Muhme Lenelis und ihre Freunde.
Wieviele Freunde Muhme Lenelis hatte, das weiß ich nicht. Wenn aber in Oberheudorf einem Buben unversehens die Hosen platzten oder einem Mädchen alle Nadeln aus dem Strickzeug fielen, dann erinnerten beide sich sicher an ihre Freundschaft mit Muhme Lenelis. Es ist nicht zu sagen, wieviel Hosen die alte Frau schon in aller Freundlichkeit und Heimlichkeit gestopft hatte, und wieviel Strickzeuge unter ihren Fingern wieder in Ordnung gekommen waren.
Wie alt Muhme Lenelis war, wußte niemand genau. „Siebenmal so alt wie du und noch was drüber,“ sagte sie zu Schulzens Jakob, als dieser neun Jahre zählte.
Am äußersten Ende des Dorfes, dort wo des Schulzen Haselnußberg etwas steil in die Höhe stieg, lag Muhme Lenelis' Haus. Eigentlich war es nur eine Hütte, an der das Größte und Schönste die breite Feueresse war. „Eine rechte Feueresse gehört zur Gemütlichkeit,“ pflegte Muhme Lenelis zu sagen, wenn sie an ihrem Herd stand und durch das Essenloch, das sich unten zu einem Rauchfang erweiterte, den blauen Himmel leuchten sah.
Das Häuschen war niedrig und eng. Es hatte nur eine Stube und eine schmale, dunkle Kammer, in der die alte Frau Holz, Milch, Brot, und was sie sonst im Hause hatte, aufbewahrte. Ein winziger Stall, in dem eine Ziege und etliche Hühner eng, aber gemütlich zusammenwohnten, und ein kleiner Garten, in dem Bohnen, Kartoffeln, Rosen, Gurken, Feuerlilien, Mohrrüben, Malven, Himbeeren und noch vielerlei kunterbunt durcheinander wuchsen, gehörten noch zum Häuschen. Daraus kann jeder sehen, daß Muhme Lenelis nicht reich war, nein, eigentlich war sie arm; sie mußte sich recht mühsam ihr bißchen Zubrot durch Beeren- und Kräutersuchen verdienen.
Manch einer hätte da gejammert und gestöhnt, doch daran dachte Muhme Lenelis nicht; sie war immer vergnügt und guter Dinge. Plagte sie einmal das Reißen, oder war ihr der Kaffee ausgegangen, und sie hatte kein Geld, sich welchen zu kaufen, dann sagte sie: „Das Leben ist wie eine Butterschnitte. Manchmal kommt eine Stelle, wo gerade keine Butter hingekommen ist, da muß man eben ruhig weiter essen, bis wieder Butter kommt.“ Und dampfte dann wieder Kaffee in ihrer braunen Kanne, dann sagte sie schmunzelnd: „Seht, jetzt bin ich wieder an einer guten Stelle bei meinem Lebensbutterbrot.“
Obgleich nun Muhme Lenelis arm, alt und dazu recht häßlich war, liebten sie doch alle Kinder. „Das kommt von ihrem guten Herzen,“ sagte die Schulzenfrau stets, wenn sie von der Muhme sprach.
Im Sommer, wenn es in Wald und Feld so viel zu bewundern und zu begucken gab und der Tag voller Lust und Leben war, vergaßen die Oberheudorfer Buben und Mädel freilich manchmal, Muhme Lenelis zu besuchen. Aber im Winter, wenn die Sonne das Zubettgehen gar nicht erwarten konnte, da saßen immer etliche Wildfänge in Muhme Lenelis' Stube und bettelten: „Muhme, erzähl doch was!“
Ja, erzählen, das konnte Muhme Lenelis am allerbesten im ganzen Dorf. Tausend noch mal, waren das Geschichten! Da spielten die allerschönsten Prinzessinnen mit kleinen dummen Bauernbuben Federball und Blindekuh oder fuhren in goldenen Kutschen einher, und Schlösser gab es in den Geschichten, die waren so schön, daß des Grafen Dachhausen Schloß dagegen nur ein ganz einfaches Haus war. Mit goldenen Kronen, silbernen Gewändern und Edelsteinen warf Muhme Lenelis in ihren Geschichten umher wie die Kinder im Herbst mit Kastanien, und die guten Feen brachten gleich ganze Erntewagen voll Geschenke an. Leider spielten diese Geschichten alle im Märchenlande, und das liegt bekanntlich hinter dem Berge „Irgendwo“ an der Straße „Nirgendshin“ im Walde „Ichweißnichtwie“. Muhme Lenelis aber hatte sicher ein Zaubertränklein, denn solange sie erzählte, verwandelte sich ihre dürftige Stube in den wunderlieblichsten Märchengarten, in dem die Oberheudorfer Kinder sehr vergnügt umherspazierten.
Zwei Kinder im Dorfe nur kamen nicht zu Muhme Lenelis außer den Kleinen, die noch nicht gehen und sprechen konnten, das war das besinnliche Trinchen, zu dem ging Muhme Lenelis erst dann, als es krank lag, und der Traumfriede. Ach, und der Bube wäre doch brennend gern zu der alten Frau gelaufen, aber sein Herr und Pflegevater litt es nicht, weil er Muhme Lenelis nicht leiden konnte. Böse Menschen haben mit den guten nicht gern etwas zu schaffen, und der Kohlbauer schaute der alten Frau nicht gern in ihre klugen, klaren Augen. Sonst kamen sie alle: Schulzens Jakob, Annchen Amsee, Heine Peterle, und wie sie alle hießen.
Sie kamen und saßen in Muhme Lenelis' Stube, und wer besonders brav gewesen war, der durfte ein Weilchen auf einem mit verschossenem roten Samt bezogenen Sessel sitzen. Dieser Sessel war die größte Kostbarkeit, die die alte Frau besaß. Sie hatte ihn einmal von einer Kammerfrau der Gräfin erhalten, der sie Kräutertee als Heilmittel für eine schlimme Grippe gebracht hatte. Die Kammerfrau wieder hatte den Stuhl von der Frau Gräfin bekommen, weil der Samt Flecke hatte und außerdem zwei Beine wackelten. Aus diesem Grunde mußte man auch immer ganz vorsichtig auf dem Sessel sitzen, und die Oberheudorfer Kinder saßen, wenn sie diese hohe Ehre erreichten, so steif und still auf dem ehemaligen gräflichen Sessel, wie etwa ein Kaiser auf dem Throne sitzt.
Am schönsten war es so um Weihnachten herum bei Muhme Lenelis. Vier Wochen vorher roch es dort schon weihnachtlich. Die Muhme lachte immer, wenn die Kinder kamen, ihre Näschen in die Luft reckten und wie Hundchen schnuppernd riefen: „Hier riecht's nach Weihnachten!“ Flugs warf dann die alte Frau noch einige Tannenzapfen in das Feuer. Das prasselte und sprühte, und ein feiner, süßer Weihnachtsduft zog durch das Zimmer.
Am ersten Adventsonntag wurde in dem Häuschen ein Fest gefeiert, da gab es Bratäpfel. Der große Apfelbaum, der neben dem Hause stand wie ein großer, guter Wächter, sorgte dafür, daß die Muhme jeden Herbst etliche Körbe voll Äpfel einernten konnte. Ein bißchen hart und säuerlich waren die Früchte zwar, aber Muhme Lenelis meinte, der Baum sei eben ein Bratäpfelbaum, dagegen sei nichts zu sagen. Alle Kinder stimmten ihr zu, und wer nur einen einzigen Bratapfel bei Muhme Lenelis gegessen hatte, der erklärte sicher, daß nirgends auf der weiten Welt bessere Bratäpfel zu finden seien.
Überhaupt war alles in und um Muhme Lenelis Haus von ganz besonderer Art. Die schwarzweiße Ziege, die den für Ziegen etwas ungewöhnlichen Namen Friederike führte, war nach der Muhme Aussage ein über alle Maßen kluges Tier. Ein Zeichen ihrer Klugheit war schon, daß es ihr in der Stube besser als im Stalle gefiel, namentlich im Winter, wenn es im Stalle kalt war. Erzählte ihre Herrin eine Geschichte, so verhielt sich Friederike meist still, aber nicht immer, und Muhme Lenelis sagte dann stolz. „Sie hört zu! Wenn sie nur sprechen könnte, sie könnte sicher die schönsten Geschichten erzählen!“
Die Kinder behandelten Friederike sehr respektvoll. Schulzens Jakob, der immer gern alles studieren wollte, nahm es sich einmal vor, am heiligen Abend um Mitternacht in Muhme Lenelis Stall zu gehen, vielleicht konnte da Friederike sprechen, weil man doch sagt, daß die Tiere in dieser heiligen Nacht wie die Menschen reden können. Anton Friedlich und Heine Peterle wollten mit ihm gehen, aber dann hatten sie alle drei zu viel Pfefferkuchen gegessen und Weihnachtspunsch getrunken und verschliefen die Zeit. Sie sagten zwar „nächstes Jahr“, aber da war es ebenso, und darum erfuhren die Kinder nie, ob Friederike wirklich schöne Geschichten erzählen konnte.
Von besonderer Klugheit war auch Schnurpsel, der Kater. Auch von ihm sagte Muhme Lenelis, er sei ein ganz besonderer Kater, so einer, wie sie in Märchen vorkommen. Schnurpsel ging auch immer so stolz einher, als sei er ein Prinz, und er konnte neben einer bis zum Rande gefüllten Milchschüssel liegen, ohne in die Katzenuntugend des Naschens zu verfallen. Nein, so etwas tat Schnurpsel nicht, dazu war er viel zu würdevoll.
Er stellte auch nicht Mimi, der Amsel, nach, die auch eine von Muhme Lenelis Hausgenossen war. Die Muhme hatte das Tierchen einst mit gebrochenem Flügel auf einer Wiese gefunden, es heimgetragen und gesund gepflegt. Im Sommer saß Mimi in dem kleinen, blütenreichen Gärtchen und pfiff die allerschönsten Lieder, im Winter aber blieb sie in der Stube und spazierte nur bei hellem Sonnenschein ein wenig draußen herum. Mimi vertrug sich so gut mit Schnurpsel, daß sie manchmal sogar auf seinem Rücken saß, was sich der Kater mit behaglichem Schnurren gefallen ließ.
„Zank und Streit kommen bei uns nicht vor,“ pflegte Muhme Lenelis zu sagen, wenn sie mit Friederike, Schnurpsel und Mimi in ihrem Stübchen saß. Auch die Kinder, die zu Besuch kamen, ließen Zank und Streit draußen. Selbst der blaue und der dicke Friede vertrugen sich miteinander, als sie noch Feinde waren, wenn sie bei der Muhme weilten, und manchen Streit, der Geschwister oder Freunde entzweit hatte, schlichtete die alte Frau mit klugen und gütigen Worten.
Wieder einmal stand der erste Advent und das Bratäpfelfest vor der Türe. Etliche Tage vorher wisperten und flüsterten die Kinder schon von dem Fest, zu dem Muhme Lenelis erstens eine neue Geschichte und zweitens Pfefferkuchen versprochen hatte. Die Pfefferkuchen, die die Muhme ihren Gästen vorsetzte, waren weder sehr groß noch sehr mit Mandeln gespickt. Es waren recht einfache, billige Kuchen, und doch schmeckten sie den Kindern stets über die Maßen gut; vielleicht machte sie die große Liebe, mit der sie gegeben wurden, so besonders schmackhaft.
An dem Sonnabend vor dem Feste rüstete sich Muhme Lenelis am Morgen zur Fahrt in die Stadt, um dort die Pfefferkuchen zu kaufen. Sie holte sie jedes Jahr bei einer als geizig verschrieenen Konditorsfrau, die das größte Geschäft in der Stadt hatte. Der Gastwirt Kaspar auf dem Berge fuhr auch nach der Stadt und hatte sich erboten, Muhme Lenelis mitzunehmen. Zurück mußte sie freilich gehen, aber sie fürchtete sich nicht vor dem langen Wege und lachte vergnügt, als einige Buben ihr versicherten, sie würden ihr entgegenkommen und sie in ihrem Handschlitten heimfahren. Heine Peterle warnte die Muhme noch sehr dringlich vor allerhand Gefahren in der Stadt, und als sein Vater ihm vorschlug doch mitzufahren, lief er mit puterrotem Gesicht wütend aus der Stube.
Muhme Lenelis kam wohlbehalten in der Stadt an und ging in den Pfefferkuchenladen, in dem so viele Leute waren, daß die alte Frau ganz verlegen wurde. Aber die Konditorsfrau, die sie von Ansehen kannte, sprach freundlich zu ihr, und die Muhme brachte ihr Anliegen vor und erzählte dabei treuherzig, wozu sie so viele kleine Pfefferkuchen brauchte. Etliche junge Mädchen bedienten die Kunden und packten die eingekauften Waren in große Pakete zusammen. Nachdem Muhme Lenelis eine ganze Weile gewartet hatte und etliche Male nach ihren Wünschen gefragt worden war, legte eines der Mädchen ihr ein recht umfangreiches Paket in den Tragkorb. Die alte Frau nahm ihre mühsam gesparten Groschen aus ihrem Beutel, händigte sie der Konditorsfrau ein und ging, noch einen sehnsüchtigen Blick auf alle im Laden aufgestellten Herrlichkeiten werfend, mit freundlichem Gruß von dannen. Unterwegs dachte sie an all die Kasten voll feiner Schokoladenbonbons, an die Marzipanfrüchte und bunten Kuchen. Wie gern hätte sie für ihre kleinen Freunde und Freundinnen in Oberheudorf recht viel eingekauft!
Der lange Weg wurde ihr nicht lang, obgleich die Pfefferkuchen merkwürdig schwer im Korbe lagen. Muhme Lenelis dachte an die Geschichte, die sie morgen erzählen wollte, und sonst noch an allerlei liebe, freundliche Dinge und stapfte dabei wohlgemut weiter. Zart und weich rieselten die Flocken hernieder. Es war nicht kalt, aber doch blieb der Schnee liegen. Es sah ganz weihnachtlich feierlich aus, und die Muhme geriet in eine so fröhliche Weihnachtsstimmung, wie nur ein guter Mensch sie empfinden kann.
Ein lautes Geschrei unterbrach plötzlich ihr heiteres Sinnen. Auf einem Hügel tauchten fünf Gestalten auf, die mit großem Hallo auf die einsame Wanderin zukamen. Muhme Lenelis blieb stehen und lachte, denn sie kannte die fünf gut, die dort ankamen; es waren Heine Peterle, der blaue Friede, Schulzens Jakob, Schnipfelbauers Fritz und der lange Hans, der Wirtssohn.
„Wir wollen dich heimfahren, Muhme!“ riefen alle fünf, und der kleine Holzschlitten, den sie zogen, flog hin und her wie ein Uhrenpendel.
„Ich geh lieber,“ meinte die Muhme, denn die Fahrt schien ihr etwas bedenklich.
Die fünf schrien vor Entrüstung laut auf und baten so eindringlich, daß die gute Muhme sich wirklich auf den Schlitten setzte. „Es liegt ja Schnee,“ dachte sie. „Wenn ich falle, fall' ich weich,“ und – bums! da lag sie auch schon im Graben. Mit ihrem Korbe kollerte sie ein Stück bergunter, und als sie pustend und ächzend wieder aufstand, da waren die fünf Ritter schon weit entfernt; sie hatten in ihrem Eifer gar nicht gemerkt, daß sie die Muhme verloren hatten.
„Na, solche Buben!“ meinte diese lachend, lud ihren Korb auf und eilte, so schnell sie konnte, auf einem Seitenwege ihrem Häuschen zu.
„Wir bringen Muhme Lenelis mit den Pfefferkuchen,“ schrien die fünf, als sie in das Dorf einfuhren.
Waldbauers Mariandel, die gerade hübsch artig und manierlich über die Dorfstraße ging, riß die Augen weit auf, und Annchen Amsee, die dazukam, quiekte: „Ach je, wo ist denn die Muhme?“
Schuster Pechdraht stand vor seiner Haustüre und rief auch: „Ja, wo ist denn die Muhme?“
Verdutzt hielten die fünf im Laufen inne, drehten sich um, – ja, wo war denn die Muhme?
„Wir haben sie verloren,“ murmelte Schnipfelbauers Fritz kleinlaut, und alle fünf schauten sich verlegen an. Dann aber rasten sie wie der Sturmwind zurück, um Muhme Lenelis zu suchen. Dabei erhoben sie ein so jämmerliches Geschrei, daß das halbe Dorf zusammenlief. Aus allen Häusern kamen die Leute herausgestürzt. „Was ist geschehen?“ – „Wo ist die Muhme?“
Alle Kinder liefen den Weg zurück, um die verloren gegangene Muhme zu suchen, während die Erwachsenen nicht weiter beunruhigt in ihre Häuser zurückkehrten.
Muhme Lenelis saß inzwischen schon in ihrem Stübchen und schickte sich gerade an, Kaffee zu kochen, als sie das laute Geschrei der Kinder vernahm, die, nachdem sie sie nicht auf dem Wege gefunden hatten, sie in ihrem Hause suchten. Der Muhme saß der Schalk im Nacken. Flugs schloß sie die Haustür zu und verhielt sich mäuschenstill, soviel die Kinder draußen auch klopften und riefen. „Sie ist nicht da,“ riefen sie endlich jammernd und rannten in das Dorf zurück.
Unterwegs begegneten sie dem Gendarm. Das war ein freundlicher, gutmütiger Mann, mit dem alle Buben und Mädel gute Freundschaft hielten. „Muhme Lenelis ist verschwunden,“ klagten sie ihm, und der Gendarm ließ sich die Sache genau beschreiben, zog die Stirn in tiefe Falten und sagte: „Ganz gewiß liegt die Muhme irgendwo halbtot oder mindestens mit einem gebrochenen Bein oder zwei Löchern im Kopf am Wege.“
Was ein Gendarm sagt, ist von großer Wichtigkeit. Auch die Erwachsenen bekamen Angst, und man begann die verloren gegangene Muhme zu suchen. Leise kam schon die Dämmerung herbei, als sich alle wieder dem Dorfe näherten. Nirgends hatten sie die Muhme finden können.
„Bei der Muhme Lenelis raucht es ja!“ rief plötzlich Waldbauers Mariandel mit klingender Stimme. Und richtig, aus der dicken Esse stieg der Rauch empor, und plötzlich erhellten sich auch die niedrigen Fenster. Muhme Lenelis war also daheim. Alle waren froh darüber, daß die Geschichte so gut abgelaufen war, die fünf Fahrer aber wurden weidlich ausgelacht und zogen recht beschämt von dannen.
Am nächsten Tage aber stellten sie sich vergnügt und pünktlich zum Bratäpfelfeste ein. Muhme Lenelis Stube konnte die Schar der Gäste kaum fassen. Weil die Muhme weder genug Stühle, Bänke, Wascheimer und alte Kisten hatte, saßen etliche Buben und Mädel auf der Erde, als sei nicht Oberheudorf, sondern die Türkei ihre Heimat. Die Muhme hatte Strohbündel auf den Boden gelegt. Da saßen die Gäste warm und weich, und es gab viel Kichern und Lachen, als die Muhme jedem einen heißen Bratapfel zuwarf. Dann holte sie das Pfefferkuchenpaket hervor und begann es aufzuschnüren.
„Es ist so groß!“ schrie Schnipfelbauers Fritz.
„Ja,“ sagte die Muhme erstaunt, die bis jetzt das Paket in ihrem Tragkorbe hatte liegen lassen, „und so schwer ist es!“
Die Neugierde wurde lebendig in den kleinen Gästen, sie zitterten und zappelten und konnten es gar nicht erwarten, bis die Hülle fiel.
Aber das war auch eine Überraschung!
Potz tausend, was war da alles in dem Paket! Muhme Lenelis setzte sich vor lauter Verwunderung auf den roten Samtstuhl und rief ein über das andere Mal: „Du meine Güte, die gute, gute Konditorsfrau!“ Dabei packte sie etliche Tüten feine Schokoladenbonbons aus, einen großen Kasten Marzipanfrüchte, Zuckerkringel, Makronen und Pfefferkuchen.
Die Kinder jubelten, jauchzten und umdrängten die gute Muhme und warfen sie beinahe mit all den süßen Herrlichkeiten und dem roten Polsterstuhl über den Haufen. Und dann ging ein Schmausen los. Es war wie bei einem Gastmahl in einem Feenschloß. Selbst Schnurpsel geruhte einen kleinen Kuchen zu verzehren, und Mimi pickte an einem Zuckerkringel herum; nur Friederike sah verächtlich auf all die Süßigkeiten.
Muhme Lenelis teilte alles ein. Wer daheim noch kleine Geschwister hatte, durfte diesen noch etwas mitbringen. Laut erklang bei diesem fröhlichen Feste das Lob der guten Konditorsfrau, die diese Überraschung bereitet hatte, und die Muhme beschloß, in den nächsten Tagen noch einmal nach der Stadt zu wandern, um ihren Dank abzustatten.
Sie tat das auch am nächsten Freitag. Da fuhr Friede Hopserling mal wieder in die Stadt und erklärte sich bereit, die Muhme mitzunehmen. Friede Hopserling war seit seiner Fahrt mit Heine Peterle noch nicht redseliger geworden, und Muhme Lenelis hatte daher Zeit, sich eine wunderschöne Dankrede einzustudieren. Die gute Frau konnte, wenn es darauf ankam, so flink reden, daß so leicht niemand zu Worte kam. Die Dankesrede murmelte sie einigemal leise vor sich hin. Sie gefiel ihr selbst ungemein, und sie konnte sie auch wirklich ganz vortrefflich.
Als daher Friede Hopserling in der Stadt vor der Konditorei hielt, konnte es Muhme Lenelis kaum noch erwarten, ihr Sprüchlein zu sagen. Mit einer Geschwindigkeit, als sei sie noch ein blutjunges Dirnlein, kletterte sie vom Wagen herab und lief flugs in den Laden hinein, in dem wieder viele Käufer waren, gerade auf die Konditorsfrau zu, die breit und behäbig an der Kasse saß. Ehe diese noch wußte, wie ihr geschah, hatte Muhme Lenelis ihre Hand ergriffen, drückte sie herzhaft und sprudelte ihren Dank hervor.
Die Konditorsfrau starrte die Sprechende an, als erblicke sie ein Gespenst. Mitunter schnappte sie nach Luft und wollte etwas sagen, aber Muhme Lenelis ließ sich nicht unterbrechen, und ihre Rede war infolge der langen Fahrt auch recht lang geworden; es dauerte daher eine geraume Zeit, ehe sie fertig war.
Friede Hopserling, der versprochen hatte, auf seinen Fahrgast zu warten, wurde ungeduldig und knallte mit der Peitsche und schrie so laut, daß alle Leute auf der Straße sich entsetzt umsahen: „Abfahren!“ Muhme Lenelis erschrak und sprach noch schneller als vorher. Sie drückte der Konditorsfrau immer wieder die Hand, dankte der engelsguten Frau, wie sie sie nannte, und verließ dann eilfertig den Laden. Draußen kletterte sie dann vergnügt auf den Wagen, und Friede Hopserling fuhr los, denn er hatte das Mehl in eine andere Stadtgegend zu bringen.
Muhme Lenelis war von Herzen froh, daß sie ihren Dank angebracht hatte. Sie ahnte nicht, daß die Konditorsfrau wütend war und vor Ärger fast verging. Die Sache mit dem Paket war nämlich eine Verwechslung. Eine reiche Dame hatte all die schönen Sachen eingekauft und war sehr beleidigt über die kleinen, armseligen Pfefferkuchen gewesen, die man ihr dann zugeschickt hatte. Die Konditorsfrau hatte Muhme Lenelis' Namen und Wohnort nicht gekannt und hatte diese daher nicht zur Zurückgabe des Paketes auffordern können. Was half aber aller Ärger? Die feinen Schokoladenbonbons und Marzipanfrüchte waren aufgegessen. Wohl schalt die Konditorsfrau, als sie endlich nach Muhme Lenelis' Abgang zu Worte kam, heftig, aber da saß die alte Bauersfrau schon wieder neben Friede Hopserling und erzählte diesem von der „engelsguten Konditorsfrau“. Diese tobte und ärgerte sich so, daß sie am Nachmittag Leibschmerzen bekam und sich ins Bett legen mußte; es war beinahe so, als hätte sie alle Schokoladenbonbons allein aufgegessen.
Ja, so geht das manchmal im Leben. Die Konditorsfrau, die ihren Nebenmenschen nicht die Fettaugen auf der Wassersuppe gönnte, stand von nun an bei den Oberheudorfer Buben und Mädeln im höchsten Ansehen. Vielleicht erfahren die erst durch diese Geschichte, wie unfreiwillig die süße Überraschung an Muhme Lenelis' Bratäpfelfest ihnen zuteil geworden ist.
Die Prinzessin mit dem seltsamen Namen.
An dem vergnügten Bratäpfelfest, das so schön war, wie nur ein Kinderfest sein kann, erzählte Muhme Lenelis ihren kleinen Gästen die Geschichte von der Prinzessin mit dem seltsamen Namen. „Es war einmal,“ so begann sie, „eine Prinzessin, die einen recht häßlichen Namen hatte. Den hatte sie von ihrer Tante erhalten, die zwar eine Fee war, aber beileibe keine gute, sondern eine recht böse. Um die Eltern der armen Prinzessin zu ärgern, hatte sie dem Kinde den häßlichen Namen gegeben und gleich dabei die Verwünschung ausgesprochen, wenn die Prinzessin mit einem andern Namen gerufen würde, so müßte sie sterben. Nur wenn ein Königssohn sie heiraten wollte, dürfte er ihr am Hochzeitsmorgen einen andern Namen geben; dieser Name müßte aber das erste Wort sein, das er an diesem Morgen der Königstochter zuriefe. Die Eltern waren schrecklich traurig über den häßlichen Namen.“
„Wie war er denn?“ rief Annchen Amsee ungeduldig.
„Abwarten und Tee trinken,“ sagte Muhme Lenelis und fuhr ruhig fort. „Noch trauriger aber war die schöne Prinzessin selbst, als sie größer wurde und merkte, wie häßlich ihr Name eigentlich war. Sie hieß nämlich –“
„Friederike!“ rief Heine Peterle kläglich.
„Na so was!“ schrie die Muhme entrüstet. „Das ist doch kein häßlicher Name, dummer Bub' du!“
„Nein,“ sagte Heine Peterle und rückte ängstlich auf dem umgestülpten Holzeimer, auf dem er saß, hin und her, „ich meine nur, Friederike stößt mich immer von hinten.“
„Ach so,“ sagte die Muhme, jagte Friederike weg und erzählte dann weiter. „Also der Name, über den die Prinzessin so traurig war, lautete –“
„Mimi!“ schrie Annchen Amsee aufgeregt.
„Nä, so'n dummes Volk!“ rief die Muhme. „Mimi ist doch 'n schöner Name!“
„Das meine ich ja nicht,“ schrie Annchen Amsee und sprang auf, „Mimi ist eben in die Milch gefallen!“
Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten. Seite 144.
Mimi war wirklich in die Milch gefallen. Sie wurde herausgeholt und an den Ofen gesetzt. Da blieb sie niedergeschlagen sitzen, bis ihr nasses Federkleid wieder trocken war.
„Die Prinzessin hieß also,“ erzählte Muhme Lenelis weiter, „Schlampampe.“
„Pfui!“ riefen Waldbauers Mariandel und Tischlers Liese wie aus einem Munde, und die Buben lachten, und Schnipfelbauers Fritz rief keck: „Der Name gefällt mir! So müßten alle Mädel heißen.“
„Das ist frech!“ schrien die Mädel alle miteinander empört, und Muhme Lenelis mußte erst ihre aufgeregten Zuhörer beruhigen, ehe sie weitererzählen konnte. Schlampampes Geschwister hatten alle schöne Namen. Oft, wenn Besuch kam und die kleinen Prinzen und Prinzessinnen guten Tag sagen mußten, lachten die Gäste über Schlampampes Namen. Später, als sie größer wurde und schön und lieblich wie ein Maientag aussah, da lachten die jungen Prinzen, die in das Schloß ihres Vaters kamen, auch über den Namen. – Einmal hörte die arme Schlampampe, wie ein junger König aus einem Nachbarland zu seinem Diener sagte: „Die Prinzessin gefällt mir gut, ich mag aber keine Frau heiraten, die Schlampampe heißt.“
„Nä,“ sagte da Heine Peterle und schüttelte ernsthaft den Kopf, „ich möcht's auch nicht!“
„Halt den Schnabel, du Dreikäsehoch,“ rief die Muhme und fuhr fort: „Die arme Prinzessin weinte sich bald die Augen aus vor Herzeleid. Viele, viele Wochen saß sie in ihrer Kammer und sprach kein Wort, und den Eltern brach schier das Herz, als sie den Kummer ihres lieben Kindes sahen. Die Geschwister wollten sie trösten und nannten sie Herzensschlampampchen, süße Schlampampe oder Schlampampelein, aber alles half nichts, die Prinzessin blieb traurig.
Eines Tages ging sie zu ihrem Vater und sagte: „Lieber Papa König, bitte, bitte, laß mich allein in die Welt ziehen! Vielleicht finde ich einen Königssohn, der mich heiratet trotz meines Namens.“
Gern ließ der König sein Kind freilich nicht ziehen, weil die Prinzessin aber gar so innig bat, willigte er ein. Er übergab ihr ein winziges Köfferchen, in dem waren die schönsten Kleider, die man sich denken kann, alle spinnewebfein, aber so wundervoll, wie sie noch keine Prinzessin je getragen hatte. Er gab seinem Kinde auch noch ein Beutelchen, in dem das Geld nie alle wurde, und dann nahm Schlampampe unter heißen Tränen Abschied von Eltern und Geschwistern. Sie zog ein graues Bettlerkleid an, setzte sich auf ein schneeweißes Rößlein und zog in die weite Welt hinaus.
Als die Nacht kam, kehrte sie in einem Bauernhaus ein, wo sie freundlich aufgenommen wurde. „Wie heißt du denn?“ fragte die Bäuerin.
Schlampampe wurde rot wie ein Adonisröslein und sagte schüchtern ihren Namen.
„Mein Himmel!“ schrie die Frau entsetzt und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Was ist das für ein Name! Nein, so etwas! Mach' nur, daß du fort kommst, für eine Schlampampe ist kein Platz in meinem Hause!“
Da ging die arme Prinzessin traurig weiter und beschloß, die Nacht im Walde zu bleiben. Als sie sich auf das Moos niederlegte, begannen die Vöglein süße Weisen zu singen, und die Bäume rauschten sanft und lind. „Armes, schönes Königskind,“ flüsterte eine stolze Tanne, „sei nicht traurig über deinen Namen, das Herz ist die Hauptsache.“
„Ja, das ist wahr,“ rief ein Mistkäfer, der am Boden kroch. „Ich bin nur ein Mistkäfer, aber ich habe ein gutes Herz!“
„Prahlhans!“ rief ein dicker Specht. „Aber es ist wahr, das Herz ist die Hauptsache.“
Die Nachtigall setzte sich auf einen Busch neben die schlafende Prinzessin und sang, bis der Morgen heraufdämmerte. Schlampampe schlief so süß wie daheim in ihrem seidenen Himmelbette, und als sie am Morgen erwachte, war sie heiterer als seit vielen Wochen, und froh setzte sie ihre Reise fort.
Am Abend kam sie wieder in ein Bauernhaus, und die Bäuerin hieß sie herzlich willkommen. „Wie heißt du denn, du wunderholdes Mägdelein?“ rief die Frau.
Schlampampe senkte den Kopf und sagte traurig: „Ach, gute Frau, ich habe einen schrecklichen Namen, den ich gar nicht nennen kann!“
„Ei, so nenne ich dich Namenlos,“ rief die Bäuerin und führte die Prinzessin in ein kleines, sauberes Zimmer.
Schlampampe gefiel es gut in dem Bauernhaus, und sie blieb etliche Tage. Es tat ihr so wohl, daß niemand ihren Namen wußte und darüber lachte. Eines Morgens aber, als sie aus ihrer Kammer trat, hörte sie die Bäuerin rufen: „Ei du alte Schlampampe, wie unordentlich hast du wieder gefegt!“
Da erschrak die Prinzessin sehr. Wohl merkte sie bald, daß die Bäuerin die Magd gemeint hatte, aber es litt sie nicht länger in dem Hause, und sie zog weiter. Wohin sie auch kam auf ihrer Reise, überall wurde sie „Namenlos“ genannt, weil sie ihren Namen nicht nennen wollte.
Nach etlichen Wochen kam sie zu einem Könige, der ein großes, schönes Schloß bewohnte, und der drei Söhne hatte. Die Prinzessin nahm aus ihrem Koffer ein Kleid, das blau wie ein Strauß Vergißmeinnicht war und silberne Borten hatte, zog es an und ritt in den Schloßhof hinein.
„Das ist eine Prinzessin,“ riefen alle Diener und Mägde und purzelten gleich vor lauter Eifer übereinander. Auch der König kam herbei, begrüßte seinen schönen Gast und wollte ihren Namen wissen, aber Schlampampe seufzte tief und sagte, sie könne ihren Namen nicht sagen.
„Also sind Sie Prinzessin Namenlos, mein schönes Kind?“ sagte der König und führte sie ins Schloß und stellte ihr dort seine drei Söhne vor. Die drei Prinzen hatten nur einen Fehler, sie waren schrecklich dumm. Der älteste sagte immer: „Aha!“, der zweite: „Oho!“ und der dritte: „Hmhm!“ Das war ein bißchen langweilig. Sagte die Prinzessin: „Heute ist aber schönes Frühlingswetter!“ dann lachten die drei Prinzen und riefen: „Aha!“ – „Oho!“ – „Hmhm!“
Lobte bei Tisch die Prinzessin die Pastete, so klopften sich die drei Prinzen auf den Magen und riefen vergnügt: „Aha!“ – „Oho!“ – „Hmhm!“
„Das ist mir aber doch zu dumm,“ dachte Schlampampe. „Lieber behalte ich meinen Namen, als daß ich einen heirate, der immer nur aha, oho oder hmhm sagt.“ Sie nahm daher Abschied und dankte dem alten König herzlich für seine Aufnahme. Die drei Prinzen wurden sehr traurig und riefen klagend: „Aha!“ – „Oho!“ – aber der dritte konnte nicht mehr „Hmhm“ sagen, weil ihm ein großes Stück Pastete in die Kehle gekommen war. Er mußte schrecklich husten, und als er aufhörte, war die Prinzessin schon längst fortgeritten, da rief er noch hinterher: „Hmhm!“
Schlampampe ritt weiter durch fruchtbare Täler und stille Wälder und kam endlich an einem schönen Sommerabend an ein großes, weißes Schloß, das goldene Türme und ein goldenes Dach hatte. Es funkelte im Sonnenschein so, daß Schlampampe fast geblendet wurde. Da zog die Prinzessin ein Kleid an, das rosenrot war wie ein Strauß Centifolien und goldene Borten hatte, und so geschmückt ritt sie in den Schloßhof ein.
„Das ist sicher eine Prinzessin!“ schrie der Torwächter, und Diener und Mägde liefen wieder eilfertig herbei und hoben Schlampampe vom Pferde herunter.
Da der König gerade regierte, kam die Königin herbei und begrüßte die Prinzessin und rief: „Ei, wie heißt du denn, schönes Kind?“
Schlampampe seufzte und sagte: „Ach, ich kann meinen Namen nicht sagen!“ und die Königin erwiderte freundlich: „Nun, so nenne ich dich Prinzessin Namenlos.“ Sie führte die Prinzessin in einen hohen Saal und stellte ihr dort Söhne und Töchter vor. Es waren drei Prinzen und vier Prinzessinnen, als sie sich aber alle an die Tafel setzten, sah Schlampampe, daß zwischen den Prinzen ein Stuhl leer blieb.
Sie fragte die Prinzessin Hildegund, die an ihrer linken Seite saß: „Hast du noch einen Bruder? Drüben ist noch ein Stuhl leer.“
Da fing das Prinzeßchen an bitterlich zu weinen und rief: „Ach, frage nicht, schöne Namenlos, mein armer Bruder hat ein großes Unglück zu tragen!“
Schlampampe schwieg, aber sie mußte immer an den Prinzen denken, von dem niemand sprach, und dessen Stuhl leer stand. Die Prinzessin bekam ein großes, schönes Zimmer mit einem Himmelbett aus rosenroter Seide darin. Trotzdem sie sehr gut in dem prächtigen Bett lag, wachte sie doch am nächsten Morgen sehr zeitig auf. Sie zog ihr Vergißmeinnichtkleid an und ging durch das Schloß, in dem noch alle Bewohner schliefen, und gelangte in einen schönen Garten, in dem die wunderbarsten Blumen blühten.
Die Sonne war gerade am Aufgehen, und eine Nachtigall sang noch in den Büschen. Wie Schlampampe so durch den Garten schritt, vernahm sie auf einmal einen köstlichen Gesang. Es war ein Mensch, der sang, und so schön war die Stimme, daß die Prinzessin tief ergriffen wurde. Die hellen Tränen rollten ihr aus den Augen, und unwillkürlich ging sie den Tönen nach. Sie gelangte in eine Geißblattlaube, darin saß ein schöner Jüngling, der die Laute spielte und sang. Als die holde Prinzessin, die aussah, als hätte sie ein Stück Himmelsblau angezogen, plötzlich vor ihm stand, ließ er die Laute sinken und sah Schlampampe unverwandt an.
Endlich rief er: „Wie schön bist du!“ und Schlampampe erwiderte: „Du bist noch schöner!“
Sie gaben einander die Hand und gingen miteinander durch den Garten. „Wer bist du?“ fragte der Jüngling, und Schlampampe seufzte tief und erzählte ihm, daß sie eine Prinzessin sei und einen schrecklichen Namen habe.
„Oh,“ rief der Jüngling, „das ist auch mein Unglück. Ich bin der Sohn des Königs, dem dieses Schloß gehört. Auch ich habe einen entsetzlichen Namen und werde immer ausgelacht.“
Die beiden sahen sich an, und plötzlich riefen sie wie aus einem Munde: „Wie heißt du?“
Aber keiner wollte den Namen zuerst nennen. Da sagte endlich der Prinz: „Hörst du die Schloßuhr schlagen? Drei Schläge wollen wir zählen, beim dritten nennen wir unsere Namen. Da zählten sie eins – zwei –“
„Friederike,“ schrie Heine Peterle erschrocken und purzelte samt seinem Holzeimer um, denn Friederike hatte ihm unvermutet einen sehr derben Stoß versetzt.
„Das ist frech!“ riefen die Kinder empört, die so unsanft aus ihren Märchenträumen gerissen waren. Auch Muhme Lenelis war ärgerlich, und die sonst so kluge Friederike wurde angebunden, weil sie diesmal so gar nicht wußte, wie sie sich in Gegenwart von Prinzen und Prinzessinnen zu benehmen hatte.
„Die Uhr muß nochmal schlagen,“ bat Annchen Amsee, und Muhme Lenelis nickte und erzählte weiter. „Die beiden zählten also eins – zwei – drei – und riefen dann mit lauter Stimme: „Schlampampe!“ – „Schlampamperich!“
„Schlampamperich heißt du?“ rief die Prinzessin erstaunt.
„Und du Schlampampe?“ rief der Prinz nicht minder verwundert.
Plötzlich lachten sie beide hell auf und riefen einmal über das andere: „Schlampampe! – Schlampamperich!“ Dann fielen sie sich in die Arme und küßten sich und sagten, sie wollten sich heiraten. Sie liefen schnell in das Schloß, und die Diener, die gerade aufgestanden waren, mußten rasch den König, die Königin, die Prinzen und die Prinzessinnen wecken. Die freuten sich ungeheuer, als sie die Sache erfuhren, und die Königin sagte: „Gut, daß ich gestern einen Kuchen habe backen lassen, da können wir jetzt gleich Verlobung feiern!“
So geschah es auch, und Hochzeit wurde auch bald gemacht. Dazu wurden Schlampampes Eltern und Geschwister eingeladen; es sollte eine große Hochzeit werden. Die alte Königin sagte zu Schlampampe, sie möge am Hochzeitsmorgen ihren Bräutigam nur mit einem andern Namen rufen, den dürfe er dann für immer behalten.
Das Gleiche sagte Schlampampes Mutter zu dem Prinzen, und Braut und Bräutigam dachten sich wunderschöne Namen aus, mit denen sie einander rufen wollten. Schlampampe wollte ihren Prinzen „Friedhold“ nennen, und dieser wollte seiner Braut den Namen „Morgenrot“ geben, weil er sie beim Morgenrot zuerst gesehen hatte.
Schlampampe stickte auf ein großes rotseidenes Schlummerkissen den Namen Friedhold, und der Prinz machte ein schrecklich langes Gedicht, in dem er seine holde Frau Morgenrot besang.
So kam denn der Hochzeitstag heran. Wie sich das für einen richtigen Hochzeitstag schickt, schien die Sonne blitzblank, und alle Menschen im Königsschloß und im ganzen Lande machten vergnügte Gesichter. Die kleinen Mädchen hatten alle weiße Kleider an und die Buben neue Hosen. In jedem Hause war Kuchen gebacken worden, und zu Mittag gab es Kalbsbraten und hinterher noch eine süße Speise.
Es war wirklich wunderschön, und am allervergnügtesten waren der Prinz und die Prinzessin. Letztere konnte es kaum erwarten, ihr weißes, ganz und gar mit Edelsteinen besticktes Brautkleid anzuziehen. Das Kleid hatte eine so lange Schleppe, daß, wenn man am Ende der Schleppe stand, man kaum erkennen konnte, wer das Kleid eigentlich anhatte. Als die Prinzessin in ihrem schönen Kleide die Treppe hinunterstieg, an deren Fuße ihr Bräutigam stand und auf sie wartete, wollte sie in der Freude ihres Herzens ein bißchen rasch laufen. Dabei verwickelte sie sich in die lange Schleppe, verlor das Gleichgewicht und fiel die Treppe hinab.
Der Prinz sah es unten und erschrak sehr. „Schlampampe,“ schrie er entsetzt und fing seine Braut in seinen Armen auf.
„Schlampamperich,“ schrie die Prinzessin verwirrt, „wie bin ich denn die Treppe herunter gekommen?“
Plötzlich aber sahen sich beide an und schrien kläglich: „Oh weh, nun haben wir unsere Namen genannt!“
„Das ist schrecklich!“ jammerte Schlampampe, der Prinz aber lachte und rief: „Wenn du auch Schlampampe heißt, lieb habe ich dich doch!“
„Und ich dich,“ rief die Prinzessin, „und wenn du einen noch viel schrecklicheren Namen hättest. Nein, weißt du, eigentlich ist Schlampamperich ein ganz schöner Name, er klingt so besonders. Überhaupt hat die Tanne gesagt, das Herz sei die Hauptsache. Ich glaube, du hast ein sehr gutes Herz.“
„Und du auch,“ sagte der Prinz, „also wollen wir zufrieden sein.“
Da lachten sie beide und gingen vergnügt in den Saal, wo die Hochzeitsgäste versammelt waren. Sie blieben nun für immer Schlampampe und Schlampamperich. Der Prinz verbrannte sein Gedicht und die Prinzessin trennte die Stickerei auf dem rotseidenen Kissen wieder auf. Weil aber Schlampampe und Schlampamperich so herzensgut waren und allen Menschen nur Liebes erwiesen, lachte bald niemand mehr über die Namen. Ja in dem Königreiche, in dem sie wohnten, wurde eine Straße Schlampamperichstraße genannt, und einen Schlampampeplatz gab es auch bald.
Die klugen Gänse von Oberheudorf.
Sagt einer in Oberheudorf: „Ja, die Gänse, die sind schon klug!“ dann lachen die Buben, aber die Mädel ärgern sich, und Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele, die halten sich gleich die Schürze vor die Augen. Na, man muß schon sagen, unrecht haben die beiden nicht, wenn sie sich schämen. Sie haben einen Streich ausgeführt, der ihnen viel Spott seitens der Buben eintrug und zeigte, daß auch gescheite Mädel einmal dumm sein können. Die Geschichte ist nämlich so.
Einmal, es war in dem Jahre, in dem Heine Peterle seine Stadtfahrt machte und Schulzens Jakob die schreckliche Geschichte mit der Roggenmuhme erlebte, war der Oberheudorfer Gänsejunge auf und davon gegangen. Er meinte, er sei plötzlich so klug geworden, daß er fortan Schafhirt sein wolle; für einen fünfzehnjährigen Buben sei Gänsehüten keine Arbeit, er wollte Schafe haben. Da die Oberheudorfer Bauern aber keine Schafe hatten, zog der Gänsejunge von dannen, und die Gänse hatten auf einmal keinen Hirten.
Da nun gerade Sommerferien waren, in denen Landkinder keine Badereisen machen, sondern fleißig in Haus und Hof helfen müssen, sagten die Bauern: „Die Mädel mögen halt die Gänse hüten!“ Zwei Mädel zusammen mußten also immer eine Woche lang die Gänse auf die Weide führen, und wenn die Woche vorbei war, dann kamen zwei andere dran.
Den Mädeln gefiel das ganz gut, und die Buben waren wütend; sie meinten, Gänsehüten sei leichter als Korn aufladen. Und schwer hatten es die Hüterinnen auch wirklich nicht; sie konnten im Schatten eines Baumes sitzen, schwätzen, mit Blumen spielen oder stricken. Die Gänse waren sehr gut erzogen und watschelten nicht weg.
An Oberheudorf vorbei fließt ein Bächlein durch ein schmales Wiesental. Das ist ein Gänsetummelplatz, wie er nicht schöner zu finden ist.
An einem sehr warmen Sommertag saßen Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele dort unter einer großen Traueresche und walteten ihres Amtes als Gänsehüterinnen. Faul, nur manchmal leise schnatternd, lagen die Gänse auf der Wiese, und die beiden Mädel machten es ihnen nach. Sie lagen am Bachrand und guckten in die Luft. Sie hatten weder Lust zu spielen noch zu stricken, denn es war sehr schwül, und den beiden fielen schon bald die Augen zu.
„Mariele, schlaf doch nicht!“ murmelte Trude und puffte die Freundin in die Seite.
„Ich schlaf' ja nicht,“ lallte Mariele, riß die Augen weit auf und schloß sie gleich wieder.
„Faulpelz“ brummte Trude und drehte sich auf die andere Seite. Sie blinzelte nach den Gänsen hin, die ruhig im Grase lagen, dann nahm sie ihre Schürze und deckte sie sich über das Gesicht, denn die Sonne schien durch das Blättergewirr hindurch gerade auf ihre kleine, dicke Nase. Und auf einmal schritt das Trudelchen unversehens durch einen Garten voll lustiger Träume, und das Mariele an ihrer Seite spazierte ebenso vergnügt im Traumland herum. Mariele träumte etwas so überaus Lustiges, daß sie im Schlaf hell auflachte, von dem Lachen aber wurde Krämers Trude munter, und erschrocken richtete sie sich auf. Sie sah sich verschlafen um. Wo war sie denn eigentlich? Sie saß auf der Wiese dicht am Bach, – aber wo waren denn die Gänse?
Trude riß ihre Augen auf, soweit sie nur konnte, aber die Gänse erblickte sie nicht.
„Mariele,“ schrie sie ängstlich, „wach auf, die Gänse sind weg!“
Wenn das Mariele aber schlief, dann schlief es. Ein Murmeltierchen war leichter munter zu bekommen als das kleine, dicke Mädel.
„Aufstehen sollst!“ schrie Trude und puffte und schubste die Kameradin. Diese knurrte nur behaglich und schlief weiter. Da nahm Krämers Trude kurz entschlossen ihren braunen Henkelbecher aus dem Korb, schöpfte ihn voll Wasser und goß ihn der Freundin über den Kopf.
Das half. Mariele fuhr auf, wie von einer Tarantel gestochen, und begann fürchterlich zu schreien, daß es ihrer Kameradin himmelangst wurde.
Schließlich wußte diese kein anderes Mittel, als Mariele rasch den Mund zuzuhalten und ihr zuzurufen: „Die Gänse sind weg!“
Da verstummte auch Mariele und sah sich verwirrt um. Wirklich, die Gänse waren weg.
„Komm, komm,“ drängte Krämers Trude, „wir müssen sie suchen. Paß auf, die sind nur ein Stück im Bach weitergeschwommen!“
„Es wird so dunkel,“ jammerte Mariele ängstlich, „es kommt gewiß ein Gewitter.“
Auch Trude warf einen ängstlichen Blick auf den Himmel, der sich verdüstert hatte. Sie ergriff die Hand der Freundin, und beide rannten den Bach entlang und schrien von Zeit zu Zeit. „Wule, wule, wule!“
Aber keine Gänse gaben schnatternd Antwort, so dringend die beiden Hirtinnen auch lockten.
Den beiden Mädeln wurde das Herz immer schwerer.
„Wo sie nur sein mögen?“ rief Mariele klagend.
„Komm nur um die Ecke rum,“ sagte Trude ermunternd, „da werden sie sein.“ Als sie aber um die Ecke herum kamen, waren die Gänse doch nicht zu sehen.
Der Bach floß in Windungen zwischen Wiesen, Wald und mäßig hohen Bergen dahin. Das erste Dorf, das er auf seinem Wege erreichte, war Niederheudorf. Bei jeder Biegung sagte Trude tröstend: „Wenn wir um die Ecke herum kommen, werden wir sie finden.“
Aber immer wieder gab es eine Enttäuschung. Mariele weinte laut, Trude heulte leise. Einmal blieb Mariele an einem Busch hängen und riß sich ein riesengroßes Loch in ihren Rock, beinahe so groß war es wie der ganze Rock. Trude rutschte bei dem hastigen Laufen auf einer morastigen Wiese aus und bespritzte sich von oben bis unten mit Schlamm. „Die dummen Gänse!“ jammerte sie.
„Frech sind sie,“ klagte Mariele.
Plötzlich stießen beide ein wahres Freudengeheul aus und stürzten mit dem Rufe: „Da sind sie ja!“ auf eine Herde Gänse los, die friedlich im Grase lagen. Bei dem lauten Geschrei der Mädchen brachen die Gänse in ein aufgeregtes Schnattern aus und drängten sich dicht aneinander.
„Wollt ihr wohl heimgehen, ihr dummen Gänse!“ schalt Trude, und beide Hirtinnen trieben eilig die Gänse heimwärts, die ihnen freilich recht widerwillig folgten.
„Es sind doch so viele,“ sagte Mariele nachdenklich.
„Ach wo,“ rief Trude. „So dumm! Wo sollen denn die andern herkommen? Spute dich nur, es wird so trübe!“
Der Himmel hatte sich immer mehr verdüstert, und Eile tat wirklich not. Die Mädchen schalten laut auf die Gänse, diese schnatterten immer wilder, und über dem Lärm hörte weder Trude noch Mariele, daß ihnen jemand nachrief. Auf einmal aber fühlten sie sich gepackt. Hinter ihnen stand eine große, alte Frau, die die Mädel mit ihren knochigen, braunen Händen festhielt. „Wartet nur, ihr Gänsediebinnen,“ schrie die Alte, und ihre Augen funkelten vor Wut, „ihr abscheuliches Pack ihr, eingesperrt werdet ihr!“
Die beiden schrien Zeter und Mord, aber die Alte ließ nicht los. Wie Schraubstöcke umkrallten ihre Finger die Arme der Kinder, und so sehr sich Trude und Mariele auch sträubten, sie zog sie mit fort.
„Wir ha–ha–haben nicht ge–ge–stohlen,“ schluchzte Mariele.
„Huhuhu! Das sind unsere Gänse! Huhuhu!“ heulte Trude.
„Was, eure Gänse? Na, da schlägt's dreizehn,“ schrie die Alte. „So ein freches Gesindel! Na, wartet nur, ich sperr' euch jetzt ein, und Leberecht Sperling mag euch ins Dorf führen!“
Leberecht Sperling! Einen Augenblick waren die beiden sprachlos vor Entsetzen.
Leberecht Sperling sollte sie ins Dorf führen, – ja warum denn?
„Laß mich los, huhuhu!“ kreischte Trude.
„Los!“ quiekte Mariele.
„Fällt mir gar nicht ein, nä, so dumm bin ich nicht. Jetzt marsch, da rein! Ich treib' meine Gänse heim und schick' Leberecht Sperling nach euch!“
Ehe die beiden noch recht zur Besinnung gekommen waren, saßen sie in einem kleinen, feuchten, dunklen Raum.
Es war ein kleines Häuschen, in dem sich Fischkästen befanden, in das die Alte die Kinder eingesperrt hatte. Einige Minuten schrien diese, so laut sie konnten, und stießen mit Händen und Füßen um sich. Krämers Trude gebärdete sich am tollsten, aber plötzlich hörte Mariele einen Plumps und sah im dämmrigen Licht ihre Freundin verschwinden.
„Wo bist du denn?“ rief sie ängstlich. Trude gab nur eine undeutliche Antwort, sie war in einen Fischkasten gefallen. Sie fühlte, wie es um sie herum kribbelte und krabbelte, und entsetzt versuchte sie herauszukommen. Da sah sie einen hellen Schein und lief in dem Wasser, das ihr nur bis an die Brust ging, entlang bis an ein Loch. „Da komm' ich raus,“ dachte sie und bückte sich, kletterte über eine Planke und saß auf einmal mitten im Bach. Ein Weilchen blieb sie ganz verwirrt sitzen.
Die Gänse, die Alte, Leberecht Sperling, das dunkle Gefängnis, dem sie so unvermutet entronnen war, das alles ging ihr wie ein Mühlrad im Kopfe herum.
Marieles Jammergeheul in dem Fischhäuschen brachte Trude endlich zu sich. „Wir müssen ausreißen, ehe Leberecht Sperling kommt,“ dachte sie. Sie sprang von ihrem feuchten Sitz auf und lief an das Häuschen, um die Freundin zu befreien. Die Tür war verschlossen, also mußte auch Mariele durch den Fischkasten kriechen. Unter Stöhnen und Ächzen entschloß sich das kleine, dicke Mädel endlich dazu. „Ich kann nicht,“ klagte sie, als sie schon einen Fuß im Wasser hatte, „ich graule mich!“
„Leberecht Sperling kommt!“ rief Trude von draußen. Das half. Mariele sprang in das Wasser und kam auf dem gleichen Wege wie Trude pudelnaß aus dem Gefängnis heraus.
„Uff,“ ächzte sie, als sie im Bach saß, „das war graulich!“
„Komm nur,“ drängte Trude, „sonst holt uns Leberecht Sperling.“
„Aber die Gänse!“ klagte Mariele und lief hinter der Freundin her.
Krämers Trude blieb betroffen stehen und jammerte: „Ach, die Gänse!“ Doch da sah sie mit langen Schritten einen Mann sich dem Häuschen nähern. „Leberecht Sperling,“ stöhnte sie und raste im Galopp davon und Mariele heulend hinter ihr her.
Es war aber gar nicht Leberecht Sperling, der da kam, um die Gefangenen abzuholen, sondern ein Bauer. Verdutzt starrte er in das leere Häuschen, dann ging er kopfschüttelnd um das Häuschen herum. Aber er sah nichts, und endlich brummte er: „Die Karline hat wohl geträumt,“ und damit trollte er ab.
Die beiden Mädel liefen unterdessen über Stock und Stein und wagten es gar nicht, sich umzusehen. Das dicke Mariele stöhnte etlichemal: „Ich kann nicht mehr!“ Dann rief Trude mahnend: „Leberecht Sperling!“ und weiter ging die wilde Jagd.
Keuchend, atemlos, triefend und mit zerrissenen Kleidern langten die beiden Hüterinnen im Dorfe an. Sie rannten so, daß sie nicht rechts und nicht links sahen. Auf einmal liefen sie jemand direkt in die Arme und fühlten sich festgehalten.
„Na, wohin denn so eilig?“ fragte eine knarrende Stimme. Entsetzt blickten die beiden auf und sahen in das brummige Gesicht – Leberecht Sperlings. Das war zu viel des Schrecklichen! Mariele wurde totenblaß und schnappte nach Luft, und Trude legte matt den Kopf auf die Seite.
Der Waldhüter erschrak. „Aber Kinder, Kinder, was ist euch denn geschehen?“ fragte er angstvoll. Doch er erhielt keine Antwort, und kurz entschlossen nahm er die Mädel auf seine Arme und trug sie in das Dorf. Er langte gerade an, als der erste schwache Donner hörbar wurde und von allen Seiten die Leute vom Felde hereinkamen. Auf einem leeren Wagen saßen Schulzens Jakob, Heine Peterle und noch etliche andere Buben. Als sie den Waldhüter mit den Mädeln erblickten, schrien sie so laut, daß die Pferde beinahe scheu wurden.
Wenn in Oberheudorf etwas geschah, dann wußte es geschwind das ganze Dorf, und es dauerte nicht lange, da schaute aus jeder Haustür jemand neugierig heraus. So war es auch heute. In wenigen Minuten hatte sich ein Kreis um den Waldhüter gebildet. Er sollte erzählen und wußte doch nichts zu sagen. Und die Mädel, die er sanft auf den Boden gesetzt hatte, schluchzten nur erbärmlich.
„Zu dumm, daß Mädel immer gleich heulen,“ brummte Anton Friedlich.
Die Krämerin war auch herbeigekommen und nahm ihre Trudel auf den Arm. „Kind, sag doch, was fehlt dir?“ fragte sie besorgt.
„Gagak, gagak, gagak!“ erscholl es da plötzlich schnatternd, und vom Dorftümpel her kam eine Schar Gänse angewatschelt.
„Die Gänse, die Gänse!“ schrien die Mädel da plötzlich wie aus einem Munde.
„Gagak, gagak, gagak!“ schnatterten die Gänse und zogen stolz wieder ab, als hätten sie sich nur zeigen wollen.
„Die Gänse, ach, die Gänse!“ jubelten Trude und Mariele, und eine ganze Weile antworteten sie auf alle eindringlichen Fragen nur immer: „Die Gänse!“
„Ihr seid selbst welche,“ brummte endlich der Schulze, „wenn ihr nicht bald sagt, was geschehen ist!“
Das half. Auf einmal konnten beide reden. Wie Kreisel gingen die Mäulchen. Die Buben sperrten Mund und Augen auf: reden konnten sie doch auch, aber so geschwind nicht. Ja, und was hatten die Mädel alles erlebt!
„Na, da hört aber doch alles auf!“ rief der Schulze. „Ihr verflixten Mädel hättet ja beinahe die Niederheudorfer Gänse hergetrieben!“
„Die – Niederheudorfer Gänse?“ schrien Trudel und Mariele verblüfft.
„Na freilich, unsere sind ja schon längst zurück! Die waren klüger als ihr; sie sind einfach heimgelaufen. Sicher wart ihr in Niederheudorf, denn das Fischerhäuschen ist nicht weit vom Dorf entfernt. Ihr seid immer weiter gelaufen, statt einmal nach unserem Dorfe zu. Na so dumm!“
„Uh je,“ schrien die Buben, „die Gänse sind klüger als die Mädel!“ Krach! donnerte es da so heftig los, daß Männer, Frauen, Gänse, Kinder, und was sonst noch auf der Dorfstraße war und Beine zum Davonrennen hatte, ausriß. Die Kinder gingen in die Stube und die Gänse in den Stall, und somit war die Geschichte zu Ende.
Nur der Waldhüter stand einige Augenblicke allein auf der Dorfstraße, aber die Krämerin rief ihn ins Haus herein.
Er kam und war so freundlich, wie Trude es nie von ihm gedacht hätte. Sie sagte es nachher den andern Kindern, und seitdem heißt es im Dorf: „Wenn Leberecht Sperling nicht so brummig wäre, dann wäre er ganz nett.“
Als die Niederheudorfer die Gänsegeschichte erfuhren, da lachten sie, daß das Dorf wackelte. In der ganzen Gegend aber heißt es jetzt: „Die Gänse von Oberheudorf sind klug, aber –“, doch was die Leute weiter sagen, soll nicht aufgeschrieben werden, die Mädel könnten sich sonst ärgern.