Das Glück im Suppentopf.
„Bäh, bäh!“ sagte die Ziege Friederike an einem Sonntagmorgen im November, an dem der Himmel so blau war, als hätte ihn die Mutter vom blauen Friede angestrichen. Friederike war nämlich schrecklich verwundert, darum sagte sie eine Viertelstunde lang „bäh“. Ihre Verwunderung galt vier Buben, die auf dem Berg an Muhme Lenelis' Haus herumkletterten und einen Drachen fliegen ließen. Die gute Ziege hatte auch vollständig recht, „bäh“ zu sagen, denn im November läßt sonst niemand Drachen fliegen. Um diese Zeit sind sie gewöhnlich schon zerrissen, denn jeder Bube, der einen Drachen hat, rennt damit im September auf die Felder.
Heine Peterle aber hatte nun mal im November Geburtstag, und dazu hatte er sich einen Drachen gewünscht. Gerade als er ihn bekam, regnete es Strippen, wie die Oberheudorfer sagen, und Heine Peterle hätte am liebsten das Wasser vermehrt und geheult, wenn er sich nicht vor seinen Kameraden geschämt hätte. Aber nun hatte der Regen aufgehört, und es war richtiges Drachenwetter, hell und etwas windig. Mit Schulzens Jakob, dem blauen Friede und Schnipfelbauers Fritz war Heine Peterle darum ausgezogen, um endlich den Drachen fliegen zu lassen. Der war rosenrot und hatte einen schier endlosen Schwanz; sämtliche Buben fanden ihn über die Maßen schön.
Eine halbe Stunde war noch Zeit, ehe die Kirche anfing, und alle vier Buben waren bereits in ihren Sonntagsanzügen, sahen also blitzsauber aus. Da Mütter nun einmal nicht Schmutzflecke an Sonntagsanzügen leiden mögen, hatten auch alle vier Mütter die Buben sehr nachdrücklich ermahnt, sauber zu bleiben. Leicht war das nicht, denn von dem starken Regen war der Boden aufgeweicht, und die vier stöhnten denn auch weidlich über die guten Anzüge.
Der Drachen flog wundervoll; wie ein großer, bunter Vogel schwebte er in der blauen Luft, und die vier Buben sahen ihm stolz nach. Noch jemand außer ihnen aber sah den Drachen steigen, das war Traumfriede. Er stand etwas abseits an einen Baum gelehnt, und sehnsüchtig folgten seine Blicke dem bunten Gesellen, der so keck zum Himmel emporflog. „Könnt' ich mit fliegen,“ dachte der Bube, „dann brauchte ich nicht mehr beim Kohlbauern zu bleiben.“
Traumfriede brauchte seinen Sonntagsanzug nicht zu hüten, denn er hatte keinen an, weil er überhaupt keinen besaß. Er sah zerlumpter denn je aus, und scheu verkroch er sich darum auch vor den Blicken der andern Buben, so gern er auch mit ihnen gespielt hätte.
Die jubelten und klatschten in die Hände vor Vergnügen, als der Drachen immer höher stieg. „Er fliegt wie 'ne Krähe,“ sagte der blaue Friede.
„Nä, wie 'n Adler,“ rief Heine Peterle gekränkt, obgleich er in seinem Leben noch nie einen Adler hatte fliegen sehen. „Wenn nur der Bindfaden länger wär'!“ brummte er dann, er hätte gar zu gern seinen Drachen noch höher steigen lassen.
„Ich habe noch welchen,“ sagte Schulzens Jakob und holte aus der Tiefe seiner Tasche allerlei Gegenstände hervor, darunter auch ein Stück Bindfaden.
Alle vier bemühten sich eifrig, damit die Drachenschnur zu verlängern. Jeder behauptete, er könne den schönsten Knoten knüpfen, und so ausgezeichnet machten sie ihre Sache, daß auf einmal – heidi! – der Drachen auf und davon flog.
Ein gellendes Zetergeschrei erhob sich, und Friederike sagte erschrocken „bäh, bäh“, und kehrte in den Stall zurück; die Drachengeschichte war ihr langweilig geworden.
Verzweifelt sahen die Buben dem Drachen nach, der bald höher stieg, bald sich wieder senkte; die Schnur zu fassen aber war keine Aussicht. Was tun? Die Zeit verging, die Stunde zum Kirchgang rückte heran, noch eine Weile, und die Buben mußten gehen und den entflohenen Drachen seinem Schicksal überlassen.
Doch da, jetzt senkte sich der Drachen tiefer, ein Windstoß kam und trieb ihn auf Muhme Lenelis' Häuschen zu.
Er wackelte hin und her, und die Buben stürmten schreiend den Berg hinunter. Und gerade als sie unten ankamen, ging der Drachen wieder in die Höhe.
Heine Peterle konnte nicht mehr an sich halten, er heulte laut los vor Ärger und Herzeleid.
„Halt 'n Schnabel!“ brummte Schulzens Jakob und puffte den Freund. Das sollte nämlich ein Trost sein.
„Jetzt hängt er!“ rief plötzlich Traumfriede, den das schreckliche Ereignis aus seinem Versteck gelockt hatte. Er deutete auf Muhme Lenelis' Esse. Und richtig, oben an der Esse hing der Drachen, wie ein gefangener Vogel zappelte er hin und her.
„Wir müssen aufs Dach klettern,“ sagten die vier, und dabei sah einer den andern an, und jeder dachte: „So was darf man doch nicht in Sonntagshosen!“
Traumfriede hatte die Verlegenheit der Schulkameraden gemerkt, er überwand seine Scheu und kam hilfsbereit näher: „Ich steige auf den Apfelbaum,“ sagte er, „und von da aufs Dach und hole den Drachen.“
Ehe noch einer der Buben antworten konnte, begann Traumfriede schon, den Baum zu ersteigen, und in wenigen Minuten stand er auf Muhme Lenelis' Dach. Scheu sahen die andern nach den Fenstern des Häuschens; sie wußten, daß die Muhme es nicht leiden konnte, wenn ihr jemand aufs Dach stieg. „Leicht kann man einbrechen,“ meinte sie. Sie mochte wohl recht haben, denn das Dach war morsch und schadhaft wie das ganze Häuschen.
Aber die Muhme merkte nichts. Sie stand, angetan mit ihrem steifen, schwarzen Sonntagsrock, mitten in der Stube und schlug gerade ein blendend weißes Taschentuch um das abgegriffene Gesangbuch. Auf dem Herd stand ein großer Topf voll Wasser, in dem ein winziges Stückchen Fleisch schwamm. Das sollte das Sonntagsessen der alten Frau werden, sie hatte es gerade zugesetzt. Sie trat noch einmal an den Ofen, um noch ein Stückchen Torf auf die glimmende Glut zu legen, als sie auf einmal erschrocken emporsah. Oben an der Esse war es dunkel geworden, da hing ein seltsames Ding. „Du meine Güte,“ rief die Muhme erschrocken, „was ist denn das für 'n Vogel?“
Das Ding wackelte hin und her, und der Muhme wurde es ganz unheimlich zumute. „Was is'n nur das? Nä, wie sonderbar!“ murmelte sie und trat einen Schritt zurück.
Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten. Seite 175.
Da fiel ihr ihr Suppentopf ein. „Wenn da was rein fällt!“ dachte sie und trat wieder an den Herd, um einen Deckel auf den Topf zu stülpen.
In diesem Augenblick aber geschah etwas Furchtbares. Es rasselte und polterte, schrie und purzelte, sauste durch den Schornstein herab, und plötzlich saß ein kohlschwarzes, brüllendes Etwas auf Muhme Lenelis' Suppentopf.
„Alle guten Geister!“ schrie die Muhme und setzte sich vor Schreck platt auf die Erde und starrte das schwarze Ding auf ihrem Herde an.
Vier runde, rote Bubengesichter wurden an einem der Fenster sichtbar, vier Nasen drückten sich an den kleinen Scheiben fast platt, und angstvoll starrten vier Augenpaare in die Stube. Und als die vier Lauscher Muhme Lenelis auf der Erde sitzen sahen, bekamen sie einen heillosen Schrecken.
Aber schon richtete sich die alte Frau wieder auf. Sie hatte nämlich gesehen, daß das schwarze Etwas auf ihrem Suppentopf zwei schöne, blaue Augen hatte, in denen große Tränen standen, und da war es gleich mit ihrer Angst vorbei. Sie packte den seltsamen Gast mit starkem Griff, hob ihn vom Herd herunter und sagte kurz: „Du verbrennst dir noch die Hosen!“
Aber die waren nicht verbrannt, sondern klatschnaß, und mit kläglicher Miene schaute Traumfriede, denn er war der seltsame Gast, zur Muhme auf. Die legte ihr Gesicht in strenge Falten, während ein heimliches Lachen in ihren Augen lag, und sagte: „Warum biste denn durch'n Schornstein gekommen und nicht durch die Türe?“
In diesem Augenblick bemerkte die Muhme die vier Bubengesichter am Fenster und rief: „Ei, ihr freches Gesindel, was macht ihr denn da?“
Die vier wußten ganz genau, wie der Muhme strenge Worte gemeint waren. Flugs kamen sie in die Stube, da sie sahen, daß Traumfriede unversehrt auf seinen beiden Beinen stand. Die vier erzählten der Muhme gleich mit einem so stürmischen Eifer die Drachengeschichte, daß diese von allem Geschwätz kein Wort verstand und schließlich gebot: „Drei halten den Schnabel, und einer soll reden.„ Weil jeder der eine sein wollte, plapperten sie wieder untereinander; zuletzt erfuhr aber die Muhme doch die Geschichte. Der Drachen hing noch immer oben an der Esse. Traumfriede war bei dem Bemühen, ihn loszulösen, in den Schornstein gefallen. „Wie 'n Essenkehrer sieht er aus,“ sagte Schnipfelbauers Fritz voll Bewunderung und sah den Buben, der so ein seltsames Abenteuer erlebt hatte, ordentlich ehrfurchtsvoll an.
Durch diesen Essensturz war Traumfriede sehr in der Achtung seiner Mitschüler gestiegen. Das war doch noch mal was! Von einem Baume konnte jeder herunterfallen, aber in einen Schornstein und in einen Suppentopf hineinzufallen, war etwas Besonderes.
Bimbam, bimbam! begannen draußen die Glocken zu tönen. Über ganz Oberheudorf schallte die eherne Stimme und rief die Dorfleute in die kleine weiße Kirche, die ein wenig höher als alle Häuser lag.
Muhme Lenelis und die Buben horchten auf. „Ihr müßt gehen!“ sagte die alte Frau. „Marsch, sputet euch, seid fein andächtig! Der Drachen mag jetzt hängen bleiben, nachher bitte ich den Nachbar Töpfel, daß er ihn herunterholt, der hat 'ne lange Leiter.“
Die Buben trollten sich, und auch Traumfriede wollte die Stube verlassen, aber Muhme Lenelis ergriff ihn gerade noch am Jackenzipfel. „Bleib hier!“ gebot sie kurz. „So'n Schmierpeter kann nicht in die Kirche gehen. Komm, ich putz dich erst ab.“
Traumfriede blieb mit gesenktem Kopfe stehen, und als die vier Buben das Zimmer verlassen hatten, sagte Muhme Lenelis mild und mitleidig: „Armer Kerl du, hast gewiß keine andern Sachen!“
Traumfriede nickte stumm. In dem blitzsauberen Stübchen der Muhme empfand er erst so recht die schmutzige Armseligkeit seiner Kleidung.
Muhme Lenelis war allzeit mehr für das rasche Zugreifen als für das lange Besinnen. Sie legte daher auch kurz entschlossen ihre Sonntagshaube und ihr Kirchentuch sorgfältig ab, holte eine braune Decke herbei und gebot Traumfriede, er solle seine Sachen ausziehen und sich in die Decke wickeln. Während der Bube das tat, setzte sie eilig frisches Wasser auf den Ofen, stellte eine Blechschüssel zurecht, in der Traumfriede sich waschen sollte, und wirtschaftete so herum, während die Kirchenglocken draußen allmählich verklangen. Jemand in einer Not beizustehen, war in Muhme Lenelis' Augen auch ein Kirchgang, darum gab sie auch unbedenklich ihren Vorsatz auf und wusch und flickte Traumfriedes Sachen.
Es war so gemütlich und traulich in dem Stübchen, die Sonne schien so hell durch die blitzblank geputzten Scheiben, als sei es Sommertag. Schnurpsel schnurrte, und Mimi dachte bei dem Sonnenschein an blühende Obstbäume und Rosenhecken und stimmte ein fröhliches Lied an. Traumfriede verlor all seine Schüchternheit und antwortete freimütig auf alle Fragen, die Muhme Lenelis an ihn richtete. Viel Gutes bekam die Muhme da freilich nicht zu hören, und manchmal wischte sie sich verstohlen die Tränen aus den Augen und murmelte leise: „Armer Bube!“
Und ein armer Bube war Traumfriede wirklich. Er mußte hart und schwer arbeiten, bekam bei seinem Pflegevater kein freundliches Wort zu hören und nicht satt zu essen, aber desto mehr Prügel. Niemand kümmerte sich um den Waisenjungen, und niemand hatte ihn mehr lieb, seit das besinnliche Trinchen tot war. Die Müllerin hatte ihn zwar nach dem Tode ihres Kindes aufgefordert, er solle sie besuchen, aber dazu war er zu schüchtern gewesen.
Muhme Lenelis dachte, während der Knabe erzählte, an einen kleinen Strauß aus blassen Glockenblumen, roten Brombeerblättern und Kleeblüten, der auf Trinchens Totenbett gelegen hatte. Der Strauß hatte ihr gezeigt, was für ein gutes, treues Herz der arme Waisenknabe besaß. Sie hielt plötzlich im Flicken inne und dachte seufzend an ihre Armut. „'s geht nicht!“ murmelte sie, und dann wurde sie ganz still und nähte nur um so eifriger.
Als sie endlich fertig war, war auch die Suppe fertig gekocht, aber Muhme Lenelis behauptete auf einmal, sie habe kein bißchen Hunger, und so mußte Traumfriede alles aufessen. Ja ein Stück Apfelkuchen, das die Schulzenfrau der Muhme zum Sonntag geschickt hatte, bekam der Bube auch noch. Der hatte zum erstenmal in seinem Leben das Gefühl, ordentlich satt zu sein. Dann ging er mit treuherzigem Danke weg, und Muhme Lenelis sah ihm traurig nach. „Wenn ich nur ein bißchen mehr zu verzehren hätte,“ dachte sie, „gleich würde ich den Buben ins Haus nehmen.“
Am nächsten Tage war der schöne Sonnenschein zu Ende. Kalter, feuchter Nebel rieselte leise herab, und Heine Peterle machte ein wütendes Gesicht, weil er den Drachen, den Nachbar Töpfel wirklich vom Dach geholt hatte, wieder nicht fliegen lassen konnte. Das trübe Wetter hielt an, und die Kinder begannen von Weihnachten und von Muhme Lenelis' Bratäpfelfest zu reden.
Muhme Lenelis saß gegen Abend in ihrem Stübchen dicht am Ofen, strickte und dachte an allerlei, auch an Traumfriede. Ein leises Rascheln und Knittern an ihrer Türe ließ sie aufsehen; es mochte wohl eins der Dorfkinder sein, das sie besuchen wollte. „'s findet die Klinke nicht,“ dachte die Muhme, stand auf und öffnete die Türe.
Husch verschwand da jemand in der Dunkelheit, aber obgleich die Muhme Lenelis siebenmal so alt als Schulzens Jakob und noch etwas drüber war, konnte sie doch noch sehr schnell laufen. Eins, zwei, drei hatte sie den Flüchtling gepackt und zog ihn in den Lichtstrom, der zur Türe heraus in die Dunkelheit floß. „Na nu, was machst denn du hier draußen?“ fragte die Muhme und sah den Buben an, den sie festhielt. Es war Traumfriede.
Verlegen sah er auf die Muhme und dann auf ein mächtiges Reisigbündel, das die alte Frau jetzt erst bemerkte. „Hast du das gebracht?“ fragte sie freundlich.
Traumfriede nickte. „Der Herr Förster hat's erlaubt. Ich mußte nach Niederheudorf gehen, da hab' ich's auf dem Weg gesammelt, weil – weil's doch so kalt ist.“
„Guter Kerl du!“ sagte die Muhme gerührt und zog den Buben in ihre Stube und streichelte ihm das blasse Gesicht. „Komm, setz dich her, da auf dem roten Polsterstuhl darfst du sitzen, ich koch' dir rasch eine Tasse Kaffee.“
Traumfriede schüttelte den Kopf und sagte ängstlich: „Ich muß fort, sonst krieg' ich wieder Haue wie neulich.“
„Hast du am Sonntag Haue bekommen?“ fragte die Muhme erschrocken.
Der Bube nickte, aber über sein blasses Gesicht flog dabei ein heller Schein. „'s schadet nichts,“ sagte er geduldig, „'s war doch schön hier.“
Muhme Lenelis sah ihn eine Weile starr an und murmelte: „'s muß gehen, 's muß gehen! – Wo ist denn jetzt der Kohlbauer?“ fragte sie plötzlich.
„In der Schenke,“ stammelte der Bube und wurde puterrot, als er an den Pflegevater dachte.
„So ist's recht!“ sagte Muhme Lenelis, nahm sich ein Tuch um, steckte ein winziges Laternchen an, das sie in die Hand nahm, dann löschte sie ihr Lämpchen aus, ermahnte Friederike, Schnurpsel und Mimi, sie möchten artig sein, und sagte zum Traumfriede: „Komm mal mit mir!“
Der Bube folgte ihr willig, und die beiden schritten stumm nebeneinander durch die dunkle, stille Dorfstraße bis zum Pfarrhaus.
„Muhme Lenelis ist weich wie Käsekuchen, aber sie kann grob wie Kieselsteine sein,“ hatte die Schulzenfrau einmal gesagt, die große Stücke auf die Muhme hielt und ihr manches zuliebe tat. Als Muhme Lenelis nun an diesem Novemberabend vor den Pfarrer trat, da war sie weich wie Käsekuchen. Sie sagte dem Pfarrer, sie sei zwar eine blutarme Frau, aber der Traumfriede gefalle ihr so gut, daß sie den Buben gern zu sich nehmen möchte, der Herr Pfarrer solle ihr dazu helfen.
Aber das konnte der Pfarrer nicht. Die Gemeinde hatte dem Kohlbauern den Buben in Pflege gegeben und bezahlte das Kostgeld; er konnte weiter nichts tun, als dem Schulzen die Sache ans Herz legen, und das wollte er sehr gern tun.
„Das dauert zu lange,“ sagte Muhme Lenelis entschlossen, „gleich auf der Stelle muß ich den Buben haben. Ich geh' ins Wirtshaus, da sitzen sie alle zusammen, und ich gebe nicht eher nach, als bis ich den Buben zugesprochen krieg'!“
Damit ging sie hinaus. Auf der Straße traf sie die Schulzenfrau. Der erzählte sie alles, und die Schulzenfrau sagte. „Ich will auch mitgehen! Wir wollen noch die Schnipfelbäuerin holen, die kann noch besser reden als ich!“ Damit war die Muhme wohl einverstanden. Sie holten die Schnipfelbäuerin, und so zogen alle nach dem Wirtshaus, wo der Kohlbauer mit dem Schulzen und etlichen andern Bauern an einem Tische saß.
Traumfriede war das Herz zentnerschwer, als er in das Gastzimmer trat, und hätte die Muhme ihn nicht gar so fest gehalten, dann wäre er sicher ausgerissen. Muhme Lenelis hatte einen alten Groll auf den Kohlbauern, der seines Geizes und seiner Roheit wegen in der ganzen Gegend berüchtigt war; nur weil er so reich war, wagten die andern Bauern nicht recht ihm entgegenzutreten, so feige das auch war. Wohl wußten sie es alle, daß es Traumfriede schlecht bei dem Kohlbauern hatte, aber sie ließen die Sache gehen und beschwerten ihr Herz nicht mit der Sorge um ein armes Waisenkind.
Weich wie Käsekuchen war Muhme Lenelis hier nicht, sondern noch gröber als Kieselsteine. Kein Mensch hätte je der kleinen, freundlichen Muhme zugetraut, daß sie so viel und so grob reden könne. Sie hielt dem Kohlbauern seine Sünden so eindringlich vor, daß der reiche Bauer nicht wußte, wo er vor Verlegenheit hinsehen sollte. Aufstehen und ausreißen konnte er auch nicht, denn die Schulzenfrau und die Schnipfelbäuerin, zu denen sich noch die Wirtsfrau gesellt hatte, versperrten den Weg, und allemal wenn Muhme Lenelis eine neue Schandtat des Bauern aufzählte, riefen die drei: „So ist's, das stimmt, gebt's ihm nur ordentlich!“
Die andern Bauern hörten Muhme Lenelis' Strafrede so lange mit heimlichem Frohlocken an, bis die alte Frau sich zu ihnen wandte und ihnen sagte, wie bitter unrecht es sei, sich so wenig um eines armen Waisenkindes Ergehen zu kümmern.
„Das stimmt!“ schrien die drei Frauen. Jede nahm sich im stillen vor, gleich morgen etwas für Traumfriede herzugeben, denn alle drei hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie nie an den armen Knaben gedacht hatten.
„Sie kann ja den Bengel selbst behalten! Nicht mehr ins Haus darf er mir!“ schrie endlich der Kohlbauer und entwischte, indem er sich an den Frauen vorbeidrängte.
Muhme Lenelis frohlockte, aber sie ging nicht eher, bis sie nicht den andern Bauern die Sache noch einmal dringend ans Herz gelegt und diese ihr mit Handschlag versprochen hatten, Traumfriede dürfe bei ihr bleiben. Da zogen die Frauen endlich zufrieden von dannen. Die Schulzenfrau, die Wirtin und die Schnipfelbäuerin aber trugen allerlei Eßwaren herbei. Die eine schenkte noch ein Kopfkissen, die andere eine Decke und die dritte versprach einen Anzug.
Muhme Lenelis nahm alles mit Dank an. Sie war sonst trotz aller Armut stets sehr stolz gewesen und hatte nie gern etwas angenommen, höchstens mal ein Stück Kuchen, jetzt aber dachte sie: „Es ist für den Buben. Dem lieben Gott sei Dank, nun kann er sich satt essen!“
Das tat Traumfriede an diesem Abend auch redlich. Es war ein vergnügtes Mahl, das die alte Frau und der arme Waisenknabe in dem freundlichen Stübchen hielten. Friederike, Mimi und Schnurpsel nahmen auch daran teil und schlossen gleich Freundschaft mit dem neuen Hausgenossen.
Als Traumfriede dann auf seinem Lager lag und zum erstenmal in seinem Leben fühlte, daß er eine Heimat hatte, da strich ihm Muhme Lenelis lind über das Gesicht und sagte: „'s war doch gut, daß du mir in meinen Suppentopf gefallen bist, gelle mein Söhnchen?“
Oh, der Suppentopf und Heine Peterles rosenroter Drachen! Wie oft dachte Traumfriede voll Dankbarkeit daran. Wenn einer plötzlich über Nacht ein Prinz wird und immer mit einer Krone auf dem Kopf herumlaufen darf, der kann nicht glücklicher sein als der arme Waisenknabe bei Muhme Lenelis.
In dem kleinen Häuschen wurde er ein lustiger, fröhlicher Bube, da verlor er seine Schüchternheit und lernte es, den Menschen frei und zutraulich in die Augen zu sehen. Es wurde so mit ihm, daß der Herr Lehrer in der Schule oft sagte: „Die beste Arbeit hat wieder Friede gemacht,“ und er meinte damit Traumfriede.
Die Gemeinde zahlte Muhme Lenelis ein Kostgeld für den Buben, und weil die Bauern sich schämten und der Herr Pfarrer ihnen zuredete, wurde das Kostgeld reichlich. Auch die Schulzenfrau, die Schnipfelbäuerin und die Wirtin vergaßen nicht, was sie versprochen hatten, und die Muhme sagte manchmal: „Bube, Bube, seit du mir in den Suppentopf gefallen bist, wird der nicht mehr leer!“
Schulzens Jakob, der das einmal hörte, fragte nachdenklich: „Ob unser Pflaumenmustopf auch immer vollbleibt, wenn ich mal reinfalle?“
„Studier 's lieber nicht,“ sagte Muhme Lenelis lachend, „es könnte dir schlecht bekommen, weißt du, so wie mit der Roggenmuhme!“
Da ließ es Schulzens Jakob, und das war auch besser. Es findet nicht jeder im Suppentopf das Glück wie Traumfriede.
Friederikes Abenteuer.
Daß Muhme Lenelis' Ziege Friederike ein ausnehmend kluges Tier sei, fand jeder Mensch in Oberheudorf. Hans Rumps sagte: „Sie ist gebildet!“ Das war eine große Schmeichelei, denn der Nachtwächter sagte das nur von Menschen, Tieren und Dingen, die ihm besonders gefielen, er sagte das übrigens ebensogut vom Herrn Lehrer wie von der neuen Feuerspritze.
Die Kinder begegneten Friederike mit großem Respekt. Wenn sie die weiße Ziege auf der Dorfstraße trafen, sagten selbst die unnützesten Buben, wie zum Beispiel Anton Friedlich, sehr höflich: „Guten Tag, Friederike!“ Friederike blieb nämlich nicht wie andere Ziegen daheim in ihrem Stall oder auf der Weide, sie liebte es vielmehr, im Dorf herumzuspazieren. Bald guckte sie in den Schulzenhof hinein, bald ging sie vor dem Wirtshaus auf und ab, als sollte sie Gäste erwarten. Als einmal die Frau Gräfin Dachhausen wieder im Frühling ihren ersten Besuch in Oberheudorf machte, war es Friederike, die den vornehmen Gast zuerst mit ihrem „Meckmeck, meckmeck“ begrüßte.
Ja, Friederike war klug. Einmal saß Anton Friedlich allein in der Wohnstube seines Elternhauses und sollte seine Schularbeiten machen. Mehr als seine Rechenaufgabe aber gefielen ihm die großen Butterbirnen, die seine Mutter am Morgen vom Baum genommen hatte, und die sie nach der Stadt zum Verkauf schicken wollte. Er schielte eine Weile danach hin, seufzte, guckte wieder auf das Buch, dann wieder auf die Birnen, und endlich stand er auf und ging bis an den Korb heran. „Ach was,“ dachte er leichtsinnig, „eine kann ich schon nehmen, die Mutter wird es gar nicht merken.“ Schon streckte er die Hand aus, da hörte er plötzlich ein lautes „Meckmeck, meckmeck“ erklingen. Erschrocken ließ er die Birne wieder in den Korb fallen und sah sich um: Friederike guckte zum offenen Fenster herein. Ordentlich böse sah sie aus, dachte Anton. „Meckmeck, meckmeck,“ rief sie noch einmal drohend, dann spazierte sie weiter.
Anton Friedlich nahm keine Birne, ja er wagte nicht einmal mehr hinzusehen, sondern steckte eifrig die Nase in sein Buch und rechnete vor lauter Angst so gut, daß der Herr Lehrer ordentlich verwundert darüber war.
Wirklich, Friederike war ausnehmend klug. Als Bäckermeisters Mariele einmal an einem heißen Maitag im Garten Unkraut jäten sollte, da dachte der kleine Faulpelz: „Ach was, das Unkraut kommt noch früh genug heraus, ich lege mich hintern Gartenzaun auf die Wiese und schlafe ein bißchen.“
Hopla! wollte sie über den Zaun klettern, um ihren Vorsatz auszuführen, da stand aber plötzlich wie aus der Erde gewachsen Friederike vor ihr und sagte vorwurfsvoll: „Meckmeck, meckmeck!“
Mariele wurde feuerrot und rief ärgerlich: „Dumme Friederike, geh doch weg!“
Aber Friederike stellte sich breitbeinig an den Zaun und meckerte laut und zornig. Da schlich sich Mariele beschämt an das Schotenbeet und begann seufzend jedes Unkräutchen auszuziehen. Einigemal warf sie einen scheuen Blick nach dem Zaun, da stand Friederike immer noch und sagte jedesmal mahnend: „Meckmeck, meckmeck!“ Und Mariele wagte es nicht, ihre Arbeit im Stich zu lassen, sondern jätete so fleißig wie noch nie.
Eines schönen Tages spazierte die brave, gebildete Friederike wieder im Dorf umher. Es war recht warm und sonnig, obgleich der September gerade dabei war, sich wieder einmal für ein Jahr aus dem Staube zu machen. Am Tag vorher war das Erntedankfest in Oberheudorf gewesen, bei dem es recht lustig zugegangen war. Alle Leute waren noch müde von dem Festtag, und so war es stiller als sonst im Dorf. Außer dem Gackern einiger Hühner hörte man kaum einen Laut. Bedachtsam wandelte Friederike ihres Weges. Das Hoftor des Wirtshauses stand weit offen, aber auf dem Hofe war kein Mensch zu sehen. Kastor, der Hüter des Hauses, blinzelte nur ein wenig, als Friederike den Hof betrat. Diese guckte in die Scheune, in den Stall, sah sich eine Weile tiefsinnig den Düngerhaufen an und wandelte dann um das Haus herum bis an die Tür, die in den Garten führte. Dort standen zwei leere Bierfässer und daneben in einer großen, braunen Schüssel abgestandenes Bier. Es waren Reste aus den Fässern, die für Hans Rumps aufgehoben wurden. Der Nachtwächter aß nämlich für sein Leben gern Biersuppe, und dazu, meinte er, sei das abgestandene Bier ganz gut, frisches Bier sei zu teuer.
„Was ist denn das?“ dachte Friederike und sog den Bierdunst ein. Es ist nicht zu glauben, aber die tugendsame Friederike war so neugierig, daß sie an dem Bier zu lecken begann. Sie leckte erst zaghaft, dann immer mehr und mehr, denn sie hatte Durst, und das Bier schmeckte ihr vortrefflich. Hätte die Ziege gewußt, was für ein gefährliches Ding Bier ist, sie hätte sich wohl gehütet, davon zu trinken, aber Muhme Lenelis hatte nie Bier im Hause, woher sollte es Friederike da wohl kennen? Sie trank und trank, und auf einmal war die Schüssel leer. „Das hat gut geschmeckt!“ dachte Friederike und trat den Rückweg an.
Aber was war denn das? Kastor sah die gebildete Friederike ganz erstaunt an: die hopste ja kreuz und quer, taumelte bald nach rechts, bald nach links, einmal stieß sie an die Pumpe an, einmal an das Scheunentor, und pardauz lag sie in einer großen Pfütze.
Es dauerte lange, bis Friederike wieder hoch kam. Endlich aber gelang es ihr, sich aufzuraffen, und sie wankte und schwankte nun zum Hoftor hinaus. Bald rechts, bald links an einen Baum oder einen Zaun anstoßend, geriet die Ziege auf ihrer seltsamen Wanderung an des blauen Friedes elterlichen Hof. Die Bäuerin hatte mal wieder gefärbt, und über den Zaun waren nasse Stoffstücke gehängt. Bums! torkelte Friederike daran. Der Stoff war naß und kühl, und der Ziege war es furchtbar heiß. Sie rieb sich also eine Weile an dem nassen Zeug und taumelte dann mit einem großen blitzblauen Fleck auf dem weißen Fell weiter.
Beim Schnipfelbauer lehnte an der Hausmauer ein schön rot und grün gestrichenes Blumenbrett, und die unglückselige Friederike, die gerade nach links schwankte, plumpste an das frisch gestrichene Brett. Nun hatte sie grüne und rote Streifen auf der andern Seite, und was sonst noch von ihrem weißen Fell übrig war, sah schmutzig aus.
Vor dem Schulzenhof stand Jakob mit Heine Peterle, Annchen Amsee und Röse.
„Seht doch mal, was kommt denn da?“ rief Annchen plötzlich.
„Das ist 'ne Ziege,“ brummte Jakob.
„Ja, aber wie sie aussieht!“ schrie Annchen verwundert.
„Die ist ja blau!“ rief Heine Peterle.
„Nein, grün!“ – „Nein, rot!“ schrien Annchen und Jakob, die gerade die andere Seite erblickten.
Mit offenem Munde starrten die Kinder auf das seltsame Tier, das näher gewackelt kam und schauerliche, heisere Töne ausstieß.
„Das ist mir graulich,“ quiekte Röse plötzlich und rannte in das Haus, um die Großmutter herbeizurufen.
Arm in Arm kamen gerade die einstigen Feinde, der blaue Friede und der dicke Friede, die Dorfstraße entlang. Beide blieben verdutzt stehen, als sie die Ziege erblickten. „Das ist ja eine Kasperleziege!“ schrie der dicke Friede erstaunt.
„Ich hol' Schuster Pechdraht, der wird wissen, was das ist,“ sagte Heine Peterle und lief in das Schusterhaus.
Es dauerte nicht lange, so verbreitete sich die Nachricht von dem schrecklichen Tier im ganzen Dorf, und natürlich kamen zu allererst sämtliche Kinder mit großem Geschrei an. Die Ziege lehnte mit verglasten Augen an einem Zaun und meckerte kläglich, und die Kinder standen alle um sie herum. Auf einmal rief Anton Friedlich: „Das ist doch Friederike! Ich kenn' sie doch am Halsband!“
„Friederike?“ schrien die Kinder wie aus einem Munde. „Wirklich, es ist Friederike! Aber Friederike, was hast du denn gemacht?“
„Sie stirbt,“ jammerten Röse und Annchen.
„Ihr wird schlecht,“ murmelte der dicke Friede, und der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz liefen, was sie konnten, um Muhme Lenelis herbeizuholen.
Die alte Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und die hellen Tränen rannen ihr über das gute Gesicht, als sie ihre Ziege in dem Zustand erblickte. „Sie ist krank, sie stirbt!“ schluchzte sie.
„Sie hat sich vergiftet,“ sagte der Schulze mit bedenklicher Miene, „sie sieht ja ganz blau aus.“
„Nein, grün und rot, wie mein Blumenbrett,“ rief die Schnipfelbäuerin. „So was kommt doch nicht vom Vergiften.“
„Aber krank ist sie,“ sagten alle, nur Mine, die Wirtsmagd, sagte plötzlich kichernd. „Ich glaube, sie ist betrunken. Ich habe gesehen, wie sie bei uns Bier gesoffen hat; wie ich dann nachsah, war die Schüssel leer.“
Betrunken? Friederike sollte betrunken sein?
Sprachlos sahen sich alle an, nur Schuster Pechdraht lachte und meinte. „Mine kann schon recht haben!“
Und sie hatte auch recht: die tugendhafte, kluge Friederike hatte sich wirklich betrunken. Sie wurde in den Stall getragen, und Muhme Lenelis legte ihr ein kaltes Tuch auf den Kopf. Und Friederike schlief ein und schlief vierundzwanzig Stunden lang. Immer wieder kamen die Kinder fragen. „Schläft sie noch?“ und immer wieder antwortete dann Muhme Lenelis traurig „Ja, sie schläft noch.“
Anton Friedlich meinte: „Ich glaube, Muhme Lenelis, sie tut nur so, weil sie sich schämt!“
Es war wirklich eine schreckliche Geschichte. In Oberheudorf kannte man glücklicherweise keine betrunkenen Menschen, von einer betrunkenen Ziege aber hatte man noch nie etwas gehört. Jeder war entrüstet über Friederikes Benehmen, und die Kinder hatten allen Respekt verloren. Wenn sie Friederike mit ihren roten, blauen und grünen Flecken, die gar nicht abgehen wollten, sahen, lachten sie sie aus. Darüber kränkte sich Traumfriede sehr, und er sagte immer: „Friederike kann doch nichts dafür! Sie hat doch nicht gewußt, daß Bier so schlimm ist!“
„Aber sie hat genascht,“ sagte Anton Friedlich und dachte dabei an die Butterbirnen.
Das war nun wahr, dafür mußte die arme Friederike jetzt ihre Strafe leiden. Die Kinder aber lachten nicht lange mehr, denn Friederike zeigte bald, daß sie wirklich gebildet war.
An einem Oktobertag nämlich lag der Knecht des Waldbauern auf dem Grasberg am Hause und schlief, statt im Stall nach dem Rechten zu sehen. Der Bauer war fortgegangen, und der Knecht dachte, wie auch oft faule Kinder denken: „Es sieht's ja niemand!“
Oben am Berg suchte Friederike einsam nach Gräsern, als sie den schlafenden Knecht erblickte. Sie kam näher, und plötzlich sprang sie ihm mit einem kühnen Sprung so heftig auf den Leib, daß der Knecht erwachte. „Wart, du abscheuliches Tier!“ rief er empört und wollte die Ziege fangen, aber diese rannte eilig davon. Da der Knecht nun einmal munter war, ging er brummend auf den Hof. Da kam er aber gerade zur rechten Zeit, um ein braunes Tier im Hühnerstall verschwinden zu sehen – es war ein Marder. Heisa, da rannte aber der Knecht, so schnell er konnte, dem gefährlichen Räuber nach und trieb ihn aus dem Hühnerstall heraus. Am nächsten Tag wurde der Marder dann in einer Falle gefangen.
„Potzwetter nochmal,“ sagte der Knecht, „Friederike ist aber wirklich gebildet. Denn warum ist sie mir auf den Leib gesprungen? Doch nur, weil sie den Marder gesehen hatte.“
„Friederike ist wirklich sehr klug,“ sagten auch alle Leute im Dorf. „Das mit dem Bier war eben mal ein dummer Streich, aber sonst ist sie doch anders als andere Ziegen!“
Seitdem hatten die Kinder wieder Respekt vor Friederike, die übrigens nie mehr eine Dummheit gemacht hat.
Das Ständchen.
Daß die Oberheudorfer Buben und Mädel den Herrn Lehrer manchmal weidlich ärgerten und ihm das Leben recht schwer machten, wird jeder glauben, der es hört. Jeder darf es aber auch getrost glauben, daß die Oberheudorfer Kinder ihren Lehrer herzlich lieb hatten, wenn es auch manchmal nicht sehr zu spüren war. Es kann wenigstens niemand denken, daß es Liebe ist, wenn die Buben während der Stunde mit Papierballen schnipsen oder sich unter dem Tische knuffen und puffen, oder wenn die Mädel schwatzen, als wären sie Gänslein, die auf der Weide herumspazieren. Für Liebe läßt es sich auch schwer halten, wenn die Kinder handgroße Kleckse in die Schreibhefte machen und für die Lesestunde ihre Rechenbücher mitbringen oder aus Versehen (so haben sie wenigstens gesagt) ihre Honigbrote verkehrt auf den Stuhl des Herrn Lehrers legen, daß der Honig auf dem Stuhl kleben bleibt und der Lehrer dann auch festklebt. Daß es gerade Liebe war, als Schnipfelbauers Fritz einen Kasten voll Maikäfer mitbrachte, die er in der Geographiestunde fliegen ließ, und Anton Friedlich eine Maus ins Pult steckte, die dem Herrn Lehrer beinahe an die Nase sprang, wird niemand denken. Und ähnliche Liebesbeweise gab es öfter in der Oberheudorfer Schule, und doch liebten die Buben und Mädel ihren Lehrer wirklich aufrichtig. Sagten die Niederheudorfer Kinder: „Unser Lehrer ist gut,“ dann schrien die Oberheudorfer sicher, so laut sie konnten: „Unser Lehrer ist viel, viel besser!“
Der Herr Lehrer selbst war von dieser großen Liebe nicht sehr überzeugt, und als man ihm eines Tages eine Stelle in der Stadt anbot, sagte er, er wolle sich die Sache überlegen. Noch ehe er aber ja oder nein gesagt hatte, erfuhren die Oberheudorfer davon, und die Kinder erschraken heftig. Standen zwei in diesen Tagen zusammen, so sagten sie sicher zueinander: „Glaubst du, daß er geht?“
Es war so gerade um die Frühlingswende. Der Schnee begann Abschied von der Erde zu nehmen, und die Kinder, die im Winter sein Erscheinen mit Jubel begrüßt hatten, klagten: „Wenn er doch erst weg wäre!“
Friede Hopserling, der Müllerknecht, der noch immer Heine Peterles besonderer Freund war, stand auf dem Mühlenhof und strich den Mehlwagen von oben bis unten mit himmelblauer Farbe an. Heine Peterle, Schulzens Jakob und noch etliche andere Buben kamen gerade an der Mühle vorbei, und als sie Friede Hopserling sahen, liefen sie rasch auf ihn zu und begrüßten ihn sehr lebhaft und freudig.
„Hm,“ sagte Friede Hopserling, der nicht gern viel sprach, aber gern Gesellschaft um sich hatte.
„Weißt du schon, Friede, daß der Herr Lehrer weggeht?“ begann Schulzens Jakob die Unterhaltung.
„Nä!“ sagte Friede und schwenkte eine Weile vor Erstaunen seinen Pinsel in der Luft herum. Beinahe wäre er Anton Friedlich damit ins Gesicht gefahren, der flüchtete aber gerade noch zur rechten Zeit.
„Du weißt das nicht?“ rief Heine Peterle überrascht.
„Nä!“ brummte Friede Hopserling und strich weiter.
„Er geht in die Stadt,“ schrien die Buben auf einmal.
„Na so!“ sagte Friede.
„Ja, in die Stadt,“ klagte Heine Peterle. „Er soll doch lieber hierbleiben. Meinste nicht auch, Friede?“
„Nä!“ brummte der.
„Na nu,“ schrien sämtliche Buben überrascht, „warum denn nicht?“
Friede Hopserling grinste höhnisch und fuchtelte mit seinem Pinsel in der Luft herum. „Weil ihr nischt taugt, die Stadtkinder sind besser!“
„Pfui, Friede!“ Ein Schrei der Empörung durchgellte die Luft. „Das ist frech!“ schrie Anton Friedlich und schnappte vor Wut nach Luft wie ein Frosch, der Fliegen fangen will. Die andern echoten: „Ja, das ist frech!“
„Na so!“ sagte der Knecht kaltblütig und strich weiter, auf seinem Gesicht aber lag ein verschmitztes Lachen, daß die Buben merkten, er habe sie nur zum besten gehabt.
„Pfui, Friede, das war schlecht!“ sagte Heine Peterle, schon wieder versöhnt. „Sag doch, womit können wir dem Herrn Lehrer eine Freude machen? Weißt du, wenn er sich sehr freut, bleibt er vielleicht.“
„Aber 's darf nichts kosten,“ rief Schnipfelbauers Fritz vorsichtig. Er besaß nämlich nur fünf Pfennig, und dafür wollte er sich beim Krämer einen Kreisel kaufen.
„Hm,“ machte Friede Hopserling und versank in tiefes Nachdenken. Die Buben standen still und andächtig um ihn herum, denn wenn Friede nachdachte, durfte er nicht gestört werden, er konnte dann fuchswild werden.
„Bringt doch ein Ständchen!“ sagte er nach einer Weile und sah sich stolz im Kreise um.
„'n Ständchen? Was ist denn das?“ riefen alle Buben erstaunt.
„'n Ständchen,“ sprach Friede Hopserling langsam und bedächtig, „das ist, nu das ist eben – hm – das ist – ein Ständchen!“
Verdutzt sahen die Buben einander an. Recht verständlich war ihnen diese Erklärung nicht, und Schnipfelbauers Fritz rief naseweis wie immer: „Aber sag doch nur, was ist ein Ständchen?“
Friede Hopserling sah den Buben strafend an und erhob drohend seinen Pinsel. Da verkroch sich der Naseweis hinter Schulzens Jakob und hielt seinen Mund; wenn Friede ein solches Gesicht machte, war nicht gut Kirschen essen mit ihm.
„Hm, na so, ein Ständchen, hm, da wird Musik gemacht,“ erklärte Friede Hopserling weiter. „Bei den Soldaten, da hab'n wir ein Ständchen gebracht, hm, ich hab' aber nur zugehört, unser Oberst wollte auch abgehen.“
„Ist er dann geblieben?“ riefen drei Buben hoffnungsfreudig.
„Nä,“ sagte Friede Hopserling etwas verwirrt, „hm, nu so, aber fein war's.“
Fein war's! Das Wort machte die Buben noch neugieriger, als sie ohnehin waren. Sie bettelten so lange, bis Friede Hopserling sich stöhnend zu einer näheren Erklärung entschloß. Ja, schließlich versprach er noch, er wolle die Leitung des Ganzen übernehmen. Sehr musikalisch waren die Oberheudorfer Buben gerade nicht, aber Anton Friedlich fragte doch, ob man nicht ein besonderes Stück spielen müsse.
„Nä,“ sagte Friede gelassen, der von Musik so viel verstand wie ein Essenkehrer von der Feinplätterei. „'n Stück ist nicht nötig, nur recht laut muß es sein, und 'ne Trommel und 'ne Trompete gehören dazu, dann wird's fein.“
Schulzens Jakob besaß zwar eine Trommel, aber die hatte schon ein Loch, und die Trompete vom blauen Friede hatte das Mundstück verloren. Woher also die Instrumente nehmen?
Doch Friede Hopserling erwies sich als Retter. Sein Schwager in Niederheudorf besaß eine Trommel, die wollte er borgen, und der Oberheudorfer Küster hatte eine Trompete und ein Waldhorn.
„Das haben wir auch,“ rief Heine Peterle.
„Na so,“ sagte der Knecht, „zwei sind besser als eins! Kasper auf dem Berge hat 'ne Geige, die wird auch geholt, na, und wer nischt hat, der kann pfeifen oder singen.“
„Ich kann singen,“ schrie der blaue Friede und stimmte mit krähender Stimme an: „Heil dir im Siegerkranz!“
Aber Anton Friedlich sagte noch einmal: „Wenn wir ein Stück hätten, wär's doch besser!“
„Nä,“ schrie Friede Hopserling empört, und diesmal schwang er seinen Pinsel so heftig, daß Anton einen großen blauen Fleck auf die linke Backe bekam. „Wenn du's besser wissen willst, denn man los! Was ich weiß, weiß ich; beim Ständchen kommt's nur auf den Lärm an, nu so!“
Da wagte auch Anton keinen Widerspruch mehr und fügte sich in Friede Hopferlings Vorschlag „Sollen die Mädel mittun?“ fragte Schulzens Jakob, der an seine Schwester dachte.
„Nä,“ beschied der Müllersknecht, „Mädel haben bei so was nichts zu tun, die dürfen nur zuhören.“
„Das ist fein,“ lobte Schnipfelbauers Fritz, „wir Buben machen's alleine!“ Und dabei blieb es.
Von diesem Tage an flüsterten und wisperten die Oberheudorfer Buben zusammen, wo sie sich nur trafen. Begegneten sich zwei unversehens, dann rief der eine „traratrara“, und der andere antwortete „bumbum“, denn in Gedanken spielten sie schon die Instrumente, die Friede Hopserling ihnen zuerteilt hatte.
Schuster Pechdraht, der das Bumbum und Traratrara einmal hörte, sagte: „Da wird eine rechte Dummheit zusammengeschustert. Ich seh's den Buben an den Nasenspitzen an, daß sie was vorhaben!“
Es mußte auch jeder merken, daß sie ein Geheimnis hatten. Am allergeheimnisvollsten aber taten die Buben, wenn die Mädel in der Nähe waren. Da wisperten und tuschelten sie, pfiffen, summten und lachten. Sie zwinkerten sich zu und riefen laut und protzig: „Uh je, wird das fein werden!“
Fragte ein Mädelchen, was fein werden würde, dann lachten die Buben noch mehr und riefen alle zusammen: „St! St!“ Das sollte Ständchen heißen, was die Mädel freilich nicht wissen konnten. Natürlich wurden diese ganz gewaltig neugierig, und sie gaben sich die größte Mühe, das sorgsam gehütete Geheimnis herauszubekommen. Doch alles Forschen und Fragen half nichts. Selbst Annchen Amsee, die sonst alles wußte und überall ihre kleine Nase hineinsteckte, konnte nichts erfahren. Sie wurde darüber so böse, daß sie ihren Freundinnen erklärte, sie würde nie wieder mit einem Buben sprechen. Eine halbe Stunde später aber schwatzte sie schon wieder mit Heine Peterle.
Es war an einem Märztage. Da sagte Muhme Lenelis: „Es riecht nach Frühling!“ Sie guckte zu ihrem Fenster heraus und ließ sich behaglich den sanften warmen Wind um die Ohren wehen und dachte an Sommerwärme, Sonnenschein und blühende Gartenbeete. Der Schnipfelbauer dachte an seine neue Scheune, die er bauen lassen wollte; die Hausfrauen sprachen von dem großen Frühjahrsreinemachen; die Mädel überlegten, ob sie Schneeglöckchen suchen sollten, und die Buben – ja, die waren an diesem warmen Märztage auf einmal spurlos verschwunden. Als hätte der Tauwind sie aufgeleckt, wie er es mit den letzten Schneefleckchen getan hatte, so unsichtbar waren sie geworden. Die Dorfstraße, die sonst von ihrem Geschrei widerhallte, war einsam und still, und Schuster Pechdraht schüttelte verwundert den Kopf: „Wo mögen sie nur sein?“
Die Mädel saßen allesamt im Schulzimmer. Sie hatten Handarbeitsstunde bei der Frau Lehrer, die es auf sich genommen hatte, ihnen das Nähen, Stricken und Sticken beizubringen. Sonst tobten um diese Zeit die Buben draußen gewaltig um das Schulhaus herum, und ihr lustiges Spiel entlockte den armen Mädeln manch tiefen Seufzer. Bäckermeisters Mariele, die ohnehin mit Nadel, Zwirn und Fingerhut auf Kriegsfuß stand, machte dann stets ellenlange Stiche, ihr riß der Faden, oder sie schnitt unversehens ein Loch in ihre Arbeit. Trotzdem heute nun kein Bube draußen lärmte, hatte Mariele doch wieder Pech mit ihrer Arbeit gehabt, sie hatte das Hemd, das sie nähte, unten zusammengenäht statt an der Seite, und die Frau Lehrer hielt ihr gerade eine Strafrede, als ein seltsam dumpfes, verworrenes Geräusch in das Schulzimmer hineindrang.
Alle horchten auf.
Die Mädel rückten ängstlich zusammen, und die Frau Lehrer machte ein nachdenkliches Gesicht. „Klingt das nicht wie Feuerlärm?“ fragte sie plötzlich.
Ein wahres Zetergeschrei erhob sich. „Feuer, Feuer!“ quietschten die Mädel, und einige kletterten gleich auf die Tische, als käme das Feuer schon zur Türe hereinspaziert und sagte guten Tag. Der Lärm hielt an, und die Frau Lehrer dachte voll Angst an ihre beiden kleinen Kinder, die sie unter der Obhut eines Dienstmädchens zurückgelassen hatte. „Wir wollen aufhören,“ rief sie rasch. Im Nu waren alle Arbeiten in die Beutel versenkt, und die Mädel liefen schreiend auf die Straße: „Es brennt, es brennt!“
Die Erwachsenen hatten auch das Getöse gehört, und einer fragte den andern: „Wo brennt es denn?“
Der Schulze ließ eilfertig das Spritzenhaus aufschließen und rief: „Sagt nur, wo's raucht!“
Rauchen tat es aber eigentlich überall, es war gerade Zeit, den Nachmittagskaffee zu kochen, und so stieg beinahe aus jedem Schornstein lustig ein blaues Rauchwölkchen in die Luft.
„Wo brennt's denn nur?“ schrie der Schulze aufgeregt. Da kam der Nachtwächter, der Feuerlärm blasen mußte, an und sagte ruhig: „'s brennt nirgends, und überhaupt hat Friede Hopserling mein Horn geholt, ich kann nicht blasen!“
„Dummkopf!“ schrie der Schulze. „Aber sagt doch, woher kommt der Lärm?“
Alle lauschten. Immer fürchterlicher wurde das Getöse, aber wo es herkam, konnte niemand recht sagen, denn der Wind blies die Töne bald hierhin, bald dorthin.
„Ich denk', das ist gar Krieg, uh je, und nun ist mein Horn weg!“ schrie der Nachtwächter Hans Rumps, der nicht gerade zu den klügsten Leuten gehörte, ratlos.
„Unsinn,“ rief der Schulze, „das sind Zigeuner!“
„Ja, sicher sind's Zigeuner,“ meinten alle und blieben stehen, um die Ankömmlinge zu erwarten. Aber niemand ließ sich blicken, die Hunde heulten, und das Getöse hielt an.
„Ich weiß, wo's lärmt,“ schrie Annchen Amsee plötzlich, die atemlos angelaufen kam und ihre Schürze wie eine Siegesfahne schwenkte. „In des Müllers Scheune ist's, man hört es von draußen.“
Die Scheune des Müllers lag am Eingang des Dorfes; sie war alt und baufällig und sollte bald abgerissen werden. Dach und Gemäuer hatten so viele Löcher wie ein Schweizerkäse, sie wurde darum auch nicht benutzt. Je näher die Dorfbewohner der Scheune kamen, desto lauter wurde das Getöse. Zuletzt meinten alle, einen so erschrecklichen Lärm hätten sie noch nie gehört.
„Das sind gewiß Zigeuner,“ schrie der Schulze wütend, Hans Rumps, der Nachtwächter, aber seufzte: „Feinde sind's, nu gibt's Krieg!“ Und weil er nicht die geringste Sehnsucht nach diesen Feinden hatte, blieb er vorsichtig etwas zurück, um ja so schnell wie möglich ausreißen zu können.
Der Schulze aber war nicht so zaghaft. Tapfer schritt er auf die Scheune zu und riß so heftig die Türe auf, daß diese gleich aus den Angeln fiel und beinahe auf den Schulzen gefallen wäre.
„Bumbum, traratrara, dudeldududldi, dudeldudeldei!“ so tönte es den Eintretenden entgegen, die ganz verdutzt stehen blieben.
Auf einer Tonne inmitten der Scheune stand Friede Hopserling und fuchtelte mit einem Stock so wild in der Luft herum, als säße er mitten in einem Schwarm Wespen, die ihn alle stechen wollten. Um Friede herum aber standen die Oberheudorfer Buben und trompeteten, geigten, trommelten und sangen, was sie nur konnten, und es war ein solches Getöse, als sollten die Scheunenmauern umgeblasen werden wie einst die Mauern von Jericho.
„Alle Wetter, was ist das?“ schrie der Schulze.
Doch niemand hörte ihn. Die andern Dorfbewohner kamen ihrem Schulzen in die Scheune nach, und alle starrten verblüfft auf die eifrigen Musikanten. Die drehten dem Eingange den Rücken zu und sahen die unerwarteten Zuschauer nicht, nur Friede Hopserling erblickte plötzlich den Schulzen und die andern Leute.
Als sähe er Gespenster, so starrte er sie eine Weile an, dann sprang er plötzlich mit einem kühnen Satz von seiner Tonne herunter und – bumbum, gab es einen fürchterlichen Krach. Es tönte dumpf und schauerlich, und sämtliche Buben brachen in ein wildes Angstgeheul aus und flüchteten sich in die Ecken.
Die Dorfleute aber sahen voll Entsetzen zwei in blauen Hosen steckende Beine in der Luft herumzappeln – Friede Hopserling war in die große Trommel gefallen.
Das Trommelfell war geplatzt, und der arme Friede steckte in der Trommel wie eine Maus in der Falle. Zwei Bauern zogen ihn heraus, weil er aber so heftig auf den Kopf gefallen war, dauerte es eine ganze Weile, ehe er auf alle Fragen, die man an ihn richtete, antworten konnte. Er stöhnte nur immer: „Das verflixte Ständchen!“
Niedergeschlagen kamen die Buben aus ihren Ecken heraus und umstanden mit kläglichen Mienen ihren Kapellmeister. Streng fragte der Schulze nach der Ursache der sonderbaren Musik, und der Lehrer, der auch herbeigekommen war, schüttelte erst ernsthaft den Kopf. „Ihr seid doch heillose Buben!“ sagte er seufzend.
Da faßte sich Schnipfelbauers Fritz ein Herz und erzählte die ganze Geschichte, und als er fertig war, rief Friede Hopserling: „Fein wär's schon geworden, 's klang zu scheene!“
Der Lehrer fing auf einmal an zu lachen, er lachte so herzlich, wie ihn seine Buben noch niemals hatten lachen sehen, und sie hielten es für das vergnüglichste mitzulachen. Auch der Schulze lachte und alle andern Leute; selbst der Gedanke an die zerstörte Trommel konnte die Heiterkeit nicht trüben. Die Buben nahmen ihre Instrumente, einige schleppten die Trommel, und so zogen alle in das Dorf zurück.
Hans Rumpf, der draußen gewartet hatte, schrie, als er die Geschichte erfuhr, hurra! und sagte nachher: „Wenn es doch Feinde gewesen wären, so hätte ich sie alle allein verjagt, ganz gewiß, das hätte ich getan!“ Es glaubte ihm aber leider niemand.
Der Herr Lehrer ging nach Hause und erzählte seiner Frau die Geschichte, und die Frau Lehrer lachte und sagte: „Gut sind sie halt doch die Buben, wenn's auch manchmal verkehrt herauskommt!“
„Ja, gut sind sie halt doch,“ murmelte der Herr Lehrer und ging in sein Arbeitszimmer. Da brannte schon die Lampe auf dem Schreibtisch, aber draußen war es noch ziemlich hell. Sinnend sah der Herr Lehrer in die Dämmerung hinaus; er konnte noch wie eine dunkle Wand den Wald sehen, und darüber stand blaß und licht der Himmel. Frei und schön war der Blick von dem Fenster aus, und der Herr Lehrer dachte plötzlich an die hohen, grauen Häuser der Stadt. Wie gut gefiel es ihm doch eigentlich in Oberheudorf, alles darin – auch die Kinder! Plötzlich mußte der Herr Lehrer lachen, so herzlich wie in der Scheune, und diesmal lachte er über sich selbst. Er wußte es mit einem Male, die Kinder gefielen ihm am allerbesten. „Sie sind halt gut, wenn's auch mal verkehrt rauskommt,“ sagte er wie seine Frau. Er stand auf und ging zu dieser, und dann sprachen beide ernst und fröhlich zusammen und sagten zuletzt: „So soll es sein!“ –
Als der Herr Lehrer am andern Morgen die Schule betrat, staunten die Kinder ihn alle an. Er machte ein so frohes Gesicht, als hätte er sich flugs etwas mit dem blanken Sonnenschein eingerieben, der ganz Oberheudorf überstrahlte. Der Herr Lehrer klappte auch nicht wie sonst sein Buch auf und sagte: „Wir wollen beginnen!“ sondern stellte sich vor die Kinder hin und sah sie prüfend an. „Kinder,“ fragte er, „seid ihr wirklich traurig, wenn ich fortgehe?“
Da blieben alle stumm, und all die blonden und schwarzen Kinderköpfe senkten sich traurig.
Das Gesicht des Lehrers wurde noch fröhlicher, und er fragte weiter: „Kinder, soll ich lieber bei euch bleiben? Wollt ihr mich behalten?“
Im Nu hoben sich alle Köpfe empor, blaue und braune Augen blitzten, und in hellem Jubel erklang es: „Ach ja!“
„Nun gut, dann will ich bleiben,“ sagte der Herr Lehrer. „Aus eurem Ständchen, Buben, ist zwar nichts geworden, es hat mir aber doch gezeigt, daß ihr mich lieb habt, darum will ich bleiben. Seid ihr zufrieden?“
„Ja, ja,“ jauchzten die Kinder, und am allerlautesten schrien die Buben, sie kamen sich ungeheuer wichtig vor. Sie redeten dann vier Wochen lang nur von dem Ständchen, und daß es wundervoll geworden wäre, – wenn es nur stattgefunden hätte.
Die Bauern zahlten die zerrissene Trommel, und der Herr Lehrer blieb zur allgemeinen Freude in Oberheudorf. Er ist noch da und wird wohl auch dableiben, und die Oberheudorfer Buben und Mädel lieben ihn sehr. Dummheiten machen sie freilich trotzdem, ja, und – faul sind sie mitunter auch, und der Herr Lehrer muß trotz aller Liebe oft genug schelten. Hinterher aber, wenn der Ärger vorbei ist, denkt er dann wohl an das Ständchen und sagt lächelnd: „Gut sind sie halt doch, wenn's auch mal verkehrt herauskommt!“