lieblingsstelle und freute sich wahrscheinlich nicht nur der schönen Aussicht, die sich ihm bot, sondern auch und möglicherweise hauptsächlich der Sonnenstrahlen, welche sein Fell wärmten.

Ich kannte den Hund, nahm deshalb keine Rücksicht auf dessen Gegenwart; auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse sah ich Drukart gehen, verließ deshalb rasch den Schlitten, um mit ihm zu sprechen und ihm jene Schwierigkeiten klar zu machen, die sich meiner Teilnahme an der projektierten Theatervorstellung entgegenstellen.

Andreas Ivanovič war an diesem Tage außergewöhnlich gut gelaunt, ja fast ausgelassen lustig, und meinte, daß sein gegenwärtiger, wohliger Zustand die Folge des prachtvollen Wetters sei, das ihn im Herzen erhelle.

„Ich,“ sprach er, „eile eine Untersuchung zu Ende zu führen. Ich habe mir einen Mörder zum Verhöre vorführen lassen, frug ihn über die verschiedenen Gründe, Ursachen, Vorfälle aus, dabei rasierte ich mich ruhig; ich frug ihn scherzweise, weshalb er soviele Menschen umgebracht und mich nicht, da wir ja allein in der Stube seien; da gab er mir zur Antwort, daß er es selbst nicht wisse, aber er hätte auch sonst an einem so herrlichen Tage wie heute seine Hände mit Blut nicht besudelt.“

Während wir in unserem Gespräch, fortfuhren, entstand plötzlich ein fürchterliches Geschrei: „Ai! wai! ... Karkadil! ...“ und in demselben Augenblick sprang zwischen uns wieder er ... mein Introligator, der sich um uns herumdrehte.

Von wo er gekommen, wohin er wollte, wie er am Wege unter das „Karkadil“ geriet, wußte ich damals nicht, aber sein Ansehen, seine Furcht, machte ihn noch bemitleidenswerter, noch lächerlicher, wie Tags vorher.

Trotz der großen Ehrfurcht, welche die Juden vor den Beamten zu haben pflegen, kroch er vor Schrecken und Angst unter den alten abgetragenen Pelz des Drukart, welcher diesen Pelz — als aus Schuppenbären — Flicken zusammengeflickt zu nennen pflegte und wand sich in diesem so hin und her, als wenn er „Katze und Maus“ spielen würde.

Wir fingen beide hell laut zu lachen an, während der Jude, sich hin und her drehend, ohne Unterlaß schrie: „Das Karkadil, das Karkadil!“ und erschrockene wie furchtsame Blicke auf den Hund warf, der sich jedoch nicht stören ließ, ruhig auf seinem Platze liegen blieb und auf uns herunter blickte.

Den Juden zu beruhigen gelang uns nicht, aber dieser Vorfall gab mir Gelegenheit dem Drukart die Geschichte dieses unglücklichen Menschen mitzuteilen.

Ich wiederhole nochmals: Drukart war ein herzensguter, weich- und feinfühlender Mensch, was vielen jedoch nicht einleuchten wollte und unmöglich erschien, weil er „rote Haare“ besaß, von deren Besitzer man zu sagen pflegt „Gott bewahre“, was ebenso beweisend ist als der Glaube, daß Rasiermesser in weißer Einfassung schärfer seien als solche in schwarzer; aber in den meisten solchen Fällen hilft alles Reden und Überzeugen gegen derartigen Unsinn — nichts!

Drukart war heute besonders gut aufgelegt und froher Laune und so kam es, daß meine Erzählung auf ihn einen günstigen Eindruck machte, und er sich für den Juden zu interessieren begann.

Über seine sonstige Art sich in fremde Angelegenheiten nicht einzumischen, blieb diesesmal das Herz Sieger, er bemitleidete den Juden und sagte leise:

„Wie nichtswürdig und gemein wurde dieses ‚Karkadil‘ betrogen.“

„Gewiß,“ gab ich zur Antwort, „eine solche Lumperei und Nichtswürdigkeit ist noch nicht dagewesen; doch läßt sich in der Sache nichts machen und dem Mann kann nicht geholfen werden.“

Drukart zog seine mächtige Stirne in Falten und meinte:

„Versuchen wir es!“

„Ja, was ließe sich tun?“

„Versuchen wir es! ... Komm mit, Du ‚Karkadil‘.“

Den Introligator zum Mitgehen zu bewegen, war nicht nötig, denn er verließ uns auch nicht einen Augenblick; er lief immer vor uns, sich stets nach uns scheu umsehend in der Angst, ob das „Karkadil“ nicht nachlaufe und ihn zu verschlingen drohe, wovor er große Angst zu haben schien; ich weiß nicht, ob er sich um sein Leben oder um das Leben seines Sohnes, welches in diesem Falle unzweifelhaft verloren war, fürchtete.

Man sagt: „Wie die Leute sich zeigen während eines Schreckens, das sind oder waren sie auch tatsächlich im Leben“ — sei dem nun wie es wolle, in dem Augenblicke, als die Gewohnheiten eines Menschen eine plötzliche Änderung durch Schrecken erfahren, zeigen sie ihre wahre Natur!

Nach diesem zu urteilen, müßte man annehmen, daß der Jude mehr um sein eigenes Leben besorgt war, als um das seines Sohnes; aber so lange wir nicht die Eigenschaft besitzen, mit eigenen geistigen Augen das Innere unserer Mitmenschen durchdringen und beobachten zu können, müssen wir derartige Annahmen als irrig, nichts beweisend und nichts Positives bringend ansehen. —

Andreas Ivanovič beschloß den Fürsten Hilarion Hilarionovič für den Juden zu interessieren — ein Plan, welcher meiner Ansicht nach weder Nutzen noch Schaden dem Juden bringen konnte, so daß ich mich für diesen nicht erwärmen konnte.

Elftes Kapitel.

Der Fürst war von Natur aus ein guter und edler Mensch, sehr phlegmatischen und schläfrigen Charakters, mit nur wenig Energie, die er auch dort selten zu zeigen pflegte, wo sie am notwendigsten gewesen wäre.

Doch Drukart kannte den Charakter des Fürsten besser wie wir alle anderen.

„Glauben Sie ja nicht,“ meinte er, „der Fürst besäße wenig Charakter- und Willensstärke; er ist ein sehr lieber, herzensguter Mensch, nur muß man ihm stets die Sache, um die es sich handelt, klar und deutlich vorstellen. — Er ist zwar weder Falke noch Adler, das ist gewiß, mit seinen Augen bringt er auch nicht gleich alles in Brand und schlägt auch niemanden mit seinen Flügeln tot; aber was er einmal sich in den Kopf genommen, was sich in seinem Hirn und Herzen festgesetzt, das spinnt er von hier aus weiter und sein ‚guter Junge‘ äußert sich dann bald.“

Hier muß ich die Bemerkung machen, aus welchem Grunde man diesem Fürsten, dem gütigsten unter den guten und dem mildesten unter den milden, den Beinamen „guter Junge“ gab.

Der Fürst war hochgewachsen und besaß ein imponierendes Auftreten.

Die hervorragendste Eigenschaft seines Charakters war seine Herzensgüte, die sich jedoch mehr passiv als aktiv äußerte.

Es schien, als wünsche und wolle er, daß es allen gut gehe, nur war er sich darüber nicht klar, in welcher Art und Weise er dieses erreichen könnte und deshalb überließ er alles dem — Zufall.

Sein Gesicht zeigte die ruhige Zufriedenheit eines guten Gewissens, es war unbeweglich und diese Unbeweglichkeit der Gesichtszüge blieb auch dann unverändert, wenn er böse wurde oder ihn etwas bewegte, oder wenn er sich über etwas aufregte, in letzteren Fällen bemerkte man an ihm eine eigentümliche Erscheinung, seine Oberlippe und sein Schnurrbart gerieten in eine zitternde krampfhafte Bewegung.

Diesen Zustand nannte seine Umgebung und seine Bekannten — „den guten Jungen“ — da er sich dann zeige, wenn der Fürst am meisten erregt ist; dieser „gute Junge“ enthob den Fürsten vom vielen Reden und unnötigen Gesten.

Der Fürst sprach wenig, langsam, in abgerissenen kurzen Sätzen, mitunter lakonisch, sarkastisch.

In seinen Reden fehlte zumeist der Schluß; der Aufbau seiner Sätze war ganz eigenartig.

Sie erinnerten in ihrer Anlage und Bildung an die Gespräche des Unbekannten in Dickens’ „Der Pickwickier-Klub“, den originellen Begleiter des jungen, zartfühlenden Tormein, der, wie bekannt, etwa in dieser Weise sich ausdrückte:

„Es geschah ... fünf Kinder ... Mutter ... hohe Person ... stets aß die Häringe ... Vergaß ... drei ... Kinder ... schauen ... sie ohne Kopf ... verwaist ... sehr leid.“

Um die eigentümliche Ausdrucksweise des Fürsten zu verstehen, dazu gehörte ein großes Anpassungsvermögen und langjähriges Zusammenleben mit dem Fürsten und auch mußte man seine Gewohnheiten kennen; es war außerordentlich schwierig den mündlichen Auseinandersetzungen und Weisungen zu folgen, da er, wie schon erwähnt, den Schluß gewöhnlich nicht sagte.

Doch aus dem Charakter des Heroen in Dickens’ Romane konnte man schließen, daß, obzwar er in kurzen abgebrochenen Sätzen und Wörtern seine Ansicht zum Ausdruck brachte, er jedenfalls rasch redete, aber unser herzensguter Fürst hatte es nie eilig, er redete sehr langsam, mit großen Zwischenpausen, so daß der „gute Junge“ stets Zeit hatte, wenn es sich notwendig zeigte, unter seiner Nase in seinem flotten Schnurrbarte sich festsetzen zu können.

Sprach der Fürst russisch, so pflegte er, wie es sich einem hohen Herrn des neunzehnten Jahrhundertes gebührte, ein nichts sagendes, gewöhnliches Wort einzufügen — ob am rechten oder unrechten Orte, blieb sich gleich; man findet diese Eigentümlichkeit dann nur noch unter dem Volke.

Dieses Wort, welches der Fürst einzuschalten pflegte, war: „scheint es“.

Auf diesem „scheint es“ blieb oft die ganze Resolution stecken und jedermann zog aus diesem „scheint es“ den Schluß, daß seine Angelegenheit nicht schlecht stehe.

Dieses „scheint es“ gleicht jenem abgerissenen Akkord in der Oper: „Die Makabäer“ — welcher mehr andeutet, als eine große Schlußkadenz nach allen Regeln der Kunst komponiert.

„Machen Sie ... scheint es ...“ sprach der Fürst, mit der Hand leicht winkend; seine Umgebung begriff ihn und alle wußten, was getan werden sollte; es kam alles schön heraus, deshalb, weil alle wußten und kannten, was der Fürst dachte und wollte.

In der Mehrzahl der Fälle endete alles sehr günstig und zu aller Zufriedenheit; ich aber konnte es mir trotz alledem nicht vorstellen, wie diese Angelegenheit einen günstigen Abschluß finden könnte.

Gegen den Introligator und für seinen Schädiger sprach das Gesetz, für den letzteren auch noch die Fürstin — deren Einfluß, Ansehen, Bedeutung zum Leidwesen größer waren als die des Fürsten; das war unbestreitbar.

Was konnte man dem fürstlichen „scheint es“ gegenüberstellen und wie es begreifen?

Bekanntlich muß man, wenn man etwas erreichen will, sich erst darüber klar sein, was man zu erreichen wünscht und auf welchem Wege man dies erreichen könnte, und erst dann schreitet man zur Ausführung des gefaßten Planes.

Aber weder Drukart noch ich haben uns irgend einen Plan gemacht, wie wir vorzugehen willens wären, um etwas günstiges für unseren Juden zu erreichen.

In uns beiden war nur der Wunsch — zu helfen, rasch zu helfen; und einer von uns meinte, daß es nur notwendig sei, den Fürsten milde zu stimmen, ihn für die Angelegenheit des Introligators zu interessieren, das übrige werde sich dann von selbst ergeben.

Drukart war von dem guten Ausgange gleich von Anfang an überzeugt, ich aber zweifelte sehr daran; dafür hatte ich später Gelegenheit gehabt ausrufen zu dürfen: Selig sind die Gläubigen, denn deren wird das Himmelreich.