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Chapter 37: Dreizehntes Kapitel.
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About This Book

A collection of compact novellas and anecdotes portrays provincial life and ecclesiastical circles through vivid characterization, ironic observation, and moral seriousness. Narratives pivot on small incidents—a contentious complaint about a clergyman's festive dancing, neighborhood quarrels, and personal misfortunes—that reveal larger social habits, institutional hypocrisies, and human compassion. The prose alternates satirical sketches with sympathetic portraits, balancing humor, sharp psychological insight, and keen attention to local customs and speech. Readers encounter recurring concerns with justice, dignity, and the private struggles of ordinary people, presented in lively, often folkloric storytelling that foregrounds moral ambiguity rather than didactic judgement.

Zwölftes Kapitel.

Indem ich meinen armen bedauernswerten Juden dem Schutze und der Vormundschaft meines Freundes befahl, begab ich mich auf meinen Dienstposten, um meine tägliche Aufgabe fertig zu bringen.

Es dürfte wohl nicht überflüssig sein zu bemerken, daß unter den in dieser wahren Geschichte erwähnten handelnden Personen es keine gab, welche sich indifferent gegen den Glauben und Religion (den Juden vielleicht ausgenommen) verhalten hätte.

Was den Fürsten Hilarion Hilarionovič anbelangt, so kannte ich zwar dessen religiöse Anschauungen nicht, mußte aber annehmen, daß er ebenso rechtgläubig war, wie alle übrigen russischen Beamten es zu sein pflegen — möglicherweise sogar mehr als die anderen.

Die große, einfache, warme Seele suchte Halt und Stütze an der Nationalkirche, welche für den Russen die allein seligmachende ist, und die er in aller ihrer ursprünglichen Reinheit zu erhalten sucht.

Drukart war ein geborener Russe, ein Litauer und außerordentlich religiös; für ihn bedeutete die rechtgläubige Kirche nicht nur den Glauben, sondern auch das geistige Zeichen der russischen Nationalität.

Ich selbst wuchs in einer Familie auf, in welcher der Vater ausgebreitete theologische Kenntnisse besaß und die Mutter gottesfürchtig war.

Ich erhielt den Religionsunterricht von einem weit und breit bekannten Priester und Lehrer, dem Jefim Andrejevič Ostromislenskij, dem ich auch jetzt noch, als alter Mann, das beste Angedenken bewahre und für dessen Lehren dankbar bin.

In den Kreisen, in denen ich mich in Kiev bewegte, gab es keine Freigeister; ich blieb deshalb derselbe, der ich früher war und wie man mich lehrte; ich dachte über den Glauben wie mein Vater, meine gute Mutter und mein bester Lehrer.

Kurz sei es gesagt, niemandem konnte ein Vorwurf gemacht werden, daß wir unseren Glauben, zu dem wir unserer Geburt, unserer Erziehung, ja der vollen Überzeugung nach gehörten, nicht verleugnen oder mißachten, jedenfalls hätte keiner von uns es unternommen, jemandem von einem Übertritt zu unserem Glauben abzuraten, wenn dieser den Wunsch demselben anzugehören geäußert hätte und dennoch verbanden wir uns alle dazu, es zu verhindern, daß jemand unserer Kirche beitrete, der den Wunsch geäußert hat, dies tun zu wollen; wir alle taten es in vollem Bewußtsein und aller Ruhe, weil wir uns dessen bewußt waren, daß wir dafür belobt werden von einer Person, deren Autorität in dieser Angelegenheit unfehlbar war.

Ich will nun erzählen von einer Person, welche vor uns übrigen die großen Vorzüge hatte, daß sie nicht nur durch ihr Alter, ihre Erfahrungen, Kenntnisse, Stellung, sondern auch durch ihre Religiosität, Mut und Überzeugung uns weit überragte.

Dreizehntes Kapitel.

Das, was weiter geschah, kann ich nicht aus eigener Anschauung mitteilen, sondern nach Worten und Angaben eines Augenzeugen.

Dank Drukarts Einfluß wurde der Jude im Empfangzimmer des General-Gouverneurs so aufgestellt, daß ihn der Fürst beim Eintritt sofort bemerken mußte.

„Was? ... wer? ... was ist das für ein Mensch ... warum weint er ... fragen ...“ wendete sich der Fürst an Drukart, welcher diesesmal beim Empfange dem Fürsten assistieren mußte.

Drukart nahm die Bittschrift aus der Hand des Juden und schaute pro forma in dieselbe, da er in der Angelegenheit bereits vordem eingehend unterrichtet war.

Aus derselben hätte Drukart nichts herauslesen können, da diese einfache Angelegenheit in der weitschweifigen Beschreibung aller seiner Gefühle, Leiden, Ängsten, Verfolgungen, Elemente, Karkadil und allem möglichen unnötigen Zeuge verloren ging.

Es blieb also Drukart nichts anderes übrig, als die Bittschrift einfach zusammenzufalten und dem Fürsten den Fall in wenigen Worten mitzuteilen.

Drukart tat es in wenigen warmen, schönen, zum Herzen gehenden Worten, so daß der Fürst gerührt wurde, seine Augenbrauen zogen sich in die Höhe, die Stirne wurde kraus, der „gute Junge“ machte sich auf seinem Platze im Barte bemerkbar und rührte sich.

„Was ist das ... scheint mir ... Lumperei ...“ äußerte sich der Fürst, „das ... so ... kann nicht zugelassen werden.“

Drukart wies auf das Gesetz hin.

Der Fürst wurde mürrisch, aufgeregt, der „gute Junge“ war im Begriffe zu verschwinden, verließ aber seinen Posten nicht.

„Ja ... Gesetz ... scheint es ... nicht sein ...“

Drukart gab keine Antwort — der Fürst setzte seinen Empfang fort, nahm Bittschriften entgegen — der Jude heulte und wimmerte und hörte nur für einen Augenblick auf, wenn derselbe durch allgemeines: Tss! zum Stillschweigen aufgefordert wurde, erhob jedoch nach einigen Augenblicken wiederum sein Geschrei, dabei auf- und abschnellend, wie eine auf einer Gummischnur aufgehängte Puppe.

Dieses schien dem Fürsten zu Herzen zu gehen.

„Befehlen ... scheint es ... still sein ... hinausführen ...“ sagte er im Tone, als wenn er sich stark ärgern würde; seine Umgebung jedoch, die ihn sehr wohl kannte, wußte, daß dies kein Ärger sei, sondern ein Deckmantel für das in ihm aufsteigende Mitgefühl.

Die Reaktion in seinem Inneren war eingetreten, obzwar er befahl ... still sein ... hinausführen ..., dieser Befehl war mehr als das Zeichen des Verdrusses, als des Ärgers, da er augenblicklich nicht wußte, wie er diese Angelegenheit behandeln soll.

Es war bekannt, daß in solchen Fällen der Fürst solange unruhig blieb, bis er das Richtige gefunden hat, was ihm die Möglichkeit bot, dieser Sache den gewünschten Ausgang und Erfolg zu geben; dies war auch hier anzunehmen und man war überzeugt, daß sich der Fürst eine Zeitlang mit der Angelegenheit des Juden in Gedanken beschäftigen wird und zwar solange, bis er das Richtige herausfindet.

Diese Annahme bestätigte sich wirklich.

Kaum daß den eingeschüchterten und still gewordenen Juden zwei Gendarmen unter den Arm nahmen und hinausführen wollten, rührte sich auch der „gute Junge“ im Barte und der Fürst meinte:

„Ruhig ... sagen sie ... das ... nicht nötig ...“

Auf was sich dieses „nicht nötig“ bezog, blieb unklar, aber begreiflich: den Juden haben die Gendarmen zwar aus dem Zimmer hinausgeführt, doch nicht aus dem Hause gejagt, sondern am Korridor stehen gelassen, wo sich derselbe auf den Fußboden setzte und fortfuhr krampfhaft nach allen Richtungen zu zucken, als wenn ihn jemand an einer inneren Gummischnur gezogen hätte.

Der Fürst beeilte sich den Empfang rasch zu beenden; während der ganzen Zeit war derselbe unruhig, unzufrieden, ärgerlich.

Nachdem alle Bittsteller den Saal verlassen hatten, ging der Fürst nicht in sein Arbeitszimmer, sondern in ein kleines Kabinet, welches rechts vom Eingange lag auf den Hof hinaus führende Fenster hatte und in welchem er jene zu empfangen pflegte, mit welchen derselbe längere private oder sekrete Besprechungen zu machen hatte und in welches er sich stets zurückzuziehen pflegte, sobald er allein sein wollte.

„Traurig ...“ sagte der Fürst, als Drukart in das Kabinet trat.

„Sehr traurig, Excellenz ...“ gab derselbe zur Antwort in seiner ruhigen Art und Weise, welche ihn nie verließ und wodurch er sich vor allen anderen auszeichnete.

„Tfu! ... was für ein Lump ... ein ganz gemeiner Spitzbube ...“

„Gewiß, ein Lump ...“ war die Antwort eines Mannes, welcher begriff, auf was sich alles dieses bezieht und daß darunter der gemietete Ersatzmann des Juden gemeint ist, der den Wunsch äußerte sich taufen zu lassen.

„Im Gesetze ... scheint es ... nichts?“

„Nein, dort gibt es keine Angabe ... wieviel Zeit vergehen muß, ehe der betreffende getauft werden kann ...“

„Nahm Geld ... Lump ... Es ist ... scheint es ... was für ... Glaube!“

„Glaube, nur Vorwand.“

„Einleuchtend ... nur ich ... nichts ... scheint es ... kann tun ... gehen Sie ...“

Der Fürst entließ den Drukart in augenscheinlich höchst unangenehmen quälenden Gedanken; doch hatte Drukart das Vorzimmer noch nicht erreicht, als der Fürst das gefunden hatte, was ihm als das richtige schien und die Türe aufreißend, rief er mit fast nach Freude klingender Stimme:

„Ah! Ah! Drukart!“

Dieser kehrte sich um.

„Jetzt ... diesen ... wie er ... also: den Juden nehmen ... in Schlitten ... fahren ... mit ihm ... sofort ... gerade ... zum Mitropoliten ... Er ... guter Alter ... soll schauen ... alles erzählen ... von mir Empfehlung ... sagen ... Leid ... nichts tun kann ... Gesetz ... ausführlich ... Sie verstehen ...“

„Vollkommen!“

„Ja ... kann nicht ... möchte ... scheint es ... sehr gerne ... kann nicht ... er, sehr gut ... verstehen Sie ...“

„Ja wohl, Excellenz!“

„Also ... überlasse ... mische mich nicht ... aber ... ich bitte ... weil ... wenn ihm ebenfalls leid ... sowie er meint ... kann sein ... bitten Sie ... berichten ...“

Der Fürst beendete seine Rede in weit lebhafterem Tempo, als dies sonst der Fall zu sein pflegte, machte eine entschiedene Bewegung mit der Hand, drehte sich um und ging dann mit hellerem, freudigerem Gesichtsausdruck in seine Privaträume, doch nicht, etwa um der Fürstin die Geschichte des Juden zu erzählen, sondern um auszuruhen.

Der vom Fürsten mit diesem Auftrage bestimmte Beamte fuhr mit dem Juden zur Residenz des Mitropoliten, welche im Kloster sich befindet; mir aber schickte er durch einen Kurier ein Stückchen zusammengefaltetes Papier, auf welchem in eiligen Schriftzügen geschrieben stand: „Die Stellung sofort unterbrechen — wir fahren zum Mitropoliten.“

Vierzehntes Kapitel.

Auf zwei bis drei Stunden die Rekrutierung zu unterbrechen, bot keine Schwierigkeit, auch war dies weder auffallend noch unmöglich; ich tat es; doch welchen Erfolg dieses haben soll, war mir unerklärlich.

Unsere geistliche Hierarchie, „unsere geistlichen Herren“ oder Leute „geistlichen Standes“, wie sie der verstorbene Kiever Mitropolit Eugen Volchovnikov in seinem vorzüglichen encyklopädischen Sammelwerke nennt, ist zum großen Unglück für sie der Gesellschaft und dem Volke von ihrer besseren Seite wenig bekannt, die Intelligenz steht ihr vollständig fremd gegenüber.

Nur während der Ausübung der kirchlichen Funktionen sichtbar, treten sie sofort nach Beendigung derselben in den Schatten und Hintergrund zurück; ihre außerdienstliche Tätigkeit, ihr privates Leben ist niemandem bekannt, sie bewegen sich fast ausschließlich in ihrem geschlossenen Kreise, stets unter ihres gleichen und entfernen sich dadurch dem wirklichen Leben.

Selbst wenn ein hervorragender geistlicher Fürst, ein Mitropolit, Erzbischof oder Bischof stirbt, pflegt sein Nekrolog nichts anderes zu enthalten als die Angaben seines Geburtsjahres und seiner dienstlichen Qualifikationsliste; eine recht traurige Zusammensetzung in oft noch traurigerem Stile geschrieben.

Kein Wort über seine Ausbildung, seine Kenntnisse, sein geistiges und weltliches Wirken, nichts über seinen Charakter, Geist, seine Ansichten, Gedanken, es wird nichts erwähnt über sein Wesen, sein Wirken, sondern nur gewöhnliche landläufige Phrasen, oft in unlogischer, ungrammatikalischer Zusammenstellung vorgebracht.

Um wie viel sind uns in dieser Beziehung hin die Katholiken und Protestanten voraus; schon während der Lebenszeit sind dieselben mit den Eigenschaften ihres Priesters, der ihnen ja nicht fremd, weil mit ihnen verkehrend, völlig vertraut, und alles, was dieser getan, gedacht, erzielt, alles findet man gesammelt in Werken, die jedermann zugänglich sind und für die sich nicht nur die Intelligenz, sondern auch das Volk interessiert.

Uns ist alles derartige unbekannt.

Es kann möglich sein, daß man absichtlich, aus Berechnung alles derartige unterläßt — darüber will ich weder streiten noch mich für oder gegen aussprechen.

Es scheint, man wünsche es, daß der Schäfer sich nicht unter die Schafe mische, weil man annimmt, daß dieses weder Vorteil noch Nutzen der Kirche bringen würde.

Der Priester soll das Volk nur mit dem Leben, Leiden, den Lehren unseres Heilandes Jesus Christus bekannt machen, alles übrige soll ihm ein Buch mit sieben Siegeln sein; das Volk soll mit der höheren Hierarchie in keine geistige noch weltliche Berührung kommen, sie soll demselben unnahbar, unerreichbar, fremd sein und bleiben, doch würden diese hohen Kirchenfürsten und ihre Untergebenen größere Wohltäter des Volkes werden, wenn sie demselben näher treten, Anteil nehmen würden an dessen Wohl und Wehe.

Ein geistlicher Schriftsteller äußerte sich über die Scheidung des geistlichen Standes von dem weltlichen, vom Volke und der Intelligenz dahin, daß die wenigsten Personen der niederen Geistlichkeit in der Lage sind, logisch und zusammenhängend zu sprechen und zu schreiben.

Ich stimme dem vollkommen zu und kann es nur beklagen; man findet außerordentlich wenige Personen geistlichen Standes, welche sich literarisch beschäftigen würden; das ist ein großes Hindernis für die gegenseitige Annäherung und bedeutet einen großen Verlust für beide Teile.

Diese Abschweifung, zur Sache eigentlich nicht gehörig, bedauere ich nicht gemacht zu haben, auch darf sie nicht in dem Sinne gedeutet werden, als würde ich durch dieselbe das ergänzen wollen, was später geschah und zwar zur richtigen Zeit und im richtigen Augenblicke.

Auch sonst fällt mir gar nicht in den Sinn, noch habe ich Lust Beweise für das von mir Gesagte zu erbringen.

Ich habe überhaupt in der Erzählung fortzufahren, kann jedoch nicht unterlassen, einiges Charakteristische aus dem Leben des an dem günstigen Ausfall der Geschichte beteiligten Mitropoliten Filaret Amfiteatrov mitzuteilen, wodurch seine Leutseligkeit und Herzensgüte mehr zum Ausdruck kommt.

Fünfzehntes Kapitel.

Der Mitropolit war mehr oder weniger mein Landsmann, denn er war ebenfalls im Orlover Gouvernement geboren.

Schon als Kind hörte ich vieles von dessen Gutherzigkeit und Menschenliebe erzählen.

Ebenso waren mir die verschiedenen Verfolgungen bekannt, denen er ausgesetzt war, ehe er den hohen Posten eines Mitropoliten erreichte.

Es ist schade, daß sich niemand findet, das Leben dieses seltenen Mannes einem speziellen Studium zu unterwerfen, dasselbe würde ein höchst interessantes Buch über den Charakter und Tätigkeit vieler hochstehender, zu jener Zeit lebenden Personen und über die Zeit selbst ergeben.

In den verschiedenen Geschichten, welche noch heutigen Tages unter dem Volke verstreut sind und nacherzählt werden, wird der Mitropolit Filaret als ein bescheidener, sanfter, geduldiger, friedfertiger, einfacher Mensch und Priester geschildert — von seiner sonstigen Tätigkeit wird jedoch keine Erwähnung getan.

Seine Menschenliebe kam täglich, ja stündlich zum Ausdruck.

Man erzählte sich Verschiedenes über den Moskauer Mitropoliten, welcher es soweit brachte, daß Mitropolit Filaret nicht mehr auf seinen früheren Posten nach Petersburg zurückkam — ich finde es nicht notwendig auf diese Angelegenheit näher einzugehen, da dieselbe auch sonst in keiner Beziehung zu meiner Geschichte steht.

In Kiev tadelte man und sprach sehr viel über seine persönlichen Beziehungen zu dem verstorbenen Gerasim Pavskij — ich selbst stand eine Zeit auf Seite der Tadler.

Zum erstenmale begegnete ich dem Mitropoliten im Hause des Präsidenten der Finanz-Landes-Direktion in Kiev und zwar unter Umständen, welche mich in Erstaunen brachten.

Als der Mitropolit in den Salon trat, segnete er zuerst den Hausherrn und seine Angehörigen, dann die übrigen Gäste, welche an ihn herantraten, um seinen Segen zu empfangen.

Mit einemmale bemerkte er ein junges Mädchen, die Erzieherin der Kinder des Hausherrn, welche an den Tisch sich anlehnend ruhig stand; der Mitropolit sah sie an und ohne seine Stelle zu verlassen, fragte er:

„Und Sie?“

Das Mädchen verbeugte sich tief vor ihm, ohne jedoch zu ihm näher zu treten.

„Nu, was ist ... treten Sie doch näher! ...“

Der Hausherr trat an den Mitropoliten heran und sagte ihm leise:

„Eminenz! — sie ist eine Protestantin.“

„Was liegt daran, daß sie eine Protestantin ist — sie ist doch keine Jüdin.“

„Nein, Eminenz, Protestantin.“

„Nu, Protestantin, komm zu mir, komm, komm ... so; segne Dich Gott! ... im Namen Gottes des Vaters, Sohnes und des heiligen Geistes ...“

Er segnete das sichtlich stark aufgeregte und verwirrte Mädchen, und als sie, unserem Beispiele folgend, seine Hand küssen wollte, ließ er es nicht zu, sondern strich ihr mit derselben liebevoll über ihren Kopf, und sagte:

„Ein kluger, verständiger Kopf!“

Das Mädchen war von diesem ungewöhnlichen Vorfalle, von der zum Ausdruck kommenden Menschenliebe so sehr ergriffen, daß sie zu weinen anfing und sich für eine Zeit in die anderen Zimmer der Wohnung zurückziehen mußte, um wieder die gewohnte Ruhe zu finden.

In der Folge ging sie jedesmal unaufgefordert zum Mitropoliten, um sich von ihm segnen zu lassen, er schenkte ihr Bücher, Bilder, sie trat dann zur rechtgläubigen Kirche über und soll, wie man mir erzählte, sehr religiös gelebt und den Mitropoliten Filaret äußerst hoch geschätzt und geliebt haben.

Während dieses seines Besuches zeigte sich uns der Mitropolit auch in anderem Lichte.

Er hatte kaum die Ehrenstelle am Divan eingenommen, als die Schwester der Hausfrau sich beeilte, neben ihn sich zu setzen und ihn zu unterhalten.

Die Dame dachte wohl vor ihm mit ihrer Eleganz einer Weltdame glänzen zu sollen, denn sie frug süß lächelnd:

„Euere Excellenz dürften sich wohl hier in Kiev nach Petersburg sehnen?“

Der Mitropolit sah sie an — und — Gott weiß es — hat er diese Frage mit seiner Entfernung aus Petersburg in Verbindung gebracht oder dieselbe nicht richtig verstanden, denn er antwortete:

„Was soll das? ... Was geht mich Petersburg an?“ und sich abwendend sprach er in einem ganz eigentümlichen Tonfall und Ausdrucksweise: „... dumm ... sehr dumm ...“

Die Stimme, mit welcher er dies sagte, klang so alt, so schwach, während später, als er sich beruhigte, dieselbe wieder weich, wenn auch tief, klangvoll wurde.

Der Eindruck, den der Mitropolit beim ersten Begegnen auf mich machte, war ein eigentümlicher, mir schien derselbe gutmütig, zu gleicher Zeit aber — sehr grob zu sein.

Ich erinnere mich noch eines Vorfalles mit einem Maurer, welcher vom Turme herabstürzte und sich schwer verletzte.

Der Mitropolit trat an ihn heran, betrachtete ihn längere Zeit, seufzte tief auf und sprach:

„Ei, ei! Du dummer Mensch! ...“ segnete ihn und ging weiter. —

In Kiev wohnte ein Priester, Namens Botvinovskij ein Mensch nicht ohne verschiedene Schwächen dabei aber von ungewöhnlicher Herzensgüte.

Er stellte, beispielsweise, eine solche Geschichte an: Dem Kassier T. fehlten etwa 3000 Rubel in der Kassa und ihm drohte nicht nur völliger Untergang, Entlassung, sondern auch Gefängnis, wenn nicht noch etwas Ärgeres.

Viele reiche Leute haben ihn zwar bemitleidet, aber niemand entschloß sich etwas zu tun, um ihm zu helfen und ihn zu retten.

Botvinovskij jedoch, ohne je den T. gesehen, oder gekannt zu haben, verkaufte alles Wertvolle, was er besaß, belastete sein Haus und lief ruhelos so lange bei allen seinen Bekannten und auch Unbekannten in der Stadt herum, bis er die noch fehlende Summe geradezu gesagt zusammengebettelt hat, die er dann dem T. einhändigte.

Sowie man dem Mitropoliten diesen Fall erzählte, meinte er:

„Siehe da! ein selten braver Mann!“

Statt des Dankes erntete Botvinovskij später den schwärzesten Undank, er wurde beim Mitropoliten verklagt, welcher ihn vor sich laden ließ und ihn fragte, ob es alles wahr sei, was die Leute über ihn reden.

„Verzeihen, Euere Excellenz, nur Unvorsichtigkeiten,“ gab Botvinovskij zur Antwort.

„Ah! ... Warum rauchst Du aus einer Pfeife mit langem Rohr? Ah!“

„Verzeihen, Euere Eminenz!“

„Was soll ich verzeihen? — Ah! — Ist das auch eine Unvorsichtigkeit? Ah? — Wie kannst Du, als Pop, eine Pfeife rauchen mit langem Rohr? — Ah!“ — schrie ihn der Mitropolit an, in einem Tone, als wenn er ihn ausschelten möchte.

„Ich verbiete Dir ein für allemal ...“ sprach der Mitropolit weiter, „aus einer Pfeife mit einem langen Rohre zu rauchen oder eine solche zu besitzen ... jetzt gehst Du geraden Weges nach Hause und brichst das lange Pfeifenrohr in zwei Stücke ...“

Vom kurzen Rohr wurde weiter nicht gesprochen und auch der anderen Klagen nicht erwähnt; von der Zeit an blieb Botvinovskij unbelästigt.

Ich erinnere mich ferner einer altadeligen Familie, Mutter und Töchter, welche mir persönlich bekannt waren.

Sie war eine brave, tüchtige Frau, die Mutter dieser sechs Töchter, die nach damaligen Begriffen wohlerzogen waren und nicht häßlich genannt werden konnten; auch reich waren sie, konnten aber trotz ihres Reichtumes keinen Mann finden, was der Mutter höchst unangenehm war. Nach Ansicht derselben war niemand schuld daran — als die Männer selbst, welche nichts weiter sind als Egoisten, Schmeichler, Speichellecker, welche reiche Häuser besuchen, nicht um die Töchter zu heiraten, sondern um sich gut anzuessen.

Eines schönen Tages erschien sie mit allen ihren sechs Töchtern ganz unerwartet in Kiev, um einen in der Nähe der Stadt einsam wohnenden Mönch aufzusuchen, welcher im Rufe großer Frömmigkeit stand; diesen wollte sie bitten, für ihre Töchter zu beten, damit sich Freier für diese einfinden möchten.

Die Frau nahm Wohnung im Klosterhof; ich selbst bekam von meinen Eltern den Auftrag, sie aufzusuchen und ihr nach jeder Richtung hin behilflich zu sein.

Sie bat mich, mit ihr nach Kitaev, dem Wohnorte des Mönches zu fahren und zwar sobald als möglich, da sie vor Ungeduld brenne, den Einsiedler zu sprechen und dessen „Schicksalsspruch“ zu hören.

Diesem Wunsche konnte ich mich nicht gut entziehen, obzwar ich für meine Person keine große Lust spürte mit dem Einsiedler bekannt zu werden oder ihn in seiner Ruhe zu stören und zu beunruhigen; mir war von seiner Sehergabe nur soviel bekannt, daß er dem Begegnenden auf sein: „Sei gegrüßt, Väterchen“, gewöhnlich zur Antwort gab „auch Du, Sünder“.

Auf meine Bemerkung, ob es denn unbedingt nötig sei, wegen einer solchen Angelegenheit den guten Alten zu beunruhigen, gab mir die Mutter zur Antwort:

„Wie können Sie eine derartige Angelegenheit beurteilen? ... Es wäre eine unverzeihliche große Sünde, eine solche Gelegenheit unbenutzt vorübergehen zu lassen ... Ihr alle in Kiev seid Freigeister ... nach neuer Art ... ihr glaubt an nichts, während wir immer noch gläubig sind ... Aufrichtig gestanden, ich bin ja mit meinen Töchtern nur deshalb hierher gekommen, um den frommen Mann aufzusuchen ... Beten können wir zu Hause auch, ebenso wallfahrten wohin wir wollen — nach Mcensk zum heiligen Nikolaus, nach Orel zur heiligen Mutter Gottes im Frauenkloster ... aber man sagte uns, der Einsiedler besitze die Gabe, alles vorauszusehen, und er soll mir deshalb das Schicksal meiner Töchter voraussagen.“

„Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Sie von ihm nichts anderes hören werden, als etwa: ‚Guten Tag, ihr Sünderinnen‘“, erwiderte ich.

„Möglich ... aber es kann sein ... daß er mir zu Liebe sonst noch etwas sagen wird.“

„Jedenfalls wird er noch was anderes euch sagen,“ dachte ich mir.

Die Mutter hatte recht, gesagt hat er schon etwas.

So fuhren wir denn eines schönen Tages nach dem Wald von Kitaevsk und Golosjevsk, nahmen den unvermeidlichen Samovar, verschiedenes Gebäck, Delikatessen, Weine, Melonen und noch aller Art Proviant mit; dort angekommen erholten wir uns erst von der Fahrt, besuchten die Kirchen und machten uns schließlich auf den Weg den Einsiedler zu suchen.

In Kitaevsk haben wir ihn nicht gefunden, man wollte ihn auf dem Wege nach Golosjevsk gesehen haben, wo während des Sommers der Mitropolit zu wohnen pflegte.

Wir gingen und gingen, frugen jeden, der uns begegnete, und kamen schließlich in einen Garten, wo man uns sagte, daß sich der Mönch dort befinden dürfte.

Endlich fanden wir ihn.

„Guten Tag, Väterchen!“

„Guten Tag, ihr Sünderinnen!“

Die Damen stutzten über diese Antwort; die Mutter aber, welche bemerkte, der Alte wolle einen ganz entgegengesetzten Weg einschlagen, ermutigte sich und sagte:

„Sagen Sie uns noch etwas, Väterchen!“

„Gut,“ sagt er, „lebt wohl, ihr Sünderinnen!“

Damit ließ er uns stehen; aber mit einemmal erschien an seiner Stelle ein anderer Greis — nicht so groß vom Wuchse, wie der Mönch, aber mit hellem, klarem, freundlichem Gesichtsausdruck und frug:

„Was wollt Ihr, Närrchen? — Ach! ... Ihr dummen, dummen ... geht doch lieber nach Hause ...“

Dieser Greis entfernte sich ebenfalls.

„Wer war dieser zweite, der eben mit uns gesprochen?“ frugen die Damen.

„Das war der Mitropolit,“ gab ich zur Antwort.

„Das kann doch wohl nicht sein!“

„Ist aber schon, er selbst.“

„Ach! mein Gott! ... welches Glück ... jetzt werden wir zu Hause allen erzählen, daß der Metropolit mit uns gesprochen hat ... Die Leute werden es gar nicht glauben wollen! ... Und wie freundlich, zuvorkommend und herablassend er ist ...“

„Er ist unser Orlover Landsmann,“ sprach ich.

„Gewiß hat er nach dem Dialekt erkannt, daß wir Orlover sind und ist deshalb so freundlich mit uns gewesen.“

Über diese Begegnung waren sie so glücklich, daß sie zu weinen anfingen.

Ja, dieser Greis war tatsächlich der Mitropolit selbst, welcher sofort erkannte, wess’ Geistes Kinder er vor sich zu stehen habe; Sünderinnen konnte man meine Landmänninnen weniger nennen, wohl aber beschränkt ... dumm!

Alles dieses erzähle ich nur deshalb, um Gelegenheit zu geben, den Charakter des Mitropoliten richtiger beurteilen und um daraus den Schluß ziehen zu können, wie sich derselbe in der Angelegenheit des Juden benehmen wird, in einer Angelegenheit, in welcher wir alle, die Juden bemitleidend, nichts machen konnten, ja selbst die höchste, einflußreichste und machtbesitzende Persönlichkeit machtlos und ohne Einfluß blieb.

Wir gingen alle um das Feuer herum, in welchem die Kastanien lagen, aber niemand traute sich dieselben herauszuholen, da er fürchtete sich zu verbrennen; diese Mühe blieb dem Mitropoliten vorbehalten, einer Person, welche der ganzen Angelegenheit völlig fremd gegenüberstand.

Sechzehntes Kapitel.

Was wird er tun?

Ehe ich jedoch in meiner Erzählung fortfahre, in welcher Art er die Angelegenheit des Introligators zu Ende führte und ein gerechtes Urteil fällte in einem Falle, welcher gesetzmäßig dem weltlichen Richter und nicht dem geistlichen vorbehalten war, will ich noch eines Falles erwähnen, der in Kiev vorfiel und in welchem der Mitropolit einen besonderen Beweis seines Mitleidens und seiner Herzensgüte zur Äußerung brachte.

In der Familie des T. ereignete sich großes Unglück; die hochgebildete, hochherzige, sehr religiöse Dame K. F. endete durch Selbstmord, hinterließ aber derartige Anordnungen, daß man diesen Selbstmord nicht als die Folge einer Geistesverwirrung ansehen konnte; ebenso wenig lag irgend ein Grund vor, an eine Gehirnanomalie zu glauben.

Der Arzt gab sein Zeugnis dahin ab, daß eine krankhafte Änderung im Gehirn nicht vorgefunden worden ist, worauf die Polizei eine Beerdigung auf dem Kirchhofe nicht gestatten wollte.

Alles dieses hat die durch den unverhofften und unerklärlichen Selbstmord eines Familiengliedes in die tiefste Trauer versetzten Angehörigen der Toten tief niedergebeugt und trostlos gemacht, aber gegen die Anordnung der Polizei, weil im Gesetze begründet, konnte nichts gemacht werden.

Der Verwandte der Familie, Redakteur des „Kiever Telegraf“, Alfred Jung, eilte zum Mitropoliten und bat ihn zu gestatten, daß die Selbstmörderin in üblicher Weise durch die Geistlichkeit auf dem Kirchhofe in geweihter Erde beerdigt werde, ohne Rücksicht auf das ärztliche Zeugnis und Verbot der Polizei.

Der Mitropolit empfing den Bittsteller trotz vorgerückter Stunde sehr freundlich, dieser teilte ihm das Unglück und die Bitte der Familie mit, worauf sich der Mitropolit, mit dem Kopfe schüttelnd, seufzend dahin äußerte, daß er die Selbstmörderin persönlich sehr wohl kannte und sie bedauere.

„Die Arme; Arme ... ich kannte sie sehr wohl ... kannte sie, die Arme ...“

„Eminenz! man will nicht erlauben, sie nach kirchlichem Gebrauche in geweihter Erde beizusetzen ... für die Familie ist dieses schrecklich, fürchterlich!“

„Warum nicht begraben? ... Wer erlaubt sich dieses zu verbieten? ...“

„Die Polizei ...“

„Was geht das die Polizei an,“ unterbrach der Mitropolit den Redakteur Jung ... „Ei, ei! was die sich ausgedacht ...“

„Es ist deshalb, Eminenz, weil der Arzt gefunden, sie hätte den Selbstmord bei vollem Bewußtsein ausgeführt!“

„Was hat der Arzt für Schlüsse zu ziehen? ... was versteht der vom Verstande! ... Das kenne ich besser ... Frauenzimmer ... schwaches ... ohnmächtiges ... Gefäß ... — hinfällig ... ich befehle, daß sie nach kirchlichem Brauche in geweihter Erde beerdigt werde ... ja, ich befehle es ... befehle es ...“

Und wie er befahl, so geschah es!

Und etwas ähnliches konnte auch heute in Sache des Introligators vorfallen.

Nach einer Richtung hin war unser Fall dem eben erzählten ähnlich; der Mitropolit war heute noch derselbe wie damals, und heute konnte er eine Sache wiederum besser beurteilen, als wir übrigen; er konnte dort Gnade für Recht ergehen lassen, dort, wo man das Recht tatsächlich mit Füßen trat.

Gewiß wird er auch in unserem Falle sagen: ich kenne das besser ... und damit diesen Fall beendigen.

Obzwar ich vordem Zweifel hegte, ja eine Möglichkeit, daß dem Introligator sein Recht werde, völlig ausschloß, fing ich nun an zu hoffen und erwartete, daß sich etwas ungewöhnliches, unvorhergesehenes, unerwartetes ereignen werde, besonders jetzt, seitdem Fürst Vasilčikov die ganze Sache zur Urteilsschöpfung einem Richter überließ, der am besten und klarsten das Recht vom Unrecht zu unterscheiden verstand.

Damals hatte ich noch nicht die Schriften des heiligen Augustinus[7] gelesen, auch waren mir die geistreichen Ansichten Laurent Sterns[8] noch nicht bekannt, aber mein einfacher Sinn setzte voraus, der Mitropolit könne es gar nicht zulassen, daß ein Mensch in den Schoß der allein seligmachenden Kirche aufgenommen werde, welcher nach der Ansicht Sterns dieser Kirche einen Besuch im Schlafrocke abstatte.

Welche Vorteile für die Kirche aus solchen Proselyten erwachsen, ist mir unbegreiflich; diese Leute bringen dem wahren Christentum mehr Schaden als Nutzen, denn sie vermehren die Zahl jener Personen ohne Glauben, ohne Ehre, ohne Überzeugung, welche nur den Namen Gottes lästern.

„Nein,“ sagte ich zu mir selbst, „nein! der Mitropolit wird gewiß das richtige Urteil fällen.“

Und ich irrte mich nicht!

Ich kehre nun zu meiner eigentlichen Erzählung zurück, um sie zu beendigen.

Ich unterbrach dieselbe in jenem Augenblicke als Drukart mit dem Juden zum Mitropoliten fuhr.


[7] „De fide et operibus“ und „De catechisandis rudibus“.

[8] Bekannter englischer Humorist, Pastor der Kirche in Sutton, bekannt durch seinen satyrischen Scharfsinn und sanftes Gefühl. Derselbe sagt: „Umsonst glauben jene gute Christen zu sein, welche nicht dafür Sorge tragen auch gute Menschen zu sein! — Sich zu Christus bekennen, und gegen seinen Nächsten böse Absichten tragen, ist ungehöriger und unverzeihlicher, als einen Besuch im Schlafrock zu machen.“

Siebzehntes Kapitel.

Diesen erwähnten Tag war der Jude bedeutend ruhiger, seine Verzweiflung und Mutlosigkeit war eine schwächere, geringere, als am vorhergehenden Tage; er heulte, jammerte und ächzte auch heute noch, jedoch viel seltener, auch heute warf er sich hin und her und zuckte krampfhaft auf, aber alles dieses war, im Vergleiche zum vorhergehenden Tage, doch bedeutend mäßiger.

Diese Beruhigung konnte man dem Umstande zuschreiben, daß er seinen Sohn, wenn auch aus ziemlicher Entfernung, gesehen hat, da derselbe in demselben Wirtshause interniert war, wo die anderen Rekruten bewacht wurden.

Sowie Drukart den Introligator neben sich in den Schlitten setzte, fingen die früheren Erscheinungen der Verzweiflung und Mutlosigkeit, des Jammers und der Angst in stärkerem Maße aufzutreten.

Wie man mir später erzählte, soll sich der Jude wie ein Wahnsinniger, überhaupt wie einer, der den Verstand verloren hat, gebärdet haben, er griff mit beiden Händen an den Kopf, sprang auf, schrie, schwenkte mit den Händen in der Luft, ja soll während der Fahrt einigemal versucht haben, aus dem Schlitten herauszuspringen und wegzulaufen.

Wohin? — Warum und weswegen? — darüber dürfte er sich selbst nicht klar gewesen sein; aber als sie durch das Festungstor fuhren, da gelang es ihm doch aus dem Schlitten herauszuspringen, dabei fiel er jedoch auf einen Schneehaufen, sprang jedoch rasch auf, lief gegen die Mauer, und die Hände ringend schrie er helllaut:

„Oi! Jeschu! Jeschu! ... Was wird der Pop mit mir machen?“

Zwei diensteifrige Soldaten, welche in diesem Augenblicke vorübergingen, griffen den Juden auf, jagten ihm Furcht ein und setzten ihn wieder in den Schlitten.

In wenigen Minuten hielt dieser vor der sogenannten „goldenen Pforte“ an.

Das Gebaren des Juden in der Zeit, während seine Angelegenheit dem Mitropoliten zur Entscheidung vorgetragen worden ist, soll unbeschreiblich gewesen sein; er verbeugte sich und machte tiefe Bücklinge und Reverenzen nicht nur vor allen ihm begegnenden Mönchen und dienenden Brüdern, sondern auch vor den Bildern, welche einen außergewöhnlich großen Eindruck auf ihn geübt hatten.

Dabei hörte er aber nicht auf zu seufzen und zu jammern.

Ein halbblinder alter, dienender Bruder, der stets mit einer Büchse und geheiligtem Wasser unter dem Tore saß, besprengte den Juden mit demselben; der Jude jedoch beeilte sich die wenigen Tropfen Wasser, welche auf ihn fielen, so rasch wie tunlich abzuwischen.

Jetzt erst war der Schlitten so weit, um bald vor der Residenz des Mitropoliten anzuhalten; es handelte sich nun darum, ob der Mitropolit den Drukart mit dem Juden überhaupt empfangen wird, oder ob gewartet werden müsse.

Drukart hat alles während der Fahrt wohlweislich nochmals bedacht, namentlich in welcher Art und Weise er den Auftrag des Fürsten an den Mitropoliten ausführen soll.

Zuerst war er der Ansicht den Juden im Schlitten zurückzulassen, selbst um Audienz beim Mitropoliten zu bitten, diesem die Angelegenheit kurz, in wenigen Worten, mitzuteilen, dabei gleichzeitig seine Rede so zu halten, daß beim Mitropoliten Mitleid und Interesse für den Juden erregt werde; was dann sein wird — das wird sein!

Wenn alles so sich ereignet hätte, wie es gedacht worden, wer weiß, ob das Ende so ausgefallen wäre, wie dies später der Fall gewesen.

Ich habe schon erwähnt, was für ein herrlicher, schöner, warmer Tag gewesen.

Der Mitropolit stand zu jener Zeit bereits hoch in Jahren, fast an der Neige des Lebens, war fast fortwährend kränklich, mitunter litt er schwere Schmerzen und mußte längere Zeit das Bett hüten.

Sein Leibarzt war Professor Vl. Af. Karavaev, der eigentliche behandelnde Arzt jedoch dessen Gehilfe Zaslavskij, welchen der Metropolit „Vater Zaslavskij“ zu nennen pflegte.

In der Zwischenzeit, wo er den Zaslavskij nicht nötig hatte, unternahm er nicht selten sogar kleine Spaziergänge in freier Luft.

Drukart und der Jude kamen gerade zu einer Zeit, die nicht besser und erwünschter sein konnte.

Der Schlitten bog um den Glockenturm, um vor die Residenz vorzufahren, als Drukart eine kleine Gruppe von Mönchen entdeckte, welche vor dem Eingangstore des Klosters standen; unter ihnen befand sich der Mitropolit.

Derselbe entschloß sich an diesem wunderschönen Tage frische warme Luft zu atmen und ist ohne Kopfbedeckung, ohne alle Zeichen seiner hohen Würde — im einfachen Hauskleide, einem kurzen warmen Pelzrock vor das Haus gegangen.

Drukart erkannte den Mitropoliten schon von weitem, stieg aus, und an den Mitropoliten tretend, fing er an ihm die Ursache seines Kommens und seines Auftrages mitzuteilen.

Der Mitropolit hörte anscheinend ohne jede Aufmerksamkeit die Erzählung an, und mit den Augen blinzelnd, hörte er nicht auf, eine der Kuppeln auf dem Dome zu betrachten, auf welcher im Sonnenscheine Tauben, Dohlen, Krähen, Raben, Spatzen sich durcheinander tummelten oder ruhig saßen.

Es schien, als wenn der Mitropolit für gar nichts anderes Interesse hätte, als für die auf der Kuppel sitzende, huschende, springende, streitende Vogelschar; doch als Drukart im Laufe der Erzählung zu jener Tatsache kam, wo der Gemietete den Mieter betrog, da lächelte der Mitropolit stille vor sich hin und sprach:

„Sieh! der Dieb stahl dem Dieb den Stock!“ und mit dem Kopfe schüttelnd, setzte er seine Betrachtungen der Vogelwelt weiter fort.

„Euere Eminenz!“ fuhr Drukart fort, „die Angelegenheit befindet sich nun in folgendem Stadium ...“ er machte die Folgen des Ausganges dem Mitropoliten klar ...

Dieser schwieg nach wie vor, atmete mit großen Zügen tief die milde frische Luft ein und betrachtete die Vogelwelt.

Die Stellung des Abgesandten des Fürsten fing recht unbequem zu werden — er fügte noch einiges nebensächliche hinzu und unterbrach dann seine Rede.

Der Mitropolit schwieg und vertiefte sich in seine Betrachtungen.

„Was befehlen, Euere Eminenz, daß ich dem Fürsten mitteile,“ frug endlich Drukart, „Seine Excellenz bittet, da ihm das Gesetz die Möglichkeit benimmt ...“

„Gesetz ... Möglichkeit ... mich bittet? ...“ sprach der Mitropolit in einer Weise, als wenn er laut denken und etwas erwägen würde, dann schaute er plötzlich den Introligator, der in großer Angst in einiger Entfernung von den anderen stand, scharf an.

Die Augenlider des Mitropoliten hoben und senkten sich rasch und langsam sprechend meinte er:

„Ach! — was soll ich mit Dir, Jude, anfangen?“ jedoch später zufügend:

„Wie bist Du aber dumm!“

Der sich krampfhaft windende Jude hörte die an ihn gerichtete Rede an, fiel zur Erde, krümmte sich, weinte, jammerte:

„Jeschu! Jeschu! Hanozri!“

„Warum schreist Du, dummer Jude!“

„Oi! Euere ... oi! ... Euere Eminenz ... wenn ... wenn ... wenn sich niemand ... wie Sie ...“

„Nein, nicht ich, sondern Gott allein ... Du Dummkopf!“

„Oi Gott! ... oi Gott! ... oi Jeschu! Jeschu! ...“

„Warum rufst Du immer Jeschu an? — sage einfach Herr Jesus Christus!“

„Oi ... wenn ... Herr oi ... Sus Chrischt! ... oi ... oi ... gib mir ... gib mir ... Herr ... Herr ... gib mir mein Kind!“

„Nun also, Dummkopf!“

„Er ist bereits halb wahnsinnig,“ meinte Drukart — „aufrichtig gestanden, es ist sogar höchst merkwürdig, daß er es noch nicht geworden ist, und daß er sich überhaupt bei allem dem Unglück, das ihn betroffen, noch so weit erhalten kann.“

Der Mitropolit atmete tief auf, sprach leise und langsam:

„Die Liebe macht nie schwach!“ und die Augen wiederum der Vogelschar auf dem Dache zuwendend, sprach er plötzlich, wie zu sich selbst sprechend:

„Ist unwürdig die heilige Taufe zu empfangen ... wegschicken ... unter die Soldaten ...“ damit drehte er sich um und ging ohne weiteres zu sagen in seine Wohnung zurück.

Eine Berufung gegen dieses „Urteil Seiner Eminenz“ gab es nicht; alle waren mit demselben — den Schneider ausgenommen — zufrieden, alle gleichzeitig darin einig, daß der friedfertigste aller Priester, über den Parteien stehend, das Richtige gefunden und den stark verwickelten Knoten in einfacher Weise gelöst habe.

Den der Taufe unwürdig befundenen Schlaukopf führte man sofort zur Stellung, schnitt ihm das Haar ab, und dem überglücklichen Vater übergab man das Kind, seinen Sohn.

An ihrem gegenseitigen Glücke sich zu freuen gab es keine Zeit.

Der geschorene Mietling ließ sich aber, wie mir später mitgeteilt wurde, dennoch taufen, mehr jedoch wegen der 30 Rubeln, welche zu jener Zeit jeder Jude erhielt (wohl als Prämie), der sich taufen ließ.

Es scheint also, daß keine Seite einen Verlust zu verzeichnen hatte.

Mit diesem könnte ich zwar meine Erzählung beschließen, wenn ich nicht eine merkwürdige Begegnung gehabt hätte, welche teilweise in einer gewissen Verbindung mit dem Erzählten steht.

Achtzehntes Kapitel.
(An Stelle eines Epilogs.)

Der Krieg in der Krim war beendet, der Friede geschlossen worden.

In der Litteratur zeigte sich eine neue Strömung; eine nicht geringe Zahl junger Leute verließ den Staatsdienst und widmete sich ganz der Litteratur; oder sie suchten und fanden Beschäftigung in verschiedenen Privatunternehmungen, welche wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schossen.

Ich selbst bin Teilhaber eines englischen Handlungshauses geworden, in dessen Interesse ich fast das ganze Jahr ununterbrochen reisen mußte.

Sobald es das Geschäft verlangte, mußte ich mich dann und wann in irgend einer Stadt längere Zeit aufhalten, und da ich in solchen Fällen viel freie Zeit hatte, las ich viel und schaffte mir ältere und neuere Werke über jene Gegenstände an, welche gerade mein Interesse in Anspruch nahmen.

Gelegentlich eines Aufenthaltes in dem berühmten und bekannten Wallfahrtsorte Sergiev-Troica kaufte ich zufällig auf dem dortigen Markte die Schriften Voltaires, in welchen mich besonders jene Stellen interessierten, welche Bezug auf die Bibel hatten.

Was die Bibel sei, wie und warum von Moses die fünf Bücher geschrieben, in welcher Art das goldne Kalb zu Pulver gestoßen werden konnte, da sich das Gold nicht pulverisieren lasse ... alles dieses und ähnliches ließen mich darauf bezügliche befriedigende Antwort suchen.

Ich wollte um jeden Preis die schon damals äußerst seltene russische Ausgabe der „Jüdischen Briefe an Herrn Voltaire“ kaufen und wendete mich an eine Buchhandlung in Moskau, die jedoch das Buch nicht besaß.

Mir wurde eine zweite Buchhandlung empfohlen, welche sich speziell mit dem Handel mit seltenen Büchern befaßt; hier versprach man mir das erwähnte Buch zu verschaffen, da man dort wußte, in wessen Besitz sich ein Exemplar der „Jüdischen Briefe“ befinde.

Ich wartete längere Zeit; auf meine Anfragen, wann ich in den Besitz des Buches kommen kann, bekam ich die stereotype Antwort, der Besitzer desselben, ein Buchbinder, sei abgereist, müsse aber bald zurückkommen.

In dieser Weise zog sich die Angelegenheit in die Länge und ich war nahe daran abzureisen, als ich, nochmals die Buchhandlung aufsuchend, die Auskunft erhielt, der Buchbinder sei zurückgekehrt, ich soll nur einige Augenblicke warten, er werde selbst kommen und das Gewünschte bringen.

Ich setzte mich, durchblätterte die aufliegenden alten und neuen Bücher, als man mit einemmale ausrief:

„Er kommt!“

Ich blicke auf und sehe in den Laden einen alten Mann eintreten, mit mildem, ruhigen Gesichtsausdruck, ausgesprochen jüdischen Typus, mit schneeweißem Haare, gekleidet nach üblicher kleinbürgerlich russischer Art, weiter langer Rock, eine Mütze mit breitem Boden und großem Schirm; in der Hand trug derselbe in ein blaugefärbtes Baumwolltuch eingebunden einige Bücher.

„Ei! Gregor Ivanič, wie lang ist es schon, daß sie sich bei uns nicht sehen ließen?“

„Hatte keine Zeit gehabt,“ gab er ruhig zur Antwort, das Bücherpaket auf den Ladentisch legend.

Ein weiteres Gespräch wurde nicht geführt; er erhielt Geld, während man mir zusagte die Bücher nebst Rechnung in meine Wohnung zu schicken.

Das war selbstverständlich ein kaufmännischer Vorfall — doch damit war die Sache nicht beendet.

Mich interessierte die Person des Buchbinders und ich leitete ein Gespräch mit ihm an, anknüpfend an den Inhalt der gelieferten Bücher „Jüdische Briefe an Herrn Voltaire.“

„Der Inhalt der Bücher ist wohl sehr interessant?“ frug ich.

„Nun ... ja ...“ gab er zur Antwort, „gewiß — interessant für den, der sie nicht gelesen ...“

„Meinen Sie nicht, daß diese Briefe von Rabbinern wirklich geschrieben seien?“

„Nn ... nn ... Gott allein weiß es,“ gab er sichtlich ungern zur Antwort, doch setzte er dann mit einigem Lächeln hinzu: „sie dürften wohl einiges über die Bibel gelesen haben (in seiner Rede gab es eine große Zahl spezifisch jüdischer Ausdrücke), sie ist still und stumm, wie die Wüste Sahara über Einzelnes, über Anderes aber weitschweifig, laut, ausführlich wie Moses ... Wer kann daraus klug werden? ... Fu! aus dem alten Testament kann man gar nichts herauslesen! ... das neue Testament dagegen! die Evangelien! ... das ist etwas ganz Anderes ... in diesem ist alles klar, einfach, deutlich ausgedrückt ... begreiflich ... die Bibel ...“ und er machte mit der Hand eine abweisende, abwehrende Bewegung und schloß mit den Worten:

„Gott weiß, wer und was damals und auf was geschrieben worden ist ... darüber könnte man ja den Verstand verlieren!“

Ich äußerte mein Erstaunen darüber, daß er die Evangelien und das neue Testament kenne.

„Und was ist merkwürdiges daran? bin ich ja doch ein Christ.“

„Und ist es schon lange her, daß Sie sich taufen ließen? ...“

„Nein, nicht sehr lange ...“

„Und wer hat Sie von der Wahrheit unseres Glaubens überzeugt?“

„Das kann man klar aus dem alten Testamente herauslesen, denn dort steht geschrieben, daß ein neuer Erlöser kommen und eine neue Kirche gründen werde, und diesen Messias habe ich selbst, mit eigenen Augen gesehen ... Warum soll man noch warten, wenn er schon unter uns sich befindet?“

„Übrigens haben andere Juden dasselbe gelesen wie Sie, glauben es aber doch nicht?“

„Nein, sie glauben es nicht, weil Verschiedenes im Talmud geschrieben steht, und sie die Stellen, weiß Gott, in welcher Art auslegen: was es für einen Messias geben wird, wo und wie er erscheinen und in der Welt wandern wird und vieles Andere ... doch das alles ist leeres Geschwätz ... der Messias ist gekommen, gekleidet in unser sklavisches Äußere und wir haben nichts anderes zu tun, als seine Lehren zu befolgen ... Leben Sie wohl ... Auf Wiedersehen ...“

Er verbeugte sich und ging.

Ich unterhielt mich mit dem Buchhändler über diesen Mann, welcher mir sagte, daß der Buchbinder sehr gebildet und geistreich sei.

„Ja,“ frug ich, „sagen Sie mir, welchem Glauben gehört er eigentlich an?“

„Er ist ein getaufter Jude, einzelne halten ihn für einen Missionär.“

„Er scheint viel gelesen zu haben?“

„Das ist sicher und wahr, nur spricht er sich nicht gerne aus und selten werden Sie ihn namentlich über alte und seltene Bücher ein Urteil fällen hören, höchstens einzelne Worte oder kurze Sätze, dann eine abwehrende Handbewegung, das ist alles; aber seinen Juden, denen erklärt er das neue Testament, die Evangelien, sucht sie zur neuen Kirche zu bekehren, wofür er von ihnen vieles zu leiden hat. Nicht selten haben sie ihn geschlagen, ja erdrosseln wollten sie ihn sogar, ohne daß er Zeichen irgend einer Gegenwehr, Ungeduld von sich gegeben hätte ... Christus ist gekommen ... predigt er ... und einen zweiten wartet nicht ab ... er kommt nicht mehr und wird nicht mehr sein.“

„Und sie? die Juden?“

„Gestikulieren, werfen mit den Händen hin und her, schreien wie wilde Tiere, als hu! hu! ... und schließlich ist nichts ... sie nehmen Verstand an.“

„Und seine Familie? ... sind sie auch getauft?“

Der Buchhändler lachte laut auf:

„Was ist für ihn Familie, da er ja großer Ungläubiger ist!“

„Wie so ungläubig?“

„Wie kann man ihn anders nennen, er hält sich an keine Regel und Geld?“

„Das Geld liebt er wohl?“

„Besitzt für ihn gar keinen Wert, was er in die eine Hand erhält, verteilt er mit der anderen.“

„An wen?“

„An wen immer.“

„An Juden bloß oder auch an Christen?“

„Ich sagte doch: an wen immer ... Man hält ihn für geistesschwach.“

„Was Sie sagen!“

„Man erzählt, es wäre mit ihm etwas eigenartiges vorgefallen?“

„Was denn?“

Da machte der Buchhändler eine eigenartige Geste mit der Hand.

„Es ist schon lange her, da haben sie seinen Sohn in der Nacht geraubt und wollten ihn unter die Soldaten stecken. — Da soll ihm etwas eigenartiges zugestoßen sein; ein Krokodil soll ihn gebissen haben, auch soll etwas mit dem Ersatzmann vorgefallen sein, so daß sie diesen nicht unter die Soldaten nehmen wollten, bis ihn der damalige Mitropolit Filaret in Kiev segnete und ihm dann das Haar schneiden ließ. Der Sohn des Buchbinders ist kurze Zeit darauf gestorben; gemartert haben sie ihn, sagt er, die Lieferanten; auch seine Frau ist gestorben und er selbst — dieser Mann — ist stark in seinen Vermögensverhältnissen heruntergekommen; er kam zu der Einsicht, daß es nötig sei, nicht nur auf das, was auf der Erde vorgeht, zu achten, sondern auch das zu glauben, was im Himmel geschieht und fand, daß es wohl das beste sei, sich taufen zu lassen.“ Und diese Mitteilung brachte mir plötzlich jenen Vorfall in Erinnerung, wo ich diesem Manne, unter ganz anderen Verhältnissen, zum erstenmale begegnete.

Und abermals bestätigte sich das Wahrwort: „Die Berge wohl nicht, aber die Menschen begegnen sich!“

Er war selig und zufrieden und reich im Glauben!

DIE FURCHT.

Nachdem Dimitrij Petrovič Silin die Universitätsstudien beendet hatte, diente er in St. Petersburg, verließ nach Vollendung seines dreißigsten Jahres den Dienst und widmete sich ganz der Landwirtschaft.

Seine Wirtschaft ging zwar nicht schlecht, aber mir schien es, daß er nicht an der richtigen Stelle sei, so daß er besser tun würde, wenn er wiederum in den Staatsdienst eintreten möchte.

Wenn er, von der Sonne gebräunt, bestaubt, ermüdet mich am Hauseingange erwartete und empfing, während des Nachtmahles mit dem Schlafe kämpfte und seine Frau ihn in das Schlafzimmer gleich einem Kinde bringen mußte; oder wenn er, seine Schläfrigkeit gewaltsam überwindend, mit seiner weichen melodischen, einschmeichelnden, fast bittenden Stimme schöne und geistreiche Gedanken entwickelte: dann sah ich in ihm nicht den Landwirt, nicht den Gutsbesitzer, sondern einen abgemüdeten, abgehetzten Menschen und mir war es klar, daß ihm die Landwirtschaft nicht nötig, sondern nur dazu gut sei, daß der Tag vergehe und dann — Gott sei Dank!

Mir gefiel es, ihn oft zu besuchen und es geschah nicht selten, daß ich zwei, ja auch mehrere Tage bei ihm zu Gaste blieb.

Ich liebte sein Haus, seinen Park, seinen großen Obstgarten, das kleine Flüßchen, seine ein wenig hausbackene, beredte und klare Philosophie.

Ob ich ihn selbst liebte, darüber bin ich nie mit mir selbst im Klaren gewesen.

Übrigens war Dimitrij Petrovič kein dummer Mensch, sondern herzensgut und gar nicht langweilig, und ich erinnere mich, daß, als er mir eines Tages seine geheimsten Geheimnisse mitteilte, mich dabei seinen einzigen, wahren, liebsten und teuersten Freund nannte, mich dieses recht unangenehm berührte und ich mich dabei höchst unbehaglich fühlte.

In seiner Freundschaft zu mir lag etwas unbequemes, beschwerliches, drückendes, und ich hätte unter allen Umständen dieser Freundschaft die üblichen gesellschaftlich-freundschaftlichen Verhältnisse vorgezogen.

Der Grund lag darin, daß mir seine Frau Maria Sergievna außerordentlich gefiel.

Verliebt in sie war ich nicht, aber mir gefiel ihr Gesicht, ihre Augen, ihr Haar, Stimme, Gang, mit einem Wort, ich sehnte mich nach ihrer Gesellschaft, wenn ich sie längere Zeit nicht sah und in dieser sah ich nur diese schöne, geschmeidige, junge Gestalt vor meinem geistigen Auge, in meiner Einbildung schweben.

In Bezug auf sie hatte ich keine bestimmten Absichten und machte mir auch keine Gedanken darüber, aber ich weiß nicht warum, so bald wir zu zweien uns gegenüber saßen, da erinnerte ich mich allemal dessen, daß mich der Mann seinen einzigen, wahren und treuesten Freund nannte und ich fühlte mich höchst unbehaglich.

Wenn sie meine Lieblingsstücke auf dem Flügel vortrug, so hörte ich mit dem größten Vergnügen zu; wenn sie mit ihrer melodischen Stimme vorlas, so durchzogen mein Gehirn verschiedene Gedanken, welche darin gipfelten, daß sie wohl ihren Mann nicht liebt, daß dieser mein größter Feind ist und sie selbst in mir einen solchen sieht; dann wurde meine Stimmung dadurch verdorben, ich wurde langweilig, träge, unfreundlich.

Sie pflegte diese Veränderungen zu bemerken und sagte dann gewöhnlich:

„Sie scheinen sich in meiner Gesellschaft recht zu langweilen; ich werde gleich nach ihrem Freunde schicken und ihn bitten lassen, hierher zu kommen.“

Und als dann Dimitrij Petrovič ankam, da meinte sie:

„Nun freuen Sie sich, Ihr Freund ist angekommen.“

So verliefen anderthalb Jahre. — —

An einem heißen Julisonntage fuhren wir, Dimitrij Petrovič und ich, aus Langweile, in das nahe gelegene Dorf Klušino, um dort einige Einkäufe zu machen, und namentlich etwas Eßbares zum Abendbrote mitzubringen.

Während wir in den verschiedenen Läden Einkäufe machten, wurde es bereits Abend, ein Abend, dessen ich, so lange ich lebe, nicht vergessen werde.

Nachdem wir einen seifenähnlichen Käse, eine versteinerte, nach Teer riechende Wurst gekauft hatten, gingen wir ins Wirtshaus, um nach Bier zu fragen.

Unterdessen fuhr unser Kutscher zum Schmied, um die Pferde beschlagen zu lassen; wir sagten ihm, daß wir ihn bei der Kirche erwarten werden.

Wir gingen erst hin und her, sprachen über Verschiedenes, lachten über die gemachten Einkäufe, während hinter uns, einem Detektiv ähnlich ein Mann folgte, welcher in der Umgebung unter dem eigentümlichen Namen „vierzig Märtyrer“ bekannt war.

Dieser Mann, mit dem ganz eigentümlichen Rufnamen, war niemand anderer als Gabriel Severov, oder einfach Gavruša, welcher bei mir einige Zeit als Diener angestellt war, aber wegen Trunksucht entlassen wurde.

Er diente dann bei Dimitrij Petrovič in gleicher Eigenschaft und wurde aus gleicher Ursache entlassen.

Gavruša war ein böser Säufer, wie ja sein ganzes Leben zwecklos war, wie er selbst.

Sein Vater war Geistlicher gewesen, seine Mutter eine Adelige; er gehörte deshalb zu der privilegierten Klasse, so wie ich, aber wenn man sein versoffenes, doch dabei ehrwürdiges, stets feuchtes Gesicht mit der großen roten Nase, seinen ungepflegten rötlich grauen Bart, seinen abgetragenen, fadenscheinigen, zerrissenen Anzug, das über diesem herabhängende rote Hemd ansah, da konnte man wahrlich in dieser Gestalt nichts von jenen Eigentümlichkeiten finden, welche die privilegierte Klasse von dem übrigen Volke äußerlich trennt.

Er selbst zählte sich zu den Studierten, den Gebildeten, der Intelligenz, und war stolz darauf, daß er in einem geistlichen Seminar erzogen wurde, von wo man ihn, seiner Angabe nach, wegen seiner Leidenschaft zum Tabakrauchen wegjagte, ehe er den Kursus vollendet hatte; darauf wurde er Sänger im Domchor; lebte hierauf zwei Jahre im Kloster, aus welchem man ihn nicht wegen Tabakrauchen, wohl aber wegen seiner „Schwäche“ für geistige Flüssigkeiten entfernte.

Er durchkreuzte, auf des Schusters Rappen zwei benachbarte Gouvernements nach allen Richtungen, richtete unzählige Mengen von Bittschriften an die Konsistorien und andere geistliche und weltliche Behörden, saß zweimal auf der Bank der Angeklagten, bis er sich schließlich in unserem Bezirke ansässig machte, die Stellungen eines Dieners, Jägers, Hegers, Schreibers, Kirchenwächters einnehmend und heiratete schließlich die vazirende Witwe nach einem Koch.

Mit den Jahren verfiel er immer tiefer und tiefer in den Schmutz und das Elend, lebte sich jedoch in dieses Ungemach so ein, daß er mit der Zeit sogar selbst an seinem privilegierten Stand zu zweifeln begann.

Zu der Zeit, als das, was ich erzähle, vor sich ging, strich er beschäftigungslos herum; gab sich bei den Bauern, welche ihn persönlich nicht kannten, bald für einen Tierarzt, bald für einen Jäger aus.

Seine Frau verschwand bald nach der Hochzeit ohne eine Spur zu hinterlassen.

Nachdem wir das Wirtshaus verlassen hatten, richteten wir unsere Schritte zur Kirche, wo wir uns auf die Stufen setzten, um den Kutscher mit dem Wagen abzuwarten.

Vierzig Heilige oder Gavruša blieb einige Schritte seitwärts vor uns stehen, hielt die eine Hand vor den Mund, um in dieselbe, wenn es ihm nötig erscheinen sollte, leise husten zu können.

Es wurde dunkel; der Mond begann aufzugehen; in der Luft machte sich der Geruch nach feuchter Erde bemerkbar.

Auf dem klaren, mit Sternen besäeten Himmel, gerade über uns, bemerkte man zwei Wolken, eine größere und eine kleinere, die einzigen am ganzen Horizont, einsam und langsam, eine hinter der anderen, gleich Mutter und Kind, gegen den Westen segelnd.

„Das war einmal wieder ein schöner Tag,“ meinte Dimitrij Petrovič.

„Ein prachtvoller Tag,“ stimmte Gavruša bei, nachdem er vorher in die vorgehaltene Hand gehustet hatte. „Wie kommt es, Dimitrij Petrovič, daß Sie sich entschlossen haben, selbst hierher zu fahren?“ frug er mit einschmeichelnder Stimme, jedenfalls mit der Absicht ein Gespräch anzufangen.

Dimitrij Petrovič gab darauf keine Antwort.

Gavruša seufzte tief auf und sprach, leise, ohne uns anzusehen:

„Ich leide aus einem Grunde, von welchem ich doch nur Gott allein Rechenschaft geben muß. — Ich weiß es selbst, daß ich zu nichts tauge, daß ich ein verlorener Mann bin, aber seien Sie doch nicht so herzlos, seien Sie barmherzig, erbarmen Sie sich meiner: ich bin brotlos, ohne Dach und Fach, ärger daran wie ein Hund ... Entschuldigen Sie, Dimitrij Petrovič.“ Silin ließ diese Rede unbeachtet, ja hörte sie vielleicht gar nicht, denn er saß, nach vorne gebeugt, seinen Kopf zwischen die beiden Hände drückend, über etwas nachdenkend.

Die Kirche stand an einer Biegung der Straße, auf einer hohen Uferböschung; durch die freien Stellen in der Einfriedung sahen wir den Fluß, die Wiesen und weit hinaus einen brennenden Scheiterhaufen, um welchen sich schwarze Gestalten, Menschen und Pferde, bewegten.

Noch weiter hinaus bemerkte man Lichter, die aus den Hütten eines Dorfes leuchteten.

Lauter Gesang unterbrach die Stille des Abends.

Über dem Flusse und an einzelnen Stellen der Wiesen fingen sich an Wolken von Nebel zu erheben, lange, enge Streifen, dicht, weiß wie Milch; sie schwebten über dem Fluß und hinderten die Sterne sich im Flusse zu spiegeln.

Der Nebel änderte alle Augenblicke seine Form; es schien, als ob sich die einen Streifen umarmen, die anderen verbeugen würden, die dritten hoben ihre langen Hände, mit breiten herabhängenden Ärmeln bekleidet, zum Himmel, als wenn sie beteten ...

Möglicherweise brachten diese wechselnden phantastischen Formen einen gewissen Eindruck auf Dimitrij Petrovič hervor, als wenn er Geister oder Erscheinungen vor sich sehen würde, denn sein Gesicht nahm einen eigentümlich traurigen Ausdruck an, als er, sich an mich wendend, frug:

„Erklären Sie es mir, teuerster Freund, warum, wenn wir etwas Geheimnisvolles, Phantastisches, Schreckliches sagen wollen, wir nie aus dem Leben schöpfen, sondern stets auf die Geisterwelt zurückgreifen?“

„Das ist zwar fürchterlich, aber rätselhaft, unbegreiflich.“

„Und begreifen Sie das Leben? — Sagen Sie: begreifen Sie das jetzige Leben besser, als jenes nach dem Tode?“

Dimitrij Petrovič rückte ganz nahe an mich heran, so nahe, daß ich seinen Atem auf meinen Wangen fühlte.

In dem Abenddunkel erschien mir sein sonst so bleiches mageres Gesicht noch bleicher und eingefallener; sein dunkler Bart schwarz wie Ruß.

Seine Augen schauten mich traurig, schwermütig, ängstlich, fieberhaft glänzend an, es schien, als wenn er mir etwas Fürchterliches, Schreckliches erzählen wollte.

Er sah mir voll ins Gesicht und fuhr in seiner Rede mit seiner gewöhnlichen, leisen, wie flehenden Stimme fort:

„Unser jetziges Leben wie jenes nach dem Tode sind beide unbegreiflich, unfaßbar, schrecklich. Wer die Geister fürchtet, muß auch sich fürchten; er muß fürchten diese Feuer, diesen Himmel, ja alles, was er sieht, weil alles das, wenn man darüber ruhig nachdenkt, ebenso unbegreiflich, phantastisch ist, wie jene es sind, die die Welt vor uns verlassen haben — Prinz Hamlet hat sich nicht deshalb getötet, weil er vor den Geistern Furcht empfand, welche ihm im Traume erschienen; dieser sein darauf bezüglicher Monolog gefällt mir, aber hat mich, aufrichtig gestanden, ganz kalt gelassen. — Als meinem einzigen, teueren Freunde bekenne ich, daß nicht selten in trüben Stunden meine Todesstunde vor meinem geistigen Auge sichtbar wird; meine Phantasie zaubert aus nichts tausende dunkler unklarer Erscheinungen hervor, ja es werden daraus marternde Exaltationen, welche an einen Hexensabbath erinnern, ohne daß alles dieses mir Furcht einjagen könnte. — Doch warum umsonst ins Leere reden. — Fürchterlich sind die Visionen, noch schrecklicher aber das Leben. — Ich, mein lieber Freund, begreife das Leben nicht und empfinde Furcht vor ihm. — Ich weiß es nicht, aber es kann möglich sein, daß ich ein kranker, moralisch verderbter, verlorener Mensch bin. — Dem normalen Menschen kommt es vor, daß er alles, was er sieht und hört, begreift, ich habe aber diese Eigenschaft, diese Gabe verloren, und jeder Tag wird mir durch die Furcht vergiftet. — Die Furcht ist eine Krankheit — viele fürchten sich vor einem großen Räume und sehen Sie, ich leide an dieser Krankheit — an der Furcht vor dem Leben. — Wenn ich manchmal im Grase liege und eine Blattlaus betrachte, welche, gestern geboren, keinen Begriff von dem, was sie umgibt zu haben scheint, dann stelle ich mir vor, daß das kurze Leben dieses Tierchens aus einer unendlich langen Kette von Angst, Furcht, Schrecken und Entsetzen bestehen müsse; und in diesem Tierchen sehe ich mich selbst ...“